Hannover, Staatsoper Hannover, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2019

Oktober 30, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

TOSCA –  Giacomo Puccini
…   zwischen Glocken, Missbrauch und Kanonen …

von Karin Hasenstein

„Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Mit diesen Worten kündigt der Komponist Giacomo Puccini an, worum es in Tosca geht. Es ist nicht mehr die lyrisch-romantische Stimmung einer La Bohème, nicht die liebenswürdigen weichherzigen Helden wie Mimí und Rodolfo, es wird leidenschaftlich, düster und qualvoll. Brutale, grausame Charaktere, Scarpia und Spoletta, tauchen auf und verlangen von Cavaradossi und Tosca Mut und Entschlossenheit.

Tosca – Giacomo Puccini
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Das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wieder. Bei Tosca sind es nicht so sehr die lyrischen Phrasen und anrührenden Melodien, mit denen Puccini in La Bohème oder Madama Butterfly den Zuhörer begeistert. In Tosca sind es vor allem dramatische, beinahe brutalen Orchesterklänge, mit welchen der Komponist die dramatischen Vorgänge der zugrundeliegenden Geschichte in musikalische Effekte umsetzt.

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov (geb. 1983 in Moskau) scheint sich Puccinis Satz „Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“ als Motto genommen zu haben. Er verändert einige grundlegende Elemente der Handlung und macht aus einem Klassiker der Opernliteratur einen Thriller für die Opernbühne, gespickt mit einer Portion Gegenwartsbezug. Leider bleiben dabei einige Ansätze dem Zuschauer unverständlich.

Schon bevor in der Staatsoper Hannover die Musik erklingt, wird der Zuschauer in eine Art Rahmenhandlung eingeführt. Mittels eingeblendetem Text erfahren wir, dass wir uns in einem System befinden, in dem sowohl der Staat als auch die Kirche totalitäre Macht haben. Macht und Missbrauch verschiedener Art sind an der Tagesordnung.

Wir blicken zunächst in zwei Räume, deren Fenster allesamt mit Jalousien verdunkelt sind. Im größeren der beiden Räume beobachtet Scarpia die Hochrechnungen politischer Wahlen auf dem Fernseh-Monitor, führt am Schreibtisch Verhöre durch. Im kleineren Raum, einer Art Hinterzimmer, befindet sich eine große Truhe mit Kleidern und Bildern der Sängerin Floria Tosca, die Scarpia obsessiv verehrt, seine Fetisch-Sammlung.

Den stärksten Eingriff in das Grundgerüst der Oper nimmt Barkhatov vor, indem er die Person des Scarpia umdeutet. Er ist hier nicht mehr der Polizeichef, sondern ein hoher katholischer Würdenträger, ein Kardinal, was an der schwarzen Soutane und der roten Schärpe erkennbar ist. Die Zeit der Handlung, von Puccini konkret mit „Mittwoch, 17. Juni 1800, und im Morgengrauen des folgenden Tages“ angegeben, verlegt Barkhatov in eine nicht näher bestimmte Gegenwart, jedenfalls legt das die moderne „heutige“ Kleidung der Personen nahe. (Kostüme: Olga Shaishmelashvili)

Staatsoper Hannover / Tosca, -  hier :  Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Die Ebene der Rahmenhandlung um Scarpia wird hochgefahren und gibt den Blick frei auf eine kalten grauen Innenraum, der als Gefängnis oder Kloster durchgehen könnte. An eine Kirche erinnert hier erstmal nichts. (Bühne: Zinovy Margolin) Auf zwei Etagen befinden sich zahlreiche Türen, im Innenhof ist eine Tribüne aufgebaut, den Vordergrund dominiert eine übergroße Krippenszene in einem braun furnierten Holzkasten mit dunkelblauem Sternenhimmel und über der Tribüne verkündet ein Leuchtschriftzug „Merry Christmas“.

Der junge Maler Mario Cavaradossi (hier vielleicht eher ein Bildhauer) verziert eine Madonnenfigur, als sein Freund, der flüchtige Gefangene Angelotti, bei ihm in der Kirche Schutz und Hilfe vor den Häschern Scarpias sucht.

Die Auftrittsarie des Cavaradossi,Recondita armonia“ („Sie gleichen sich an Schönheit“), gestaltet der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo überzeugend leidenschaftlich mit guten fließenden Tempi und angenehm warmem Timbre. Das anschließende Liebesduett mit der eifersüchtigen Tosca, die zunächst glaubt, ihr Geliebter verstecke eine Frau in der Kapelle, gerät musikalisch sehr überzeugend, Garulo und die lettische Sopranistin Liene Kinca als Tosca harmonieren sehr gut und gestalten hier einen der musikalischen Höhepunkte des Abends. Dass die Regie das Liebespaar dazu jedoch in der Krippenszene platziert und der arme Tenor nicht nur singen und die Partnerin im Arm halten sondern auch noch möglichst unauffällig das (Sternen-) Licht anknipsen muss, verursachte der Rezensentin ein wenig Stirnrunzeln und Rätseln nach dem Warum. Cavaradossi und Tosca als Maria und Josef? Hier eine Analogie herstellen zu wollen wäre doch arg konstruiert. Das Krippenmotiv wird zum Ende der Oper noch einmal aufgenommen, jedoch ohne dass die Motivation dahinter deutlich wird.

Ohnehin liegt der Schwerpunkt der Inszenierung auf der Figur des Scarpia. Die zweite Handlungsebene wird hier buchstäblich übersetzt, indem die Diensträume Scarpias je nach Bedarf herabgesenkt oder hochgezogen werden und so die Kapelle oder den Palast Farnese ganz oder teilweise freigeben oder verdecken. So kann der Zuschauer gleichzeitig und quasi aus Scarpias Perspektive beobachten, wie Toscas Auftritt auf Scarpias Fernsehbildschirm übertragen wird, während unten auf der Tribüne der Chor Aufstellung zum Te Deum nimmt.

