Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Die Perlenfischer mit Olga Peretyatko – Georges Bizet, IOCO Kritik, 03.05.208

Mai 9, 2018 by  
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Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Les Pêcheurs de Perles – Georges Bizet

Von Karola Lemke

Die  Oper Die Perlenfischer des französischen Komponisten Georges Bizet inszenierte auf  Einladung Daniel Barenboims der Filmregisseur Wim Wenders an der Staatsoper Unter den Linden. Es ist die erste Operninzenierung Wenders, der sich diese Oper wegen der Liebe zu in der Vergangenheit oft gehörten Arien erwählte. Barenboim, der diese Oper zuvor noch nicht dirigierte, fand Gefallen an dem Vorschlag. Die Premiere fand am 24.6.2017 unter der musikalischen Leitung Daniel Barenboims im Schillertheater statt.

Das Bühnenbild (David Regehr) ist sehr schlicht gehalten. Ein schwarzer Vorhang umschließt die Bühne. Als weitere Requisite gibt es etwas Strandsand. Die Zuordnung zu einer Epoche läßt sich nicht erkennen. Alles wirkt zeitlos. Auch die Kostüme. Die Fischer tragen schlichte schwarze und terrakottafarbene Gewänder (Kostüme: Montserrat Casanova). Die atmosphärischen Veränderungen und Verdichtungen werden zum großen Teil durch das Licht hervorgerufen. Hervorragend die Lichtregie von Olaf Freese.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer - hier: Olga Peretyatko-Mariorri als Leila und Wolfgang Schöne als Nourabad © Donata Wenders

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer – hier: Olga Peretyatko-Mariorri als Leila und Wolfgang Schöne als Nourabad © Donata Wenders

Von der Dreieckssituation, Leila (Olga Peretyatko-Mariotti) zwischen Nadir (Francesco Demuro) und Zurga (Alfredo Daza) erfährt der Zuhörer in den erzählten Erinnerungen beim Wiedersehen von Zurga und Nadir. Um die Männerfreundschaft zu erhalten, wollen Nadir und Zurga auf  Leila verzichten. Vor den Rückblenden in die Erinnerungen der Drei ist das Leitmotiv zu hören.

Wim Wenders verbildlicht in seiner Inszenierung  Erinnerungen durch Filmsequenzen. Überhaupt spielt die Überblendung des Bühnengeschehens mit schwarz-weißen Filmpassagen, übergroßen Gesichtern der Protagonisten in den verschiedenen Lebensphasen, so der kindlichen Leila, die zum Dank für die Rettung Zurgas von diesem die Perlenkette, die dieser im dritten Akt vor der Verurteilung von Leila und Nadir wiedererkennen wird, eine große Rolle (Videoprojektionen: Donata Wenders und Michael Schackwitz). Immer wieder brandet das Meer mal leise, dann rauschend an den palmenbestandenen Strand. Nach der Ansage vor Beginn der Oper, daß Alfredo Daza trotz einer Bronchitis die Partie des Zurga übernehmen wird, beginnt die Oper mit der Texteinblendung auf dem vor der Bühne heruntergelassenen Gazevorhang

„ Auf einer Insel in einem der 7 Meere“

durch den halbdurchsichtigen Gazevorhang sieht man dahinter die Perlenfischer (hervorragend der mächtige Staatsopernchor, Einstudierung Martin Wright). Nadir ist in einen zeitlosen terrakotta-farbenen Anzug gekleidet. Zurga ganz in Grau. Die Farben von Nadirs Anzug wiederholen sich in Zurgas Haarspitzen. Alle Akteure, Fischer, Leila, Nadir, Nourabad sind barfuß, einzig Zurga trägt Halbstiefel.

In der Musik werden diese Erinnerungen durch ein Leitmotiv eingeleitet. Zu hören im Duett „Ja, sie ist´s die Göttin, die Eine“ (Oui, c`est elle, c´est la déesse). Wunderbar das Duett von  Francesco Demuro und  Alfredo Daza im ersten Akt „Au fond du temple saint“ und Nadirs Romance „Je crois entendre encore“. Das Publikum dankt mit Szenenapplaus.

