Freiburg, Opera Factory Freiburg, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 15.10.2018

Oktober 16, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Factory Freiburg, Schauspiel

EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung – Viktor Ullmann

«Es wird der Tod zum Dichter»

 Von  Julian Führer

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Das Ensemble Opera Factory Freiburg (früher Young Opera Company) verfolgt das ambitionierte Ziel, Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ins Kernrepertoire der großen Häuser gekommen sind, aufzuführen. Nun hat sich die Formation unter der Leitung von Klaus Simon an den Kaiser von Atlantis gewagt und dieses 1943 entstandene, aber erst 1975 uraufgeführte Stück um eine bedenkenswerte Interpretation bereichert. Die Regie lag bei Joachim Rathke.

Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien waren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Es war kein Vernichtungslager, nach außen hin gar als „Musterlager“ präsentiert. Ullmann konnte dort Musik schreiben, war sehr produktiv. Dennoch erfahren wir, dass es schwierig war, an Notenpapier zu gelangen, und vor allem drohte permanent der Abtransport in den Tod. Unter den dortigen prekären Bedingungen entstanden mehrere Fassungen des Librettos, und auch einzelne Musikstücke wurden geändert. Es gab Proben, die abgebrochen wurden, eine Überarbeitung, weitere Proben bis zu einer Generalprobe – zu einer Aufführung kam es nicht. Im Oktober 1944 wurden Kien und Ullmann nach Auschwitz geschickt, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern starben.

Zu Beginn ist der Bühnenraum dunkel und in diffusen Nebel getaucht. Das Stück wurde um einen Prolog erweitert, den Anno Schreier komponiert hat: düstere Akkorde vom Flügel, dazu langsam hohe Töne der Violine, manchmal der Flöte. Eine Form der Ouvertüre, die Ullmanns sehr abruptem Start ins Stück („Hallo, hallo!“) widerspricht, aber stimmig die Lichtregie und das Konzept des Abends unterstützt. Dazu treten die Personen der Handlung auf und schieben ein mehrstöckiges Gerüst nach vorne.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Worum geht es? Der Kaiser von Atlantis ist eine Art Parabel, die starke Gegenwartsbezüge aufweist. Die 18 Nummern zeigen uns eine Welt, die weder räumlich noch zeitlich zu fassen ist und dennoch eindeutigen Verweischarakter hat: „Das erste Bild spielt irgendwo; Tod und Harlekin sitzen im Ausgedinge, das Leben, das nicht mehr lachen und das Sterben, das nicht mehr weinen kann in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes sterben zu lassen.“ Der Kaiser von Atlantis Overall scheint dem Namen nach aus mythischer Vergangenheit zu kommen, aber er bedient sich modernster Technik. Ihm zur Seite stehen ein Lautsprecher, also ein modernes Medium, und ein Trommler, also eine Art Vorläufer des Lautsprechers. Tod erinnert sich (zu einer schwungvollen Melodie) an frühere Zeiten: „Das waren Kriege, wo man die prächtigsten Kleider trug, um mich zu ehren“. Overall nun lässt seinen Trommler nach einer Einleitung zu den ins Phrygische verzerrten Klängen des Deutschlandlieds (und gleichzeitig der alten österreichischen Kaiserhymne) „den großen, segensreichen Krieg aller gegen alle […] verhängen“. Dies wird selbst dem Tod zuviel („Was bleibt mir übrig, als hinter den neuen Todesengeln zu hinken, ein kleiner Handwerker des Sterbens“). Tod lehnt sich gegen das selbst ihn überfordernde mechanisierte Massensterben auf („Hörst du, wie sie mich höhnen? Die Seelen nehmen kann nur ich“) und tritt in einen Streik.

Diese Groteske wirkt vor dem Hintergrund der Werkentstehung beklemmend. Was ist die Konsequenz? Ein Leben ohne Tod ist ins Grässlichste gesteigerte Verlängerung von Leid, wie es der Lautsprecher verkündet: „Tausende ringen mit dem Leben, um sterben zu können.“ Gleichzeitig ist das Nicht-Sterben schon ein Akt des Widerstands gegen ein sich allmächtig gebendes Regime. Kaiser Overall realisiert, was ihm da droht: „Ringt den Tod man aus der Hand mir? Wer wird in Zukunft mich noch fürchten? Weigert sich der Tod zu dienen?“ Overall lässt Aufständische aufhängen (der Vorgang wird durch den Lautsprecher berichtet), die nicht sterben: „Henkt der Henker in zweiundachtzig Minuten nicht zu Tode!?“ Die Gehenkten sollen obendrein noch erschossen werden, dies geschieht auch, doch tot sind sie immer noch nicht. Diese Szenerie lässt an das absurde Theater Alfred Jarrys denken, aber vor dem Hintergrund des täglichen Massensterbens und alltäglicher Hinrichtungen 1943/1944 weicht das Absurde dem nackten Grauen. Tod kann gerade in dieser Situation auch Erlösung bedeuten: „Bin der, der von der Pest befreit, und nicht die Pest.“

