Hamburg, Staatsoper Hamburg, Molto agitato – eine Reise durch die Musikgeschichte, IOCO Kritik, 08.09.2020

September 7, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Premieren, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Molto agitato –  Saisoneröffnung unter Pandemiebedingungen

Regiedebut von Frank Castorf im Haus am Dammtor
Eine in Gewaltobsessionen badende Reise durch die Musikgeschichte

von Patrik Klein

Molto agitato…“sehr aufgeregt“ war der kulturinteressierte Opernfreund kurz vor der Veröffentlichung des Interimsspielplans der Saison 2020/21 der Staatsoper Hamburg nach fast sechsmonatiger zwangsbedingter Pandemiepause.

Am 8.3.2020 gab es die letzte auch von IOCO rezensierte Premiere von Vincenzo Bellinis Norma, link HIER, die noch eine zweite und letzte Aufführung ein paar Tage danach erlebte. Ein Otello mit José Cura in der Titelrolle vor bereits deutlich sparsamer besetzten Besucherreihen schloss sich final an.

Dann kam die Zwangspause, das kulturelle Drama, das Desaster der musikalischen Stille und der szenischen Bewegungslosigkeit, die Versendung der Festangestellten und des Ensembles in die Kurzarbeit und die Verbannung der Freischaffenden in die Existenznot oder noch Schlimmeres.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Das bisher bekanntgegebene Programm der neuen Saison wirkte statt molto agitato dann doch eher bescheiden, vorsichtig, ausgedünnt, eher verstörend als anlockend und wenig Mut ausströmend. „Jetzt erst Recht, wir machen was aus dieser Misere“ war nur schwerlich erkennbar. Stattdessen drei Kurzpremieren (molto agitato, Paul Abrahams Märchen im Grand Hotel und Arnold Schönbergs / Francis Poulencs Pierrot lunaire/La voix humaine), fünf Ballette (Ghost Light, Orphée et Eurydice, Ballett für Klavier und Stimme, Tod in Venedig und Matthäus-Passion) und zwei Repertoirestücke (Mozarts Zauberflöte und Cosi fan tutte) wohl auch in gekürzten Fassungen. Ab dem Jahreswechsel hofft man, das ursprünglich geplante Programm spielen zu können.

Mit nur einem Drittel an Zuschauern darf das „Große Haus“ gefüllt werden, selbstverständlich mit entsprechendem Hygienekonzept, neuer Klimaanlage und dem Verbot von Beifalls- und Missfallenskundgebungen, welches man in den neu veröffentlichten Servicekonditionen bekannt gab. Es sind erheblich weniger Spieltage als üblich angesetzt mit etlichen Spielplanlücken, die an anderen Orten gefüllt sind, wie in München an der Bayerischen Staatsoper, mit Liederabenden oder Kammerkonzerten.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Man könnte den Eindruck bekommen, dass hier ein finanziell angeschlagenes Haus einen Sanierungsversuch unternimmt: molto agitato.

Nach exakt 176 Tagen, 20 Stunden und etwa 7 Minuten, wie George Delnon in einer kurzen Ansprache in der ersten Reihe im Parkett stehend mitteilte, folgte nun Frank Castorfs Version dieses molto agitato als Saisoneröffnung statt seines ursprünglich geplanten Boris Godunow von Mussorgski.

Mit dem Regisseur wurde ein Projekt entwickelt, das auf die neue Lage in der Pandemie künstlerisch reagieren wollte. Konzert, Lied und Musiktheater von György Ligeti, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel und Kurt Weill lieferten die Stücke des Abends. Die höchst unterschiedliche Musik bildeten Werke aus der Neuen Musik, der Hochromantik, des Barocks und einer „Zeitoper“ unter dem musikalischen und sozialen Einfluss von Jazz und Unterhaltungsmusik.

Nouvelles Aventures von György Ligeti, Vier Gesänge op. 43 von Johannes Brahms, auseinandergerissen in zwei Teile, Händels Aci, Galatea e Polifemo sowie ein Vorspiel aus seinem Oratorium Salomo und schließlich Die sieben Todsünden von Kurt Weill bildeten den Kern der Saisoneröffnung in Hamburg. Eine Schauspielerin und vier Solist*innen  sowie eine zum Kammerorchester geschmolzene Staatsphilharmonie mussten sich den Graben und die Bühne teilen und unter Wahrung der Abstandsregeln musizieren.

Für seine berühmt-berüchtigten „Neuen Sichtweisen auf ein Stückist der Regisseur Frank Castorf immer wieder gerne engagiert worden. In den letzten Jahren gelangte seine Interpretation des Nibelungenringes in Bayreuth heftig unter Beschuss. Auch der Intendant der Staatsoper Hamburg George Delnon konnte der Versuchung nicht widerstehen, den intellektuellen DDR-Widerständler erstmalig nach Hamburg zu holen. Der Berliner Volksbühnenalleinherrscher am Rosa-Luxemburg-Platz, der für endlos lange Inszenierungen steht, in denen das ganze Abendland zwischen Aufklärung und Diktatur pendelt, hat wohl deutlich mehr Gegner als Freunde. Aber das macht ihm wohl wenig aus.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Castorf und sein Regieteam (Aleksandar Denic, Bühne; Adriana Braga Peretzki, Kostüme; Lothar Baumgarte, Licht; Andreas Deinert, Live-Kamera; Severin Renke, Live-Video und Kathrin Krottenthaler, Video) sahen das Stück als eine Art kleingeteiltes Mosaik, das sich im Laufe der Zeit zu einem Gesamtbild entwickelt. Sie fügten Texte und Spielszenen von Quentin Tarantino zum Thema Sex und Gewalt aus seinem ersten Film Reservoir Dogs ein, so dass aus summierten 70 Minuten Musik ein knapp zweistündiger Abend wurde.

Eine Schauspielerin (Valery Tscheplanowa) erklärte dem Publikum, dass das Böse, dass Alltagsgewalt von verbalen kleinsten Formen bis hin zur aktiven rohen, sadistischen Gewalt stattfindet. Dies aufzuzeigen, sei das Anliegen der Regie.

Zeitliche spannte sich dieser Faden von der alttestamentarischen Geschichte der Königin von Saba, die als Königin der Weisheit einem kriegerischen Umfeld gegenüber steht bis hin zur Gegenwart mit der Verbrennung der amerikanischen Flagge.

Inhaltlich begann Alltagsgewalt im Laut, wie bei Ligetis Stück zu vernehmen, bis hin zum Wort – also Gewalt durch Sprache. Sie fand sich auch verharmlost in den Texten der Stücke wieder. Letztendlich mündete sie in aktive, körperliche Gewalt. Was blieb war Schmerz ohne Perspektive auf Erlösung.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Man durfte sich an dieser Stelle bereits fragen, wo hier die Antwort oder Reaktion auf die momentane Lage in der Pandemie zu sehen war. Gezeigt wurden auf der komplett leergeräumten und bis auf die Brandmauer der Hinterbühne offenen riesigen Spielfläche etliche in der Ferne kleinteilige, musikalische und schauspielerische Szenen. Diese wurden mit hohem technischen Aufwand mit gezielt vergrößerten Details auf Videoprojektionsleinwände geworfen, die der Zuschauer dann verfolgen konnte. In den oberen Rängen konnten diese „ausgelagerten“ Szenen nicht gesehen werden. Peinlicherweise gelang die Projektion nach Vorne nur mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa einer Sekunde, was bei den Großaufnahmen der Sänger und der Schauspielerin wie bei einem schlecht synchronisierten Film zunehmend nervte.

Musikalisch begann der Abend dann mit Händels Vorspiel zum dritten Akt aus dem Oratorium Salomo. Das kurze instrumentale Stück Die Ankunft der Königin von Saba erreichte Popularität, als es 2012 als Eröffnung zu den Olympischen Spielen in London erklang. In einem medienwirksamen Trailer, besuchte der damals amtierende James Bond Darsteller Daniel Craig die Queen und holte sie zu ihrer Eröffnungsrede ab. Auf der Hamburger Bühne tauchten erste Zitate aus Tarantinos Film auf, eine große USA-Fahne wurde sowohl auf der Bühne als auch auf den Videoleinwänden geschwungen und zerrissen. Das im Graben positionierte 17 Musiker starke Orchester geleitet von Kent Nagano wirkte trocken, spröde und wenig barocken Esprit ausströmend.

