Wuppertal, Oper Wuppertal, Die Zauberflöte – Sarastro ist ein Wuppertaler, IOCO Kritik, 16.09.2020

September 16, 2020 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Die Zauberflöte – Wolfgang Amadeus Mozart

Wuppertal – Die neue Heimat von Sarastro, Pamina und Tamino

von Viktor Jarosch

Die Zauberflöte, 1791 geschaffen von Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Librettisten Emanuel Schikaneder, begeistert ungebrochen seit dem Jahr ihrer Uraufführung die Kulturliebhaber aller Länder, sei es in Seoul, Los Angeles oder München, Wuppertal oder Berlin: Die Zauberflöte ist die populärste, meist inszenierte Oper weltweit. Mozarts abgeklärt zeitlose Musik, seine symbolhaften Akkorde, seine rätselhaft mystisch-phantastische Welt rührt jedes Jahr Millionen Besucher. Am Nektar dieses populären Werkes saugen seit 1791 zwangsläufig Legionen von Theater, Regisseuren, Dirigenten, Sänger/nnen.

Die Oper Wuppertal eröffnete am 13. September seine Spielzeit 2020/21 mit der Zauberflöte. Die Besucher feierten ein homogen starkes Ensemble und eine technisch ungewöhnliche wie sprudelnd vielschichtig kreative Neuinszenierung: Viele aktuelle und schräge Bezüge zu Wuppertal machen denn diese Produktion zudem zu einem humorig inspirierenden Event für Einheimische. Nach den Corona-Erfahrungen des abgelaufenen Jahres 2020 könnte diese Zauberflöte auch emotionaler Gesundbrunnen sein. Die Oper Wuppertal – kultureller Richtunggeber der Region und für viele kleinere Theater – zeigt in diesen Zeiten der Pandemie vor kleinem Publikum keine gekürzte, sondern eine vollumfängliche Aufführung der Zauberflöte und von ganz besonderer Art. Chapeau!

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte - hier : Die Königin der Nacht und die Drei Damen werden zur Ouvertüre von Sarastro aus dem Opernhaus geworfen - sind erzürnt © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte – hier : Die Königin der Nacht und die Drei Damen werden zur Ouvertüre von Sarastro aus dem Opernhaus geworfen – sind erzürnt © Jens Grossmann

Klassisch gestaltete Inszenierungen der Zauberflöte sind seit Jahren wenig aktuell. Eine speziell Wuppertaler Zauberflöte hatte der Wuppertaler Opernintendant Berthold Schneider schon in seiner Programmplanung gefordert. Regisseur Bernd Mottl inszeniert denn auch an der Oper Wuppertal eine Produktion, welche die Handlung auf der Bühne durch auffällig moderne Technik (Film, Video) und zahllos skurrile wie lokale Wuppertaler Bezüge neben der wunderbaren Musik Mozarts – auch – zu einem Erlebnis der Sinne macht. Ein Déjà-vu: Schon in der gelungenen Neuproduktion des Liebestrank der Oper Wuppertal im Februar 2020 spielte die Stadt Wuppertal in Form eines Statisten, des riesigen rosa Elefanten Tuffi,  beständig mit.

Bernd Mottl bricht gerne mit klassischen Regieansätzen; an der Oper Wuppertal wird die Zauberflöte zum Volkstheater für Musical Fans wie Opernliebhaber; eine moderner Leichtigkeit gewidmete Animationsshow, musikalisch untermalt von Mozarts Komposition: Bernd Mottl schafft in seiner Die Zauberflöte ein Volkstheater, im welchem, von Film- und Videotechnik brillant gestützt, Märchen und Alltagsrealität mit Mozarts klassischer Komposition beständig changieren; gestützt durch die Bühne und Kostüme von Friedrich Eggert und der Dramaturgie von Sina Dotzert. Das stellenweise bewusst kulissenhafte Bühnenbild greift die Ästhetik bekannter Entwürfe Karl Friedrich Schinkels zu Mozarts Singspiel auch in ironischer Brechung – auf.