Die Figuren der Handlung irren durch den Bühnenraum, erklimmen auch das Gerüst, von dem im Lauf des Abends immer deutlicher wird, dass es in seiner unteren Ebene den abgeschlossenen Palast des Kaisers darstellt, aus dem heraus Befehle aus Papier herausgegeben werden; die obere Ebene hingegen ist eine Art Aussichtspunkt für Tod und Harlekin, aber auch ein Wachtturm mit Suchscheinwerfer, der sowohl das Publikum als auch den Soldaten Bubikopf blendet. Die fast idyllische Szene zwischen einem Soldaten (Tenor) und Bubikopf (Sopran) zeigt das Ausbrechen aus dem gegenseitigen Massentöten: „Ich will’s nicht, du sollst nicht leiden, schau, die Welt ist hell und bunt.“„Ist’s wahr, dass es Landschaften gibt, die nicht von Granattrichtern öd sind? Ist’s wahr, dass es Worte gibt, die nicht schroff und spröd sind?“ Kurz blüht eine Utopie auf, und Ullmann bedient sich der Stimmfächer, die in der Tradition der Oper den großen Liebespaaren vorbehalten waren. Er wechselt dauernd den Stil, macht Anleihen bei Kurt Weill, hat aber auch ganz eigene Ausdrucksarten.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier - Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier – Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Eine Handlung im Sinne der inneren Entwicklung der Figuren gibt es nicht, wie die Figuren ja ohnehin namenlose Typen ohne eigentliche Individualität sind. Harlekin sinniert: „Schlaf, Kindlein, schlaf: Ich bin ein Epitaph.Overall scheint wahnsinnig zu werden, da verkündet eine Stimme: „Der Krieg ist aus.“ Zur leicht verfremdeten Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen Bubikopf, Trommler, Harlekin und Lautsprecher „Komm Tod, du unser werter Gast“. Die Musik verdämmert, das immer wieder sehr stimmungsvolle Licht ebenfalls. Anno Schreier hat auch einen Epilog beigesteuert, der musikalisch an den Prolog anknüpft, aber auch die Trommeln aus Ullmanns Stück wiederaufnimmt und ein Verdämmern in Musik setzt, wie es auch Dmitri Schostakowitsch im Schlusssatz seiner 15. und letzten Symphonie tat.

Jede Aufführung von Der Kaiser von Atlantis muss sich mit der Frage auseinandersetzen, welche der möglichen Fassungen gespielt werden soll. Im Autograph sind manche Passagen sehr deutlich durchgestrichen und durch anderes ersetzt – entsprach dies Ullmanns künstlerischem Willen, musste er sich einer Zensur beugen, oder handelt es sich um Selbstzensur, um eine Aufführung unter den gegebenen Bedingungen möglich zu machen? Die Deutschlandlied-Groteske wurde von Ullmann selbst gestrichen, in Freiburg erklingt sie. Auch die Besetzung des Kammerorchesters (ein reichliches Dutzend Musiker) geht wohl auf die Situation bei der Entstehung des Werkes zurück. Es fehlt ein tiefes Holzblasinstrument, dafür gibt es ein Saxophon, ein Harmonium (hier Akkordeon) und eine Gitarre. Klaus Simon dirigiert dies alles überzeugend. Für die manchmal nicht einheitliche Klangbalance ist sicherlich auch die spezielle Komposition verantwortlich.