Immer wieder wird der Gazevorhang vor der Bühne heruntergelassenen und großformatige Aufnahmen von Leila, Nadir und Zurga erzählen die Geschehnisse der Vergangenheit. Wolken ziehen durch die Bilder, durch geniale Lichtregie entsteht mythische Stimmung. Auf der requisitenfreien Bühne ist das Spielen eine Herausforderung sowohl für Solisten, als auch für den riesigen Chor. Vieles gerät dadurch statisch, der Chor steht oft wie eine Wand im hinteren Bereich der Bühne, die Solisten agieren halbkonzertant am vorderen Bühnenrand.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer - hier : Gyula Orendt als Zurga und Chor © Donata Wenders

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer – hier : Gyula Orendt als Zurga und Chor © Donata Wenders

Sehr gelungen ist auch das Bild, als Leila am Ende des ersten Aktes, nach Nadirs phantastisch von Francesco Demuro interpretierter Romanze einsam auf einem Felsen unter sternenübersätem Himmel, wie schon einmal in der Vergangenheit, für Nadir singt, der in der Nacht für sie unsichtbar am vorderen Bühnenrand am Strand liegt. Der Chor agiert gefühlvoll aus dem Off,  Olga Peretyatko-Mariotti singt so flehentlich, daß sie bei den Zuhörern Gänsehaut hervorruft.

Der zweite Akt beginnt nach der Pause mit einem in verzaubernden Blau und Lilatönen eingefärbten Nachthimmel. Wolfgang Schöne als hervorragender Oberpriester Nourabad trägt eine graue Kutte, ist dabei barfuß wie die Anderen. Olga Peretyatko-Mariotti in wehenden Schleiern gibt eine fein ausbalancierte Leila, großartig in „Me voilá seule dans la nuit“. Der Szenenapplaus des Publikums ist der Dank. Vom in der Vergangenheit kritisierten flackernden Vibrato ist an diesem Abend kaum etwas wahrnehmbar. Der nächste Höhepunkt ist das Chanson zwischen Leila und Nadir, der über „Himmel!“ „…ihren reinen Blick“ „Das ist er!“ ins Duett von Leila und Nadir mündet.

Der Vorhang bauscht wild, erleuchtet vom Gewitter. Die See auf dem wieder heruntergelassenen Gazevorhang ist aufgewühlt, tobt und zeigt schon die nahende Katastrophe auf – die Entdeckung der Liebenden durch  Nourabad und die Fischer. Die Fischer, aufgewühlt wie die See fordern in diesem Szenario stimmgewaltig den Tod von Nadir und Leila.

Es gibt neben Zurgas heimlicher Liebe zu Leila auch dessen sich  Hingezogenfühlen zu Nadir, das Zurgas im ersten Bild des dritten Aktes in seiner Arie verrät. Auch hier, so wie im folgenden Duett mit Leila meistert Alfredo Daza den Part des Zurga mit gesanglicher Professionalität.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer - hier : Olga Peretyatko-Mariotti als Leïla © Donata Wenders

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Die Perlenfischer – hier : Olga Peretyatko-Mariotti als Leïla © Donata Wenders

Vermißt wird fast durchgängig die Personenführung. Während Zurga singt „Ich in außer mir! Ich glühe vor Zorn!“ ist das gesanglich überzeugend, die ruhige Lage am vorderen Bühnenrand übersetzt diese Wut jedoch nicht in Körpersprache. Im Gegensatz zu dem bisher halbrunden Vorhang ist dieser nun im dritten Akt dreigeteilt.

Der Ausgang der Oper wurde in der Vergangenheit mehrfach uminterpretiert. In dieser Aufführung entscheidet sich Wenders für die Originalfassung von 1863, in der das Schicksal Zurgas nach der Flucht Leilas und Nadirs offen bleibt. Während die Fischer ins Dorf eilen, um die von Zurga in Brand gesetzten Hütten zu retten, bleibt Zurga alleine zurück.

Victorien Vanoosten und die Staatskapelle Berlin erhalten völlig zu Recht gemeinsam mit Solisten und Opernchor den begeisterten Applaus des Publikums für ihre Leistung an diesem Abend.

 

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

 

Berlin, Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko – Dukas, Prokofjew, Schmidt, IOCO Kritik, 18.04.2018

April 18, 2018 by  
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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie Foto: © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko, Yuja Wang –  Berliner Philharmoniker 

12.April 2018  –   Berliner Philharmonie

Von Karola Lemke

Kirill Petrenko, der feinfühlige designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und vielleicht der gefragteste Drigent unserer Zeit, präsentierte gemensam mt den Berliner Philharmoniker zwei klangvolle Raritäten: Paul Dukas‘ irisierende Tondichtung La Péri und Franz Schmidts  Vierte Symphonie. Dazwischen erklang Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3, mit der Pianistin Yuja Wang.

