Bielefeld, Theater Bielefeld, LA TRAVIATA – Giuseppe Verdi, 06.10.2018

September 19, 2018 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

LA TRAVIATA  –  GIUSEPPE VERDI

Text von Francesco Maria Piave nach Alexandre DumasLa Dame aux Camélias

Premiere Sa. 06.10.2018, 19:30 Uhr, Stadttheater, weitere Vorstellungen 10.10., 24.10., 28.10., 02.11., 11.11., 17.11., 06.12., 11.12., 29.12.2018; weitere Termin in 2019

Von Vergnügen zu Vergnügen jagen, immer im Mittelpunkt des pulsierenden Lebens – Violetta Valéry gönnt sich keine Ruhe, nachdem sie nach längerer Krankheit endlich wieder auf den Beinen steht. Dabei spürt sie es ganz genau: Dieses Mal mag sie dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen sein, aber letztendlich wurde ihr nur wenig zusätzliche Zeit geschenkt. Die Todesnähe verleiht ihr den Mut, ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Könnte die verehrungsvolle Liebe des jungen Alfredo Germont einen Ausweg bieten aus dem umschwärmten, aber gleichzeitig einsamen Leben als begehrteste Kurtisane von Paris? Es lockt die Verheißung auf die lang ersehnte, wahre Liebe. Alfredo kann über ihre Vergangenheit hinwegsehen, doch reicht das aus für einen radikalen Neuanfang? Der gesellschaftlichen Haltung und der Todesahnung zum Trotz wagt Violetta den Aufbruch ins Ungewisse.

Alphonsine Plessis, die Kameliendame der Traviata; hier ihre Grabstätte Montmarte © IOCO

Alphonsine Plessis, die Kameliendame der Traviata; hier ihre Grabstätte Montmarte © IOCO

Amore e morte – Liebe und Tod – wollte Giuseppe Verdi zunächst seine Oper nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d. J. nennen. Ein Titel, der in seiner Unbestimmtheit zwar für einen Großteil des Opernrepertoires gelten könnte, aber selten so passend erscheint wie für die Geschichte der Violetta Valéry, die sich in den Spannungsfeldern zwischen wahrer und käuflicher Liebe, Todessehnsucht und Todesangst entfaltet. Von den ersten Klängen der Ouvertüre an konzentriert sich Verdis Musik auf das innere Erleben der Protagonistin, deren ständiger Begleiter der Tod ist und die dennoch voller Kraft und Lebensfreude aufbegehrt. So vereint auch Verdis Partitur, die er selbst für eine seiner besten Arbeiten hielt, extrem unterschiedliche Emotionen: Vom schwungvollen Trinklied Brindisi über das impulsive Sempre libera bis hin zum tieftraurigen Lebensabschied Addio, del passato.

Nach dem desaströsen Misserfolg der Uraufführung 1853 entwickelte sich La Traviata zu einer der beliebtesten Opern der Musikgeschichte. Verdi hatte beides vorausgeahnt: Ein »totales Fiasko« hatte er der Theaterleitung angekündigt, sofern die Titelrolle nicht umbesetzt würde. Anschließend lehnte er über ein Jahr lang alle Angebote einer Wiederaufnahme ab, bis er sicher war, die geeignete Besetzung zu bekommen. Am 6. Mai 1854 war es so weit und La Traviata startete ihren Triumphzug um die Welt – quasi mit einjähriger Verspätung. Es ist kaum verwunderlich, dass der Komponist so vehement um ein Mitspracherecht bei der Besetzung kämpfte: In keiner anderen Oper Verdis steht die weibliche Hauptrolle so sehr im Zentrum des Geschehens. Von Anfang an trägt Violetta Valéry ihren Tod in sich; kein Krieg, keine höfische Intrige oder althergebrachte Familienfehde determiniert ihr Schicksal. Nur ihr privates Glück und Unglück, ihr innerstes Erleben bilden die Handlung der Oper. Sogar der Titel der Oper entstammt ihrer Selbstwahrnehmung, als Traviata, also »eine vom Weg Abgekommene«, bezeichnet sie sich in einer Arie selbst. Diesen Fokus auf Violettas Sichtweise behält das Team um Hausregisseurin Nadja Loschky bei. Der Raum von Katrin Connan und die Kostüme von Katharina Schlipf entführen in Violettas Perspektive: Wie nimmt eine junge Frau, der der Tod sehr nah ist, ihre Umwelt wahr? Welche Distanz zu anderen Menschen verschafft das Wissen um das eigene Sterben, welche Phantasien löst die Todesnähe aus?

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Aufrichtigkeit, Gefühl und starke Ausdruckskraft verlangte Verdi von den Sängerinnen seiner Traviata. Dass Irina Simmes diesen Ansprüchen gewachsen ist, beweisen die großen Erfolge, die sie bereits als Violetta Valéry feierte. Nun stellt sich die junge Opernsängerin, die seit der Saison 2018/19 festes Mitglied am Theater Dortmund ist, erstmals in Bielefeld vor. Alternierend ab Januar 2019 singt Sophia Brommer die Violetta Valéry. Violetta zur Seite steht die geheimnisvolle Figur des M., verkörpert durch den Choreografen und Tänzer Thomas Wilhelm. Alfredo Germont, gesungen von Daniel Pataky, versucht ihr ein Leben in zärtlicher Zweisamkeit schmackhaft zu machen, was sein Vater, in Gestalt von Evgueniy Alexiev und alternierend Frank Dolphin Wong, nicht gutheißen kann. Kaum ein Mann kann sich Violettas Charme entziehen, so auch nicht der Baron Douphol, gesungen von Caio Monteiro, Gaston (Lianghua Gong / Lorin Wey), der Marquis d’Obigny (Yoshiaki Kimura) oder Doktor Grenvil (Moon Soo Park). Bei all der Verehrung, die Violetta entgegenschlägt, ist es kein Wunder, dass sich in Flora Bervoix’ (Hasti Molavian) Freundschaft auch etwas Konkurrenzdenken mischt. Annika Brönstrup als Annina bleibt Violetta hingegen in allen Umständen treu verbunden.

