Karl-Michael Vitt, Komponist, zu moderner Kompostion, IOCO Interview, 24.10.2020

Oktober 24, 2020 by  
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Karl-Michael Vitt, Komponist, am Clavichord © KM Vitt

Karl-Michael Vitt, Komponist, am Clavichord © KM Vitt

kmvitt.de

Karl-Michael Vitt, Komponist über polyphone Formen moderner Musik – im Gespräch mit Viktor E. Jarosch, IOCO

Kanonische – polyphone Klaviermusik der Moderne – Ein Auslaufmodell ?

Den Autor beschäftigte die Frage, ob oder wie es in der heutigen Zeit noch angesagt ist, E-Musik für Klavier in kanonischen, also polyphonen Formen zu komponieren. Heutige populäre Klavierkompositionen besitzen nur selten polyphonen Charakter. Moderne, wenig polyphone Klavierkompositionen werfen so die Frage auf, ob klassische Kompositionen wie sie z.B. von Johann Sebastian Bach aus dem Wohltemperierten Klavier bekannt sind, auch heute noch neu erschaffen werden. Oder sind solche klassische polyphone Kompositionen geliebter “Schnee von gestern”?  Wie sieht das moderne Pendant zu den klassischen Kompositionen aus?

Karl-Michael Vitt, Komponist zahlreicher Klavierwerke und dem Autor bekannt, hatte jüngst bei YouTube seine Komposition Invention in a-Moll veröffentlicht. Auf seiner Webseite kmvitt.de finden sich neben Fugen Klavierstücke, die immer polyphone Elemente in sich tragen. K.-M. Vitt hat in letzter Zeit verschiedene seiner auch bereits in Konzerten vorgetragene Klavierkompositionen in der Corona-Zeit aufgearbeitet und veröffentlicht. Kompositionen für vierstimmigen Chor werden in Kürze veröffentlicht. Grund genug für uns, mit Karl-Michael Vitt über seinen Werdegang, über moderne E-Musik, über moderne polyphone Kompositionen zu sprechen.

Karl-Michael Vitt – Metamorphose
youtube Trailer Karl-Michael Vitt
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Viktor E. Jarosch (VJ) : Lieber Herr Vitt: bevor wir das Thema polyphone Klaviermusik behandeln, lassen Sie uns wissen, wie Sie zur Musik gekommen sind.

Karl-Michael Vitt (KMV): Ich wuchs in einer Familie auf, deren fünf Kinder alle Klavier spielten. Mit sechs Jahren erhielt ich ersten Klavierunterricht,. Im Schulorchester spielte ich die Pauke und sang im Schulchor. Ich war also immer mit Musik umgeben. Als 10jähriges Kind schenkte ich meinem Vater eine kleine Komposition zu Weihnachten, was ihn zu Tränen rührte. Er selber hatte nie die Möglichkeit, ein Instrument zu spielen.

VJ:  Wie ging es dann weiter?

KMV:  Mit Harmonien lernte ich umzugehen in einer Rockband, die ich mit Freunden gründete. Nach Gehör spielten wir die Hits der Beatles, Beach Boys, Simon and Garfunkel und vielen anderen nach und traten in Jugendclubs auf. Im Klavierunterricht vermisste ich aber, dass mir zu wenig erklärt wurde, wie ich die Tonsprache erlernen konnte.

VJ:  Wird denn Tonsprache heute überhaupt jenen vermittelt, die ein Instrument erlernen?

KMV: : Tonsprache wird im heutigen Musikunterricht meist nur am Rande gelehrt. Bei einer Stunde Unterricht in der Woche ist kaum Zeit Tonsatz, Harmonielehre, Gehörbildung, Solfeggio und Musikgeschichte zu lehren. Schüler*innen werden befähigt die schwarzen Punkte richtig abzuspielen. Man lernt gewissermaßen das kyrillische Alphabet und kann die Gedichte von Puschkin lesen, versteht aber kein Wort. Bis ins 19. Jhd. bestand aber der Instrumentalunterricht darin, Meister zu imitieren und sich selber in der Sprache auszuprobieren. Beethoven war in jungen Jahren hauptsächlich durch seine Improvisationen gefeiert. Heute ist bei Kindern der Wunsch nicht besonders groß, dies zu erlernen. Durch die schulische Herausforderungen haben sie zu wenig Zeit zum Spielen. Sie sind oft zufrieden, wenn sie schöne Stücke spielen. Das ist auch gut so.

VJ:  Es heißt ja auch Klavier, ein Instrument spielen und nicht, Klavier arbeiten!

