Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Masel Tov! – Premiere – wir gratulieren!, 29.10.2020

September 30, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

  Masel Tov! – Premiere – Wir gratulieren!

Komische Oper von Mieczyslaw Weinberg – nach dem Schauspiel von Scholem Alejchem

29. Oktober Opernhaus Düsseldorf – 11. Dezember Theater Duisburg

Deutsche Oper am Rhein / Masel Tov! Wir gratulieren! © Lena May / shutterstock

Deutsche Oper am Rhein / Masel Tov! Wir gratulieren! © Lena May / shutterstock

in der Küche brodelt das Leben. Das ist bei guten Partys so und auch in Mieczyslaw Weinbergs Kammeroper Masel Tov! ist es die Basis für eine höchst lebendige und komödiantische Liebesgeschichte. Drei Bedienstete und ein fliegender Buchhändler treffen dort während der Vorbereitungen für die Verlobung der Tochter des Hauses zusammen. Es wird geflirtet und gelästert, Alkohol ist ebenfalls reichlich im Spiel, und so kommt es zu unerwarteten Wendungen im Beziehungsgeflecht der Dienstboten, die in zwei Verlobungen münden. Weinberg, den man vor allem in Verbindung mit seiner Oper Die Passagierin kennt, zeigt sich in Masel Tov! von einer ganz anderen Seite: Klezmermelodien geben der Partitur gemeinsam mit aus der jiddischen Musiktradition heraus intonierten Walzer-, Polka- und Galoppformen eine ganz eigene Farbe.

Regisseur Philipp Westerbarkei setzt das beziehungsreiche Kammerspiel in Szene, hintersinnig, abgründig und immer die Klaviatur der Komik vor Augen. Heike Scheele erfindet dazu einen wandelbaren Bühnenraum, der das Publikum mitnimmt aus der nüchternen Arbeitswelt der Unterschicht zu deren Sehnsuchtsorten in einer vermeintlich besseren Welt.

Deutsche Oper am Rhein / Masel Tov! Wir gratulieren! - Philipp Westerbarkei © Deutsche Oper am Rhein / NN

Deutsche Oper am Rhein / Masel Tov! Wir gratulieren! – Philipp Westerbarkei © Deutsche Oper am Rhein / NN

Unter der musikalischen Leitung von Ralf Lange sind Lavinia Dames als Fradl, das Dienstmädchen, Kimberley Boettger-Soller als Köchin Bejlja, Jorge Espino als Diener Chaim, Norbert Ernst als Reb Alter und Sylvia Hamvasi als Madame zu erleben. Es spielen die Düsseldorfer Symphoniker. Weitere Informationen und alle Vorstellungstermine finden Sie auf unserer Website.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 26.09.2020

September 26, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

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Der Kaiser von Atlantis  –  Viktor Ullmann

Harlekin, das resignierende Leben: „Dann ziehst du’s rote Kleidchen an
und fängst das Lied von vorne an“

von Albrecht Schneider

Verflucht sei das Corona Virus, drei Mal verdammt und verflucht. Vermutlich würde es sich trotz einer Drohung mit christlichem Scheiterhaufen, muslimischer Fatwa, sowjetischem Gulag und globalem profanem Cybermobbing nicht vertreiben lassen und weiterhin unbeeindruckt in das öffentliche wie private Leben eingreifen. Seinetwegen wurde die Kunst ein halbes Jahr lang in ein künstliches Koma versetzt, und erst in diesen Wochen wacht sie, von der langen Pause noch benommen, wieder auf. So hat auch die Deutsche Oper am Rhein den Vorhang neuerlich hochgezogen und die Scheinwerfer eingeschaltet, auch hier, um mit einem Dichter zu sprechen, hebt endlich die Welt wieder zu singen an.