Momente opulenten Ausstattungstheaters, so die antik „heiligen Hallen“ und die ehrwürdigen Talare des Sarastro und der Priester wechseln beständig, subtil wie laut, mit modern skurrilem Spiel. Jörn Hartmann zeigt dazu auf einem großen Bühnenschleier beständig aktuelle Filme, Videos, die als zentrales ästhetisches Mittel und als Brücke für Handlungsstränge der Lebensrealität der Wuppertaler begleiten, so am Döppersberg oder auf der Nordbahntrasse. Hervorragend gesteuerte Übergänge zwischen Video und Bühnengeschehen changieren reales Spiel und digitale Fiktion. Die stete Wechsel zwischen Ironie, plattem Alltag und klassischer Erhabenheit, lassen den Besucher, so auch mich, öfters grübeln, ob man wirklich im Theater ist oder nicht vielleicht doch in einem Fantasy-Film. Aus einer Zauberwelt kommend deutet Bernd Mottl, im Hier und Heute spielend, das Wuppertaler Opernhaus zu jenem „Weisheitstempel“ um, der Mittelpunkt von Streit und Machtintrigen zwischen der Königin der Nacht und Sarastro ist.

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte - hier : Die 3 Knaben auf der Bühne und gleichzeitig Schwebebahn fahrend © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte – hier : Die 3 Knaben auf der Bühne und gleichzeitig Schwebebahn fahrend © Jens Grossmann

Die Ouvertüren und die dann folgenden Handlungen werden  beständig durch Vdeossequenzen und Filme auf einem riesigen, 11 x 8 Meter großen, technisch vielschichtigen Bühnenschleier, kein  Vorhang, gestützt, karikiert, begleitet.

Zur Ouvertüre des 1. Aktes leuchtet auf diesem Bühnenschleier der Sternenhimmel des Weltalls auf. Die Erdkugel; dank Google Earth Satelliten-Karte, steigt langsam auf und lenkt den Blick des Besuchers auf langsam größer werdende Erdteile; auf Länder, Städte, Ortsteile um letztlich, gestochen scharf, die Oper Wuppertal von oben zu zeigen. Dann, unmerklich, dem Bühnenschleier erneut sei Dank, wandelt sich die Projektion in einen Film über reales Leben in Wuppertal: Eine riesige Schwebebahn fährt vorüber, Radfahrer, Fußgänger fahren, laufen an der Oper vorbei.

Die erste Handlung der Zauberflöte zeigt sich ebenfalls schon zur Ouvertüre auf dem Bühnenschleier: Die Drei Damen und die Königin der Nacht, in ehrwürdiger Kleidung, werden – Foto oben – aus der Oper geworfen, während Sarastro grinsend hinter einem Fenster der Oper zuschaut. Die Drei Damen und die Königin der Nacht stehen auf, schlendern nun durch Wuppertal, kleiden sich modern ein, kaufen sich einen Imbisswagen, nennen diesen BurgerQUEEN, verkaufen sodann Burger …..

Dieser Imbisswagen, die BurgerQUEEN,  findet sich in vielen Szenen der Handlung auf der Bühne wieder. Nach Ende der Vorstellung verabschiedet er mitsamt den Drei Damen vor den Türen des Opernhauses die Besucher auf ihrem Nachauseweg. Skurril wie originelle Facetten begleitet sodann durch die gesamte Handlung der Inszenierung; im ersten Bild, zu Taminos Arie „Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren…“ fährt (Video) hinter ihm eine riesige Schwebebahn über die Bühne, stoppt, zeigt „Betriebsstörung“ an. Derweil dann, aber ganz real auf der Bühne, Papageno als Strassenkünstler mit einem bunten Fahrrad auftaucht und seine Rezitative als packender Bauchredner mit einer Plüschente austauscht und die Bühne im Handstand (Kompliment) wieder verläßt. Doch auch gewohnte Klassik wird präsent, wenn der antike gestaltete  Tempel der Weisheit   mit pastoral feierlich gekleideteten Priester Würde, Milde ausstrahlt. Der Facettenreichtum der Inszenierung ist insgesamt sehr vielschichtig und entzieht sich so einer knappen Wiedergabe.

Das Programmheft der Oper Wuppertal kündigt diese speziellen Charakter der Zauberflöte schon in der Beschreibung des 1. Aufzug an: „Märchenprinz Tamino landet auf dem Grifflenberg und fürchtet sich … vor der Schwebebahn“.