KMV: Richtig. Im Schulunterricht wird im Fach Musik viel erklärt. Aber am Gelernten „zu wachsen“, es sich zu eigen zu machen, findet nur selten statt. Bei einem Cellowettbewerb wurde kürzlich den Teilnehmern das Lied „Kommt ein Vogel geflogen“ vorgelegt. Das Stück sollte anschließend von den Teilnehmern in einer anderen Tonart nachgespielt werden. Alle scheiterten! Bei einer Meisterklasse mit András Schiff erlebte ich, dass András Schiff einen Studenten fragte, ob er in einer Sonate von Beethoven den harmonischen Gang einiger Takte erklären könne. Er konnte es nicht! András Schiff zeigte zwar Verständis für den Studenten, betonte aber, dass dies wichtiger sei, als nur die Noten zu kennen und zu spielen.
In der Barockzeit gehörte es zur Kunst, bei Stücken etwas wegzulassen oder hinzuzufügen. Es ist auch selten geworden, dass Pianist*innen bei Klavierkonzerten die Kadenzen selber gestalten. Die Pianistin Gabriela Montero ist eine Ausnahme. Sie zeigt in ihren Improvisationen, dass die „alte“ Kunst noch nicht verloren ist. Auch Martin Stadtfelds CD Hommage to Bach (Video folgend) mit 12 eigenen Stücken ist erwähnenswert, wie all diejenigen, die wir halt nicht kennen, die sich aber in vielen Stunden in dieser Kunst üben. Das gibt Hoffnung.

Martin Stadtfeld – Hommage to Bach
youtube Trailer OPUS
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VJ: Kenntnis der Harmonik von Musik und Kontrapunkt und die damit verbundene Improvisation ist also eher die Ausnahme unter Musikstudent*innen aber nicht die Regel?

KMV: Sicher nicht. Wenn man Chemie studiert, muss man z.B. seinen Matheschein machen. So müssen die Student*innen, die ein Instrument an der Hochschule studieren, den Schein in Harmonielehre erwerben. Das wird abgearbeitet. Wenn man 4 Stunden täglich am Instrument die Stücke für den Unterricht übt, fehlt vielleicht die Kraft nochmals eine gewisse Zeit mit Improvisation zu verbringen. Improvisation, Kenntnis der Harmonik gehört jenen, die Jazz studiert oder für die Organist*innen zum täglichen Brot. Sie erlernen dies auch an der Hochschule. So bin auch ich schließlich an der Orgel, der Königin der Instrumente, gelandet. In Frankreich gehört zum Orgelstudium auch das Lernen von Kontrapunkt und Fuge – im Gegensatz zu deutschen Hochschulen.

VJ:  Ihre Webseite kmvitt.de enthält viele Klavierstücke, insbesondere auch polyphone Stücke. Wie sind Sie dazu gekommen.

KMV:  Ich wollte unbedingt lernen, welchen Gesetzmäßigkeiten die Polyphonie folgt. Eine Kunstform, die vor dem Barock ihre Blütezeit hatte. J.S. Bach hat diese Kunst dann auf ein harmonisches Fundament gesetzt. Bei großen Komponisten sieht man, dass sie in ihren späten Schaffensperioden sich der Polyphonie zugewandt haben. Nehmen Sie als Beispiel Beethovens Spätwerk. Ich habe mir später im Leben gute Lehrer gesucht und sie in Moskau gefunden. Prof. Elena Wjaskowa, Professorin für Polyphonie an der Staatlichen Gnesin Akademie der Musik in Moskau, gab mir die meisten Impulse.  Elena Wjaskowa ist weltweit eine sehr geachtete Bachforscherin. Neben vielen Büchern  veröffentlichte sie 2005 ein Buch über „Die Kunst der Fuge“ von J.S.Bach.
So sind dann nach und nach die Werke, die Sie auf meiner Webseite kmvitt.de finden, entstanden. Die Noten können Sie auf der Seite käuflich erwerben.

VJ:  Haben Sie auch Kompositionen für Vokalmusik geschrieben?

KMV:  Ja, komponiert sind sie bereits. Zu einem späteren Zeitpunkt die Stücke für vierstimmigen Chor a capella und mit unterschiedlichen kleinen Besetzungen veröffentlichen.

