Koblenz, Theater Koblenz, Albert Herring – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 15.05.2019

Mai 15, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Koblenz

koblenz.gif

Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

ALBERT HERRING  –  Benjamin Britten

– Die Wahl einer Maikönigin – oder – Eine Komödie voller Charme und Spielfreude am Theater Koblenz –

von Ingo Hamacher

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Mit nicht enden wollendem Applaus feierte das Koblenzer Publikum eine äußerst gelungene Aufführung von Benjamin Brittens  Albert Herring; an Ovationen für Solisten, Chor, Musik und Produktionsteam wurde ebenfalls nicht gespart.

Victor Puhls leidenschaftliches Dirigat lotet die Feinheiten der Partitur gekonnt aus, und führt das Staatsorchester Rheinische Philharmonie zu einer veritablen Leistung, ohne jedoch dabei die Sänger aus den Augen zu verlieren, die mit einer in sich stimmigen Ensemble-Leistung auf hohem Niveau auf eine erfolgreiche Premiere zurückblicken können.

Witzige Regieeinfälle, eine nahezu perfekte Bühne mit den vollumfänglich passenden Kostümen rundeten den gelungenen Abend ab, der vom Publikum des fast ausverkauften Hauses entsprechend gewürdigt wurde.

Zwischen seinen großen Werken und ernsten Fabeln komponierte Britten 1947 für die erste Saison der von ihm ins Leben gerufenen English Opera Group eine heitere Kammeroper in fünf Bildern, die komische Oper Albert Herring, in der die Novelle des Franzosen Guy de Maupassant („Der Rosenjüngling der Madame Husson“) in die englische Provinz gelegt wird.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : Jungho Lee als Albert Herring © Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : Jungho Lee als Albert Herring © Matthias Baus

Der Librettist Eric Crozier hat das Geschehen in die Kleinstadt Loxford in Ost-Suffolk versetzt, wo sie rund um das Maifest des Jahres 1900 spielt.  Eine heitere Posse – vordergründig etwas zu harmlos und naiv -, die schnell Verbreitung findet.  Dabei ist die Musik Brittens, ein Komponist der klassischen Moderne, unterhaltsam und witzig.  Es wimmelt von Parodien und Musikzitaten vom Barock bis zu Wagners Tristan.

Das heitere Musiktheater schwelgt in der Zeichnung der Charaktere, voran der pompösen Lady Billows, vor allem im neunstimmigen Klagelied des III. Aktes, bei dem die einzelnen Charaktere musikalisch herausgearbeitet werden. Und doch zeigt sich auch ein wenig von Protest bei der Schilderung von Alberts Ausflug in das „Laster“, der Protest gegen eine Gesellschaft, die sich anmaßt, allzu herrisch in das Leben des einzelnen einzugreifen.

Benjamin Britten gelang es als erstem britischen Komponisten nach Henry Purcell (Dido und Aeneas), Weltgeltung zu erlangen.  Kurz vor seinem Tod wurde er für seine Lebensleistung mit dem persönlichen Adel ausgezeichnet und zum Lord Britten of Aldeburgh ernannt wurde. Benjamin Brittens Homosexualität zieht sich mehr oder weniger verdeckt durch sein gesamtes Werk. Sein Ruf als außergewöhnlicher Humanist, sein Einsatz für gesellschaftliche Randfiguren, die nahezu alle seine Opern bevölkern, mag als Reaktion auf seine eigenen Lebensumstände daraus resultieren. Britten konnte das Thema Homosexualität – damals in Großbritannien noch mit Gefängnis bestraft – nur andeuten; wir finden es auch in der Oper Albert Herring:

Warum hat Albert Herring keine Freundin und was hat er eigentlich in jener durchzechten Nacht gemacht?