Die Inszenierung von Bernd Mottl erhält in seiner Besonderheit alle Ingredienzien zum Volkstheater für Musical- oder Theater-Fans wie Opernliebhaber; den Spielplan der Oper Wuppertal wird diese auffällige Inszenierung mit Sicherheit auf Jahre zu finden sein und bestätigt erneut die Entscheidung der Wuppertaler Stadtoberen, welche vor einigen Jahren die mutige Entscheidung gegen ein Stagionesystem und für ein Repertoiresystem mit eigenem Ensemble für die Oper Wuppertal trafen: welches alle Formen von Kultur in Wuppertal dauerhaft halten, fördern sollte. Dies – eigene, neue, junge – Ensemble der Oper Wuppertal „schulterte“ diese so anspruchsvolle Oper, Zauberflöte, stimmlich und darstellerisch homogen wie hervorragend und bestätigt die Richtigkeit der damaligen Entscheidung: Die Zauberflöte der Oper Wuppertal verdeutlicht es: Kultur hat – selbst in Corona-Zeiten – in Wuppertal eigene, lokale, hohe Kompetenz; gibt der Stadt einen eigenen Charakter.

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte - hier : Sarastro und die Priester im Tempel der Weisheit © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte – hier : Sarastro und die Priester im Tempel der Weisheit © Jens Grossmann

Der Besucher ist in dieser Produktion gefordert; zurücklehnen und nur genießen ist nicht angesagt. Natürlich lockt das vielschichte und bunt skurrile Geschehen auf der Bühne und auf dem riesigen wie  ungewohnten Bühnenschleier die Sinne der Besucher an, lenkt ab von Mozarts Weltgeist, von dem musikalischen Geschehen, von Orchester und Stimmen ab..

Doch: George Petrou, Barock-Spezialist, in der Rolle der Musikalischen Leitung und erstmalig an der Oper Wuppertal, und das Sinfonieorchester Wuppertal harmonierten, integrierten sich nahezu zärtlich in das komplexen Bühnengeschehen und führten das harmonische Ensemble unauffällig sicher.

Sangmin Jeon strahlte als Tamino mit kräftig höhesicherem Tenor von Beginn an , siehe oben, große Bühnenpräsenz aus. Simon Stricker als Papageno wiederum gewinnt schon im ersten Bild als Bauchredner und Artist das Publikum; seine vielschichtige Partie des Papageno gestaltete er ebenso überzeugend mit satt-sicherem Bariton, begleitet von der stimmlich wie darstellerisch ebenso gut begleiteten Anne Martha Schuitemaker als Papagena.  Nina Koufochristou meisterte ihre dramatisch anspruchsvollen Koloraturen der Königin der Nacht fast lyrisch klingend mit überraschender Gelassenheit. Sebastian Campione, als Sarastro bereicherndes Mitglied des Ensemble verlieh mit wohl timbrierten Bass seinen großen Arien den klassisch schweren ehrwürdigen Charakter; in darstellerischen Episoden verleiht Campione seiner Partie des Sarastro  humorige Züge. Ralitsa Ralinova als Pamina war stimmlich wie darstellerisch sehr präsent..  Die Drei Damen dieser Zauberflöte, Elena Puszta, Iris Marie Sojer, Joslyn Rechter verdienen der besonderne Erwähnung, begleiten sie doch die Besucher der Oper Wuppertal schon zur Ouvertüre, auf dem Bühnenschleier sichtbar. Ihre folgenden Arien gestalten sie sicher; durch bunte choreographische Einlagen haben auch sie Anteil an dem speziellen Charakter dieser Produktion. Die Verabschiedung der Besucher der nach Ende der Vorstellung auf dem Opernvorplatz, die Drei Damen vor ihrem BurgerQUEEN grüßend, wurde so zum Sahnehäubchen einer inspirierend modern skurrilen Inszenierung, welche diese Zauberflöte für Jahre zu einem Wuppertaler Wahrzeichen, einem kulturellen Aushängeschild macht.