Sein „Va, Tosca“ gerät beeindruckend düster und bedrohlich. Der amerikanische Bariton Seth Carico (seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) verfügt als Scarpia über die nötige Schwärze in der Stimme. Dass in Barkhatovs Inszenierung Scarpia nicht Polizeichef ist, sondern ein hoher Würdenträger der Kirche, gibt dem Satz „Tosca, Du machst, dass ich Gott vergesse!“ eine besondere Brisanz. Carico kann in dieser Szene nicht nur seinen dunkel timbrierten Bariton optimal zur Geltung bringen, sondern auch seine starke schauspielerische Leistung. Vor diesem Scarpia zittert buchstäblich ganz Rom.

Staatsoper Hannover / Tosca, - hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Dieser Eindruck vermittelt sich auch im weiteren Verlauf der Oper. Die zweite räumliche Ebene wird wieder herabgesenkt und während auf der rechten Seite Cavaradossi in Scarpias Diensträumen gefoltert wird und dieser seinen Gästen verkündet „Was ich begehre, nehme ich mir“, sehen wir kurz darauf Tosca in Scarpias „Hinterzimmer“, wo er sie quält und bedrängt, ihm zu verraten, wo sich der geflohene Angelotti aufhält. Schließlich kann Tosca ihrem Peiniger nicht länger standhalten und verrät das Versteck.
Scarpia bekennt „Schon lange glühe ich für die Diva Tosca, ich will dich besitzen!“, worauf Tosca erwidert „Lieber stürze ich mich aus dem Fenster!“. Scarpia entgegnet, dass er sie nicht mit Gewalt nehmen wird, aber dann… die Schläge der Trommel verdeutlichen, dass die Zeit verrinnt.

Im nun folgenden Bekenntnis Toscas, „Vissi d’arte, vissi d’amore…“ zeichnet Liene Kinca mit großer Ausdruckskraft die Verzweiflung dieser Figur, einer Künstlerin, die nur für ihre Kunst und die Liebe gelebt hat und nun in die Fänge des Machmenschen geraten ist und gezwungen ist, ihren Geliebten zu verraten. Ihr leicht metallischer Sopran klingt strahlend und leicht in der Höhe und warm in der Tiefe und sie berührt auch mit ihrer Bühnenpräsenz die Zuschauer, die spontan Szenenapplaus spenden.

Nach einem Kuss verkündet Scarpia, er werde seine Anweisungen ändern. Beide beginnen sich zu entkleiden, Scarpia legt Tosca seine Soutane um; bevor er sie jedoch zum Liebesakt zwingen kann, ergreift sie ein Messer vom Tisch und ersticht ihn. Mit den Worten „Er ist tot, nun vergebe ich ihm.“ lässt sie Scarpia zu Boden sinken. Zwischen den Pässen und dem Passierschein, der ihr und Cavaradossi freies Geleit sichern soll, findet sie einen Umschlag mit der Aufschrift „Für Tosca. Er enthält eine DVD. Sie schaltet den Player ein und auf dem Bildschirm erscheint Scarpia. Was nun folgt, ist eine Videobotschaft, die Lebensbeichte Scarpias. Jetzt endlich erfährt Tosca – und mit ihr der Zuschauer-, dass Scarpia als Kind von einem Priester missbraucht wurde. Dieser Film läuft wieder auf der oberen Ebene ab, während unten im Kircheninnenraum ein Chorknabe (Ben Waltz, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) glockenhell sein „Io de‘ sospiri“ („Ach, ihr meine Seufzer„) anstimmt. Die von Puccini vorgesehene Glocke wird auf der Bühne vom jungen Scarpia angeschlagen, ein weiterer Missbrauch vollzieht sich in den Nebenräumen.

Das also ist Scarpias Motivation? Das Opfer wird zum Täter? Wir erinnern uns wieder daran, dass Scarpia hier nicht Polizeichef sondern ein Mann der Kirche ist. Alle ihn begleitenden Personen wie Spoletta und Sciarrone werden jedoch als polizeizugehörig belassen und nicht in das Kirchenmilieu „übersetzt“. Auch das gehört zu den ungelösten Rästeln dieser Inszenierung. Tosca findet in dem Hinterzimmer die Truhe mit Scarpias Andenken, seine Fetischsammlung, und beginnt zu begreifen, was sie für ihn war.

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Im anderen Raum sehen wir in einer Art Rückblende Scarpia mit Angelotti, dessen Schwester und Cavaradossi und Scarpia macht ihnen deutlich Toscas Ehre gegen eure drei Leben!“ Resigniert bittet Cavaradossi um Papier und Tinte, um seiner geliebten Tosca einen Abschiedsbrief zu schreiben. Das nun folgende berühmte „E lucevan le stelle“ wird zu einem der Höhepunkte des Abends. Rodrigo Porras Garulo gibt den gebrochenen Mann so authentisch, gestaltet die gut drei Minuten lange Arie so intensiv, mit warmem lyrischen Tenor und sehr differenziert in der Dynamik, schreit seine Verzweiflung so leidenschaftlich heraus, dass er dafür Szenenapplaus und Bravi erntet.

Tosca weiht ihren Geliebten in den Plan ein, erzählt ihm von der Scheinhinrichtung. Hier tauchen nun wieder die Krippenfiguren aus dem ersten Akt auf, jetzt allerdings auf Lebensgröße angewachsen. Während die beiden von einem gemeinsamen Leben träumen („Wir entschweben in den Himmel“), holt Cavaradossi immer mehr der Krippenfiguren nach vorne.

Die Erschießung des Cavaradossi findet schließlich statt, akustisch glasklar und eindruckvoll von den Posaunen untermalt. Irritiert sehen wir, wie Tosca den toten Scarpia im Arm hält, immer noch in seine Soutane gehüllt, ein Bild gleich einer Pietà. Ihre letzten Worte „O Scarpia, avanti a Dio!“ („Oh Scarpia, gehen wir zu Gott!“) erhalten so eine ganz andere Bedeutung. Die Bühne fährt hoch, im unteren Teil sitzt Cavaradossi einsam in der Krippe. Der Vorhang fällt.