Für den nun folgenden Zeitensprung in die nahe Vergangenheit öffneten sich die Unterbühne, ein Klavier nebst dem acht Musiker starken Orchester wurde seitlich herein geschoben. Die drei Solisten (Sopran, Mezzosopran und Bariton) standen in glitzernden Kostümen an der Rampe und gaben die vielfältigen Laute sogar durch Rohre verfremdet wieder. Eine vierte Figur war schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. György Ligetis  Nouvelles Aventures (1962 bis 1965) gilt in der Musikwelt als eine Art Theaterrevolution: Schnelle musikalische Schnitte zwingen den Betrachter sich permanent auf neue Situationen einzulassen. Es wurde gezeigt, wie sich die drei Solisten selbst wahrnehmen, und genau so konnte sie auch der Zuschauer fühlen in diesem Theater ohne Handlung, dafür mit einem weiten Assoziationsraum, der den Kosmos des Lebens entfalten soll.

Ein musikalischer Zeitsprung ins neunzehnte Jahrhundert folgte auf die neuen ungewohnten Klänge währendem ein zeitungslesender Amerikaner mit aufgesetzter ledernen Pestmaske in die Szene trat. Johannes Brahms Vier Gesänge op.43 für eine Singstimme (Tenor/Bariton) und Klavier. Castorf riss das letzte Lied  „Das Lied vom Herrn von Falkenstein“ aus dieser Reihe heraus und platziert es später vor dem Weill Stück. Die verbleibenden drei Lieder „Von ewiger Liebe“, „Die Mainacht“ und „Ich schell mein Horn ins Jammertal“  wurden nun von Matthias Klink (Tenor) gesungen und begleitet von Rupert Burleigh am Klavier. In den Liedern  geht es um die Sehnsucht zweier Liebender sich zu vereinen, was aber mit erheblichen Widerständen verbunden ist. In Rebellion enden die Klänge.

Der deutsche Tenor Matthias Klink begann 1995 seine Karriere im Ensemble der Kölner Oper und ist Freischaffender Sänger mit dem Schwerpunkt auf der klassischen Moderne und dem Konzert- und Liedgesang. Dem Hamburger Publikum ist er bekannt als Alwa in Bergs Lulu. Leider hatte er am Premierenabend einen rabenschwarzen Tag. Die an sich schön timbrierte Stimme hatte nicht das Volumen, um die riesige offene Fläche auf der Bühne und im Zuschauerraum zu fluten. Er bemühte sich zwar um Linie, forcierte und presste aber zu stark, was wiederum auch auf Intonation und Formgebung der Interpretation negativ wirkte.

Es folgte ein Kampf um die Flagge der USA mit Gesprächseinlagen aus dem Tarantinofilm, eine Anekdote zum Lachen, die sich auf einen Witz vom Frosch und dem ihn stechenden und tötenden Skorpion bezog und die Brücke zu Mat Damon mit Herbie Weinstein bilden sollte. Dann sprang die Regie wieder zur barocken Opernpracht. Georg Friedrich Händels Oper Aci, Galatea e Polifemo wurde von anderthalb stündiger Länge auf fünfzehn Minuten konzentriert und im Rampengesang von den drei Protagonisten vorgestellt. Im Hintergrund lief auf einer Videoleinwand in „Comicstripmanier“ naiv  die Geschichte im Zeitraffer ab.

Molto agitato – Saisoneröffnung 2020/21 an der Staatsoper Hamburg
youtube Trailer Staatsoper Hamburg
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Nymphe  Galatea (Mezzosopran), eine Tochter des Meeresgottes Nereus, ist glücklich in den Schäfer Aci (Sopran), den Sohn des Königs Faunus von Latium, verliebt. Der einäugige Riese Polifemo (Bariton) begehrt sie ebenfalls. Er erschlägt Aci aus Eifersucht mit einem Felsblock. Galatea bittet Nereus, Acis Blut in eine silberne Quelle zu verwandeln und ihn als Flussgott weiterleben zu lassen, damit sie ihn im Wasser wiederfinden kann.

Stimmlich blieben hier kaum Wünsche übrig. Die aus Kirgistan stammende Sopranistin Katharina Konradi, Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg seit der Spielzeit 2018/19, avancierte bereits zum Publikumsliebling durch Rollen wie Pamina (Die Zauberflöte), Gretel (Hänsel und Gretel), Adele (Die Fledermaus), Susanna (Le Nozze di Figaro). Sie sang auch an diesem Premierenabend mit souveräner Stimmführung und überbordenden Emotionen. Mezzosopranistin Jana Kurucová, aus der Slowakei gebürtig und erst seit der letzten Saison Ensemblemitglied an der Staatsoper Hamburg (vorher Deutsche Oper Berlin) wartete mit schön gefärbten Timbre und starkem Ausdruck auf. Der österreichische Bariton Georg Nigl wurde 2015 von der Zeitschrift „Opernwelt“ als Sänger des Jahres ausgezeichnet. Mit Wozzeck (Wozzeck), Lenz (Jakob Lenz), Orfeo (L‘Orfeo), Papageno (Die Zauberflöte), Don Alfonso (Così fan tutte) u. a. hat er ein breit gefächertes Repertoire und singt an den großen Häusern Europas. Auch an diesem Premierenabend überzeugte er durch Intonationssicherheit und musikalisches Gespür.

Bevor Georg Nigl nun das vierte Lied aus der Brahms Liederfolge vortragen konnte, sprühte die Schauspielerin mit roter Farbe auf ein am Boden liegendes Banner die Worte „Sex and Lies“. Gewalt aus Szenen des bereits mehrfach zitierten Tarantinofilms folgten und gipfelten im brutalen Foltern eines Gefangenen, dessen Ohr abgeschnitten wird. Etliche Zuschauer verließen an dieser Stelle den Saal. Bryan Adams Song aus 2002 „Here I am“ bildeten den Übergang zu Kurt Weills Die sieben Todsünden, dem satirisches Ballett mit Gesang in sieben Bildern mit Prolog und Epilog in Bertolt Brechts Text.

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid – in Weills Stück sind sie Lebens- und Leidensstationen der jungen Anna (dargestellt durch die fulminant auftrumpfende, preisgekrönte und durch Theater und Film bekanntgewordene Tänzerin und Schauspielerin Valery Tscheplanowa) , die sich für ihre Familie aufopfert, die unter den Belastungen ihrer unmenschlichen Umwelt bereits zerbrochen ist – und sich schizophren wahrnimmt als Anna 1 (die nüchtern Denkende im verbalen Ausdruck) und Anna 2 (die Schöne und Gefühlsvolle mit tanzenden Gesten; hier in Castorfs Regievorstellungen eine nackte Plastiksexpuppe). Anna wird in sieben Jahren durch sieben Städte in Amerika getrieben und in sieben nummernähnlichen Teilen dargestellt, von einer Familie, die auf ihre Kosten ein bequemes Leben führen will und ihr paradoxerweise Faulheit vorwirft. Anna endete schließlich im Epilog als zerstörter Mensch vor einer zuerst brennenden und dann gelöschten Fahne der USA. Nach dem finalen Quartett der Familie, dem Abgang aller ins Off, tauchte Anna mit neuer Fahne noch ein letztes Mal auf. Langsam erlosch die erhellte Bühne.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Kent Nagano dirigierte das kammermusikalisch aufgestellte Philharmonische Staatsorchester Hamburg bei Ligeti und Weill mit deutlichen Taktgebungen um Präzision bemüht. Bei diesen beiden Stücken lagen klar die orchestralen Stärken des Abends. Präzise und plastisch wirkte der Klang, die Abstimmung zum Bühnengeschehen funktionierte. Bei den barocken Stücken  dagegen spürte man, dass er in dieser Welt weniger beheimatet ist.

