Mainz, Staatstheater Mainz, Saul von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 27.09.2017

September 27, 2017 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

SAULOratorium von Georg Friedrich Händel

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Ein interessanter Saisonstart 2017/18: Das Mainzer Staatstheater beginnt die neue Spielzeit mit einem Oratorium von Georg Friedrich Händel. Saul – in der Regel eher konzertant aufgeführt – wird hier szenisch präsentiert. Mehr als jedes vorangehende Werk Händels symbolisiert es eine Verbindung von Oper, Kirche und Konzert und auch die Instrumentation ist ungewöhnlich: Harfe, Carillon (Turmglockenspiel, großes Glockenspiel bzw. Röhrenglockenspiel), Posaunen, große Trommeln neben den üblichen Orchesterinstrumenten. Es gibt lange Instrumentalpassagen, die Orgel steht für das kirchliche Moment und der Chor – ähnlich der antiken Tradition – ist dramatischer Bestandteil, der die Handlung vorantreibt und zugleich kommentiert. Diese Mainzer Inszenierung ist eine Übernahme vom Staatstheater Oldenburg, wo die Premiere 2012 stattfand.

Das barocke Bühnenbild nebst Kostümen (Katharina Schlipf und Ursula Kudrna) assoziiert die Epoche Händels, in der Opulenz und Vergnügen das vorherrschende Lebensgefühl waren, zumal am Hofe. Sauls Hofstaat lässt es sich gut gehen, gibt sich unter den kritischen Blicken des Königs zufrieden und saturiert. Saul, Derrick Ballard ist ein gefälliger Herrscher, thront wahrhaftig über allem auf einer Art goldenen Empore, die unter sich immer wieder den roten Vorhang lüftet und so zu einem handlungstragendes Element wird. Da kehrt David – wie es sich für einen Kriegsherrn gehört, als lebendes Reiterdenkmal – zurück und nichts wird mehr sein wie zuvor. Saul verkraftet den Erfolg des jungen David nicht, Neid zersetzt ihn, fatal wird es am Ende für das gesamte Gemeinwesen – den Staat.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Die Auflösung der dünnen zivilisatorischen Schicht zeigt Regisseurin Lydia Steier sehr anschaulich: Die Wände, die Barockmöbel und Kissen, ehemals gepflegte Umgebung, werden demontiert und wie in einem kollektiven Rausch – und (leider) recht geräuschvoll – zerstört. Die Chormitglieder reißen sich die Perücken vom Kopf, entkleiden sich auch gegenseitig bis auf die Unterwäsche und legen dabei jedes standesgemäße Verhalten ab. Tatsächlich zwängen die barocken Kostüme das Individuum in ein „Korsett“, doch dieses steht im wahrsten Sinne für Haltung bzw. für das Erfassen der „Kraft, die Kleidung verleihen kann…“. (Jil Sanders prägnanter Ausspruch ist zwar auf das gegenwärtige mangelnde Bewusstsein und Wissen um Wirkung von Kleidung gemünzt, aber nichtsdestotrotz für alle Epochen gültig). Mit den entsorgten Kleidern gehen die Sitten über Bord: Die Moral ist kein gesellschaftlich einendes Band mehr. Am heftigsten bekommt das Sauls Sohn zu spüren, der Werte hochhält und einen Rest an äußerlicher Würde zu wahren versucht, für die Masse aber ein veritables Opfer und somit angreifbar wird. Steven Ebel ist ein berührender Jonathan, dessen Misshandlung durch den Chor einen Buhruf provozierte.

Am Ende ist Sauls Sippschaft tot, sein Neid auf David hat sie alle das Leben gekostet. Sauls Niedergang beginnt im Abstieg, d.h. beim Verlassen der Empore, die bei der Demontage einen blauen Container freigibt. Seine Kleidung weist ihn noch als König aus, aber sie wirkt deplatziert, sie kaschiert nur mühsam seine Gewaltbereitschaft und den Hass auf den Emporkömmling David, den das Volk verherrlicht. Für seine Töchter Merab – von Marie-Christine Haase intensiv gespielte Widerborstigkeit – und Michal führen Sauls Exzesse zu Desillusion und Verzweiflung.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Michal, die zwar ihren David bekommt, aber letztlich nicht mit ihm ihr Glück erfahren wird, erhängt sich zuletzt im Container. Derweil nimmt David obenauf Platz. Ihr Tod – Dorin Rahardja gibt eine aus der Zeit gefallene Frau, ohne Hoffnung auf Hilfe – markiert eine neue, äußerlich zumindest wenig glanzvolle, Ära: Davids Thron ist ein weißer Plastikstuhl. Allerdings wird er nicht mehr wie Saul von den Neidfiguren  gepiesackt – aber worauf sollte man auch neidisch sein?!