Tosca wird zu den Verismo-Opern gezählt, also zu jenen Opern, deren Handlung realistisch sein soll, sich tatsächlich so abspielen könnte im Gegensatz zur Opera seria.
Vasily Barkhatov versucht hier einen aktuellen Bezug herzustellen zu den Missbrauchsfällen in der Kirche. Es erscheint aber nicht logisch, dass ein Opfer in die Institution zurückkehrt, in der es selbst so viel Leid erfahren hat. Nicht alle Opfer werden zu Tätern! Aber es ist nicht Rache, die Scarpia antreibt und ihn selbst zum Täter werden lässt: es ist Machtgier. Letztendlich benutzt er Tosca als Werkzeug, als Mittel in seinem Spiel, um sein Leben nicht mit eigener Hand zu beenden und dadurch, als Priester, eine große Sünde zu begehen. Das Perfide an Scarpias Spiel ist, dass er Tosca über seinen eigenen Tod hinaus bestraft, indem er sie zu seiner Mörderin macht.

Musikalisch ließ dieser Premierenabend kaum Wünsche offen. Die drei Hauptdarsteller beeindruckten durch sehr gute sängerische und darstellerische Leistung. Mit dem Te Deum im ersten Akt hat Puccini eine der monumentalen Nummern für Chor geschrieben. Chor, Extrachor und ein stimmlich bestens aufgestellter Kinderchor mit 30 Kindern haben diese große Chorszene eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Besonders herzlichen Applaus erhielt der Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund (Ben Walz). Aber auch alle Nebenrollen waren durchweg gut besetzt und vermochten stimmlich wie darstellerisch zu überzeugen.

Da die Stelle des GMD an der Staatsoper Hannover neu zu besetzen ist, sind aktuell verschiedene Dirigenten an der Staatsoper zu Gast. An diesem Abend leitete Kevin John Edusei das Niedersächsische Staatsorchester Hannover. Edusei, der Rezensentin aus seiner Bielefelder Zeit gut bekannt, führte die Musiker sicher durch den Abend und war dabei sensibler Begleiter für die Solisten. Die „Hits“ der Oper, wie Vissi d’arte, Va, Tosca, aber auch die erwähnte Chorszene mit dem großen Te Deum gestaltete er mit sicherem Gefühl für die Tempi und akzentuierter Dynamik. Große Freude machte an diesem Abend vor allem das Blech, namentlich in der Angelotti-Szene im 1. Akt. So geriet die Premiere zumindest musikalisch zu einem großen Erfolg.

In den lang anhaltenden Applaus für Solisten, Dirigent und Orchester mischten sich jedoch zahlreiche wiederholte Buhs für das Regieteam. Das hat die Rezensentin in Hannover und anderswo in dieser heftigen Form selten erlebt, zeigt aber, dass Vasily Barkhatov mit seiner Sichtweise auf Tosca, eine der weltweit beliebtesten Opern nicht in Gänze überzeugen konnte.

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Tosca:  hier Die vollständige Besetzung: Floria Tosca –  Liene Kinca, Mario Cavaradossi – Rodrigo Porras Garulo, Baron Scarpia – Seth Carico, Cesare Angelotti – Yannick Spanier, Mesner – Daniel Eggert,  Spoletta – Uwe Gottswinter, Sciarrone – Gagik Vardanyan, 

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Tosca an der Staatsoper Hannover; die nächsten Vorstellungen 30.10.; 3.11.; 7.11.; 9.11.; 17.11.; 29.11.; 3.12.; 18.12.2019; 27.03.2020.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Bern, Theater Bern, Katja Kabanowa – Leos Janacek, IOCO Kritik, 18.06.2018

Juni 19, 2018 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

KATJA KABANOWA –  Leoš Janácek

– Frauen – Von Konventionen und Ängsten weggesperrt –

Von  Julian Führer

Das Konzert Theater Bern ist ein Dreispartenhaus – einerseits scheint dies für die Bundesstadt der Eidgenossenschaft selbstverständlich, doch andererseits ist Bern eine Stadt mit gerade einmal 130 000 Einwohnern und liegt damit in der Größenordnung von Fürth, Ingolstadt und Wolfsburg. Das innen wie außen sehr schöne Theater ist daher nicht überdimensioniert; es zählt nur 650 Sitzplätze. Für gewichtige Stücke des Musiktheaters kann das Parkett noch weiter verkleinert werden, so wie es auch bei der Oper Katja Kabanowa von Leoš Janácek geschah. Dies Stück wurde in dieser Saison auch in Freiburg herausgebracht (vgl. die IOCO Kritik – HIERDer Ansatz der Regie (Freiburg: Tilman Knabe, Bern: Florentine Klepper) unterscheidet sich erheblich.

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Katerina (Katja) Kabanowa ist eine der vielen Frauengestalten auf der Opernbühne des beginnenden 20. Jahrhunderts, die aus Konventionen ausbricht, an gesellschaftliche Tabus rührt und daran zugrundegeht. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs publizierte Sigmund Freud zentrale Schriften, die auf lebhaftes Interesse stießen und auch künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen und Abgründen menschlicher Seelenzustände anregten. Das Ergründen dieser Zustände gerade weiblicher Figuren auf der Bühne, musikalisch von Wagner bereits weit vorangebracht, war ein großes Thema der Zeit, man denke nur an Richard StraußSalome (1905) und Elektra (1909). Das von Janácek vertonte Drama Gewitter von Alexander Ostrowskij von 1860 wurde für die 1921 uraufgeführte Oper erheblich verdichtet und gestrafft, der Wortlaut dennoch meist beibehalten. Sehr viel schärfer als die Dramenvorlage schildert die Oper die psychische Disposition Katjas, die permanent in Angst lebt (hier in der Renata im fast zeitgleich entstandenen Werk Der feurige Engel von Sergej Prokofiew sehr nahe): Angst vor sich selbst, vor den eigenen Abgründen, vor der eigenen Schwäche, vor der Gesellschaft. Janácek liebt seine Figur und schenkt ihr als einziger lange ausgesungene Kantilenen, während die anderen Gestalten meist entweder grob daherpoltern oder drauflosschwatzen. Die Sympathien mit einer Ehebrecherin werden musikalisch subtil in raffinierten Klangfarben komponiert, so dass die teilweise durchaus schroffe Partitur viele abrupte Wechsel und damit ein sehr waches Orchester erfordert.

