Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Matthäus-Passion – Johann Sebastian Bach, IOCO Kritik, 04.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Matthäus-Passion  –  Johann Sebastian Bach

Szenisches Oratorium

von  Ingrid Freiberg

Eigentlich ist es ein Affront, über die Matthäus-Passion, einer dramatischen Erzählung des biblischen Stoffes um Verrat, Liebe und Opfer, zu schreiben… man sollte sie hören, verinnerlichen, in seinem Herzen bewegen… „Bey einer andächtig Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart“, so Bach.

„Bey einer andächtig Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart“

Matthäus-Passion – Johann Sebastian Bach
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Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Passionszeit – die sieben Wochen zwischen Karneval und Ostern – ist im Kirchenjahr stets etwas Besonderes. Sie lädt zur Besinnung, zur inneren Einkehr und zum Fasten ein. So überrascht es kaum, dass das Hessische Staatstheater Wiesbaden gerade jetzt das Wagnis eingeht, die oratorische Passion des Thomaskantors Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) über Leiden und Sterben Jesu Christi, szenisch aufzuführen. Die Passion fand wie kein anderes Werk ihren Weg aus der Kirche in den Konzertsaal, ins Theater. Regieansätze liefert der Erzähler, der Evangelist, der durch das Geschehen führt, aber auch das Textkonglomerat, das Bach aus dem 26. und 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, aus Kirchenlied-strophen, hauptsächlich von Paul Gerhardt sowie aus freier Dichtung von Christian Friedrich Henrici alias Picander zusammengestellt hat. Als das Werk zum Karfreitags-Gottesdienst 1727 oder 1729 in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt wurde, dürfte das Publikum überfordert gewesen sein: einerseits von der Länge (zweigeteilt jeweils fast anderthalb Stunden, unterbrochen von einer langen Predigt), andererseits von der Zusammenstellung, die zu dieser Zeit durchaus als theatralisch galt. Und die Choräle konnten von der Gemeinde nicht mitgesungen werden – so komplex, wie Bach sie gesetzt hatte! Das Werk wurde vom Thomaner (Knaben-) Chor Leipzig uraufgeführt. Von der heutigen Besetzungspraxis her betrachtet, eine unglaubliche Leistung…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Julian Habermann und Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Julian Habermann und Chor © Karl und Monika Forster

Schon zu Bachs Lebzeiten wurde seine Musik als „schwülstig“ verschrien. Die Musikwelt interessierte sich fast 100 Jahre nicht mehr dafür. Der 11. März 1829 markiert den Tag, an dem die Bach-Renaissance einsetzte: Der zwanzigjährige Felix Mendelssohn Bartholdy brachte mit der Sing-Akademie zu Berlin die Matthäus-Passion zur Wiederaufführung, und eine breite Öffentlichkeit begriff, welche Bedeutung dieser vergessene Komponist hat. Er ist der bedeutendste Komponist der protestantischen Kirche. Seine überragenden Werke schuf er getreu dem Motto „Soli Deo Gloria“ – „Dem höchsten Gott allein zu Ehren“. Direkt auf die Wirkung angesprochen, fühlte sich der junge Bertolt Brecht, der während einer Aufführung um seine Gesundheit fürchtete, in „ein wildes Koma“ versetzt..

Wunderschöne Reinschrift versteigert

Im Oktober des vergangenen Jahres wurden beim Auktionshaus Sotheby’s in London acht Stimmbücher zum doppelchörigen Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ der Matthäus-Passion ersteigert, die musikgeschichtlich von einiger Brisanz sind. Die wunderschöne Reinschrift, ein kaligrafisches Meisterwerk, sei auf die Zeit um 1770 datierbar. Die Worte, die Bach aus der Bibel übernahm, schrieb er mit roter Tinte.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Julian Habermann und Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Julian Habermann und Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Chor © Karl und Monika Forster