Aus dem opulenten Chor ist eine einheitliche Masse geworden: in dunklen Anzügen und mit schwarzen, streng wirkenden Brillen ausgestattet – man müsste eher von „bewaffnet“ reden, zu deutlich drücken sie die neue Macht und Zugehörigkeit aus. Eine Technokratie, die ihren Herrn im geschmeidigen David, von Alin Deleanu eher düster angelegt, gefunden hat. Es ist „moderner“, keineswegs besser geworden – im Gegenteil.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Die Musik behauptet unbedingt den Glauben an Besserung und an eine hoffnungsfrohe Zukunft, was das zupackende Dirigat von Andreas Spering nachdrücklich unterstreicht. Der Chor und Extrachor des Staatstheater Mainz unter der Führung von Sebastian Hernandez-Laverny leistet darstellerisch wie gesanglich herausragendes und erhielt großen Zuspruch vom Publikum. Dass sich in diesem Punkt, eine in sich schlüssige und gelungene Inszenierung nicht mit der Musik verbündet, ja übereinstimmt, ist ein kleiner Wehmutstropfen. George Frideric Handel, so sein Name auf dem englischen Einbürgerungsantrag von 1727, war sich der Virtuosität, Kraft und Wirkungsmacht seiner Musik sicher.

Weitere Mitwirkende sind Alexander Spemann (Hexe von Endor), Georg Lickleder (Samuel), Augustín Sánchez Arrelano (Abner), Dennis Sörös (Bass im Terzett), Tänzer (Neidfiguren mit Hakennasen und Hörnchen auf den kahlen Schädeln) verkörpert von David Krohn, Lászlo Nágy, Léonard Schindler, Carolina Völker und Miro Yilmaz (Kind) und die Kinderstimme von Band gehört Florian Scholz, der ein Mitglied des Mainzer Domchors ist. Großer Applaus.

Saul am Staatstheater Mainz:  Weitere Vorstellunstermine: 30.9.2017, 8.10.2017, 17.10.2017, 4.11.2017

 

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Stuttgart, Oper Stuttgart, Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

Der Vorverkauf der Staatstheater Stuttgart für die Vorstellungen im September und Oktober 2017 hat bereits begonnen

Die aktuelle Spielzeit der Staatstheater Stuttgart neigt sich dem Ende zu. Der Vorverkauf für die Veranstaltungen im September und Oktober 2017 hat allerdings bereits begonnen:

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Am Freitag, 22. September 2017, eröffnet die Oper Stuttgart mit Peter Tschaikowskys Oper Pique Dame in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Am Samstag, 23. September, kehrt Benjamin Brittens Der Tod in Venedig und am Sonntag, 24. September, Gioachino Rossinis La Cenerenola zurück auf die Opernbühne. Zu einem musikalischen Streifzug durch die kommende Opern- und Konzertsaison lädt die Oper Stuttgart im Rahmen des spartenübergreifenden Spielzeit-eröffnungsfestes ebenfalls am Sonntag, 24. September, um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei. Giacomo Puccinis Tosca in der Inszenierung von Willy Decker steht ab Montag, 25. September, wieder auf dem Spielplan.

Am Mittwoch, 27. September, kommen Freunde der Liedkunst auf ihre Kosten: Georg Nigl und Anna Lucia Richter interpretieren im 1. Liedkonzert Werke aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch. Im 1. Sinfoniekonzert der Saison am 8. und 9. Oktober 2017 dirigiert Hartmut Haenchen Werke von Mozart und Wagner und im 1. Kammerkonzert am Mittwoch, 11. Oktober, präsentieren Musiker des Staatsorchesters Werke von Schönberg, Beethoven und Brahms.

Die Eröffnungspremiere, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, am Sonntag, 22. Oktober 2017, inszeniert der vielfach ausgezeichnete Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikov, der zuletzt mit Salome auf der Stuttgarter Opernbühne begeisterte. Es dirigiert Georg Fritzsch. Eine ausführliche Pressemitteilung folgt.

Im Folgenden erhalten Sie eine detaillierte Übersicht über die ersten Musiktheater- und Konzerthighlights der kommenden Saison.


Spielzeiteröffnung 2017/18


Spielzeiteröffnungsfest
Sonntag, 24. September 2017, von 11 bis 18 Uhr

Am Sonntag, 24. September 2017, heißt es „Bühne frei für die neue Spielzeit“: Am Tag der Bundestagswahl eröffnen die Oper Stuttgart, das Stuttgarter Ballett und das Schauspiel Stuttgart die Spielzeit mit einem großen Spielzeiteröffnungsfest im Opern- und im Schauspielhaus sowie auf den Plätzen davor. Gemeinsam mit dem Publikum starten die drei Sparten singend, tanzend und spielend in die neue und letzte Saison der drei amtierenden künstlerischen Intendanten.

Von 11 bis 13 Uhr heißen Sänger, Musiker und das Leitungsteam der Oper Stuttgart das Publikum bei freiem Eintritt im Opernhaus willkommen und stellen einige Höhepunkte, prägende Akteure und Leitgedanken der kommenden Spielzeit vor. Die Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble und dem Opernstudio bringen dabei besondere musikalische Momente zu Gehör, bevor in einem zweiten Teil das größte Ensemble des Hauses seine Jubiläumssaison einläuten wird: Das Staatsorchester Stuttgart, das im Jahr 2018 sein 425-jähriges Bestehen feiert, präsentiert sich auf der Opernbühne sowie im Anschluss in den Foyers des Opernhauses und auf dem Opernvorplatz.