Es singen und spielen der Bielefelder Opernchor, der Extrachor des Theaters Bielefeld sowie die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Alexander Kalajdzic;  Inszenierung Nadja Loschky Bühne Katrin Connan Kostüme Katharina Schlipf

Weitere Vorstellungen 10.10., 24.10., 28.10., 02.11., 11.11., 17.11., 06.12., 11.12.,
29.12.; weitere Termin in 2019

MUSIKALISCHE LEITUNG  –  Geboren in Zagreb, Kroatien, begann Alexander Kalajdzic seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent am Nationaltheater Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien. Seit Spielzeitbeginn 2010/11 leitet er als GMD die musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.


INSZENIERUNG  –  Nadja Loschky, Jahrgang 1983, studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin. Bereits während ihres Studiums assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky Verdis La Traviata und Rossinis Der Barbier von Sevilla an den Städtischen Bühnen Osnabrück sowie Faust von Charles Gounod am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper Mikropolis von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin. Im Jahr 2012 entstanden Inszenierungen von Brittens A Midsummer Night’s Dream am Staatstheater Kassel, Mozarts Entführung aus dem Serail am Theater Heidelberg sowie der Familienoper Die Schatzinsel (Frank Schwemmer) am Opernhaus Zürich, denen Verdis Simon Boccanegra am Theater Aachen und Händels Alcina am Luzerner Theater folgten. 2014 führte sie Mozarts Così fan tutte erneut ans Theater Heidelberg und mit Madama Butterfly inszenierte sie am Theater Bielefeld ihre erste Puccini-Oper. Für diese Produktion wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr erarbeitete sie eine weitere Uraufführung, Christian Josts Rote Laterne am Opernhaus Zürich, sowie eine Inszenierung von Boieldieus selten gespielter Oper La dame blanche am Oldenburgischen Staatstheater und Mozarts Le nozze di Figaro am Theater Heidelberg. 2016 inszenierte die Regisseurin erneut am Luzerner Theater, diesmal Bellinis Oper Norma. Für ihre im gleichen Jahr entstandene Produktion Death in Venice von Benjamin Britten am Theater Bielefeld erhielt sie im Jahresheft der Fachzeitschrift Opernwelt eine Nominierung in der Kategorie »Beste Regisseurin«. Zu Beginn der Spielzeit 2016/17 inszenierte sie Verdis Macbeth am Oldenburgischen Staatstheater, dem Zingarellis Giulietta e Romeo am Barocktheater Schwetzingen folgte. Mit Monteverdis L’incoronazione di Poppea kam es im Frühjahr 2017 zu einer weiteren Arbeit am Theater Bielefeld, 2018 gab sie ihr Regiedebüt an der Oper Graz mit Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld und inszenierte dort Rihms Jakob Lenz. In der aktuellen Spielzeit wird sie neben Verdis La Traviata auch Offenbachs Orpheus in der Unterwelt auf die Bühne bringen. Weitere Engagements führen die junge Regisseurin an die Oper Köln und erneut an die Oper Graz. Nadja Loschky ist neben ihrer Regietätigkeit projektbezogen auch als Dozentin an der HfM »Hanns Eisler« sowie der UDK Berlin tätig.


BÜHNE  –  Katrin Connan studierte Freie Kunst und Bühnenraum u. a. bei Raimund Bauer an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, assistierte am Grand Théâtre de Genève Bühnenbild und Regie, absolvierte ihr Diplom mit Auszeichnung. Sie arbeitet regelmäßig mit dem Regisseur Johannes Erath. Zu ihren gemeinsamen Arbeiten gehören What Next? von Elliott Carter an der Neuen Oper Wien, Eugen Onegin am Staatstheater Mainz, Lulu sowie Elektra an der Oper Graz, Das schlaue Füchslein an der Hamburgischen Staatsoper, Le nozze di Figaro an der Semperoper Dresden und den Savonlinna-Opernfestspielen, Make no noise sowie Beatrice Cenci bei den Bregenzer Festspielen, als nächstes Caruso in Cuba in Amsterdam. Weitere Arbeiten entstanden mit der Regisseurin Anna-Sophie Mahler (Die Sache Makropulos und Blick der Tosca am Theater Bremen, bald Die 7 Todsünden in Stuttgart) und mit Hans Neuenfels (South Pole an der Bayerischen Staatsoper, Antigone am Residenztheater München und Orest am Opernhaus Zürich). La Traviata ist ihre erste Zusammenarbeit mit Nadja Loschky.

