Odessa – Ukraine, Opernhaus Odessa, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.01.2020

Januar 16, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Odessa, Oper

Opernhaus Odessa
youtube Trailer von Medulla Oblongata
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Opernhaus Odessa

 La Traviata – Giuseppe Verdi

– Mythen verweben sich mit Fantasie- und Traumwelten –

von Adelina Yefimenko

Im berühmten Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider sowie in der gelungenen Verfilmung von Joseph Vilsmaier ist der Bezug zu den Figuren aus der griechischen Mythologie beachtenswert – Hypnos, der Gott des Schlafes und sein Bruder Thanatos, der Gott des sanften Todes. Elias Alder lebt in einem Dorf im 19. Jahrhundert. Er entdeckt sein Hörwunder, vernimmt alle Klänge des Universums, versucht sie im Orgelspiel nachzuahmen. Im von der Doppelmoral geprägten ländlichen Dorfmilieu wird seine überragende musikalische Begabung als Normalitätsverstoß und böses Zeichen angesehen. Die Liebe zur Musik entwickelt sich für Elias zu einem mystischen Liebestod. Eros – der Gott der begehrlichen Liebe – führt ihn zur schmerzhaften transzendenten Erlösung in der Stille. 

Die Doppelfigur Thanatos-Hypnos ist ein beliebtes Motiv in der Bildhauerkunst. Die Inszenierung von Verdis La Traviata am Opernhaus Odessa interpretiert dieses Motiv als Symbol für die unerfüllte Liebe. Auch das andere Mythen-Paar spielt eine wichtige Rolle. Die Statue „Eros (Amor) und Psyche“ begleitet das Geschehen auf der Bühne wie eine schweigsame Zeugin. .

 Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Der junge, in Lemberg geborene ukrainische Regisseur Eugene Lavrenchuk (ein Absolvent des weltweit gefeierten Theaterregisseurs Roman Wiktjuk) inszeniert Verdis Oper neu und spannend und nicht nur als eine romantische Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod einer Kurtisane. Durch die soziale Zugehörigkeit zum Milieu der Halbwelt ist Violetta Valeri in der Pariser Welt der Adligen zum Scheitern verurteilt. Aber die neu, von Mythen angeregte Version Lavrenchuks offenbart spiegelbildlich zu Schlafes Bruder eine interessante Ergänzung zu Dumas d. J. und Verdis Heroinen.

Bevor das Preludio flimmernd aus dem Orchestergraben erklingt, fällt von oben eine riesige schwarze Stoffwolke herab, verdeckt alles auf der Bühne und schafft die Stimmung eines Bestattungsritus. Violetta nimmt bei diesem Vorgang eine Distanz zum Bühnengeschehen ein. Der Regisseur spielt mit dem „Aha!-Effekt“ und erzählt mit Bildern, Statuen und Video-Projektionen eine etwas andere Geschichte über die Frau, deren Würde, Liebe und musikalische Talente (vermutlich war sie früher eine Sängerin) sozial verkannt waren. Seine Violetta liebt die Musik und den Gesang, wie Elias seine Orgel liebte. Und beide verbindet ein mysteriöser Tod – Schlafes Bruder.

Das Spektakulum von Eugene Lavrenchuk (Regie) und Efim Ruakh (Bühnenbild) verursachte große Aufregung in der Presse, die die konzeptuellen und technischen Mängel der Inszenierung kritisierte. Einen Monat später wurde die Inszenierung neu konzipiert und überarbeitet.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Die Personenregie der Hauptdarsteller blieb aber unverändert. Eine „Violetta aus dem Jenseits“ darzustellen ist schauspielerisch nicht einfach. Die Rolle der Violetta übernahm in der Vorstellung am 27.12.2019 die zierliche, junge und noch wenig erfahrene Debütantin Natalia Stepanjak. Sie stellte Violetta in Gestalt eines Engels dar. Ist eine solche Violetta ein Regie-Novum oder die Folge der Personen-Regie? Im „Ah, fors´è lui che l’anima“ schlüpft die Sängerin in die Gestalt einer Träumerin. Am Ende ist sie mit der Rolle einer „Schlafes Braut“ absolut vertraut. Sie singt oder besser gesagt: singend träumt, schläft und stirbt sie auf der Bühne. Vielleicht war sie schon früher tot und ist als Engel auf die Erde zurückgekehrt? Jedenfalls befindet sie sich nicht im Hier und Jetzt des Geschehens von Verdis La Traviata. Das ist nur ihre Vergangenheit.

Die Idee ihres Todes, der nicht nur durch ihre Krankheit verursacht wurde, sondern auch durch ihre Mitmenschen, vor allem durch den Doppelmoralisten Germont (Olexiy Zhmudenko) beabsichtigte der Regisseur neu zu interpretieren. Die Protagonisten agierten aber traditionell. Trotzdem war deutlich, dass Lavrenchuks Violetta mehr in die Musik aus ihrer Vergangenheit als in Alfredo verliebt ist. Sie hört die Musik, deren erste Töne von einem alten Grammophon erklingen, bevor das Orchester überhaupt den Klang vorgibt. Die Effekte der fieldrecording mit Geräuschen, wie von einer alten Vinyl-Schallplatte, schufen eine Sehnsuchtsstimmung, die Violettas Untergang antizipierte. (Einen ähnlichen Effekt fügte Krzysztof Warlikowski in der Neuinszenierung von Salome ein). Eugene Lavrenchuk verwendete die Aufnahme des Orchesters des Opernhauses Odessa unter dem Chef-Dirigenten Vyacheslav Chernukho Volich und bearbeitete ihn mit dem Audacity-Programm.