VJ:  Doch zurück zu unserem Ausgangsthema: Wie sehen Sie die polyphone Klaviermusik in der Moderne, in der Jetztzeit:

KMV: : Robert Schumann hat einmal gesagt, dass das Wohltemperierte Klavier von J.S.Bach zum täglichen Brot eines Musikers gehören sollte. Es ist überliefert, dass der legendäre Cellist Pablo Casals jeden Tag Stücke aus dem Wohltemperierten Klavier gespielt hat. Auch András Schiff erzählte dies einmal von sich. Vermutlich beginnen viele Menschen so den Tag.. Ich hoffe nur, dass Instrumentalisten sich auch anregen lassen, einmal ein Präludium oder Fuge zu imitieren und dann sich an einem eigenen Stück auszuprobieren. Als Beispiel können zwei Stücke von zwei  Söhnen von J.S.Bach dienen. Wilhelm Friedemann Bach und Johann Christoph Bach schufen jeweils ein Präludium im Stile des ersten Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier Bd.1.

Aus der jüngeren Vergangenheit: nehmen Sie die bekannten Stücke in der Popmusik von Jethro Tull, Oscar Petersons wie Hymn to Freedom oder die Beatles mit Penny Lane und den Trompeten, die wir aus den Oratorien von Bach kennen, oder Yesterday mit dem klassischen Streichquartett. In all diesen Stücken atmet die Polyphonie und der Geist des Barock und der Klassik. 

Im letzten Jahr beendete Philippe Lefebvre, Organist an der Kathedrale Notre-Dame de Paris ein Konzert mit  einer Improvisation über ein Thema mit einer Fuge. Das alles zeigt, dass die Kunst der Polyphonie weiterhin lebt, praktiziert wird. Musiker könnten zur Wiederbelebung dadurch beitragen, indem sie ein altes Spiel wiederbeleben, indem sie sich zu feierlichen Anlässen Rätselkanons schenken.

Viktor Jarosch:  Lieber Herr Vitt, auch in Namen unserer großen IOCO Kultur Community darf ich für dies Gespräch danken.

—| IOCO Interview |—

Nationaltheater-Orchester Mannheim – Turangalila-Symphonie von Olivier Messiaen, IOCO CD-Rezension, 20.10.2020

OEHMS Classics OC 472 / Turangalia-Sinfonie gespielt vom Nationaltheater-Orchester Mannheim © OEHMS Classics

OEHMS Classics OC 472 / Turangalia-Sinfonie mit dem Nationaltheater-Orchester Mannheim © OEHMS Classics

Nationaltheater-Orchester Mannheim  –  Turangalila-Symphonie – Olivier Messiaen

 CD  OehmsClassics OC 472

 von Uschi Reifenberg

Der französische Komponist Olivier Messiaen, 1908 Avignon – 1992 Clichy ebi Paris, Frankreich, war eine der faszinierendsten und schillerndsten Musikerpersönlichkeiten des 20.Jahrhunderts und hat zweifellos die Neue Musik nach 1945 ganz entscheidend mitgeprägt. Er war nicht nur Orgelvirtuose, musiktheoretischer Erneuerer, Klangfarbenmystiker, Synästhet und ein begnadeter Kompositionslehrer. Messiaen widmete sich auch mit Passion dem Studium der Natur und der Vögel, deren unterschiedliche Gesänge er detailliert analysierte, aufschrieb und in seine Kompositionen integrierte. Seine Inspiration bezog er unter anderem aus fernöstlichen Kulturen, indischen Rhythmen, dem Studium der Sterne und vor allem aus seinem tief im Katholizismus verwurzelten Glauben: „Es ist unbestreitbar, dass ich in den Wahrheiten des katholischen Glaubens diese Verführung durch das Wunderbare hundertfach, tausendfach multipliziert wiedergefunden habe, und es handelte sich nicht mehr um eine theatralische Fiktion, sondern um etwas Wahres“, so Messiaen.

In seiner Turangalîla-Sinfonie, eine der monumentalsten und anspruchsvollsten Tonschöpfungen der europäischen Nachkriegszeit, sind diese vielgestaltigen und zum Teil widersprüchlichen Themen in einzigartiger Weise verarbeitet. Sie bildet in ihrer Komplexität, den 10 Sätzen und den rund 80 Minuten Spieldauer nicht nur für die ca 100 ausführenden Musiker, sondern auch für die Zuhörer eine ganz besondere Herausforderung.

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim unter der Leitung von GMD Alexander Soddy hat nun mit einer CD Live Einspielung der Turangalîla-Sinfonie vom November 2019 im Mannheimer Rosengarten, in der Vor- Coronazeit, als die Konzert- und Opernwelt noch weitestgehend in Ordnung war, für Oehms-Classics diese Herausforderung mit Bravour bestanden und eine eindrucksvolle Interpretation geliefert.