Albert Herring erweckt gerade aufgrund der nächtlichen Vorfälle Hoffnungsperspektiven auf ein besseres Leben:  Der Skandal hat ihn erst richtig zum Mann gemacht, als der er dann auch auf gesellschafftliche Anerkennung hoffen darf. Nach der Gesetzesreform von 1967, die Homosexualität unter Männern ab dem einundzwanstigsten Lebensjahr nicht mehr unter Strafe stellte, wurde Britten diesbezüglich in seinen Werken eindeutiger in seinen Aussagen.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : Jungho Lee als Albert Herring, Michele Silvestrini als Emmy © Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : Jungho Lee als Albert Herring, Michele Silvestrini als Emmy © Matthias Baus

Eine Filmprojektion auf den geschlossenen Vorhang scheint uns mit dem Schriftzug: „Albert Herring von Benjamin Britten“ in einen alten-verwackelten Stummfilm zu führen.  Vielleicht ein Hinweis darauf, das Regie, Ausstattung und Kostüme gar nicht erst versuchen, das Stück tagesaktualisiert aufzuladen.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf das Leben in dem kleinen Ort Loxford. Links die Fassade des Hauses von Lady Billows, rechts der Gemüseladen der Herrings (Foto) .Durch Drehen und Verschieben dieser beiden einzigen Bühnenelemente gewinnen wir später Einsicht in die Häuser, wie wir auch in der Vielzahl der Szenen immer neue Blickwinkel finden. Im Hintergrund, vor dem blau angeleuchteten Panorama, eine niedrige Bruchsteinmauer, hinter der im Verlauf des Abends zahllose Schäfchen vorbeiziehen. Idylle pur! (Oder eben auch Langeweile pur!) – So schön alles ist. Will man hier leben?

Die junge Generation trägt Kostüme der 50er; die Älteren sind von Kleidungsstil in der Jahrhundertwende stecken geblieben: der Generationenkonflikt zeichnet sich ab. Die spleenige Lady Billows will zur allgemeinen Förderung der Sitten das tugendhafteste Mädchen im Ort zur Maikönigin krönen. Es findet sich jedoch keine junge Frau, die der Auszeichnung würdig wäre. Da kommt das Komitee in seiner Not auf einen männlichen Preisträger, Albert Herring, den Sohn der Gemüsehändlerin.

Er führt ein wirklich untadeliges Leben. Albert nimmt gern die 25 Pfund, die mit dem Preis verbunden sind. Stocksteif-wohlerzogen erscheint er zur Feierlichkeit – um dann durch den ungewohnten Alkohol plötzlich aufzutauen. Die gegen Ende des 3. Bildes in Rotlicht getauchte laszive Orgie, die mitten auf dem Marktplatz von Loxford aus heiterem Himmel ausbricht, hat so wohl kaum stattgefunden. Es kann sich nur eine alkoholbedingte Fantasie Alberts handeln.

 Benjamin Britton, die riesige Gedenkmuschel am Strand von Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britton, die riesige Gedenkmuschel am Strand von Aldeburgh © IOCO

Pause

Nach dem Fest macht Albert sich auf, um nächtliche Abenteuer zu suchen. Am nächsten Tag ist er verschwunden. Das ganze Dorf gerät in höchste Aufregung, man vermutet Selbstmord oder weitere Untaten, bricht in furchtbare Klagen aus. Da kehrt Albert heim – ramponiert von seinen Erlebnissen, aber fröhlich. Die Tugendhaftigkeit in Person ist er jedenfalls nicht mehr.

Nach Brittens Vorgabe sollten die Rezitativpassagen „ohne Rücksicht auf Tempo in der natürlichen Diktion der Sprache gesungen“ werden.  Und da die Oper zahllose Wieviel-auch-immer-tette (bis hin zum häufig vorkommenden Nonett) aufweist, sah man sich außerstande, für diese Passagen eine sinnvolle deutschsprachige Übertitelung anzubieten, weswegen man sich entschieden hatte, das Stück direkt auf Deutsch zu singen. Da die englisch gedachte Musiklinie jedoch häufig der deutschen Diktion entgegen lief, war der erhofft Verständnisgewinn nur gering.

In den Solopassagen ging einiges unter und in den Rezitativen war aufgrund des – von Britten so vorgesehenen – Gestotteres und Gestammel sowieso kaum etwas zu verstehen. Deutsche Übertitel hätten hier auch außerhalb der Ensembles gute Dienste geleistet.

Die Verwendung von Rezitativensembles mit rhythmisch freiem Sprachvortrag hat Britten damals seitens der Kritik den Vorwurf eingebracht, die Oper „enthalte zu wenig Musik“, was das Stück Albert Herring jedoch nicht daran gehindert hat, einer der größten Nachkriegserfolge auf dem Gebiet der Oper; zeitweise die am Meisten gespielte moderne Oper auf deutschsprachigen Bühnen zu werden. Das Produktionsteam zeigt eine Komödie voller Charme und Spielfreude, die ohne Albernheiten und Anzüglichkeiten auskommt: eine ansprechend-moderne Inszenierung im Dienste des Werkes.