KOSTÜME  –  Katharina Schlipf studierte Bühnen- und Kostümbild bei Prof. Martin Zehetgruber und Werner Pick an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Dort schloss sie 2010 mit dem Projekt Danton zu Georg Büchners Dantons Tod ihr Diplom mit Auszeichnung ab. Seit der Gestaltung des Bühnenbilds für das Händeloratorium Saul am Staatstheater Oldenburg 2011 arbeitet Katharina Schlipf mit der Regisseurin Lydia Steier zusammen. In folgenden Kooperationen entwarf sie u. a. die Bühnenbilder für Franz von Suppés Fatinitza am Staatstheater Mainz, die Ariadne auf Naxos für das Konzerttheater Bern, Albert Herring am Oldenburgischen Staatstheater und Guilio Cesare an der Komischen Oper Berlin. Für die Produktion The Fairy Queen am Theater Regensburg entwarf sie die Kostüme. Zuletzt erarbeitete sie 2018 das Bühnenbild für Mozarts Die Zauberflöte, die in diesem Jahr als Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele aufgeführt wurde. Regelmäßig arbeitet Katharina Schlipf auch mit dem Choreografen Demis Volpi. Die Zusammenarbeit begann 2010 mit dem Ballett Karneval der Tiere für die John Cranko Schule in Stuttgart, für die Katharina Schlipf die Kostüme und das Bühnenbild schuf. Es folgten Bühnen- und Kostümausstattungen für Capricen am Ballett Karlsruhe, Little Monsters, choreografiert für den Erik-Bruhn-Preis 2011 in Kanada, und Private Light für das American Ballett Theatre New York. Außerdem zeigte sie sich für die Ausstattungen für das Handlungsballett Der Nussknacker am Königlichen Ballett Flandern sowie für Volpis erste Opernregie Fetonte bei den Winterfestspielen in Schwetzingen verantwortlich. Eng verbunden sind Katharina Schlipf und Demis Volpi auch dem Staatstheater Stuttgart. Dort erarbeiteten sie seit 2010 die Produktionen Aftermath, Die Geschichte vom Soldaten von Igor Stravinsky, das Handlungsballett Salome nach Oscar Wilde und das Handlungsballett Krabat nach Ottfried Preußler. Ihre bisher letzte Produktion für die Oper Stuttgart in Kooperation mit dem Stuttgarter Ballett war die Produktion Tod in Venedig von Benjamin Britten, für die Katharina Schlipf Bühne und Kostüme schuf. Diese Arbeit wurde von den International Opera Awards zur besten Neuproduktion des Jahres 2018 nominiert. Katharina Schlipf ist neben ihrer Ausstattungstätigkeit projektbezogen auch als Dozentin für die Universität Stuttgart und die Musikhochschule Trossingen tätig. 2015 wurde Katharina Schlipf mit dem Rotary-Kunst-Preis ihrer Heimatstadt Rottweil ausgezeichnet. La Traviata ist die erste Zusammenarbeit mit Regisseurin Nadja Loschky und Bühnenbildnerin Katrin Connan.

BESETZUNG  –  Violetta Valéry Irina Simmes / Sophia Brommer,  Flora Bervoix Hasti Molavian,  Annina Annika Brönstrup,  Alfredo Germont Daniel Pataky,  Giorgio Germont Evgueniy Alexiev / Frank Dolphin Wong,  Gaston Lianghua Gong / Lorin Wey,  Baron Douphol Caio Monteiro
Marquis d’Obigny Yoshiaki Kimura,  Doktor Grenvil Moon Soo Park,  Giuseppe, Violettas Diener In-Kwon Choi / Krzysztof Gornowicz,  Ein Diener Floras Yun-Geun Choi / Ramon Riemarzik,  Ein Bote Tae-Woon Jung / Paata Tsivtsivadze,  M. Thomas Wilhelm

Die Sopranistin Irina Simmes ist ab der Saison 2018/19 festes Mitglied am Theater Dortmund, wo sie diese Spielzeit als Lisa (Land des Lächelns) debütiert. Mit der Walküre wird sie diese Spielzeit auch an die Oper Frankfurt zurückkehren, wo sie 2017 mit der Rolle der Konstanze (Entführung aus dem Serail) in Christof Loys Inszenierung unter der Leitung von Sebastian Weigle zu hören war. Seit 2012 war sie am Theater Heidelberg unter anderem in Mozart-Partien wie Konstanze (Entführung aus dem Serail), Pamina (Die Zauberflöte), Gräfin Almaviva (Le nozze di Figaro), Fiordiligi (Così fan tutte) und Donna Anna (Don Giovanni) zu hören. 2017 gab die Sängerin ihr Hausdebüt als Isolde (Avner Dormans Wahnfried) am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, wohin sie in der Spielzeit 2017/18 in einer Neuproduktion von Mozarts Lucio Silla in Kooperation mit dem Théâtre la Monnaie Brüssel zurückkehrte. Neben Partien wie Laura (Korngolds Der Ring des Polykrates), Musetta (La Bohème), Rosalinde (Die Fledermaus) und Micaëla (Carmen) fand ihre Interpretation der Violetta (La Traviata) große Aufmerksamkeit. 2015 widmete ihr die Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne in der Februar-Ausgabe einen Coverartikel.

Irina Simmes’ Repertoire umfasst sowohl Raritäten des Barock (u. a. Pilade in Traettas Ifigenia in Tauride) sowie Werke des zeitgenössischen Musiktheaters (u. a. Adela in Josts Rumor und die Titelpartie in der Uraufführung von Harneits Abends am Fluss). Irina Simmes absolvierte ihre Gesangsausbildung an der Folkwang Universität der Künste Essen und war in der Spielzeit 2011/12 Mitglied des Opernstudios am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen.

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Saul von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 27.09.2017

September 27, 2017 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

SAULOratorium von Georg Friedrich Händel

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Ein interessanter Saisonstart 2017/18: Das Mainzer Staatstheater beginnt die neue Spielzeit mit einem Oratorium von Georg Friedrich Händel. Saul – in der Regel eher konzertant aufgeführt – wird hier szenisch präsentiert. Mehr als jedes vorangehende Werk Händels symbolisiert es eine Verbindung von Oper, Kirche und Konzert und auch die Instrumentation ist ungewöhnlich: Harfe, Carillon (Turmglockenspiel, großes Glockenspiel bzw. Röhrenglockenspiel), Posaunen, große Trommeln neben den üblichen Orchesterinstrumenten. Es gibt lange Instrumentalpassagen, die Orgel steht für das kirchliche Moment und der Chor – ähnlich der antiken Tradition – ist dramatischer Bestandteil, der die Handlung vorantreibt und zugleich kommentiert. Diese Mainzer Inszenierung ist eine Übernahme vom Staatstheater Oldenburg, wo die Premiere 2012 stattfand.