Das Publikum reagierte gemischt, diffus und unerwartet. Die sonst bei einer Castorf-Produktion zu erwartenden Buhs blieben aus. Der Applaus war verhalten, aber auch einige Bravos konnte man vernehmen. Etwa 15 Besucher haben das Haus im Laufe des Abends  vorzeitig verlassen. Ein Herr im 4.Rang schnarchte so laut, dass er mehrfach geweckt werden musste. Dieser Abend verlangte viel vom Besucher ab, sehr viel sogar. Das nach sechsmonatiger Pause zurückgekehrte Publikum hätte besseres verdient gehabt.

Molto agitato an der Staatsoper Hamburg;  weitere Termine: 08.09; 12.09; 15.09; 21.09; 23.09 und 26.09.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hohenems, Schubertiade 2020, Alle Veranstaltungen – 15. bis 19.07.2020, IOCO Aktuell

Juli 14, 2020 by  
Filed under Konzert, Pressemeldung, Schubertiade, Spielpläne

Schubertiade

Schubertiade / Schwarzenberg, Angelika-Kauffmann-Saal (Vorplatz) © Schubertiade

Schubertiade / Schwarzenberg, Angelika-Kauffmann-Saal (Vorplatz) © Schubertiade

SCHUBERTIADE HOHENEMS

 Veranstaltungen  15. bis 19. Juli 2020

Vom 15. bis 19. Juli 2020 können nun ein paar Schubertiade-Konzerte in Hohenems stattfinden. Kian Soltani und Aaron Pilsan spielen zwei Mal, am 15. und 16. Juli, damit die Kartenbesitzer zur Erreichung des vorgeschriebenen Mindestabstandes auf zwei Termine aufgeteilt werden konnten. Das Programm der durch die YOUHST Foundation in Liechtenstein finanziell unterstützten Liederabendreihe „Neue Stimmen“ mit jungen Sängerinnen und Sängern, die erstmals bei der Schubertiade mitwirken, wurde erst Ende Februar veröffentlicht und mit dem Ausbruch der Krise der eben begonnene Kartenverkauf gleich wieder gestoppt.

Für diese Liederabende sind deshalb trotz des reduzierten Fassungsraumes noch Karten zum Preis von € 29,- / 22,- / 15,- erhältlich.


Mittwoch, 15. Juli, Donnerstag, 16. Juli – 20.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Kammerkonzert
Kian Soltani Violoncello
Aaron Pilsan Klavier

Kian Soltani und Aaron Pilsan spielen zwei Mal, am 15. und 16. Juli, damit die Kartenbesitzer zur Erreichung des vorgeschriebenen Mindestabstandes auf zwei Termine aufgeteilt werden konnten. Auf dem Programm stehen Werke von Igor Strawinski (»Suite Italienne«), Ludwig van Beethoven (Cellosonate D-Dur, op. 102/2), Dmitri Schostakowitsch (Cellosonate d-Moll, op. 40) und Astor Piazzolla (Le Grand Tango).

(Ausverkauft)
Rundfunkübertragung am Dienstag, 21. Juli 2020, 14:05 Uhr, Ö1


Freitag, 17. Juli  –  20.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Liederabend
Konstantin Krimmel Bariton
Daniel Heide Klavier

Selten kommt es vor, daß die Debüt-CD eines jungen Sängers so glänzend besprochen wird wie jene von Konstantin Krimmel, die im Herbst 2019 im Label Alpha erschienen ist. Der junge deutsch-rumänische Bariton, von der Fachzeitschrift Fono Forum als „begnadeter Erzähler“ und „echte Entdeckung“ gepriesen, wurde 2018/19 bei acht bedeutenden Gesangs- und Liedwett-bewerben ausgezeichnet, arbeitet mit namhaften Orchestern und Ensembles und feiert Erfolge auf internationalen Opernbühnen. Einladungen für Liederabende erhielt er von der Londoner Wigmore Hall bis zum Konzerthaus Berlin.

(Karten erhältlich)
Rundfunkübertragung am Donnerstag, 30. Juli 2020, 19:30 Uhr, Ö1


Samstag, 18. Juli  –  16.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Liederabend
Marie Seidler Mezzosopran
Ludwig Mittelhammer Bartion
Andreas Frese Klavier

„Eine Stimme von großer Schönheit, leuchtend und warm“ urteilte die Revista Musical anläßlich von Marie Seidlers umjubeltem Debüt im spanischen Vilabertran. Die Mezzosopranistin hat mit Wettbewerbspreisen und Liederabenden bei der Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart und bei Brigitte Fassbaenders „Eppaner Liedsommer“ auf sich aufmerksam gemacht. Ludwig Mittelhammer kann ebenfalls auf bemerkenswerte Erfolge verweisen; u.a. arbeitete er mit Dirigenten wie Daniel Harding und Franz Welser-Möst, sang im Wiener Konzerthaus und im Pierre-Boulez-Saal Berlin und hat eine Lied-CD für Berlin Classics aufgenommen.

(Karten erhältlich)
Rundfunkübertragung am Dienstag, 28. Juli 2020, 14:05 Uhr, Ö1


Samstag, 18. Juli  –  20.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Liederabend
Sumi Hwang Sopran
Jóhann Kristinsson Bariton
Ammiel Bushakevitz Klavier
Clara Hofer Klarinette

Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang sang sie vor 300 Millionen Fernsehzuschauern die Olympische Hymne. Daß Sumi Hwang nicht nur auf der großen Bühne, sondern auch als Liedinterpretin reüssieren kann, stellte sie auf ihrem Debüt-Album für Deutsche Grammophon (produziert 2019 im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems) unter Beweis. Ihr zur Seite steht der isländische Bariton Jóhann Kristinsson, der mehrere wichtige Wettbewerbe gewonnen hat und in der Londoner Wigmore Hall, im Pierre-Boulez-Saal Berlin und beim Heidelberger Frühling gefeiert wurde. In Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“ ergänzt die Vorarlberger Klarinettistin Clara Hofer die Besetzung.

(Karten erhältlich)
Rundfunkübertragung am Dienstag, 4. August 2020, 14:05 Uhr, Ö1


Sonntag, 19. Juli  –  16.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Liederabend
Katharina Konradi Sopran
Eric Schneider Klavier

Als erster Sopranistin aus Kirgistan ist es Katharina Konradi gelungen, sich auf Opernbühne und Konzertpodium international zu etablieren. „Hinreißend“, „zauberhaft“ und „von besonderer Anmut und Schönheit“ sind Attribute, mit denen Stimme und Bühnenpräsenz der jungen Künstlerin beschrieben werden. 2018-19 wurde sie „New Generation Artist“ der BBC, debütierte bei den Bayreuther Festspielen und war zu Gast in Rolando Villazóns TV-Sendung „Stars von Morgen“. Ihre Qualitäten als Liedgestalterin ermöglichten Katharina Konradi bereits Auftritte bei der Schubertiade Vilabertran (wo die Presse von einer „Sternstunde“ sprach), in der Londoner Wigmore Hall sowie in Köln und Essen.

(Karten erhältlich)
Rundfunkübertragung am Dienstag, 11. August 2020, 14:05 Uhr, Ö1


Sonntag, 19. Juli  – 20.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal, Liederabend
The Erlkings
Bryan Benner Gesang und Gitarre
Ivan Turkalj Violoncello
Simon Teurezbacher Tuba
Thomas Toppler Perkussion

Dem Sog dieser Musik kann sich keiner entziehen. Ein junges und energiegeladenes Quartett hat den Mut, deutsche Kunstlieder in bestes Englisch zu übertragen und damit ihre uns bis heute berührende Schönheit auch einem neuen Publikum zu erschließen. Mit den Liedern Franz Schuberts haben The Erlkings die Musikwelt verblüfft und mit Richard Stokes sogar einen der weltweit führenden Schubert-Experten als Fan gewonnen. Der amerikanische Bariton Bryan Benner wagt mit drei Spitzenmusikern einen frechen Blick auf Schubert, zeigt die Vitalität der Kompositionen, aber auch ihre Tiefe und Bedeutungsschwere. Egal ob in Wien oder London, ob jung oder alt, ob Klassikliebhaber oder Popfreak: Spannung und Freude sind mit „The Erlkings“ garantiert.
(Karten erhältlich)
Rundfunkübertragung am Donnerstag, 13. August 2020, 19:30 Uhr, Ö1


Öffnungszeiten – Schubertiade – Museen

Das Franz-Schubert-Museum (Marktstraße 1) sowie das Schubertiade-Museum und das Schuhmacher-Museum (Marktstraße 15) in Hohenems werden vom 17. bis 19. Juli jeweils von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet sein. Das Elisabeth-Schwarzkopf-Museum, das Legge-Museum (mit Stefan-Zweig-Raum) und das Nibelungen-Museum können an diesen Tagen nach Voranmeldung bis spätestens am Vortag des gewünschten Termins (im Schubertiade-Büro oder in den geöffneten Museen) besichtigt werden.