 Oper Wuppertal / Die Zauberflöte - hier : der Schlussapplaus vorne vl Tamino, Papageno, Pamina © IOCO

Oper Wuppertal / Die Zauberflöte – hier : der Schlussapplaus vorne vl Tamino, Papageno, Pamina © IOCO

Das Publikum feierte diese lokal Wuppertalerische Deutung der Zauberflöte mit ungeteilt großem Beifall. So auch das hauseigene Ensemble, welches alle Partien dieser großen Oper so formidabel besetzen kann.

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NB: Die Inszenierung kommt später in der Spielzeit auch in einer verkürzten Fassung für Schulklassen in der Reihe »Große Oper Klein« zur Aufführung. Unter dem Titel »Seitenwechsel« übernimmt dann am Ende der Saison statt des Sinfonieorchesters mit dem Instrumental-Verein Wuppertal erstmals ein Laienorchester bei einer Opernaufführung den Orchesterpart.

Die Zauberflöte an der Oper Wuppertal; die weiteren Vorstellungen: 20.9.; 26.9.; 16.10.; 24.10.; 25.10.; 8.11.; 6.12.; 12.12.;2020; 30.01.2021 und mehr

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Hagen, Theater Hagen, Premiere GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD, 24.06.2017

Mai 22, 2017 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD  von HK GRUBER

LIBRETTO MICHAEL STURMINGER,  nach ÖDÖN von HORVÁTH

PREMIERE 24. JUNI 2017 19.30 UHR, weitere Termine: 30.6.; 5.7., 7.7., 12.7., 15.7.2017, jeweils 19.30 Uhr

Der Zauberkönig, Inhaber einer Puppenklinik, will seine Tochter Marianne mit dem biederen Fleischhauer Oskar verheiraten. Kurz vor der Verlobung trifft Marianne auf den charmanten Alfred, den Verflossenen der reifen Trafikantin Valerie. Er erscheint ihr wie ein Fingerzeig raus aus der engen Kleinbürgerwelt in eine glücklichere Zukunft. Doch die Umstände, sie sind nicht so: Alfred fühlt sich von Marianne eingeschränkt, das Zusammenleben der beiden gestaltet sich ärmlich in jeder Hinsicht, und zudem ist das gemeinsame Kind ein weiterer Hemmschuh. Der Kleine wird bei Alfreds Großmutter und seiner Mutter in der Wachau »ausgelagert«, Alfred sucht wieder Anschluss an seine Vergangenheit, und Marianne bleibt nichts anderes übrig, als im halbseidenen Milieu ihr Geld zu verdienen. Die Katastrophe ist somit vorprogrammiert.

Theater Hagen / Geschichten aus dem Wiener Wald - Kenneth Mattice, Kristine Larissa Funkhauser © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Geschichten aus dem Wiener Wald – Kenneth Mattice, Kristine Larissa Funkhauser © Klaus Lefebvre

Ödön von Horváth schrieb mit dem 1931 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführten Volksstück, dem er das Motto »Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit« voranstellte, ein bitterböses Schauspiel über Selbstbetrug und Lebenslüge: Das Ausgesprochene ist eben nicht als bare Münze zu nehmen, sondern als Maske dessen, was nicht gesagt werden kann oder darf.

Der österreichische Komponist HK Gruber komponierte kongenial (auf Anregung Michael Sturmingers) die gleichnamige Oper, die sich dem Text Horváths verpflichtet fühlt – »Ich habe mich gar nicht als Komponist der Oper gesehen, eher als Dialogregisseur« – und die 2014 bei den Bregenzer Festspielen erfolgreich uraufgeführt wurde. Nach einer Präsentation an der Komischen Oper in Berlin 2016 zeigt das theaterhagen nun als Erstaufführung in NRW die dritte Inszenierung dieses »ständigen Balanceaktes zwischen dem angeblich Schönen und dem porträtierten Elend« (Gruber). Intendant Norbert Hilchenbach, der sich im Laufe seines 45-jährigen Berufslebens mehrfach mit den Geschichten auf der Bühne auseinandergesetzt hat, erarbeitet die Oper als seine letzte Arbeit am theaterhagen.