Das barocke Bühnenbild nebst Kostümen (Katharina Schlipf und Ursula Kudrna) assoziiert die Epoche Händels, in der Opulenz und Vergnügen das vorherrschende Lebensgefühl waren, zumal am Hofe. Sauls Hofstaat lässt es sich gut gehen, gibt sich unter den kritischen Blicken des Königs zufrieden und saturiert. Saul, Derrick Ballard ist ein gefälliger Herrscher, thront wahrhaftig über allem auf einer Art goldenen Empore, die unter sich immer wieder den roten Vorhang lüftet und so zu einem handlungstragendes Element wird. Da kehrt David – wie es sich für einen Kriegsherrn gehört, als lebendes Reiterdenkmal – zurück und nichts wird mehr sein wie zuvor. Saul verkraftet den Erfolg des jungen David nicht, Neid zersetzt ihn, fatal wird es am Ende für das gesamte Gemeinwesen – den Staat.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Die Auflösung der dünnen zivilisatorischen Schicht zeigt Regisseurin Lydia Steier sehr anschaulich: Die Wände, die Barockmöbel und Kissen, ehemals gepflegte Umgebung, werden demontiert und wie in einem kollektiven Rausch – und (leider) recht geräuschvoll – zerstört. Die Chormitglieder reißen sich die Perücken vom Kopf, entkleiden sich auch gegenseitig bis auf die Unterwäsche und legen dabei jedes standesgemäße Verhalten ab. Tatsächlich zwängen die barocken Kostüme das Individuum in ein „Korsett“, doch dieses steht im wahrsten Sinne für Haltung bzw. für das Erfassen der „Kraft, die Kleidung verleihen kann…“. (Jil Sanders prägnanter Ausspruch ist zwar auf das gegenwärtige mangelnde Bewusstsein und Wissen um Wirkung von Kleidung gemünzt, aber nichtsdestotrotz für alle Epochen gültig). Mit den entsorgten Kleidern gehen die Sitten über Bord: Die Moral ist kein gesellschaftlich einendes Band mehr. Am heftigsten bekommt das Sauls Sohn zu spüren, der Werte hochhält und einen Rest an äußerlicher Würde zu wahren versucht, für die Masse aber ein veritables Opfer und somit angreifbar wird. Steven Ebel ist ein berührender Jonathan, dessen Misshandlung durch den Chor einen Buhruf provozierte.

Am Ende ist Sauls Sippschaft tot, sein Neid auf David hat sie alle das Leben gekostet. Sauls Niedergang beginnt im Abstieg, d.h. beim Verlassen der Empore, die bei der Demontage einen blauen Container freigibt. Seine Kleidung weist ihn noch als König aus, aber sie wirkt deplatziert, sie kaschiert nur mühsam seine Gewaltbereitschaft und den Hass auf den Emporkömmling David, den das Volk verherrlicht. Für seine Töchter Merab – von Marie-Christine Haase intensiv gespielte Widerborstigkeit – und Michal führen Sauls Exzesse zu Desillusion und Verzweiflung.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Michal, die zwar ihren David bekommt, aber letztlich nicht mit ihm ihr Glück erfahren wird, erhängt sich zuletzt im Container. Derweil nimmt David obenauf Platz. Ihr Tod – Dorin Rahardja gibt eine aus der Zeit gefallene Frau, ohne Hoffnung auf Hilfe – markiert eine neue, äußerlich zumindest wenig glanzvolle, Ära: Davids Thron ist ein weißer Plastikstuhl. Allerdings wird er nicht mehr wie Saul von den Neidfiguren  gepiesackt – aber worauf sollte man auch neidisch sein?!

Aus dem opulenten Chor ist eine einheitliche Masse geworden: in dunklen Anzügen und mit schwarzen, streng wirkenden Brillen ausgestattet – man müsste eher von „bewaffnet“ reden, zu deutlich drücken sie die neue Macht und Zugehörigkeit aus. Eine Technokratie, die ihren Herrn im geschmeidigen David, von Alin Deleanu eher düster angelegt, gefunden hat. Es ist „moderner“, keineswegs besser geworden – im Gegenteil.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Die Musik behauptet unbedingt den Glauben an Besserung und an eine hoffnungsfrohe Zukunft, was das zupackende Dirigat von Andreas Spering nachdrücklich unterstreicht. Der Chor und Extrachor des Staatstheater Mainz unter der Führung von Sebastian Hernandez-Laverny leistet darstellerisch wie gesanglich herausragendes und erhielt großen Zuspruch vom Publikum. Dass sich in diesem Punkt, eine in sich schlüssige und gelungene Inszenierung nicht mit der Musik verbündet, ja übereinstimmt, ist ein kleiner Wehmutstropfen. George Frideric Handel, so sein Name auf dem englischen Einbürgerungsantrag von 1727, war sich der Virtuosität, Kraft und Wirkungsmacht seiner Musik sicher.

Weitere Mitwirkende sind Alexander Spemann (Hexe von Endor), Georg Lickleder (Samuel), Augustín Sánchez Arrelano (Abner), Dennis Sörös (Bass im Terzett), Tänzer (Neidfiguren mit Hakennasen und Hörnchen auf den kahlen Schädeln) verkörpert von David Krohn, Lászlo Nágy, Léonard Schindler, Carolina Völker und Miro Yilmaz (Kind) und die Kinderstimme von Band gehört Florian Scholz, der ein Mitglied des Mainzer Domchors ist. Großer Applaus.