—| Pressemeldung Schubertiade |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.08.2019

August 28, 2019 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Tannhäuser  und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Tobias Kratzers furiose Deutung –  mit Witz und Tiefgang

von Patrik Klein

In der letzten Vorstellung einer Produktion der Festspielsaison auf dem Grünen Hügel dabei zu sein, wie am 25.8.2019 im Tannhäuser, birgt eine Reihe von Vorzügen. Musikalisch und szenisch durften sich alle Beteiligten nach intensiven Probenwochen und bis dato fünf Aufführungen weiterentwickeln und verbessern. Der interessierte Wagnerfreund konnte die Eröffnung der Festspiele im Livestream im Internet verfolgen, sah danach die Aufzeichnung dieser Aufführung im öffentlichen Fernsehen noch einmal und machte sich zudem ein Bild von unterschiedlichsten Interpretationen und Bewertungen in den öffentlichen Medien. Eine vorgefasste Meinung musste sich folgerichtig einstellen.

 IOCO –  Auch bei  der Tannhäuser Dernière – Bayreuther Festspiele 2019

Aber weit gefehlt: Sitzt man denn nun auf seinem Platz im Festspielhaus, mittig in Reihe 25 und lauscht, schaut mit höchster Konzentration in Richtung Bühne, wo nichts, aber auch gar nichts vom Geschehen dort ablenkt, so ist die Wirkung der Musik und der optischen Komponente dichter, unter die Haut gehender, eindringlicher und berauschender. Richard Wagner wusste sehr genau, was er damals tat, als das Festspielhaus 1876 eröffnet wurde und seine Idee vom Gesamtkunstwerk Realität zu werden begann.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Wagners fünfte vollendete Oper Tannhäuser, die er ab 1842 komponierte, stand 2019 auf dem Spielplan der Bayreuther Festspiele. Sie beruht auf zwei ursprünglich unabhängigen Sagen, der von Heinrich von Ofterdingen und dem Sängerkrieg auf der Wartburg zur Zeit Landgraf Hermanns I. von Thüringen einerseits, sowie der vom Tannhäuser, der für sein Verweilen im Venusberg Vergebung bei Papst Urban IV. suchte. Wagner kam auf die Idee, sie zu einer Handlung und die Figuren des Heinrich von Ofterdingen und des Tannhäuser zu einer Gestalt zu verschmelzen. Das Textbuch und die Partitur entstanden mit Unterbrechungen innerhalb von drei Jahren, die Uraufführung fand am 19. Oktober 1845 im Königlich Sächsischen Hoftheater in Dresden statt. Mehrere Umarbeitungen, Ergänzungen und Kürzungen führten zu unterschiedlichen Fassungen des Werkes. Wagner war nie ganz zufrieden mit seinem Tannhäuser, wollte ihn noch einmal komplett überarbeiten. „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“. Dazu kam es aber nicht mehr. In Bayreuth wird die sogenannte Dresdner Fassung von 1860 gespielt, die durch einige Kürzungen der Urfassung gekennzeichnet ist.

Zwei Debuts gab es zu feiern. Regisseur Tobias Kratzer, 39-jähriger deutscher Opern- und Schauspielregisseur, hatte bereits mehrere erfolgreiche Wagnerinterpretationen in seiner Vita zu verzeichnen. Er bringt mit seiner sehr nahe an Wagners Text angesiedelten ironischen und damit distanziert grenzüberschreitenden, temporeichen, farbenfrohen, tiefsinnigen und mit Videosequenzen unterstrichenen Interpretation des Tannhäusers das Publikum zum Schmunzeln, zum Lachen und Staunen, hält ihm humorvoll den Spiegel vor, ohne ins Triviale, Banale oder Oberflächliche abzugleiten. Kratzer sieht die Oper als ein Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener, aber zum Scheitern verurteilten Lebenskonzepte und Kunstformen, die Welt der anarchischen Venus mit einem tragi-komischen Tannhäuser im Horrorclownkostüm einerseits und die Welt der Hochkultur auf dem Bayreuther Festspielhügel mit dem einst aus dem Sängerensemble entlassenen und später zurückkehrenden Tannhäuser. Das Stück endet erlösungslos und tragisch.

Auch Valery Gergiev dirigierte zum ersten Male auf dem Grünen Hügel. Der wegen seiner politischen Ansichten und angeblichen „Putinnähe“ nicht unumstrittene Maestro wurde noch bei der Eröffnungspremiere von einigen Zuschauern ausgebuht. Es gab anscheinend zu wenig Proben und zu viele parallele Aufgaben für ihn neben Bayreuth u.a. in Salzburg und Verbier. Dadurch wurde er der anspruchsvollen Akustik und den klanglichen Besonderheiten des Bayreuther Festspielgrabens nicht ganz gerecht. Einige Male war das Orchester schleppend hinter die Sänger geraten, aber auch bei der Interpretation der Orchestermusik wirkte der Klang oft ohne Linie, wenig gebunden und etwas glanzlos. In der letzten von sechs Aufführungen, von denen er eine wegen eines familiären Trauerfalls nicht dirigieren konnte und Christian Thielemann spontan einspringen musste, sind die akustischen Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und Sängern bzw. Chor weitgehend ausgeräumt. Gergiev lässt das Festspielorchester insgesamt temporeicher, luftiger und straffer erklingen. Er findet auch konsequent seinen dynamischen Interpretationsansatz, der sich durch eine gewisse Reduzierung der Linie und dafür einer des Öfteren staccatoartigen Rhythmenbetonung auszeichnet. Das Publikum feiert ihn am Ende mit frenetischem Beifall, der doch noch, warum auch immer, von einigen Buhs durchsetzt ist.

Tobias Kratzer und sein Team (Rainer Sellmaier, Bühne und Kostüme; Reinhard Traub, Licht und Manuel Braun, Video) machen bereits im Vorspiel deutlich, unter welchem Motto sie ihre Interpretation sehen wollen. Wagners früh in seiner Revolutionszeit entstandenes Zitat „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen“ begegnet uns immer wieder an diesem Abend im Festspielhaus.

Tannhäuser 2019 – Gespräch mit Klaus Florian Vogt, Travestieshow …
youtube Trailer von KlassikRadio
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Statt den Hörselberg bei Eisenach im 13. Jahrhundert zu erblicken, fliegt man im Video-Drohnenflug über die Wartburg, Thüringens Wälder und über grünzerschneidende Asphaltstraßen. Ein altes klappriges Citroenwohnmobil aus den 1970er Jahren mit gelbgrünem Plastikhasen (Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung) auf der Dachfront (eine Anspielung auf Schlingensiefs Parsifalhasen? Oder auf Joseph Beuys  Performance von 1965 „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“?) rauscht durch das satte Grün. Hier denkt man unweigerlich an die serbische Performancekünstlerin Mirina Abramovic, die eine Art fließenden Übergang zwischen Kunst und dem realen Leben markiert. Die wilde Fahrt führt vorbei an einer Biogasanlage, an deren Hinweisschild ein Beschäftigter ein Plakat überklebt mit der Aufschrift „mangels Nachfrage geschlossen“ (Sebastian Baumgartens Tannhäuser von 2011?). Ein Clown winkt aus dem vorbeirauschenden Citroen.