Petrenko begann seine internationale Karriere nach dem Weggang von der Komischen Oper (2001-2007). Freischaffend wirkte  Petrenko in 2000 am Maggio Musicale Fiorentino, 2001 an Wiener Staatsoper und der Semperoper Dresden, 2003 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Opéra National de Paris, Royal Opera House Covent Garden in London, Bayerische Staatsoper, Metropolitan Opera in New York, 2005 an Oper Frankfurt. Seit 2013 ist Kirill Petrenko Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Die chinesische Pianistin Yuja Wang  hatte 2003 ihr Europadebüt. Im Jahr 2009 spielte sie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra das Klavierkonzert des heutigen Abends. 2016 war sie Artist of the Year 2017 der US-amerikanischen Zeitschrift Musical America

Paul Dukas  –  La Péri, Poème dansé

Dukas war Komponist, Kritiker und Mitglied der Fakultät am Pariser Konservatorium. Er war als Komponist sehr selbstkritisch und vernichtete zahlreiche seiner Werke, so dass er nur 25 Kompositionen hinterlassen hat.
La Péri wurde 1911 geschrieben und wurde von den Ballets Russes in Auftrag gegeben. Die Fanfare für Blechbläser, die das Werk öffnet, wurde zu einem späteren Zeitpunkt komponiert und zu Beginn des Werkes eingefügt, da das ursprüngliche Tongedicht sehr leise beginnt. Dukas nannte das Stück ein „Tanzgedicht in einer Szene“ und es ist sein letztes veröffentlichtes Werk. Die Uraufführung war am 22.04.1912.
Die Geschichte des Balletts stammt aus einer alten persischen Legende. Ein Prinz namens Iskender (Prinzenthema in den Holzbläsern) reist auf der Suche nach der „Blume der Unsterblichkeit“ ans Ende der Welt. Er findet einen gefallenen Engel (La Péri), der mit einer Lotusblume in der Hand eingeschlafen ist. Er stiehlt die Blume, die Péri wacht auf, tanzt und durch ihren Tanz nimmt den Lotus zurück. Peri´s Tanz nimmt die Hälfte des Stückes ein. Die Lotusblume war die Blume der Unsterblichkeit und ohne sie stirbt der Prinz langsam.Seit 50 Jahren wurde dieses Werk nicht mehr von Berliner Philharmonikern gespielt.
Petrenko breitet einen musikalischen Zauberteppich aus den drei Ebenen der Peri, des Prinzen und der Zauberwelt aus. Nach einem fast unhörbaren Beginn entfaltet sich das 19 minütige Werk tänzerisch, spärisch. Das Beeindruckendste ist die Art, wie Petrenko dieses Werk präsentiert und mit wieviel Engagement die Berliner Philharmoniker ihm folgen.

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Sergej Prokofjew  –  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
Yuja Wang Klavier

Das 3. Klavierkonzert ist das mit Abstand am meisten gespielte Konzert Prokofjews.
Nach der zärtlich schwelgerischen Eröffnung durch die Klarinetten setzt nach kurzer Weiterführung durch die Streicher das Klavier ein und steigert sich nach Durchführung in der Reprise zu einem wahnwitzigen Tempo.
Yuja Wang spielt den Klavierpart technisch virtuos. So virtuos, daß es ungewöhnlichen Beifall nach dem ersten Satz aus dem Publikum gibt. Diese technische Perfektion blieb das Herausragende am Spiel Yuja Wang´s an diesem Abend. Man hätte sich ein engeres Zusammenwirken mit dem Orchester gewünscht.
Petrenko stellt dem eine fast durchsichtige Orchesterführung gegenüber, die im Orchesterklang auch die Raffinessen des Stückes hörbar macht.

Franz Schmidt  –  Symphonie Nr. 4 C-Dur

Die Sinfonie in C-Dur ist die vierte Sinfonie des östereichischen Komponisten Franz Schmidt (1874-1939) wurde 1933 komponiert und am 10. Januar 1934 in Wien uraufgeführt. Diese Sinfonie ist ein Requiem für seiner Tochter Emma, die bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1932 starb. Der gesundheitlich angeschlagene Schmidt erlitt danach einen totalen Zusammenbruch.Dirigent der Uraufführung (46min.) mit d en Wiener Symphonikern war Oswald Kabasta, der das Autograph der vierten Symphonie an das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab.