Am Anfang des Berichtes von einer öffentlichen musikalischen Aufführung sollte in diesen Monaten der Pandemie zu lesen stehen, auf welche Weise die Intendanz der Opernhäuser bzw. Konzertsäle allen Beteiligten auf der Bühne, im Parterre und auf den Rängen den jeweiligen Vorschriften gemäß gerecht zu werden sich bemüht. Das hiesige Opernhaus bietet rund 1200 Plätze an, Zutritt haben 450 Besucher, die den gebührenden Abstand zueinander strikt wahren. Deren Gesichter erstarren hinter der obligatorischen Maskerade, überall lähmt der anmaßende Herrscher Coronavirus die Kunst und noch viel mehr die Hirne, die ihn nicht wahrhaben wollen, und die, statt Mund und Nase, sich selbst öffentlich zu Tempelhütern der Freiheit maskieren. Das wahre Theater hingegen kommt bloß vorsichtig auf die Beine, die Rheinoper nimmt den Schutz ernst, sie bietet ohne Pause und Büffet eine einstündige Oper als ein Lehrstück vom Verlust von Freiheit und Leben.

Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Friedrich Nietzsche schrieb einst über seine Hassliebe Richard Wagner, dass er ihn als den „Orpheus alles heimlichen Elends“ bewundere. Den mythischen Sänger Orpheus hatten, nach seiner gescheiterten Heimholung der Gattin Eurydike aus der Unterwelt, später die berauschten Mänaden im Gefolge des Gottes Dionys grausam umgebracht. Der Komponist Viktor Ullmann, ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, wurde mit dem Werk Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung zu einem Sänger der Paranoia seiner Zeit, ehe ihn, im Herbst 1944 nach Auschwitz deportiert, dort die Nazis ermordeten.

Zu einem Verständnis dieser Kammeroper oder dieses Spiels in einem Akt und vier Bildern, das muss geradezu apodiktisch ausgesprochen werden, ist das Wissen um dessen Entstehungsgeschichte unabdingbar. Denn sollte es lediglich als ein wenngleich eigenartiges ästhetisches Objekt aufgefasst werden, das man, wie zumeist im Sessel zurückgelehnt, mehr oder minder genießen möchte, so wären diejenigen in der Tat fehl an ihren Plätzen.

Viktor Ullmann Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Viktor Ullmann Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Der Komponist Viktor Ullmann, in Böhmen des einstmaligen k.u.k. Österreichs als Sohn eines jüdischen Militärs 1898 geboren, arbeitete nach seiner musikalischen Ausbildung, u.a. als Kompositionsschüler von Arnold Schönberg, in Aussig, Prag, Zürich und Stuttgart, komponierte Opern, Chorwerke, Kammer- und Klaviermusik, Werke, von denen aufgrund seines Schicksals nicht wenige verlorengingen. Mit Hitlers Kanzlerschaft floh er nach Prag, wirkte dort als Journalist und Musiklehrer, komponierte weiter, bis ihn die Nazis 1942 verhafteten und ins KZL Theresienstadt sperrten, das sie vorzugsweise als Zwischenaufenthalt vor dem Weitertransport in die großen Vernichtungslager angelegt hatten. Zudem sollte es als „Vorzeigelager“ herhalten, in dem berühmte und ältere Juden, das wurde ihnen vorgegaukelt, ein angenehmes „Zuhause“ finden würden. Erinnert sei an den seinerzeit dort gedrehten infamen Propagandafilm: DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT.

Was die Gewalthaber mit Theresienstadt inszenierten, war nichts als ein gewaltiges Blendwerk für die internationale Öffentlichkeit, denn letztlich unterschieden sich dessen Zustände, was Entbehrung und Grausamkeit anbetraf, kaum von denen der massenhaften deutschen Konzentrationslager in Europa. Zwar wurde hier wegen Überfüllung den Häftlingen zwecks Entlastung der Lagerleitung eine Form der Selbstverwaltung eingeräumt wie auch ein gewisser Kulturbetrieb zugebilligt, allein am Ziel der Mordmaschinisten, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“, änderte sich dadurch nicht das Mindeste.

