Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere – Orpheus in der Unterwelt, 17.02.2019

Februar 11, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

  Orpheus in der Unterwelt  –  Jacques Offenbach

Um Sein und Schein geht es in Jacques Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt, und so enthüllt Regisseur Markus Bothe im Jahr des 200. Geburtstages von Offenbach in seiner Inszenierung eine marode Götterwelt, die keiner mehr braucht, und stellt eine Eurydike in den Mittelpunkt, die sich nicht zum Opfer machen lässt.

Premiere  Sonntag, 17. Februar, 19 Uhr

Nationaltheater Mannheim / Orpheus in der Unterwelt © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Orpheus in der Unterwelt © Hans Jörg Michel

An der Seite von Markus Bothe, der am Nationaltheater Mannheim bereits äußerst erfolgreich Die Heimkehr des Odysseus und Norma inszeniert hat, sind Robert Schweer wieder für die Gestaltung der Bühne und Justina Klimczyk für die Kostüme verantwortlich. In der in Mannheim auf Deutsch gesungenen Operette geben Joshua Whitener und Amelia Scicolone das durch den Tod getrennte Paar Orpheus und Eurydike; die Götter Pluto, Jupiter, Juni, Venus, Diana, Mars, Merkur und Cupido sind Joachim Goltz, Thomas Berau, Marie-Belle Sandis, Estelle Kruger, Iris Kupke (Gast), Ilya Lapich, Uwe Eikötter und Ludovica Bello. Mit von der Partie ist als Styx der legendäre Wagner-Sänger Wolfgang Neumann, bis zu seinem Ruhestand Mitglied des Mannheimer Sängerensembles und Publikumsliebling am NTM. Die Musikalische Leitung hat Benjamin Reiners.

Weitere Vorstellungen finden am 19. und 23. Februar, 3., 8., 15., 23. und 30. März, 4. und 28. April, 1. Juni und 5. Juli statt.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater, La Cenerentola – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 07.01.2019

Januar 8, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

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Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

La Cenerentola – Gioacchino Rossini

– Brautschau mit Hindernissen –

Von Uschi Reifenberg

Es war einmal ein berühmter italienischer Opernkomponist im 19. Jahrhundert mit dem Namen Gioacchino Rossini, der sich entschloss, einen der schönsten Märchenstoffe zu einer Oper zu verarbeiten, nämlich die Geschichte vom Aschenputtel, italienisch La Cenerentola.

La Cenerentola – Als phantastisch-bunte Familienoper 

Für Kinder ab acht Jahren, aber dennoch „Eine Märchenoper für viele Generationen“ wie im Programmheft zu lesen ist, brachte das NTM in einer rundum gelungenen Produktion vom Konzert Theater Bern in der Inszenierung von Cordula Däuper, Neueinstudierung: Claudia Plaßwich, auf die Bühne des Opernhauses ( Premiere: 1.11.17). Wenn man am Ende der Vorstellung glücklich und beschwingt das Theater verlässt, bedauert man in der Tat, dass dies die letzte Aufführung in dieser Spielzeit gewesen ist…

Der komplexe und viel verarbeitete Aschenputtel Stoff hat durch die Jahrhunderte nichts von seiner Faszination und Beliebtheit eingebüßt und bewegt bis heute die Gemüter von Jung und Alt. 1697 erscheint in Frankreich Charles Perraults bedeutende Märchensammlung, in welcher die Geschichte vom Aschenputtel unter dem Titel Cendrillon erstmalig erwähnt ist.

La Cenerentola   –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
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1812 veröffentlichen die Gebrüder Grimm in Deutschland ihre weltberühmte Sammlung, das Märchen vom Aschenputtel weicht bei den Brüdern von der französischen Urfassung lediglich in Details ab, auch Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 in sein Deutsches Märchenbuch. Der Walt- Disney Zeichentrickfilm Cinderella gelangte 1950 zu Weltruhm, der 1973 produzierte tschechische Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erlangte ebenfalls Kultstatus.

2015 nahm sich Hollywood noch einmal der Aschenputtel Story an, die Walt- Disney-Studios produzierten unter der Regie von Kenneth Branagh eine vielgelobte Neuverfilmung, besetzt mit hochkarätigen Schauspielern.