In der Welt der neue La Traviata tragen alle Protagonisten weder historische noch moderne Kleider. Eher sehen sie aus wie Personagen aus dem Jenseits, wie Chimären und dabei sehr fantasievoll, stilisierend das Milieu eines Gespensterhauses. Die Kostüme sind geschmackvoll floristisch geschmückt, aus durchsichtigen Stoffen schön geschneidert und leuchten in den Farben der Bühnenbeleuchtung, – von Grau-Weiß und Blau-Grün bis zu Rosa (Kostüme – inklusive Mode-Design von Efim Ruakh und Eugene Lavrenchuk). Der Eindruck der hypnotischen, wie von Hypnos animierten Traumwelt Violettas wird damit verstärkt. Zum Beispiel, die Flora (Taisiya Shafranska) schwankt frei und schön singend wie ein blauer Geist mit einer riesigen Champagner Flache. Solch witzvolle Kontraste sind auch in der großen Ball-Szene zu sehen. Alles dreht sich im Tanz um den strahlend weißen Engel Namens Violetta – bunte Clowns, skurrile Männer-Stiere, sogar ein luxuriöser großer Kronleuchter mit Damenkleidern schwebt wie körperlose Geister in der Luft. Die Annina (Alina Drugak) gleicht auf der Bühne einer Salon-Dame, einer Rassehundebesitzerin. Zum Schluss laufen die Hunde schnell zusammen (das alles wurde auf die Leinwand projiziert) und lassen an eine viel stärkere Hundetreue als an die Treue der Menschen denken. Insofern entsteht ein Blick auf das bizarre Geschehen aus der Hypnos-Welt im Traum Violettas. Anschließend sucht die Sängerin in traurigen intimen Momenten eine Innigkeit, reflektiert ihren seelischen Schmerz sehr ehrlich. Ihr letztes Pianissimo in der Schlussszene lässt die Frage offen, ob sie wirklich aus der Welt der Brüder Hypnos und Thanatos zurück zur Alfredo-Welt kehren will? Alfredo wirkt dagegen wie ein schwacher, energie- und liebloser Held (Olexandr Prokopovych). Er bleibt auch stimmlich blass und monoton, was dem Regie-Konzept für die Distanz der Gefühle nicht hilfreich ist.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

In Allgemeinem vermischen sich in diesem Regie-Konzept verschiedene Motive des romantischen Liebestodes, der gesellschaftlichen Satire und den neuen mythologischen Inspirationsquellen. Zum Beispiel wird in der Ball-Szene das Bild „Orgy“ vom polnischen Kunstmaler des Akademismus, Symbolismus und der Moderne, Wilhelm Kotarbicski, projiziert (sein Leben und Werk war eng mit Italien und Ukraine verbunden). Eine abwechslungsreiche theatralische Eklektik aus den verschiedenen Motiven von Literatur, Musik, Mythos, Malerei, Skulptur, Licht- und Video-Design imaginiert auf der Bühne eine spannende und mysteriöse Interaktion.

Die parallelen Kontexte, bzw. der Mythos „Amor und Psyche“ nimmt einen festen Platz in der Regie ein. Violetta ist eben nicht nur ein Engel, sondern auch mythische Psyche. Überraschenderweise ist die Verbindung des Bühnengeschehens mit der Geschichte des Odessa-Opernhauses sehr authentisch. Das Park Palais Royal im Innenhof des Opernhauses besitzt eine berühmte Skulptur „Amor und Psyche“ (eine Marmorkopie der antiken griechischen Statue von Bildhauer Boris Eduards, deren Original sich in den Kapitolinischen Museen befindet). Diese Statue nennt man auch „Der Kuss“, was die Sinnlichkeit von Skulpturen Auguste Rodins oder Bilder Gustav Klimt hervorhebt. Auf der Bühne aber macht die Statue der Psyche einen schmerzlichen Eindruck, halb verfallen und ohne Kopf.

Auf solche Weise korrespondieren die zwei Mythen mit La Traviata von Alexandre Dumas d. J. und von Giuseppe Verdi. Die damalige Kritik der beiden Autoren auf die adelige Doppelmoral im 19.Jahrhundert hatte eine starke Wirkung auf die Interpretationsgeschichte der Oper. Dies wird in der Regie mit einer Reihe von Video-Installationen unterstrichen. In der Mitte des 2.Aktes entstehen aussagenkräftige Zitate aus den Briefwechseln Verdis und Cesare de Sanctis oder Giulio Ricordi u.a. – „La traviata, ieri sera, fiasco. La colpa è mia o dei cantanti? Il tempo giudicherà” und später – „Sappiate addunque che la Traviata che si eseguisce ora al S.Benedetto e’ la stessa, stessissima, che si esegui l’anno passato alla Fenice! Allora fece fiasco: ora fa furore. Concludete voi!!”
Die Videos verwendet der Regisseur, um die Pause für den aufwendigen Bühnenbildwechsel im zweiten Akt zur Aktion umzuwandeln. Auf der großen Leinwand diskutiert das Regie-Team – Efim Ruakh, Victor Melezhko, Mykola Gorobets, Yulia Presnyakova, Tamara Forsyuk – über das Problem der aktuellen Pause. Das schafft den Reiz, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen, um den Ideen des Regie-Theaters genauer folgen zu können.