Nun erstmals real auf der Bühne des Festspielhauses erblickt man die Insassen des Fahrzeugs. Am Steuer dieses antibürgerlichen Ensembles lenkt Göttin Venus die Geschicke der Mitfahrenden. Beifahrer ist Tannhäuser im Clownoutfit und zwei weitere Figuren, zum einen der frühreife Oskar Matzerath aus Günter Grass´ Blechtrommel, dem die Erwachsenenwelt gar nicht gefiel, dargestellt von dem wunderbaren Bremer Schauspieler Manni Laudenbach und zum anderen eine Drag-Queen, also ein Mann im Outfit einer Frau, dargestellt von dem Künstler Le Gateau Chocolat. Brause aus dem Tütchen lutschend, voller Lust, Energie und einer gewaltigen Portion Übermut genießen sie zügellos die Reise. Als das Benzin zur Neige geht, nichts mehr zu Essen in der Kühlbox verbleibt, steuert man ein Fast Food Restaurant an, bestellt Burger ohne zu zahlen, stiehlt Benzin aus Fahrzeugen in einer Tiefgarage, klemmt Zettel mit Wagners Motto hinter die Wischerblätter, treibt das kriminelle Handeln auf die Spitze, in dem man einen Wächter kurzerhand überfährt, weil dieser sie erwischt und stellen will.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Dem im Clownkostüm steckenden Tannhäuser wird das nun doch zu viel. Gedankenvertieft wird er mit Botticellis Kunstwerk „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485 in Verbindung gebracht. Das Quartett landet mittlerweile an einem verkitschten Überbleibsel deutscher Märchenkultur, einem  Eingangshäuschen eines Freizeitparks  mit Parkplatz und noch geschlossener Imbissbude, Zwergen im Vorgarten und Frau Holda aus dem Giebelfenster lugend. Als die Sirenen von der glühenden Liebe zu singen beginnen, packen die drei Insassen ihr Picknick aus, die Burger King Krone mittlerweile auf dem Schopfe der Drag-Queen sitzend. Tannhäuser hingegen ist nachdenklich und traurig. „Zu viel. Zu viel. O dass ich nun erwachte„.

Stephen Gould leistet in dieser Festspielsaison Unglaubliches. Neben dem Tannhäuser wuchtet er noch einige Tristanrollen mit Bravour und Durchhaltevermögen auf die Bühne des Festspielhauses. Das gab es in Bayreuth bislang lediglich in den 1960er Jahren, zu Wolfgang Windgassens Zeiten, als dieser nahezu alle Heldentenorpartien inne hatte. Völlig unbeeindruckt von dieser Mammutaufgabe  wirkt seine stählerne und kraftvolle Spinto-Stimme fokussiert, durch Textverständlichkeit und Formgebung geprägt, absolut sauber und spielerisch leicht. Selbst im dritten Aufzug gelingt ihm, da er seine Kräfte gut aufgeteilt hatte, die „Romerzählung“ mit frischer, hoher Strahlkraft und feiner Diktion. Dafür bekam er am Ende des Abends entsprechend großen Beifall des Bayreuther Publikums.

Im ersten Aufzug nun hält der Protagonist Wagners Partitur des Tannhäusers als Symbol einer geregelten Kunst und der konkurrierenden Lebensform zur Welt der Venus in den Händen. Er beklagt die Situation voller Sehnsucht und träumt von seiner Vergangenheit auf der Wartburg. Er reißt seine Clownperücke vom Schopfe, verlangt nach dem Duft und Klang des Waldes und nach dem Heil Marias, der Gegenfigur der Venus. Er packt die Tannhäuserpartitur in seinen Rucksack, überwindet die heftige Gegenreaktion der Göttin Venus, die noch einmal erfolglos alle ihre Verführungskünste aufbringt und ihn sogar noch einmal in den Bus zerrt. Aber es ist zu spät. Tannhäuser hat sich entschieden, sein Heil in der Gemeinschaft, aus der er einst entlassen wurde, zu suchen. Venus verflucht eifersüchtig das männliche Geschlecht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Die erfahrene russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova, die als Venus für die bei den Proben verletzte Ekaterina Gubanova einspringen musste,  singt und vor allem spielt die Rolle der „wieselflinken“, oft komischen und geschmeidigen Venus mit körperlichem Einsatz, einer Brise Sexappeal und vor Allem einer superb geführten Stimme. Mit viel Kraftaufwand gelingt ihr der dynamische Bogen von der verliebten Verführerin bis zur aufbrausenden Matriarchin, was jedoch besonders im dritten Aufzug etwas auf Kosten der Textverständlichkeit geht. Auch sie erhält am Ende vom Publikum reichliche Beifallsstürme.

Alleine auf der Bühne liegend begegnet Tannhäuser nun dem jungen Hirten (in Bayreuth ist der Hirte eine junge Türschließerin in blauer Uniform), der mit dem Fahrrad anhält, den Sonderling im Clownkostüm neugierig betrachtet und versucht, ihn durch seinen Gesang aufzumuntern. Katharina Konradi, unlängst Ensemblemitglied und Publikumsliebling an der Staatsoper Hamburg, gab ihr kurzes, aber bravouröses Bayreuthdebut mit strahlend klarer, feinst geführter Sopranstimme.

Der erste Chor der Pilger erklingt bei sich öffnendem Bühnenbild, welches eine Kopie des Bayreuther Festspielhauses mit herannahenden „Wagnerianern“ in Abendkleidern, Smoking und Programmzettel freigibt. „Am hohen Fest der Gnad` und Huld, in Demut sühn ich meine Schuld“ klingt es aus ihren Kehlen. Darf man sich als regelmäßiger Hügelgast hier bereits ertappt fühlen? Tannhäuser ist weiter im Dialog mit dem jungen Hirten, dabei den „Pilgern“ zuschauend. Er trifft nun auf den Jagdtross des Landgrafen. Es sind seine ehemaligen Sängerkollegen, aus deren Mitte er aus zu vermutenden Gründen entlassen wurde. Männer in historischen Kostümen, eben die Darsteller des Tannhäusers auf dem Grünen Hügel mit Künstlerzugangsberechtigtenausweis und Flaschenbier. Heinrich ist in seinem Clownkostüm kaum für sie zu erkennen. Unsicher ob Freund oder Feind begegnen sie sich. Als er schließlich erkannt wird, fordern sie Tannhäuser zum Verbleib bei ihnen auf, auch wegen Elisabeth. Diese erscheint, mustert ihn und gibt ihm eine heftige Ohrfeige. Da muss also etwas in der Vergangenheit gewesen sein. Doch die Schmeicheleien der ehemaligen Sängerkollegen zeigen Wirkung. Anhand der Partitur erkennt Tannhäuser seine schöne ehemalige Welt der „Bayreuther Hochkultur“ wieder und will zurück zu Elisabeth. Der Clownmantel fliegt im hohen Bogen ins Gras des gepflegten  Festspielrasens, währenddessen der alte Citroen vorfährt und die drei Insassen ratlos auf das Geschehen blicken.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

In der ersten einstündigen Pause gewähren die Künstler um Le Gateau Chocolat den vielleicht ratsuchenden, diskutierenden und sich erholenden Festspielpilgern am Teich unterhalb des Opernhauses einen Einblick in ihre Kunst. Die Drag-Queen singt „Dich teure Halle…“ transponiert für Bassbariton, aber auch einige kabarettartige Stücke, während Oskar mit dem Gummiboot und mit Megaphon bewaffnet durch den Teich pflügt. Venus hat am Ufer inzwischen das immer wiederkehrende Motto gepinselt und tanzt wie in Trance zu den verstärkten Rhythmen aus den Lautsprechern.