 Bildnis des Malers Felix Nussbaum - Selbstbildnis mit Judenpass - Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann 

Bildnis des Malers Felix Nussbaum – Selbstbildnis mit Judenpass – Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann

Viktor Ullmann wird im Laufe seines Aufenthaltes an diesem Ort geahnt haben, dass er sich bereits jenseits des Denkbaren befand, dass man ihn auf dem Terrain des Todes ausgesetzt hatte. Und wenn er sich schon der Gemeinschaft der ausgestoßenen Künstler anschloss, dann sollte ein Werk metaphorisch abbilden, wie Hybris, Macht und Wahnsinn sich zu Großtaten wider den Menschen verabreden, und auf welche Weise ihrer rasenden Gewalt zu begegnen wäre.

Die Textvorlage der Oper stammt zum größten Teil von dem Dichtermaler und Mithäftling Peter Kien, wahrscheinlich wirkte der Komponist daran mit. Deren exakte Historie ist nicht recherchierbar, keine endgültige Fassung liegt vor, Umschreibungen, Einschübe, Umdatierungen haften für die formale Problematik des Kaisers von Atlantis.

NB: Atlantis, die sagenhafte, im Meer versunkene Insel der Antike, wurde von den Autoren in ironisierender Absicht gewählt, weil die hirnverbrannten Rassenkundler der Nazis die Urheimat ihres Nonplusultramenschen, des blond und blauäugigen Ariers, dort verorteten.

Einem befreundeten Theresienstädter Bibliothekar, der das Lager überstand, übergab der Komponist 1944 vor seinem Abtransport nach Auschwitz das Konvolut von Deportationslisten, auf deren Rückseite das Werk notiert worden war. Er selbst musste gleich nach der Ankunft in der Gaskammer sterben. Seine Kammeroper wurde 1975 durch das Bellevue Theater in Amsterdam uraufgeführt, in Deutschland brachte sie 1985 die Staatsoper Stuttgart erstmalig auf die Bühne.

Die zwei Autoren Ullman und Kien schufen ein zeitloses poetisch-musikalisches Theater von den Mächtigen und den Machtlosen. Das ihre Gegenwart abbildende grausame, dramatische, traurige und auch komische Spiel wird getragen von exemplarischen Figuren, als da sind:

Der Kaiser von Atlantis namens Overall als der Betreiber eines Vernichtungsfeldzugs wider alle Menschen.
Der Tod als dessen bislang unentbehrlicher Komplize.
Der Lautsprecher als des Kaisers Nachrichtendienst.
Der Trommler als des Kaiser Propagandist.
Der Harlekin als das resignierende Leben.
Soldat und Bubikopf (Mädchen), zwei einfache Wesen der Gattung Mensch.

 Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis - v.l. Anke Krabbe als Mädchen, Kimberley Boettger-Soller als Trommler, David Fischer als Harlekin), Thorsten Grümbel als Lautsprecher, Luke Stoker als Tod, Sergej Khomov als Soldat © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis – v.l. Anke Krabbe als Mädchen, Kimberley Boettger-Soller als Trommler, David Fischer als Harlekin), Thorsten Grümbel als Lautsprecher, Luke Stoker als Tod, Sergej Khomov als Soldat © Hans Jörg Michel

Was geschieht in der Parabel?

Erstes Bild. Harlekin und Tod unterhalten sich. Beide hadern mit ihrem Beruf. Langweilt sich der eine, weil die Menschen nicht mehr lächeln, so sieht der andere sich zu einem Handwerker des großen Sterbens ringsum degradiert. Als sie hören müssen, wie der Trommler des Kaisers Overall den totalen Krieg ansagt, der mit dem Tod als Verbündeten den Sieg bringen soll, desertiert der Tod aus dem Amt.

Zweites Bild. Kaiser Overall betreibt sein mörderisches Geschäft. Der Lautsprecher meldet ihm, dass die Gehenkten und die gefallenen Soldaten nicht länger sterben. Overall spürt, wie seine Macht zerfällt. Nichts gelingt ihm mehr. Der Kaiser macht aus der Not eine Tugend ernennt sich selbst eilends zum Spender des ewigen Lebens an alle Soldaten.