Nationaltheater-Orchester Mannheim hier mit Alexander Soddy © Christian Kleiner

Nationaltheater-Orchester Mannheim hier mit Alexander Soddy © Christian Kleiner

In diesem 2. Akademiekonzert stand ein Herzensprojekt von GMD Alexander Soddy auf dem Programm – die Turangalîla-Symphonie von Messiaen. Über hundert Musiker bringen das monumentale Werk zur Aufführung; Teil dieser großen Besetzung sind unter anderem elf Schlagwerker, ein Flügel und Ondes Martenot.

Das Wort Turangalîla stammt aus dem Sanskrit und umfasst zwei Begriffe, deren weit gefächerte Bedeutungsebenen auf die vielfältige Ausdruckswelt des Werkes verweisen. Turanga bezeichnet die verrinnende Zeit, die davoneilt, sie ist Rhythmus und gleichzeitig Bewegung. Lîla bedeutet Spiel, sowohl das Spiel der Schöpfung als auch der Zerstörung, das Eingreifen der göttlichen Macht in das kosmische Geschehen. Lîla bedeutet aber auch die Liebe in ihrer leidenschaftlichen, sinnlichen und geistigen Ausprägung. „… Turangalîla schließt somit gleichzeitig die Bedeutungen Liebesgesang, Freudenhymne, Zeit, Bewegung, Rhythmus, Leben und Tod ein“, so  Messiaen.

Diese allumfassende Liebe ist Teil von Messiaens persönlicher Auseinandersetzung mit dem Tristan Mythos, jenem mittelalterlichen Epos über die grenzensprengende Liebe von Tristan und Isolde, der nicht nur Richard Wagner in seinem Musikdrama ein Denkmal setzte. Die Turangalîla-Sinfonie bildet das Mittelstück von Messiaens Tristan-Trilogie und thematisiert in ihrer Satzfolge die Entwicklung der Liebeszustände vom zarten Liebeslied über die kontemplative Seelenruhe im Liebesgarten bis hin zum ekstatisch-dionysischen Freudentaumel des Finalsatzes.

Messiaen komponierte seine einzige Sinfonie kurz nach Ende des 2. Weltkriegs in den Jahren 1946 bis 1948, und setzte nach den eigenen Erfahrungen als Kriegsgefangener in seiner Komposition mit der Verherrlichung der Liebe und der Freude einen Kontrapunkt zum Leid des Krieges: „Die Turangalila-Sinfonie ist eine Hymne an die Freude, […] jene Freude, wie sie nur der ermessen kann, dem in tiefem Elend Ahnung von ihr zuteil geworden ist“, Messiaen.

Als Auftragswerk des Dirigenten Sergej Koussevitzky für das Boston Symphonie Orchestra wurde die Turangalîla-Sinfonie 1949 von Leonard Bernstein uraufgeführt und gilt mittlerweile als einer der populärsten Klassiker der Sinfonik in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Christian Kleiner

Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Christian Kleiner

So exotisch, monumental und ausgefallen wie die inhaltliche Ausrichtung, ist auch die Orchesterbesetzung, die Messiaen vorschreibt. Der Streichersatz ist auf 70 Streichinstrumente erweitert, die teilweise solistisch aufgeteilt sind, dazu kommt ausgedehntes opulentes Schlagwerk, das allein 10 Spieler fordert. Hinzugefügt ist ein kleines Gamelan Ensemble, das mit Celesta, Glockenspiel und Vibraphon nach indonesischem Vorbild besetzt ist.

Dem Soloklavier kommt eine zentrale Bedeutung zu. Der Klavierpart ist extrem virtuos, oft perkussiv eingesetzt und erinnert mit seinen ausgedehnten und schwierigen Kadenzen an ein Klavierkonzert, es übernimmt aber auch die für Messiaen stets bedeutsamen Vogelstimmen. Als besonderes Highlight kann man die selten zu hörenden Ondes Martenot (musikalische Wellen) erleben, ein früher Vorläufer des Synthesizer. Dieses in den 1920-er Jahren entwickelte und von Messiaen sehr geschätzte einstimmige elektronische Musikinstrument erzeugt irisierende, sphärische Klänge, Glissando und Vibrato.

Alexander Soddy,dem Nationaltheater-Orchester Mannheim,sowie den Solisten Tamara Stefanovich am Klavier und Thomas Bloch an den Ondes Martenot gelingt es in beeindruckender Weise, das ganze Klanguniversum der Messiaenschen Partitur zutage zu fördern mit ihrer Polystilistik, den übereinander gelagerten Rhythmen, dem Klangfarbenrausch und der sinnlich-süßlichen Melodienseligkeit. Das Spannungsverhältnis von „Zartheit und Heftigkeit, Liebe und Ungestüm“ (Messiaen), sowie Transparenz und Wucht der Klangmassen werden von Alexander Soddy – vor allem im Aufbau der großen Architektur – detailliert ausgelotet und perfekt ausbalanciert.

