Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere AIDA, 30.11.2019

November 8, 2019 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

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AIDA  –  Giuseppe Verdi

vier Akte und sieben Bildern // Libretto von Antonio Ghislanzoni nach einem  Auguste Mariette Bey und einem Szenarium von Camille du Locle

PREMIERE     Samstag 30.11.19, 19:30 Uhr

Verbotene Liebe in Zeiten des Krieges, so ließe sich die Handlung von Giuseppe Verdis Aida knapp zusammenfassen. Genauer gesagt, ist damit die Ausgangssituation umrissen, denn mit welcher Meisterschaft es der große Italiener vermag, infolgedessen seine Hauptfiguren in ausweglose Situationen zu bringen und sie dennoch mit Liebe und Mut auszustatten, ist schlichtweg atemberaubend. Besonders, was das musikalische Gefühlsbarometer angeht, versteht sich. Nicht umsonst zählt Verdis drittletzte Oper zu den populärsten überhaupt. Ausgelöst durch die Umstände der Uraufführung und die Wünsche des Auftraggebers – kein Geringerer als der Khedive (Vizekönig) von Ägypten trat 1870 an Verdi heran, um eine Oper »im ägyptischen Stil« zu bestellen – war Aida von jeher mit dem Pomp einer einschlägigen Ausstattung behaftet; kaum eine andere Oper weckt wohl bei vielen Opernliebhaber* innen so konkrete Bilder wie diese. Gleichwohl pulsiert im Schatten der großen Chorszenen ein auf den Punkt gebrachtes Kammerspiel, an dem nur wenige Figuren beteiligt sind – doch für die geht es um das große Ganze: die äthiopische Prinzessin fristet – incognito – ein Leben als Sklavin am feindlichen Hof des ägyptischen Pharaos. Ihre heimliche Liebe gilt Radames, dem erfolgreichen Hoffnungsträger des ägyptischen Militärs, auf den auch Prinzessin Amneris ein Auge geworfen hat. Ausgerechnet er wird ausgesandt, um Äthiopiens Truppen unter dem Befehl von Aidas Vater Amonasro zu bekämpfen. Zu Aidas Entsetzen gelingt den Ägyptern der Sieg; zugleich ist sie froh, dass Radames überlebt hat. Als sie unter den Gefangenen auch ihren Vater erblickt, ahnt sie allerdings nicht, dass der sie seinerseits
zum Instrument machen will, um den so verhassten wie überlegenen Feind doch noch zu besiegen. Aida droht, zwischen der Liebe zu Radames und zu ihrem Vater zermalmt zu werden.

Ebendiese Angst und Ausweglosigkeit, die sich bei Aida in einer Todessehnsucht Luft macht, ist das Epizentrum, um das sich für Regisseurin Nadja Loschky und ihr Team (Ulrich Leitner, Bühne; Irina Spreckelmeyer, Kostüme) Verdis Musikdrama dreht. Sie erzählen Aidas Schicksal stets aus ihrer Perspektive und folgen dabei zugleich einer inneren wie der äußeren Handlung, ganz wie es dieses packende Musikdrama nachdrücklich einfordert. In der Titelrolle ist die britische Sängerin Elizabeth Llewellyn zu Gast, als Radames ist Arthur Shen zu erleben. Aus dem Bielefelder Ensemble stehen ihnen mit Katja Starke (Amneris), Moon-Soo Park (Ramphis), Evgueniy Alexiev (Amonasro) und Yoshiaki Kimura (die Stimme des Königs) bewährte Hauptfigurendarsteller* innen gegenüber. Aida ist zugleich eine dankbare Aufgabe für den Bielefelder Opernchor und den Extrachor (Ltg. Hagen Enke) sowie selbstredend für
die Bielefelder Philharmoniker. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von
GMD Alexander Kalajdzic.

Die nächsten Termine 07.12., 12.12., 22.12., 27.12., …
Karten www.theater-bielefeld.de / T. 0521 51-5454

MUSIKALISCHE LEITUNG
Alexander Kalajdzic, geboren in Zagreb, Kroatien, begann seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks.

Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent des Nationaltheaters Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien. Alexander Kalajdzic ist sowohl in der Oper als auch im Konzertbereich gefragt. Sein Repertoire reicht vom frühen Barock bis zur Moderne, wobei sein besonderes Interesse der französischen Musik gilt. So führte er fast das gesamte Orchesterwerk von Ravel und Debussy mehrmals auf. Auch war er lange Zeit als Liedbegleiter und Kammermusiker aktiv und hatte bis vor kurzem einen Lehrstuhl für Orchestererziehung in Zagreb inne. Alexander Kalajdzic leitet als GMD seit Spielzeitbeginn 2010/11 die musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Nadja Loschky studierte Musiktheaterregie an der HfM »Hanns Eisler« in Berlin. Parallel zu ihrem Studium assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky Verdis La Traviata und Rossinis Der Barbier von Sevilla an den Städtischen Bühnen Osnabrück, sowie Faust von Charles Gounod am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper Mikropolis von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin. Im Jahr 2012 entstanden Inszenierungen von Brittens A Midsummer Night’s Dream am Staatstheater Kassel, Mozarts Entführung aus dem Serail am Theater Heidelberg sowie der Familienoper Die Schatzinsel (Frank Schwemmer) am Opernhaus Zürich, denen 2013 Verdis Simon Boccanegra am Theater Aachen und Händels Alcina am Luzerner Theater folgten. 2014 führte sie Mozarts Così fan tutte erneut ans Theater Heidelberg und mit Madama Butterfly inszenierte sie am Theater Bielefeld ihre erste Puccini-Oper. Für diese Produktion wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr arbeitete sie erneut am Opernhaus Zürich und brachte Christian Josts Rote Laterne zur Uraufführung. Anschließend inszenierte sie Boieldieus selten gespielte Oper La dame blanche am Oldenburgischen Staatstheater und Mozarts Le nozze di Figaro am Theater Heidelberg. 2016 präsentierte sie sich erneut am Luzerner Theater, diesmal mit einer Interpretation von Bellinis Oper Norma. Für ihre im gleichen Jahr entstandene Produktion Death in Venice von Benjamin Britten am Theater Bielefeld erhielt sie im Jahresheft der Fachzeitschrift »Opernwelt« eine Nominierung in der Kategorie »Beste Regie«. Zu Beginn der Spielzeit 2016/17 inszenierte sie Verdis Macbeth am Oldenburgischen Staatstheater, dem Zingarellis Giulietta e Romeo am Barocktheater Schwetzingen folgte. Mit Monteverdi L’incoronazione di Poppea kam es im Frühjahr 2017 zu einer weiteren Arbeit am Theater Bielefeld, 2018 gab sie ihr Regiedebüt an der Oper Graz mit Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas. In derselben Spielzeit wurde Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld, wo sie Rihms Jakob Lenz inszenierte und dort im Anschluss die Spielzeit 2018/2019 mit Verdis La Traviata eröffnete. Im Frühjahr 2019 debütiert sie an der Oper Köln mit Dvoraks Märchenoper Rusalka und im Juni desselben Jahres war ihre Interpretation von Offenbachs Orpheus in der Unterwelt am Theater Bielefeld zu sehen. Neben ihrer Regietätigkeit ist sie projektbezogen auch als Dozentin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« sowie der »UDK« Berlin tätig. Nadja Loschky hat ab der Spielzeit 2019/20 die künstlerische Leitung des Musiktheaters am Theater Bielefeld übernommen.

BÜHNE
Ulrich Leitner wurde 1976 in Linz geboren. Nach dem Abitur und einer Tischlerlehre studierte er Bühnenbild bei Erich Wonder an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und Szenenbild bei Lothar Holler an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam Babelsberg. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Bühnen- und Kostümbildner unter anderem am Theater Bremen, Schauspiel Essen, Staatstheater Braunschweig, Theater Münster, Theater St. Gallen, Vereinigte Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, Hebbel am Ufer Berlin, Theater Heidelberg und dem Saarländischen Staatstheater mit RegisseurInnen wie Martin Schulze, Thomas Ladwig, Johannes von Matuschka, Nora Somaini, Johanna Weißert und Kathrin Mädler. Mit Nadja Loschky arbeitet er seit 2014/15 regelmäßig zusammen. Am Theater Bielefeld realisierten sie bereits Brittens Death in Venice und Rihms Jakob Lenz gemeinsam.

KOSTÜME Irina Spreckelmeyer absolvierte ihr Bachelorstudium im Fach Kostümbild bei Prof. Maren Christensen an der Hochschule Hannover. An der Universität der Künste Berlin setzte sie 2016 ihr Master-Studium bei Florence von Gerkan fort. Gemeinsam mit Regisseur Andreas Kriegenburg und der Kostümbildnerin Andrea Schraad war sie seit 2013 für die Produktionen Sklaven am Deutschen Theater Berlin und Così fan tutte an der Semperoper Dresden verantwortlich sowie für Don Juan kommt aus dem Krieg bei den Salzburger Festspielen, María de Buenos Aires am Theater Bremen, Die Frau ohne Schatten an der Hamburgischen Staatsoper und Der Spieler am Residenztheater in München. 2017 entwarf sie am Schauspiel Frankfurt die Kostüme für Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Drei Tage auf dem Land. Seit 2017 arbeitet sie regelmäßig mit Regisseurin Nadja Loschky zusammen.

