Linz, Landestheater Linz, Le Prophète – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Le Prophète  –  Giacomo Meyerbeer

 Die Wiedertäufer – im Wettstreit der Unrechtssysteme

von Marcus Haimerl

Die Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Die erste Premiere der Saison im Landestheater Linz galt Giacomo Meyerbeers selten aufgeführter grand opéra Le Prophète (Der Prophet). Giacomo Meyerbeer und sein Librettist Eugène Scribe unterschrieben bereits 1838 den Werkvertrag über den „Propheten“ und hinterlegten im März 1841 eine provisorische Partitur bei einem Pariser Advokaten; in weiser Voraussicht, dass es mit der Direktion bereits vor der Premiere zu heftigen Auseinandersetzungen kommen könnte. Und so kam es auch: Direktor Léon Pillet weigerte sich, die von Meyerbeer für die zentrale Partie der Fidès vorgesehene, äußerlich weniger attraktive Altistin Pauline Viardot-Garcia zu akzeptieren. In Folge zog der Komponist die Partitur zurück und es kam erst mit dem Amtsnachfolger Edmond Duponchel 1847 zu einer Einigung. Bis zur Premiere im April 1849, hatte Meyerbeer ausreichend Zeit, letzte Hand an die Partitur zu legen und die Proben mit enormem Arbeitsaufwand – allein dreiundzwanzig Orchesterproben – zu leiten. Wie bei seinen Hugenotten musste auf Grund der Überlänge eine Dreiviertelstunde Musik gestrichen werden. Auf das Endergebnis hatte die Kürzung jedoch keinerlei Auswirkung, war doch der Erfolg genauso sensationell wir bei Robert le Diable.

Le Prophete – Giacomo Meyerbeer
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Die Beliebtheit der Werke von Giacomo Meyerbeer zeigt sich auch an der Tatsache, dass am Premierentag, dem 16. April 1849, die Deputiertenversammlung im Pariser Parlament nicht beschlussfähig war, da zu viele Abgeordnete in der Opéra saßen.

Eugène Scribes Libretto behandelt eine Episode aus der Geschichte des Täuferreich von Münster, der Wiedertäufer, deren Anführer  Johann von Leyden (in der Oper Jean de Leyde) in den Jahren 1534/35 die Stadt Münster beherrschte, Katholiken sowie Protestanten vertrieb, das Reich Zion wurde ausrief, das Privateigentum abschaffte und Vielweiberei einführte. Das Täuferreich von Münster endete im Juni 1535 in einem Blutbad, als kaiserliche Truppen unter Franz von Waldeck Münster eroberten. Johann van Leyden und andere Anführer wurden auf dem Prinzipalmarkt von Münster öffentlich gefoltert, Zungen mit glühenden Zangen heraus gerissen; nach ihrem Tod wurde van Leyden sichtbar in einem eisernen Korb an der  Lambertikirche  aufgehängt. Die Körbe hängen bis heute dort.

Anders als bei den Hugenotten sperrte Scribe alles Gewalttätige der Szene aus und ließ auch keine Diskussion der messianischen und sozialrevolutionären Aspekte der Wiedertäuferbewegung zu. Stattdessen rahmt, wie auch schon bei den Hugenotten, die historische Handlung eine Privathandlung, die Beziehung Jeans zu seiner Mutter Fidès und seiner Braut Berthe, ein:

Die Waise Berthe ist mit Jean verlobt. Jeans Mutter Fidès kommt zu ihr, um diese zu ihrem Bräutigam zu führen. Die beiden treffen auf Zacharie, Jonas und Mathisen, drei Anhänger der Anabaptistenbewegung, die aus ihren religiösen Ansichten heraus das Volk zum Kampf gegen die Obrigkeit anstachelt. Die Anhänger des Grafen von Oberthals, der über diese Gegend herrscht, können den Aufstand noch einmal verhindern.