Passionen sind die Königsdisziplin der Kirchenmusik

Das riesig besetzte, dreistündige Werk, das schon damals der Vorgabe widersprach: „…dass das Werk nicht zu lang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit es nicht opernhaftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere“,  geht auch in Wiesbaden – ohne Furcht vor dem hohen Anspruch – in seiner szenischen Form weit über diese Bedingung hinaus. Aufwändig vom Orchester instrumentiert, erklingen die Jesus-Worte. Die beiden Chöre, die Orchester und die anderen Solisten gestalten die Handlung dramatisch aus und ergänzen das Werk um vertiefende Choräle, Arien und viele berühmte Passionslieder, die auch heute noch gerne gesungen werden, wie „Herzliebster Jesu“, „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Befiehl du deine Wege“. Die einzelnen Stationen der Matthäus-Passion sind bekannt. Es sind „Kreuzwege“, Figuren treten auf, die aus der Bibel bekannt sind: Petrus, die falschen Zeugen, Hohepriester, Freunde, Verräter, Pontius Pilatus… Und obwohl die Figuren unterschiedliche Positionen einnehmen, sprechen sie sich doch alle für die Verurteilung von Jesus aus.

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

In der szenischen Umsetzung von Johanna Wehner (Inszenierung) wird das Glaubensbekenntnis des Thomaskantors Bach auf der Theaterbühne neu erlebbar. Die Faust-Preisträgerin hat schon mehrfach Gespür für atmosphärische Tableaus und elementare menschliche Fragestellungen gezeigt. Sie präpariert gekonnt Themen heraus, vermag Zusammenhänge zu erkennen. Auf der Theaterbühne müssen die getrennt agierenden Gruppen noch mehr als in einem Kirchenraum zu einem großen Ganzen finden. Der Zuhörer wird dort gepackt, wo das Leben am intensivsten ist: Tod, politisches Unrecht, Scheitern, Verlust, Schmerz, Verantwortung… Szenisch werden die Erkenntnisse in gestischen Erzählungen deutlich: wie mit der Sopranarie „Blute nur, du liebes Herz“, die eine dreifache Reihung eines Motivs benutzt, und wird fassbar in „Bluten des Herzens“ und in „...zittert das gequälte Herz“, wo von Angst die Rede ist. Ob sich „die Schafe zerstreuen“ oder „Blitz und Donner“ niederfahren, Johanna Wehner gelingt ein verständliches Melodram. Die Regisseurin besetzt einige Rollen doppelt: Der Evangelist singt auch die Tenor-Soli, Petrus übernimmt die Bass-Partie und Judas und Pilatus sind in einer Partie zusammengefasst. „Diese Zusammenlegung finde ich enorm fruchtbar“… Bei unserer Inszenierung werden die Zuschauer vielleicht differenzierend erkennen, dass die Figur in einem Moment ein forschender, ein sich beherzt äußernder Petrus ist, der versichert, er würde Jesus niemals verleugnen. Im nächsten Moment ist er ganz fragile innere Stimme“, so Wehner. Ohne noch weiter in das Werk einzugreifen, wird die den Menschen innewohnende Hölle bestmöglich hervorgehoben.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Konstatin Krimmel, Cor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Konstatin Krimmel, Cor © Karl und Monika Forster

Schon in Bachs Musik ist eine räumliche Aufstellung vorgesehen, und das ist auch in die Konzeption des genialen Bühnenbildes von Volker Hintermeier eingeflossen. Ein liegendes Kreuz, mit einem ebenso großen Leuchtkreuz darüber, begrenzt durch eine Kirchenrosette, bietet viel Raum für Konstellationen (Licht: Andreas Frank). Die Akteure können das Kreuz bedächtig betreten, versuchen, es wegzuschieben, es zu tragen… Es unterstützt die großen Bilder, die die Regisseurin erzählen will: „Das Kreuz sieht aus, als wäre es von außen wie von einem Flugzeugträger hinein katapultiert worden, es ragt in den Orchestergraben, groß und gefährlich.“ Gleichzeitig erinnert es an ein schwankendes Schiff, den Untergang des Anstandes und der Menschlichkeit andeutend. Bühnennebel bricht das Licht zu „himmlischen“ Strahlenkränzen. Die teilweise sehr ausladenden schwarzen Kostüme von Su Bühler sind in vielen Jahrhunderten verankert, ein Symbol dafür, dass sich das Wertesystem seit der Kreuzigung nicht verbessert hat? Nur die Lichtgestalt Jesus trägt ein weißes Hemd.