Im zweiten Aufzug sehen wir uns als Fiktion dem Theater im Theater gegenüber gestellt. Die Bühne ist horizontal geteilt. Auf der oberen Fläche bringen Videoprojektionen Einblicke hinter die Kulissen und im unteren Teil erblickt man den historischen Festsaal der Wartburg. Wir befinden uns zunächst in den Katakomben des Festspielhauses. Elisabeth schminkt sich in ihrer Garderobe und bereitet sich auf ihre Hallenarie vor. Nervös und voller Lampenfieber läuft sie hinter der Bühne auf und ab. Inspizient und Bühnenarbeiter im routinierten Arbeitsprozess öffnen den Vorhang.

Lise Davidsen, die 32jährige lyrisch-dramatische Sopranistin aus Norwegen singt die Partie der Elisabeth mit atemberaubender Leichtigkeit, sowohl mädchenhaftem Feingespür aber auch metallischem Glanz und dramatischen Ausbrüchen in den ihr mühelos geratenen Spitzentönen. Eine wirkliche Entdeckung bei diesen Festspielen und eine Ankündigung einer großen Karriere, wenn man sie im Opernzirkus nicht vorschnell verheizt. Auf die Sieglinde im neuen Bayreuther Ring 2020 darf man sich bereits jetzt freuen. Am Ende der Vorstellung erntet sie mit Abstand die größten Beifallskundgebungen.

Wolfram, Tannhäuser und Elisabeth begegnen sich nun auf den Brettern, die diese Welt zu bedeuten scheinen. Wolfram bleibt im Hintergrund und beobachtet eifersüchtig den Dialog der beiden einander Begehrenden. Tannhäusers Fortgang in die konkurrierende Welt des  „Hörselberges“ hatte bei ihr tiefe Wunden hinterlassen und sogar einen gescheiterten Selbstmordversuch ausgelöst. Tannhäuser versucht seine Rückkehr zu erklären. Wolfram ist verzweifelt, während sich das Liebespaar in die Arme fällt. Nun erscheint der Landgraf, gesellt sich zu der nachdenklichen Elisabeth und erläutert ihr das bevorstehende Sängerfest, bei dem sie dem Gewinner als Braut dienen soll.

Der dänische Bass Stephen Milling ist an diesem Abend mit gediegener und großer Stimme bei der Sache. Wuchtig und dennoch fein geführt mit genauer Phrasierung gestaltet er textverständlich den Führer des Landes, der seine Nichte dem hehrsten Sänger und Künstler verspricht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Trompeten erschallen beim Einmarsch der Edlen des Landes. Die Blicke hinter die Kulissen in den Videoprojektionen mischen die verschiedenen Sichtweisen zu einem ungewöhnlichen, reizvollen Zuschauerempfinden. Venus, Oskar und Le Gateau Chocolat treffen auf dem Grünen Hügel ein und versuchen während der Vorstellung in das verschlossene Gebäude einzudringen. Wir sind in permanent medienwirksamer Zeit „Live“. Erst mit einer Leiter über den Mittellogenvorbau und Königsbalkon des Hauses gelingt ihnen der Eintritt über ein unverschlossenes Fenster. Noch bevor sie einsteigen, wird ein Banner mit Wagners frühem Motto über dem Geländer ausgerollt. Währenddessen besingt man im Inneren die teure Halle, die die Kunst und den Frieden bergen soll. Unerkannt und unbedrängt schleichen sich die Eindringlinge in die Garderoben, überwältigen eine Edeldame, in deren Kostüm Venus schlüpft und sich polternd in die zelebrierende Menge mischt. Chocolat läuft durch den Gang mit Bayreuths Dirigentenportraits und bleibt kurz vor den Fotos von James Levine und Christian Thielemann stehen. Oskar und die Drag-Queen verstecken sich in den Kulissen. Der Landgraf stellt die Frage nach der Ergründung des Wesens der Liebe an die anwesende Ritter- bzw. Sängerschaft und verspricht dem Sieger seine Nichte zur Frau. Venus lässt ihren Emotionen überdeutlich freien Lauf und fällt zudem wegen grober Unkenntnis der eingespielten Rituale unangenehm auf.

Wolfram von Eschenbach beginnt bei Harfenklängen mit seinem Vortrag und gibt seine Vorstellung vom Wesen der Liebe zum Besten. Venus gähnt gelangweilt von seiner Kunst. Tannhäuser hingegen schmunzelt und scheint anderen Gedanken zu folgen. Seine Sängerkollegen klopfen ihm Mut machend auf die Schultern, bevor er auf das Sängerpodium tritt. Deutlich emotionaler, frischer und moderner klingt sein Vortrag, den er direkt an Elisabeth richtet, nicht ohne immer wieder Einwürfe seiner konkurrierenden Mitstreiter zu parieren.

Die Sängerschaft der Wartburg wird gestaltet von Daniel Behle als Walther von der Vogelweide mit solidem Tenor, Kai Stiefermann als Biterolf mit sicher geführter Baritonstimme, dem Spanier Jorge Rodriguez-Norton als Heinrich der Schreiber mit sicherer, glänzender Tenorstimme und Wilhelm Schwinghammer als Reinmar von Zweter, der neben der Rolle des Nachtwächters in den Meistersingern und seinem phänomenalen Titurel in Bayreuths laufender Parsifalproduktion, seinen tiefen Bass eindrucksvoll zur Geltung bringt.

Venus ist entzückt. Oskar und Chocolat treiben sich unentwegt amüsierend, stöbernd in den Hinterbühnen herum. Tannhäusers Vortragskühnheit erregt mittlerweile allgemeinen Widerspruch seiner Konkurrenten und der gesamten Zuhörerschaft, so dass er nun die „Katze aus dem Sack“ lässt und zugibt, „höchste Liebe im Venusberg“ kennengelernt zu haben. Mittlerweile hat sich Venus ihres Kostüms als Edeldame entledigt und gibt sich der entsetzten Gesellschaft tanzend auf einer Bank zu erkennen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Chocolat und Oskar kommen dazu und bringen das Fass zum Überlaufen. Teile der edlen Leute fliehen voller Entsetzen. Elisabeth muss einschreiten, um zu verhindern, dass Tannhäuser der Selbstjustiz der Gesellschaft zum Opfer fällt. Sie bringt stattdessen Gottes Wille des unglücklich beherrschten Opfers ins Spiel. Beschämt treten die vier Omnibusinsassen vom Sängerpodium und aus dem Rahmen der Bühnenumfassung. Tannhäuser und Venus umarmen sich nochmals bevor sich Elisabeth in Trauer zunächst abwendet. Dann schreitet sie aber zu den vier Ausgegrenzten. Im Video sieht man die Hügelchefin Katharina Wagner die Reißleine ziehen und den roten Knopf zur Polizei drücken. Diese erscheint wenig später mit Blaulicht und Martinshorn, erblickt das illegale Banner und betritt die Bühne mit entsicherten Waffen. Tannhäuser wird verhaftet und abgeführt. Venus, Oskar und Chocolat sind, wie der Vampir beim Morgengrauen, voller Entsetzen. Sie bleiben vor der mit einer regenbogenfarbenen Flagge verhüllten Harfe alleine zurück.

Der zweite Aufzug hat dann auch wohl die Gemüter der lauschenden und gelegentlich sich die Augen reibenden Zuhörerschaft erregt. Riesiger Applaus und zum Teil heftige Gegenreaktionen prägen die Minuten vor verschlossenem Vorhang.

Das Spiel mit Realität und Illusion von Tobias Kratzer geht auch in der zweiten Pause weiter, denn das Banner mit Wagners Motto hängt weiterhin und diesmal live über dem Geländer des Mittelvorbaus des Festspielhauses.