Um 13.30 Uhr und 14.30 Uhr lädt die Junge Oper Kinder von 5-7 Jahren zu zwei Vorstellungen des Sitzkissenkonzerts Frieda tanzt ins Opernhaus, Foyer III. Rang, ein.

Hinweis: Ab 18 Uhr werden die Ergebnisse der Bundestagswahl live ins Foyer des Schauspielhauses übertragen.


Erste Opernvorstellungen


Peter Tschaikowsky  –  Pique Dame
22. | 26. | 30. September 2017 // 13. | 16. | 25. | 31. Oktober 2017

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Frank Beermann, Regie und Dramaturgie:, Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor und Kinderchor: Johannes Knecht

MIT: German: Erin Caves, Graf Tomski: Gevorg Hakobyan, Fürst Jeletzki: Shigeo Ishino, Tschekalinski: Torsten Hofmann, Surin: Michael Nagl, Tschaplitzki: Moritz Kallenberg, Narumov: Padraic Rowan, Gräfin: Helene Schneiderman, Lisa: Rebecca von Lipinski, Polina: Stine Marie Fischer, Gouvernante: Maria Theresa Ullrich, Mascha: Mirella Bunoaica, Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Benjamin Britten  –  Der Tod in Venedig
23. | 28. September 2017 // 05. Oktober 2017 // 13. | 22. | 29. Juni 2018 // 05. Juli 2018

Musikalische Leitung: Marco Comin, Regie und Choreographie: Demis Volpi, Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil, Dramaturgie: Sergio Morabito, Ann-Christine Mecke

MIT:  Gustav von Aschenbach: Matthias Klink, Reisender / Ältlicher Geck / Alter, Gondoliere / Hotelmanager / Coiffeur des Hauses /, Führer der Straßensänger / Stimme des Dionysos: Georg Nigl, Ashley David Prewett, Stimme des Apollon: Jake Arditti, William Towers, Apollon: David Moore, Hotelportier: Daniel Kluge, Bootsmann:, Tommaso Hahn, Hotelkellner / Restaurantkellner: Michael Wilmering
Erdbeerverkäuferin / Straßensängerin: Aoife Gibney, Glasbläser / Straßensänger: Kai Kluge, Englischer Angestellter im Reisebüro: Ronan Collett, Fremdenführer in Venedig: Padraic Rowan, Bettlerin: Fiorella Hincapié, Spitzenverkäuferin: Catriona Smith
Zeitungsverkäuferin: Cristina Otey, Die polnische Mutter: Joana Romaneiro, Tadzio: Gabriel Figueredo, Schüler der John Cranko Schule, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Gioachino Rossini  –  La Cenerentola

24. September 2017 // 01. | 08. | 15. | 20. Oktober 2017 // 01. November 2017

Musikalische Leitung: Maurizio Barbacini, Regie: Andrea Moses, Bühne: Susanne Gschwender, Kostüme: Werner Pick, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil
Dramaturgie: Thomas Wieck, Moritz Lobeck,

MIT:  Angelina: Lilly Jørstad, Diana Haller, Clorinda: Catriona Smith, Tisbe: Maria Theresa Ullrich, Don Magnifico: Enzo Capuano, Don Ramiro: Sunnyboy Dladla, Dandini: Bogdan Baciu, Alidoro: Adam Palka, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Giacomo Puccini  –  Tosca

25. | 29. September 2017 // 14. | 17. | 21. Oktober 2017 // 10. | 29. Dezember 2017 // 09. Januar 2018

Musikalische Leitung: Domingo Hindoyan, Giuliano Carella, Regie: Willy Decker, Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Juliane Votteler

MIT:  Floria Tosca: Svetlana Aksenova, Cellia Costea, Mario Cavaradossi: Arnold Rutkowski, Baron Scarpia: Sebastian Holecek, Albert Dohmen, Cesare Angelotti: Ashley David Prewett, Mesner: Karl-Friedrich Dürr, Spoletta: Heinz Göhrig
Schließer / Sciarrone: N.N., Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Eröffnungspremiere

Engelbert Humperdinck  –  Hänsel und Gretel
22. Oktober 2017,  weitere Vorstellungen 26. Oktober 2017; 04. November 2017 // 02. | 13. | 16. | 26. (nm+ab) Dezember 2017 // 07. (nm+ab) | 14. Januar 2018

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Willem Wentzel, Regie, Bühne und Kostüme: Kirill Serebrennikov, Video: Ilya Shagalov, Licht: Reinhard Traub, Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke,

MIT: Vater: Michael Ebbecke, Simon Bailey, Mutter: Irmgard Vilsmaier, Catriona Smith, Hänsel: Diana Haller, Kora Paveli, Gretel: Esther Dierkes, Josefin Feiler, Knusperhexe: Daniel Kluge, Torsten Hofmann, Sandmännchen / Taumännchen: Aoife Gibney,, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart
Einführungsmatinee: 15. Oktober 2017, 11 Uhr, im Opernhaus, Foyer I. Rang


Erste Konzerte


1. Liedkonzert  –   Italienisches Liederbuch – Lieder von Hugo Wolf
27. September 2017, 20 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Sopran: Anna Lucia Richter, Bariton: Georg Nigl, Klavier: Gérard Wyss