Zum Höhepunkt der Inszenierung wurde das Finale. Die engelshafte Violetta singt ihre letzte Abschiedsarie „Addio del passato“ in ihrer tiefen Traurigkeit. In Ihrem Abschied ertönt eine klare und auf das feinste Pianissimo reduzierte Stimme. Und man trauert mit Violetta zusammen, dass ihre „Addio…“ gekürzt wurde, so schön und geheimnisvoll blieb die Wirkung dieser Szene. Die zurückhaltende Abschiedsstimmung in der Orchesterführung entspricht mehr dieser Situation als eine stürmisch laute Dramatik. Aus dem Orchestergraben unter der jungen Dirigentin Margaryta Grynyvetska ertönte kein einziger zu derber Klang. Aber etwas mehr sensible Interpretation und Korrespondenz zur Regie wäre erwünscht. Es fehlten der weit gespannte Spannungsbogen und mehr Flexibilität der Tempi, besonders in der Kommunikation mit dem Chor. Übergreifend wurde aber musikalisch wie szenisch vielfach und korrekt die Form gewahrt.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

In einem Interview erwähnte der Regisseur den Wind als tragendes Symbol der Inszenierung und er hat diese Idee, die Geräusche mit der Musik in Balance zu halten trotz der technischen Schwierigkeiten realisiert. Spektakulär treibt der Gott des Windes die schwarzen dichten Wellen des Meeres aus Stoff über die Bühne. Ein Exkurs im Mythos „Amor und Psyche“ kann einiges in der Regie aufklären und die spannende Parallelen aufzeigen.

Als Erstes: der Gott des Windes Zephyr trug Psyche zu Amor auf die Bergspitze. Dort verbrachten die Verliebten viele glückliche Nächte zusammen, aber Amor blieb unerkannt. Die Eifersucht auf Psyches Glück trieb ihre Schwestern dazu, Amor als Ungeheuer auszugeben. Es gab schon einige Regie-Deutungen (z.B. von Dmitri Tscheniakow, Robert Karsen u.a.), in denen Alfredo in seinem Verhalten zu Violetta zum seelenlosen Ungeheuer wird. Wie sonst kann man diesen Mann wahrnehmen, wenn er seine Geliebte vor der ganzen Öffentlichkeit demütigt, worauf der Tod sie umso früher ereilt?

 Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Als Zweites: den todesgleichen Schlaf der Psyche, aus dem sie nicht mehr erwacht, verursachte Proserpina – die Göttin des Totenreiches. Von ihr bekam die Psyche ein versiegeltes Fläschchen mit Schönheitssalbe, das sie heimlich öffnete und ihre betäubenden Düfte einatmete. Das historische Vorbild für Alexandre Dumas‘ Roman- und Bühnengestalt Marguerite Gautier (La dame aux camélias) und Giuseppe Verdis Violetta Valery (Oper „La traviata“) war bekanntlich die französische Kurtisane Alphonsine Plessis, die wegen ihrer Lungenkrankheit keine Blumen-Düfte außer die von Kamelien vertragen konnte.

Als Schlafes Braut und „Schwägerin des Todes“ lässt Violetta alle Figuren aus ihrer Vergangenheit wie Gespenster aus dem Jenseits hinter sich. Sie hängen im schwarzen Nebel mysteriös in der Luft. Nur Alfredo ersteigt auf der Vorderbühne aus der schwarzen Welle. Die ganze Bühne versinkt nun langsam im völligen Dunkel. Während der ganzen Vorstellung lief im Hintergrund eine eindrucksvolle Folge von Videos, die eine eigene Dynamik im Sujet hatten: von romantischen Visionen der langsam fallenden Kamelienblätter und der Frühlingsblühte bis zum stürmisch starken Regen (die Vision der Tränen) oder dem Regen der Dollars (die Vision der Demütigung). Aber am Nachhaltigsten wirkte am Ende das Video mit dem abstrakten Verfall der Mauer (die Vision des totalen Untergangs von Violettas Existenz).

Am Ende bleibt Violetta einsam auf der Bühne zurück, im immer gleichen weißen Hemd mit übergroßen Schleier auf der Schulter. Ihre durchsichtigen Stoff-Flügel bringt der Wind zur Bewegung und diese engelhafte Erscheinung verschwindet in der Dunkelheit des Jenseits genauso rätselhaft, wie sie zuvor erschien. Ihr Geist wird vom Winde Zephirs in die Ewigkeit verweht. Traurig bleibt Schlafes Braut, die sich früh mit dem Tod verband, in der Erinnerung des Publikums.

So reizvoll trifft der Mythos auf eine der populärsten romantischen Geschichten aller Zeiten. Das Gesamtkunstwerk triumphiert in dieser La Traviata. Erstaunlich, wie viele neue Fantasie- und Traumwelten birgt in sich diese Oper und Regisseure immer wieder und immer neu inspiriert.

 Besprochene Vorstellung von 27.12.2019.  Die Premiere fand am 9.10.2019 

—| IOCO Kritik Opernhaus Odessa |—

Rostock, Volkstheater Rostock, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 26.10.2019