„Zusammenlegung der Rollen enorm fruchtbar…“

Der sehr junge Interpret Julian Habermann (Evangelist) bewältigt die Doppel-Partie (Rezitativ und Tenor-Soli) leuchtend hell mit großartiger Diktion, verbindet dabei überzeugend alle Register. Differenziert liedhaft, zart mit wunderbar fein beseelten Piani strömt seine Stimme. Sein Gefühl für Nuancen ist intensiv, schmerzlich treibend, packend weiß er sich zu ereifern. Hier gelingt es einem Rohdiamanten, sich in die Phalanx berühmter „Evangelisten“ einzureihen. Als Jesus, der ja im ersten Teil der Matthäus-Passion eine fast ebenso wichtige Rolle spielt wie der Evangelist, überzeugt Konstantin Krimmel nicht nur durch Gestaltungskraft, sondern auch durch sein Gesamterscheinungsbild. Er überzeugt mit seinem warmen, geschmeidigen, wandlungsfähigen Bariton, mit seiner prophetischen Kraft und emotionalen Wärme. Seine bruchlosen Registerwechsel und seine dynamische Flexibilität begeistern. Er singt nicht Jesus, er ist es geradezu! Zu Recht wird er für einen der vielversprechendsten Liedsänger der jüngsten Generation gehalten, gar als „der kommende Fischer-Dieskau“ bezeichnet.

Der Sopran und das Spiel von Anna El-Khashem rechtfertigt in hohem Maße eine szenische Aufführung. Sie ist ein „langhaariger Engel“ mit himmlisch schöner Stimme, die mühelos in jubilierende Höhen gelangt. Ihre dicht gestalteten Gesangsbögen und das Abschwellen der Spitzentöne mit wohl dosierter Noblesse sind eine beglückende Glanzleistung. Ebenso überzeugend ist Anna Alàs i Jové als Alt. Dank ihrer dunkel leuchtenden Stimme mit warmer Resonanz, großer Flexibilität und ausgezeichneter Diktion gibt sie nicht nur der Arie „Erbarme dich..“ besonderen Tiefgang. Mit ihrem lyrisch-noblen Mezzosopran gelingt es ihr, kraftvoll glühend die Verfehlungen, den Schmerz und die Endlichkeit der Menschen aufzuzeigen.

Die theatralischen Worte der Doppelrolle Bass / Petrus, gesungen vom arrivierten Oratoriensänger Wolf Matthias Friedrich, sind ergreifend und differenziert. Auffällig präsent und mit schonungsloser Emphase gelingt es ihm, zwischen der Verleugnung von Jesus und „Gerne will ich mich bequemen, Kreuz und Becher anzunehmen…“ ein äußeres und inneres Bild widerzuspiegeln. Friedrichs Stimme hat große Qualitäten: Sie ist harmonisch miteinander verbunden und bewegt sich frei und leicht – beeindruckend gesungen: „Komm süßes Kreuz“. Als besonders spannend erweist sich die Zusammenführung der Rollen von Judas und Pilatus. Beide Charaktere sind wankelmütig: Judas: „Ich habe übel getan, dass ich unschuldig Blut verraten habe…“, Pilatus:Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.“ Beide übernehmen keine Verantwortung, bemitleiden sich selbst, obwohl gerade sie, die Kreuzigung hätten verhindern können. Mit seinem einfühlsamen Bariton berührt Benjamin Russell mit zarten, fast privaten Empfindungen, ergreifend fühlbar, „sein Leiden“ überträgt sich auf das Publikum.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion - hier : Anna El-Khashem als Sopran, Anna Alàs i Jové als Alt, Ensemble, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Matthäus-Passion – hier : Anna El-Khashem als Sopran, Anna Alàs i Jové als Alt, Ensemble, Chor © Karl und Monika Forster