Theater Koblenz / Albert Herring - hier : mit Michele Silveestrini, Hyunwha Lee, Hana Lee und dem Kinderchor Foto Matthias Baus

Theater Koblenz / Albert Herring – hier : mit Michele Silveestrini, Hyunwha Lee, Hana Lee und dem Kinderchor Foto Matthias Baus

Insgesamt gelang eine schöne Interpretation, die den heiteren Charakter des Stückes erfolgreich auf die Bühne brachte, verbunden mit einer rundum gelungenen spielerisch wie gesanglichen Ensemble-Leistung.

Mit nicht enden wollendem Applaus feierte das Koblenzer Publikum eine äußerst gelungene Aufführung; an Ovationen für Solisten, Chor, Musik und Produktionsteam wurde ebenfalls nicht gespart


Albert Herring, Komische Oper von Benjamin Britten, Text: Eric John Crozier, nach den Novelle Le Rosier de Madame Husson (1888) von Guy de Maupassant, Neue deutsche Textfassung: Carolyn Sittig und Waltraud Gerner, Uraufführung: 20. Juni 1947, Opera House, Glyndebourne (Sussex)


Besetzung:

Lady Billows ist Yamina Maamar, Sopran. Yamina Maamar zählt zu den international gefragtesten Künstlerinnen ihres Fachs.

Mr. Gedge wird vom aus Hamburg stammenden Bariton Martin Berner gesungen.

Mr. Upfold: Mark Bowman-Hester,  Das Koblenzer Publikum kennt den US-amerikanischen Tenor bereits aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Die weiteren Partien konnten aus dem Ensemble besetzt werden:  Florence Pike: Anna Catherine Wagner, Miss Wordsworth: Hana Lee, Mr. Budd: Jongmin Lim, Sid: Christoph Plessers, Albert Herring ist der choreanische Tenor Junho Lee, Nancy Waters: Danielle Rohr, Mrs. Herring: Suk Westerkamp, Emmy: Michèle Silvestrini, Siss: Hyunhwa Lee, Harry: Lennart Reinelt (Kindersolist),  Kinderchor (Singschule Koblenz), Staatsorchester Rheinische Philharmonie

Musikalische Leitung: Victor Puhl,  Seit der Spielzeit 2008/2009 ist Victor Puhl Generalmusikdirektor des Theaters Trier

Inszenierung: Jan Eßinger,  geboren in Darmstadt, studierte bis 2010 Musiktheaterregie in Hamburg. Seit 2017 ist er als freischaffender Regisseur tätig.

Bühne: Marc Weeger,  studierte Bühnenbild bei Jürgen Rose an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Kostüme: Silke Willrett (* 1974 in Stuttgart) ist eine freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin.

Dramaturgie: Rüdiger Schillig, Operndirektor des Theater Koblenz

Albert Herring am Theater Koblenz; die weiteren Termine Termine  11.05., 13.05., 19.05., 22.05. 25.05., 27.05., 02.06., 04.06., 06.06., 09.06., 21.06.2019

Theater Koblenz / historisches Rangtheater © Matthias Baus

Theater Koblenz / historisches Rangtheater © Matthias Baus

Das Theater Koblenz

Das Theater Koblenz ist ein Mehrspartentheater in Koblenz mit eigenen Ensembles für Schauspiel, Musiktherater, Puppenspiel und Ballett. Es bietet in einem Theatergebäude aus dem 18. Jahrhundert unweit des Kurfürstlichen Schlosses 500 Sitzplätze. Intendant des Theaters  ist bis Ende der Spielzeit 2024/2025 Markus Dietze.

Das Theater Koblenz wurde 1787 im Auftrag des Trierer Kurfürsten und Erzbischofs Clemens Wenzeslaus von Sachsen in siebenmonatiger Bauzeit durch den Architekten Peter Joseph Krahe in dem damals neuen Stadtteil Neustadt errichtet.

Das Theater Koblenz ist der einzige erhaltene klassizistische Theaterbau am Mittelrhein und das früheste erhaltene Beispiel eines Rangtheaters in Deutschland (im Gegensatz zum früheren Logentheater).

