Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Naxos DVD, IOCO Rezension

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane – Inszenierung  Deutsche Oper Berlin
– Rauschhaftes auf neuer NAXOS DVD –

von Michael Stange

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold ist nun Dank des für musikalisches Gespür und Entdeckerfreude bekannten Labels Naxos in ausgezeichneter Bild- und Tonqualität als DVD erhältlich.

Bild, Regie und die hohe musikalische Qualität der Aufführung erleichtern so das Eintauchen in dieses durch lange, statische und mythische Szenen geprägte Werk. So leistet die DVD auch einen wichtigen Beitrag zu größeren Verbreitung dieser teilweise verkannten und unterschätzten Oper.

Erich Wolfgang Korngold, (1897 Brünn – 1957 Los Angeles), ist – anders als seine Oper Das Wunder der Heliane – kein Vergessener, wie viele andere seiner Generation. Seine Filmmusiken sind weltbekannt und seine Oper Die tote Stadt stand und steht mit Unterbrechungen seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts weltweit auf den Spielplänen.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Korngold hat neben seinem reichen Schaffen insbesondere als Pionier der Filmmusik in Hollywood heute noch gültige Maßstäbe gesetzt. Beide Karrieren waren Ausfluss seines Genies und seines immenses musikalisches Gespürs. Trotz der Geburt um die Jahrhundertwende war er – anders als die meisten Komponisten seiner Generation – musikalisch und auch bei der Wahl seiner Opernstoffe ein zutiefst im neunzehnten Jahrhundert verhafteter Romantiker.

Die wichtigste Biografie über Erich Wolfgang Korngold von Brendan Carrol – der auch das lesenswerte DVD-Booklet verfasst hat – trägt den Titel Das letzte Wunder. Der Buchtitel fasst den heutigen Blick auf Korngold prägnant zusammen. Sohn eines berühmten Wiener Musikkritikers, erste Kompositionen mit neun Jahren, bewundert von Gustav Mahler, Giacomo Puccini und Richard Strauss, Schöpfer mehrerer Opern- und Konzertkompositionen, Hollywood-Filmkomponist und Oscar-Preisträger. Ein bewegtes Leben in einem stürmischen, erbarmungslosen und mörderischen Jahrhundert, das Europa zwei Kriege, Millionen von Ermordeten und zuvor ungekannten gesellschaftlichen Umwälzungen brachte.

Das Wunder der Heliane ist ein Werk, das im Kern die Themen Macht, Unterdrückung, Lieblosigkeit, Terror und den Ausbruch aus diesen Zwängen durch Tod, Erlösung, Liebe und Freiheit behandelt. Verstöße gegen vermeintlich „sittlich, moralische Regeln“ werden durch ein Gericht geahndet, die Beschuldigten zum Tode verurteilt und am Ende der Oper geht das von der weltlichen Gerichtsbarkeit verurteilte Liebespaar – das auf Erden keinen Platz findet –  in das Himmelreich ein.

Diese Geschichte wird aber nicht in eine dramatisch, packende Handlung gekleidet sondern in eine mystisch, psychologisch freudianisch durchtränktes Oratorium gegossen. Das schon bei der Uraufführung unzeitgemäße Libretto dürfte – neben den antisemitischen Verfolgungen Korngolds – denen er bereits Ende der zwanziger Jahre ausgesetzt war, der zentrale Grund sein, dass die Oper lange vor ihrer ersten szenischen Wiederaufführung nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1970 vergessen war oder bis auf zwei konzertante Aufführungen in London 1959 und 1968 weitgehend unbeachtet blieb.

 Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Nach der Zäsur des 1. Weltkrieges des ersten Weltkriegs war es ein kühnes Unterfangen, im Jahr 1929 eine an die Mythenwelt Wagners angelehnte Oper uraufzuführen. Die expressionistischen Werke Schrekers, Hindemiths und Kreneks spiegelten die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse jener Jahre wieder und nahmen den Ausdruck der Zeit auf. Sie lieferten jene dramatisch pralle Sittengemälde, die dramaturgisch in der Tradition Puccinis standen, dem Zeitgeist entsprachen und vom Publikum aufgesogen wurden.

Das kreidete man Korngold natürlich schon bei der Uraufführung an. Als Korngold in den fünfziger Jahren nach Europa zurückkehrte, war er gegenüber den „Neutönern“ ein musikalisches Fossil und als Hollywood Komponist zugleich ein „Verräter der ernsten Musik“.

So brauchte es für die Renaissance des Werkes nach der konzertante Londoner Wiederaufführung Ende der fünfziger Jahre nahezu vierzig Jahre. Geschuldet war dies wohl insbesondere der musikalisch intensiven Tiefe der Oper, die anderen Musikdramen aus der Zeit der Uraufführung abging. Ein langsames schwelgerisches Konzept, rauschhaft gleißende, berückende und faszinierende Musik paaren sich mit seiner mythologischen, statischen Konzeption. Die fehlenden, perlenartig aneinander gereihten dramatische Momente und das textlich zumindest eigenwillige Libretto erschweren die vollständige Wahrnehmung der Oper und die Verfolgung der Handlung auf der heimischen Klangbühne.

