Chemnitz, Theater Chemnitz, Hamlet – Oper von Franco Faccio, IOCO Kritik, 20.03.2019

März 20, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Hamlet – Oper von Franco Faccio

132 Jahre verschollen – Deutsche Erstaufführung in Chemnitz,  Inszenierung von Olivier Tambosi

von Thomas Thielemann

Das Theater Chemnitz hatte zum zweiten Zyklus der deutschen Erstaufführung der Oper Hamlet (Amleto) von Franco Faccio (1840-1891) eingeladen.

Der dreiundzwanzigjährige Schriftsteller Arrigo Boito (1842-1918) dichtete in Anlehnung des Shakespeare-Dramas Hamlet für seinen Schulfreund, den fünfundzwanzigjährigen Komponisten Franco Faccio, in den 1860er Jahren das Amleto-Libretto.

Hamlet – Oper von Franco Faccio
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William Shakespeare schuf sein Bühnenstück The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke zwischen Februar 1601 und Sommer 1602. Von einer Vielzahl von nordischen Legenden angeregt, die der Chronist „Saxo Gramaticus“ im 13. Jahrhundert in seiner „Gesta Danorum“ aufbewahrt hatte, war über das tragische Schicksal eines dänischen Prinzen sein Bühnenwerk gestaltet worden. Wohl der Tod eines ihm verwandten Mädchens, das im Alter von zweieinhalb Jahren beim Blumenpflücken ertrank und den fünf Jahre alten William tief beeindruckte, verdanken wir die Figur der Ophelia in der Tragödie.

Arrigo Boito hatte das Libretto so eng als möglich an Shakespeare angelehnt, reduzierte die 19 Szenen auf sieben, beließ aber die Zitate der großen Monologe „Sein oder Nichtsein“; „Oh, dass auch dieses feste Fleisch schmelzen würde“; „Der Rest ist Schweigen“ u. a.. Er verwendete auch eine größere Vielfalt von Versformen und Ausdrücken, die sich in seinen späteren Shakespeare-Libretti nicht mehr finden.

Franco Faccio komponierte dafür eine hochdramatische, aber wenig poetische Musik. Eingängige Melodien fehlen ebenso wie profilierte Themen für die Neben-Charaktere. Selbst die leidgeprüfte Ophelia bleibt, wie alle Mitspieler des Titel-Tenors, seltsam farblos. Von der Stilistik scheint  der späte  Verdi vorweggenommen.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Mit der Komposition des Librettos haben diese beiden Burschen die erste Vertonung eines Shakespeare-Stoffes in der Reihe italienischer Shakespeare-Vertonungen geschaffen und damit eigentlich die Opernwelt von Kopf bis Fuß erneuert.

Obwohl insbesondere Arrigo Boito an die Tragödie in vier Akten viele Erwartungen und Hoffnungen knüpfte, führte die begeistert aufgenommene Premiere im Teatro Carlo Felice in Genua am 30. Mai 1865 nicht zu einem nachhaltigen Erfolg. „Die Oper sei nicht melodisch genug“. Eine überarbeitete Fassung des Amleto geriet am 12. Februar 1871 an der Mailänder Scala dann zum Misserfolg, weil der Tenor der Titelrolle „vollkommen ohne Stimme und desorientiert“ kaum zu hören war. Entmutigt vernichtete Faccio Teile des Notenmaterials, bemühte sich nicht weiter um seine Komposition und begnügte sich als erfolgreicher Dirigent vor allem Verdi-Kompositionen zum Erfolg zu verhelfen. Auch Boito konzentrierte sich auf seine Schriftsteller–Arbeit, komponierte die Erfolgsoper Mefistofele und ist uns vor allem als Verdi-Librettist ein Begriff geworden. Selbst Bemühungen des Faccio-Schülers Antonio Smareglia um die Partitur blieben erfolglos.

Mehr als hundert Jahre haben die Fragmente dieser Arbeit von Arrigo Boito und Franco Faccio in den Archiven des Musikverlages Ricordi geschlummert, bis der amerikanische Musikwissenschaftler und Dirigent Anthony Barrese im Jahre 2003 begonnen hat, diesen Schatz zu heben. Mit einigen Helfern sichtete er mit erheblichen Mühen das Material, das zum Teil auf Mikrofilm oder als verblasste Autographen zur Verfügung stand. Nach Variantenvergleichen und über die Erstellung einer Klavier-Vocal- Partitur  vervollständigte er bis zum Dezember 2004 die Oper Amaleto.