Drittes Bild. In der Schlacht treffen Soldat und Mädchen (Bubikopf) aufeinander. Das gegenseitige Erschießen ist unmöglich, die Pistolen mithin überflüssig geworden. Zwar trommelt der Trommler zu weiterem Kampf, allein Mädchen und Soldat umarmen sich und phantasieren sich in ein wieder heiles Land.

Viertes Bild. Nachrichten des Lautsprechers von weiteren lebenden Toten. Harlekin erinnert an Kindertage, der Trommler erinnert an Overalls Taten. Der Kaiser fragt sich mit ihnen, ob er die Rechenmaschine Gottes sei, und ob in einer von ihm zerstörten Welt der Tod wohl wieder an die Arbeit gehen wird. Ist der doch nicht die Pest, vielmehr der Leidenserlöser schlechthin. Der Tod kommt und begleitet den willigen Kaiser von Atlantis hinweg. Das zurückbleibende Quartett mahnt, „den großen Namen Tod nicht eitel zu beschwören.“

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis - hier : Emmett O’Hanlon als Overall, Kaiser von Atlantis © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis – hier : Emmett O’Hanlon als Overall, Kaiser von Atlantis © Hans Jörg Michel

Das wennschon fragmentarische Libretto ist beste Literatur und ergäbe für sich genommen zwar weithin statisches, aber immer fabelhaftes Theater. Mit der Musik indessen gerät das Grausame, Besinnliche, Groteske und Zärtliche der Gespräche, Nachrichten, Befehle und der wenigen Aktivitäten noch absurder und aberwitziger, aber zugleich nachdrücklicher und beklemmender. In Düsseldorf spürt die Regisseurin (Ilaria Lanzino) alledem nach und findet für den Hall der Apparate, das Melodrama der Repräsentanten und für das Singen der Menschen beglaubigende Gesten, Bewegungen und Zeichen, wie das hinter dem bramarbasierenden Kaiser aufscheinende aufgeblasene Videoportrait seines schwarz uniformierten Oberkörpers.

Das dominierende Element der Bühne (Ermine Güner) besteht aus kunstvoll und dreidimensional miteinander verknüpften, langgezogenen, Seilen, Schnüren oder Stricken. Dem Vorstellungsvermögen bleibt anheimgestellt, sie als Schicksalsfäden, Fesselung, Verstrickung oder gar Gefängnisstäbe zu deuten. Dass mit dem eigenen fraglichen Dasein der zwei Autoren ebenso das der anderen Gefährdeten in und außerhalb Theresienstadts ihre Rollen haben und sich mittels Figuren und Szene äußern, macht die Regie nicht aufdringlich, aber eindringlich sichtbar. In kaltem Blau amtieren die beiden Herrschaftsorgane Trommler (Kimberley Boettger-Soller) und Lautsprecher (Thorsten Gümbel), in teils fadenscheiniger, teils ordentlich dunkler Berufskleidung verweigert sich der Tod (Luke Stoker) den Pflichten und zieht sich zu einer Flasche Wein zurück. Der frustrierte Harlekin (David Fischer) treibt im traditionellem Habit die letzten Possen, während Soldat (Sergej Khomov) und Mädchen (Anke Krabbe) aus der Uniform steigen und sie die blonden Locken schüttelt: das Leben hat beide wieder. Der Finsterling Overall schließlich präsentiert sich in düsterschwarzer Faschistenmontur.