Saul am Staatstheater Mainz:  Weitere Vorstellunstermine: 30.9.2017, 8.10.2017, 17.10.2017, 4.11.2017

 

—| IOCO Kritik Staatstheater Mainz |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

Der Vorverkauf der Staatstheater Stuttgart für die Vorstellungen im September und Oktober 2017 hat bereits begonnen

Die aktuelle Spielzeit der Staatstheater Stuttgart neigt sich dem Ende zu. Der Vorverkauf für die Veranstaltungen im September und Oktober 2017 hat allerdings bereits begonnen:

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Am Freitag, 22. September 2017, eröffnet die Oper Stuttgart mit Peter Tschaikowskys Oper Pique Dame in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Am Samstag, 23. September, kehrt Benjamin Brittens Der Tod in Venedig und am Sonntag, 24. September, Gioachino Rossinis La Cenerenola zurück auf die Opernbühne. Zu einem musikalischen Streifzug durch die kommende Opern- und Konzertsaison lädt die Oper Stuttgart im Rahmen des spartenübergreifenden Spielzeit-eröffnungsfestes ebenfalls am Sonntag, 24. September, um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei. Giacomo Puccinis Tosca in der Inszenierung von Willy Decker steht ab Montag, 25. September, wieder auf dem Spielplan.

Am Mittwoch, 27. September, kommen Freunde der Liedkunst auf ihre Kosten: Georg Nigl und Anna Lucia Richter interpretieren im 1. Liedkonzert Werke aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch. Im 1. Sinfoniekonzert der Saison am 8. und 9. Oktober 2017 dirigiert Hartmut Haenchen Werke von Mozart und Wagner und im 1. Kammerkonzert am Mittwoch, 11. Oktober, präsentieren Musiker des Staatsorchesters Werke von Schönberg, Beethoven und Brahms.

Die Eröffnungspremiere, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, am Sonntag, 22. Oktober 2017, inszeniert der vielfach ausgezeichnete Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikov, der zuletzt mit Salome auf der Stuttgarter Opernbühne begeisterte. Es dirigiert Georg Fritzsch. Eine ausführliche Pressemitteilung folgt.

Im Folgenden erhalten Sie eine detaillierte Übersicht über die ersten Musiktheater- und Konzerthighlights der kommenden Saison.


Spielzeiteröffnung 2017/18


Spielzeiteröffnungsfest
Sonntag, 24. September 2017, von 11 bis 18 Uhr

Am Sonntag, 24. September 2017, heißt es „Bühne frei für die neue Spielzeit“: Am Tag der Bundestagswahl eröffnen die Oper Stuttgart, das Stuttgarter Ballett und das Schauspiel Stuttgart die Spielzeit mit einem großen Spielzeiteröffnungsfest im Opern- und im Schauspielhaus sowie auf den Plätzen davor. Gemeinsam mit dem Publikum starten die drei Sparten singend, tanzend und spielend in die neue und letzte Saison der drei amtierenden künstlerischen Intendanten.

Von 11 bis 13 Uhr heißen Sänger, Musiker und das Leitungsteam der Oper Stuttgart das Publikum bei freiem Eintritt im Opernhaus willkommen und stellen einige Höhepunkte, prägende Akteure und Leitgedanken der kommenden Spielzeit vor. Die Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble und dem Opernstudio bringen dabei besondere musikalische Momente zu Gehör, bevor in einem zweiten Teil das größte Ensemble des Hauses seine Jubiläumssaison einläuten wird: Das Staatsorchester Stuttgart, das im Jahr 2018 sein 425-jähriges Bestehen feiert, präsentiert sich auf der Opernbühne sowie im Anschluss in den Foyers des Opernhauses und auf dem Opernvorplatz.

Um 13.30 Uhr und 14.30 Uhr lädt die Junge Oper Kinder von 5-7 Jahren zu zwei Vorstellungen des Sitzkissenkonzerts Frieda tanzt ins Opernhaus, Foyer III. Rang, ein.

Hinweis: Ab 18 Uhr werden die Ergebnisse der Bundestagswahl live ins Foyer des Schauspielhauses übertragen.


Erste Opernvorstellungen


Peter Tschaikowsky  –  Pique Dame
22. | 26. | 30. September 2017 // 13. | 16. | 25. | 31. Oktober 2017

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Frank Beermann, Regie und Dramaturgie:, Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor und Kinderchor: Johannes Knecht

MIT: German: Erin Caves, Graf Tomski: Gevorg Hakobyan, Fürst Jeletzki: Shigeo Ishino, Tschekalinski: Torsten Hofmann, Surin: Michael Nagl, Tschaplitzki: Moritz Kallenberg, Narumov: Padraic Rowan, Gräfin: Helene Schneiderman, Lisa: Rebecca von Lipinski, Polina: Stine Marie Fischer, Gouvernante: Maria Theresa Ullrich, Mascha: Mirella Bunoaica, Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Benjamin Britten  –  Der Tod in Venedig
23. | 28. September 2017 // 05. Oktober 2017 // 13. | 22. | 29. Juni 2018 // 05. Juli 2018

Musikalische Leitung: Marco Comin, Regie und Choreographie: Demis Volpi, Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil, Dramaturgie: Sergio Morabito, Ann-Christine Mecke

MIT:  Gustav von Aschenbach: Matthias Klink, Reisender / Ältlicher Geck / Alter, Gondoliere / Hotelmanager / Coiffeur des Hauses /, Führer der Straßensänger / Stimme des Dionysos: Georg Nigl, Ashley David Prewett, Stimme des Apollon: Jake Arditti, William Towers, Apollon: David Moore, Hotelportier: Daniel Kluge, Bootsmann:, Tommaso Hahn, Hotelkellner / Restaurantkellner: Michael Wilmering
Erdbeerverkäuferin / Straßensängerin: Aoife Gibney, Glasbläser / Straßensänger: Kai Kluge, Englischer Angestellter im Reisebüro: Ronan Collett, Fremdenführer in Venedig: Padraic Rowan, Bettlerin: Fiorella Hincapié, Spitzenverkäuferin: Catriona Smith
Zeitungsverkäuferin: Cristina Otey, Die polnische Mutter: Joana Romaneiro, Tadzio: Gabriel Figueredo, Schüler der John Cranko Schule, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Gioachino Rossini  –  La Cenerentola