Unter den zahlreichen Opern-Bearbeitungen des Aschenputtel Stoffes wie beispielsweise der frühen Vertonung von 1759 durch Jean-Louis Laruette Cendrillon, bis zu Cinderella von Peter Maxwell Davies im Jahre 1980, ist zweifellos Gioacchino Rossinis komische Oper in zwei Akten die bedeutendste und populärste Adaption.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini ( 1792-1868), einer der produktivsten und flexibelsten Komponisten des italienischen Belcanto und unangefochtener Meister der Opera buffa, erlangte bereits im Alter von 24 Jahren Weltruhm mit einem seiner Meisterwerke, dem Barbier von Sevilla, der ein Jahr vor Cenerentola uraufgeführt wurde. Rossini schuf innerhalb von 19 Jahren 39 Opern, die in ganz Europa gefeiert wurden und führte die Gattung der Opera buffa im 19. Jahrhundert zugleich zum Höhe- und Endpunkt, bevor die Musikdramatiker Wagner und Verdi die führende Rolle in der Opernwelt übernahmen. Ab 1829 zog er sich vom Opernschaffen weitgehend zurück, widmete sich der Lehrtätigkeit sowie auch seiner vielgerühmten Kochleidenschaft und komponierte nur noch vereinzelt Kammermusik.

La Cenerentola ossia la bontà in trionfo, Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte, wie der komplette Titel lautet, wurde in 24 Tagen komponiert und 1817 in Rom uraufgeführt, die Komposition basiert auf dem Libretto von Jacopo Ferretti nach der Märchenfassung von Charles Perrault. Die Oper verzichtet gegenüber dem Märchen auf Magisches und Mystisches und stellt das Element des Komischen in den Vordergrund. Die gute Fee wird beispielsweise durch den Pädagogen Alidoro ersetzt, es gibt auch keinen Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, und der alles entscheidende Ballschuh wird bei Rossini in einen Armreif getauscht, in der Mannheimer Produktion wird er dann allerdings doch wieder zum Schuh…

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Die Inszenierung von Cordula Däuper besticht durch eine perfekt ausgefeilte Personenführung, angereichert mit reichlich Comedy und Slapstic und setzt auf herrlich ironisch-groteske Überzeichnung der Figuren im Stil der Commedia dell’ arte. Däuper überrascht mit einer an Walt Disney orientierten Ästhetik, und zitiert beispielsweise das berühmte Schloss aus dem Cinderella Film, für welches Neuschwanstein Pate stand. Nicht Deutung, sondern lustvolle Unterhaltung steht im Vordergrund. Zauber- und Märchen-Requisiten kommen an passenden Stellen zum Einsatz, wo sie für jene magischen Momente sorgen, die vor allem bei den jüngeren Zuschauern für hörbares Vergnügen sorgen: eine fliegende prunkvolle blaue Kutsche mit Zauberpferd, ein Goldesel, ein großer roter Damenschuh oder ein hinreißendes weißes Ballkleid, das vom Himmel direkt in Aschenputtels Arme herabschwebt oder riesige gemalte Tauben, die in die Wolken flattern.

Die Sänger- Darsteller agieren virtuos, mit ausgelassener Spielfreude und atemberaubendem Tempo, scheinen selbst in den Sog der Rossini-Musik zu geraten, in welchen sie das amüsierte Publikum gekonnt mit hineinziehen. Während der Ouvertüre sieht man ein überdimensionales Buch, dessen Seiten von Cenerentola und dem „Spiritus rector“ Alidoro aufgeschlagen werden. Eine große, verzierte Texttafel als unverzichtbarer Bestandteil des Bühnenbildes liefert nicht nur den laufenden Text in Deutsch-, gesungen wird in italienischer Sprache-, sondern kommentiert auch in witziger Weise das Bühnengeschehen, die Geschichte kann also beginnen:

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Die Schwestern Clorinda und Tisbe, zwei zickige Gören, hausen zwischen herumliegenden Holzbrettern und einem herabgefallenen Kronleuchter im abbruchreifen Hause ihres überschuldeten Vaters Don Magnifico (Bühne: Ralph Ziegler) und streiten sich um die Vorzüge ihrer Schönheit und Begabung. Sie haben angesagte Frisuren, schrillen Kopfschmuck und tragen opulente quietschbunt- aufgeblähte Ballkleider (Kostüme: Sophie du Vinage), jederzeit abrufbereit für den potenziellen Prinzen, der sie vom Fleck weg heiratet. Ihre Stiefschwester Cenerentola alias Angelina hingegen, mit üppiger Blondmähne, in Fetzen gewandet, wird als Dienstmagd gehalten und übel gemobbt.