Das Ondes Martenot - hier Thomas Bloch am Ondes Martenot © Musikalische Akademie

Das Ondes Martenot – hier Thomas Bloch am Ondes Martenot © Musikalische Akademie

Der Zuhörer wird in eine Klangwelt hineingezogen, welche „die Begrenzungen der Zeit und ihre Allgegenwart spürbar“werden lassen will, in der die gewohnten Ordnungsprinzipien außer Kraft gesetzt sind und wo „übernatürliche Mysterien“ neue Erfahrungshorizonte erschließen. Da werden Klangblöcke aufeinander geschichtet und Strukturen gemeißelt, vertrackte Rhythmen in aberwitzigen Tempi gegeneinander gestellt, Schmerz und Tod werden durch unerbittliche Tam-Tam Schläge zur tragischen Gewissheit. In impressionistisch grundierte Klangflächen tröpfeln kristalline, zarte Klavierfiguren. Die Ondes Martenot mit ihren oszillierenden Effekten fügen dem Gesamtklang eine exotische Qualität hinzu, die betörende und zugleich verstörende Wirkung hat. Immer wieder hört man Vogelstimmen oder jazzige Themen, die an Gershwin erinnern. Derbe Tanzrhythmen peitschen in furioser Manier dazwischen, Stillstand und Versunkenheit wechseln sich ab mit einem dionysisch-stampfenden Gestus à la Sacre du printemps von Strawinsky. Ein Spiel der Farben und Formen in grellen Wechseln und überraschenden Wendungen, von Soddy und den hervorragenden Solisten und Musiker*innen des Nationaltheater Orchesters glänzend zum Ausdruck gebracht.

Aber auch traditionelle Formaspekte sind konstituierender Bestandteil dieser Komposition wie beispielsweise vier Leitmotive, die das ganze Werk durchziehen. Gleich in der Einleitung (Introduction) werden zwei Themen vorgestellt, zuerst das mächtige „Statuen-Thema“, hier von Posaunen und Tuba mit eherner Wucht in den Raum gestellt, dann das Blumenthema, von den Klarinetten sensibel und anmutig kontrastiert. Das Klavier besticht mit einer hochvirtuosen Kadenz, die Schlaginstrumente des Gamelan Ensembles sorgen für exotische Klangfarben. Später hinzu kommen das choralartige „Liebesthema“ und das in vielfachen und harmonisch wechselnden Schattierungen erscheinende „Akkordthema“.

Wunderbar atmosphärisch gelingen vor allem auch die ruhigen Passagen in den „Liebesgesängen“ l und ll („Chant d‘amour l und ll“), mit zart nuancierten Englischhorn- und Oboenphrasen und samtweichen Streicherteppichen. Man wird in den geheimnisvoll – romantischen „Garten der Liebe“ (Jardin du sommeil d‘amour,) geführt, in dem die Liebenden in die überirdisch schönen Gesänge der Ondes Martenot eintauchen, und umgeben von Vogelstimmen weltentrückt im Dämmerschlaf verweilen, „…wecken wir sie nicht“, so Olivier Messiaen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Graz, Musikverein für Steiermark, FESTKONZERT mit Elina Garanca, 08.11.2020

Oktober 14, 2020 by  
Filed under Konzert, Musikverein Graz, Pressemeldung

Musikverein Graz

Musikverein Graz / Stephaniensaal © Robert Illemann

Musikverein Graz / Stephaniensaal © Robert Illemann

Ehrenmitglied Elina Garanca gastiert am 8.11.2020 wieder im Musikverein und aufgrund der großen Nachfrage wird sie zwei Konzerte geben: 17:00 Uhr UND 20:00 Uhr!

FESTKONZERT
So 08.11.2020

UHRZEIT: 17:00 Uhr | 20:00 Uhr
ORT: Stefaniensaal

ELiNA GARANCA Mezzosopran | Ehrenmitglied des Musikvereins
MALCOLM MARTINEAU Klavier

Lieder von Sergej Rachmaninow und Richard Strauss
Spanische Lieder und Zarzuelas (Auszüge)

Musikverein Steiermark / Elina Garanca © Gregor Hohenberg /DG

Musikverein Steiermark / Elina Garanca © Gregor Hohenberg /DG

„Manchmal bedarf es nicht mehr als einer Stimme und eines Klaviers. Der Liederabend führt Sie von Osten nach Westen, durch dunkle Töne Rachmaninows, luminöse Harmonien von Strauss und sonnengefüllte spanische Lieder. Zusammen mit Malcolm Martineau laden wir Sie herzlich ein, uns auf dieser spektakulären Reise zu begleiten.“ (Elina Garanca) [Von Elina Garanca wurden verschiedene Aufnahmen bei der deutschen Grammophon veröffentlicht.]