Beide Frauen nutzen die Gelegenheit, das Einverständnis Oberthals für die Hochzeit zu erbitten. Doch Oberthal schleppt beide, Fidès und Berthe, die sein Begehren geweckt hat, mit sich fort.

 Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Während Jean auf Braut und Mutter wartet, erkennen die drei Täufer in ihm einen ausstrahlungsstarken Führer. Dieser lehnt jedoch ab. Als Berthe auf der Flucht vor Oberthals Zudringlichkeiten Schutz bei Jean sucht, dieser aber von Oberthal vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Braut herauszugeben oder den Tod seiner Mutter miterleben zu müssen, entscheidet sich Jean für die Mutter. Er ist nun auch bereit, sich den Täufern anzuschließen und – als selbsternannter Prophet die Führung der Täufer zu übernehmen.

Mathisen meldet, dass der Kaiser mit einem Heer im Anmarsch ist, um der Stadt Münster, die von den Täufern belagert wird, zu Hilfe zu eilen. Zacharie befiehlt im Namen des Propheten, ohne sich mit Jean abzusprechen, den Sturm auf die Stadt. Oberthal wird von den Täufern aufgegriffen. Jean fragt nach seiner Braut und erfährt, dass Berthe nach Münster geflohen ist. Es wird gemeldet, dass der Angriff fehlgeschlagen ist. Die Soldaten revoltieren gegen Jean, da sie ihn für den Urheber dieses missglückten Angriffs halten. Mit einer charismatischen Ansprache vermag der Prophet die Soldaten zu besänftigen und bricht nun gemeinsam mit ihnen auf, um die Stadt zu erobern.

Die Täufer haben die Stadt Münster eingenommen, in welche es auch Fidès verschlagen hat. Sie trifft auf Berthe, beide wissen nicht, dass Jean der Prophet ist, vielmehr vermutet Fidès, der Prophet habe Jean getötet. Als sie Berthe davon erzählt, will diese den Propheten töten. Als sich Jean zum König seiner Bewegung krönen lässt, erkennt Fidès in ihm ihren Sohn und ruft entsetzt „Mein Sohn!“. (Meyerbeer beachtet hier geschichtliches: Auch Wiedertäufer Johann von Leyden ließ sich 1535 zum „König“ von Münster krönen)

Daraufhin behauptet Jean, dass Fidès wahnsinnig sei und ihn verwechsle. In einer Rede an das Volk bietet er seinen Tod an, falls er doch der Sohn von Fidès sei, da ansonsten der Einsturz des Propagandagebäudes der Täufer droht. Der Trick gelingt, Fidès revoziert und die Anhänger des Propheten glauben an ein Wunder.

Der Kaiser hat Zacharie, Jonas und Mathisen freies Geleit für die Auslieferung Jeans zugesichert. Diese wollen das Angebot annehmen. Fidès ist bereit Jeans Verhalten zu verzeihen, wenn er sich von den Täufern lossagt. Alle drei wollen ein gemeinsames Leben in der Abgeschiedenheit beginnen. Als ein Getreuer Jeans den Verrat der drei Täufer meldet, erkennt Berthe in Jean den verhassten Propheten, das kann sie nicht ertragen und nimmt sich das Leben. Da Jean nun nichts mehr bleibt, reißt er sich, seine Anhänger und Feinde in den Untergang, als er bei einem Fest ein Pulvermagazin, das sich unter dem Saal befindet, in Brand setzt.

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und die Täufer © Reinhard Winkler

In seiner Arbeit setzt Regisseur Alexander von Pfeil auf Zeitlosigkeit. Das Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra zeigt das Halbrund einer außer Betrieb genommenen, verfallenen Fabrikshalle in einer postapokalyptischen Zeit. In jener Fabrikhalle herrscht der Graf von Oberthal, ehe sich die Machtverhältnisse in diesem Mikrokosmos verschieben und die Täufer eine andere Form von Schreckensherrschaft ausüben. Hier dominieren brennende Kreuze, Hinrichtungen stehen an der Tagesordnung, tote Körper hängen von der Decke und die ehemaligen Begleiterinnen des Grafen von Oberthal werden gezwungen, den Boden zu waschen.  Ku-Klux-Klan und die Behandlung der jüdischen Bevölkerung im dritten Reich sind nur einige Bilder, die dem Zuseher hier in den Sinn kommen.