Auf die Bühne brachte der Perfektionist Antonio Barrese seine Rekonstruktion nur schrittweise. Erst mit der ersten Wiederaufführung 2014 in Albuquerque (New- Mexiko) war Amleto der Opernbühne zurück gegeben. Nach Europa kam die Opernrekonstruktion am 20. Juli 2016 mit einer opulenten Inszenierung von Olivier Tambosi bei den Bregenzer Festspielen. Aus Unsicherheit, wie das verwöhnte Publikum diese „Neuheit“ aufnehmen werde, gab es in Bregenz nur ganze drei Aufführungen.

Die Oper Chemnitz übernahm die Bregenzer Arbeit mit dem gefragten Regisseur nebst dessen Ausstatter-Team für eine deutsche Uraufführung und brachte eine faszinierende Inszenierung auf die Bühne.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Die Handlung springt mit dem Krönungsfest und einem Trinklied des neuen Königs mitten ins Geschehen. Diese Feststimmung mit dem Trinklied kehrte im Schlussakt wieder, wobei sich die Situation zur allseits bekannten skurrilen Mordserie entwickelt. Damit erhält die Handlung einen Rahmen, in dem Olivier Tambosi den traurig-zögerlichen Prinzen als den Rächer, den Liebhaber, den Sohn, den Philosophen, den Intriganten und den Theaterkritiker in jedem Part Glaubwürdigkeit verschafft.

Die Bühne des Frank Philipp Schlößmann und die historisierten Kostüme der Gesine Völlm streng in Rot-Schwarz-Weiß sowie eine gekonnte Lichtregie des Davy  Cunningham schaffen eine permanent gespenstige Grundstimmung. Eine Ausnahme bietet nur das in Grün-Beige gestaltete Schauspiel, von Boito als Persiflage auf das Opernwesen seiner Zeit gestaltet.

Mit gekonnter Personenführung, intensiver Einbeziehung des perfekten Chores, der Tänzerinnen und kreativer Nutzung der Drehbühne schafft er, die übrigen Protagonisten mit Hamlet in Beziehung zu bringen. Da ist vieles konzentriert, bündig und schlagkräftig. Vor allem ab dem dritten Akt steigert sich die Aufführung.

Die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie mit dem Dirigat des Dan Raciu bringen neben einer ausgereiften Sängerbegleitung vor allem die den Schöpfern der Oper so wichtige sinfonische Ausmalung der Partitur zur Geltung.

Für die Hauptrollen waren ausgezeichnete Sängerdarsteller aufgeboten worden. Mit packend intensivem Spiel und mit nüchtern-heller flexibler Tenorstimme gab der Spanier Gustavo Peña dem zerrissenen Titelhelden die notwendige Struktur. Dem König Claudius in seinem fiesen Denken wurde von Pierre-Yves Pruvot mit seinem dunkel-bedrohlichem Bariton überzeugende Wirkung verschafft. Als Hamlets Mutter Gertrud sang und spielte Katerina  Hebelkova mit einem dunklen Mezzo in der Tiefe und gleisnerisch in der Höhe die dramatischen Glanzpunkte der Aufführung. Packend war die Ophelia von Guibee Yang mit ihrem weichen strömenden Sopran in den Szenen ihrer Liebe und Verzweiflung.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Wären noch zu erwähnen: der elektronisch-akustisch verstärkte Bass-Bariton von Noé Colín als bedrohlich tönender Geist des ermordeten Vater  Hamlets, das ordentlich besetzte Freundespaar des Titelhelden Horatio – Marcello mit Ricardo Llamas Márques und Matthias Winter sowie der etwas schwächere  Laertes von Cosmin Ifrim.

Wegen des Ausfalls des Polonius-Darstellers wurden die Partien des Hofmarschalls vom Bass des Hausensembles Ulrich Schneider überzeugend von der Seite zu Gehör gebracht und szenisch vom Statisten Mario Koch auf der Bühne implantiert.