Beiden Chören und den Turbae (Hohepriester: Martin Stoschka und Aldomir Mollov, Zeugen: Isolde Ehinger und Keun Suk Lee, Magd: Eunshil Jung und Eunyoung Park, Frau des Pilatus: Hyerim Park) unter der Leitung von Albert Horne und Christoph Stiller gelingt es, effektvoll die dramatischen Höhepunkte herauszuarbeiten, eine große Leistung des (Opern)Chors und der Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, der nur selten Gelegenheit hat, ein szenisches Oratorium zu singen. Wenn die aufgestachelten Juden sich zusammenrotten, sich um ausgestreckte Arme und Fäuste scharen, im kollektiven Judaskuss rufen „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ und „Barnabam!“ im dramatischen Aufschrei skandieren, ist es die Erfüllung einer schrecklichen blasphemischen Prophetie. Im Schlusschoral von Teil I hebt Bach den Blick aus der Enge konkreter Anklagen hinaus aufs Menschliche: „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ – hier bleibt kein Raum für eng gestrickte Schuldvorwürfe. Ein einziges Mal ist eine einstimmige Chor- und Orchesterpassage zu hören, in der Jesus bekenntnisartig mit den Worten zitiert wird: „Ich bin Gottes Sohn“. Auch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie unter der neuen Leitung von Niklas Sikner ist glänzend disponiert. Die Mädchenstimmen sind ergreifend. Wenn die Bürger Jerusalems darüber diskutieren, ob Jesus oder Barnabas hingerichtet werden soll, schreien sie sich stumm an, gestikulieren wild mit den Händen.

Konrad Junghänel, Musikalische Leitung, Großmeister der historischen Aufführungspraxis, vertraut den „beiden Orchestern“ des Hessischen Staatsorchester Wiesbaden, die mit wunderbarer Leichtigkeit, nie dominierend, aufspielen. Es gelingt ihm, Bachs musikdramatisches Meisterwerk mit nie nachlassender Intensität zu dirigieren, den innigen meditativen Momenten und dramatischen Ausbrüchen Raum und Aura zu verleihen. Die gewählten Tempi unterstreichen gekonnt den Kontrast des Werkes. Beängstigend in ihrer Dramatik sind die Turba-Chöre: Auch gelingt es Junghänel, die Psychologie einer aufgepeitschten Menge musikalisch in Szene zu setzen – emotional absolut unentrinnbar.

Nach dem ergreifenden Schlussgesang „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ macht sich zunächst ergriffene Stille breit, die in zögernden Applaus übergeht, um dann mit begeisterten Bravi zu enden.

Matthäus-Passion im Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine:  5.2.; 8.2.; 12.2.; 8.3.; 10.4.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Matthäus-Passion – Opernpremiere, 18.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Matthäus-Passion – Oper von Johann Sebastian Bach
Szenisches Oratorium

Premiere Samstag, 18. Januar 2020 19.30 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 22. Januar & 31. Januar 2020  um 19.30 Uhr

 Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) wird ab Samstag, den 18. Januar 2020 um 19.30 Uhr, in der szenischen Umsetzung der »Faust«-Preisgewinnerin Johanna Wehner auf der Theaterbühne des Hessischen Staatstheater Wiesbaden neu erlebbar.

Johanna Wehner hat in Wiesbaden mit der Uraufführung »Schönerland« bereits Gespür für atmosphärische Tableaus und elementare menschliche Fragestellungen gezeigt. Für die Musikalische Leitung dieses Werkes voller großer Chöre und emotionsgeladener Soli zeichnet Barock-Spezialist Konrad Junghänel verantwortlich.

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO - H Gallée

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO – H Gallée

Die Matthäus-Passion, für den Karfreitag 1727 geschrieben, war über 100 Jahre in Vergessenheit geraten, bis Felix Mendelssohn Bartholdy sie 1829 wiederaufführte. Heute wird Bachs wirkmächtige Vertonung der Leidensgeschichte Jesu Christi für zwei Orchester und zwei Chöre als Meisterwerk der Musikgeschichte gefeiert. Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wird sie in der finalen Fassung von 1736 gespielt.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel,  Inszenierung Johanna Wehner, Bühne Volker Hintermeier, Kostüme Su Bühler, Chor Albert Horne, Christoph Stiller, Licht Andreas Frank Dramaturgie Katja Leclerc Theaterpädagogik Luisa Schumacher

Evangelist / Tenor – Julian Habermann, Jesus – Konstantin Krimmel, Sopran Anna El-Khashem,  Alt Anna Alàs i Jové,  Bass / Petrus Wolf Matthias Friedrich, Judas / Pilatus Benjamin Russell

Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Carmen – Georges Bizet

– von Straßenräubern, Deserteuren, Toreros, Soldaten und jungen Hexen mit großen schwarzen Augen…-

von Ingrid Freiberg

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und die Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen, besonders im Kontext des streng religiösen, konservativen Spaniens. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch auch nicht unumstritten ist. Heute, rund 150 Jahre nach ihrem Erscheinen, ist Carmen immer noch ein Begriff, der nichts von seiner Lebendigkeit und seiner Mystik verloren hat. Mit den Facetten der spanischen Kultur war Mérimée vertraut. Besonders in Paris genoss er den Ruf, ein ausgeprägter Spanienkenner zu sein. Während einer Reise 1830 nach Andalusien sog er Emotionen und Gegensätze, Licht und Schatten, das Unterschwellige und Groteske, Könige und Bettler. Prinzessinnen und Räuber, Heilige und Stierkämpfer, Straßenräuber, Häftlinge, Deserteure, Toreros, Soldaten, junge Hexen mit großen schwarzen Augen förmlich auf…

The Making of Carmen  –  Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Zwischen Eros, Lust und Tod…

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

 Georges Bizet (1838 – 1875) erwarb vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Als Reformer der Bühnenpädagogik erarbeitete er sich einen herausragenden Platz in der Theatergeschichte. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique war Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Die Oper wurde 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und wurde zunächst vom Publikum wegen der drastischen Milieuschilderung ablehnend beurteilt. Die Geschichte um das Zigeunermädchen Carmen, den Soldaten Don José, um dessen Verführung und seinen Niedergang als Schmuggler und Mörder, ist der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Bizet hat mit Carmen so etwas wie den Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Bizet erhob die Minderprivilegierten – die verhängnisvoll-verführerische Zigeunerin Carmen und den desertierten Soldaten Don José – zu den Hauptfiguren seiner Geschichte. Erst die frenetischen Kritiken zahlreicher Musikgrößen und der Riesenerfolg einer vor allem tänzerisch aufgearbeiteten Fassung in Wien im Oktober 1875 trugen letztendlich zum Durchbruch der Oper bei. Den Mega-Erfolg erlebte der früh verstorbene Komponist nicht mehr. Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung. Und ausgerechnet der Vorplatz einer Zigarettenfabrik ist Schauplatz des 1. Aktes seiner Oper Carmen!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Die Inszenierung von Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten, also auf der Opéra comique. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die Sängerdarsteller, die lange französische Dialoge bewältigen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas (geschmückte Stechlanzen) in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert.  Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Uwe Eric Laufenberg sieht Carmen als eine Frau, die vom Mann, vom Stier, in den Kampf gezwungen wird. Sie lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben. Sie ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend.  Die flirrende Welt aus militärischer Ordnung und Schmugglerchaos, das Tableau für die unterschiedlichen Charaktere, der tugendhafte Don José, der aufgeplustert eitle Torero, die Zigeunerin, für die das Liebesspiel so frei wie ein bunter Vogel sein soll, die schummrig düsteren Kartenlegerinnen und die gottesfürchtige Micaëla, alle haben eigene Lebensideale. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf ist die Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche zu groß werden, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er einen mittigen rechteckigen Kubus als Trennungslinie nutzt, was rasche Szenen- und Requisitenwechsel ermöglicht. Bühnenraum und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossen Raum. Der Schriftzug „Toros si, corridas no“ auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die sich drehende Bühne und das raumteilende Rechteck lassen auch zu, dass sich Carmen und José nackt in einem rotsamtenen Lotterbett lieben. Auch die furiosen Auf- und Abgänge des Chores werden durch die Bühnenkonzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird gekonnt entsprochen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Sängerensemble meistert lange französische Dialoge – Mit Bravour

Carmen ist eine der wenigen Opernrollen, die von Vertreterinnen verschiedener Stimmgattungen dargeboten werden kann. In erster Linie von Mezzosopranistinnen, aber auch von dramatischen Spielaltistinnen und Sopranistinnen. Mit der Besetzung der Titelpartie steht und fällt der Erfolg. Die ukrainische Sängerin Lena Belkina hat einen warmen, wohlklingenden Mezzosopran, der über blitzsaubere Einsätze und verführerische Habanera-Girlanden verfügt. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten und beliebtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Hier lässt Lena Belkina das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, darstellerisch vermissen und ist auch stimmlich zu kontrolliert. (Eine Aufführung am Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ist mit dem Opern-Entertainment in Bregenz nicht zu vergleichen. Hier reüssierte Lena Belkina 2018…)

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“  beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt den betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Zunehmend singt sich Guèze in die immensen Anforderungen dieser Partie hinein. Am Ende erdolcht Don José seine geliebte Carmen: „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée“.  Christopher Bolduc (Escamillo) gewinnt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. noch nicht voll umfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus voll ausleuchtet.