Alexander von Pfeil verzichtet auf die szenische Umsetzung der für die Grand Opéra typischen Balletteinlage und setzt von Beginn an auf projizierte Bibelstellen und Zitate („Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.“ Matthäus 7,15). Mit diesen düsteren Bildern gelingt es Alexander von Pfeil, den Kern des Werks freizulegen und zu zeigen, wie ein Unrechtssystem durch ein viel Schlimmeres ersetzt wird.

Die Titelpartie des Jean singt der amerikanische Tenor Jeffrey Hartman mit samtenem Tenor, sorgt für schöne Momente und kann im Finale überzeugen. Die heimliche Titelrolle, jener von Jeans Mutter Fidès, wird von der amerikanischen Mezzosopranistin Katherine Lerner mit großer Leidenschaft und höchster Präzision verkörpert, besonders intensiv im Finale des vierten Aktes. Herausragend die Berthe von Brigitte Geller, die mit ihrem großen, leuchtenden Sopran eine überzeugende Wandlung vollzieht. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz wird die Partie der Berthe der ansonsten dominanteren Rolle der Fidès ebenbürtig.

Stimmstark auch das Täufer-Trio Dominik Nekel (Zacharie), Matthäus Schmidlechner (Jonas) und Mathisen (Adam Kim). Als Bösewicht Graf von Oberthal begeistert Martin Achrainer mit seinem schönen, ausdruckstarken Bariton und intensivem Spiel.

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Auch das restliche Ensemble konnte mit soliden Leistungen aufwarten: Markus Schulz (ein Bauer), Csaba Grünfelder (ein Soldat), Marius Mocan (ein Bürger), Tomasz Kovacic (ein Offizier), Jonathan Whiteley und Markus Raab (Wiedertäufer) und Danuta Koskalik und Yoon Mi Kim-Ernst (zwei Bäuerinnen). Größtes Lob auch für die Leistungen des Chors, des Extrachors und des Kinder- und Jugendchors des Landestheater Linz.

Am Pult des Bruckner Orchesters Linz versteht Markus Poschner über knapp vier Stunden die musikalische Spannung zu halten und die teils aufrüttelnde Musik von  Giacomo Meyerbeer detailreich wiederzugeben.

Mit dieser Produktion hat das Landestheater Linz sich nicht nur eines Riesenwerks angenommen, sondern auch bewiesen, dass Giacomo Meyerbeer auch heute noch Aktualität besitzen kann.

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

München, Münchner Kammerspiele, Die Attentäterin – Yasmina Khadra, IOCO Kritik, 1.12.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Die Attentäterin  –  Yasmina Khadra

– Wahrheiten statt Wahrheit –

Von Hans-Günter Melchior

Der im Iran geborene Regisseur Amir Reza Koohestani hat sich eines bemerkenswerten Buches angenommen und daraus ein Theaterstück gemacht: Die Attentäterin von Yasmina Khadra (Pseudonym des in Frankreich lebenden, in Algerien im Jahre 1955 geborenen Autors Mohammed Moulessehoul).

