Hamburg, Staatsoper Hamburg, Wiederaufnahme Parsifal 19. 04.2019

April 17, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Parsifal ab Karfreitag wieder an der Hamburgischen Staatsoper

Ab Karfreitag, den 19. April 2019, wird die Inszenierung Achim Freyers von Richard Wagners letztem großen Werk Parsifal vier Mal an der Staatsoper aufgeführt. Die Musikalische Leitung hat Kent Nagano. Parsifal ist Robert Dean Smith, Tanja Ariane Baumgartner ist Kundry, Attila Jun und Kwangchul Youn sind alternierend Gurnemanz und Egils Silins ist Amfortas. Des weiteren ist Vladimir Baykov als Klingsor zu erleben.

Mit seinem „Parsifal“ hat Wagner eine komplexe Welt erschaffen. Komplex, weil sie aus so vielen heterogenen Elementen besteht, deren Sinnhaftigkeit schwer nachzuvollziehen ist und oft auf Fährten lockt, die ins Leere laufen. So lassen sich die vielen religiösen Zeichen, Symbole und kultischen Handlungen nur als Teile verstehen, die auf eine Welt verweisen, die nur als Ganzes zu deuten ist. Elemente des Christentums wie Abendmahl, Kelch, Blut, Speer und Taube oder Schopenhauers Idee, dass Mitleid den Menschen aus seiner Ichbezogenheit erlösen kann, auch gnostische und manichäische Motive sind als jeweils einzelne Interpretationsansätze untauglich für den ganzen „Parsifal“. Doch eine theatrale Welt kann einen fiktionalen Kosmos entwerfen, an dem alle diese Elemente wirkungsvoll teilhaben und der dem Publikum die Deutungshoheit seiner eigenen Erlebnisse überlässt.

Richard Wagner
Parsifal

Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Achim Freyer
Mitarbeit Regie: Sebastian Bauer
Mitarbeit Bühnenbild: Moritz Nitsche
Mitarbeit Kostüm: Petra Weikert
Lichtdesign: Sebastian Alphons
Video: Jakob Klaffs/Hugo Reis
Dramaturgie: Klaus-Peter Kehr
Chor: Eberhard Friedrich

Mit: Amfortas Egils Silins, Titurel Tigran Martirossian, Gurnemanz Attila Jun (19./22.4.) Kwangchul Youn (28.4./12.5.), Parsifal Robert Dean Smith, Klingsor Vladimir Baykov, Kundry Tanja Ariane Baumgartner, 1. Gralsritter Ks. Jürgen Sacher, 2. Gralsritter Shin Yeo, 1. Knappe Na’ama Shulman, 2. Knappe Ruzana Grigorian, 3. Knappe Dongwon Kang, 4. Knappe Sungho Kim, Blumenmädchen I, 1 Elbenita Kajtazi, Blumenmädchen I, 2 Ks. Hellen Kwon, Blumenmädchen I, 3 Ida Aldrian, Blumenmädchen II, 1 Ruzan Mantashyan, Blumenmädchen II, 2 Ks. Gabriele Rossmanith, Blumenmädchen II, 3 Nadezhda Karyazina, Stimme aus der Höhe Ida Aldrian, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Unterstützt durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen am 19. (17.00 Uhr), 22. (16.00 Uhr) und 28. (17.00 Uhr) April und 12. Mai (15.00 Uhr) 2019

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck, IOCO Kritik, 15.01.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Hänsel und Gretel –  Engelbert Humperdinck

– Mit Lebkuchen und Kleinbären gegen das System –

Von Julian Führer

Hänsel und Gretel ist eigentlich weder eine Weihnachts- noch eine Kinderoper, doch ist das Stück durch die Rezeption dazu gemacht worden. Bereits die Uraufführung fand an einem 23. Dezember statt (1893 in Weimar unter keinem Geringeren als Richard Strauss), und in der Folge schaute das Publikum oft mehr auf die Lebkuchen als auf das Libretto. Das, was in polemischen Diskussionen eine „werktreue“ Inszenierung genannt wird, müsste das Stück im Juni spielen lassen, wenn die Erdbeeren reif sind und eine Übernachtung im Wald unter freiem Himmel die Kinder nicht erfrieren lassen würde wie im Winter.