Oktober 25, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Volkstheater Rostock

rostock Logo_2

Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

La Traviata – Giuseppe Verdi

…  den Tod vor Augen inszeniert Violetta ihr Ableben …

von Thomas Kunzmann

La Traviata geht immer. Für einige Orchestermusiker und Chormitglieder ist es bereits die vierte Traviata am Volkstheater Rostock – alle 10 Jahre kann man mit einer Neuinszenierung rechnen. Das klingt nicht ungewöhnlich, zumal die Verdi-Oper mit Mozarts Zauberflöte, Puccinis La Bohéme und Bizets Carmen zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur weltweit gehört. Dennoch: an einem Haus, an dem durchschnittlich nur zwei bis drei bis Opern-Neuproduktionen pro Saison herausgebracht werden, gäbe es sicher einige Alternativen, die deutlich länger nicht gespielt wurden. Die Saison 2019/20 eröffnet das Musiktheater in Rostock mit umwerfender Interpretation, beachtlichen Gesangsleistungen, mit einer stimmigen Orchesterleistung.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Vor 10 Jahren verblüffte eine kleine Szene, ein Regiegedanke: Als Giorgio Germont Violetta besucht, um sie zur Trennung von Alfredo zu bewegen, damit seine Tochter standesgemäß verheiratet werden kann, erscheint ebendiese Tochter im Hintergrund und verschwindet mit dem erstbesten Bauernlümmel im Gebüsch. Und plötzlich beschlich einen die nie gestellte ketzerische Frage, ob denn diese Tochter es überhaupt wert ist, die Liebe zwischen Violetta und Alfredo zu zerstören.

Regisseurin Magdalena Fuchsberger (IOCO berichtete 2018 über ihren Don Pasquale im Theater Neubrandenburg, Neustrelitz, link hier, der in der Casa di Riposo, dem von Giuseppe Verdi gegründeten Altersheim für Musiker und Sänger spielt) lotet im Volkstheater Rostock die Randbereiche des Textes und der Musik aus, interpretiert die Traviata auf eine eigene, moderne und trotzdem durch und durch glaubhafte Weise, ohne  darstellerische Übertreibungen. In den Augen von Fuchsberger ist Violetta Valéry nicht nur Opfer der Umstände und Projektion männlicher Begierden, sie nimmt ihr Schicksal bewusst in die Hand.

 Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Den unabwendbaren Tod vor Augen beginnt Violetta, ihr Ableben zu inszenieren. Bereits im ersten Aufzug sind die Möbel abgedeckt, alles deutet auf ihr Ende. Das Fest der illustren, aber auch völlig verkommenen, dekadenten Gesellschaft, die sich wie nach einem Drogenrausch blutig gekratzt hat, bringt ihr erstmals Alfredo nahe, der ihr in seiner Ergebenheit geeignet scheint, den großen Abgang zu begleiten. Dass er ihr nicht ebenbürtig ist, die Liebe nicht vollkommen und ehrlich, zeigt im zweiten Bild seine um Selbstbestätigung ringende Arie, die mit Anninas Information, Violetta wäre abgereist, um ihre Habseligkeiten zu verkaufen, konterkariert wird.

Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble © Dorit Gätjen

Überhaupt wird im Volkstheater Rostock viel nach vorn gesungen, wenig miteinander. Nicht nur, weil es der Akustik des Hauses entgegenkommt, sondern als stilistisches Mittel, als Appell an das Publikum, und besonders als Selbstdarstellung und -beweihräucherung. Emotional eindringlich gerät die Szene zwischen Giorgio Germont und Violetta, in der sich per Alter Ego die drogensüchtige Kurtisane im Hintergrund räkelt – nie wird Violetta ihre Vergangenheit völlig abstreifen können, während seine Tochter demütig, den Vater in seiner Argumentation stützend, durch den Raum schreitet. Doch Violetta weiß, dass genau diese Differenzen zwischen Vater und dem ihr verfallenen Sohn den Zündstoff für einen Konflikt bei ihrer Rückkehr birgt. Und sie treibt es auf die Spitze, indem sie mit ihrem früheren Gönner Baron Duphol auf Floras Fest erscheint. Und wenn sich zwei Männer einer Kurtisane wegen duellieren, dann ist ihre gesellschaftliche Stellung bereits weit höher, als es ihrem Rang gebühren dürfte. Violetta singt im vierten Bild: „so sterb‘ ich, umgeben von allen meinen Lieben“ bleibt dabei aber allein am rechten Bühnenrand. Sie versucht sich mehr des schlechten Gewissens der Zurückgelassenen denn der Liebe zu versichern, während Alfredo, Germont und Annina lediglich in Lippenbekenntnissen links wie in einer Reihe Kirchenstühle sitzen. Ob inszeniert oder nicht, das Publikum wird sich immer auf ihre Seite schlagen – und damit hat sie jedenfalls ihr Ziel erreicht: die Unsterblichkeit in Literatur und Musik.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Das Volkstheater und Rostock bekommen mit dieser Traviata eine Oper aus einem Guss. Das zeitlose, aber einfühlsame Bühnenbild wird durch atmosphärische Hintergrundprojektionen (Aron Kitzig) ergänzt, eine überdimensionale Kamelie am Beginn über düsteres Schneegestöber auf dem Landsitz. Es rundet die Produktion unaufdringlich ab, da sie weder in das Geschehen eingreift noch fehlende Requisiten ersetzt, sondern lediglich Stimmungen verstärkt. Musikalisch orientiert sich Marcus Bosch in seinem ersten Rostocker Opern-Dirigat an der Regiekonzeption, verzichtet auf hochdramatisches Vibrato in den Streichern zugunsten einer detailreichen Durchsichtigkeit.

Der um die Singakademie verstärkte Chor bildet eine fragwürdige Gesellschaft ab, ein Pool an Individualisten, die in ihrer Selbstsucht die andernorts oftmals propagierte schicke High Society hinterfragen lassen. Sobczaks Baron Duphol ist darstellerisch das Sinnbild der Lebemänner ohne moralische Grenzen und gesanglich voll überzeugend. Takako Onodera als treue Seele Annina, nicht nur der Violetta, sondern auch des Volkstheaters als Dauergast, betört mit warmem Mezzo und großer Spielfreude, Katarzyna Wlodarczyk als Flora strahlt leuchtend, ohne sich als „ewige Zweite“ profilieren zu müssen. Auch Woongyi Lee als Alfredo passt sich hervorragend in das Ensemble ein, alle zusammen bilden eine stimmliche Einheit, die man selten an Bühnen dieser Größe hören kann.