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha)© Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha) © Annette Boutellier

Wie wird diese Konstellation nun in Bern auf die Bühne gebracht? Wir sehen (Bühne: Martina Segna) ein Theater auf dem Theater; Zuschauer sind manchmal nur ein einzelner (Todd Boyce als Kuligin, der im Stück seit Jahrzehnten die Wolga betrachtet und hier wie in Brechts epischem Theater einen manchmal ironischen Kommentar liefert), manchmal auch der ganze Chor. Auf der Bühne tauchen Marionetten auf; überdimensionierte, unbewegliche Köpfe haben sie und singen. Großes Lob den Solisten für die choreographische Präzision, mit der die marionettenhaften Bewegungen umgesetzt wurden – ganz besonders an Toos van der Wal als Glascha. In der nächsten Szene schwingen sich die ersten Marionetten über den Rand ihrer Bühne und verwandeln sich in die einzelnen Menschen, um die das Drama kreist. Das namenlose Dorf an der Wolga ist ökonomisch vom boshaften Fabrikanten Dikoj (Andreas Daum, der die Riesenhände seiner Marionette lange anbehält) abhängig. Die Familie der Kabanows ist ihrerseits der herrischen Kabanicha unterworfen, deren Sohn Tichon mit Katja verheiratet ist. Tichon (stimmlich und szenisch stark von Andries Cloete gegeben) interessiert sich weniger für seine Frau als für den Alkohol. Als sich die Gelegenheit zu einer Reise ergibt, ist er froh, seiner Mutter zu entkommen und ohne seine Frau tagelang ungestört trinken zu können. Im Hause lebt noch die Pflegetochter der Kabanicha namens Warwara (Eleonora Vacchi), die zwar noch nicht verheiratet ist, aber doch eine Liebschaft mit Kudrjasch (Nazariy Sadivskyy) pflegt und Katja überhaupt erst auf die Idee bringt, die Abwesenheit des Ehemannes für ein Abenteuer zu nutzen. Die Dialoge zwischen Katja und Warwara leben vom charakterlichen Kontrast zweier junger Frauen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben (wie Elektra und Chrysothemis bei Strauss oder später Blanche und Constance bei Poulenc in den Dialogues des Carmélites).

Die Abreise Tichons wird zu einem Demütigungsritual seitens der Kabanicha, wie es Dmitri Schostakowitsch 1934 in der Lady Macbeth von Mzensk zwischen Katerina Ismailova und ihrem Schwiegervater Boris ganz ähnlich zeigt: Die Frau muss dem eigentlich widerstrebenden Ehemann öffentlich Treue schwören. In beiden Stücken dauert es keine halbe Stunde, bis dieser Schwur gebrochen wird. Doch ist Katja hier selbst nicht unbeteiligt, denn sie möchte zunächst Tichon auf der Reise begleiten (was dieser sichtlich nicht will) und dann wenigstens ihm das Versprechen geben müssen, dass sie keinen anderen auch nur anschauen wird. Tichon findet seine Frau hier wohl etwas albern, die Kabanicha platzt in die Szene und nötigt ihren Sohn dazu, jetzt doch den Eid zu fordern. Die Musik macht die zerrütteten Zustände ebenfalls deutlich: Als das Muttersöhnchen Tichon genötigt ist, von Liebe zu sprechen, blitzt im Orchester das Motiv der Kabanicha auf.

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Ohne Tichon sehen wir Katja und Warwara mit ihren bunten Kopftüchern der Kabanicha folgen. Das nächtliche Treffen der Frauen mit ihren Liebhabern verläuft seltsam pragmatisch: Katja ist auf Boris aufmerksam geworden, einen Neffen des Dikoj, Warwara arrangiert das Treffen (jetzt ohne Kopftücher). Beide meinen, sie seien ineinander verliebt, Katja ringt mich sich, aber man wird sich „einig“, wie es heißt. Zehn Tage später kehrt Tichon zurück, unerwartet früh. Katja, in Angst vor dem niedergehenden Gewitter, gesteht vor der Gesellschaft ihren Fehltritt. Der Chor sitzt als Publikum vor der Puppenbühne, wir sehen Katjas Marionette (mit Kopftuch) und vorne Katja selbst (ohne Kopftuch). Psychologisch gesehen besonders interessant ist der Moment, als die Marionette ihrerseits ihre Bühne verlässt und mit Katja einen angedeuteten (inneren) Kampf ausficht. Katja, die sich ihre Sünde nicht verzeihen kann, stürzt sich in die Wolga und stirbt – hier verschwindet sie wenig spektakulär hinter der Marionettenbühne. Tichon trauert, die Kabanicha hingegen herrscht ihn an, er solle lieber erleichtert sein und dankt – auf einmal freundlich – den Umstehenden für ihre Hilfe beim Herausziehen der Leiche.

Katja kämpft nicht mit ihrem Mann. Sie sucht auch nicht die Konfrontation mit ihrer Schwiegermutter (ganz anders als Elektra, deren schrankenlose Aggression gegenüber Klytämnestra den Kern der Strauss’schen Oper bildet). Über Boris, ihren Liebhaber, erfahren wir so gut wie nichts, außer dass er nach der Entdeckung des Skandals von Dikoj nach Sibirien geschickt wird und sich nicht auflehnt. Gesanglich ist sein Part dennoch beachtlich, und Alessandro Liberatore absolviert die Rolle mit kraftvoller Stimme, die auch die Höhen gut meistert. Die zentralen Partien sind gleichwohl die der Kabanicha und der Katja: Ursula Füri-Bernhard verkörpert die garstige Schwiegermutter so, dass keine Wünsche offenbleiben. Die „Giftspritze“, die manche Inszenierungen aus ihr machen, ist sie nicht, eher eine ältere Dame, die die Konventionen der dörflichen Gesellschaft verkörpert und den Schein nach außen um jeden Preis wahren will. Die Hauptrolle liegt in den Händen eines Gastes, nämlich der Südafrikanerin Johanni van Oostrum, die in nächster Zeit in Deutschland und Österreich auch als Marschallin, Elsa und Salome zu erleben sein wird. Die musikalischen Anforderungen der Partie meistert sie scheinbar spielend, und auch szenisch wirkt sie glaubhaft. Eine Stimme, die man gerne häufiger in Bern hören möchte!