Hänsel und Gretel   –  Engelbert Humperdinck
Youtube Trailer der Staatsoper Unter den Linden
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Soll man diese Oper nun als naives Märchen erzählen, als Stück über Gewalt im Elternhaus, über sexuellen Missbrauch? Welche Rolle wird der Knusperhexe zugewiesen: eine reale Bedrohung, eine Knallcharge oder doch das alter Ego der überforderten Mutter? Welche Rolle spielt der Wald? Wenn Achim Freyer inszeniert, ist klar, dass das Publikum nicht einfach Lebkuchen sehen wird. Freyer hat bereits zahlreiche Opern inszeniert (von Orfeo ed Euridice 1982 in Berlin über den Ring des Nibelungen in Los Angeles und Mannheim bis zu Schönbergs Moses und Aaron in Zürich). In seiner Interpretation von Hänsel und Gretel bleibt er sich über weite Strecken treu, indem er auf ein Zusammenspiel plakativer Farben und eine Puppentheaterästhetik setzt.

Die neueröffnete Staatsoper Unter den Linden in Berlin wurde im Zuschauerraum leicht verändert, so dass nicht alle Schwierigkeiten der auf vielen Plätzen problematischen Akustik gelöst wurden, aber doch mit einigen Anpassungen zumindest abgefedert werden konnten. Die Staatskapelle sitzt tief im Orchestergraben. Die Spielfläche ist um eine verbreiterte Balustrade vor dem Orchestergraben erweitert.

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel - hier : Hänsel und Gretel © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel – hier : Hänsel und Gretel © Monika Rittershaus

Zu den ersten Takten des Abendsegen auf der Bühne
Mäuse, Katzen jagen sich; Hänsel und Gretel erscheinen als Kunstfiguren

Die musikalische Leitung lag für diese Aufführungsserie bei Christopher Moulds, eigentlich einem Spezialisten für Barockmusik. Moulds wählte ein grundsätzlich eher zügiges Tempo, verzichtete auf Rubati und markante Tempowechsel und verfiel auch bei der Dynamik nicht in Extreme. Bei den ersten Takten, dem berühmten „Abendsegen“ (zu Beginn in C-Dur), wird es auf der Bühne bereits unruhig: ferngesteuerte Mäuse fangen an zu kreisen, eine überdimensionierte Kreuzspinne wird aus dem Schnürboden herabgelassen. Für die Kinder und ihre Eltern im Publikum gab es also viel zu sehen – und viele Gründe, der Musik keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Eine überlebensgroße Katze macht sich auf die Jagd nach den Mäusen und spielt dann doch mit einem Wollknäuel. Dies alles ist unterhaltsam und ohne Zweifel hübsch anzusehen. Währenddessen gibt es kleinere Abstimmungsprobleme im Orchestergraben. Doch was tut sich weiter auf der Bühne?

Hänsel (Katrin Wundsam) und Gretel (Adriane Queiroz), Foto oben, kommen als Marionettenfiguren auf die Bühne: Sie haben überdimensionierte Kinderköpfe mit Klapperaugen. Für die Stimmen und die Personenführung ist diese ästhetische Entscheidung tückisch, werden die Stimmen doch erheblich gedämpft. An manchen Stellen der Bühne kommt ein starker Nachhall dazu, der vielleicht den weiterhin nicht einfachen akustischen Verhältnissen geschuldet ist. Natürlich sind die beiden Hauptpersonen in ihrem Spiel über Rudern der Arme hinaus eingeengt, und der wohl durch die Riesenköpfe manchmal unmögliche Blickkontakt führt zu bedrohlichen Koordinationsproblemen beim Gesang (etwa bei den ineinandergreifenden Sechzehnteln von „packe dich, trolle dich, schäbiger Wicht“, dem Ende von „Griesgram hinaus“).