Inhumanität und Infamie der Drittreichdiktatur haben der Oper Modell gestanden, sie sind in ihr so präsent wie die Schicksale von Ullmann und Kien. Deren Intention war keine laute Klage oder Anklage, ihr Werk sollte als Kunst Untat und Ungeist der Hakenkreuzler und Runenträger paraphrasieren wie zugleich denunzieren. Aber letztlich wollte es auch eine Winzigkeit Hoffnung aufschimmern lassen. Erweist sich doch der Tod entgegen seinem Leumund als Menschenfreund, dem das Ethos seines Berufs den Dienst für die Mordmaschine verbietet. Und würde er in der Tat definitiv abdanken, bedeutete das nicht das Ende der Zeiten, die Apokalypse?
Dazu kommt es nicht. Der Krieg ist aus, und mit dem Overall, dem Überall und Überalles, ist es gleichfalls aus. Das wird ihm jetzt bewusst, wenn er über die fragwürdige Zukunft sinniert. Der Tod Immerhin nimmt die Arbeit wieder auf und führt den Kaiser von Atlantis hinweg. Einsicht? Oder Suizid wie einst der Größte Führer aller Zeiten?

Regie, Szene und Licht (Thomas Diek) beschwören die stete Aura des Unheilvollen, in dem alle sprechen und sich bewegen, mal drastisch und komisch, mal lärmend und leise, miteinander heillose Existenzen. Tragödie und Komödie liegen so eng beieinander, wie Tod und Harlekin sich nahe sind. Mit konstitutiv für das in sich kreisende Spiel ist die Musik, in freier Tonalität bindet sie den Text, ihm gemäß ist ihr Gestus auffahrend, heftig, stockend, bisweilen besinnt sie sich kurz auf das Melodische. Der Komponist hat vereinzelt auf fremdes Material zurückgegriffen: Gustav Mahlers Lied von der Erde geistert durch Harlekins Gesang vom Mond, dessen Arie an den Kaiser biegt sich das Kinderlied „Schlaf Kindchen schlaf“ des Friedrich Reichardt zurecht, und zu des Trommlers Herunterbeten sämtlicher Titel des Kaisers Overall dient die entleert klingende Melodie von Joseph Haydns Kaiserquartett, die ja aufstieg zur damaligen (wie heutigen) deutschen Nationalhymne. Das dem Tod gewidmete Quartett zum Schluss trägt der dissonant gesetzte Choral:Ein feste Burg“ des Martin Luther. Genutzt wird zudem das Idiom von Tanz- und Unterhaltungsmusik. Die kleine Besetzung ist Folge der begrenzten Zahl von Instrumentalisten damals in Theresienstadt, an Ort und Stelle fand niemals eine Aufführung statt, da vermutlich zuvor SS-Chargen die Beteiligten nach und nach in die Todeslager überführen ließen.

Das Septett der Sängerinnen und Sänger mitsamt dem hiesigen Orchesterchen (Düsseldorfer Symphoniker) sind eingestimmt auf den changierenden Charakter des Stücks, in hörbarer Allegrostimmung verlebendigen sie die ingeniöse Partitur mit Verve und Gespür für deren Farben und Rhythmen. Die nach längerer Zwangspause gewiss herbeigesehnte Heimkehr auf die Bühne und in den Orchestergraben, das sei unterstellt, dürfte alle Musiker und den Dirigenten (GMD. Axel Kober) zusätzlich beflügelt haben.

Viktor Ullmanns Kaiser von Atlantis ist eine in die Kunst projizierte und von ihr verhandelte Episode aus jüngerer Zeit. Die Oper erweist sich als Dokument eines tragischen Stücks Weltgeschichte und zugleich als Menetekel, dass dergleichen sich eben nicht unbedingt als Komödie wiederholen muss.

Der Beifall des Publikums beglaubigte, wie sehr es Geist und Zeichen der perfekten Aufführung berührt haben.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, 19.09.2020

September 17, 2020 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Oper, Premieren, Pressemeldung

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 

  Der Kaiser von Atlantis  – Viktor Ullmann

Einezeitlose Parabel über die Rolle des Widerstands in einem totalitären System.