Beim Gesang muss Ullmann professionelle Stimmen zur Verfügung gehabt haben, die Rollen sind sehr anspruchsvoll. Der Trommler verkündet den „Krieg aller gegen aller“ mit in Halbtonschritten aufsteigenden Oktavsprüngen, möglicherweise eine Parodie der sich überschlagenden Stimmen Hitlers oder Goebbels‘. Der musikalische Ansatz, die kaum eine Stunde dauernde Oper durch Prolog und Epilog zu ergänzen, wird durch mehrere Lieder noch erweitert, die Viktor Ullmann in Theresienstadt schrieb. Die Stimmfächer sind hier also nur einzeln besetzt: Bubikopf (Sopran) mit Lena Kiepenheuer, die gerade am Anfang ein fast naives Timbre in die kurze Idylle einbringt und die man gerne auch einmal in Rollen wie Humperdincks Gänsemagd hören würde. Die sehr anspruchsvolle Partie des Trommlers (Mezzosopran) wurde Sibylle Fischer anvertraut, die bei den geforderten Sprüngen und schnellen Registerwechseln manchmal forcieren muss, aber in ruhigeren Momenten überzeugt. Die Tenorpartien des Harlekin und des Soldaten sind beide bei Keith Bernhard Stonum gut aufgehoben; die gewisse stimmliche Zurückhaltung (zum Beispiel im Duett mit Tod) kann in der akustisch nicht ganz günstigen Position auf dem Wachtturm oder in der Länge der Partie begründet sein. Als Kaiser Overall hört man den sonoren Bariton von Ekkehard Abele, der auch die Wutausbrüche des Potentaten glaubhaft umzusetzen weiß. Schließlich der Bass von Tod und Lautsprecher, den Nikolaus Meer im gesamten Umfang präsentieren kann. Wann hört man sonst ein tiefes Des(!) a capella als Fermate? Meer verfügt zudem über eine klare und eindringliche Sprechstimme, was ihm in der Partie des Lautsprechers zugutekommt.

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis - hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis – hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

Die Rollenwechsel der Sänger werden durch wenige Accessoires sinnfällig gemacht: Harlekin hat weiße Clownsschminke im Gesicht, die beim Wechsel zum Soldaten mit einem Handspiegel als Hilfsmittel entfernt und zum Ende hin wieder aufgetragen wird. Bubikopf hat eine Pistole, Tod eine Sonnenbrille. Wenn Tod zum Lautsprecher mutiert, legt er die Sonnenbrille ab und markiert mit Kleidungsstücken (Richtermütze, Arztkittel,…), welche Rolle gerade eingenommen wird.

Die Reduktion der Rollen auf fünf Solostimmen ermöglicht es also, im Verlauf des Stückes fünf Lieder einzufügen und auf die einzelnen Stimmen zu verteilen. Klaus Simon hat diese Lieder für Kammerensemble arrangiert, so dass sie sich in den musikalischen Rahmen einfügen. Auch dramaturgisch ist dieser Kunstgriff kein Gewaltakt, da Ullmanns 18 Nummern scharf kontrastierend nebeneinanderstehen und nicht durchkomponiert sind. Durch die Lieder wird das Stück länger, lyrischer. Das Original ist buchstäblich zerhackt und hat keine „schönen Stellen“, abgesehen vom Duett zwischen Bubikopf und Soldat. Auf einmal jedoch hören wir Wohlklang mit Harmonien und kleinen Idyllen im Cello wie im Vorspiel zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg. Vielleicht hätte es Ullmann so gewollt, wenn er gekonnt hätte – vielleicht hat er auch die Schroffheit mit Absicht so komponiert, der nun die Kanten abgeschliffen werden. Die manchmal fast erratisch nebeneinanderstehenden Nummern machen das Einfügen leicht. Doch die Lieder tragen zur Charakteristik der Figuren nichts bei – oder sie schaffen eine bislang nicht vorhandene Charakteristik, etwa wenn Tod / der Lautsprecher das Lied „Betrunken“ vorträgt. Die Eigenheit des Lautsprechers ist doch eigentlich, dass er keine Individualität hat.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Dieses Vorgehen betrifft ein grundsätzliches Problem, das auch im Programmheft unter dem Stichwort „dramaturgisches Theater“ angesprochen wird: Ist es legitim, überlieferte Texte oder Partituren anzureichern, neu zu arrangieren? Der Ansatz des Regietheaters, einem Stück auf Augenhöhe zu begegnen, wird hier auf die musikalische Seite ausgeweitet. War es vor dem Ersten Weltkrieg beispielsweise üblich, die Musikdramen Richard Wagners in gekürzten Fassungen zu spielen, wäre dies heute dem Publikum wohl kaum vermittelbar. Die Hamburger Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Peter Konwitschny von 2002 setzte auf den Schock, den musikalischen Fluss bei der Schlussansprache von Hans Sachs zu unterbrechen. Am Opernhaus Zürich hatte soeben eine gekürzte Fassung von Franz Schrekers Die Gezeichneten Premiere, die für diese Eingriffe in die musikalische Substanz scharf kritisiert wurde. Wie ist das Anreichern bei Der Kaiser von Atlantis zu bewerten? Angesichts der Überlieferungslage und der Tatsache, dass alles erhaltene Material nur ein Torso ist, ist dieses Unterfangen hier legitim, allerdings auch problembehaftet: Klaus Simon ist Experte für Lieder dieser Zeit – er hat eine Gesamteinspielung der Lieder Hans Pfitzners vorgelegt – und hat ein Gespür für die Lieder, die sich am besten in die Grundstimmung einfügen. Durch das Hinzunehmen der eher breit ausgesungenen Lieder geht aber das Kantatenhafte der Oper verloren. Eine verlängerte Oper ist auf jeden Fall besser als eine gekürzte Oper!