Marina Prudenskaya, die die Mutter im Dezember mehrfach auch in Zürich sang, und Vater Peter (Arttu Kataja) tragen Kostüme, die ihre Köpfe hingegen besonders klein erscheinen lassen. Die nicht einfache Partie der Mutter im ersten Bild enthält viele Sprünge, zwischendurch Passagen fast im Parlando, dann aber Spitzentöne wie bei Wagner mit einem am Ende fast brünnhildenhaften hohen h („dann hau ich euch, dass ihr fliegt an die Wand!“). Die Sängerin hatte punktuell mit den Registerwechseln zu kämpfen, szenisch ließ die Inszenierung ihr nicht die Möglichkeit, ihrer Figur eine tiefergehende Charakteristik zu verleihen.

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel - hier : Mutter und Vater Besenbinder © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel – hier : Mutter und Vater Besenbinder © Monika Rittershaus

1997 zeichnete Andreas Homoki an der Deutschen Oper Berlin (die Inszenierung wurde noch 2016 gezeigt) die Mutter voller Mitgefühl als liebende, doch heillos überforderte Figur. Vor gerade einmal zwei Monaten brachte Robert Carsen in Zürich das Stück als beißende Konsumkritik mit der Mutter als dem Alkohol verfallener Prostituierten im Minirock auf die Bühne. Hier an der Staatsoper gehen die Kostüme (ebenfalls von Achim Freyer) zu Lasten einer genauen Charakteristik der Figuren. In der Oper geht ein mit wertvoller Milch gefüllter Topf zu Bruch. Hier ist der Topf überdimensioniert und sieht wie vieles andere aus wie aus Disneys Die Schöne und das Biest. Der Riesentopf verzieht sich einfach nach hinten, es ist nicht nachvollziehbar, wo hier für die Mutter die Katastrophe liegt, und natürlich zerspringt der Topf in der Musik sehr deutlich und sehr schnell, er geht nicht langsam nach hinten ab…

Der Vater, halb Clown, halb Zirkusdirektor, singt erst aus dem rechten Parkettfoyer und wirkt gar nicht so angeschlagen wie bei Humperdinck, der das Stolpern und Lallen des tatsächlich sturzbetrunken nach Hause torkelnden Vaters deutlich komponiert hat. Die an diesem Abend viel beschäftigte Statisterie der Staatsoper steuerte neben vielen anderen mal märchenhaften, mal grotesken Figuren auch eine übergroße Gestalt mit Kochlöffel und großem Loch im Bauch bei – hier endlich mit einem Bezug zu Musik und Text („in dem Beutel ein großes Loch, und im Magen ein größ’res noch. Rallalala, rallalala, Hunger ist der beste Koch!“). Das Orchester hatte inzwischen auch zu einem warmen, satten Klang der tiefen Streicher gefunden, Fagotte und Klarinetten harmonierten, die Flöten waren eine Spur zu laut, doch war die Erzählung „eine Hex‘, steinalt“, von Arttu Kataja auch mit dramatischem Impetus vorgetragen, ein Höhepunkt des ersten Teils.

Im zweiten Bild („Im Walde“) hat sich die Bühne nicht groß verändert. Der Zwiegesang mit dem Kuckuck wird durch geräuschvoll hochgezogene zahlreiche Vogelköpfe am Rand des Bühnenkastens, die die Kinder gleichzeitig überwachen, anschaulich gemacht. Was den Wald ausmacht, ob er etwas Bergendes oder etwas Bedrohliches in sich hat, bleibt in dieser Inszenierung hingegen offen. Die in Musik und Text gerade bei Gretel, aber auch bei Hänsel überhand nehmende Angst war in Freiburg von Thalia Schuster in zwingend-beklemmende und gleichzeitig poetische Bilder gefasst worden; in Berlin bleibt eigentlich alles, auch das Licht, wie zu Beginn. Musikalisch hingegen schön und ergreifend war der Sandmann von Antje Bornemeier in einem Kostüm, das Anklänge an das Spitzbart-Sandmännchen des DDR-Fernsehens (das auch Bestandteil der Vorgängerinszenierung war) hatte. Diese Szene wurde vom Orchester klangvoll und präzise begleitet. Der folgende gesungene „Abendsegen“ (jetzt in D) litt unter Abstimmungsschwierigkeiten der Sängerinnen, besonders vor dem pianissimo „zwei zu meiner Linken“. Die Pantomime knüpfte szenisch dann an das Vorspiel an und verlief im Sande, sie erzählt keine Geschichte, sondern assoziiert frei, während die Musik im Hintergrund verläuft: Misstrauen gegenüber der Musik oder gegenüber der Konzentrationsspanne der jüngeren Besucher? Von links bewegt sich ein großer Frosch auf die Bühne, von hinten rechts kommt ein kleiner Bär mit Flügeln auf einem Dreirad hereingefahren, es ist viel Bewegung auf der Bühne, die jedoch aus der Musik nicht motiviert ist, in ihrer dramaturgischen Aussage unklar bleibt und kalt lässt. Der leuchtende, perfekt ausbalancierte und lang ausgehaltene Schlussakkord nach dem zweiten Bild entschädigte jedoch für manche Unstimmigkeit.