BESETZUNG
Der König (Stimme) Yoshiaki Kimura, Der König (Hände) Kjell Brutscheidt, Lena Paetsch, Der König (Gestalt) Steffen Seithel, Ramphis Moon Soo Park, Aida Elizabeth Llewellyn, Radames Arthur Shen, Amneris Katja Starke, Amonasro Evgueniy Alexiev, Tempelsängerin Elena Schneider, Bote Vladimir Lortkipanidze, Double Aida Diana Marie Müller

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, ARIANE und BLAUBART – Paul Dukas, 02.03.2019

Februar 6, 2019 by  
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Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

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ARIANE und BLAUBART  –  Paul Dukas

Premiere Sa. 02.03.19 um 19:30 Uhr im Stadttheater

»Es war einmal ein Mann, der hatte unermesslichen Reichtum, aber unglücklicherweise einen blauen Bart. Das machte ihn so hässlich und abschreckend, dass alle Frauen und Mädchen vor ihm flohen …« 1697 schrieb Charles Perrault das Märchen vom Ritter Blaubart auf: Er bringt jede seiner Ehefrauen um und entsorgt ihre Leiche in eine Kammer seines Schlosses, die zu betreten er der jeweils nächsten Frau untersagt – wiewohl er ihr den Schlüssel dazu aushändigt. Viele (Bühnen-) Bearbeitungen des Märchens zeugen seitdem von seiner Brisanz, u. a. von Jacques Offenbach oder Béla Bartók.

Für den Komponisten Paul Dukas entwarf der belgische Dichter Maurice Maeterlinck um 1901 ein Blaubart-Drama, in dem die bisherigen fünf Ehefrauen gar nicht tot, sondern nur eingesperrt sind und von der sechsten gefunden werden. Weniger die pragmatische Überlegung, dass lebendige Frauen auf der Opernbühne glaubwürdiger singen als tote, dürfte ihn dabei interessiert haben, als vielmehr das Schicksal der Eingesperrten aus der Perspektive einer starken, weiblichen Retter- Persönlichkeit. Blaubart selbst rückt dabei in den Hintergrund und wird ganz en passant vom Vorwurf des Serienmords freigesprochen (das Gerücht davon umgibt ihn aber dennoch).

Theater Bielefeld / Ariane und Blaubart hier_ Sarah Kuffner ist Ariane © Philipp Ottendoerfer

Theater Bielefeld / Ariane und Herzog Blaubart hier_ Sarah Kuffner ist Ariane © Philipp Ottendoerfer

HANDLUNG: Ariane betritt als Braut die Burg des Herzogs Blaubart, begleitet von ihrer Amme. Hinter der einzigen ihr verbotenen Tür, die sie umso zielsicherer ansteuert, trifft Ariane auf ihre Vorgängerinnen: fünf eingesperrte Frauen, die mehr tot als lebendig vor sich hin vegetieren. Auch wenn Blaubart anders als in vergleichbaren Opern – etwa von Béla Bartók – kaum in Erscheinung tritt: Sein mächtiges Ich ist in jedem Raum seiner Burg präsent und lastet zentnerschwer auf den Frauen. Jede mit ihrer eigenen Geschichte, jede vom Todesurteil des Herzogs bedroht. Ariane gewinnt ich Vertrauen und verleiht ihnen die Kraft zum gemeinsamen Widerstand. Mit dem Selbstbewusstsein ihrer antiken Namensschwester Ariadne ausgestattet, die dem Geliebten den Ausweg aus dem Labyrinth des grausamen Minotaurus wies, hat Ariane den Mut und den Intellekt, es mit dem nahezu unsichtbaren Gegner aufzunehmen.

Paul Dukas, berühmt für seine symphonische Dichtung Der Zauberlehrling, gelang mit seiner 1907 uraufgeführten Oper Ariane et Barbe-Bleue eine dunkel-sinnliche und atmosphärisch dichte Vertonung des bekannten Märchenstoffs. Kein Geringerer als Maurice Maeterlinck formte hieraus ein Libretto, das erstaunlich aktuelle Themen berührt. Dukas’ Tonsprache übertrifft zuweilen noch die vor Farben nur so sprühenden Opernpartituren seines Lehrers Alexander Zemlinsky und verleiht der berührenden Befreiungsgeschichte immer wieder geradezu rauschhafte Momente.