1. Sinfoniekonzert  –  Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 551 („Jupiter“),
Richard Wagner:  Götterdämmerung-Suite

08. und 09. Oktober 2017, 11 Uhr bzw. 19.30 Uhr, Beethovensaal der Liederhalle

Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen,  Staatsorchester Stuttgart


Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

1. Kammerkonzert  –  Weitergeben der Glut
11. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle

Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 in der Fassung von Anton von Webern (1906/1923) für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier,  Ludwig van Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95 (1810), Johannes Brahms: Trio a-moll op. 95 (1891) für Klarinette, Violoncello und Klavier; Musikern des Staatsorchesters Stuttgart


1. Lunchkonzert  –  Musiker des Staatsorchesters Stuttgart
25. Oktober 2017, 12:45 – 13:15 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Eintritt frei

Junge Oper  Casting:  Für das Musiktheaterprojekt ON_THE_LINE
Alte Musikhochschule Stuttgart, Urbansplatz 2, 70182 Stuttgart

Gesucht werden abenteuerlustige Darstellerinnen und Darsteller zwischen 12 und 18 Jahren. Proben ab November 2017 jeden Mittwochabend von 18-20 Uhr, Intensivproben während der Pfingstferien 2018. Anmeldung auch unter: education@staatstheater-stuttgart.de

Wiederaufnahme  Leonard Evers  –  Gold
23.* | 24.* | 26. * | 27.* Oktober 2017 // 13.* |14.* | 16. | 17. |19.* | 21.* | 22. Dezember 2017 –  *Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Till Drömann, Regie: Jörg Behr, Bühne: Line Sexauer, Kostüme: Kerstin Hägele, Licht: Gianni Scopa, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke, Jacob: Philipp Nicklaus, Schlagzeug: Marta Klimasara


Wiederaufnahme


Gion Antoni Derungs  –  Benjamin

09.* | 11.| 13.* | 15.* | 17.* | 19. November 2017
*Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Jan Croonenbroeck, Regie: Neco Çelik, Bühne: Stephan von Wedel, Kostüm: Valentin Köhler, Dramaturgie: Johanna Danhauser, Licht: Rainer Eisenbraun,  Chor: Benjamin Hartmann

Mit: Ibrahima Biaye, Minyoung Catharina Häger, Thomas Herberich, Daniel Keating-Roberts, Konstantin Krimmel, Myriam Mayer, Monika Abel-Lazar, Philipp Nicklaus, Marc-Eric Schmidt, Lena Sutor-Wernich, Projektchor der Jungen Oper


Premieren


Die Premieren der Musiktheaterproduktionen Krieg von Marius Felix Lange und ON_THE_LINE finden am 27. April 2018 bzw. am 01. Juni 2018 statt.  PMOSt

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Tod in Venedig von B. Britten, IOCO Kritik, 12.05.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Der Tod in Venedig von Benjamin Britten

„Der Künstler und seine Beziehung zum Schönen“

Demis Volpi choreografiert und inszeniert Benjamin Brittens  Tod in Venedig            Matthias Klink begeistert als Gustav von Aschenbach

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Von Peter Schlang

Thomas Manns weltberühmte, 1913 erschienene Novelle Der Tod in Venedig hat zahlreiche Vertreter ganz unterschiedlicher Kunstgattungen zu Bearbeitungen und Adaptionen inspiriert, von denen Luchino Viscontis Film aus dem Jahr 1971 wohl die bekannteste und populärste ist. Oder sollte man sagen war? Denn zwei Jahre später, am 16. Juni 1973, wurde beim Aldeburgh Festival im englischen Snape Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice uraufgeführt, zu der Myfanwy Piper in enger Abstimmung mit dem Komponisten – sozusagen im Gleichschritt mit dessen Komposition – aus Manns Vorlage das Libretto entwickelt hatte. Die beiden kannten sich von mehreren gemeinsamen Opernprojekten, so dass Pipers Aussage großen Wahrheitsgehalt besitzt, dass sich der Komponist schon viele Jahre mit Thomas Manns Stoff und dem Gedanken beschäftigt hatte, daraus eine abendfüllende Oper zu schaffen.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Ursprünglich war die Stuttgarter Staatsoper im Jahr 1976 als Ort der deutschen Erstaufführung von Der Tod in Venedig vorgesehen, doch wegen des Todes des Komponisten im gleichen Jahr und anderer Gründe konnte dieser Plan nicht realisiert werden. So gelangte die letzte Oper Brittens sage und schreibe erst gut 40 Jahre später, am 7. Mai dieses Jahres, zum ersten Mal auf die Stuttgarter Opernbühne. Fast zwei Jahre nahmen Konzeption, Erarbeitung, Umsetzung und Vorbereitung dieser mit Spannung erwarteten Inszenierung in Anspruch, eine lange, für eine Neuproduktion nicht selbstverständlich zur Verfügung stehende Zeit. Diese wurde, das sei vorweg bemerkt, bestens und effizient genutzt, so dass sich das Warten in jeder Hinsicht gelohnt hat.