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel - hier : Katrin Wundsam als Hänsel, Juergen Sacher als Knusperhexe, Elsa Dresig als Gretel © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Hänsel und Gretel – hier : Katrin Wundsam als Hänsel, Juergen Sacher als Knusperhexe, Elsa Dresig als Gretel © Monika Rittershaus

Wann kommt denn nun die Knusperhexe?“, fragte einst der Rezensent seine Mutter, als es ihm bei seiner zweiten Aufführung von Hänsel und Gretel kurz einmal langweilig wurde (damals eine Inszenierung von Filippo Sanjust an der Deutschen Oper Berlin mit einer hinreißenden Hexe, die die Kinder mit einem Riesenlolli in ihr Haus locken wollte…). Natürlich ist auch heute der Auftritt der Knusperhexe für viele der Höhepunkt des Abends. Zunächst weckt das Taumännchen (hier besser Giesskannenmännchen) die Kinder. Sarah Aristidiou singt die kurze Partie mustergültig. Hänsel und Gretel rekapitulieren kurz den gemeinsamen Traum von den 14 Engeln (oder eben radfahrenden Kleinbären), bevor es dann ernst wird: „Knusper knusper knäuschen, wer knuspert mir am Häuschen“? Während Hänsel und Gretel immer noch in ihren den Klang dämpfenden Riesenköpfen stecken, wird die Knusperhexe von hinten elektronisch verstärkt – mit dramatischen Folgen für die Klangbalance im Zuschauerraum.

Die Statisterie verkörpert inzwischen bedrohliche Wesen mit glühenden Augen, am hinteren Bühnenrand sieht man diverse Reklamen, und dann kommt die Knusperhexe: zwei Lippen aus Wurst, eine Tasse auf dem Kopf, Augen aus Bonbons. In diesem Kostüm steckte an diesem Abend Jürgen Sacher, ein dunkel timbrierter Tenor mit durchschlagender Spielfreude (sofern es das Kostüm zuließ) und großer Textverständlichkeit, den man gerne einmal als Mime hören würde. Hinreißend das buchstäblich geblökte in die Länge gezogene b bei „fügsam und geduldig wie ein Schaaaf“! Zwei von der Statisterie bewegte Riesenhände fangen die Kinder ein, das hat tatsächlich etwas Magisches. Doch wer ist diese Knusperhexe, und was will sie? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Das groteske Äußere wie aus einem Comic von Edika führt jedenfalls nicht dazu, dass man vor dieser Gestalt Angst haben muss, was sich auch beim musikalisch wilden Besenritt „hurr-hopp hopphopp“ zeigt, der selbst zur komponierten Applauspause das Publikum unbeeindruckt lässt. Mit dieser nachhaltig eingeschränkten Bewegungsfreiheit aufgrund des Kostüms ist die Hexe auch nicht weiter schwierig zu beseitigen – allerdings wird sie schlicht von den Kindern hinter den hinteren Vorhang geleitet, auf den diffus eine Art Ofen projiziert zu werden scheint, und das war es dann. Wie im ersten Bild beim Topf verhindern die ins Riesenhafte vergrößerten Requisiten und Kostüme ein präzises und wirkungsvolles Agieren auf der Bühne. Das Ende ist fröhlich, die Riesenspinne hat jetzt ein großes Laken „Revolutio“ dabei (das N wird auf der Bühne nachgereicht), aber worin besteht die Revolution? Wogegen haben Hänsel und Gretel sich eigentlich aufgelehnt? Gegen die Eltern nicht (anders als bei Katharina Thalbach an der Dresdener Semperoper). Steht die Knusperhexe etwa für das Schweinesystem?