Sie ist zweifellos einer der strahlendsten Sterne am Musikfirmament: Elina Garanca kehrt auch heuer gemeinsam mit dem Pianisten Malcolm Martineau in den Grazer Musikverein zurück, zu dessen Ehrenmitgliedern sich die lettische Mezzosopranistin mittlerweile zählen darf. „Von Osten nach Westen“ führt uns dabei die musikalische Reise, zu welcher die Ausnahmesängerin das Grazer Publikum bei diesem Gastspiel einlädt. „Durch dunkle Töne Rachmaninows, luminöse Harmonien von Strauss und sonnengefüllte spanische Lieder“ leitet uns das Duo des Liederabends, der sicherlich zu den großen Höhepunkten der Spielzeit 2020/21 zählt. Wie die Sängerin es selbst formuliert: „Manchmal bedarf es nicht mehr als einer Stimme und eines Klaviers“ und so zeigen die beiden Interpreten an diesem Abend, dass sie es auch mit kleinem Instrumentarium schaffen, den Stefaniensaal zu erfüllen!

Trailer Musikverein Steiermark
youtube Trailer Musikverein Steiermark
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Kartenverkauf für das Festkonzert ELINA GARANCA ab sofort
Aufgrund der großen Nachfrage wird Elina Garanca ein zweites Konzert geben: 17:00 Uhr UND 20:00 Uhr.
Bereits gekaufte Karten bekommen Sie neu zu geschickt. Reservierungen bleiben aufrecht und können ebenfalls ab sofort abgeholt werden.

—| Pressemeldung Musikverein Graz |—

Ulrike Theresia Wegele – Organistin von Weltruf – im Gespräch, IOCO Interview, 11.06.2020

Juni 11, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Interview, Konzert, Portraits

Ulrike Theresia Wegele, berühmte Organistin in Wien @ Peters

Ulrike Theresia Wegele, berühmte Organistin in Wien @ Peters

Prof. Ulrike Theresia Wegele – Organistin von  Weltruf

Im Gespräch mit Dr. Albrecht Schneider, IOCO

Lebensweg: Geboren in Weingarten / Württemberg. Studium der katholischen Kirchenmusik an der Musikhochschule Stuttgart bei Prof. Dr. Ludger Lohmann. Aufbaustudium an der Musikuniversität Wien bei Prof. Michael Radulescu. Diplome (A-Examen für Kirchenmusik und Konzertfachdiplom mit Auszeichnung.  Verleihung des Titels ‚Magister artium‘. Live-Mitschnitte und Rundfunkproduktionen für viele europäische und internationale Rundfunk-anstalten, CD-Aufnahmen und Fernsehproduktionen. Regelmäßiger Gast bei vielen bedeutenden Orgelfestivals in ganz Europa, den USA und Mexiko.

1991-1999 Dozentin an der Musikhochschule in Graz, 1999 Berufung als Professorin für Orgel an die Universität für Musik nach Graz (Institut Oberschützen). Seit 1992 auch Professorin für Orgel am Joseph-Haydn-Konservatorium in Eisenstadt.

2000-2010 Musikbeirätin für das Burgenland und während seines Bestehens von 2004-2010 die Künstlerische Leiterin des Weinklang Musikfestivals. Für hervorragende pädagogische Arbeit mit Schülern und Studierenden wurde sie vom Landesschulrat ausgezeichnet. 2009 wurde ihr im Staatsinteresse die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Prominente Einladungen Zur internationalen Orgelwoche nach Granada / Spanien, den Haydnfestspielen in Eisenstadt, zum weltweit größten Organistenkongreß in Washington DC wo sie eines der renommierten Hauptkonzerte gab, an die Riverside Church und die St. Thomas Cathedral in New York City, zum Pablo Casals-Festival nach Prades / Frankreich, geben Beispiel für ihre internationale Karriere als Konzertorganistin.

Als gefragte Persönlichkeit hält sie weltweit Gast- und Meisterkurse u.a. an der berühmten Juilliard School of Music in NYC oder der Montclaire State University.

2019 erschien ihr dreibändiges Werk Orgelschule mit Hand und Fuß beim Wiener Musikverlag Doblinger. Im Sommer 2020 wurde ihr dafür der Theodor-Kery-Preis der Burgenlandstiftung verliehen.

Ihr breites Orgelrepertoire umfasst Werke vorbachscher Meister, das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach, der Klassik, Romantik bis hin zu Musik des 21. Jahrhunderts.