Das Publikum nahm diese erweiterte Fassung und die einerseits reduzierende, andererseits in einzelnen Augenblicken auch gekonnt zuspitzende Regie sehr freundlich auf. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen. Die nächste Produktion dieses wichtigen Stückes in dieser Region ist bereits angekündigt und wird am 8. Februar 2019 am Theater Basel Premiere haben.

Der Kaiser von Atlantis im E-Werk Freiburg; weitere Vorstellungen am 16.10.; 19.10.; 20.10.; 21.10.2018

—| IOCO Opera Factory Freiburg |—

 

Köln, Oper Köln, Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 28.02.2018

März 1, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Köln

oper koeln.jpg

Oper Köln

Oper Köln / Außenspielstätte am Offenbachplatz © Bühnen Köln

Oper Köln / Außenspielstätte am Offenbachplatz © Bühnen Köln

„Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann

„Du sollst den Namen Tod nicht eitel beschwören“

Von Viktor Jarosch

Victor Ullmann Stolperstein in .... © IOCO

Victor Ullmann Stolperstein in …. © IOCO

Die Kammeroper Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung besitzt eine ungewöhnlich schmerzliche Historie: Viktor Ullmann (*1898 – 1944), von Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky wie Rudolf Steiner geformt, vollendete sie, den eigenen Tod vor Augen, 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt.

Theresienstadt, die „Wartehalle des Todes“ für Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, hatte eine lebhafte Musikkultur, welche die dort Gefangenen, auch Viktor Ullmann, zum geistigen Überleben und für kompositorisches Schaffen nutzten. Das Libretto zum Kaiser von Atlantis schrieb der ebenfalls in Theresienstadt internierte Peter Kien (*1919 – 1944). Im Herbst 1944 wurde noch für die Uraufführung des Stückes geprobt, doch sie fand nicht mehr statt. Am 16. Oktober 1944, in demselben Transport, wurden Viktor Ullmann, dessen Versuch in die USA zu fliehen scheiterte, und Peter Kien nach Auschwitz transportiert und von den NAZIS umgebracht. Ihr Werk Der Kaiser von Atlantis überlebte: Es gelangte auf verschlungenen Wege nach Amsterdam, 1975 zur Uraufführung.

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis - hier Tod und Harlekin © Paul Leclaire

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis – hier Tod und Harlekin © Paul Leclaire

Die Oper Köln zeigt in der kleinen Außenspielstätte am Offenbachplatz mit dem Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung, ein Werk, welches sich gerade für dessen kleine  Bühne bestens eignet. Die Bühne des Hauses ist (Inszenierung Eike Ecker) in einer 8  geformt, zweigeteilt, in den Mitten vertieft, worin jeweils sieben Orchestermusiker spielen. Das Ensemble spielt, singt auf der Bühne zwischen, neben dem Orchester.

Der Kaiser von Atlantis ist 60 Minuten reinste Chiffre; das Subtile, Kryptische der Oper deutlich zu machen ist schwer; es stellt hohe Ansprüche an Regie wie Darsteller der Produktion. In Köln hängt ein riesiger Lautsprecher von der Decke herab; er kündigt im Prolog die Handlung, die handelnden Figuren als eine „Art Oper in vier Bildern“ an: Kaiser Overall von Atlantis, Der Trommler, Der Lautsprecher, Ein Soldat und ein Mädchen, Der Tod und Harlekin. In jenen vier Bildern spiegeln sich nicht Satire. Es ist pure Hybris, Größenwahn und Realitätsverlust der Spezies Mensch erkennbar. Ullmann verschwor sich so gegen den Wahnsinn der vielen Akteure im Dritten Reich; doch Der Kaiser von Atlantis geht weiter; er spiegelt den Realitätsverlust von Menschen zu allen Zeiten. Lebende Staatslenker glaubt man in Kaiser Overall ebenso erkennen, wie natürlich Hitler oder auch Caligula.