Es ist nicht immer so, aber diesmal tritt Micaëla als Siegerin auf. Sie bekommt zwar als Bühnenfigur nicht das, was sie eigentlich will, aber Sumi Hwang ist der Lichtblick des Ensembles und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Das brave Bauernmädchen mit strahlendem Sopran, Innigkeit und engagiertem Spiel weiß sich glasklar in Szene zu setzen und wird begeistert gefeiert. Keine Arie wird mehr bejubelt als Je dis, que rien ne m’épouvante im 3. Akt. Sumi Hwangs Auftritt hoch oben auf dem Rechteck gibt dem Publikum, worauf es gewartet hat… Ausdruck, Lebendigkeit und Gefühl.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte und gesungene Unverfrorenheit. Maskulin, machohaft und auffällig präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein perfektes Solisten-Ensemble. Auch Shira Patchornik (Frasquita) und Silvia Hauer (Mercédès) profilieren sich mit Sinnlichkeit und Schmelz auf hohem stimmlichen Niveau. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum und zeigen mit den Fingern ins Publikum. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber angenehm präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastisches Winken. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

GMD  Patrick Lange, Musikalische Leitung, grundiert die bekannten Melodien und die raffinierten Rhythmen von Anfang an mit feurigem Esprit. So wirkt die Partitur stets wie ein vorauseilender Kommentar zur Handlung und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden macht dies mit vielen Zwischentönen und brillanten Farbwirkungen lebendig. Es schafft Spannungsmomente von großer Intensität, ist tadellos fein auf die Sänger abgestimmt und bringt die Sehnsüchte nach der großen erotischen Liebe, die männliche Wut und die animalischen Verlockungen in einen meisterhaften Klangrausch.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT HERZLICH. – GROSSE BEGISTERUNG FÜR SUMI HWANG!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Termine 18.9.; 22.9.; 4.10.; 10.10.; 12.10.; 20.10.; 26.10.; 13.11.2019 und mehr …

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, 14.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Carmen – Georges Bizet (1838 – 1875)

Uraufführung 1875, Libretto Henri Meilhac und Ludovic Halévy, nach der Novelle (1845) von Prosper Mérimée

 
Premiere 14. September 2019, weitere Termine 18.9.; 22.9.2019 

Georges Bizets Opéra comique Carmen ist ab Samstag, den 14. September 2019 um 19.30 Uhr, in einer Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Patrick Lange zu erleben.

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

Carmen zählt bis heute zu den beliebtesten Opern weltweit. Dabei war das Publikum von der Uraufführung schockiert, denn Bizet erhob die Minderprivilegierten – die verhängnisvoll-verführerische Zigeunerin Carmen und den desertierten Soldaten Don José – zu den Hauptfiguren seiner Geschichte. Erst durch nachträglich hinzugefügte Rezitative konnte sich die Oper durchsetzen. Doch am Hessischen Staatstheater Wiesbaden werden wir Ihnen die Urfassung mit Dialogen und deutlichem Bezug zur Novelle von Prosper Mérimée zeigen. Die Titelpartie übernimmt Lena Belkina, Sébastien Guèze singt den Don José.

Musikalische Leitung Patrick Lange, Inszenierung Uwe Eric Laufenberg, Bühnenbild Gisbert Jäkel, Kostüme Antje Sternberg, Licht Andreas Frank Chor Albert Horne Jugendchor Jörg Endebrock Choreografische Mitarbeit Myriam Lifka Dramaturgie Laura Weber, Marie Johannsen

Carmen Lena Belkina, Don José Sébastien Guèze, Escamillo Christopher Bolduc, Remendado Ralf Rachbauer, Zuniga Philipp Mayer, Dancaïro Julian Habermann, Moralès Daniel Carison, Micaëla Sumi Hwang, Frasquita Shira Patchornik / Stella An, Mercédès Silvia Hauer/ Fleuranne Brockway Lillas Pastia Thomas Braun

Chor, Extrachor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Carmen ist auch während der Internationalen Maifestspiele 2020 mit Lena Belkina als Carmen, Brandon Jovanovic als Don José und Alexey Markov als Escamillo zu erleben.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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