Am 23. November 1787 wurde das als Vielzweckgebäude konzipierte Theater mit einer Aufführung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail unter der Leitung von Johann Heinrich Böhm als Kurfürstliches Komödien- und Ballhaus eröffnet. Am 16. Dezember 1851 trat im Theater die Koblenzer Opernsängerin Henriette Sonntag auf. Es war der erste und einzige Auftritt in ihrer Heimatstadt. Das Theater wurde 1984 bis 1985 umfassend mit dem Ziel restauriert, dem Originalzustand von 1787 möglichst nahezukommen. Dabei stellte man die alten Abmessungen des Foyers wieder her und rekonstruierte die ursprüngliche Ausmalung im Zuschauerraum, auch die Fassade erhielt ihre originale Farbfassung zurück.

Das Theater Koblenz ist geschütztes Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz und in der Denkmalliste des Landes Rheinland-Pfalz eingetragen. Seit 2002 ist das Theater Koblenz Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.

 

Koblenz, Theater Koblenz, Faust – Oper von Louis Spohr, IOCO Kritik, 29.01.2019

Januar 29, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Koblenz

koblenz.gif

Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

FAUST  –  Romantische Oper von Louis Spohr

– Röschen gibt sich Faust hin – Kunigunde wartet auf ihre Rettung –

von Ingo Hamacher

Mit großer Liebe und Aufmerksamkeit für das kleinste Detail hat das Theater Koblenz einen wunderschönen FAUST des eher unbekannten Komponisten Louis Spohr auf die Bühne gebracht und damit ein äußerst lobenswertes Ergebnis erzielt.

Der 1784 geborene Louis Spohr zählte zu den bedeutendsten deutschen Komponisten und gefragtesten Geigenvirtuosen seiner Zeit. Nach seinem Tod 1859 geriet er rasch in Vergessenheit. Bekannt ist Spohr nur noch für sein Nonett für Streicher und Bläser op. 31 – das zum Standartrepertoire gehört. Seine zahlreichen weiteren Kompositionen hingegen, darunter 18 Violinkonzerte, zehn Sinfonien und zehn Opern, werden nur noch selten aufgeführt.

Als Spohr seinen Faust komponierte, war Goethes Faust I zwar schon erschienen, jedoch orientierte sich sein Librettist nicht an diesem Text, sondern an den sehr viel älteren Volkserzählungen zu diesem Stoff, so dass wir einen so ganz anderen Faust erleben, als wir ihn durch Goethe vor Augen haben. Kein alter Mann; kein ungelebtes Leben; kein Weisheitsstreben. Faust hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und scheint selbst nicht zu wissen wozu. Sinnenlust und Völlerei, die Mephistopheles ihm anbietet, befriedigt ihn jedenfalls nicht.

Es scheint eher die von Mephisto ausgesprochene Kränkung als „Erdenwurm“ zu sein, die ihm die Richtung seines zukünftigen Handelns vorgibt: „Es soll mir Wonne schaffen, Euch zu schlagen mit den Waffen, die mir bietet Eure Macht!

Mit diesen Worten zieht er in einen Kampf gegen den Teufel, den er natürlich am Ende nur verlieren kann. Faust will der Hölle ein Schnippchen schlagen, in dem er die diabolische Macht seines federhütigen Dieners dazu einsetzt, möglichst viel Gutes in der Welt zu bewirken und Mephisto damit eine lange Nase zu drehen. Und zu erledigen hat er eine Menge: Da müssen die Armen beschenkt werden. Da ist noch Röschen zu trösten, die sich nach dem Tod ihrer Mutter ganz Faust hingegeben hat. (Später erfahren wir, dass Faust am Tod der Mutter nicht ganz unschuldig ist.) Und schließlich harrt da auch noch die von einem Ritter namens Gulf geraubte Kunigunde der Rettung, die befreit und ihrem versprochenen Hugo zugeführt werden muss.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Hana Lee als Kunigunde, Nico Wouterse als Mephisto, Christoph Plessers als Faus © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Hana Lee als Kunigunde, Nico Wouterse als Mephisto, Christoph Plessers als Faus © Matthias Baus / Theater Koblenz

Wie in romantischen Singspielen üblich, wird aber erst einmal gesellig Platz genommen und ein herziges Trinklied gesungen: „Der Wein erfreut des Menschen Herz“. Das kennt man aus dem Wunschkonzert… Als weitere Komplikation kommt der Goldschmied Franz dazu, der ebenfalls ein Auge auf Röschen geworfen und Fausts durchtriebenes Spiel durchschaut hat: Mit seinen Getreuen stürzt er heran, um Röschen zu befreien.