Man tut gut daran, vor dem Besuch des Stücks den Roman zu lesen. Man hat mehr von dem streckenweise leider allzu hastig und im akustisch schwer verständlichen Umgangstonfall heruntergesprochenen hochbrisanten Text, der letztlich deutlich hinter dem Roman zurückbleibt. Dabei geht es gleichsam um alles: um den Frieden – und man greift nicht zu hoch, wenn man sich für das Wort Weltfrieden entscheidet

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Amin Jaafari (Thomas Wodianka) ist Araber. Er besitzt die israelische Staatsangehörigkeit und arbeitet als erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Er ist mit Sihem (Mahin Sadri), einer Palästinenserin, verheiratet. Die Ehe ist – jedenfalls aus der Sicht Amins – sehr glücklich, Amin liebt Sihem und diese, folgt man seiner Darstellung des Ehelebens, kann sich nicht genug tun, ihn auch ihrer Liebe zu versichern. Das Ehepaar lebt im Wohlstand, Amin erhielt Auszeichnungen für seine ärztlichen Leistungen, genießt stadtweit Anerkennung. Die Eheleute bewohnen ein eigenes Haus, sie bewegen sich in einem stadtbekannten Freundeskreis der oberen Schicht.

Zu dem Zeitpunkt, in dem das Stück spielt, ist Amin allein. Sihem ist vor drei Tagen verreist, angeblich will sie ihre Großmutter besuchen. Amin erwartet stündlich ihre Rückkehr, ruft zu Hause an. Sihem meldet sich nicht. Amin wird von seiner Freundin und Kollegin Kim (Maja Beckmann) beruhigt: die Verkehrsverhältnisse, Ferienbeginn und so weiter (In Wahrheit war Sihem, wie sich freilich erst später herausstellt, nicht bei der Großmutter).

In der Klinik trifft eine Alarmmeldung ein: in einem nahegelegenen Restaurant wurde ein Selbstmordattentat verübt: mindestens 11 Tote (später erhöht sich die Zahl auf 17), zahlreiche Verletzte, zum Teil schwer. Unter den Opfern sind mehrere Kinder, die sich zu einer Geburtstagsfeier im Restaurant befanden. Die noch lebenden Opfer werden in der Klinik eingeliefert. Amin operiert bis zur Erschöpfung, fährt in der Nacht, mit den Kräften am Ende, nach Hause. Sihem ist immer noch nicht zurück. Kaum hat er sich zum Schlafen niedergelegt, als ein Anruf aus der Klinik kommt: er müsse unbedingt sofort erscheinen, es sei sehr wichtig. In der Klinik wird ihm kaum mehr als ein fast unversehrter Kopf einer toten Frau zur Identifizierung vorgelegt. Es ist der Kopf seiner Ehefrau Sihem, der Körper ist völlig zerfetzt.

Die ersten Untersuchungen führen zu einem Ergebnis, das Amins Leben fundamental verändern wird, ihn gleichsam aus der Bahn wirft: dem Zustandsbild des Körpers nach muss es sich bei Sihem um die Attentäterin handeln, die einen Sprengstoffsatz gezündet hat. Amin steht am Anfang einer langen Reise, die dem Ziel dienen soll, die wahre Identität seiner Ehefrau zu erforschen…

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Das Stück beginnt in den Minuten, die der Attentatsmeldung vorausgehen. Amin führt an einem langen Tisch eine eher etwas läppische Diskussion mit seiner Kollegin Kim über die Länge der Penisse in verschiedenen Ethnien, wobei die Araber im Vorteil sein sollen. Über dem Tisch flimmer in Videoaufnahmen die übergroßen Köpfe der Protagonisten. Dann trifft die Attentatsmeldung ein. Amin zählt Sihem zunächst zu den unschuldigen Opfern des Attentats. Erst als ihm ein Brief Sehims, in dem diese sich zu dem Attentat bekennt, übergeben wird, fällt er aus seiner bisherigen Ordnung. Es beginnt die Odyssee, die zu der Sihem führen soll, die sie wirklich war.

Es ist zugleich die Konfrontation mit verschiedenen Wahrheiten und Lebenseinstellungen. Palästinensische Wahrheit gegen israelisch-westliche Wahrheit. Opfertod und pathetische Verklärung des Freiheitskampfes auf der einen Seite, Lebensglück, Lebensfeier, westliche Hedonie auf der anderen.