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis - hier Kaiser Overall und Tod © Paul Leclaire

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis – hier Kaiser Overall und Tod © Paul Leclaire

Die Handlung beginnt mit dem auf einer Sichel vom Himmel herab schwebenden bleichen Tod, Partner in Dialogen des Harlekin, einem der Commedia dell´arte entsprungenen, fast schelmischen Clown. Tod: „Was haben wir heut für einen Tag“,  Harlekin:Ich wechsle die Tage nicht mehr täglich..“. Kostüme (Darko Petrovic) und Bewegungschoreographie (Athol Farmer) malen die kryptische Handlung des Stückes sichtbar, mitfühlbar aus. Schattenhafte Figurinen, plastisch wirkende Gestalten bilden im Halbdunkel der Bühne das willenlose, entmündigte Volk. Kaiser Overall will eine neue Weltordnung, Naturgesetze aushebeln, die menschliche Ordnung stürzen. Der Trommler erklärt, im Namen seiner Majestät des Kaiser Overall den „großen, segensreichen Krieg aller gegen alle zu verhängen. Jedes Kind, ob Knäblein, Gattin, Mutter, jeder Mann ob krumm oder grad wird die Waffe führen in diesem heiligen Kampf… der mit der Vernichtung des Bösen enden wird.“  Doch der Tod fühlt sich nun entehrt, zerbricht sein Schwert und verweigert jeden Dienst „Ich mache die Zukunft der Menschen groß… und lang… lang…“,  Menschen können plötzlich nicht mehr sterben. Der Lautsprecher:Eine seltsame Krankheit ist ausgebrochen. Die Soldaten können nicht sterben.“ Kaiser Overall ist entsetzt; niemand wird ihn noch fürchten: „Wer wird dem Imperator von Atlantis noch gehorchen?!“ und stellt sich gleichzeitig als Erfinder der Unsterblichkeit dar. Und doch geht in den ausgehebelten Grundwerten (Menschen müssen einmal sterben) letztlich auch Kaiser Overall zugrunde: Damit der Tod, als zentrales Element wieder in der Weltordnung zurückkehrt, willigt Kaiser Overall ein, als erster wieder zu sterben. Alles im Stück ist Chiffre, alles ist kryptisch; doch über allem ist die Todesichel von Theresienstadt immer spürbar.

Die Partitur erinnert in rhythmischen Parametern und Instrumentation an große Meister des Abendlandes, Gustav Mahler, Kurt Weill, Johann Reichardt; doch auch der Blues und der Shimmy klingen durch. Das kleine Orchester um Rainer Mühlbach begleitet die facettenreiche Sprache und Handlung auf der kleinen Bühne warm, sensibel, subtil.

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis - hier Kaiser und Harlekin © Paul Leclaire

Oper Köln / Der Kaiser von Atlantis – hier Kaiser und Harlekin © Paul Leclaire

Lucas Singer gibt dem Tod, kahlköpfig in langem Ledermantel auf der Sichel stehend, mit Beginn sichtbaren Charakter, mit jungem Bass zeichnete er  die „Gefühle“ des Tod merkwürdig empfindsam. Martin Koch spielte den von den Umständen getriebenen, lieben Harlekin („Dir selber kannst Dir nicht entlaufen, bleibst immer Harlekin“) mit belcantisch tenoraler Stimme. Nikolay Borchev dominiert mit wohl timbriertem Bariton in weißer Uniform mit Krone als präsenter wenn auch gelegentlich „wirrer“ Kaiser Overall die Produktion.

Doch hatte der Premierenabend einen weiteren, wenn auch unangekündigten Haupt- Darsteller: Georg Kehren, Chefdramaturg der Oper Köln. Kehren vermittelte in der folgenden Premierenfeier in emotional lebhaften Ausführungen den dankbaren Besuchern Tiefen wie Untiefen der kryptischen und selten gespielten Kammeroper.

Der Zuspruch des Publikums in der ausverkauften kleinen Spielstätte war groß für Darsteller, Regie und Georg Kehrens abschließende wie vollendende Ausführungen. Interessenten raten wir dringend, sich rechtzeitig um Karten für die verbleibenden Vorstellungen zu bemühen.

Der Kaiser von Atlantis der Oper Köln: Weitere Vorstellungen am 2.3.2018; 6.3.2018; 10.3.2018

—| IOCO Kritik Oper Köln |—