Faust hat inzwischen seinen eigentlichen Lebenszweck gefunden: Die Liebe und die Ehe mit Röschen! Dumm nur, dass ihm sein Teufelspakt jede Ehe verbietet. „Zerissen sei der schnöde Bund!“, mit diesen Worten löst er die mit Mephisto getroffene Vereinbarung auf, was dieser überraschenderweise auch sofort anzunehmen bereit ist.

Nur hat Faust eben jetzt auch keinerlei übernatürliche Macht mehr, und draußen tobt das Volk heran, den Muttermörder zur Verantwortung zu ziehen. Der Pakt wird also schnell erneuert: „Ich schwör‘ es bei der Hölle ew‘gen Qualen“, und so gelingt die Flucht durch den Schornstein. („Lichter, verlöscht! Mantel, breite dich aus! Haltet euch fest! Oben fahren wir ’naus!“) Die in Gulfs Burg gefangene Kunigunde beweint ihr Schicksal, kann jedoch aus der Gewissheit ihrer treuen Liebe zu Hugo neue Kraft schöpfen.

Den nahenden Gulf, der ihr Freiheit gegen Liebe bietet, weist sie standhaft zurück. Doch Hugo ist nicht fern! Mit seinen Mannen liedertafelt er sich mit „Die Rettung naht, die Rache wacht!“ schon mal in Stimmung. In Begleitung von Faust, der sich seiner Zauberkräfte bedient, gelingt es ihm, Gulf zu überwinden und ihn den Teufeln der Hölle auszuliefern. Kunigunde ist gerettet und erlebt „namenloses Glück“. Fidelio hatte 8 Jahre vorher bei seiner Befreiung noch „namenlose Freude“ empfunden.

Zweiter Akt

Auf dem Blocksberg tanzen die Hexen. Mephisto führt Faust zur Hexe Sycorax, die ihn mit einem Zaubertrank versorgt, der ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Faust hat einen erneuten Sinneswandel durchlaufen und schreckt vor nichts zurück, um Kunigunde für sich zu gewinnen. Auf Kunigundes Hochzeit mit Hugo treffen alle wieder aufeinander. Röschen, von Franz begleitet, begegnet auf der Suche nach Faust ihre alten Nachbarn.

Gemeinsam sehen sie den Trauungszug von Hugo und Kunigunde, der auch von Faust beobachtet wird. Beim Zusammentreffen schwankt Faust kurz zwischen beiden Geliebten; entscheidet sich dann jedoch für die gerade erst vermählte Kunigunde, die sich dann aufgrund Fausts Zaubertrank auch sofort willenlos in ihn verliebt. Röschen ist schockiert. Hugo fordert zum Duell, dass er natürlich gegen den mit teuflischer Macht ausgestatteten Faust tödlich verliert.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Christoph Plessers, Sieglinde Karges_Eva Krumme, Nico Wouterse, Ulrike Scholz, Christiane Thomas © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Christoph Plessers, Sieglinde Karges_Eva Krumme, Nico Wouterse, Ulrike Scholz, Christiane Thomas © Matthias Baus / Theater Koblenz

Dritter Akt

Mephistopheles, dem Erdenleben überdrüssig, sehnt sich in die Hölle zurück, in die er Faust als Beute mitnehmen will. Dank der Kraft der Hexen ist es Faust gelungen, die Braut des erschlagenen Hugos in der Hochzeitsnacht in sein Bett zu bekommen. Statt Liebesglück musste er jedoch Albtraum-artige Höllenqualen erleiden. Erneut will er den Teufelspakt durchbrechen; Röschen als reines Opfer scheint ihm da als Mittel gerade Recht, für seine Taten einzustehen.

Die vom Liebesbann befreite Kunigunde schwört Rache! Verzweifelt geht Röschen ins Wasser. Sich vor den Konsequenzen seines Handelns fürchtend verweist Faust auf seine guten Taten; wird jedoch vom Teufel an seine „Morde, Gräu‘l und Freveltaten“ erinnert.