Vieles an dieser Inszenierung hätte auch ohne das Libretto funktioniert. Drehende Spiegelwände sorgen auf die Auftritte und Abgänge der Fabelwesen und Tiere, blenden bei der Bewegung aber auch und geben den Blick auf Technik und Abendspielleitung frei. Wird uns hier absichtlich gezeigt, dass alles nur Theater ist? Achim Freyers Bilderwelten bieten sich für eine Auseinandersetzung mit Hänsel und Gretel ohne Zweifel an, doch bleibt an diesem Abend vieles im Ungefähren, mitunter im Beliebigen.

Dort, wo Präzision tatsächlich unabdingbar ist, im Orchester, tat sich an diesem Abend einiges. Immer wieder gab es Probleme in der Koordination, und auch wenn ein einzelner verpasster Einsatz oder eine falsche Note nicht der Erwähnung wert sein sollte, ist doch in der Summe viel ‚passiert‘: angefangen vom abgerutschten Ton zum ersten Einsatz der Trompete beim musikalischen Auftritt der Hexe während des Vorspiels über den verpassten Einsatz der Oboe zu Gretels „Hokus pokus Holderbusch“ und die Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Graben und Bühne (sicher wegen der Riesenköpfe, zumal wenn Hänsel und Gretel auf dem Laufsteg stehen und den Dirigenten im Rücken haben). Einen rabenschwarzen Tag hatte mindestens ein Horn erwischt, immer wieder war die Intonation unsauber, oder der Ton rutschte ab. Das Holz und die tiefen Streicher boten hingegen eine Ahnung des Wohlklangs, für den die Staatskapelle sonst gerühmt wird.

Die Qualität eines Hauses bemisst sich nicht nur, aber auch an glanzvollen Premieren. Das tatsächliche Niveau erweist sich aber im täglichen Repertoirebetrieb. Die Nagelprobe ist vielleicht eine Vorstellung von Hänsel und Gretel zur Weihnachtszeit, Beginn um 18 Uhr. Hänsel und Gretel wird seit genau 125 Jahren als Weihnachts- und Kinderoper wahrgenommen und mit dieser Erwartungshaltung besucht. Auch am besprochenen Abend waren viele Kinder im Publikum, von denen einige allerdings das Haus bereits zur Pause wieder verließen. Man möchte ihnen wünschen, dass es nicht ihre letzte Oper war.

Hänsel und Gretel in der Staatsoper Unter den Linden: In der Spielzeit 2018/19 sind keine weiteren Vorstellungen vorgesehen.

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Renate Spingler – Peter Galliard – Jürgen Sacher, IOCO Aktuell, 12.12.2017

Dezember 12, 2017 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Staatsoper Hamburg ehrt langjährige Ensemblemitglieder

– Renate Spingler, Peter Galliard, Jürgen Sacher –

Im Rahmen des traditionellen Ensemblekonzerts Bühne frei! am 9. Dezember 2017 wurden die langjährigen  Ensemblemitglieder Renate Spingler  (Mezzosopran), Peter Galliard  (Tenor) und Jürgen Sacher (Tenor) vom Hamburger Senat ausgezeichnet  und erhielten den Titel der Kammersängerin bzw. des Kammersängers für anerkannt hervorragende  Verdienste auf dem Gebiet der Musik.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Wir zeichnen gleich drei  herausragende Künstlerpersönlichkeiten aus, die der Staatsoper Hamburg als  Ensemblemitglieder seit vielen Jahren eng verbunden sind und so die musikalische  Landschaft unserer Stadt geprägt haben. Alle drei waren in zahlreichen und äußerst  vielfältigen Rollen auf der Bühne der Staatsoper zu erleben und sind dank der hohen  künstlerischen Qualität und der Kontinuität ihrer Tätigkeit wichtige Stützen des Ensembles. Mit der Ernennung zu Kammersängern erkennen wir ihr großes  Engagement und ihre herausragenden Verdienste um die Staatsoper an.“

Staatsoper Hamburg / Kammersänger/in - vl Peter Galliard, Renate Spingler, Jürgen Sacher © Jürgen Joost

Staatsoper Hamburg / Kammersänger/in – vl Peter Galliard, Renate Spingler, Jürgen Sacher © Jürgen Joost

Staatsopernintendant Georges Delnon:Der Gedanke des Ensembles ist mir ein besonders wichtiges Anliegen. Neben der Pflege eines reichhaltigen Repertoires ist die  Kunst des Ensemblespiels von herausragender Bedeutung für die Qualität eines Opernhauses. Das Ensemble benötigt Sängerinnen und Sänger, die in ihrer Spielweise  nicht als solitäre Einzelkünstler wahrgenommen werden wollen, sondern Künstler, die  daran glauben, dass es auch um die Tatsache des miteinander Spielens und gemeinsamen Musizierens auf der Opernbühne geht. Nur mit dem Zusammenspiel  eines guten und feinsinnigen Ensembles trifft die Regie auf einen Nährboden für eine Gesamtleistung von Inszenierung, Musikalität und Qualität. Insofern freut es mich  ganz außerordentlich, dass im diesjährigen Ensemblekonzert drei langjährige und  bewährte Ensemblemitglieder geehrt und mit dem Titel des Kammersängers  ausgezeichnet werden.“

Das Motto des diesjährigen Ensemblekonzerts Bühne frei!  lautet Bretter, die die Welt bedeuten. Unter der Moderation von Staatsopernintendant Georges Delnon und der musikalischen Begleitung von Studienleiter Rupert Burleigh gestalten Ensemble-mitglieder einen vielseitigen Abend. Das traditionelle Ensemblekonzert findet zugunsten der Deutschen Muskelschwund-Hilfe e.V. statt.

Biographien:

Renate Spingler begann ihre Gesangsausbildung an der staatlichen Hochschule für Musik in München. Gleich im Anschluss engagierte Prof. Rolf Liebermann 1986 sie als Ensemblemitglied an die Hamburgische Staatsoper. Hier hat sie zahlreiche große Partien verkörpert, so als Gaea („Daphne“), Kabanicha („Katja Kabanova“), Marcellina („Nozze die Figaro“), Herodias („Salome“), Geneviève („Pelléas et Mellisande“), Orlofski („Die Fledermaus“), Marthe (Faus“), Försterin /Eule (Das schlaue Füchslein“),  Flora Bervoix (“La Traviata“), Mère Jeanne („Dialogues des Carmélites“). Ebenso ist Renate Spingler als Lucia („Cavalleria rusticana“/“I Pagliacci”), als Knusperhexe  („Hänsel und Gretel“), Léoena „(La Belle Hélène“), Filipjewna („Eugen Onegin“), als Mary („Der fliegende Holländer“) und als Giovanna („Rigoletto”) zu erleben. Renate Spingler gastiert regelmäßig an Opernhäusern z.B. in Frankfurt, Dresden, Brüssel, Köln und Kopenhagen. Weitere Gastengagements führten sie nach Barcelona, Essen, München (Prinzregententheater), Nagoja (Japan), Tokio, Wien (Theater an der Wien) und Sao Paulo. Die Mezzosopranistin hat mehrere Plattenaufnahmen bzw. CD-Mitschnitte aufzuweisen.

Peter Galliard wurde im schweizerischen Chur geboren und studierte unter anderem am Mozarteum in Salzburg. 1986 engagierte ihn Rolf Liebermann an die Hamburgische Staatsoper, der Peter Galliard seither als Ensemblemitglied angehört. Hier sang er im Laufe seiner Karriere zahlreiche Partien, unter anderem Tamino („Die Zauberflöte“), Jaquino („Fidelio“), Cassio („Otello“), Loge und Froh („Das Rheingold“), Alfred und Eisenstein („Die Fledermaus“), Peter Iwanow („Zar und Zimmermann“), Bardolfo („Falstaff“), den Hauptmann („Wozzeck“), die Knusperhexe („Hänsel und Gretel“), Lenski („Eugen Onegin“), Narraboth („Salome“), Melot („Tristan und Isolde“), Walther von der Vogelweide („Tannhäuser“) und Don Basilio („Le Nozze di Figaro“). Peter Galliard hatte zahlreiche Gastspiele in Deutschland, zum Beispiel an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, der Deutschen Oper Berlin, in Frankfurt, Dresden und Leipzig, aber auch in Japan, Spanien, Frankreich und Israel. Fernseh-, Rundfunk-und Tonträgeraufnahmen dokumentieren sein breit gefächertes Repertoire.

Jürgen Sacher ist seit 1991 Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper. Hier ist er seitdem in zahlreichen Rollen aufgetreten, darunter Andres in „Wozzeck“, Maler in „Lulu“, Truffaldino in Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“, Valzacchi in „Der Rosenkavalier“, David in „Die Meistersinger von Nürnberg“, Junger Mann in „Moses und Aron“, Steuermann in „Der fliegende Holländer“, Peter Iwanow in „Zar und Zimmermann“, Pedrillo in „Die Entführung aus dem Serail“, Walther von der Vogelweide in „Tannhäuser“) Graf Elemer in „Arabella“, Knusperhexe in „Hänsel und Gretel“, Raoul de St. Brioche in „Die lustige Witwe“, Herodes in „Salome“, Novagerio in „Palestrina“, Orontes in Telemanns „Flavius Bertaridus“, Mime und Loge in „Das Rheingold“ sowie Mime in „Siegfried“. Außerdem wirkte er in „Der Meister und Margarita“ als Asasello, in „Ariadne auf Naxos“ als Tanzmeister, in Aribert Reimanns „Lear“ als Graf von Kent sowie in „Peter Grimes“ als Reverend Adams mit. Regelmäßige Konzertauftritte gehören ebenfalls zu den Verpflichtungen des Tenors. Gastspiele führten Jürgen Sacher unter anderem an die Berliner Staatsoper, nach Brüssel, Barcelona, Kopenhagen, an die Mailänder Scala, ans Theater an der Wien sowie zu den Salzburger Festspielen. 

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hamburg |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, 08.12.2017

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Nach vielen Jahren – Hänsel und Gretel an der Lindenoper

8. Dezember 2017: Nach 54 Jahren gibt es erstmals wieder eine Neuproduktion von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden – in einer Inszenierung von Achim Freyer und unter der musikalischen Leitung von Sebastian Weigle

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Am 8. Dezember steht mit Engelbert Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern Hänsel und Gretel in der Regie von Achim Freyer die zweite Premiere der Spielzeit an der Staatsoper Unter den Linden auf dem Programm. Die musikalische Leitung der Staatskapelle Berlin übernimmt Sebastian Weigle. In den Titelpartien sind Katrin Wundsam und Elsa Dreisig zu erleben. Die letzte Neuproduktion von Hänsel und Gretel, eine Inszenierung von Erich-Alexander Winds, feierte am 23. November 1963 Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Die 234. und letzte Vorstellung fand 33 Jahre später am 23. Dezember 1996 statt – seitdem wurde das Stück an der Staatsoper nicht mehr aufgeführt.

Humperdincks Werk überführt das bekannte Märchen in eine humorvolle Erzählung, die auch dank ihres kompositorischen Tiefgangs weit über die Ansprüche einer einfachen Kinderoper hinaus geht. Mit großer Poesie thematisiert sie die Ängste und Wünsche einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, deren jüngste Mitglieder den Verlockungen der bösen Hexe widerstehen. Ein Stoff, der für den großen Künstler Achim Freyer geradezu wie gemacht scheint: In seiner kunstvoll-bunten Inszenierung für alle Altersklassen zeichnet er phantasiereich und mit Humor die Charaktere nach – nicht ohne darin auch Querverweise für die Erwachsenen zu verstecken und u. a. die Verführung von Kindern zum Konsum durch weltumspannende Konzerne zu thematisieren.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Achim Freyer ist Maler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Als Schauspielregisseur arbeitete Achim Freyer u. a. am Berliner Schlossparktheater, am Schiller Theater, am Berliner Ensemble sowie am Wiener Burgtheater. 1988 gründete er das Freyer-Ensemble, mit dem er eine vollkommen eigenständige Theatersprache entwickelte und zahlreiche eigene Stücke realisierte. Darüber hinaus wurden ihm u. a. der Nestroy Theaterpreis, der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Mit seinem bildnerischen Werk ist er regelmäßig auf internationalen Ausstellungen vertreten, dazu zählten u. a. die documenta 6 und 8 in Kassel. An der Staatsoper Unter den Linden führte Achim Freyer u. a. 2008 Regie bei Peter Tschaikowskys Eugen Onegin sowie 2012 bei Rappresentatione di Anima et di Corpo von Emilio de’ Cavalieri. Bei der Inszenierung von »Il barbiere di Siviglia« von Ruth Berghaus, die 1968 Premiere an der Staatsoper feierte, bis heute auf dem Spielplan steht und im April 2018 wieder aufgenommen wird, zeichnete Achim Freyer für das genial-einfache Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich. Auch bei der Neuproduktion von »Hänsel und Gretel« ist Achim Freyer nicht nur als Regisseur, sondern auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich.

Sebastian Weigle studierte Horn, Klavier und Dirigieren an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 1982 wurde er zum 1. Solohornisten der Staatskapelle Berlin ernannt. Nach 15 Jahren als Orchestermitglied war er von 1997 bis 2002 Staatskapellmeister an der Berliner Staatsoper. Von 2004 bis 2009 war er als Chefdirigent am Gran Teatre del Liceu in Barcelona tätig.Nach mehreren erfolgreichen Produktionen an der Oper Frankfurt wurde Sebastian Weigle mit Beginn der Spielzeit 2008/09 dort zum Generalmusikdirektor berufen. An der Staatsoper Unter den Linden dirigierte Sebastian Weigle zuletzt 2015 die Premiere von Der Freischütz in der Regie von Michael Thalheimer.

Die Rolle des Hänsel übernimmt die österreichische Mezzosopranistin Katrin Wundsam, als Gretel ist Elsa Dreisig zu erleben, die seit dieser Spielzeit fest zum Ensemble der Staatsoper Unter den Linden gehört und in der Saisoneröffnungspremiere »Zum Augenblicke verweile doch! Szenen aus Goethes Faust« als Gretchen auf der Bühne stand. Zum weiteren Ensemble zählen in wechselnder Besetzung  Natalia Skrycka, Evelin Novak sowie Roman Trekel, Arttu Kataja, Marina Prudenskaya, Anna Samuil, Jürgen Sacher, Stephan Rügamer, Corinna Scheurle und Sarah Aristidou. Es singt darüber hinaus der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (Einstudierung: Vinzenz Weissenburger).

Zur Einstimmung auf die Premiere findet am Sonntag, den 26. November um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden ein Künstlergespräch statt – mit Achim Freyer, Sebastian Weigle und Elena Garcia Fernandez (Dramaturgie). Katrin Wundsam und Elsa Dreisig werden einen musikalischen Einblick in das Werk geben, begleitet von Pianist Markus Appelt. Die Matinee wird moderiert von der Dramaturgin Larissa Wieczorek. Der Eintritt ist frei.

Am 16. Dezember veranstaltet die Junge Staatsoper um 14 Uhr anlässlich der Premiere einen Familienworkshop, bei dem sich Kinder von 8 bis 14 Jahren und ihre Eltern (bzw. Großeltern oder Paten) gemeinsam auf den Besuch einer Vorstellung vorbereiten können. Am 23. und 29. Dezember finden jeweils um 15 Uhr zwei Familienvorstellungen von Hänsel und Gretel statt, bei denen Kinder und junge Erwachsene unter 18 Jahren auf allen Plätzen nur 10 Euro zahlen, für die Eltern gilt der Originalpreis.

Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden: Premiere 8.12.2017, weitere Vorstellungen 11.12.2017, 12.12.2017, 23.12.2017, 25.122.2017, 29.12.2017

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