Im dritten Aufzug kippt die Stimmung völlig, die beiden so verschiedenen Systeme brechen zusammen. Eine Metaebene durch Videoeinspielungen entfällt. Wir befinden uns in einem Tal vor der Wartburg auf einem heruntergekommenen Autofriedhof. Man sieht den schrottreifen Citroen und umliegende Trümmerteile. Oskar ist zunächst der einzige Mensch auf der Bühne. Er haust in dem Autowrack und kocht sich gerade in seiner alten Blechtrommel Dosensuppe, zerreißt ein mittlerweile bekanntes Plakat und verschwindet mit dem aufgerollten Papier hinter dem Fahrzeug. Die Venusbergidylle ist dahin. Nun erscheint Elisabeth nachdenklich und scheinbar Tannhäuser suchend. Sie vermutet ihn im Bus, trifft aber nur Oskar an, mit dem sie gemeinsam aus seiner Trommel von der Suppe löffeln. Aus dem Off kommt nun neben Elisabeth der zweite Gescheiterte Wolfram dazu, die Angebetete zurückgewinnen wollend. Elisabeth jedoch ist verletzt und wütend auf Tannhäuser, der ja fern von ihr im Gefängnis weilt. Der zweite Chor der Pilger kündet von der frommen Weise, die der empfangenen Gnade Heil verkünden soll.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Der Chor der Bayreuther Festspiele mit seinen über 150 Mitgliedern aus den besten internationalen Opernchören liefert an diesem Abend wieder eine Weltklasse Leistung ab. Unter der Leitung von Eberhard Friedrich bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten, ist er das Maß aller Dinge in Sachen Wagnerchorgesang, Präzision, Textverständlichkeit, Klang und Fülle…alleine wegen ihm lohnt sich bereits eine Anreise nach Bayreuth.

Anstatt aus Festspielgästen oder Edelleuten besteht er nun aus rückgekehrten Müllsammlern, Vertreter eines Prekariats ohne politischen Halt, gestrandeten und verwahrlosten Persönlichkeiten. Tannhäuser ist nicht dabei. Das steigert Elisabeths Verzweiflung noch einmal. Wolfram versucht die Situation für sich auszunutzen, in dem er ins Clownkostüm und Maske Tannhäusers schlüpft. Davon lässt sich Elisabeth blenden und schläft mit ihrem Traumbild auf der Pritsche des alten Citroens. Voller Scham und Verzweiflung und mit heruntergerissener Perücke folgt nun Wolframs „Lied an den Abendstern“.

Der aus dem Schwarzwald stammende Bariton Markus Eiche stellt geradezu eine Idealbesetzung des Wolframs dar. Sowohl die lyrischen, als auch die dramatischen Elemente beherrscht er wie kaum ein anderer. Besonders deutlich wird dies im dritten Aufzug, als er im Clownkostüm mit Elisabeth schläft und anschließend mit emotionaler Tiefe und feinster Stimme den Abendstern besingt. Eine Sternstunde der Gesangskultur. Größter Jubel für ihn am Ende der Vorstellung.

Elisabeth lehnt mittlerweile außerhalb des Fahrzeugs an der Karosserie und lässt sich von Oskar trösten. Die riesige Drehbühne beginnt zu rotieren und setzt ein Reklameschild frei. Man erfährt, dass Chocolat aus dem Gespann mit Venus und Oskar ausschied, Karriere gemacht und sogar eine Uhrenkollektion herausgebracht hat. Dann erscheint, allerdings zunächst unerkannt, Tannhäuser, aus dem Knast entlassen, völlig heruntergekommen mit schulterlangen Haaren doch noch. Er kann sich immer noch nicht entscheiden. Will er nun zu Venus, oder doch lieber zu Elisabeth. Wolfram zieht aus Tannhäusers mitgebrachten Plastiktüten die Partitur des Werkes, den wahren Halt zur Kunst und liest die aktuelle Stelle der Verwehrung der Buße durch den Papst mit prüfendem Blick vor. Tannhäuser tut ihm dies gleich, so dass sich Wagners Werk und das Bühnengeschehen aufregend reiben, den möglichen Schluss noch spannender und ungewisser gestaltend. Die Partitur wird zum sich nicht begrünenden Papst-Stab, währen dem der Chor nur aus dem Off erklingt. Der Tannhäuser Klavierauszug landet schließlich zerschmettert und mit herausgerissenen Seiten auf dem Boden. Venus erscheint im Outfit einer Putzfrau mit Klettergurt zur Reinigung des riesigen Plakates während dem Tannhäuser die Partiturseiten im Blecheimer verbrennt. Sie heißt ihn im Venusberg erneut Willkommen, was Wolfram verhindern möchte. Der Chor der Pilger erschallt aus dem Hintergrund. Elisabeth hat sich indessen selbst das Leben genommen. Venus blickt ins Leere. Dem eigenen Ende nahe zerrt Tannhäuser die tote Elisabeth aus dem Bus, bringt sie in die Position an eine Pietà erinnernd, streicht ihr über ihr blondes Haar und träumt unerlöst und letztmalig videobebildert von einer Flucht mit ihr im Citroenbus.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Als sich der Vorhang schließt und zunächst ein paar Sekunden andächtige Stille herrscht, löst sich die Anspannung im Publikum, die sich in anhaltenden Bravo- und Buh- Stürmen angesichts der erlebten Inszenierung entlädt. Musikalisch ist sich die Zuhörerschaft einig. Alle Sängerinnen und Sänger, das Festspielorchester sowie der Chor der Bayreuther Festspiele  als auch der Dirigent Valery Gergiev werden gefeiert und stürmisch bejubelt.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.08.2019

August 3, 2019 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Parsifal – Ein Bühnenweihfestspiel – Richard Wagner 

 – Reinheit ohne Religion –

von Randi Dohrin

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

…“Ein Mensch, der etwas wie den Parsifal geschaffen hat, könne nicht mehr lange leben, der sei fertig, habe alles gegeben!“…  Worte des Leipziger Theaterdirektors August Förster, der der Uraufführung dieses ergreifenden Werkes am 26. Juli 1882 in Bayreuth beiwohnte. Richard Wagner verstarb wenige Monate später am 13. Februar 1883 in Venedig. …

Der Parsifal ist ein Mysterium des Glaubens mit liturgischen Szenen und nicht mit einer gewöhnlichen Oper vergleichbar. Wagner bediente sich christlicher Motive, die durch seine verklärende und gleichzeitig klare Parsifal-Musik eine schwebend religiöse Atmosphäre erhalten. Einzigartig gelang ihm die Synthese zwischen Religion und Musikkunst, mit der er ein neues Ganzes, sein Bühnenwerk Parsifal schuf. Es erhielt von ihm die respektvolle Bezeichnung Bühnenweihfestspiel.

Die geistliche Wesensart dieses Werkes führte zu einem kompletten Applausverbot, das Wagner jedoch nie eingefordert haben soll. Die begeisterten Besucher dieses großartigen Festspielabends, hätte man auch nicht von seinem anerkennenden Beifall dieser gelungenen Inszenierung abhalten können. Deutlich wurde in der Vergangenheit nicht, ob Wagner mit seinem Parsifal einen neuen Zugang zur Religiosität schaffen wollte, trotz aller Hinterfragungen der Kulturszene.

Die Interpretation des Regisseurs Uwe Eric Laufenberg gibt zumindest eine recht klare Antwort auf die Bedeutung der Religionsausübung: Er bezweifelt sie!

Durch die ergreifende Szene zum Schluss des letzten Aktes, offenbart sich diese Skepsis; in Laufenbergs Inszenierung legen Muslime, Juden und Christen die charakteristischen Kennzeichen ihres Glaubens in den Sarg des verstorbenen Titurel, dem Gründer der Gralsritterschaft. Der Bass Wilhelm Schwinghammer als Titurel überzeugte vollendet in dieser Rolle.

Bayereuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Ryan MacKinny als Amfortas © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayereuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Ryan MacKinny als Amfortas © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Befreiung von religiösen Dogmen, deutet Laufenberg mit nackten, tanzenden, gemischt geschlechtlichen Personen unter einem Bühnenwasserfall an. Die Sexualität ist also nicht mehr unrein.

Laufenberg folgt in seiner Neudeutung offenbar den Worten des Dalai Lama:Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir keine Religionen mehr hätten.“ Sie befinden sich, nicht ohne Grund, im PARSIFAL Programmheft.