Originaltitel: Ariane et Barbe-Bleue // Oper in drei Akten von Paul Dukas // Libretto von Maurice Maeterlinck // In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Originaltitel: Ariane et Barbe-Bleue // Oper in drei Akten von Paul Dukas // Libretto von Maurice Maeterlinck // In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln Musikalische Leitung Alexander Kalajdzic Inszenierung Andrea Schwalbach Bühne und Kostüme Nanette Zimmermann Choreinstudierung Hagen Enke, Dramaturgie Jón Philipp von Linden, Mit Nohad Becker, Yoshiaki Kimura, Melanie Kreuter, Sarah Kuffner, Hasti Molavian, Dorine Mortelmans, Moon Soo Park, Dumitru-Bogdan Sandu, Katrin Schyns, Katja Starke, Bielefelder Opernchor, Bielefelder Philharmoniker

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.07.2018

Juli 15, 2018 by  
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Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

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DAS RHEINGOLD – Richard Wagner

– Lieblose Love-Parade –

Von Hanns Butterhof

Das Theater Bielefeld hat sich statt des ganzen Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner des Vorabends Das Rheingold angenommen und ist damit gleich bei der Götterdämmerung angekommen. In Mizgin Bilmens Inszenierung haben auch die  Götter der Liebe entsagt und sind nicht wert, gerettet zu werden. In den Mittelpunkt der Aufführung stellt Bilmen den leidenden Mensch.

 – Bielefelder Rheingold diagnostiziert den Untergang des Abendlandes –

Immer geschunden, fremdbestimmt und ausgebeutet ist der Mensch ohne Unterlass auf der Bühne des Theaters Bielefeld anwesend. Mizgin Bilmen hat ihm die Form einer Gruppe von Erdenwürmern gegeben. In schlammigen, schrundigen Ganzkörpertrikots (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) liegen sie schon zur Ouvertüre zum Rheingold auf dem Grund des Rheins. Hier wie überall ist der Mensch das eigentliche Gold, der Reichtum der Welt. Das wird deutlich, als Alberich (Yoshiaki Kimura), der von den Rheintöchtern (Nohad Becker, Hasti Molavian, Nienke Otten) geneckte und verschmähte Zwerg, aus einem dieser Erdlinge Goldstaub herauswühlt, bevor er ihn dann über die Schulter wirft und, der Liebe finster entsagend, zum Gewinn der Weltherrschaft aufbricht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

In seinem unterweltlichen Nifelheim sind diese Erdlinge dann zu einer Maschine geworden. Sie wird von Alberichs Bruder Mime (Lorin Wey) gewartet, ist zwar nicht selber aus Gold, produziert es aber wohl. Alberich beherrscht sie mit seinem inzwischen aus dem Rheingold geschmiedeten Ring, einem goldenen Schlagring. Auf seinen Wink hin malträtieren sie Mime, der einen Tarnhelm für sich statt für Alberich anfertigen wollte. Und sie machen, szenisch sehr überzeugend, Alberich unsichtbar und bilden die Schlange, in die er sich verwandelt. Wenn sie ihn ungeschützt lassen, als er die Gestalt einer Kröte annimmt, wird ihm das zum Verhängnis.

Später finden die Erdlinge – diesmal wieder unmittelbar als Nibelungengold – noch Verwendung dafür, die Göttin Freia (Melanie Kreuter) vor den Blicken der merkwürdig militärisch mit Gewehren ausstaffierten Riesen Fafner (Sebastian Pilgrim) und Fasolt (Moon Soo Park) zu verbergen. Nachdem Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold erschossen hat, lässt er – ebenfalls merkwürdig – bis auf einen die Erdlinge liegen, aus denen dann die Götter wieder Goldstaub herauswühlen. Den schmieren sie sich selbstverliebt überall hin und bewerfen sich kindisch damit, um sich dann eines hübschen Goldregens aus dem Schnürboden zu erfreuen.