Julia Novikovas Violetta könnte mitunter etwas mehr Bühnenpräsenz und Ausstrahlung haben, gerade bei dieser Sichtweise auf die Geschichte. Gesanglich war es ein Genuss, von kleineren nervösen Patzern abgesehen. Über allem steht und tönt allerdings der übermächtige Vater Giorgio Germont, Gihoon Kim, der mit traumhafter Leichtigkeit und unglaublicher Intensität die Rolle des schärfsten Gegenspielers verkörpert. Das Publikum sehnte regelrecht seine nächste Szene herbei und entsprechend fiel sein Applaus noch etwas kräftiger aus.

Ein überaus gelungener Abend, der mit einem lang anhaltenden, wirklich verdient tosendem Applaus und stehenden Ovationen abgerundet wurde. Die Folgevorstellungen sind ausverkauft – eine Traviata geht immer

La Traviata am Volkstheater Rostock; die weiteren Vorstellungen 26.10.; 3.11.; 22.11.; 25.12.2019

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Lilienfeld, Stift Lilienfeld, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.06.2019

 

 Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld

La Traviata – Giuseppe Verdi

Große Oper im Dormitorium des Stift Lilienfeld

von Marcus Haimerl

Oper in der Krypta gastierte mit Giuseppe Verdis zur Erfolgstrias von 1851/53 zählender Oper La Traviata im Stift Lilienfeld. Das in Österreich zwischen St. Pölten und dem Wallfahrtsort Mariazell liegende Zisterzienserstift, eine Stiftung von Herzog Leopold VI. (1176 – 1230) aus der Familie der Babenberger – heute die größte erhaltene zisterziensische Klosteranlage in Mitteleuropa – beherbergt eine kostbare Kreuzesreliquie.

Der Orden selbst geht auf das Kloster Cîteaux (lat.: Cistercium) zurück, das 1098 in Burgund gegründet wurde. Die zwischen 1202 und 1263 errichtete romanisch-gotische Kirche gilt mit ihren 83 Metern Länge als größte Kirche Niederösterreichs. Die heutige Inneneinrichtung stammt aus der Barockzeit. Da das Stift an der Via Sacra, dem traditionellen Wallfahrerweg zwischen Wien und Mariazell, liegt, wurde das Hauptschiff als heilige Straße gestaltet, die in Richtung Hochaltar mehr und mehr an Goldglanz zunimmt.

Stift Lilienfeld / La Traviata - v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / La Traviata – v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Im unglaublich beeindruckenden, mittlerweile als Veranstaltungsraum genutzten Dormitorium, konnte das Publikum Giuseppe Verdis Meisterwerk erleben, welches in derselben Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel A. Wolcott, rund ein Jahr zuvor seine Premiere erlebte. Das Publikum in Lilienfeld erlebte die Geschichte um die schwindsüchtige Kurtisane Violetta Valéry in der der gleichen Frische wie die Wiener ein Jahr zuvor. Für die Umsetzung der Handlung benötigt Joel A. Wolcott wenig Ausstattung und konzentriert sich dabei stark auf die hervorragenden Singschauspieler: Ein Tisch, ein Sofa und zwei Sessel sind ausreichend, um das Liebesdrama von Violetta und Alfredo glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Ergänzt wird das Bühnenbild um Projektionen an die Rückwand des Dormitoriums, die den jeweiligen Handlungsort veranschaulichen. Ein besonders starkes Bild ist die Projektion im dritten Akt: Man sieht eine Taschenuhr, die inmitten abgefallener Blütenblätter fünf Minuten vor 12 Uhr anzeigt; man versteht die Anspielung auf die im Sterben liegende Kameliendame, jenes Romans Alexandre Dumas d.J., der den Rahmen der Handlung für Giuseppe Verdis Meisterwerk bildete.

Joel A. Wolcott lässt bereits in der Ouvertüre, die von der japanischen Pianistin Mami Tsukio hervorragend am Klavier interpretiert wird, drei Protagonisten auftreten. Violetta Valéry wird hintereinander von Gastone und vom Barone Douphol zum Tanz aufgefordert. Dieser Kreis wird sich im Vorspiel zum dritten Akt schließen, wenn sich Violetta, im Fiebertraum und dem Tode nahe, noch einmal von unsichtbaren Herren der Gesellschaft zum Tanzen auffordern lässt.

Père Lachaise / Alphonsine Plessis - Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Père Lachaise / Alphonsine Plessis – Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Die amerikanische Sopranistin Dana Hammett debütierte 2018 bei Oper in der Krypta als ebenso leidenschaftlich liebende wie leidende Kurtisane Violetta und überzeugte mit ihrem wunderschönen, höhensicheren Sopran und starker Mittellage nunmehr auch das niederösterreichische Publikum. Sie berührt intensiv in den lyrischen Passagen der Partie, weiß aber auch in den dramatischen Ausbrüchen die innere Zerrissenheit der Figur musikalisch zu gestalten. Ihre leidenschaftliche Verkörperung dieser tragischen Frauengestalt hinterlässt beim Publikum tiefen Eindruck.