Die Realisierung dieses ambitionierten Vorhabens erfolgte nach Glucks Orpheus und Eurydike vor acht Jahren zum zweiten Mal als Koproduktion von Oper und Ballett. Was an anderen Häusern möglicherweise ohne großen Kommentar geschieht, ist im Stuttgarter Kontext besonderer Erwähnung wert, sind doch beide Sparten als Stuttgarter Oper und Stuttgarter Ballett gleichermaßen selbstständig wie auf ihre je eigene Tradition bedacht wie stolz.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Nach außen besonders sichtbar wird diese Zusammenarbeit in der Person des Regisseurs, als der Demis Volpi, seit 2013 Haus-Choreograph des Stuttgarter Balletts, erstmals an seinem Stammhaus bei einer Opernproduktion Regie führte. Diese Personalentscheidung drängte sich nicht nur deshalb auf, weil Volpi bereits bei den Winterfestspielen 2014 in Schwetzingen mit Niccolò Jommelis Oper Fetonte sein Regietalent gezeigt und bei mehreren eigenen Handlungsballetten sein dramaturgisch-theatralisches Gespür und seine hohe Begabung für Personenführung und -Profilierung eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Sie erweist sich vor allem auch vor der Tatsache als logisch oder gar zwingend, dass Britten und seine Librettistin die Rollen des polnischen Jungen Tadzio und seiner Familie mit Tänzern besetzt und dem Tanz großen Raum eingeräumt haben. Die beiden Schöpfer dieses späten Meisterwerks wollten damit unterstreichen, dass diese Figuren aus einer völlig anderen Welt als der Protagonist Gustav von Aschenbach stammen und eine Kommunikation zwischen diesen beiden Polen in jeder Hinsicht „unmöglich“ ist.