24. September 2017 // 01. | 08. | 15. | 20. Oktober 2017 // 01. November 2017

Musikalische Leitung: Maurizio Barbacini, Regie: Andrea Moses, Bühne: Susanne Gschwender, Kostüme: Werner Pick, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil
Dramaturgie: Thomas Wieck, Moritz Lobeck,

MIT:  Angelina: Lilly Jørstad, Diana Haller, Clorinda: Catriona Smith, Tisbe: Maria Theresa Ullrich, Don Magnifico: Enzo Capuano, Don Ramiro: Sunnyboy Dladla, Dandini: Bogdan Baciu, Alidoro: Adam Palka, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Giacomo Puccini  –  Tosca

25. | 29. September 2017 // 14. | 17. | 21. Oktober 2017 // 10. | 29. Dezember 2017 // 09. Januar 2018

Musikalische Leitung: Domingo Hindoyan, Giuliano Carella, Regie: Willy Decker, Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Juliane Votteler

MIT:  Floria Tosca: Svetlana Aksenova, Cellia Costea, Mario Cavaradossi: Arnold Rutkowski, Baron Scarpia: Sebastian Holecek, Albert Dohmen, Cesare Angelotti: Ashley David Prewett, Mesner: Karl-Friedrich Dürr, Spoletta: Heinz Göhrig
Schließer / Sciarrone: N.N., Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Eröffnungspremiere

Engelbert Humperdinck  –  Hänsel und Gretel
22. Oktober 2017,  weitere Vorstellungen 26. Oktober 2017; 04. November 2017 // 02. | 13. | 16. | 26. (nm+ab) Dezember 2017 // 07. (nm+ab) | 14. Januar 2018

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Willem Wentzel, Regie, Bühne und Kostüme: Kirill Serebrennikov, Video: Ilya Shagalov, Licht: Reinhard Traub, Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke,

MIT: Vater: Michael Ebbecke, Simon Bailey, Mutter: Irmgard Vilsmaier, Catriona Smith, Hänsel: Diana Haller, Kora Paveli, Gretel: Esther Dierkes, Josefin Feiler, Knusperhexe: Daniel Kluge, Torsten Hofmann, Sandmännchen / Taumännchen: Aoife Gibney,, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart
Einführungsmatinee: 15. Oktober 2017, 11 Uhr, im Opernhaus, Foyer I. Rang


Erste Konzerte


1. Liedkonzert  –   Italienisches Liederbuch – Lieder von Hugo Wolf
27. September 2017, 20 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Sopran: Anna Lucia Richter, Bariton: Georg Nigl, Klavier: Gérard Wyss


1. Sinfoniekonzert  –  Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 551 („Jupiter“),
Richard Wagner:  Götterdämmerung-Suite

08. und 09. Oktober 2017, 11 Uhr bzw. 19.30 Uhr, Beethovensaal der Liederhalle

Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen,  Staatsorchester Stuttgart


Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

1. Kammerkonzert  –  Weitergeben der Glut
11. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle

Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 in der Fassung von Anton von Webern (1906/1923) für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier,  Ludwig van Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95 (1810), Johannes Brahms: Trio a-moll op. 95 (1891) für Klarinette, Violoncello und Klavier; Musikern des Staatsorchesters Stuttgart


1. Lunchkonzert  –  Musiker des Staatsorchesters Stuttgart
25. Oktober 2017, 12:45 – 13:15 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Eintritt frei

Junge Oper  Casting:  Für das Musiktheaterprojekt ON_THE_LINE
Alte Musikhochschule Stuttgart, Urbansplatz 2, 70182 Stuttgart

Gesucht werden abenteuerlustige Darstellerinnen und Darsteller zwischen 12 und 18 Jahren. Proben ab November 2017 jeden Mittwochabend von 18-20 Uhr, Intensivproben während der Pfingstferien 2018. Anmeldung auch unter: education@staatstheater-stuttgart.de

Wiederaufnahme  Leonard Evers  –  Gold
23.* | 24.* | 26. * | 27.* Oktober 2017 // 13.* |14.* | 16. | 17. |19.* | 21.* | 22. Dezember 2017 –  *Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Till Drömann, Regie: Jörg Behr, Bühne: Line Sexauer, Kostüme: Kerstin Hägele, Licht: Gianni Scopa, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke, Jacob: Philipp Nicklaus, Schlagzeug: Marta Klimasara


Wiederaufnahme


Gion Antoni Derungs  –  Benjamin

09.* | 11.| 13.* | 15.* | 17.* | 19. November 2017
*Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Jan Croonenbroeck, Regie: Neco Çelik, Bühne: Stephan von Wedel, Kostüm: Valentin Köhler, Dramaturgie: Johanna Danhauser, Licht: Rainer Eisenbraun,  Chor: Benjamin Hartmann

Mit: Ibrahima Biaye, Minyoung Catharina Häger, Thomas Herberich, Daniel Keating-Roberts, Konstantin Krimmel, Myriam Mayer, Monika Abel-Lazar, Philipp Nicklaus, Marc-Eric Schmidt, Lena Sutor-Wernich, Projektchor der Jungen Oper


Premieren


Die Premieren der Musiktheaterproduktionen Krieg von Marius Felix Lange und ON_THE_LINE finden am 27. April 2018 bzw. am 01. Juni 2018 statt.  PMOSt

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Tod in Venedig – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.05.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Der Tod in Venedig – Benjamin Britten

„Der Künstler und seine Beziehung zum Schönen“

Demis Volpi choreografiert und inszeniert Benjamin Brittens  Tod in Venedig            Matthias Klink begeistert als Gustav von Aschenbach