Als ihr leidenschaftlicher Liebhaber Alfredo Germont überzeugt der russische Tenor Pavel Kvashnin, der mit der intensiven Strahlkraft seines kräftigen Tenors das Dormitorium mühelos füllen konnte. Neben der Leichtigkeit, mit der der junge Künstler die Höhen seiner Partie meisterte, war auch die leidenschaftliche schauspielerische Leistung enorm. So konnte man Pavel Kvashnin die Tragik seiner Figur zum Teil schon im Gesicht ablesen.

Als sittenstrenger Vater Giorgio Germont erlebt man den österreichische Bassbariton Florian Pejrimovsky. Durch zahlreiche Auftritte als Scarpia (Puccini Tosca), Rigoletto (Verdi Rigoletto), Colline (Puccini La Bohème) oder als Gefängnisdirektor Frank (Strauss Die Fledermaus), ist er beim Publikum der Krypta in der Wiener Peterskirche ebenso bekannt wie beliebt. Auch in Lilienfeld ist er kein Unbekannter, ist er dort doch Chorleiter des Stiftschores. Florian Pejrimovsky versteht es, mit seinem großen, intensiven Bassbariton Eindruck zu hinterlassen und dominiert mit seiner Stimme ebenso problemlos den Saal. Aus den gemeinsamen Szenen zwischen Bassbariton und Tenor wird hier beinahe ein Kampf der Giganten. Aber auch die leisen Töne sind dem Ausnahmekünstler nicht fremd. Und gerade diese leisen Szenen sind es auch, die Florian Pejrimovsky unglaublich stark darzustellen vermag: Die Zerrissenheit zwischen der harten Schale und dem weichen Kern, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und Verständnis für die über gesellschaftliche Zwänge hinausgehende, ehrliche Liebe.

Ebenso erstklassig – um nicht zu sagen luxuriös – sind die kleineren Partien besetzt:
Die französische Sopranistin Alexandra Matloka singt nicht nur die Rolle von Violettas Freundin Flora Bervoix, sondern ist auch jene der Vertrauten und Dienerin Annina. Beide Rollen werden von Alexandra Matloka mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer mitfühlenden Darstellung exzellent verkörpert.

Stift Lilienfeld / Traviata - hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / Traviata – hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Um einer kleinen Partie große Bedeutung zu verleihen, braucht man den österreichischen Tenor Calon Danner. Mit seinem schön geführten Tenor und seinem sympathischen, manchmal fast spitzbübischen Charme, lässt Calon Danner in der Partie des Gastone musikalisch und darstellerisch keinerlei Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man den jungen mexikanischen Bariton Daniel Valero in der Rolle des Barone Douphol. Mit schönem, vollklingenden Bariton und intensivem Spiel konnte Daniel Valero das Publikum für sich einnehmen. Zum Chor, bestehend aus den beiden wohl disponierten Sopranistinnen Baharan Baniasadi und Natalia Leal, gesellten sich für den ersten Akt auch Statisten aus dem Publikum, die die Bühne als Gäste von Violetta Valérys Fest bereichern.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der bereits zuvor erwähnten japanischen Pianistin Mami Tsukio. Mit ihrem leidenschaftlichen, sehr differenzierten Klavierspiel weiß sich die Künstlerin als hervorragende Begleiterin, die die Stimmen der Sänger mühelos trägt und kann außerdem auch in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt ihre Qualitäten als Solistin unter Beweis stellen.

Unter den rund 200 Gästen in Lilienfeld befanden sich als Vertreter des Stiftes Frater, Dr. Michael Vurglics, der gastfreundliche, sympathische Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Labenbacher mit Gattin, und die Titular-Stiftsorganistin der Stiftsbasilika, Karen de Pastel. Erfreut bedachten sie alle die Künstler für die wirklich gelungene Vorstellung mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus. Dank des großen Erfolges dieses Gastspiels wird Oper in der Krypta im kommenden Jahr mit der Erfolgsproduktion Tosca von Giacomo Puccini ins Stift Lilienfeld zurückkehren.

Kulturbegeisterte müssen aber keineswegs solange warten: Der Traviata folgt bereits am 30. Juni 2019 das Eröffnungskonzert der 38. Sommerakademie Lilienfeld: Karen de Pastel, ihres Zeichens nicht nur Stiftsorganistin, sondern auch Präsidentin der Sommerakademie und Leiterin des Internationalen Kultursommers Lilienfeld wird Ein deutsches Requiem, op. 45, von Johannes Brahms, präsentieren. Das interessierte Publikum kommt also in jedem Fall in Lilienfeld, das unglaublich viele musikalische Höhepunkte präsentieren kann, niemals zu kurz.

—| IOCO Kritik Stift Lilienfeld |—

Hamburg, Elbphilharmonie, La Traviata – musicAeterna of Perm Opera, IOCO Kritik, 22.10.2018

Oktober 23, 2018 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte - Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

 La Traviata  konzertant  – Giuseppe Verdi

 Teodor Currentzis  –  musicAeterna of Perm Opera

Von Patrik Klein

Um kaum einen Dirigenten herrscht dieser Tage so ein Hype wie um Teodor Currentzis. Von den einen wird er als Heilsbringer der Klassik verehrt, der in seinen hochenergetischen Interpretationen immer bis an – oder noch besser über die Grenze hinaus geht nach dem Motto: „Wir spielen Musik, als wäre es der letzte Tag unseres Lebens!“ Die anderen stören sich an seinem exzentrischen Äußeren, seiner musikalischen Effekthascherei, schwarzen Klamotten und klobigen Stiefeln.

Teodor Currentzis  –  Botschafter der Musik

Der Grieche hat es geschafft, im russischen Perm eine treue Schar von Musikern zu versammeln, die ihm bedingungslos folgen und notfalls auch bis nachts um drei proben. „Ich verlange von meinen Musikern, dass sie noch dreimal verrückter sind als ich„.