Der Regie-Choreograf Volpi durfte seine Herkunft und frühe Meisterschaft auch dadurch beweisen, dass der bei Britten/Piper nur als körperlose Stimme zu hörende Apollon in der Stuttgarter Aufführung doppelt besetzt ist: Der aus dem Orchestergraben zu hörende wunderbar geführten Stimme des fabelhaften Countertenors Jake Arditti verleiht der nicht minder famose und präsente erste Solist des Stuttgarter Balletts, David Moore, auf der Bühne beeindruckende und Sinn stiftende körperliche Präsenz.
Auch in der szenischen Umsetzung des Opernstoffes zeigt sich Volpis am Ballett geschulte, nach innen weisende, eher leise daherkommende sublime Ästhetik, die bei der Darstellung von Äußerlichkeiten sehr behutsam vorgeht und bis auf einige Chorszenen und den Dionysos-Traum Aschenbachs auf Überzeichnung verzichtet.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So werden in Stuttgart die Opernfreunde enttäuscht, die ein reales Venedig mit dazu passenden Klischeebildern erwartet hatten. Denn auf der Bühne zeigt sich weder das Schiff, welches den Dichter Aschenbach in die Serenissima bringt, noch wird etwas von der Silhouette der Stadt oder ihres Strandes sichtbar. Demis Volpi und seine mit ihm in jahrelanger künstlerischer Partnerschaft verbundene bewährte Ausstatterin Katharina Schlipf führen die Zuschauerinnen und Zuschauer vielmehr in eine eher statisch-neutrale Situation, die alle Merkmale einer intimen, in sich ruhenden Innenwelt aufweist. Sie bietet der Handlung einen kammerspielhaften Rahmen, von dem nicht präzise zu sagen ist, ob damit Aschenbachs Seele oder Gefühlswelt gemeint ist oder doch die Möglichkeit einer realen Reise angedeutet werden soll. Auf jeden Fall lässt der von Schlipf entworfene Bühnenraum mit seinen beweglichen Spiegeln, Vorhängen, Glaswänden und Türen breiten Raum für die Phantasie des Betrachters, vor dessen innerem Auge sich durchaus Spuren der venezianischen Kanäle und Gassen oder des lebhaften Treibens auf Plätzen und Stränden zeigen mögen. Viel naheliegender ist allerdings die Vermutung einer Reise ins Innenleben des alternden, in einer tiefen Krise steckenden Dichters Aschenbach, so dass man die Stuttgarter Inszenierung, wie schon Thomas Manns geniale Urfassung, als großartiges und fesselndes Kopfkino bezeichnen kann.
Daran, dass dies ohne jeden Abstrich gelingt und die stellenweise durchaus langatmigen Monologe Aschenbachs nicht in Langeweile münden, hat neben der schlüssigen Regie und Choreografie und der diese sehr sensibel unterstützenden Lichtregie Reinhard Traubs der in jeder Hinsicht phänomenale Tenor Matthias Klink überragenden Anteil. Was dieser begnadete Sängerdarsteller über 150 Minuten an stimmlicher wie schauspielerischer Präsenz zeigt – sein Aschenbach ist fast immer am Bühnengeschehen beteiligt – ist schlicht sensationell.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So ist seine stimmliche Ausdrucks- und Gestaltungskraft genauso bewundernswert wie der Facettenreichtum seiner Stimme, und die Art und Weise, wie er dem Gesungenen durch sein überragendes schauspielerisches Können Glaubwürdigkeit verleiht, lässt einen eher an einen Film als an eine live erlebte Oper denken.
Kaum weniger beeindruckend ist an diesem Premierenabend der Bariton Georg Nigl in den Aschenbach von Britten teils zur Seite teils gegenübergestellten sieben Hermes- und Todesfiguren. Auch er verleiht durch seine Stimmführung und seine ganz unterschiedlichen Stimmregister sowie durch sein darstellerisches Können den jeweiligen Charakteren spezielle Prägung und Glaubwürdigkeit. So besitzen sowohl sein eher teilnahmslos wirkender Gondoliere wie sein unterwürfig-schleimiger Hotelmanager als auch die anderen von ihm verkörperten Rollen jene Aura, der man sich im richtigen Leben eher nicht ausgesetzt sehen möchte.
Auch alle anderen Sängerinnen und Sänger, die von Britten ja eher mit kleineren Rollen bedacht wurden, tragen an diesem denkwürdigen Maienabend ihren Teil zum überragenden Erfolg des ersten Stuttgarter Todes in Venedig bei. Und wie eigentlich immer am Stuttgarter Opernhaus gilt dieses eher untertriebene Urteil auch für den Opernchor, der, von Christoph Heil fabelhaft vorbereitet, in all seinen Rollen und Szenen stimmlich wie optisch überzeugt, ja begeistert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Bevor zur Vervollständigung der Würdigung der musikalischen Seite das Staatsorchester Stuttgart sein verdientes Lob erhält, soll zuerst und endlich die eingangs nur kurz erwähnte Sparte gewürdigt werden, die von Britten mit einem wichtigen wie eigenständigen Beitrag versehen wurde und von offizieller Seite als Ko-Produzent genannt wird: Das Stuttgarter Ballett und seine hier zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer.
Neben dem schon gepriesenen Apollon David Moores ist an diesem Abend aus der Stuttgarter „Erwachsenen-Compagnie“ Joana Romaneiro als distinguierte, etwas unnahbar wirkende polnische Mutter zu erleben. Die herausragenden tänzerischen Akteure sind aber ohne jeden Zweifel die Nachwuchstänzer der hauseigenen John-Cranko-Schule, welche die Schwestern in Tadzios polnischer Familie und seine Spielkameraden am Strand verkörpern. Gerade diese sieben Knaben unterschiedlichen Alters gehen mit jugendlicher Unbekümmertheit wie professioneller Ernsthaftigkeit an ihre Aufgaben heran, dass man sich um die Zukunft der Stuttgarter Compagnie keinerlei Sorgen machen muss. Und dass aus dieser weltberühmten Nachwuchsschmiede ständig Spitzenkräfte hervorgehen, die alsbald als Solistinnen und Solisten ganz im Rampenlicht stehen, zeigt auf eindrucksvolle Weise der 15jährige Darsteller von Aschenbachs Sehnsuchts-Subjekt Tadzio, der aus Brasilien stammende Gabriel Figueredo. Im gebührt an diesem Abend die Tänzerkrone, und er wurde für seine tänzerische wie psychische Ausdruckskraft vom Publikum begeistert gefeiert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Uneingeschränkten Beifall verdienten und erhielten schließlich die Musiker des Staatsorchesters, welches Sängern wie Tänzern ein äußerst verlässlicher Partner war und Brittens anspruchsvolle Partitur höchst sensibel wie sicher zum Klingen brachte. Stellvertretend für seine verdienstvolle Truppe nahm der mit der musikalischen Leitung betraute, aus der Ukraine stammende Dirigent Kirill Karabits den Applaus des Premierenpublikums entgegen, der beim Erscheinen der beiden „Hauptrollen-Sänger“ und der Mitglieder des Balletts orkanartige Ausmaße annahm.
Ovationen und kaum enden wollenden Jubel erhielten aber auch der Chor und das gesamte Produktionsteam dieser beeindruckenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, die ohne Zweifel ein weiterer Publikumsmagnet der Stuttgarter Oper werden wird.

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Krabat – Plädoyer für Zivilcourage, IOCO Kritik, 21.1.2017

Januar 23, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett fesselt: Krabat von Demis Volpis

 „Plädoyer für Zivilcourage, Empathie und Achtsamkeit“ 

Von Peter Schlang

„Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin…“   ist eines jener Volkslieder, die neben weiteren Liedern und zahlreichen anderen Äußerungen bzw. Darstellungen in allen Kunstformen bis heute das Leben von Müllerin und Müller verklären und vom Leben und von der Arbeit in einer Mühle ein eher romantisches Bild zeichnen.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - Alicia Amatriain als Worschula - Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – Alicia Amatriain als Worschula – Ensemble © Stuttgarter Ballett