Mit zwei Premieren und sehr kontrastreich beginnt am Wochenende die Opernsaison im Düsseldorfer Opern­haus. Am Freitag, 18. September, 19.30 Uhr, erweisen fünf Gesangssolisten der Deutschen Oper am Rhein den Comedian Harmonists ihre Referenz. Zusammen mit Patrick Francis Chestnut am Flügel und Dirk Weiler (Moderation) lassen sie die Musik und die Erfolgsgeschichte des international gefeierten Ensembles aufleben.

Deutsche Oper am Rhein / der Kaiser von Atlantis © Serg Dav / shutterstock

Deutsche Oper am Rhein / der Kaiser von Atlantis © Serg Dav / shutterstock

Nur einen Tag später, am Samstag, 19. September, 19.30 Uhr, hat Der Kaiser von Atlantis im Opernhaus Düsseldorf Premiere. Ilaria Lanzino inszeniert Viktor Ullmanns vielschichtige Parabel über absolute Macht und ihre Überwindung. Generalmusikdirektor Axel Kober führt durch die Partitur, die 1943-44 im Konzentrations­lager Theresienstadt entstanden und als eindringliches Zeugnis des künstlerischen Widerstands gegen ein tyrannisches Unrechtsregime erhalten geblieben ist.

Der Kaiser von Atlantis – link HIER – zu einer Produktion der Oper Köln 2018

In der maschinisierten Tötungsindustrie des Kaiser Overall von Atlantis sind Harlekin und Tod nur noch Zaun­gäste in einer Welt, „die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes zu sterben“. Als Overall den Krieg Aller gegen Alle verkündet, sieht sich der Tod endgültig zu einem kleinen Handwerker des Sterbens degradiert und verweigert dem Kaiser fortan den Dienst.

Deutsche Oper am Rhein / der Kaiser von Atlantis - Ilaria Lanzino © Daniel Senzek

Deutsche Oper am Rhein / der Kaiser von Atlantis – Ilaria Lanzino © Daniel Senzek

Ilaria Lanzino, die im Januar 2020 mit dem renommierten EOP (Europäischer Opernregie-Preis) ausgezeichnet wurde,  sieht in UllmannsKaiser von Atlantis“ einen Diskurs über die Rolle des Widerstands in einem totali­tären System: „Der politische Bezug zur Entstehungszeit ist klar erkennbar, trotzdem weist das Stück weit über seine Zeit hinaus.“ Emmett O’Hanlon, neu im Ensemble der Deutschen Oper am Rhein, ist Overall, der Kaiser von Atlantis, der den Lautsprecher (Thorsten Grümbel) und den Trommler (Kimberley Boettger-Soller) für seine Propaganda instrumentalisiert. Ein Mädchen (Anke Krabbe) und ein Soldat (Sergej Khomov) stehen sinnbildlich zwischen dem Leben (David Fischer als Harlekin) und dem Tod (Luke Stoker).

Weitere Informationen und Tickets für alle Aufführungen sind im Opernshop Düsseldorf (Tel. 0211-89 25 211), an der Theaterkasse Duisburg (Tel. 0203-283 62 100) und über www.operamrhein.de erhältlich.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Spielplan Überblick Januar 2020

Dezember 2, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Oper, Pressemeldung, Spielpläne

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 

Sa 04.01. – 19.30 Uhr Theater Duisburg
Wiederaufnahme: „Le Nozze di Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts „Le Nozze di Figaro“ hat alles, was einen unterhaltsamer Opernabend auszeichnet: Verwirrungen, Verwechslungen und Blamagen. Zentrales Motiv ist wie so oft die Liebe: Die Bediensteten Susanna und Figaro möchten heiraten, doch ihr Dienstherr, der Graf Almaviva, will dies verhindern, solange die hübsche Kammerzofe nicht seine Liebesbeute geworden ist. Hinter dem großen Spaß offenbart sich die große Tragödie: In Mozarts Musik wie auch in da Pontes Libretto tun sich immer auch die Abgründe der menschlichen Seele auf. Regie-Altmeister Michael Hampe inszenierte die Oper in stimmungsvollen klassischen Bühnenräumen und Kostümen von German Droghetti, die musikalische Leitung haben alternierend David Crescenzi und Benjamin Reiners.