Christof Loys Inszenierung von Heliane an der Deutschen Oper Berlin (Premiere 18.3.2018) hilft die starke musikalische Wirkung im Sinne der Werkaussage darzustellen: In einen Saal der Jahrhundertwende, der an den leer geräumten Saal der Nürnberger Prozesse gegen die NS-Kriegsverbrecher oder den Marlene Dietrich Film Zeugin der Anklage begegnet sich eine in schwarzen, dreiteiligen Anzügen gekleidet Männerwelt. Der Herrscher ist ein wenig hipper und trägt ein schwarzes Hemd zum Anzug. Der Fremde hebt sich als Beschuldigter im Gerichtsverfahren allein durch seinen grauen Anzug ab. Gleiches gilt für die Frauen. Die Botin trägt ein Cocktailkleid, der Chor Kostüme; Heliane erscheint im Marlene Dietrich Look mit Pelz.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Dadurch wird das Geschehen auf die menschliche Tragödie der unglücklich Liebenden und des grausamen, verschmähten Herrschers konzentriert und verdichtet. Die Personenführung ist packend und eindringlich. Die Interaktion der Protagonisten und ihr Spiel entfalten auf der Bühne eine starke dramatische Wirkung.

Musikalisch kommt die Aufführung einem Wunder nahe. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bieten einen flirrenden Klang, der die Sinnlichkeit und die reiche Instrumentation der Oper offenbart. Die dramatischen, aber auch die sirrenden sowie die gleichsam sakralen Passagen werden in umwerfenden Klangfülle und -schönheit dargeboten. Albrecht lässt jeden Aspekt der Partitur aufleuchten. Der Korngold-Sound und auch die eigenen Klangfarben durch die fünf verschiedenen Tasteninstrumente kommen überragend zur Geltung. Dissonanzen reihen sich an schwelgerische Klangmomente. Der ursprünglich wohl auch von Korngold angestrebte Klangstrom wird interpretiert dargeboten und die Musik klingt nie wie ein blasses Puccini-Plagiat. Durch seine Interpretation ist Marc Albrecht so der ideale Botschafter der Musik Korngolds und hat ein musikalisches Gespür für die Partitur gezeigt, dass die Ersteinspielung auf CD aus den neunziger Jahren deutlich in den Schatten stellt.

Der Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin unter Jeremy Bines singen präzise, klangschön und involviert. Das durchsichtige Dirigat begünstigt auch die Sänger die ungemein anspruchsvollen Rollen – die zum Teil über die Anforderungen von Wagner und Strauss hinausgehen.

Das Wunder des Heliane – Erich Wolfgang Korngold
youtube Trailer der Deutsche Oper Berlin
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Gesungen und gespielt wird auf höchstem Niveau. Sara Jakubiak ist eine elegante, darstellerisch zutiefst involvierte Heliane (siehe Trailer oben).Tiefe, Mittelllage und Höhe werden vollendet verblendet. Die dramatischen und innigen Momente und die immensen Steigerungen gelingen ihr klangschön und wirkungsvoll. Durch immense Stimmreserven und ihre unglaubliche Leidenschaft und Rollenidentifikation setzt sie Maßstäbe in der Interpretation dieser nahezu unsingbaren Rolle. Sie meistert die große Arie „Ich ging zu ihm“ mit breitem Atem und hymnischen Steigerungen. Eine Idealbesetzung.

Brian Jagde ist ein junger dramatischer Tenor und der Rolle technisch vollständig gewachsen. Seine leuchtende Höhe und Stimmkultur meistern alle Herausforderungen dieser mörderischen Rolle. Ein beseelter Fremder der diese monströse Partie sowohl gesanglich als auch dramatisch voll ausfüllt. Auch er setzt mit seiner Interpretation Maßstäbe und ist ein weiterer Höhepunkt der DVD.

Okka von der Damerau verleiht der Botin mit rundem Mezzo und dramatischer Attacke botin, Gewicht und durchschreitet ihre Szene mit Emphase. Sicher schwingt sich von der Mittellage sicher in die exponierten Höhen auf.

Josef Wagner ersetzt durch Gestaltung und Interpretation was ihm an heldenbaritonaler Durchschlagskraft und strahlender Höhe fehlt. Sein kalter König ist dem Liebespaar so ein gefährlicher und potenter Widersacher.

Die Deutsche Oper Berlin und das Ensemble haben hier eine Aufführung von großer Wucht Intensität und Musikalität auf die Bühne gebracht, die die Bedeutung Korngolds eindringlich und rauschhaft in Bild und Ton festhält. Ein großer Dank an Naxos, dass diese Aufführung bleibend auf DVD gebannt wurde.

—| IOCO CD-Rezension |—