Ganz anders stellt der 2013 verstorbene Otfried Preußler den Alltag in einer Mühle in seinem autobiografisch gefärbten Roman Krabat  dar, der Demis Volpi als Vorlage für sein gleichnamiges erstes Handlungsballett diente, das im März 2013 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Nachdem sich Krabat seinerzeit sehr schnell zum absoluten Publikumsmagneten entwickelt hatte, stand er zwei Jahre nicht mehr auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, zu dessen Haus-Choreograf Demis Volpi inzwischen aufgestiegen ist. Am vergangenen Wochenende erlebte dieses in Tanz übersetzte Plädoyer für Menschlichkeit und ein mutiges Eingreifen in Missstände im Stuttgarter Opernhaus seine Wiederaufnahme und erwies sich dabei angesichts der neueren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen als noch be(d)rückender und aktueller, als es das Ballett zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon war. Es bedarf keiner großen Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die Geschichte um den Müllerburschen Krabat auch dieses Mal die Besucher in Scharen anziehen und vielleicht sogar neue Besucherrekorde aufstellen wird.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Einen großen Anteil daran kann neben der eigentlichen Ballett-Vorstellung und der dem Erfolg dieses Abends eine weitere Grundlage schenkenden Musik dem von Katharina Schlipf geschaffenen Bühnenbild zugeschriebenen werden. Die in Rottweil geborene Bühnen- und Kostümbildnerin, die schon mehrere Male mit Demis Volpi zusammengearbeitet hat, baute für alle drei Akte den aus mehreren hundert Mehlsäcken bestehenden fensterlosen Innenraum der Mühle nach. Dieser wirkt wie eine dunkle, gewaltige Mauer und wird in Wahrheit für die je zwölf Müllergesellen und ihre Seelen auch zu einem bedrohlichen, unüberwindbaren Gefängnis. Die ungeheure Wirkung dieses lebensfeindlichen, hermetischen Gevierts wird durch die fabelhafte Lichtregie der in Kanada lebenden Licht-Designerin Bonnie Beecher meisterhaft ergänzt und verstärkt. Sie taucht das riesige Sackgebirge in fahle, düstere Schattierungen, die, selten durch hellere Einsprengsel lebenswerter erscheinend, nicht nur das Dunkle und Gefährliche der Mühle betonen, sondern auch den Seelenzustand der dort zur Arbeit gezwungenen jungen Burschen widerspiegeln.

In dieser düsteren, an ein Arbeitslager erinnernden Umgebung erzählt der 1985 in Argentinien geborene Choreograf und Tänzer einfühlsam und spannend die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der wie andere Jungen seines Alters und in ähnlicher Situation den Verführungskräften des (Müller-)Meisters erliegen und in jene geheimnisvolle Mühle eintreten, in der sie nicht nur das Müllerhandwerk erlernen sollen. Vielmehr werden sie dort auch in der „Kunst der Künste“, der Schwarzen Magie, unterrichtet und ketten sich dafür in Wahrheit unentrinnbar an ihren Lehrmeister. Erst nach und nach erkennen die Müller- und Zauberer-Gesellen, welche Auswirkungen dies für sie hat und dass die sich jährlich wiederholende Opferzeremonie nur den schrecklichsten Teil des Preises darstellt, den sie dafür zahlen müssen, dass sie sich dem Müller und seinen dunklen Machenschaften ausgeliefert haben. Indem sie sich aber als unfähig zeigen, die wahren Hintergründe zu erkennen und erst recht keinen Willen entwickeln, selbst dagegen vorzugehen, werden der Roman Preußlers und das Ballett Volpis zur Parabel von den verhängnisvollen Folgen des Wegsehens und der Weigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen und diese zu verändern. Stattdessen verschließen die so Gebeutelten die Augen vor der unbequemen Realität und richten sich mehr oder weniger bequem im Status Quo ein, in fatalem Irrtum darauf hoffend, dass es für einen selbst schon gut ausgehen wird. Erst Krabat, unterstützt von einigen wenigen Leidensgenossen, durchschaut das schreckliche Spiel und weigert sich, die scheinbar unausweichlichen Grausamkeiten in der Mühle zu ignorieren und damit zu tolerieren. Dabei gibt ihm die Liebe eines Mädchens, der nach ihrer Rolle als Vorsängerin eines Chores genannten Kantorka, die Kraft, den Bann und den menschenverachtenden Rigorismus des Meisters zu besiegen und für sich und die anderen noch lebenden Müllergesellen die Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Damit stellt die Handlung die gerade auch heute sehr aktuelle und anspruchsvolle These auf, dass es zu allen Zeiten mutiger Menschen bedarf, die nicht weg-, sondern genau hinschauen und gemeinsam den Mut aufbringen, erkanntes Unrecht klar zu benennen und die dafür Verantwortlichen mindestens an den Pranger zu stellen, besser noch, ihnen das Handwerk zu legen. Damit wandelt sich die getanzte, in beeindruckende Bilder übersetzte Erzählung zur Hoffnung gebärenden Aufforderung, eine Situation mutig zu verändern und damit die darin verstrickte Gruppe oder Gesellschaft zu befreien.