Der erste Satz beginnt mit einem Solotrompeten-Thema (Gábor Tarkövi), der Stimme des Schicksals.  Franz Schmidt äußerte dazu lt. Karl Trötzmüller: Es ist sozusagen die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt.“

Ein Solo-Cello (Ludwig Quandt) führt in das Adagio mit seiner Tonart B-Dur, der Mittelteil steigert sich zu immensem Ausdruck, ehe das Solo-Cello in das ursprüngliche Adagio-Tempo zurück führt, und es ist das Cello, das die elegische Bewegung zu einem Ende bringt, gefolgt vom Echo der gedämpften Trommeln.
Das Scherzo, in b – moll, scheint eine Fuge vorzuschlagen, wobei das Viola – Thema von den zweiten Violinen beantwortet wird, bevor andere Ideen eingreifen, wobei das bahnbrechende Anfangsthema erneut erscheint.
Das Thema kehrt mit dem ersten Horn über einem begleitenden Trommelwirbel zurück und wird von vier Hörnern fortgesetzt. Dieses bildet die Reprise, die mit dem Trompetensolo des Anfangs, jedoch auf höherem geistigen Niveau endet.

Bei dieser Symphonie Nr. 4 zeigt Petrenko erneut, was intelligentes, emphatisches Dirigat bedeutet. Er spannt einen so dichten Bogen über die vier Sätze der Symphonie, in deren genauer Mitte der Todesmarsch für Emma liegt, dass die Aufführungsdauer nur 40 Minuten beträgt.  Konzentriert führt er die Berliner Philharmoniker zum ersten, zweiten, dritten Aufschrei der Trauer. Diese tragischen Ausbrüche sind erschütternd.
Zart leitet die Trommel im weiteren Verlauf zur Solotrompete über, aufkeimende Hoffnung in den Steichern, weitergefürt von der Solovioline und endet im Trugschluß ehe das Trompetensolo des Anfangs das Werk beendet.

Besonderer Dank gilt ebenso Gábor Tarkövi, Ludwig Quandt wie allen anderen Solisten der Berliner Philharmoniker, deren großartige Leistung vom Publikum gewürdigt wurde. Im August 2019 nimmt Kirill Petrenko seine Tätigkeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf. Man darf gespannt sein. An 12. Aprilo 2018 harmonierten der designierte Chef und die Berliner Philharmoniker ganz wunderbar.

 

—| IOCO Kritik Berliner Philharmoniker |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 08.04.2018

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Parsifal  von Richard Wagner

Ein Bühnenweihfestspiel – In der neuen Staatsoper

Von Karola Lemke

Die Inszenierung Dmitri Tscherniakov´s hatte ihre Staatsopern-Premiere am 28. März 2015 im Rahmen der Festtage 2015 im Schillertheater. 2016 übernahm die hochgeschätzte Waltraud Meier die Rolle der Kundry, wurde verdient gefeiert.

Karfreitag 2018 erklingt das Bühnenweihspiel erstmalig in der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden, Schon vor Vorstellungsbeginn wird der Apollosaal das meistgesuchte Fotomotiv. Großes Fotointeresse  dann nach Öffnung auch im Saal. Die Bestuhlung ist relativ eng und die Sitze sind stramm gepolstert.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum - Neu erschaffen © Gordon Welters

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum – Neu erschaffen © Gordon Welters

Und wie hat sich die Akustik verändert? Während des Vorspiels wird deutlich, daß zumindest im ersten Rang das Klangerlebnis sehr angenehm ist. In weichen runden Klängen, sehr gedehnt, die fehlende Dynamik noch durch das Auskosten jeder Note verstärkend, zelebriert Daniel Barenboim dies ergreifende Vorspiel. Auch im weiteren Verlauf der Vorstellung mischen sich Orchester und Sänger ausgezeichnet.

1. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Gralsburg – Lieblose, kaum Licht durchlassende Fesnter

Im ersten Aufzug zeigt Tscherniakov, angelehnt an die frühe Bayreuther Tradition, die halbrunde Gralsburg. Lieblos wirkende Fenster, die kaum Licht durchlassen, wurden an unpassender Stelle eingebaut. Während der Gralserzählung des spirituellen Lehrers und Gralsritters Gurnemanz zeigen Bilder auf weißer Leinwand die ParsifalUraufführung 1882 in Bayreuth.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Richard Wagner hatte in seinem Parsifal dem um 1200 entandenen Versroman Parzifal Wolfram von Eschenbachs mit Kundry eine höchst komplexe Frauenfigur  hinzugefügt. Tscherniakovs Kundry  ist Nina Stemme, in beige Hose und Trenchcoat im Gegensatz zu den Gralsrittern gegenwärtig gekleidet. Die Gralsritter sind zu Gottestreue, Gehorsam und Keuschheit verpflichtet. Amfortas (Lauri Vasar) verstieß durch den Beischlaf mit Kundry gegen die Gelübde. Lauri Vasar gestaltet diesen Amfortas überzeugend mitleiderregend. Qualvoll fristet er in Folge als designierter Nachfolger seines Vaters Titurel (Reinhard Hagen) nach der Verletzung durch Klingsor und dem Verlust der heiligen Lanze seine Tage in der Gralsburg Monsalvat. Ansonsten: Männerwirtschaft in abgelegener kalter unwirtlicher Gegend: Grobe Bänke, ärmliche Bekleidung, verhärmt wirkende Gralsbrüder. René Pape gibt  bei ausgezeichneter Textverständlichkeit einen vorzüglichen Gurnemanz

Der jugendliche Parsifal (Andreas Schager), in kurzen Hosen, Sweatshirt, modernem, hoch bepacktem  Wanderrucksack und Armbrust, wirkt in dieser Szenerie exotisch. Parsifal, der Tor, wächst von der Welt abgeschottet auf, weiss weder von seiner adligen Herkunft noch von der Rolle, für die er auserwählt ist. Er ist reinen Herzens, aufrichtig und voller Demut. Aber er muß seinen Weg in einer Welt von Leid und Tragik erst noch finden. Dass der Tor die Regeln nicht kennt, zeigt sich bei Eschenbach, als Parzival nach der Tötung des roten Ritters dessen Rüstung an im Glauben sich nimmt, nun auch Ritter zu sein. Bei Wagner tötet Parsifal im heiligen Gebiet des Grals einen Schwan und zieht sich die Empörung der Gralsritter zu. Tscherniakv verzichtet auf die gegenständliche Darstellung des Schwanes.

Titurel in langem Mantel kommt auf die Bühne und steigt in einen Sarg, den die Gralsritter zuvor auf der Bühne abgestellt hatten. Hat Parsifal im Nachhinein ob der Tötung des Schwanes Gewissensbisse gezeigt, so ist er von der Gralsenthüllung (bei Tscherniakow ausreichend abstossend inszeniert) und den damit verbundenen Schmerzen Amfortas entsetzt. Die Verbände werden Amfortas abgeschnitten und das Blut aus der Wunde gepreßt. Mitleid kann Parsifal jedoch nicht zum Ausdruck bringen, der erhoffte Satz: „Was quält dich, mein König“ fällt nicht. Gurnemanz schickt Parsifal enttäuscht davon.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

2. Aufzug, Klingsors Zaubergarten

Klingsor – Verbraucht abstoßender Mann in Uraltstrickjacke 

Im unveränderten Bühnenbild taucht lediglich das Licht (Gleb Filshtinsky) alle Handlung in kaltes Weiß. Die Fenster erscheinen durchsichtig. Eine Textprojektion verkündet, dass Klingsor sich hier eine Heimstatt errichtet hat in der er mit seinen zahlreichen Töchtern, den Blumenmädchen, lebt. Beklemmend wirkt, wenn die blutjungen Blumenmädchen  in Kinderröcken, mit  geflochtenen Zöpfen oder „Affenschaukeln“ Spielzeug in den Händen halten; ebenso beklemmend, doch anders im Ausdruck, wenn die Gralsritter Amfortas Blut abzapfen. Das Bühnenbild der Inszenierung zeigt so in kurzer Folge zwei Seiten von Wahnsinn; beide Szenen nur schwer zu ertragen. Lyrisch weich klingt der Chor der Blumenmädchen, wenn sie die Ritter beweinen; ganz zart ihr  „Komm, komm holder Knabe“.