Dem Chor der Geister gehören die letzten Worte:

„Die Zeit ist verronnen, dein Maß ist voll!
Der Hölle bezahlst du den Sündenzoll!
Im sausenden Reigen, wirbelnd voran,
Schaffen wir Bahn.
Hölle, frohlocke, wir nahen, wir nah‘n!“

Musikalisch ist die Oper oft triviales Singspiel, klingt jedoch über weite Strecken auch nach Mozart. So hören wir einerseits starke Anklänge an den Steinernen Gast des Don Giovanni, als auch sehr viel Zauberflöte. Nicht nur im Libretto, sondern auch in der Musik begegnet uns manches wieder, was uns an den 14 Jahre älteren Beethoven erinnert. Trotzdem ist die Oper musikalisch interessant, weil Spohr hier bereits ausgeklügelte Leitmotivtechniken, die von Richard Wagner dann weiter verfeinert wurden, verwendet.

Eine rasche Sechzehntelfigur z.B. charakterisiert Faust, sein unstetes, vorwärts strebendes Wesen. Das „Höllenmotiv“ wird gekennzeichnet durch die chromatische Umspielung des Molldreiklanges.

Spohr geht im Faust über die schlichte Verwendung und Wiederkehr von thematischem Material hinaus und leuchtet Motive in unterschiedlichen harmonischen Zusammenhängen aus. Die Uraufführung wurde denn auch von niemand geringerem als Carl Maria von Weber geleitet, der sich später in seinem Freischütz ausdrücklich auf die dramatischen Passagen der Oper Faust von Spohr beruft. Lobend schreibt er zur Prager Uraufführung 1816: „Glücklich und richtig berechnet gehen einige Melodien wie leise Fäden durch das Ganze und halten es geistig zusammen.“

Über ein halbes Jahrhundert konnte sich Faust auf der Bühne behaupten, verschwand jedoch danach rasch aus dem Repertoire. Dennoch bleibt das Werk ein Meilenstein in der Geschichte des Musiktheaters und gilt, neben E.T.A. Hoffmanns Undine und Carl Maria von Webers Freischütz, als erste deutsche romantische Oper.

Die Koblenzer Inszenierung nimmt  mit

Inszenierung und Bühne: Michiel Dijkema, Kostüme: Alexandra Pitz, Dramaturgie: Rüdiger Schillig

Sie beschränkt sich darauf, eine schöne Inszenierung zu zeigen, wie sie auch vor fast 200 Jahren hätte aussehen können. Vor nachtschwarzem Rundhorizont mit angedeuteten Wolken wird auf leerer Einheitsbühne mit nur wenigen Möbeln und Gegenständen der jeweilige Handlungsort der häufig wechselnden Szenen angedeutet. In erfrischender Schlichtheit wird das Stück zur Diskussion gestellt; die wunderschönen Kostüme bilden das mittelalterliche Handlungsgeschehen entsprechend ab.

Die bonbonfarbenen Gewänder unterstreichen das Märchenhafte der Handlung: Faust ist von Kopf bis Fuß rot, Mephisto grün. Röschen hell- und Franz dunkelblau. Kunigunde gelb (zur Hochzeit weis wie Hugo), Gulf schwarz und die Hexen lila (mit jeweils 12 Brüsten). Und ein über 40 Köpfe zählender Chor trägt dunkle Gewänder und schreckerregende Teufelsmasken.

Da es sich um eine deutschsprachige Oper handelt, wurde auf eine Übertitelung des Textes verzichtet. Die Sänger orientierten sich jedoch leider eher an der Melodielinie als an der Artikulation, so dass der Text über weite Passagen nicht zu verstehen war. Glücklicherweise wurde im Programmheft das vollständige Libretto abgedruckt, so dass man sich wenigstens im Nachgang einzelne Handlungszusammenhänge erschließen kann.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Sebastian Haake, Peter Rembold, Christoph Plessers, Marco Kilian, Junho Lee © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Sebastian Haake, Peter Rembold, Christoph Plessers, Marco Kilian, Junho Lee © Matthias Baus / Theater Koblenz

Von Daniel Spogis, der die musikalische Leitung des Abends hatte, hätte man sich etwas mehr Mut zur Interpretation des Stückes gewünscht. Ohne erkennbare Leidenschaft arbeitet er sich taktschlagend durch die Partitur. Eher nicht geglückt waren die Umbaupausen zu den häufigen Szenenwechseln innerhalb der einzelnen Akten.