Im Vergleich zur Freiburger Lesart wird in Bern weniger auf die Verkommenheit der Gesellschaft fokussiert als auf den psychologischen Konflikt; auch ist der Einsatz szenischer Mittel deutlich reduziert. Der fast filmischen Bilderwelt in Freiburg steht in Bern eine innere Perspektive gegenüber. Die aus Buchstabentafeln zusammengesetzten Textkommentare, die Kuligin immer wieder neu arrangiert, sind hierbei meist verzichtbar; die Zahlen 23,1 und 69,1-33 deuten hingegen offensichtlich auf die Psalmen: Katja erzählt aus ihrer Kindheit, wie gerne sie in die Kirche ging (vgl. Ps. 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“) – und quält sich selbst ob ihrer Sünden, wie auch in Psalm 69 geklagt wird („Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“). Beide szenischen Varianten können als geglückt bezeichnet werden und beleuchten unterschiedliche Facetten eines komplexen Werks, das in Bern ohne Pause gegeben wurde (und mit etwa 80 Minuten Spieldauer auch problemlos ohne Unterbrechung gezeigt werden kann).

Im Graben war ein für die Dimensionen des Hauses großes Orchester am Werk. Das Berner Symphonieorchester wurde von seinem Chefdirigent Musiktheater geleitet, dem Bielefelder Kevin John Edusei. In einem eher kleinen Haus Janácek zu zeigen, ist ein Wagnis, und tatsächlich wurde es manchmal laut; auch hätte man sich in manchen Momenten eine stärkere Abstufung der Pianograde gewünscht. In der ersten Szene singen die Solisten von der etwas zurückgesetzten Marionettenbühne und durch ihre Pappmachéköpfe, wobei sie vom Orchester manchmal zugedeckt wurden. Dennoch überzeugte die Präzision im Zusammenspiel der Musiker, für die der Dirigent am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Dem Berner Haus ist zu danken, dass es sich an Leoš Janáceks Katja Kabanowa gewagt hat, und man würde ihm wünschen, dass das Publikum bei den ausstehenden Vorstellungen noch zahlreicher strömt.

Katja Kabanowa am Theater Bern: Die folgenden Termine 19.6.; 27.6.2018

—| IOCO Kritik Stadttheater Bern |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Messa da Requiem von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 10.03.2018

März 12, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

 

  Messa da Requiem  von Giuseppe Verdi

 – Bilanz des Lebens in fesselnden Bildern –

Von Patrik Klein

Am Ende steht das Nichts und absolute Dunkelheit

Der trauernden Mutter (grandios gesungen und gespielt von der schwedischen Sopranistin Maria Bengtsson) bleibt nur die Hoffnung. Im erschütternden Finale verweilt sie ganz allein im Lichtkegel des letzten, einsamen Scheinwerfers. Die Hände der Chormitglieder lugen am Boden aus den Grabkammern, bevor das Licht gänzlich erlöscht. Der faszinierte, berührte, betroffene Zuhörer und Zuschauer durchlebte bis dahin ein intimes, fesselndes,  atemberaubendes Psychogramm vier trauernder Menschen.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

 Die Premiere von Verdis Messa da Requiem leitet die Italienischen Wochen an der Staatsoper Hamburg ein. In den kommenden Wochen gibt man neben dieser neuen auch altbewährte Produktionen wie Verdis La Traviata, Rigoletto, Aida, Puccinis Tosca und Madame Butterfly. Mit besonders hochkarätigen Besetzungen möchte man lokal wie international musikalische und künstlerische Akzente setzen.

Nachdem Calixto Bieito, der eng verbunden ist mit dem Intendanten der Staatsoper Hamburg Georges Delnon, vor etwa einem Jahr eine sehr umstrittene Inszenierung von Verdis Otello von Basel nach Hamburg adaptierte, macht er nun den ungewöhnlichen Versuch, den italienischen Meister mit seinem finalen Werk musikalisch und szenisch darzustellen. Damit führt man die Reihe ungewöhnlicher Interpretationen nahtlos fort, nachdem John Neumeier Bachs Matthäuspassion‘ (Staatsoper und St. Michaeliskirche Hamburg), Romeo Castellucci Bachs Johannispassion (Deichtorhallen Hamburg) und Calixto Bieito Benjamin Brittens War Requiem (in Basel) bereits szenisch umsetzten.

Unter der musikalischen Leitung von Kevin John Edusei, in dem Bühnenbild von Susanne Gschwender, den Kostümen von Anja Rabes, dem Licht von Franck Evin, mit namhaften Solisten und dem Chor(Einstudierung Eberhard Friedrich) und Orchester der Staatsoper Hamburg gelingt dies sehr eindringlich, mit großen Emotionen, wundervoller Musik und nachdenklich stimmenden, großartigen Bildern.

Die Uraufführung des Requiem von Giuseppe Verdi fand am 22. Mai 1874 in der Kirche San Marco zu Mailand statt. Mit dem originalen Titelzusatz „Per l’anniversario della morte di Alessandro Manzoni XXII Maggio MDCCCLXXIV“ bezieht sich Verdi auf den von ihm zutiefst verehrten 1873 verstorbenen Dichter Alessandro Manzoni, der eine hochangesehene Identifikationsfigur des Risorgimento war, der italienischen Nationalbewegung, deren Vertreter auch Verdi selbst gewesen ist.

Schon im gleichen Jahr führte Verdi das Werk in Paris auf und brachte es 1875 auch nach London und Wien. Die Erstaufführungen in Deutschland fanden im Dezember 1875 in Köln und in München statt, kurz darauf folgte die Erstaufführung in der Dresdner Semperoper.

Wegen des Widmungsträgers bezeichnete man einst Verdis Messa da Requiem als Manzoni-Requiem. Der Begriff war vor allem im deutschen Raum in den Jahren nach den ersten Aufführungen geläufig, wurde jedoch bereits im 20. Jh. nicht mehr verwendet. Umgangssprachlich bedient man sich heute der Bezeichnung Verdi-Requiem, während für Konzertankündigungen häufig der Originaltitel Messa da Requiem eingesetzt wird.