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

von Peter Schlang

Thomas Manns weltberühmte, 1913 erschienene Novelle Der Tod in Venedig hat zahlreiche Vertreter ganz unterschiedlicher Kunstgattungen zu Bearbeitungen und Adaptionen inspiriert, von denen Luchino Viscontis Film aus dem Jahr 1971 wohl die bekannteste und populärste ist. Oder sollte man sagen war? Denn zwei Jahre später, am 16. Juni 1973, wurde beim Aldeburgh Festival im englischen Snape Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice uraufgeführt, zu der Myfanwy Piper in enger Abstimmung mit dem Komponisten – sozusagen im Gleichschritt mit dessen Komposition – aus Manns Vorlage das Libretto entwickelt hatte. Die beiden kannten sich von mehreren gemeinsamen Opernprojekten, so dass Pipers Aussage großen Wahrheitsgehalt besitzt, dass sich der Komponist schon viele Jahre mit Thomas Manns Stoff und dem Gedanken beschäftigt hatte, daraus eine abendfüllende Oper zu schaffen.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink als Gustav von Aschenbach © Oper Stuttgart

Ursprünglich war die Stuttgarter Staatsoper im Jahr 1976 als Ort der deutschen Erstaufführung von Der Tod in Venedig vorgesehen, doch wegen des Todes des Komponisten im gleichen Jahr und anderer Gründe konnte dieser Plan nicht realisiert werden. So gelangte die letzte Oper Brittens sage und schreibe erst gut 40 Jahre später, am 7. Mai dieses Jahres, zum ersten Mal auf die Stuttgarter Opernbühne. Fast zwei Jahre nahmen Konzeption, Erarbeitung, Umsetzung und Vorbereitung dieser mit Spannung erwarteten Inszenierung in Anspruch, eine lange, für eine Neuproduktion nicht selbstverständlich zur Verfügung stehende Zeit. Diese wurde, das sei vorweg bemerkt, bestens und effizient genutzt, so dass sich das Warten in jeder Hinsicht gelohnt hat.

Die Realisierung dieses ambitionierten Vorhabens erfolgte nach Glucks Orpheus und Eurydike vor acht Jahren zum zweiten Mal als Koproduktion von Oper und Ballett. Was an anderen Häusern möglicherweise ohne großen Kommentar geschieht, ist im Stuttgarter Kontext besonderer Erwähnung wert, sind doch beide Sparten als Stuttgarter Oper und Stuttgarter Ballett gleichermaßen selbstständig wie auf ihre je eigene Tradition bedacht wie stolz.

Demis Volpi choreographiert – Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig_ David Moore als Apollon © Oper Stuttgart

Nach außen besonders sichtbar wird diese Zusammenarbeit in der Person des Regisseurs, als der Demis Volpi, seit 2013 Haus-Choreograph des Stuttgarter Balletts, erstmals an seinem Stammhaus bei einer Opernproduktion Regie führte. Diese Personalentscheidung drängte sich nicht nur deshalb auf, weil Volpi bereits bei den Winterfestspielen 2014 in Schwetzingen mit Niccolò Jommelis Oper Fetonte sein Regietalent gezeigt und bei mehreren eigenen Handlungsballetten sein dramaturgisch-theatralisches Gespür und seine hohe Begabung für Personenführung und -Profilierung eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Sie erweist sich vor allem auch vor der Tatsache als logisch oder gar zwingend, dass Britten und seine Librettistin die Rollen des polnischen Jungen Tadzio und seiner Familie mit Tänzern besetzt und dem Tanz großen Raum eingeräumt haben. Die beiden Schöpfer dieses späten Meisterwerks wollten damit unterstreichen, dass diese Figuren aus einer völlig anderen Welt als der Protagonist Gustav von Aschenbach stammen und eine Kommunikation zwischen diesen beiden Polen in jeder Hinsicht „unmöglich“ ist.

Der Regie-Choreograf Volpi durfte seine Herkunft und frühe Meisterschaft auch dadurch beweisen, dass der bei Britten/Piper nur als körperlose Stimme zu hörende Apollon in der Stuttgarter Aufführung doppelt besetzt ist: Der aus dem Orchestergraben zu hörende wunderbar geführten Stimme des fabelhaften Countertenors Jake Arditti verleiht der nicht minder famose und präsente erste Solist des Stuttgarter Balletts, David Moore, auf der Bühne beeindruckende und Sinn stiftende körperliche Präsenz.
Auch in der szenischen Umsetzung des Opernstoffes zeigt sich Volpis am Ballett geschulte, nach innen weisende, eher leise daherkommende sublime Ästhetik, die bei der Darstellung von Äußerlichkeiten sehr behutsam vorgeht und bis auf einige Chorszenen und den Dionysos-Traum Aschenbachs auf Überzeichnung verzichtet.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So werden in Stuttgart die Opernfreunde enttäuscht, die ein reales Venedig mit dazu passenden Klischeebildern erwartet hatten. Denn auf der Bühne zeigt sich weder das Schiff, welches den Dichter Aschenbach in die Serenissima bringt, noch wird etwas von der Silhouette der Stadt oder ihres Strandes sichtbar.