Ein Sonntag-Nachmittag, der wieder einmal unser Verlangen nach Musik abseits des gängigen Repertoires gestillt hatte. Vor allem deshalb, weil diese Neuentdeckungen vor halsbrecherischen Verfremdungen geschützt sind. Letztlich bleibt aber für den von Wagner, Mahler und Bruckner verwöhnten Hörer, dass die Komposition Faccios  nicht über die erwartete Dramatik und Tiefe verfügt.

Im Spielplan des Chemnitzer Opernhauses sind noch Vorstellungen der zu empfehlenden Hamlet-Inszenierung am 29. März, am 28. April und am 5. Mai 2019 aufgeführt.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Heidenheim, Opernfestspiele Heidenheim, Premiere Oberto. Conte di San Bonifacio von Verdi, 04.08.2016

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Opernfestspiele Heidenheim

Opernfestspiele Heidenheim / Anna Princeva © Opernfestspiele Heidenheim

Opernfestspiele Heidenheim / Anna Princeva © Opernfestspiele Heidenheim

Oberto. Conte di San Bonifacio von Giuseppe Verdi
Verdi-Rarität eröffnet neue OH!-Reihe im Festspielhaus

Mit Giuseppe Verdis erster Oper Oberto. Conte di San Bonifacio erleben die Opernfestspiele Heidenheim am Donnerstag, 4. August, den Auftakt zu ihrer neuen Verdi-Reihe im Festspielhaus. Das Ritterdrama um den Grafen Oberto stand am Beginn einer unglaublichen Karriere des damals 23- jährigen Verdi. Festspieldirektor Marcus Bosch erfüllt sich damit einen lang gereiften Traum: sich an einem besonderen Ort unter besten Bedingungen chronologisch dem OEuvre des bedeutendsten italienischen
Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts widmen zu können.

Die Vorbilder Bellini und Donizetti merke man dem Oberto zwar an, doch sei die Musik und die dramatische Zuspitzung bereits unverkennbar „blutechter Verdi, so Bosch. Das Eruptive, die Kraft und das Fordernde seien nicht mehr zu vergleichen mit der Musiksprache Donizettis, zeigt Bosch auf. Regisseur Tobias Heyder pflichtet dem bei. Bereits der „Oberto“ baue auf die dramatische Konstellation späterer Verdi-Opern: Unreife Männer als verführerische Bösewichte, die engelsgleiche Frauen ins Unglück stürzen, und dominante Väter. Oberto selbst sei eine Mischung aus Rigoletto und Amonasro.

Die Idee einer neuen Opernreihe Länger schon haben die Verantwortlichen der Opernfestspiele über eine sinnvolle Erweiterung des Festspielangebots nachgedacht. Die neue Reihe mit dem Frühwerk Verdis vereint die verschiedenen Aspekte: Zum einen werden Verdis Opernraritäten die Aufmerksamkeit des enzyklopädisch interessierten Opernfreunds auf sich ziehen, zumal in Heidenheim die Verdi-Opern immer auch szenisch realisiert werden. (Nota bene: Außer zwei konzertanten Aufführungen in Gießen und Frankfurt gab es den Oberto szenisch zuletzt im Verdi-Jahr 2013 – an der Mailänder Scala). Das wird noch stärker als bisher auch internationales Publikum an die Brenz locken.

Das Festspielhaus, das bisher als Schlechtwettervariante für die Open-air-Aufführung im Schloss Hellenstein diente, bekommt eine stärkere Position. Ohne Bühnenbild und bewusst im Gegensatz zur Opulenz der Hauptoper wird der junge Hamburger Regisseur Tobias Heyder den Fokus ganz auf die handelnden Personen legen. Wie sehr die frühen Opern Verdis auch bühnentauglich sind – Verdi bezeichnete sich selbst schließlich als „Theatermann“ und nicht als Opernkomponist -, werden die speziellen Inszenierungen in der als Black-Box begriffenen Bühnensituation des Festspielhauses zeigen: Wenige Requisiten und das Lichtdesign von Hartmut Litzinger werden die nötigen szenischen Impulse setzen, um die dramatischen Situationen dieses Verdi-Erstlings direkt erlebbar zu machen. Kostümbildnerin Janine Werthmann bildet einen Brückenschlag zwischen zeitlosen Kostümen und historischen Zitaten.