Don Magnifico, ein abgehängter trotteliger Adliger in Unterwäsche und Krawatte, träumt von einem Goldesel, der ihn vor der drohenden Insolvenz rettet und prompt steigt ein Esel aus der Versenkung hinauf in den Bühnenhimmel, aus dessen Hinterteil Goldstücke herabfallen und die Wohnstube überfluten. Schon kündigt sich die Erfüllung des Glückstraumes der sozial Entrechteten an, denn der Prinz des Landes, Don Ramiro, sucht eilig eine Frau und lädt alle Schönen auf einen Ball in sein Schloss. Die Schwestern sind absolut siegessicher, auserwählt zu werden, auch der Vater wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Zuvor aber will der junge Prinz mit Goldkrone auf dem blondgelockten Haupt noch testen, ob die künftige Gefährtin nicht nur Schönheit, sondern auch Herzensbildung besitzt und er nicht nur wegen seines Ranges, sondern um seiner selbst Willen geliebt wird. Also tauscht er mit seinem Diener Dandini die Kleider und den Status und begibt sich in das Haus von Don Magnifico. Dandini ist ein cooler Machotyp mit hippem hochfrisiertem Hairstyling und genießt die Freiheiten, die ihm der Rollentausch erlaubt. Im Hause von Don Magnifico trifft der Prinz in seiner Verkleidung auf die Dienstmagd Aschenputtel und die beiden verlieben sich auf der Stelle. Clorinda und Tisbe machen sich zum Ball bereit, verleugnen aber Aschenputtel und verbieten ihr vehement, sie zu begleiten. Der kluge Strippenzieher Alidoro, ein Intellektueller mit Strickmütze, verspricht ihr zu helfen.

Im Palast des Prinzen angekommen, wird Don Magnifico zugleich zum königlichen Weineinschenker ernannt, da er sich bereits durch den Weinkeller des Prinzen gezecht hat und sein Amt – schwer angeheitert- auf einem überdimensionalen Fass sitzend, fröhlich ausübt. Die beiden Schwestern umwerben heftig den Prinzen alias Dandini, da erscheint auf dem Fest eine unbekannte verschleierte Schönheit in einem traumhaften Ballkleid, deren Ähnlichkeit mit Aschenputtel alle verblüfft und für heillose Verwirrung sorgt.

Der vermeintliche Prinz umwirbt die unbekannte Schöne, diese bekennt jedoch, bereits einen anderen zu lieben. Als Ramiro, der die Situation belauscht hat, ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt sie ab. Sie überreicht ihm ihren roten Schuh, und fordert ihn auf, sie zu suchen. Aschenputtel wagt hier den Schritt aus Unterdrückung und Abhängigkeit, der ihr den sozialen Aufstieg ermöglicht kann und sie zur selbstbestimmten, liebenden Frau reifen lässt. Dandini und Ramiro schlüpfen nun wieder in ihre wahren Identitäten, die anderen Familienmitglieder müssen zu ihrem Ärger feststellen, leider die Falschen umworben zu haben.

Der echte Prinz macht sich in einer prunkvollen blauen Pferdekutsche auf, seine Angebetete zu suchen, die Kutsche samt Pferd erhebt sich daraufhin wie von Zauberhand geführt in die Lüfte und entschwebt.

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Ein Gewittersturm bricht herein, infolgedessen die Zauberkutsche aus der Flugbahn geraten ist, der Prinz und Alidoro flüchten sich ins Haus von Don Magnifico, um Schutz zu suchen. Dort erkennt Ramiro sofort Aschenputtel wieder und steckt ihr den zweiten roten Schuh an den Fuß. Nun wird Hochzeit gefeiert, das Brautpaar darf – siehe FOTO oben – lilafarben umstrahlt- (Licht: Christian Wurmbach), gefeiert vom Volk, in das rosafarbene Walt Disney Schloss einziehen. Die neidische Verwandtschaft- in schwarzer Trauerkleidung und Sonnenbrille- scheint zunächst dazu verdammt zu sein, den Glanz des Traumpaares nicht nur zu bewundern, sondern auch dafür zu sorgen, dass dieser nicht verblasst. Zähneknirschend polieren und putzen sie nun an der Fassade von Aschenputtels neuer prachtvoller Behausung.