Fr 10.01.-19.30 Uhr Theater Duisburg
BALLETTPREMIERE b.42: Balanchine / ?uchean? / Schläpfer

Als metaphorische Reise an einen Ort „voller ferner, dunkler Geheimnisse“ beschreibt Remus ?uchean? seine choreographische Auseinandersetzung mit Anna Thorvaldsdottirs Komposition „Metacosmos“. „Symphonic Poem“ ist seine fünfte Arbeit für das Ballett am Rhein und steht im Zentrum des neuen Ballettprogramms.

Den Anfang macht „Square Dance“ von George Balanchine: 1957 für das New York City Ballet kreiert, entfalten sich zu Musik von Vivaldi und Corelli Tänze voll sprühender Leichtigkeit, virtuoser Beinarbeit, purer Linien, aber auch Leidenschaft und Lyrik. Mit „Reformationssymphonie“ studiert die Compagnie ein Werk aus Martin Schläpfers erster Spielzeit mit dem Ballett am Rhein neu ein: In seiner expressiven Bewegungssprache erzählt es gleichermaßen von Härte und Aggressivität wie von luftigen Höhen, die von aller Erdenschwere befreit scheinen: eine eindringliche Frage nach dem Tanzen an sich, nach der Bewegung und dem, was dahinter steht.

Die Ballettwerkstatt bietet mit Gesprächen und einer öffentlichen Probe am Dienstag, 07.01., um 18.00 Uhr bei freiem Eintritt im Theater Duisburg erste Einblicke in das Ballettprogramm b.42.


Sa 11.01. – 15.00 Uhr Foyer des Düsseldorfer Opernhauses
Konzert zum Abschluss der Meisterklasse unter der Leitung von Michael Volle

Im Januar und Februar stehen für die Sängerinnen und Sänger des Opernstudios gleich zwei Meisterklassen bei international renommierten Künstlern auf dem Programm: Zu Jahresbeginn wird erstmals Bariton Michael Volle mit dem Opernstudio arbeiten. Zu Beginn der vergangenen Spielzeit war Volle als Mandryka in „Arabella“ in Düsseldorf zu erleben, 2020 steht er u.a. in Berlin, Paris, an der Wiener Staatsoper, der MET New York, dem Teatro alla Scala Milano und bei den Bayreuther Festspielen auf der Bühne. Am 15. Februar folgt die Meisterklasse der vielseitigen argentinischen Mezzosopranistin Bernarda Fink, die als eine der weltweit meist gefragten Lied- und Konzertsängerinnen mit allen bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammenarbeitet und sich zudem seit Jahren regelmäßig auch in Meisterkursen der Förderung  junger Sängerinnen und Sänger widmet.


Di 14.01. – 19.30 Uhr Foyer des Düsseldorfer Opernhauses
Stephen Harrison & Friends: Eine Robert-Schumann-Soiree

„Kennst Du das Land, in dem die Zitronen blühen“, so beginnt diese Soiree mit dem ersten der neun Lieder nach Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. In die Sprache romantischer Musik transponiert hat sie Robert Schumann. „Es affiziert mich alles, was in der Welt vorgeht!“, schreibt er 1838 an seine zukünftige Frau Clara Wieck. Kurz nach der Hochzeit widmete er sich verstärkt der innigsten musikalischen Form: „Liebesfrühling“ entstand in seinem „Liederjahr“ 1841 gemeinsam mit seiner Frau. Schumann-Kenner und Pianist Stephen Harrison schlägt mit seinen Gesangssolisten und Musikern feinsinnig den Bogen zu Schumanns einzigem Klavierquartett, das nur ein Jahr später entstand und im Leipziger Gewandhaus mit Clara Schumann am Flügel seine Uraufführung erlebte.