Professorin Magistra Artium Ulrike Theresia Wegele zählt zu den führenden OrganistInnen  unserer Zeit

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Organistin Ulrike Theresia Wegele spielt Johann Ludwig Krebs, Wir glauben all an einen Gott
youtube Video Ulrike Wegele-Kefer
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 Prof. Ulrike Theresia Wegele – im Interview mit Dr. Albrecht Schneider

Albrecht Schneider (AS): Frau Prof. Wegele, die Coronapandemie trifft jeden von uns in der Jetztzeit des Jahres 2020.  Kultur und  Künstler sind von der Pandemie oft überaus hart getroffen. Wie sehr haben Sie die letzten Monate in Ihrer Lehrtätigkeit  und  Ihrer solistischen Tätigkeit eingeschränkt?

Ulrike Theresia Wegele (UTW):  Nun ja, von einem Tag auf den anderen hat sich nicht nur mein Terminkalender bis in den Herbst hinein komplett entleert, es hat mein Leben auf den Kopf gestellt.

Ich hätte im April am Shanghai Conservatory einen Vortrag zu zeitgemäßem Orgelunterricht halten sollen und ein Konzert spielen sollen. Im Juli hätte in den USA der größte Orgelkongreß der Welt abgehalten werden sollen, auch da wäre ich mit einem Vortrag und einem lecture recital vertreten gewesen. Zig andere Veranstaltungen wurden abgesagt…

Im Unterrichtsbetrieb hieß es rasch kreativ zu sein. Die Vorlesungen habe ich adaptiert und für die Studierenden online zur Verfügung gestellt, das war nicht sehr schwer. ‚Unterricht‘ mache ich seit Mitte März 2020 mit Videos. Die Studierenden nehmen sich selbst auf und ich kommentiere das ausführlich per Sprachnachricht oder Email. Meist sende ich dann auch noch eigene Aufnahmen mit um manches besser begreiflich zu machen. Das ersetzt den Präsenzunterricht nicht, hält aber alle bei der Stange und es sind dennoch Fortschritte zu verzeichnen.

Ich sende jede Woche ‚die Orgel der Woche‘ aus, besonders schöne historische Instrumente und spezifisch abgestimmte Improvisationsübungen und interessante Aufsätze über ausgewählte Themen. Die Resonanz der Studierenden ist sehr gut und ich denke wir haben das Beste aus der Situation gemacht.

AS:   Welche  familiäre wie musikalische Bedingungen und Anregungen haben Sie just zur Orgel als Ihrem Instrument geführt?

UTW:  Ich komme nicht aus einer Musikerfamilie, aber ein Klavier war bei uns zuhause. Meine Eltern legten Wert darauf, dass sowohl meine drei älteren Geschwister als auch ich, wenigstens für ein paar Jahre Klavier Unterricht erhalten. Als jüngstes der Kinder habe ich bereits mit fünf Jahren Unterricht erhalten. Als ich mit 6 Jahren zum ersten Mal die berühmte Orgel von Joseph Gabler in der Basilika St. Martin in meiner Heimatstadt Weingarten gehört habe, habe ich mich in dieses Instrument verliebt. Von da an war es mein größter Wunsch dieses Instrument zu erlernen.

Organistin Prof. Ulrike Theresia Wegel @ www.lukasbeck.com

Organistin Prof. Ulrike Theresia Wegel @ www.lukasbeck.com

AS:  Anhand der auf  ihrer Webseite nachzulesenden  Programmzettel: Steht im Zentrum Ihrer Arbeit der Kanon der Orgelliteratur vom Frühbarock, Sweelinck-Prätorius bis zur Spätromantik (Reger)?

UTW: Nein das ist nicht ganz richtig. Mein Repertoire umfasst die gesamte Orgelliteratur insbesondere auch die Orgelmusik des 20igsten und 21igsten Jahrhunderts. Ihr diesbezüglicher Verweis zu meiner Webseite ist korrekt; allerdings werden die Programme der Website demnächst aktualisiert..

AS: Hat die große französische Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, wie César Franck – Charles Widor, Bedeutung für Sie? Gehört sie zum Ihrem Repertoire ?

UTW:  César Franck ja, von ihm habe ich fast alles gespielt. Die drei Choräle und das grande piéce symphonique spiele ich regelmäßig. Widor und Boellmann habe ich als Teenager gespielt, das interessiert mich heute nicht mehr. Ich habe für mich in den letzten Jahrzehnten die deutsche Orgelromantik entdeckt. Neben Brahms, Mendelssohn und Schumann die wunderbaren Sonaten von Ritter, Dienel oder Bartmuss.