Verdis Messa da Requiem ist, wie Berlioz’ Grande Messe des Morts und Brahms’ Ein deutsches Requiem, ein Requiem, das nicht mehr für den liturgischen Gebrauch, sondern allein für konzertante Aufführungen geschrieben wurde; daher wird es oft ironisch als Verdis beste Oper bezeichnet.

Der Text und der Ablaufplan des Werkes entsprechen fast durchgehend der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdienstes. Es gibt nur wenige Abweichungen davon. Verdi verzichtete nur auf die Vertonung von Graduale und Tractus, fügte jedoch das Responsorium Libera me hinzu. Die Besetzung entspricht einem Opernorchester (ähnlich groß besetzt wie bei seiner Oper Don Carlos) mit vier Solisten (Sopran Maria Bengtsson, Mezzosopran Nadezhda Karyazina, Tenor Dmytro Popov, Bass Gábor Bretz) und dem vierstimmigen oft mehrfach geteilten Chor.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Man bereitete sich intensiv vor an der Staatsoper. Der Chor der Staatsoper Hamburg studierte seit beinahe einem Jahr die 80minütige Totenmesse in lateinischer Sprache auswendig, um zu einem wesentlichen Element der Inszenierung zu reifen. Wochenlang erarbeitete man zusammen mit dem Regieteam um Calixto Bieito die szenische und musikalische Umsetzung. Bei den Proben ging man an den körperlichen Einsatz im Grenzbereich und entwickelte gemeinsam die Umsetzung der extremen musikalischen Emotionen in plausible Bilder und Handlungsweisen. In dieser Auseinandersetzung mit der Musik und dem Tod wurden der Chor und die Figuren in den Mittelpunkt gerückt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod in unserer modernen Welt wurde sehr persönlich in den langen Proben individuell entwickelt und zu einem farben- und kontrastreichen Kaleidoskop zusammengesetzt. Dabei fühlt sich der Betrachter mitgenommen auf eine Fahrt über einen südeuropäischen Friedhof, der durch markante Grabformen und -kammern charakterisiert ist. Unwillkürlich befragt man sich selbst: „Was würde ich mit auf den Friedhof bringen?“ „Wie stelle ich mir den Tod vor?“

Geprägt durch Hoffnung, Wut, Reue, Aggression und Angst lenkt Bieito verschiedene situative Blicke auf die sieben großen Werkteile des Verdi Requiems. Verdi machte keine Vorgabe über die Relationen der Solisten zueinander. Aus den Rollen als Kommentatoren, Beobachtern, Erzählern und Paaren entstehen Menschen mit persönlichen Geschichten, die sogar eine Handlung daraus entwickeln. Es geht dabei um die Trauer zweier Paare (Bass und Sopran; Mezzosopran und Tenor), die den Verlust eines lieben Menschen erfahren; zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind durch einen Autounfall verliert. Sie gibt sich selbst die Schuld an dem Unfall, weil sie das Kind losgeschickt hat. Ihr Mann sagt sie nicht gänzlich von der Schuld frei. Auf jeden Fall schaffen sie es beide nicht mehr, normal miteinander zu leben und gehen daran auf verschiedene Weise zu Grunde. In der wunderbaren Musik Verdis findet man leicht für sich ganz individuelle Berührungspunkte, die mit Hoffnung und einem Ausblick auf die Ewigkeit eng verbunden sind.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Anfangsszene; Nadezhda Karyazina, Dmytro Popov, Maria Bengtsson, Gábor Bretz, Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Anfangsszene; Nadezhda Karyazina, Dmytro Popov, Maria Bengtsson, Gábor Bretz, Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Calixto Bieito kommt mit sechs großen hölzernen, beweglichen, bühnenausfüllenden Gestellen, Grabkammern eines südeuropäischen Friedhofes aus, die sich nach Belieben verschieben und sogar kippen lassen. Der Chor, die Statisten und die vier Solisten sind moderne Menschen in bunter Kleidung, die in einer beweglichen Choreografie die sieben Teile des Verdi Requiems darstellen. Sie erzählen ihre Geschichte von Tod, Trauer und Verzweiflung. Die Betrauerten sind ihre Kinder, die im Hintergrund in Erinnerung mit Bällen spielen, die alte Mutter, die als Geist zwischen den Gestellen über die Bühne schleicht. Der Chor wirkt als eine Art emotionale Verstärkung oder auch als eine Art Antwort aus dem Jenseits. Hoffnung gebend, Bedrohung darstellend, beim Dies Irae den Zorn eingebend; dann sich in den großen Grabfächern versteckend, Leichen herausziehend und zum Ende hin nur noch die Hände aus dem mittlerweile abgesenkten Grabgestell reckend.

Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) soll an dieser Stelle ganz besondere lobende Erwähnung finden, denn diese ungewöhnliche szenische Darstellung des ansonsten konzertant mit Notenblättern vor Augen aufgeführten Werkes fordert die Mitglieder ganz besonders. Wenn sich zum Beispiel der Chor schützend oder ein andermal bedrohend und bestrafend um die Sopranistin schart, auf den Knien rutscht oder gar gänzlich in den Grabkammern verschwindet und dabei noch sauber und präzise, formschön und ausdrucksstark die Emotionen in Verdis Musik auslotet und verständlich über die Rampe bringt. Vorzüglich gelingt das auch im vierten Teil im doppelchörigen Sanctus, wo die Chormitglieder aus dem flach liegenden Grabgestell aus ihren Kammern steigen, die vier Solisten verzweifelt an den Aufhängungsseilen des Gestells ziehen, die Sopranistin herzzerreisend in ihr Solo übergeht und schließlich alle um Erlösung flehen. Bevor das Licht ausgeht und die Sopranistin verbleibt, ziehen sie sich bis auf die aus den Gräbern herausragenden Hände zurück. Lang anhaltende Stille in der Staatsoper, bis der junge Dirigent Kevin John Edusei den Taktstock niederlegt.