Aber die frisch Vermählte in ihrem Glück, verzichtet auf Rache und verzeiht großmütig ihrem Vater und den Stiefschwestern. Nun gibt es für alle ein rauschendes Happy End und wenn sie nicht gestorben sind …, dann sehen wir sie in der nächsten Spielzeit wieder.

Das Nationaltheater Orchester im erhöhten Graben entfaltet unter seinem Dirigenten Matthew Toogood einen federnden, transparenten und biegsamen Rossini Sound, mit bestechender rhythmischer Präzision, mitreißenden, aber immer kontrollierten Tempi und rauschhaften Steigerungen. Toogood bringt den Farbenreichtum der Rossinischen Partitur zum Blühen, vertraut der üppigen Melodik und zelebriert beglückend schwebende Koloraturen. Er setzt auf wohl dosierte Effekte, und dimmt, wenn nötig, das Orchester zugunsten der Solisten auf das entsprechende Klangniveau. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben sind zu verzeihen.

Als hübsches zierliches Blondpüppchen berührt Sofia Koberidze in der Rolle des Aschenputtel mit innigem Schmelz und glasklaren, akkuraten Koloraturen. Sie vermittelt glaubhaft die Entwicklung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur gütigen selbstbewussten Frau.

Ludovica Bello als schlaksige hochgewachsene Tisbe ist eine Intrigantin wie aus dem Bilderbuch, mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, ihr flexibler Mezzo funkelt mühelos in allen Lagen. Ihre Schwester Clorinda als quirlige, kichernde Zicke mit albernem ausuferndem Kopfschmuck wird von Ji Yoon mit hauchzarten Silbertönen ausgestattet. Die anspruchsvolle Partie des Prinzen ist bei Christopher Diffey bestens aufgehoben, sein angenehm timbrierter lyrischer Tenor schwingt sich in höchste Höhen, die Koloraturen perlen fast immer locker und klar.

Joachim Goltz zieht als Vater Don Magnifico alle Register seines komödiantischen Talents. Der vielseitige Bariton überzeugt einmal mehr sowohl mit kraftvollen heldischen Ausbrüchen als auch mit spielerischer Leichtigkeit. Die meisten Lacher erntet Ilya Lapich in der Rolle des Dieners Dandini, er beherrscht nicht nur alle Tanzstile von barock bis Luftgitarre, sondern amüsiert auch als buffoneske Figur par excellence mit edlem, weichen Bariton. Der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, wird von Dominic Barberi mit satten Basstiefen überzeugend ausgestattet. Der Herrenchor unter der Leitung von Dani Juris lässt auch diesmal keine Wünsche offen.

Nach dieser umjubelten Vorstellung im ausverkauften Opernhaus am Silvester-Vorabend, blickt man mit Spannung auf weitere Sternstunden am Nationaltheater Mannheim im neuen Jahr 2019!

La Cenerentola:  Zur Zeit keine weiteren Termine am Nationaltheater Mannheim

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Mannheimer Sommer mit Don Giovanni, 12. – 22.07.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

– MANNHEIMER SOMMER –

 12. Juli bis  22. Juli –  Mannheim und Schwetzingen

Premiere Don Giovanni   14. Juli um 19 Uhr im

»Das europäische Festival für Musik und Theater von Mozart bis heute«, der Mannheimer Sommer, beginnt am Donnerstag, 12. Juli um 18 Uhr mit einer großen Eröffnungsparade, der School of Narrative Dance, die von der Mannheimer Kunsthalle zum Nationaltheater führt, sowie einer anschließenden Eröffnungsansprache des Mannheimer Oberbürgermeisters Dr. Peter Kurz im Festivalzentrum vor dem Nationaltheater. Neben vielen innovativen, experimentellen Musiktheaterproduktionen sowie Jazz-, Pop-, Crossover- und klassischen Konzerten folgt am Samstag, 14. Juli um 19 Uhr im Opernhaus die Premiere von Mozarts Don Giovanni in der Regie der jungen russischen Regisseurin Ekaterina Vasileva, hervorgegangen aus einem internationalen Regiewettbewerb.