Da die verschiedenen Handlungsorte der dreizehn verschiedenen Bilder nur durch zwei bis drei Gegenstände angedeutet wurden, hätte man besser fliegende Umbauten bei offenem Vorhang vorgenommen, als jedes Mal den Vorhang zu senken, das Saallicht einzuschalten, nach 30 sekündigen Umbauten das Saallicht wieder zu löschen, die Musik nach Freigabe durch den Inspizienten erneut zu beginnen und den Vorhang wieder aufzuziehen. In dem doch etwas handlungsarmen und manchmal auch etwas blutleeren Stück entstanden dadurch weitere Längen, die vermeidbar gewesen wären.

Gesanglich überzeugten alle Sänger, wobei die beiden Soprane Hana Lee und Anna Karmasin die stärksten Stimmen des Abends waren. Die männlichen Hauptrollen, Mephistopheles und Faust, waren etwas ungleich besetzt, da Christoph Plessers als Faust nicht ganz an Kraft und Stimmstärke seines niederländischen Kollegen Nico Wouterse als Mephitopheles heran reichte.

Insgesamt ist dem Theater Koblenz mit FAUST vom Louis Spohr ein sehr interessanter und gelungener Abend geglückt, der mit entsprechend großem Beifall gewürdigt wurde. Ovationen für die Hauptpartien und das Produktionsteam.

Vollständige Besetzung: Mephistopheles: Nico Wouterse, niederländischer Bassbariton, sei 2016 festes Ensemblemitglied, Faust: Christoph Plessers, belgischer Bariton, Graf Hugo: Tobias Haaks, Tenor und neues Ensemblemitglied, Kunigunde: Hana Lee, koreanischer Sopran, seit 2009 in Kolenz, Röschen: Anna Karmasin, Sopran aus München und Gast für diese Produktion, Gulf: Jongmin Lim, koreanischer Bass, ebenfalls seit 2009 im Haus, Franz: Junho Lee, koreanischer Tenor, seit 2012 Ensemblemitglied, Wohlhaldt: Sebastian Haake, der aus Karlsruhe stammende Tenor ist häufiger Gast in Koblenz Wagner: Dirk Eicher ist seit 2002 am Theater Koblenz als erster Chortenor engagiert Moor: Marco Kilian, seit 1992 erster Chorbass mit Soloverpflichtung, Kaylinger: Peter Rembold, Bariton im Opernchor des Theaters Koblenz, Sycorax: Christiane Thomas, seit 2002 Sopran im Opernchor, Drei Hexen: Eva Krumme, Sieglinde Karges, Ulrike Scholz, Ein Knappe Hugos: Samuel Kremer

Faust von Louis Spohr am Theater Koblenz; die weiteren Vorstellungen 26.1.; 31.1.; 4.2.; 6.2.; 13.2.; 17.2.; 19.3.2019

—| IOCO Kritik Theater Koblenz |—

Koblenz, Theater Koblenz, Premiere Salome von Richard Strauss, 22.03.2014

März 21, 2014 by  
Filed under Premieren, Pressemeldung, Theater Koblenz

koblenz.gif

Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

SALOME  von Richard Strauss

Premiere Samstag, den 22. März 2014 um 19:30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 28. März; 08./ 14./ 17./ 28. April; 03./ 18. Mai; 04./ 07./ 29. Juni 2014