Demis Volpi und seine mit ihm in jahrelanger künstlerischer Partnerschaft verbundene bewährte Ausstatterin Katharina Schlipf führen die Zuschauerinnen und Zuschauer vielmehr in eine eher statisch-neutrale Situation, die alle Merkmale einer intimen, in sich ruhenden Innenwelt aufweist. Sie bietet der Handlung einen kammerspielhaften Rahmen, von dem nicht präzise zu sagen ist, ob damit Aschenbachs Seele oder Gefühlswelt gemeint ist oder doch die Möglichkeit einer realen Reise angedeutet werden soll. Auf jeden Fall lässt der von Schlipf entworfene Bühnenraum mit seinen beweglichen Spiegeln, Vorhängen, Glaswänden und Türen breiten Raum für die Phantasie des Betrachters, vor dessen innerem Auge sich durchaus Spuren der venezianischen Kanäle und Gassen oder des lebhaften Treibens auf Plätzen und Stränden zeigen mögen. Viel naheliegender ist allerdings die Vermutung einer Reise ins Innenleben des alternden, in einer tiefen Krise steckenden Dichters Aschenbach, so dass man die Stuttgarter Inszenierung, wie schon Thomas Manns geniale Urfassung, als großartiges und fesselndes Kopfkino bezeichnen kann.
Daran, dass dies ohne jeden Abstrich gelingt und die stellenweise durchaus langatmigen Monologe Aschenbachs nicht in Langeweile münden, hat neben der schlüssigen Regie und Choreografie und der diese sehr sensibel unterstützenden Lichtregie Reinhard Traubs der in jeder Hinsicht phänomenale Tenor Matthias Klink überragenden Anteil. Was dieser begnadete Sängerdarsteller über 150 Minuten an stimmlicher wie schauspielerischer Präsenz zeigt – sein Aschenbach ist fast immer am Bühnengeschehen beteiligt – ist schlicht sensationell.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl als ältlicher Geck, Matthias Klink und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

So ist seine stimmliche Ausdrucks- und Gestaltungskraft genauso bewundernswert wie der Facettenreichtum seiner Stimme, und die Art und Weise, wie er dem Gesungenen durch sein überragendes schauspielerisches Können Glaubwürdigkeit verleiht, lässt einen eher an einen Film als an eine live erlebte Oper denken.
Kaum weniger beeindruckend ist an diesem Premierenabend der Bariton Georg Nigl in den Aschenbach von Britten teils zur Seite teils gegenübergestellten sieben Hermes- und Todesfiguren. Auch er verleiht durch seine Stimmführung und seine ganz unterschiedlichen Stimmregister sowie durch sein darstellerisches Können den jeweiligen Charakteren spezielle Prägung und Glaubwürdigkeit. So besitzen sowohl sein eher teilnahmslos wirkender Gondoliere wie sein unterwürfig-schleimiger Hotelmanager als auch die anderen von ihm verkörperten Rollen jene Aura, der man sich im richtigen Leben eher nicht ausgesetzt sehen möchte.
Auch alle anderen Sängerinnen und Sänger, die von Britten ja eher mit kleineren Rollen bedacht wurden, tragen an diesem denkwürdigen Maienabend ihren Teil zum überragenden Erfolg des ersten Stuttgarter Todes in Venedig bei. Und wie eigentlich immer am Stuttgarter Opernhaus gilt dieses eher untertriebene Urteil auch für den Opernchor, der, von Christoph Heil fabelhaft vorbereitet, in all seinen Rollen und Szenen stimmlich wie optisch überzeugt, ja begeistert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Georg Nigl, Matthias Klink, Gabriel Figueredo als Tadzio und Staatsopernchor © Oper Stuttgart

Bevor zur Vervollständigung der Würdigung der musikalischen Seite das Staatsorchester Stuttgart sein verdientes Lob erhält, soll zuerst und endlich die eingangs nur kurz erwähnte Sparte gewürdigt werden, die von Britten mit einem wichtigen wie eigenständigen Beitrag versehen wurde und von offizieller Seite als Ko-Produzent genannt wird: Das Stuttgarter Ballett und seine hier zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer.
Neben dem schon gepriesenen Apollon David Moores ist an diesem Abend aus der Stuttgarter „Erwachsenen-Compagnie“ Joana Romaneiro als distinguierte, etwas unnahbar wirkende polnische Mutter zu erleben. Die herausragenden tänzerischen Akteure sind aber ohne jeden Zweifel die Nachwuchstänzer der hauseigenen John-Cranko-Schule, welche die Schwestern in Tadzios polnischer Familie und seine Spielkameraden am Strand verkörpern. Gerade diese sieben Knaben unterschiedlichen Alters gehen mit jugendlicher Unbekümmertheit wie professioneller Ernsthaftigkeit an ihre Aufgaben heran, dass man sich um die Zukunft der Stuttgarter Compagnie keinerlei Sorgen machen muss. Und dass aus dieser weltberühmten Nachwuchsschmiede ständig Spitzenkräfte hervorgehen, die alsbald als Solistinnen und Solisten ganz im Rampenlicht stehen, zeigt auf eindrucksvolle Weise der 15jährige Darsteller von Aschenbachs Sehnsuchts-Subjekt Tadzio, der aus Brasilien stammende Gabriel Figueredo. Im gebührt an diesem Abend die Tänzerkrone, und er wurde für seine tänzerische wie psychische Ausdruckskraft vom Publikum begeistert gefeiert.

Oper Stuttgart / Tod in Venedig - Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Tod in Venedig – Mattias Klink, Georg Nigl und Georg Moore © Oper Stuttgart

Uneingeschränkten Beifall verdienten und erhielten schließlich die Musiker des Staatsorchesters, welches Sängern wie Tänzern ein äußerst verlässlicher Partner war und Brittens anspruchsvolle Partitur höchst sensibel wie sicher zum Klingen brachte. Stellvertretend für seine verdienstvolle Truppe nahm der mit der musikalischen Leitung betraute, aus der Ukraine stammende Dirigent Kirill Karabits den Applaus des Premierenpublikums entgegen, der beim Erscheinen der beiden „Hauptrollen-Sänger“ und der Mitglieder des Balletts orkanartige Ausmaße annahm.
Ovationen und kaum enden wollenden Jubel erhielten aber auch der Chor und das gesamte Produktionsteam dieser beeindruckenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, die ohne Zweifel ein weiterer Publikumsmagnet der Stuttgarter Oper werden wird.

Tod in Venedig an der Oper Stuttgart: Weitere Aufführungen: 11.05., 14.05., 18.05., 25.05., 05.06., 18.06., 07.07. und 19.07.2017

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