Zur tänzerischen Umsetzung dieses Appells schuf Demis Volpi eine vielschichtige Choreografie mit modernen, Kraft und Körpereinsatz betonenden Elementen, welche ausgesprochen gut zur dargestellten Arbeitswelt in der Mühle passt und die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten der dort geknechteten zwölf Müllergesellen sehr drastisch und äußerst glaubhaft veranschaulicht. Dabei setzt er auf eine für das klassische Ballett nicht selbstverständliche starke und plastische Gestik, die abschnitts- und situationsweise auch typisch pantomimische Elemente einsetzt. Diese verbindet er jedoch gekonnt, ohne Brüche und mit sicherem Instinkt mit alten und bekannten Stilmitteln des klassischen Balletts.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Myriam Simon als Herr Gevatter - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Myriam Simon als Herr Gevatter – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Dass Volpi und dem Stuttgarter Ballett zur Umsetzung seines Konzepts nicht nur die nötigen technischen Mittel, sondern vor allem die dazu unerlässlichen Tänzerinnen und Tänzer von höchster Qualität und damit auf international allerhöchstem Niveau zur Verfügung stehen, dürfte kein großes Geheimnis sein. Allerdings ist es beglückend und faszinierend zu sehen, wie die an diesem Abend zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer dieses hohe Versprechen eines ungetrübten Tanz-Theater-Vergnügens einlösen. Da sind auf der dunklen Seite zunächst Myriam Simon, die in der nicht einfach auszufüllenden Rolle des Herrn Gevatter ein beeindruckendes Rollendebüt gibt, sowie Roman Novitzky als Meister zu nennen, der fast omnipräsent die Fäden in der Hand hält und in einer Mischung aus rigoroser, süffisanter und zynischer Haltung zum Prototyp des Lenkers, Strippenziehers und Ausbeuters wird. Unnachahmlich etwa, wie er zu Beginn der drei Akte den jeweils neu angelockten Jung-Gesellen verführt, für seine Zwecke abrichtet und auf die nur ihm dienenden Verhältnisse in der Mühle vorbereitet, die immer mehr als Ort der Vernichtung entlarvt wird, an dem Menschen und jegliche Menschlichkeit buchstäblich zermahlen werden. Wie schon bei der Premiere vor fast vier Jahren bilden der Krabat David Moores und die Kantorka von Elisa Badenes, beides erste Solisten der Stuttgarter Compagnie, ein helles, das Leben betonende Gegengewicht zur bedrohlichen Figur des Meisters und überzeugen in jeder Szene durch ihre mentale wie körperliche Präsenz und die teilweise atemberaubende Umsetzung von Volpis Konzept. David Moore besticht dabei durch seine jugendliche Kraft, Lebensfreude und Unerschrockenheit, während Elisa Badenes durch ihre zarte, sehr mädchenhafte Darstellung betört, die zwischen wohltuender Naivität und bezwingender Entschlusskraft changiert und glaubhaft macht, warum sie in jeder Hinsicht die ideale Partnerin Krabats ist.

Stuttgarter Ballett / Krabat - David Moore als Krabat - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – David Moore als Krabat – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Auch Marti Fernadenz Paixa, der erstmals Krabats Freund Tonda verkörpert, und die bereits als dessen Geliebte Worschula erfahrene Alicia Amatrian begeistern durch ihre starke Präsenz und Vielseitigkeit ihrer tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und drücken so über weite Strecken dem ersten Akt ihren Stempel auf. Einen äußerst starken Auftritt darf man auch Ami Morita als Pumphutt bescheinigen, die/der sich im 2. Akt einen spektakulären und alle fesselnden Kampf mit dem Meister liefert.
Mit die stärksten und wirkungsvollsten Momente des Abends dürften jedoch die Arbeitsszenen in der Mühle sein, bei denen elf männliche Mitglieder des Corps de Ballett bzw. Eleven nach allen Regeln der Tanzkunst deutlich machen, welche Mühe, ja Drangsal der Arbeitsalltag unter dem Meister für die jungen Männer bereithält.

Zur Vervollkommnung dieses Ballettereignisses und zur Komplettierung seiner Beschreibung fehlt nun noch als wesentliche Komponente die Musik. Diese kommt, wie in allen Stuttgarter Ballettproduktionen, live aus dem Orchestergraben, wo der langjährige Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, James Tuggle, das Staatsorchester nicht nur als meisterhaften Begleiter der Tänzerinnen und Tänzer sicher durch den Abend führt. Er entlockt dem Orchester vielmehr auch eine hohe musikalische Gestaltungskraft, welche die eigenständige Wirkung der ausgewählten Musikstücke eindrucksvoll hervorhebt. Die für den Krabat getroffene Musikauswahl, allesamt Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, erweist sich dabei erneut als packend wie stimmig, egal, ob es sich um die kammermusikalischen Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks, die sinfonischen Sentenzen Krzysztof Pendereckis oder die drei Auszüge aus Instrumentalkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass handelt. Ihre ganz eigene Wirkung entfaltet zu den Arbeitsszenen in der Mühle die in einer echten und noch aktiven Mühle in der Nähe Stuttgarts aufgenommene „Mühlenmusik“. Dieses „Mühlenklappern“, das Klackern des Mahlwerks und andere typische Arbeitsgeräusche einer Mühle illustrieren in beklemmender Weise die Perversion der Arbeit, der sich die Müllergesellen ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend darf man den Krabat des Stuttgarter Balletts getrost als begeisterndes Gesamtkunstwerk preisen, welches auf eindrucksvolle Weise und äußerst aktuell den hohen Wert der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, aber auch deren leichte Verletzlichkeit demonstriert. Von Peter Schlang, 20.1.2017

Karbat an der Staatsoper Stuttgart: Weitere Vorstellungen 16. und 19. Februar sowie am 11., 17., 18., 27. und 29. März 2017