Nationaltheater Mannheim / Don Giovanni © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Giovanni © Hans Jörg Michel

Im Zentrum ihrer Interpretation stehen die komödiantischen Aspekte von Mozarts Meisteroper, eine groteske und disproportionierte Welt, in der die Titelfigur auf der Suche nach immer neuen Erfahrungen ihre Umwelt mit ihrem Egoismus quält. Nikola Diskic singt diesen Don Giovanni, Estelle Kruger und Juraj Hollý sind Donna Anna und Don Ottavio, Ludovica Bello singt Donna Elvira, Amelia Scicolone und Philipp Alexander Mehr sind Zerlina und Masetto, Patrick Zielke gibt Leporello und Hung Sa den Commendatore. Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert das Nationaltheater-Orchester.

Die zweite Vorstellung findet am Dienstag, 17. Juli um 19 Uhr statt, die B-Premiere mit Raymond Ayers als Don Giovanni am Freitag, 20. Juli um 19 Uhr. Weitere Sänger der B-Premiere sind Valentin Anikin, Dorothea Herbert (Gast), Joshua Whitener, Marie-Belle Sandis, Bartosz Urbanowicz, Ilya Lapich (Opernstudio) und Iris Marie Sojer (Opernstudio).

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg –  Richard Wagner

– Gefangen im Spannungsfeld der Extreme –

Von Uschi Reifenberg

Die Tannhäuser Aufführung am Nationaltheater Mannheim (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das Haus am Goetheplatz in der Wagner-Rezeption einnimmt.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner, Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten Wagner Verbandes 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger Emil Heckel (1831-1908). Bis  heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als Wagner Talentschmiede ist das NTM an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist Richard Wagners fünftes Werk und sollte  – bedingt durch vielfache  Umarbeitungen – sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte Wagner, dass er „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet Wagner mit dem Tannhäuser konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber  die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner – und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Chris Alexander aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861. Das Walther Lied im 2. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Die Figur des Tannhäuser stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. Tannhäuser, der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in Tannhäuser – Wagner, dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker Wagner, dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von Chris Alexander hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1. Akt im Venusberg ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: Maren Christensen), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (Susanne Hubrich) in reizvollen choreografischen Formationen (Jaqueline Davenport)  erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, Venus – Maria? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler Tannhäuser das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale Venus gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über Tannhäusers Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, Tannhäuser zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des Venusbergs, findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: Eduard Roth).

Tannhäuser ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den Landgraf Hermann ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der  charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig Tannhäuser zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die Sängerhalle auf der Wartburg des 2. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „Liebe“ kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig,  und in feine Abendrobe gewandet. Chris Alexander spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige Elisabeth – Gegenpol zur Venus -, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die Elisabeth durch Tannhäusers Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in  Opferbereitschaft für Tannhäuser. Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3. Akt sieht man Elisabeth betend an die Marienstatue angeschmiegt, „dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen“ wie Wolfram von Eschenbach aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als Elisabeth klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich Wolfram zu ihr auf die Erde – ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier  Elisabeths ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung Tannhäusers, in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus „milden Lüften“ rote Nebel auf und Venus erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. Wolfram kann Tannhäusers erneutes Eintauchen in die  Sinnenwelt  gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, Tannhäuser ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden  Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

Frank van Aken bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des Tannhäuser mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet – trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den „Erbarm dich mein“– Rufen im 2. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

Astrid Kessler beschreitet mit der Partie der Elisabeth konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Wolfram von Eschenbachs Haltung zu Tannhäuser ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. Thomas Berau gibt dieser Figur genau jenes „mitleidvoll entsagende Wissen“, was Wolfram als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das „Lied an den Abendstern“ ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von  Heike Wessels weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen.  Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

Patrik Zielke mit  wohlklingender Bass wirkt als Landgraf Hermann allerdings etwas zu distanziert. Joshua Whitener ist ein hell auftrumpfender Walther von der Vogelweide, Joachim Goltz gestaltet den Biterolf mit viel  Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind Raphael Wittmer als Heinrich der Schreiber und Philiop Alexander Mehr als Reinmar von Zweter. Auffallend schön singt Amelia Scicolone den jungen Hirt. Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski und Rica Westenberger gefallen in den Rollen der Edeldamen.

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor Alexander Soddy als hervorragender Wagner Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater – Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das Pilgerthema feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der Venus – Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf Venus, von  Soddy in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett Venus – Tannhäuser, welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der Tristan Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der Chor der  Sirenen im 1. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

Nationaltheater Mannheim – Tannhäuser: letzte Vorstellung der Spielzeit  14.6.2018

 

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