 

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hierMaria Bengtsson umringt von Statisten und Chormitgliedern der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hierMaria Bengtsson umringt von Statisten und Chormitgliedern der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

 Ganz wunderbar spielen und singen die Solisten: Allen voran die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson,  international bekannt und erfolgreich an den großen Bühnen in Berlin, Dresden, Wien , Frankfurt, Salzburg und London. Ihre Interpretation ist Weltklasse, wenn sie ihren feinen und samtigen Sopran mit ganz leicht dunkler Färbung für ihre berührenden Emotionen erklingen lässt. Sie überzeugt in allen Facetten ihrer Gesangs- und Schauspielkunst. Die russische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina ist seit 2015 Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg und hat hier bereits einiges Aufsehen erregt in Partien wie Mercédès (Carmen), Maddalena (Rigoletto), Emilia (Otello), Suzuki (Madama Butterfly), Kontschakowna (Fürst Igor), Pauline (Pique Dame), Rosina (Il Barbiere di Siviglia) und Hänsel (Hänsel und Gretel). Mit schön dunkel gefärbtem Mezzo gestaltet sie ihre Rolle souverän und ausdrucksstark, wird dem mörderischen Tonumfang der Partie eindrucksvoll gerecht, lediglich ein paar winzige flackernde Momente in den oberen Registern sind gelegentlich zu hören. Oft liegt sie wunderbar wie ein dunkler Schatten musikalisch unter dem Sopran. Der ukrainische Tenor Dmytro Popov,  der an der Hamburgischen Staatsoper bereits den Don José in Carmen und Alfredo in La Traviata sang, ist gefragter Gast an renommierten Opernhäusern wie dem Royal Opera House Covent Garden in London, der Metropolitan Opera New York, der Deutschen Oper Berlin, der Bayerischen Staatsoper in München, der Oper Stuttgart, der Semperoper in Dresden, der Wiener Staatsoper und dem Opernhaus Zürich. Er singt seine Partie mit klanglich schöner lyrischer Stimme, etwas eng geführt, aber mit schön gebundenen Phrasierungen eindrucksvoll und selbstbewusst. Der in Budapest geborene und international bekannte Bass Gábor Bretz, der dem Hamburger Publikum noch in Erinnerung sein dürfte mit  der Interpretation des Phillipe II in Don Carlos unter der musikalischen Leitung von Renato Palumbo in der überregional beachteten Produktion von Peter Konwitschny, gibt den leidenden und nicht vorwurfsfreien Ehemann der Sopranistin. Sein sicher geführter, gut fokussierter Bass leuchtet dunkel umhüllt mit strahlendem Kern und strömenden Legato. Es gelingt ihm besonders gut, seine vorhandene Schwärze in der Stimme zurückzunehmen und Verdis gewünschten Farbreduzierungen gerecht zu werden. Mühelos meistert er die Anforderungen seiner Partie.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter dem fabelhaften Dirigenten Kevin John Edusei, der zu den herausragenden Dirigenten der jungen Generation zählt, spielt Verdis Musik mit großer Leidenschaft. Als viel beachteter Chefdirigent der Münchner Symphoniker und seit Beginn der Spielzeit 2015/16 als Chefdirigent am Konzert Theater Bern folgen die Musiker bereitwillig und äußerst aufmerksam  seiner berührenden Interpretation von Verdis letztem Werk. Anders als in Verdis Opern muss man die musikalischen Färbungen zurückhalten, was Kevin John Edusei in ganz hervorragender Weise gelingt. Schnörkellos und geradlinig erscheinen seine Tempi, raumfüllend und satt mit wunderbarer Dynamik die bekannten Stellen des Dies Irae, den Chor und die Solisten nie abdeckend. Die drei Stellen des Dies Irea sind aus der Musik des Otellos entwickelt und musikalisch wie ein Michelangelo gemalt. Mit wunderbar trockenen Schlägen setzt das Orchester dies beinahe so, wie in der berühmten Aufnahme mit Toscanini von 1951 um. Die seufzenden Klarinetten im Rex tremendea ähneln ganz wunderbar der Musik aus Verdis Don Carlos. Die leisen Stellen geraten ganz besonders feinfühlig und stimmungsvoll. Auch beim Recordare gelingt ihm die klangliche und musikalische Feinabstimmung zwischen den Solisten ganz besonders erfüllend. Berührend beim Lux aeterna, wo alle Todesszenen aus Verdis verschiedenen Opern in einer Szene zusammengefasst werden und das niederschmetternde Finale im Responsorium eingeleitet wird. Selten hat man das Orchester in der nicht unkomplizierten Akustik des Opernhauses so inspiriert wahrgenommen.

Das Premierenpublikum reagierte anfänglich mit Stille und Betroffenheit dem frenetischer Applaus und Bravorufen für alle Mitwirkenden folgte, besonders für den Chor der Staatsoper Hamburg. Wenige Buh-Rufe für Regisseur Calixto Bieito lächelt dieser angemessen höflich weg.  Messa da Requiem: Ein großartiger Abend in der Staatsoper Hamburg.

Messa da Requiem an der Staatsoper Hamburg: Weitere Vorstellungen, die man sich nicht entgehen lassen sollte sind am 14.3., 17.3., 20.3., 23.3., 27.3., 31.3.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Italienische Wochen 11.3. – 17.4.2018, IOCO Aktuell, 08.03.2018

März 8, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

 

„Gemeinsam in die Oper“

Italienische Wochen – Messa da Requiem bis Tosca

11.3. – 17.4.2018 an der Staatsoper Hamburg  

Vom 11.3. bis 17.4.2018  feiert die Staatsoper Hamburg mit Produktionen wie dem Verdi Requiem, La Traviata, Rigoletto, Aida, Puccinis Tosca und Madame Butterfly die  „Italienischen Wochen“. Mit hochkarätigen Besetzungen möchte die Staatsoper  lokal wie international musikalische und künstlerische  Akzente setzen

IOCO wird die Italienischen Wochen der Staatsoper aktiv begleiten: Patrik Klein wird für IOCO von der Premiere Messa da Requiem von Giuseppe Verdi (Regisseur Calixto Bieito, 11.3.2018) und über Tosca von Giacomo Puccini, 17.4.2018, mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann berichten.
Zusätzlich werden Rolf Brunckhorst mit  Riccardo Massi, dem Cavaradossi in Tosca und Patrik Klein mit Sopranistin Maria José SiriCio-Cio-San in Madame Butterfly über ihre beiden Aufführungen in Hamburg sprechen.