Klingsor (Falk Struckmann) ist ein alter, verbrauchter, gestörter, abstoßender Mann in Uraltstrickjacke und Pantoffeln. Doch solch verstörte Erscheinung kann die von Gewalt geprägten Grobheiten des Klingsor gegenüber Kundry nicht glaubhaft transportieren. Interessant dagegen, die pantomimische Darstellung der Erzählung KundrysIch sah das Kind an seiner Mutter Brust“. Dargestellt wird die Szene durch Janine Schneider (Parsifals Mutter) und Christian Kreibich (Parsifal Double).

Großartig Schagers Ausbruch:   „Amfortas! Die Wunde!“

Als Parsifal Kundrys Verführung widersteht, als er Amfortas Wunde begreift, ruft Kundry nach Klingsor´s Hilfe. Doch der heilige Sperr wird diesem von Parsifal entwunden. Inmitten der Kinder erticht Parsifal Klingsor. Wie schon 2017 in Bayreuth ist Andreas Schager ein phantastischer Parsifal, stimmlich und schauspielerisch so überzeugend, dass man wirklich den Selbstfindungsprozeß mit ihm durchleidet. Den Zerfall von Klingors Reich erzählt das Orchester, nicht das Bühnenbild.

„Du weißt, wo Du mich findest“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

3. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Das Bühnenbild des ersten Aufzuges, nur alles noch etwas älter: Der alte bärtige Gurnemanz ist da, ebenso Kundry. Titurel ist in seinem Sarg verstorben (nun geschlossen). Die Verwandlungsmusik nach dem Tode Titurels korrespondiert mit der Verwandlungsmusik des ersten Aktes. Parsifal betritt als vermummter Kämpfer die Bühne. Kundry übernimmt dessen Fußwaschung. Es kommt zum Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Kundry und Parsifal.

Gänsehautmoment beim kraftvollen Chor der Gralsritter. In der gesamten Aufführung waren Staasopernchor und Konzertchor sehr überzeugend. Besondere Erwähnung verdient hier Natalia Skrycka sowohl als Blumenmädchen, als auch als Stimme aus der Höhe. Als sich  Amfortas und Kundry umarmen, wird diese von Gurnemanz (René Pape stimmgewaltig wie gewohnt) von hinten erstochen. Tscherniakovs Sicht auf die Menschheit.

Insgesamt eine großartige Leistung des hochkarätigen Ensembles, des Chores wie der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim.

Parsifal an der Staatsoper Unter den Linden; keine Vorstellungen in der laufenden Spielzeit

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

 

Berlin, Komische Oper, Die Perlen der Cleopatra von Oscar Straus, IOCO Kritik, 03.03.2018

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Die Perlen der Cleopatra von Oscar Straus

Von Karola Lemke

Jeder Besuch der Komischen Oper Berlin ist für mich wie ein Nachhause kommen; in den letzten Jahren der DDR fand ich hier geliebte Arbeit als Statistin. Vormittags waren  Beleuchtungsproben, abends Aufführungen; auch Missgeschicke blieben in Erinnerung, wie der verspätete Abgang des Trauerzuges im Don Giovanni, in dessen Folge nach einem leichten Schubs von hinten nur mein schwarzes Kleid in den zusammenfahrenden Wänden eingeklemmt wurde und ich die nun folgende freudige Szene als unverrückbare Trauerdame auf der Bühne erlebte.

Cleopatra: „Mir fehlt nichts als ein kleiner ägyptischer Flirt“

Nun also Barrie Kosky´s Wiederentdeckung Die Perlen der Cleopatra von Oscar Straus, womit Kosky eine weitere zu Unrecht vergessene Operette zum unverzichtbaren Erlebnis werden lässt. Das freche Libretto stammt von Julius Brammer und Alfred Grünwald. Die Partitur wurde  immer wieder verändert, sodass es verschiedene Versionen gibt. Uraufgeführt wurde diese Operette nicht sehr erfolgreich 1923 im Theater an der Wien mit Fritzi Massary und Richard Tauber in den Hauptpartien, (erst ein Jahr später in Berlin) und spielt in Alexandria in Ägypten. „It’s Nil-time, baby!“, wobei Ägypten das Codewort für Berlin ist.