Mi 15.01. – 19.30 Uhr Opernhaus Düsseldorf
Wiederaufnahme: „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini

Die japanische Geisha Cio-Cio-San bricht aus Liebe zu dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton mit ihren Traditionen und schlägt den American Way of Life ein. Ihre Familie verstößt sie, er reist ab. Sie ist sich sicher, er wird wiederkommen und mit ihr im Land der unbegrenzten Möglichkeiten neu anfangen – mit ihr und ihrem gemeinsamen Sohn. Als Pinkerton nach drei Jahren tatsächlich wieder japanisches Land betritt, bringt er seine US-amerikanische Ehefrau mit und kommt nur zurück, um den gemeinsamen Sohn abzuholen. Cio-Cio Sans grausame Desillusionierung und ihr Freitod werden zum erschütternden Zeugnis über die weitreichenden Folgen einseitigen Kulturtransfers. Puccini erzählt unter Verwendung japanischer Originalmelodien und raffinierter Klangmalereien eine „japanische Tragödie“, deren himmelschreiendes Unrecht über alle Kontinente hinweg berührt.


So 19.01. – 11.00 Uhr Foyer des Düsseldorfer Opernhauses
Symphoniker im Foyer: Fledermaus trifft Freunde

Knapp eine Woche vor der Düsseldorfer Premiere der „Fledermaus“ schlagen auch die Herzen der Düsseldorfer Symphoniker im Dreivierteltakt. In ihrer beliebten Kammermusikreihe „Symphoniker im Foyer“ widmen sich 10 Holzbläser*innen und eine Harfenistin gemeinsam mit den Solistinnen Heidi Elisabeth Meier (Sopran) und Kimberley Boettger-Soller (Mezzosopran) diesmal dem Wirken des weltberühmten „Fledermaus“-Komponisten Johann Strauß (Sohn) und seines nicht minder populären Kollegen Jacques Offenbach. In prägnanten Arrangements erklingen die beliebtesten Melodien aus der „Fledermaus“ und den Operetten Jacques Offenbachs neben Strauß? „Frühlingsstimmenwalzer“.


Sa 25.01. – 19.30 Uhr Opernhaus Düsseldorf
PREMIERE: „Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn)

„Champagner hat’s verschuldet, tralalalala“, mag sich manch einer gerade nach der Beerdigung des Hoppeditz denken. Der König der Weine ist auch der Brennstoff für die turbulenten Verwicklungen in Johann Strauß? berühmtem Operetten-Klassiker „Die Fledermaus“, der in der bildgewaltigen Inszenierung von Regisseur Axel Köhler nach seiner umjubelten Duisburger Premiere ab Januar endlich auch auf der Düsseldorfer Bühne zu erleben ist. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der respektable Gabriel von Eisenstein, der für ungebührliches Verhalten eine mehrtätige Arreststrafe verbüßen soll. Freund Notar Dr. Falke überredet ihn, Sorgen und Ehefrau Rosalinde noch einmal auf dem rauschenden Maskenfest des Prinzen Orlofsky zu vergessen. Doch auch Rosalinde und ihre vergnügungslustige Reinigungshilfe Adele haben eine Einladungskarte erhalten. Als die Masken fallen, kommt es, wie es kommen muss… nur gut, dass es da noch König Champagner I. gibt, dem man die Schuld geben kann.

Axel Köhler und sein Team machen Gabriel von Eisenstein zu einem umtriebigen Düsseldorfer Lokalpolitiker, der mit dem Bau eines Weltraumbahnhofs der Landeshauptstadt zu neuem Glanz zu verhelfen will. Vor dieser intergalaktischen Kulisse tanzt, singt und spielt ein großes Ensemble aus Hausmitgliedern und Gästen wie dem bekannten Schauspieler Wolfgang Reinbacher als Frosch.

Die Opernwerkstatt bietet mit Gesprächen und einer öffentlichen Probe am Dienstag, 21.01., um 18.00 Uhr bei freiem Eintritt im Opernhaus Düsseldorf erste Einblicke in Strauß? Operetten-Klassiker.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

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