AS:  Gibt es Sie interessierende zeitgenössische Werke für Orgel?  Welche und inwieweit?  Von Wolfgang Rihm gibt es ein Stück; hat er es speziell für Sie geschrieben?  Interessiert sich die Moderne überhaupt für Ihr Instrument?

UTW:  Oh ja! Das Stück Bann, Nachtschwärmerei von Wolfgang Rihm habe ich oft in Konzerten gespielt, es ist aber nicht mir gewidmet.

Hingegen zahlreiche österreichische, italienische, ungarische und US-amerikanische KomponistInnen haben eigens Stücke für mich geschrieben. Es gibt sehr viel zeitgenössische Literatur für die Orgel und vieles davon ist sehr ansprechend und interessant.

AS:   Nach wie vor sind überwiegend Männer auf den Orgelbänken zu finden. Warum ist das so?

UTW: Ich denke, das ist im geschichtlichen Kontext zu sehen. In früheren Jahrhunderten hatten nur Männer die Möglichkeit dieser Ausbildung. Erst im 19. Jahrhundert war das Orgelspiel auch für Frauen möglich. Ich sehe aber jetzt vermehrt viele junge Frauen die Orgel studieren.

AS:   Haben Sie eine große Schüler/innenzahl und wie steht es um deren Chancen?  Sind es vorwiegend künftige Kirchenmusiker/Innen?

UTW: Ich habe aktuell 11 Studierende, 5 junge Männer und  !!! 6 junge Frauen. Ich unterrichte Konzertfach Orgel und Instrumentalpädagogik Orgel.

In Österreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland nur ganz wenige hauptamtliche KirchenmusikerInnenstellen. Kirchenmusik ist in Österreich nicht wirklich eine Option. Meine Absolventen arbeiten meist in einem Mix aus Unterricht an Musikschulen, Privatlehre, Konzertieren oder Ensemblemitglieder.

Organistin Ulrike Theresia Wegele – Orgelschule mit Hand und Fuß Band 3
youtube Video Ulrike Wegele-Kefer
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AS:   Wie haben Sie jetzt diese Coronazeit Verbracht? Ihre umfangreichen Bücher  Orgelschule mit Hand und Fuss , link HIER! wurden bereits 2019 publiziert !

UTW: Meine Bücher,  „Orgelschule mit Hand und Fuß“  ist mit allen drei  Bänden bereits 2019 beim Wiener Musikverlag Doblinger (link HIER!) erschienen. Die Bücherreihe ist abgeschlossen und in sich komplett.

Aber – es wird zu jedem Band der Orgelschule ein eigener ergänzender Literaturband erscheinen. Band 1 ,Lass die Pfeifen tanzen‘ war vor Corona schon fertig und wird im Juli erscheinen. Band 2 ‚Zieh alle Register‘ und Band 3 ‚Pro Organo pleno‘ habe ich jetzt – schneller als gedacht – fertig gestellt.

Aber auch noch andere Dinge, die findet man in ca zwei Monaten auf meiner Homepage

www.wegele.at

Der ‚Unterricht‘ über Videos nimmt meist mehr Zeit in Anspruch als Präsenzunterricht. Ich arbeite meist sieben Tage die Woche. Aber da ich wirklich mit Leib und Seele Pädagogin bin stört mich das nicht.

AS:   Freuen Sie sich auf die Zeiten nach Corona, wenn Sie wieder uneingeschränkt lehren und auftreten können?

UTW: Um ehrlich zu sein verunsichert mich diese Situation sehr. Wir wissen viel zu wenig über diesen Virus.

Meinen Sommerkurs an der Universität werde ich unter sehr strengen Sicherheitsmaßnahmen abhalten. Vermutlich wird das dann auch so ab dem Wintersemester sein. Zur Normalität werden wir noch lange nicht zurückkehren können.

Bislang habe ich nur meine Teilnahme an einem großen deutschen Organistenkongreß im Herbst 2021 zugesagt, da könnte ich zur Not auch mit dem Auto anreisen. Anfragen aus anderen Ländern Europas, Asien oder den USA habe ich bis auf Weiteres vertagt. Ich kann mir unter den derzeitigen Bedingungen keine längere Flugreise vorstellen.

Ich weiß, dass dies viele KollegInnen lockerer sehen, aber für mich ist das noch lange nicht ausgestanden.

AS:  Für dies ausführliche und für die IOCO Community aufschlussreiche Interview, Frau Professorin Wegele,  dürfen wir uns bedanken. Für Ihre Arbeit als Solistin wie Lehrerin wünschen wir Ihnen auch weiterhin allen Erfolg wie viel Zuspruch.

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