Zunächst aber wird Amin vom Kommissar Moshe (Samouil Stoyanow) inhaftiert, weil er dem palästinensischen Terrorismus zugerechnet wird. Sein jüdischer Freund und Polizeichef Naveed (Benjamin Radjaipur) erreicht seine Freilassung. Amin zieht vorübergehend zu Kim, weil seine Nachbarn die Fensterscheiben seines Hauses einwerfen und die Hauswände mit Zeitungsartikeln und Fotos der Attentäterin drapieren.

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Eindrucksvoll der lange Monolog von Kims jüdischem Großvater Yehuda (Walter Hess), dessen Vater ein reicher Arzt in Berlin war als Opfer der nazistischen Judenverfolgung ermordet wurde.

Amin sucht Verwandte in Bethlehem auf, reist nach Jerusalem, immer mit dem Ziel: Sihems wahre Identität zu erforschen, zu jenen arabischen Kreisen vorzudringen, die ihm Aufschluss über die Hintergründe von Sihems Tat verschaffen können. Schließlich fährt er auch nach Palästina, trifft seinen Neffen Adel (in einer Doppelrolle Benjamin Radjaipour; wie überhaupt außer Amin und Sihem jede Rolle doppelt besetzt ist, was offenbar der großen Verwandtenzahl geschuldet ist), der ihm die ganze Wahrheit offenbart: sein Haus in Tel Aviv war ein konspirativer Treffpunkt des palästinensischen Widerstands. Als Handwerker verkleidet kamen Palästinenser dorthin und trafen dort ohne Wissen Amins mit Sihem zusammen, von der sie heimlich finanziell unterstützt wurden.

Der lange Tisch. Er wird in jedem neuen Schauplatz geschwenkt, mal am Strand, mal dient er als Esstisch in der Familienrunde, mal steht er längs, mal quer. Mehr Requisiten gibt es nicht, braucht es auch nicht. Und immer wieder taucht Sihem (Mahin Sadri) in Videos über dem Geschehen oder als durch die Szene wandelndes Phantom auf. Über die Videos erklärt sie auf Farsi (Übersetzung in Übertiteln) ihren Standpunkt: sie hat sich entschlossen, ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache zu stellen – der Gerechtigkeit und Freiheit, die jedes Opfer wert sind.

Während der Roman die verschiedenen Lebenshaltungen als unvereinbare Wahrheiten gegenüberstellt und sich konsequenterweise unentschieden verhält (weil eben Wahrheiten nicht austauschbar sind und es die eine Wahrheit nicht gibt), tendiert das Stück am Ende deutlich zum arabisch-palästinensischen Standpunkt. Amin, der Arzt, der sich als Lebenserhalter, ja Lebensretter versteht, wird er von den Verwandten geradezu niedergeredet. Die Israelis stehen als Landräuber da, die ein unterlegenes Volk mit Panzern und unschlagbaren Waffen (Steinschleuder gegen hochmoderne waffentechnische Ausrüstung) niederwalzen. Das verstimmt dann doch in seiner Einseitigkeit. Die politische Wirklichkeit ist viel komplexer.

Und die allzu hastig vorgetragenen Diskussionen ermüden. Als wolle man keine Gelegenheit zur Erwiderung zulassen. Es wird zum Schluss zuviel geredet und zu wenig Ambivalenz zugelassen. Der Regie fällt außer dem Austausch von Meinungen leider nicht mehr viel ein. So rettet sich der Abend zum Schluss doch etwas mühsam über die Runden. Ganz im Gegensatz zum Roman.

Aber es ist ein Abend, der danach unter den Besuchern zu heißen Diskussionen führt. Immerhin.

Die Attentäterin an den Münchner Kammerspielen; weitere Vorstellungen 22.12.2018

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