Teatro La Fenice in Venedig / Giuseppe Verdis La Traviata wurde hier am 6. März 1853 uraufgeführt © IOCO

Teatro La Fenice in Venedig / Giuseppe Verdis La Traviata wurde hier am 6. März 1853 uraufgeführt © IOCO

Pressemitteilung der  Staatsoper Hamburg 

Die Staatsoper Hamburg präsentiert erstmals und mit freundlicher Unterstützung durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper die Italienischen Opernwochen vom 11. März bis 17. April 2018.

Von 11. März bis 17. April 2018 spielt die Staatsoper Hamburg aus ihrem großen reichhaltigen Repertoire an italienischen Opern bekannte Werke, die in den Hauptpartien mit weltweit renommierten Sängerinnen und Sängern in herausragender Qualität besetzt sind. Auftakt der Italienischen Opernwochen soll auch in Zukunft in jeder Spielzeit eine Neuinszenierung sein: Zur ersten Ausgabe ist dies die szenische Umsetzung von Giuseppe Verdis Messa da Requiem in der Inszenierung von Calixto Bieito und unter der Musikalischen Leitung von Kevin John Edusei am 11. März. Es singen und spielen Maria Bengtsson (Sopran), Nadezhda Karyazina (Mezzosopran), Dmytro Popov (Tenor) und Gábor Bretz (Bass).

Maria Jose Siri © Victor Santiago

Maria Jose Siri © Victor Santiago

Es wird im Rahmen der Italienischen Opernwochen Giacomo Puccinis Madama Butterfly unter der Musikalischen Leitung von Carlo Rizzari am 13. und 16. März zu erleben sein. Als Cio-Cio San ist María José Siri und als Pinkerton Marcelo Puente besetzt.

Weiterhin steht Giuseppe Verdis La Traviata ebenfalls unter der Musikalischen Leitung von Maestro Carlo Rizzari am 15., 18. und 22. März auf dem Spielplan. Als Violetta Valery ist Dinara Alieva, als Alfredo Germont Dovlet Nurgeldiyev und als Giorgio Germont Markus Brück zu erleben.

Giuseppe Verdis Aida ist mit Elena Zhidkova als Amneris, Kristin Lewis als Aida, Marco Berti als Radamès und Roberto Frontali als Amonasro am 25. und 28. März sowie am 5., 11. und 14. April brilliant besetzt. Am Pult steht Renato Palumbo.

Giacomo Puccinis Meisterwerk Tosca unter der Musikalischen Leitung von Pier Giorgio Morandi ist in drei Serien exzellent besetzt. In Serie eins steht als Floria Tosca Angela Gheorghiu am 21., 24. und 29. März auf der Staatsopernbühne. Ihr zur Seite steht Riccardo Massi als Mario Cavaradossi. In Serie zwei verkörpert am 4. und 7. April Tatiana Serjan Floria Tosca und Jorge de Leon Mario Cavaradossi. Die dritte Besetzungsvariante am 17. April ist mit Anja Harteros als Floria Tosca und Jonas Kaufmann als Mario Cavaradossi der Abschluss der Italienischen Opernwochen. In allen drei Besetzungsvarianten ist Scarpia mit Franco Vassallo besetzt. Die Vorstellung am 17. April 2018 ist bereits ausverkauft.

Das 7. Philharmonisches Konzert mit Werken von Puccini, Respighi, Busoni und Berio unter der Musikalischen Leitung von Alejo Pérez ist in die Italienischen Opernwochen integriert. Es spielt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, es singen die Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Beide Konzerte in der Elbphilharmonie am 18. und 19. März 2018 sind bereits ausverkauft. PMStOHH

Programm –  Italienische Wochen 11.3. – 17.4.2018

Sonntag, 11. März 2018: Eröffnung und Premiere Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Dienstag, 13. März 2018: Giacomo Puccini: Madama Butterfly

Mittwoch, 14. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

 Alphonsine Plessis Grabmal in Paris, die Kameliendame, welche in Giuseppe Verdis La Traviata zu Violetta wurde © IOCO

Alphonsine Plessis Grabmal in Paris, die Kameliendame, welche in Giuseppe Verdis La Traviata zu Violetta wurde © IOCO

Donnerstag, 15. März 2018: Giuseppe Verdi: La Traviata

Freitag, 16. März 2018: Giacomo Puccini: Madama Butterfly

Samstag, 17. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Sonntag, 18. März 2018: Giuseppe Verdi: La Traviata

Sonntag, 18. März 2018, Elbphilharmonie: 7. Philharmonisches Konzert (ausverkauft)

Montag, 19. März 2018, Elbphilharmonie: 7. Philharmonisches Konzert (ausverkauft)

Dienstag, 20. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

 Riccardo Massi - Cavaradossi © Benjamin Ealovega

Riccardo Massi – Cavaradossi © Benjamin Ealovega

Mittwoch, 21. März 2018: Giacomo Puccini: Tosca

Donnerstag, 22. März 2018: Giuseppe Verdi: La Traviata

Freitag, 23. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Samstag, 24. März 2018: Giacomo Puccini: Tosca

Sonntag, 25. März 2018: Giuseppe Verdi: Aida

Dienstag, 27. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Mittwoch, 28. März 2018: Giuseppe Verdi: Aida

Donnerstag, 29. März 2018: Giacomo Puccini: Tosca

Samstag, 31. März 2018: Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Mittwoch, 4. April 2018: Giacomo Puccini: Tosca

Donnerstag, 5. April 2018: Giuseppe Verdi: Aida

Freitag, 7. April 2018: Giacomo Puccini: Tosca

Mittwoch, 11. April 2018: Giuseppe Verdi: Aida

Samstag, 14. April 2018: Giuseppe Verdi: Aida

Dienstag, 17. April 2018: Giacomo Puccini: Tosca (ausverkauft)

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