Lange Probenzeit, intensive Erarbeitung der Musik mit den Musikern und Sängern, das Werk im Fokus statt Ruhm und Geld, dem Geist der Musik auf der Spur und das Aufbrechen von Routinestrukturen beim Spielen und Hören von klassischer Musik sind nur einige der von ihm selbst für sich in Anspruch genommenen Charakterzüge.

Die Elbphilharmonie Hamburg hat ihn nun in der Saison 2018/19 für eine siebenteilige Residenz in die Hansestadt geholt – vier Mal mit seinem Orchester musicAeterna of Perm Opera, zwei Mal mit dem neu formierten SWR Symphonieorchester, dessen erster Chefdirigent er seit Neuestem ist, dazu mit dem Mahler Chamber Orchestra. Auf den Programmen steht natürlich nur Musik der Extreme: Das Requiem von Verdi und Brahms, SchostakowitschsLeningrader“ und die Chor Oper Tristia von Philippe Hersant, die Gedichte von Kriegsgefangenen vertont. Als besonderer Leckerbissen und meistgespielte Oper aller Zeiten nimmt er sich an diesem Abend Verdis  La Traviata vor.

Teodor Currentzis wurde am 24. Februar 1972 in Athen geboren. Er besuchte ab dem Alter von zwölf Jahren Kurse für Violine am Nationalen Konservatorium in Athen. 1987 begann er ein Dirigierstudium in Athen, bevor er von 1994 bis 1999 das Fach am Sankt Petersburger Konservatorium bei Ilja Musin weiter studierte.

In den Jahren von 2004 bis 2010 war Currentzis Chefdirigent am Nowosibirsker Staatlichen Akademischen Opern- und Ballettheater in Nowosibirsk, dem größten Opernhaus in Sibirien. Dort gründete er das musicAeterna Ensemble und den „Neuen Sibirischen Sänger-Kammerchor“ und wurde für seine Arbeit dort mehrfach ausgezeichnet.

Currentzis ist seit Februar 2011 Musikdirektor des Opern- und Ballettheaters in Perm. Dazu war er seit 2011 Erster Ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. 2017 hat Currentzis erstmals bei den Salzburger Festspielen dirigiert. Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wurde er Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters.

 Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

 Mit großer Spannung und hohen Erwartungen lauschen die Zuhörer im prall gefüllte Saal der Elbphilharmonie Hamburg den rund Einhundertfünfzig Musikern auf dem Podium. Auf dem Podium? Nein, dem Dirigenten aus Perm reicht das nicht. Teile des Orchesters für die Ballszenen sind in den oberen Rängen des Hauses platziert. Zudem erklingen im ersten Akt Harfe und Tenor aus der Ferne wie aus einer anderen Welt. Die Orchestermusiker stehen bis auf die Schlagwerker, die Cellisten und einige Bläser vor ihren Notenständern und folgen ihrem Maestro bereitwillig und mit prägnanter hör- und sichtbaren Leidenschaft. Die instrumentenabsuchenden Augen des Zuhörers verwundern sich über den Anblick eines Cimbassos, welches als Kontrabass-Ventilposaune mit guter Mischung zu den übrigen Posaunen zum Einsatz kommt.

Teodor Currentzis dirigiert mit aufgeschlagener Partitur taktstocklos in seinem an einen ordentlich gekleideten Punk erinnernden Outfit. Man gewinnt bereits nach den ersten gespielten Noten den Eindruck, dass er die unzähligen Facetten von Verdis Meisterwerk wie durch einen Psychologen offenlegen und transparente, auch neue ungewohnte Klänge erzeugen möchte.

Der Beginn des Vorspiels ist in noch mäßigem Tempo gehalten und klingt fein luftig. Beim ersten Bläsereinsatz und dem Einmarsch der Solisten an die Rampe dreht es erstmals mit rhythmisch besonders akzentuierten trockenen Paukenschlägen voll auf. Durch das kleine Zusatzorchester im oberen Rang gelingt Currentzis, der fast immer lippensynchron lautlos mitsingt und scheinbar mitleidet, eine greifbare Party- und Ballatmosphäre in den Raum zu zaubern. Nicht nur hier, sondern im Laufe des langen Abends klingt das musicAeterna orchestra of Perm Opera  extrem präzise, ungeheuer dynamisch, gelegentlich aufbrausend bis zur Ekstase, oft galoppierend mit halsbrecherischem Tempo, aber nie die Linie verlierend. Im zweiten Akt beispielsweise, wenn Alfredo sein „Ogui sua aver tal femmina“ („Alles was diese Frau besaß“) gesungen hat, erklingen Crescendos wie Vulkanausbrüche, die Cellobögen kratzen über die Saiten, die Paukenschläge knallen trocken und wie Blitze zucken die Bläsersalven. Zum Ende des zweiten Aktes nimmt Currentzis das Tempo extrem langsam und lässt das Orchester fast unhörbar leise erscheinen. Das klingt alles etwas ungewohnt, erzeugt aber eine enorme Spannung und genussvolle Aufmerksamkeit.

Mit dem musicAeterna chorus of Perm Opera, den Currentzis selbst und sein erster Chorleiter Vitaly Polonsky leitet, steht zudem ein 60 köpfiger Chor der Spitzenklasse auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg. Präzise, dynamisch, textverständlich, wohlklingend, auswendig und mitreißend gestalten sie ihre Rolle, wobei sie ihrem Dirigenten blind folgen. Besonders plastisch erklingt im dritten Akt die Karnevalsszene aus dem Backstagebereich des großen Saales bei offenen Türen.