Das ist nicht alles ganz stimmig,  lässt aber vielfältige Assoziationen über den Wert des Menschen als Täter und Opfer in der Welt zu, bevor man sich den Tätern und der Welt des Rheingold zuwendet.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Dass Krieg in dieser Welt ist, illustriert eine immer schneller laufende Videoprojektion (Video: sputnic/Malte Jehmlich) mit Bombenexplosionen, Geschützfeuer, menschenfeindlicher Dürre und ertrunkenen Flüchtlingen bei der rasenden Fahrt Wotans (Frank Dolphin Wong) und seines Helfers Loge (Alexander Kaimbacher) in die Unterwelt Nibelheims, wo sie Alberich den Nibelungen-Goldschatz abluchsen wollen. Inwieweit sie alle Schuld an diesem Zustand der Welt tragen, sei es dadurch, dass Wotan einen Ast von der Weltesche abgebrochen oder  Alberich das Rheingold geraubt hat, wird nicht näher beleuchtet und kümmert sie auch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Auch in der Götterwelt hat weder die Liebe noch die Mitmenschlichkeit ihren Platz. Und so lieblos, wie die Götter miteinander umgehen, verfährt auch die Regie mit ihnen. Sie sind eindimensionale Charaktermasken, die mit ihrer Schutzburg Walhall das Elend der Welt von ihrer Spaßgesellschaft fernhalten wollen. In ihren weißen, pornochicken Fantasiekostümen sehen sie aus, als entstammten sie einem Themenwagen der Love-Parade. Sie sind recht eigentlich schon Personal der Götterdämmerung, gleichsam Gibichungen mit Wotan als einem vorweggenommenen Gunter. Er ist in seinem weißen Pelzfummel, der klunkerbesetzten Offiziers-Schirmmütze und dem wie eine Vorhangstange dünnen, mit traurigen Fransen besetzten Speer ein aufgeblasener, verantwortungsloser  Hohlkopf. Ohne seine hand- und kopfarbeitenden Helfer wie die Riesen und Loge bringt er nichts zustande. Seine Frau Fricka (Sarah Kuffner) – hohe weiße Stiefel, knappe Pants und Push-Ups – ist eine rechte Blondine. Sie hat außer den ehelichen Pflichten ihres Gatten und dem Geschmeide, das man aus dem Rheingold anfertigen könnte, nichts im Kopf. Ähnlich flach sind die restlichen Götter, Froh (Lianghua Gong) mit schmuckem Federkopfputz und Donner (Evgueniy Alexiev), dem zwar der Hammer fehlt, den aber die Hörner eines Schafbocks zieren. Kaum um ihrer selbst willen sorgen sich alle um Freia (Melanie Kreuter), trägt sie doch in einem Terrarium den Bonsai-Garten mit den Äpfeln auf ihrem Rücken, deren Verzehr den Göttern Kraft und Jugendlichkeit verleiht. Sie ist für sie so unentbehrlich wie Kokain für Investment-Banker oder Ecstasy für Discogänger. Walhall, eine kaltes, leeres Stahlgerüst eines Hochhauses in erheblicher Schieflage (Bühne: Cleo Niemeyer) ist jetzt schon dem Untergang geweiht, nur diesen Göttern dämmert das noch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Loge, der klarsichtige, aber allen Herren dienstbare Intellektuelle, sieht das Ende, das die eindrucksvoll aus der Masse der Erdlinge aufsteigende und ihnen eine Stimme gebende Erda (Katja Starke) den tauben Ohren der Götter prophezeit hatte. Wer mit den Göttern gemeint ist und wem die klare Botschaft gilt, macht die Regie am Ende mit einem bewährten Stilmittel deutlich: Zum Einzug der Götter in Walhall fährt eine Batterie starker Scheinwerfer herab und leuchtet schmerzlich ins Publikum – damit ihm vielleicht doch noch rechtzeitig ein Licht aufgeht.

Gesungen wird durchweg ordentlich, wenn auch nicht immer sehr textverständlich. Aus dem Ensemble ragen der darstellerisch und gesanglich äußerst bewegliche Tenor Alexander Kaimbacher, Sarah Kuffner mit klarem Sopran und Katja Starke mit vollem, geerdetem Mezzo heraus.

Alexander Kalajdzic dirigierte die etwas rauh klingenden Bielefelder Philharmoniker sängerfreundlich und flott, ohne mit großen Melodiebögen den Wagner-Sog zu entfalten, wohl ganz im Sinne der auf Einsicht statt auf Genuss zielenden, nur in Details differenzierten Regie Mizgin Bilmens.

Das Bielefelder Rheingold hat den Weg zur Götterdämmerung kurzgeschlossen, sich den Weg über den Hoffnungsträger Siegfried gespart und ist schlüssig auch zu dem Ergebnis gelangt, dass die Welt von uns Göttern nicht mehr zu retten ist und das weiße, männlich geprägte Abendland untergehen wird. Mit dieser Diagnose, die Wagners ästhetischer Komplexität nicht voll gerecht wird, steht das Bielefelder Rheingold  nicht allein.

Das Rheingold von Richard Wagner; besuchte Aufführung: 10.7.2018; zur Zeit sind keine weiteren Aufführungen geplant.

—| IOCO Kritik Theater Bielefeld |—

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