Wagners Parsifal- Vertonung gehört zu den herausragenden Meisterwerken der Spätromantik, kraftvoll, aber gleichbleibend künstlerisch edel. Es ist das späteste Werk des geistreichen und gleichzeitig umstrittenen Komponisten Wagner, in welchem er die beherrschende Stellung seiner dramatischen Ideen unanfechtbar untermauert und ihm meisterhaft die Kongenialität zwischen Musik, Handlung und Text gelingt. Er wollte mit seinem Lebensabschieds-Werk …“eine entrückende Wirkung auf das Gemüt ausüben.“…, und in der Tat, sein Parsifal beseelt, wie am 30. Juli 2019, während der mehr als vierstündigen Aufführung, spürbar wurde.

Das Bühnenweihfestspiel sollte ausschließlich im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth inszeniert werden, das in den Jahren 1872–75, nach Entwürfen Richard Wagners, von Otto Brückwald errichtet wurde, wohl für seinen Parsifal oder Parsifal für das Festspielhaus. – Weltweit verfügt es über die beste Akustik im Vergleich zu anderen Opernhäusern, die durch die harte Holzbestuhlung nicht beeinträchtigt und deshalb auch nicht durch Polsterstühle ausgetauscht wird. Für einige Musikerohren dürfte der „gedeckelte“ Graben allerdings eine gewisse Zeit der Umgewöhnung benötigen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagner wollte keineswegs, dass der religiöse Charakter seiner Oper durch Aufführungen an kleineren Bühnen geschmälert wird und verfügte ein alleiniges Aufführungsrecht für das Bayreuther Festspielhaus. Ab Januar 1914 jedoch, wurde der Parsifal, wie alle Werke Wagners, auch an anderen Bühnen regelmäßig präsentiert; die gesetzliche Schutzfrist des Bestimmungsrechtes war abgelaufen.

Der Komponist und Dichter Richard Wagner hatte zu seinen Lebzeiten einen großen Einfluss auf das gesamte Bühnenleben. Seine damaligen revolutionären Anregungen sind heute zu einer deutlich erweiterten, leider nicht immer vorteilhaften, Selbstverständlichkeit geworden und zwar auf allen Gebieten des Theaters. Er erwartete, dass seine Musikschöpfungen mit bedingungsloser Hingabe und Achtung vor dem Kunstwerk von allen Mitwirkenden umgesetzt werden. Dieser, von Bayreuth ausgehende Ensemblegeist, übertrug sich äußerst positiv auf andere Opernbühnen.

Die Dichtung PARZIVAL von Wolfram von Eschenbach entstand zwischen 1200 und 1210; sie ist ein Versroman der mittelhochdeutschen höfischen Literatur und war die Grundlage für Wagners dreiaktiges musikdramatisches Werk, da ihn das Mysterium des Grals nicht mehr aus dem Kopf ging; für ihn stellte der heilige Gral, in dem sich das Kreuzesblut Christi befunden haben soll, eine Verbindung zu Jesus von Nazareth und der Menschheitserlösung dar. In seinem Bühnenweihfestspiel wird das lebensspendende Gefäß und der heilige, unbesiegbare Speer, von den keuschen Grals-Rittern in ihrer Burg behütet und regelmäßig vom Gral-König Amfortas enthüllt. 1877 änderte Wagner den Namen der mittelalterlichen Sagengestalt Parzival in Parsifal um.

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Elena Pankratova als Kundry und Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Elena Pankratova als Kundry und Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Keuschheit der Gralsritter ist im Parsifal ein übersteigertes Muss, ähnlich dem bis heute geltenden Zölibat katholischer Priester. Der mögliche Gedanke, mittels Keuschheit zur Reinheit zu gelangen, um die Menschen erlösen, aus ihrer Zerrissenheit zu holen oder gar retten zu können, bleibt bis heute eine von vielen unbeantworteten Fragen, ebenso, ob eine Verbindung der Grals-Sage zum christlichen Glauben vorhanden ist.

Von der Bedeutung der Musik als Brücke zur Religion, soll Wagner überzeugt gewesen sein und das wurde, unter der musikalischen Leitung von Semyon Bychkow an diesem Festspielabend, zutiefst bestätigt. Bychkow erhielt am Schluss der Oper – verdient – tosenden Applaus für seine musikalische Leitung. Zarte bis kraftvolle Orchesterklänge mit wechselnden Tempi, gaben den Sängern den notwendigen Klangteppich und Raum. Das Tempo im 3. Aufzug hätte sich der ein oder andere vielleicht etwas bewegter gewünscht, so erhielt die Musik eine fast stehende Schwere; ein Tempoideal für den Parsifal gibt es jedoch nicht und schwankt fast immer von Aufführung zu Aufführung.

Fantastisch war auch das hohe Niveau des Chores unter der Leitung von Eberhard Friederich, der eine fulminante Leistung mit einer guten Textverständlichkeit bot. Der Parsifal ist ohne die beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter nicht vorstellbar und war in der gebotenen Qualität ein wahrer Ohrenschmaus.

Andreas Schager als Parsifal sang mit kraftvollem Metall und einem besonders schönen Timbre fesselnd die Titelpartie. Parsifal ist ihm auf den Leib geschrieben. Besonders deutlich wird das, als er seine wahre Bestimmung, während der Verführungskünste der Kundry erkennt und sie wütend wegstößt. Er beendet als wissend gewordener Heilsbringer den barbarischen Opferkult der Gralsritter und versöhnt die Religionen. Den überdimensionierten Gral in dieser Inszenierung, enthüllt er jedoch nicht.

Die vielfältige Gestalt der dienenden und äußerst zwielichtigen Kundry, wurde von Elena Pankratova stimmlich und darstellerisch perfekt gestaltet. Nach dem es ihr gelingt, gegen Klingsor zu rebellieren, verliert sie endlich ihre innere Zerrissenheit. Ihre warme, wandelbare Stimme setzte sie verführerisch lyrisch oder hochdramatisch und immer ausgeglichen ein, auch wenn die Textverständlichkeit nicht ganz vorhanden war.

Bayreuth 2016 – ParsifalRichard Wagner
youtube Trailer der Deutsche Grammophon
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Überragend besetzt, war die große Basspartie des Gurnemanz mit Günther Groissbeck. Gurnemanz ist ein weiterer Gründer und Wächter der Gralsritterschaft, neben Titurel, der Parsifal zum Gralskönig salbt. Brillant, bei gleichbleibend klangvollen Gesangsbögen, gelangen ihm die Spitzentöne – ohne eine Spur der Forcierung.

Amfortas wird als das Opfer des archaischen Opferkults der Gralsritter gezeigt, die förmlich das Blut aus seiner Wunde zu ihrer Stärkung trinken, obwohl es nicht rein ist; mit den körperlichen Qualen des Amfortas finden sie sich offenbar empathielos ab. Ryan McKinny verkörpert darstellerisch authentisch den Bariton-Part des gequälten und leidenden Amfortas, stimmlich adäquat der Rolle angepasst.

Klingsor, als Herrscher eines Zaubergartens mit den verführerisch singenden Zaubermädchen Katharina Konradi, Ji Yoon, Mareike Morr Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Marie Henriette Reinhold, ist voller Hass gegen die Gralsritter, da sie ihn nicht in ihrem Orden haben wollen. Um zu der erforderlichen Keuschheit zu gelangen, kastrierte er sich selbst und scheut auch nicht die knallende Peitsche seiner Selbstgeißelung. Er befiehlt Kundry, alle Ritter zu verführen, damit sie ihre Reinheit verlieren. Eindrucksvoll, überzeugend und stimmgewaltig gestaltete Derek Welton den hasserfüllten Klingsor mit seinem voluminösen Bass.

Das Bühnenbild von Gisbert Jäkel verdeutlicht und unterstützt kongenial die Auslegung des Regisseurs Uwe Eric Laufenberg. Die Kostüme von Jessica Karge veranschaulichen und runden das Geschehen ab, und Reinhard Traub intensiviert die szenische Dramatik mit gekonnten Lichteffekten.

Ein großer Parsifal-Abend, dieser zum letzten Mal in Bayreuth gespielten Inszenierung, wurde begeistert vom Festspiel-Publikum angenommen und mit donnerndem Applaus honoriert.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung