Darmstadt, Staatstheater Darmstadt, Uraufführung Ballett Liliom – Tim Plegge, 22.02.2019

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Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt © IOCO

Staatstheater Darmstadt © IOCO

 Liliom – Handlungsballett – Nach Ferenc Molnár

Großes Tanzkino auf dem Rummelplatz des Lebens

Tim Plegges neues Handlungsballett Liliom (Uraufführung) ab 22. Februar 2019 am Staatstheater Darmstadt

Mit seiner neuen Kreation Liliom – basierend auf dem gleichnamigen Schauspiel von Ferenc Molnár – greift Choreograf und Ballettdirektor Tim Plegge zeitlosen Stoff auf: Die Suche nach einem besseren Leben und die damit verbundene Frage, ob ein Mensch aus seinen Mustern ausbrechen kann, bilden den roten Faden durch das Handlungsballett.

Diese Suche wird dem ebenso charmanten wie aufbrausenden Hallodri Liliom schließlich zum Verhängnis. Sein freies Leben auf dem Rummelplatz mit Freundin Julie scheitert und seine Zuneigung mündet immer wieder in Gewalt. Als Julie ein Kind erwartet, lässt er sich aus finanziellen Nöten zu einem Raubüberfall hinreißen, der misslingt.

Die emotionalen Konflikte – Liebe, Verlust und Erkenntnis – zeichnet Plegge sehr körperlich mit einer differenzierten und poetischen Bewegungssprache nach. Gleichzeitig vermischen sich unterschiedliche Gefühlsebenen. Auch das Bühnenbild von Andreas Auerbach ist in Bewegung: Eigens entworfene, blinkende Lichtobjekte sorgen für das Rummelplatz-Feeling.

Musikalisch wie tänzerisch wird groß aufgefahren. Unter der Leitung von Michael Nündel begleitet das Staatsorchester Darmstadt die Tänzer*innen des Hessischen Staatsballetts, die in voller Besetzung tanzen. Gespielt werden große sinfonische Werke von Komponisten wie Rachmaninow, Schnittke, Martinc oder Gorecki, die den spätromantischen Gestus mit Brüchigkeit und Irritation verbinden.

Tim Plegge, Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts, begeisterte sein Publikum zuletzt mit dem Tanzstück Fake für Jugendliche und ihre Fans sowie in der vergangenen Spielzeit mit seinem Handlungsballett Eine Winterreise mit Musik von Hans Zender nach Franz Schubert. Ramon John erhielt für seine tänzerische Interpretation des Wanderers in Eine Winterreise den Faust-Theaterpreis 2018.

Matinee
Am 17. Februar findet um 11 Uhr eine Matinee zu Liliom im Kleinen Haus statt. Tim Plegge, Karin Dietrich, Judith Adam, Andreas Auerbach und Mitglieder des Hessischen Staatsballetts geben einen inhaltlichen Einblick und zeigen Ausschnitte.

—| Pressemeldung Staatstheater Darmstadt |—

Passau, Landestheater Niederbayern, Ariodante – Georg Friedrich Händel, IOCO Aktuell, 25.01.2019

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Landestheater Niederbayern

Landestheater Niederbayern / Prachtvolles-Stadttheater-Passau © Peter Litvai

Landestheater Niederbayern / Prachtvolles-Stadttheater-Passau © Peter Litvai

Ariodante – Georg Friedrich Händel

– Spielarten der Liebe –

Premiere Ariodante,  des Landestheater Niederbayern, in Passau 10.2.2019; weitere Vorstellungen in Passau  am 16.2.; 9.3.; 10.3.2019 und mehr.  In Landshut am 17.2.; 22.2.; 23.2.; 16.3.; 17.3.2019 und mehr. In Straubing 19.2.2019.

Prinzessin Ginevra liebt den Ritter Ariodante. Ihr Vater, der schottische König, ist mit der Hochzeit einverstanden, dem Liebesglück scheint nichts im Wege zu stehen, wäre da nicht Polinesso, der ehrgeizige Herzog von Albany, der ein Auge auf Ginevra und mehr noch auf den Königsthron geworfen hat. Als Ginevra ihn zurückweist, setzt er eine Intrige in Gang, um sie der Untreue zu überführen. Ariodante erliegt der Täuschung und stürzt sich vor Verzweiflung ins Meer, der König ruft zum Gottesgericht, Ginevra droht die Hinrichtung.

Nach einer Episode aus Ludovico Ariosts Versepos Der rasende Roland schuf Georg Friedrich Händel 1735 seine schillernde Barock-Oper Ariodante für das Theater Covent Garden in London. In diesem Meisterwerk wechseln sich dunkle, tieftraurige Arien wie AriodantesScherza infida“ mit hellen Naturszenen von pastoraler Atmosphäre ab. Dabei werden die verschiedenen Spielarten der Liebe beleuchtet – von der reinen und unschuldigen Hingabe bis hin zur manipulativen Kraft von Gefühlen. Die typisch barocken Affektwechsel sind eindrucksvoll gestaltet: Auf die überschwängliche Freude des Beginns folgen tiefe Schwermut und plötzliche Todesangst. Händels Musik erweckt eine höfische Ritterwelt zum Leben, die von Liebeleien, Intrigen und Duellen geprägt ist.

 Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Die geschlechterspezifische Besetzung spielte in der Oper des frühen 18. Jahrhunderts keine große Rolle; im Gegenteil konnte der Geschlechtertausch ein höchst reizvolles Stilmittel sein. Bei der Uraufführung wurde die Partie des Ariodante von einem Kastraten gesungen, Polinesso dagegen von einer Frau (Altstimme).

Musikalische Leitung Margherita Colombo, Regie Stephen Medcalf,  Bühne Karlheinz Beer, Kostüme  Iris Jedamski,  Choreografie Michael Schmieder,

Besetzung: Peter Tilch (Der König von Schottland), Sabine Noack (Ariodante, Vasall des Königs), Maria Pitsch (Ginevra, Tochter des Königs), Mark Watson Williams (Lurcanio, Ariodantes Bruder), Reinhild Buchmayer (Polinesso, Herzog von Albany), Emily Fultz (Dalinda, Hofdame Ginevras), Gabriel Bittner (Odoardo, Günstling des Königs), Ursula Geef (Tänzerin), Sophie Luckeneder (Tänzerin), Loana Oehme (Tänzerin), Judith Speckmaier (Tänzerin), Niederbayerische Philharmonie

—| Pressemeldung Landestheater Niederbayern |—

München, Residenztheater, Heilig Abend – Daniel Kehlmann, IOCO Kritik, 27.01.2018

Januar 29, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn 

Heilig Abend  –  Daniel Kehlmann

 „Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“

Von Hans-Günter Melchior

Da hat sich Daniel Kehlmann sehr viel vorgenommen. Aber nicht alles eingelöst.

Der Polizist Thomas (Michele Cuciuffo), Opfer und Täter des Systems, dem er dient, nimmt die Philosophieprofessorin Judith (Sophie von Kessel) aus einem Taxi heraus unter dem Verdacht fest, zusammen mit dem von ihr geschiedenen Ehemann Peter einen terroristischen Anschlag zu planen. Er weiß so ziemlich alles über das Paar, insbesondere, dass auf Judiths Computer Baupläne über Bomben gefunden wurden und dass die Beschuldigte, Inhaberin eines Lehrstuhls, sich mit dem Theoretiker der „Entkolonialisierung“ Frantz Fanon beschäftigt. Frantz Fanon (geb. 1925 in Martinique, gest. 1961 in Maryland/USA; „Die Verdammten dieser Erde“ u.a.) rief als Aktivist im Algerienkrieg die kolonisierten Völker zu Befreiungsaktionen auf, wobei er „alle Mittel, die Gewalt natürlich eingeschlossen“ einzusetzen forderte.

Residenztheater München / Heilig Abend - hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Residenztheater München / Heilig Abend – hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Das von Thomas Birkmeir inszenierte Stück findet auf einer Bühne statt, die einen Raum zeigt, der einer abriss-reifen Baustelle gleicht. Die Wände bestehen aus halb zerrissenen und herabhängenden Plastikplanen. In dem Vernehmungszimmer befinden sich außer einem Waschbecken noch einige Stühle. Über der Bühne hängt eine Digitaluhr, die zu Beginn die Zeit 22:30 Uhr anzeigt. Das Stück spielt an Heilig Abend, es dauert genau 90 Minuten, endet in der gespielten Zeit also um 24.00 Uhr. Nach dem Gesetz soll dies offenbar der vom Autor intendierte Zeitpunkt sein, an dem die vorläufige Festnahme durch die Polizei endet und die Beschuldigte einem Richter vorzuführen ist. Mehr noch: es ist die zur möglichen Katastrophe hin laufende/ablaufende Zeit.

Die Vernehmung gestaltet sich schwierig. Die Beschuldigte Judith wehrt sich gegen die Festnahme, verlangt mehrfach nach einem Rechtsanwalt. Der Polizist Thomas ignoriert lange ihren Wunsch. Überhaupt muss er sich mehrere schwerwiegende Gesetzesverstöße vorwerfen lassen:

– er belehrt die Beschuldigte nicht über ihre Rechte, insbesondere nicht darüber, dass sie nicht verpflichtet ist, eine Aussage zur Sache zu machen.

– erst nach und nach und keineswegs am Anfang teilt er ihr, und dies auch eher mittelbar, den Gegenstand der Vernehmung mit. Lange ist sie sich im Unklaren darüber, was ihr eigentlich konkret vorgeworfen wird.

– er wird im Laufe der Vernehmung tätlich, schlägt die Beschuldigte zu Boden.

– er versucht, sie zu einem Geständnis zu nötigen, indem er ihr ankündigt, ohne dieses käme sie nie aus dem abgeschlossenen Raum. Er stellt das Geständnis geradezu wie eine Verpflichtung dar. Außerdem erklärt er ihr, im Nebenraum werde ihr ehemaliger Ehemann Peter vernommen. Seinen Äußerungen kann entnommen werden, dass dieser bereits ein Geständnis oder ein weitgehendes Geständnis, das die Beschuldigte mitbelastet, abgegeben hat. Damit wird das sogenannte Gefangenendilemma strapaziert: zwei Mitbeschuldigte werden einer Sache getrennt vernommen, keiner weiß, was der andere sagen wird, ob der ihn belastet, ob er selbst gestehen soll, um sich einen Strafbonus zu verschaffen oder leugnen usw.

– er stützt sich auf Erkenntnisse, die offenbar Ergebnis eines Lauschangriffs sind, von dem man nicht weiß, ob dabei die gesetzlichen Vorschriften beachtet wurden.

Nun ist ein Theaterstück kein juristisches Seminar. Es wäre beckmesserisch, sich mit den rechtlichen Einzelheiten zu beschäftigen, diese der literarischen Qualität des Stücks überzuordnen, beschäftigte sich das Stück selbst nicht lange, viel zu lange gerade mit den Rechtsfragen (da ist der Autor ohnehin auf juristischem Eis ein wenig ausgerutscht). Immer wieder kommt die Beschuldigte Judith auf ihre Rechte zu sprechen, immer wieder verlangt sie einen Rechtsanwalt, lange macht sie zu dem klarer werdenden Vorwurf keine konkreten Angaben.

Nun muss man wissen, dass die Polizei berechtigt ist, einen Tatverdächtigen vorläufig festzunehmen. Nach Ablauf von 24 Stunden ist dieser dem Ermittlungsrichter vorzuführen, der auf Grund der ihm von der Polizei vorgelegten Unterlagen, als der bisherigen Ermittlungsergebnisse, über die Haftfrage zu entscheiden hat. Erst bei der richterlichen Einvernahme hat der Beschuldigte Anspruch auf Anwesenheit eines Rechtsanwalts. Der aber ist an Heilig Abend schwer zu erreichen.

Die Kernfrage, nämlich die Anwendung von Gewalt im Rahmen der Verwirklichung revolutionärer Pläne, streift das Stück lediglich. Die Beschuldigte Judith führt die Zustände im afrikanischen Niger in den Streit mit dem Polizisten ein. Dort, so ihr Argument, werde durch den ausbeuterischen Uranabbau das Grundwasser verseucht, was die Einwohner zwinge, ihr Land zu verlassen. Hier wäre eigentlich ein theoretischer Ansatz, sich vertiefende Gedanken über das Recht zur Anwendung von Gewalt und die humanitären Grenzen des Widerstands zu machen. Und über die Frage der sozialen Gerechtigkeit, das Problem der gerechten Verteilung der Güter, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein weites Feld. Da hält sich Kehlmann – bewusst, wie er im Programmheft behauptet – heraus.

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

In einer kurzen Nebenbemerkung weist zwar die Beschuldigte – entgegen Fanon – Gewaltanwendung zurück, wenn es dabei zu Menschenopfern kommt. Es könnte dies eine taktische Einlassung sein. Die Frage bleibt offen. Denn gleich darauf schweift das Gespräch in private Dinge ab, wendet sich der Frage zu, ob die Beschuldigte ihren ehemaligen Mann noch immer liebt und dergleichen.

Erst am Schluss rückt Judith ziemlich unvermittelt und überraschend mit einem umfassenden Geständnis heraus, wobei sie die Hauptschuld übernimmt. Danach zieht sie aus ihrer Hose eine Pistole (ein völlig unwahrscheinlicher Waffenbesitz, da Festgenommene gründlich durchsucht zu werden pflegen) und tötet sich, genau um 24.00 Uhr, mit einem Schuss in den Mund…

Der Eindruck, den dieser Abend hinterlässt, ist bei aller Meisterschaft der schauspielerischen Darstellung durchaus zwiespältig. Man geht mit dem Gefühl aus dem Theater, dass hier eine Chance vertan wurde, so sehr auch manche sprachlichen Wendungen literarisch zu überzeugen vermögen.

Wollte Kehlmann beweisen, dass die Vernehmungsmethoden schlimmer sind als der mögliche Terror selbst? Dann hätte er freilich weit übertrieben.

Schön ist allerdings die Idee mit der auf der sichtbar platzierten großen Uhr ablaufenden Zeit. Eine High Noon -Assoziation. Es ist unsere aktuelle Zeit, aber auf welche Katastrophe bewegt sie sich konkret zu? Das wäre ein nahezu unerschöpfliches Thema. Frantz Fanon wusste bereits ganz genau, was getan werden sollte.

Heilig Abend  von Daniel Kehlmann, weitere Vorstellungen am Residenztheater: 2.2.2018; 16.2.2018;3.3.2018; 14.3.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Halle, Theater Halle, Herzog Blaubarts Burg – Bremer Freiheit, IOCO Kritik, 09.05.2017

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

  Herzog Blaubarts Burg   und  Bremer Freiheit
„Sinnlichkeit in Pink und Doppelung des Schreckens“

Crossover Inszenierung von Fassbinders Schauspiel Bremer Freiheit und Bartoks Oper Herzog Blaubarts Burg

Premiere 6.5.2017, weitere Vorstellungen 12.5., 21.5., 27.5. und 31.5.2017

Von Guido Müller

Bela Bartoks Operneinakter zum Libretto von Bela Balazs Herzog Blaubarte Burg von 1911 dauert keine Stunde und stellt Opernhäuser immer wieder vor die Herausforderung, ein anderes Werk, häufig eine andere Kurzoper oder ein Ballett damit zu koppeln, um den Opernbesuchern einen vollwertigen Opernabend zu bieten. Dabei stellt das Werk in seinem impressionistischen und expressiven Rausch und seiner Tiefenpsychologisierung schon höchste Anforderungen an das Riesen-Orchester und die zwei Sängerdarsteller des Blaubart und der Judith, die deutlich über Richard Strauss hinaus gehen und die Tür zur modernen Musik des 20. Jahrhunderts weit öffnen. Wegen Unspielbarkeit 1911 in Budapest abgelehnt kam das Werk auch erst 1918 zur Uraufführung.

 Theater Halle / BREMER FREIHEIT © Tobias Kruse

Theater Halle / BREMER FREIHEIT © Tobias Kruse

Am Opernhaus Halle ist die Leitung nun den zunächst ungewöhnlich anmutenden Weg gegangen, den Einakter (in der deutschen Fassung von Wilhelm Ziegler) mit einem frühen Schauspiel von Rainer Werner Fassbinder von 1972 zu verzahnen in einer Crossover-Inszenierung von Thirza Bruncken, die in der Opernregie debütiert.
Wenn man sich bewußt macht, dass auch Bartoks Oper ein gesprochener Schauspiel-Prolog vorangestellt ist (der in Halle den Abend eröffnet und sonst leider oft gestrichen wird) und das Werk zudem der Filmästhetik verwandt ist, wirkt dieses Crossover schon keineswegs mehr so irritierend. Zudem stellt der Prolog die Frage, wo sind eigentlich Bühne und wo Zuschauerraum. Diese traditionelle Trennung mit der Guckkastenbühne versuchen die neuen Produktionen dieser Spielzeit am Musiktheater Halle auf sehr unterschiedliche und originelle Weise aufzuheben.

Das auf den ersten Blick verbindende Element von Schauspiel und Oper ist der Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau, beides Serienmörder. Dargestellt zum Einen in Fassbinders ironisch betitelter „Bürgerlicher Tragödie“ in Gestalt der historischen Massenmörderin Ge(e)sche Margarethe Gottfried, die 1831 in Bremen hingerichtet wurde. Mit dem Ziel der Befreiung aus ihren geschlechtlichen und materiellen Fesseln vergiftet sie nacheinander alle nächsten Angehörigen. Ernsthaft ein Vorbild kann diese Geesche doch für keinen Emanzipationskampf sein. Daher ist das Etikett „Bürgerliches Trauerspiel“ genauso Fassbindersche Ironie wie der Titel Bremer Freiheit und die ganze Handlung schwer ernst zu nehmen.

Theater Halle / Herzog Blaubarts Burg © Tobias Kruse

Theater Halle / Herzog Blaubarts Burg © Tobias Kruse

Bartoks auf einen französischen Märchenstoff zurück gehende Oper rückt auf der anderen Seite symbolistisch-tiefenpsychologisch die verborgenen Wünsche und Begehren des Mannes Blaubart in den Mittelpunkt, denen seine vierte Frau Judith nachspürt. Mit ihrer Liebe will sie die verschlossenen Seelenkammern Blaubarts öffnen und die dunkle Burg erhellen. Am Ende wird sie aber nach dem Blick in Blaubarts Psyche und auf die drei getöteten Vorgängerinnen Morgen, Mittag und Abend zur Nacht erstarren. Blaubart verschwindet ins schweigende ewige Dunkel. Bei allem betörend-baritonalen Schöngesang kann uns dieser narzistische Macho doch kaum echte Bewunderung abverlangen. Der Geschlechterkampf findet keine versöhnliche Lösung in beiden Werken. Geesche wird geköpft, Judith erstarrt und Blaubart versinkt im Nichts. Kein soziales, kein Gender- und kein Märchen-Happy-End …

Die in einem bizzaren, mit Zitaten von Barbie-Puppen-Ästhetik, expressionistischem Stummfilmkino à la Nosferatu und zeitgenössischen TV-Familien-Soaps puppenstilartig bis in die Botox-Masken hinein inszenierten Werke werden durch ein einheitliches Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Christoph Ernst) einer pinkfarbigen Pappmacheburg auf der Drehbühne zusammen gehalten. Dessen geheime Verliese erinnern an das Peiniger-Haus der eingesperrten und gefolterten Natascha Kampusch  und an die Wohnzimmer/Küchen-Ästhetik der Ekel Alfred TV-Serie der 1970iger Jahre „Ein Herz und eine Seele“.

Das öffnet den Blick hinter die Fassaden politischer Korrektheit und bürgerlicher Normalität in das Entsetzen und Exzessive. Das verbindet auch die drei Zeitebenen des mythischen Mittelalters, des frühen 19. Jahrhunderts und der bis heute prägenden 1970iger Jahre dieser Inszenierung. Dieser sezierende Blick in die Abgründe des Menschen, in seine Doppelrolle von Täter und Opfer, in das Erschreckende und die Abgründe des Menschen verbindet Fassbinder und Bartoks Werke, die geradezu sinnliche Lust am Blick auf Obzönität und die Macht des Mordens zeigen, nur getarnt hinter den Masken des Kampfes um die Gleichberechtigung und Freiheit. Die Doppelung der Gleichzeitigkeit von Täter und Opfer, die Janusköpfigkeit des Schreckens, durchzieht den ganzen Abend, der nicht nur Schauspiel und Oper verzahnt sondern auch Extremzustände. Auch die Schauspieler spielen in der Oper Rollen und die Sänger im Schauspiel und doppeln sich über Geschlechterunterschiede hinweg.

Sowohl die Werke wie die konsequent mit verschiedensten Theatermitteln auch der Musikeinspielungen, der Choreographie, des Slapsticks, der Text-Wiederholungen, des Übersprechens, des Films und dem Rollentausch zwischen Männern und Frauen zuspitzende Inszenierung erlauben dem Zuschauer keinen bequemen Theaterabend. Sie gehen unter die Haut. Daher die Empörung und Verstörung, die dieser Abend vielleicht auch gerade wegen der grandiosen musikalischen und guten schauspielerischen Leistungen im Publikum und auch bei mir hinterließ. Darf ein Opernhaus so viel schlechten Geschmack und Grauen slapstickartig zeigen und anprangern? Und dies gerade auch noch in einer Zeit, in der in Halle besorgte Bürger wieder einmal die Verschwendung der Steuergroschen für solche Bühnenexperimente lautstark beklagen, angeführt von einer hiesigen Regionalzeitung. Und in der wieder ernsthaft vor allem von ostdeutscher Seite her um „Leitkultur“ und „deutsche Kulturwerte“ diskutiert wird.

Diese Inszenierung macht deutlich, dass gerade heute die Oper lebendig und risikofreudig solche Experimente eingehen muss, um nicht zur musealen Reservatenkammer zu verkommen, sondern aufzuwecken, peinlich zu peinigen und zu provozieren – wie Bartoks in Ungarn nach der Entstehung sogar verbotene Oper und Fassbinders Stücke in den 1970iger Jahren.
Während das Stück Fassbinders textlich durchaus stark den frühen 1970iger Jahren verbunden eine gewisse Patina angesetzt hat, somit des Pepps der Inszenierung wohl stärker bedarf, bewährt sich in Bartoks immer wieder überwältigender musikalischer Sinnlichkeit und Expressivität seiner Oper die Genialität des Einakters. Schade, dass Bartok nicht wie Puccini ein Opern-Triptychon geschaffen hat.

Die herausragend spielende Staatskapelle Halle unter der straffen und gespannten musikalischen Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech zeigte auf prächtige und berauschende Weise die Qualität der Komposition. Gerd Vogel sang den Blaubart ebenso balsamisch-verführerisch wie bedrohlich-expressiv. Anke Berndt gestaltete souverän und ausdrucksstark den schwierigen gesanglichen Part der Judith. Gedoppelt wurde sie in einigen Sequenzen von der jugendlicheren Gesangsstimme der Felicitas Breest. Alle drei spielten auch in der Bremer Freiheit mit, das wesentlich von den Schauspielgästen Susanne Bredehöft, Thorsten Heidel und Mirco Reseg getragen wurde.
Während Bartoks Oper nach diesem kaum gleichgültig lassenden und unterhaltsamen Abend sicher auch in anderen Koppelungen weiter leben wird, bleibt von diesem Crossover-Experiment der Oper Halle der Eindruck eines bilderreichen, lebendigen Theaterabends, der auch den sinnlichen Reiz der Kombination von Fassbinder-Schauspiel und Bartok-Oper in pink beeindruckend demonstriert hat.

Herzog Blaubarts Burg  und  Bremer Freiheit:  Weitere Vorstellungen 12., 21., 27. und 31.5.2017

—| IOCO Kritik Theater und Orchester Halle |—