Cappella Aquileia sorgt für authentisches Verdi-Erlebnis Doch auch musikalisch wird es spannend: Die Cappella Aquileia ist der musikalischer Partner für eine spezielle Aufführung, die ein gutes Stück weit versucht, Verdi im Original erklingen zu lassen. Das Orchester der Opernfestspiele, dessen Konzerte zeigen, dass es „historisch informiertes“ Musizieren verinnerlicht hat, wird mit der Orchesteraufstellung, seinem kammermusikalischen Musizierstil und den ungewöhnlichen Besetzungen der Uraufführungen experimentieren. Zur Verdi-Zeit spielte man mit weniger Streichern als heute üblich, so dass eine plastischere (und sängerfreundlichere) Bläser- Streicher-Balance zu erwarten ist. Teilweise werden auch Nachbauten historischer Instrumente zum Einsatz kommen.

Mit dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn in der Einstudierung von Jan Ocetek steht ein hochkarätiger und – wie bereits in der Hauptproduktion von „La Bohème“ zu erleben – auf höchstem Niveau agierender Opernchor zur Verfügung. Internationale Sängerbesetzung Woong-jo Choi singt den im Krieg unterlegenen und jetzt um seine Tochter kämpfenden Grafen Oberto. Der in Korea geborene Sänger studierte an der Nationalen Universität Seoul und am Konservatorium der Stadt Wien. Der Bassist war am Luzerner und Aachener Theater engagiert und in Heidenheim bereits als Timur und als Banquo in Macbeth zu erleben.

Als Obertos Tochter Leonora debütiert in Heidenheim Anna Princeva. Nach Studien am Konservatorium ihrer Heimatstadt St. Petersburg studierte sie am Konservatorium Pergolesi Gesang und absolvierte verschiedene Meisterkurse, u. a. bei Francisco Araiza und Grace Bumbry. Sie trat auf als Violetta (La Traviata), Gilda (Rigoletto) und als Pia (Pia de‘ Tolomei) an den Theatern von Rovigo und Vincenza. Unter der Leitung von Gustav Kuhn wurde sie bei den Tiroler Festspielen als Abigaile in Verdis Nabucco von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert, wo sie auch als Leonora in Verdis Trovatore und als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni auftrat.

Als Draufgänger Riccardo wird der rumänische Tenor Adrian Dumitru zu erleben sein. Während seines Masterstudiums der Physiotherapie absolvierte er ein privates Musik- und Stimmstudium bei der Sopranistin Mariana Stoica, dem Bariton Emil Matei, dem Tenor Corneliu Fanateanu sowie dem Vocal Coach Alexandru Petrovici.

Opernfestspiele Heidenheim / Katerina Hebelkova © Opernfestspiele Heidenheim

Opernfestspiele Heidenheim / Katerina Hebelkova © Opernfestspiele Heidenheim

Als Cuniza ist die tschechische Mezzosopranistin Katerina Hebelkova verpflichtet. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater München bei Professor Daphne Evangelatos und war Mitglied der dort ansässigen Opernschule. Bereits während ihres Studiums sang sie in zahlreichen Konzerten in Deutschland, Tschechien, Italien sowie der Schweiz und wirkte an der Theaterakademie August Everding in vielen Opernproduktionen am Münchener Prinzregententheater mit.

Als Preisträgerin gewann sie zahlreiche Wettbewerbe wie 1999 den Jamila Novotna als
jüngste Sängerin und 2005 den Kulturpreis Bayern. Die in der Slowakei geborene Mezzosopranistin Daniela Ba?asova singt die Rolle der Imelda, der Vertrauten Cunizas. Sie absolvierte ihr Gesangsstudium zunächst an der Hochschule für Musik in Bratislava, dann bei Marjana Lipovšek an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.

Ein weiterer Aufführungstermin ist am Samstag, 6. August. Beginn jeweils 20 Uhr, Festspielhaus Congress Centrum Heidenheim.  Vor den beiden Vorstellungen werden Einführungsvorträge um 19.10 Uhr und um 19.30 Uhr im Festspielhaus Congress Centrum Heidenheim angeboten.

Info kompakt:
Oberto. Conte di San Bonifacio
Premiere: Donnerstag, 4. August 2016, 20 Uhr
Ein weiterer Aufführungstermin ist am 6. August 2016, 20 Uhr.
Festspielhaus Congress Centrum

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