Theater Koblenz / Salome © Matthias Baus

Theater Koblenz / Salome © Matthias Baus

Ein Fest bei Herodes. Narraboth ist verliebt in Salome. Er steht mit dem Pagen der Herodias draußen und schwärmt. Der Page warnt ihn vor dieser Verliebtheit und vor Salome; er ahnt Unheil. Salome verlässt das Fest. Die Blicke des Herodes und das Verhalten der restlichen Gesellschaft haben sie nach draußen getrieben. Aus einem unterirdischen Gefängnis tönt die Stimme des Propheten Jochanaan. Salome will den Gefangenen sehen. Dem Verbot des Herodes zum Trotz gibt Narraboth ihrem Drängen und Schmeicheln nach, er lässt Jochanaan hinaufholen. Salome ist fasziniert von dem Gefangenen, beobachtet ihn und beginnt, ihn zu begehren. Jochanaan weist sie zurück und wird heftiger gegen sie, als er erfährt, dass sie die Tochter der Herodias, der Frau des Herodes ist. Er beschuldigt Herodias der Unzucht – sie war vormals mit dem Bruder des Herodes verheiratet. Salomes Begehren wird stärker, sie bedrängt Jochanaan. Gekränkt durch Salomes Leidenschaft für den Gefangenen stürzt Narraboth sich in seine Klinge. Jochanaan verflucht Salome und lässt sich wieder in sein Gefängnis hinabführen. Herodes versucht, sich Salome zu nähern. Zunächst entzieht sie sich. Dann aber schwört Herodes vor allen Anwesenden, Salome jede Bitte zu erfüllen, wenn sie für ihn tanze…

36 Vorhänge erhielt die Premierenaufführung der Salome am 9. Dezember 1905 an der Dresdner Hofoper. Das Publikum tobte, die Kritiker waren entsetzt, denn der Stoff traf genau in das Zentrum des Avantgardegeschmacks. Gustav Mahler schwärmte: „Ein ganz geniales, sehr starkes Werk, das entschieden zu dem Bedeutendsten gehört, was unsere Zeit hervorgebracht hat.“

Am Theater Koblenz setzt das Team der allseits gefeierten „Lohengrin“-Produktion von 2012 Richard Strauss’ berühmten Operneinakter in Szene. Auch bei dieser Produktion wird das über 80köpfige Orchester hinter den Sängern im Bühnenraum positioniert sein und so die Produktion zu einem ganz besonderen akustischen und visuellen Erlebnis werden lassen.

Musikalische Leitung: Enrico Delamboye
Inszenierung: Markus Dietze
Bühne: Bodo Demelius
Kostüme: Claudia Caséra
Video: Georg Lendorff
Dramaturgie: Christiane Schiemann

Mit: Monica Mascus, Susanna Pütters, Haruna Yamazaki, Hubert Delamboye, Dirk Eicher, Sebastian Haake, Michael Hamlett, Juraj Holly, Marco Kilian, Ji-Soo Kim, Junho Lee, Jongmin Lim, Michael Mrosek, Christoph Plessers, Tobias Rathgeber, Evgeny Sevastyanov, Christiaan Snyman

Premiere am Samstag, den 22. März 2014 um 19:30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 28. März; 08./ 14./ 17./ 28. April; 03./ 18. Mai; 04./ 07./ 29. Juni 2014

—| Pressemeldung Theater Koblenz |—

Koblenz, Theater Koblenz, MELODIENSTRAUSS, 21.05./16.06.2013

Mai 15, 2013 by  
Filed under Pressemeldung, Theater Koblenz

koblenz.gif

Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

MELODIENSTRAUSS

Ausschnitte aus bekannten Operetten

 
Dienstag, 21. Mai 2013 um 19:30 Uhr
Sonntag, 16. Juni 2013 um 14:30 Uhr
 

Nach dem großen Erfolg unseres OPERETTENRAUSCHS in der Spielzeit 2011/2012 folgt nun in diesem Frühjahr ein neues Operettenprogramm mit Solisten des Theaters Koblenz

THEATER KOBLENZ © Matthias Baus

THEATER KOBLENZ © Matthias Baus

und einer beschwingt aufspielenden Operettencombo unter Leitung von Karsten Huschke.

 
Zu Recht unvergessene Melodien aus Evergreens wie zum Beispiel „Hochzeitsnacht im Paradies“, „Der Vetter aus Dingsda“ und „Ob blond, ob braun“ aus der Feder von Komponsiten wie Jacques Offenbach, Robert Stolz und Friedrich Schröder bieten einen wahren Operettenohrenschmaus für alle Freunde der musikalischen Unterhaltung.
 
Mit: Malwina Makala, Monica Mascus, Haruna Yamazaki, Junho Lee, Jongmin Lim, Christoph Plessers, Martin Shalita und der Operettencombo: Kristian Schwertner, Marlis Köhn, Helmut Schmitte, Marc Gosemärker und Karsten Huschke
 
—| Pressemeldung Theater Koblenz |—

Nächste Seite »