Komische Oper Berlin / Die Perlen der Cleopatra - hier Dominik Köninger als Silvius, ein römischer Offizier und Dagmar Manzel als Cleopatra © Iko Freese drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Perlen der Cleopatra – hier Dominik Köninger als Silvius, ein römischer Offizier und Dagmar Manzel als Cleopatra © Iko Freese drama-berlin.de

Was macht nun der große phantasievolle Zauberer Barrie Kosky aus dieser Berliner Operette der Zwanziger Jahre?   Wie in Ball im Savoy und in Eine Frau, die weiß, was sie will greift er auf die wundervolle Urberlinerin Dagmar Manzel als Cleopatra zurück. Schon das Erlebnis der Dagmar Manzel als Cleopatra drängt  zu einem sofortigen erneuten Besuch dieser Inszenierung. Dirigent Adam Benzwi hat die Operette neu bearbeitet und läßt Manzel Zeit für die Dialoge mit der satierischen Katze Ingeborg. Auch als Bauchrednerin ist Manzel grandios.

Cleopatra: „Ach Anton, steck den Degen ein“

Kosky inszeniert die Operette als Zweiakter. Der erste Akt wird vom Chor in den wie erwartet phantasievollen farbenprächtigen Kostümen (Viktoria Behr)  mit Konfetti von den Rängen und der Posaune blasenden Talya Liebermann (Hofdame Charmian) eröffnet. Dann verlagert sich das wilde Geschehen zu den Tänzern auf der Bühne.

Das Bühnenbild ist edel geometrisch in schwarz/weiß gehalten und setzt sich von den Wänden zum Interieur fort. Eine wunderbare aufwendige Arbeit von Rufus Didwiszus.

„Die Königin ist  erwacht“  und mit ihr die als Handschuh auf Dagmar Manzels Arm aufgezogene Katze Ingeborg. Die Manzel berliniert los, was das Zeug hält und Katze Ingeborg antwortet so unverblümt, dass man um ihr Leben fürchten möchte. Eine köstliche Idee, die das verrückte Geschehen noch mehr überzeichnet.

Dagmar Manzels Mitspieler ist (nach Dominique Horwitz im Vorjahr) Stefan Sevenich als Minister Pampylos. Stimmlich hat Sevenich überzeugt, schauspielerisch füllt er die Rolle anders, aber ebenso gut aus.

Komische Oper Berlin / Die Perlen der Cleopatra - hier Dagmar Manzel als Cleopatra, Chor- und Tanzsolisten der Komischen Oper Berlin © Iko Freese drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Perlen der Cleopatra – hier Dagmar Manzel als Cleopatra, Chor- und Tanzsolisten der Komischen Oper Berlin © Iko Freese drama-berlin.de

Perfekt ist das Ballett, bei welchem sowohl Choreografie, Kostüme als auch die überschäumende Freude am Tanz ein Genuss für die Augen ist. Mit  „Ja so ein Frauenherz“ endet der erste Akt bei Barrie Kosky. Nachdem der Römer Silvius (David Arnsperger, Foto), der eigentlich der Geliebte Charmians ist, von Cleopatra als Liebesdiener ausrangiert wird, nun die Verhältnisse umkehren und die Königin zu seiner Sklavin machen möchte, erhält der lange angekündigte und immer wieder vertröstete Beladonis (Johannes Dunz) die zweite Perle und kommt endlich mit seiner kleinen Liebesflöte zum Zuge, ehe nach ihm Marcus Antonius (Peter Renz, wunderbar in der Doppelbesetzung als Kophra/ Marcus Antonius) mit seiner Flotte im Hafen einläuft und die dritte Perle erhält.

Mit Marc Antonius Eintreffen erfüllt sich Cleopatras Wunsch nach der großen Liebe, den sie in „Mir fehlt nichts als ein kleiner ägyptischer Flirt“ und  „Immer einsam und allein“ verklausuliert eingestanden hat.

Katze Ingeborg beendet aus dem Sarkophag heraus die dichte Folge von witzigen Dialogen und feinfühlig auf die Protagonisten angepaßte Musik, worauf sich das Publikum bei Darstellern und Orchester mit langanhaltendem, tosendem Applaus bedankt.

Eine klare Besuchsempfehlung für diese farbenprächtige, rasante und witzige Inszenierung!

Die Perlen der Cleopatra an der Komischen Oper Berlin; die weiteren Vorstellungen 10.3.2018;  21.3.2018, 25.3.2018; 30.3.2018.

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—