MUSIKALISCHE LEITUNG  Florian Ludwig, INSZENIERUNG Norbert Hilchenbach, BÜHNE Jan Bammes, KOSTÜM Yvonne Forster, LICHT  Achim Köster, CHOR   Wolfgang Müller-Salow, DRAMATURGIE  Maria Hilchenbach

MIT Marilyn Bennett, Martin Blasius, Andrew Finden, Kristine Larissa Funkhauser, Veronika Haller, Maria Klier, Björn Christian Kuhn, Kenneth Mattice, Joslyn Rechter, Richard van Gemert, Jeannette Wernecke, Philipp Werner, Kejia Xiong, Rainer Zaun; Chor des theaterhagen, philharmonisches orchesterhagen.

PREMIERE 24. JUNI 2017 19.30 UHR, weitere Termine: 30.6.; 5.7., 7.7., 12.7., 15.7.2017, jeweils 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Premiere Alcina, IOCO Kritik, 23.03.2014

März 25, 2014 by  
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Wuppertaler Bühnen

 Alcina von Georg Friedrich Händel begeistert in Wuppertal

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Am vergangenen Sonntag ging im derzeit stark gebeutelten Wuppertaler Opernhaus Georg Friedrich Händels Oper Alcina über die Bühne. Die Premiere am frühen Abend war ausverkauft.

Händel, gebürtiger Hallenser (1685) und Wahlengländer (1712 übersiedelte er nach London), war einer der Großmeister der Barockmusik. Innerhalb von nur wenigen Jahren schuf er mehr als ein halbes Dutzend Opern. 1727 wurde er englischer Staatsbürger.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Alcina wurde am 8. April 1735 vollendet und am 16. April im Londoner Covent Garden Theatre mit stürmischem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto ist von Antonio Fanzaglia nach Ludovico Ariosto, bearbeitet von Antonio Marchi. Es fußt auf eine Episode aus Ariosts Vers-Epos Orlando furioso, das eine unerschöpfliche Quelle für die barocke Operndichtung bot und auch Born für weitere Opern Händels war.

Die Zauberin Alcina verführt reihenweise Männer, die auf ihrer Insel landen. Liebhaber, deren sie überdrüssig ist, werden verwandelt in Steine, Tiere oder auch Pflanzen. Auch der Ritter Ruggiero verfällt der Zauberin und vergisst darüber seine Verlobte Bradamante.

Dies ist die Ausgangssituation. Nun geschieht einiges an Verwechselungen, Enttarnungen und Eifersüchteleien. Am Ende des dritten Aktes zerstört Ruggiero Alcinas Zauberkraft, befreit dadurch deren ehemalige Liebhaber und gibt ihnen ihre menschliche Gestalt zurück. Alcinas Macht ist endgültig gebrochen.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Der Aufbau der Story ist typisch für den Spätbarock. Aus einer ohnehin komplizierten Ausgangssituation entwickelt sich eine aus Missverständnissen, Intrigen und Temperamentausbrüchen verwirrend geknüpfte Handlung. Diese wird fast ausschließlich in den Rezitativen vorangetrieben. Die Arien geben fast nur Stimmungen und Befindlichkeiten wieder.

Der Regisseur Johannes Weigand bemühte sich, meist erfolgreich, die fantastische Geschichte spielerisch umzusetzen und den Handlungsablauf plausibel und nachvollziehbar zu gestalten.

Moritz Nitsche lieferte ihm dazu ein schlichtes Einheitsbühnenbild. Hinter der von jedweden Versatzstücken befreiten Spielfläche ist nur ein mit mehreren Öffnungen versehener Vorhang, auf der nicht ganz eindeutig erkennbare Projektionen erfolgen.

Phantasievoll, der Geschichte und dem überbordenden Barock geschuldet, waren die Kostüme von Judith Fischer. Kompliment!

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Dem Sinfonieorchester Wuppertal, für dieses Werk auf ein Barockensemble (mit einigen historischen Instrumenten) reduziert, gelang es sehr gut unter der Leitung seines Dirigenten Boris Brinkmann, zumindest im zweiten Teil, barocke Klangpracht zu entfalten.

Tadellos sang der Opernchor der Wuppertaler Bühnen seine hier wenigen Aufgaben (Einstudierung: Jens Bingert).

Die Solisten setzten sich mit den Schwierigkeiten barocken Ziergesangs durchwegs achtenswert auseinander. Es wurde ausgezeichnet gesungen. Noch ist derzeit in Wuppertal ein Ensemble von Sängern vorhanden, das allen Anforderungen des Repertoires gerecht wird.