Bei den solistischen Höhepunkten der meistgespielten Oper der Welt steigt Currentzis von seinem kleinen Podium herab und kommt mit zitternden Händen direkt zu den singenden Protagonisten, um mit ihnen Blickkontakt aus allernächster Nähe einzunehmen, die gewünschten Farben in der Musik erstrahlen zu lassen und sie zu noch größeren Höchstleistungen einzupeitschen; begleitend, fordernd, führend. Ist das nur Show oder hilft es auch? Das Publikum hat es am Ende mit unglaublichen Jubelsalven klar entschieden.

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant hier Nadazhda Pavlova als Violetta Valery © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant hier Nadazhda Pavlova als Violetta Valery © Claudia Höhne

 Kommen wir zum Höhepunkt des Abends. Viele Violettas, bekannte, berühmte und weniger berührende durfte man bereits hören,  hat oft genossen, mit gelitten oder auch manchmal geweint. Mit Nadezhda Pavlova, die als Solistin an der Oper in Perm wirkt, hat man geradezu eine Idealbesetzung erleben können. Bereits im Duett mit Alfredo und spätestens in ihrer ersten Arie „E strano! E strano! In core“ („es ist seltsam im Herzen“)  und dem „Sempre libera…“ lässt sie ihren fein abgedunkelt timbrierten Sopran leuchten. Mit enormer Flexibilität, kristallklarer Strahlkraft, traumwandlerisch sicheren Koloraturen und mit den feinsten, zartesten und beinahe unhörbaren Pianissimi, die ich je zu hören bekam, singt sie sich in die Herzen der Zuhörer, die ihr am Ende zu Füßen liegen. Ganz vorsichtig und feinfühlend beginnt sie mit sicher sitzender Stimme mal wie ein zwitschernder Vogel, dann aber auch ganz wild mit glühender Eruption. Im zweiten Akt in der Szene mit Giorgio Germont haucht sie ihr „Ah no! Giammai! No! No!“ zunächst kaum hörbar und tupft dann die Spitzentöne wie Blumen auf einer Sommerwiese in das Rund des großen Saales der Elbphilharmonie Hamburg, bevor sie sich ins hochdramatische steigert ohne auch nur den Hauch einer Unsicherheit. Zu Beginn des dritten Aktes sitzt sie zunächst ganz rechts auf dem Boden des Orchesterpodiums bevor sie mit „Teneste la promessa- la disfida ebbe luogo“ („das Versprechen habt ihr gehalten; das Duell fand statt“) als mittlerweile dem Tod geweihte Kameliendame noch berührender, glaubhaft leidender in berührenden Sprechgesang übergeht. Die Zuhörerschaft erstarrt förmlich vor Ergriffenheit und dankt es der Sängerin am Ende mit nicht enden wollenden Ovationen.

Ihr zur Seite stehen zwei weitere bestens disponierte Solisten, die den Abend insgesamt zu einem musikalischen Erlebnis machen. Airam Harnández gibt den feurigen Liebhaber Alfredo Germont und Dimitris Tiliakos den die Etikette wahren wollenden Vater Giorgio Germont.

Der aus Teneriffa stammende Tenor Airam Harnández singt sich nach wenigen Momenten frei beim „Libiamo, ne´ lieti calici“ („Auf, schlürfet in durstigen Zügen„) mit baritonalem Klang, sicherer Stimmführung, einem sehr nuancierten Legato, präziser Höhe und fein dosierter Abstimmung mit seiner Partnerin Violetta. Man nimmt ihm gerne den verliebten, um Violetta kämpfenden Draufgänger ab.  Im zweiten Akt gerät sein „Lunge da lei per me“ („Entfernt von mir ist kein Glück für mich“) besonders gefühlvoll, mit fein dosierter sauberer Stimmführung, Strahlkraft und Glanz in den Höhen und beschenkt das Publikum mit dem nicht immer von allen Alfredos gesungenen sauberen „Hohen C“.

Sein Vater Giorgio Germont alias Dimitris Tiliakos, der auf der Insel Rhodos geborenen Grieche, gibt den mahnenden Entscheider über moralische Grundsätze beim „Si! Pura siccome un angelo“ (“ Rein wie ein Engel…„) mit schlankem Bariton, sauberer Stimmführung,  kerniger Höhe und bestechender Ausdruckskraft. Er leidet glaubhaft wie ein Hund bei der Verkündung seiner Entscheidung an seinen Sohn.

Mit Natalia Liaskova (Flora Bervoix), Elena Lurchenko (Annina), Nikolai Fedorov (Gastone, Vicomte de Letorières), Viktor Shapovalov (Barone Douphol), Aleksei Svetov (Marchese d’Obigny), Vladimir Taisaev (Dottore Grenvil), Konstantin Pogrebovskii (Giuseppe), Timofei Suchkov (Ein Diener Floras) und Arsenii Atlantov (Ein Dienstmann) steht ein solides, geschlossenes Ensemble eines bislang in unseren Breiten weniger bekannten Opernhauses aus Perm auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Das Publikum feiert alle Musiker mit frenetischem Beifall, Bravostürmen und Standing Ovations. Man darf gespannt sein auf die weiteren Auftritte an diesem magischen Ort der Freien und Hansestadt Hamburg.

musicAeterna of Perm Opera spielt erneut am 26.10.2018 in der Elbphilharmonie Hamburg: Tristia, eine Choroper von Philippe Hersant  –  AUSVERKAUFT

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Nächste Seite »