Die Titel gebende dramatische Koloraturpartie der Zauberin Alcina wurde von Elena Fink mit großer Bravour und stimmlicher Attacke (Ombre pallide) gesungen. Kleine Unstimmigkeiten in den Verzierungen der hohen Stimmlage fielen da nicht ins Gewicht.

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen - Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / ALCINA © Wuppertaler Bühnen – Uwe Stratmann

Fabelhaft in Kostüm und Maske war Joslyn Rechter ein “rechtes Mannsbild“.

Mit warm getöntem Mezzosopran und intensivem Spiel gestaltete sie den Ruggiero. Die Arie “Verdi prati, selve amene“ wurde zum vokalen Höhepunkt des Abends.

Dorothea Brandt sang die Morgana (Schwester Alcinas) mit milder Sopran-Stimme, in guter Relation zu der dramatischeren Titelgestalt. Sie legte eine bemerkenswerte Spielfreude an den Tag.

Nohad Becker in der Rolle der Bradamante, verfügt über einen feinen, ausdrucksstarken Mezzosopran. Zugewinne im Volumen wären wünschenswert.

Bei Martin Js. Ohu als Bradamantes Erzieher Melisso ist zwar die Basswuchtigkeit vorhanden, wird aber zu klobig eingesetzt.

Gefallen konnten auch Christian Sturm als Alcinas Feldherr Oronte, sowie Annika Boos (mit feinem lyrischem Sopran) als Alcinas Stiefsohn Oberto.

Großen, lang anhaltenden Jubel gab es im Haus für alle Beteiligten.

IOCO / UGK / 23.03.2014

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Premiere DON QUICHOTTE, IOCO Kritik, 13.04.2013

April 15, 2013 by  
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Kritik

Wuppertaler Bühnen

Packend:   “Don Quichotte“  von Jules Massenet

Von den gut zwei Dutzend Opern, die Massenet geschrieben hat, sind Manon, Werther und Cendrillon feste Bestandteile der internationalen Spielpläne. Allenfalls gehört noch seine 21. Oper Don Quichotte dazu, die 1910 in Monte Carlo aus der Taufe gehoben wurde. Kein Geringerer als Feodor Schaljapin sang damals die Titelrolle des  Ritters von der traurigen Gestalt

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -   v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -  v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

Das Libretto von Henri Cain fußt nicht direkt auf der Dichtung von Miguel Cervantes, sondern auf dem Theaterstück “Le Chevalier de la longue Figure“ von Jaques le Lorrain. Bei Massenet bekommt der Quichotte einen anderen Charakter. Aus dem “wirrköpfigen“ Ritter bei Cervantes wird ein Wohltäter und Idealist. Auch die von Quichotte angebetete Dulcinée erfährt eine Veränderung. Aus dem Bauernmädchen wird eine Kurtisane.

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte - Herrenchor der Wuppertaler Bühnen / Mitte: John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – Herrenchor der Wuppertaler Bühnen / Mitte: John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -  v.l.n.r.: John In Eichen, Martin s. Ohu © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – v.l.n.r.: John In Eichen, Martin s. Ohu © Uwe Stratmann

Die Handlung ist gut gegliedert und auf drei wesentliche Szenen beschränkt. “Leidenschaftlich bringt Quichotte der schönen Dulcinée ein Ständchen. Sie fordert ihn auf, ihr von Banditen geraubtes Diadem zurückzubringen. Im dichten Morgennebel verwechselt der Ritter einen Riesen mit einer Windmühle und wird von deren Flügeln fast erschlagen. Zusammen mit seinem treuen Gefährten Sancho Pansa stöbert er die Banditen auf, von denen er gefangen genommen wird und aufgehängt werden soll. Doch sein mit Inbrunst vorgetragenes Stoßgebet gen Himmel rührt die Räuber, sie lassen ihn frei und geben das geraubte Diadem zurück. Voller Glückseligkeit überreicht er Dulcinée das Diadem und hält um ihre Hand an. Doch sie weist ihn zurück und gibt sich ihm als Kurtisane zu erkennen. Gebrochenen Herzens und verhöhnt von allen flüchtet er mit Sancho Pansa in den Wald. Dort hört er zum letzten Mal die Stimme der Angebetenen und stirbt in Sanchos Armen“ (sinngemäß aus dem Programmheft übernommen).

 
Nun nahmen sich die Wuppertaler Bühnen des Werkes an und konnten einen respektablen Erfolg erzielen.
Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -  Mitte: Joslyn Rechter; vorne: John In Eichen und Chor der Wuppertaler Bühnen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – Mitte: Joslyn Rechter; vorne: John In Eichen und Chor der Wuppertaler Bühnen © Uwe Stratmann

Die Inszenierung übernahm Jakob Peters-Messer, der in Wuppertal schon einige Werke erarbeitet hat. Seine sensible Personenführung schafft für die Sänger viele Freiräume, aber unterstützt auch die Formung des Charakters der jeweiligen Rolle. Mit kleinen Gesten schuf er poetische Stimmungen und fand ohne Effekthascherei zu spielerischer Leichtigkeit und zu einer klar verständlichen Aussage.
Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -  v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – v.l.n.r.: Martin Js. Ohu, John In Eichen © Uwe Stratmann

 
Kongenial ihm zur Seite sein Bühnen- und Kostümbildner Markus Meyer, der eine phantasievolle, aber farblich eintönige Ausstattung kreierte. 
Einige Details: Quichottes Refugium ist eine hübsche fahrbare Badewanne. Für sein Ross Rosinante genügt eine Doppelleiter. Sancho Pansas voluminöses wattiertes Kostüm ist ebenso komisch, wie der Eselskopf hübsch. Die weiße Rückwand mit ihren Türen und Luken ermöglicht viele Effekte. Eine nicht gehende beleuchtete Wanduhr gibt Rätsel auf.     
  
Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte - Joslyn Rechter, John In Eichen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – Joslyn Rechter, John In Eichen © Uwe Stratmann

Am Pult stand Tobias Deutschmann, der den Spannungsgehalt der klangvollen Musik Massenets vorzüglich zur Geltung brachte. Dabei wurde er bestens unterstützt vom Sinfonieorchester Wuppertal, das glänzend disponiert war und dessen seidige Streicher wieder einmal hervorragend zur Geltung kamen. 

 
Sehr gut klingend präsentierte sich der Chor der Wuppertaler Bühnen, den Jens Bingert einstudiert hatte. 
 
Vokal ausgezeichnet und in der Gestaltung sehr spielintensiv überzeugten die Solisten. 
 
John in Eichen blieb der diffizilen Rolle des Don Quichotte stimmlich und darstellerisch nichts schuldig. Wenngleich doch seine enge, nasale hohe Lage  gewöhnungsbedürftig ist.
 
Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte - Mitte: Martin Js. Ohu, John In Eichen / Chor der Wuppertaler Bühnen © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – Mitte: Martin Js. Ohu, John In Eichen / Chor der Wuppertaler Bühnen © Uwe Stratmann

Mit prächtigem, gut klingenden Bass und wirklich überrumpelnder Ausstrahlung war Martin Js. Ohu ein idealer Sancho Pansa, dessen behände Körpersprache immer wieder verblüffte.
 
Ein glänzendes Rollenporträt zeichnete Joslyn Rechter. Ihre Dulcinée war in allen Situationen glaubhaft. Ihr feiner, in allen Lagen ansprechender 
Mezzosopran, hatte viele Farben bereit für diese schillernde Figur, die Massenet mit musikalischer Opulenz ausgestattet hat.
 
Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte -  v.l.n.r.: Chor der Wuppertaler Bühnen / Annika Boos, Boris Leisenheimer, Miljan Molovic, Joslyn Rechter, Miriam Ritter © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Don Quichotte – v.l.n.r.: Chor der Wuppertaler Bühnen / Annika Boos, Boris Leisenheimer, Miljan Molovic, Joslyn Rechter, Miriam Ritter © Uwe Stratmann

Tadellos in Stimme und Spiel präsentierten sich die Sänger der mehr als ein halb Dutzend kleineren Rollen. Von ihnen gefiel besonders der Juan von Miljan
Milovic.
 
Das Publikum feierte alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem, frenetischem Beifall. Diese Produktion sollte man unbedingt gesehen haben.
IOCO / UGK /  13.04.2013

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