Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Operngala – Deutsche AIDS-Stiftung, 21.03.2020

Februar 10, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

11. Festliche Operngala    –  Deutsche AIDS-Stiftung

Rolando Villazón führt durch den Abend

Die Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung verbindet hochkarätigen Musikgenuss mit dem Engagement für die gute Sache: Am Samstag, 21. März 2020, um 19.00 Uhr findet sie im Opernhaus Düsseldorf statt – und das bereits zum elften Mal. Das Klassik-Event, das Generalintendant Christoph Meyer 2010 an der Deutschen Oper am Rhein etablierte, hat sich zu einer der wichtigsten Benefiz-Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen entwickelt und einen Gesamterlös von mehr als 1,5 Mio Euro erzielt. Mit ihm konnte die Deutsche AIDS-Stiftung vielen Menschen mit HIV und AIDS individuell und durch die Förderung von Projekten helfen.

Erneut haben sich in diesem Jahr elf international gefragte Opernstars bereit erklärt, zu Gunsten der Deutschen AIDS-Stiftung ohne Gage in Düsseldorf aufzutreten. Auch durch das Engagement der Besucher, Sponsoren, Kuratoren und Förderer der Festlichen Operngala steht am Ende ein Reinerlös, der wie in den vergangenen Jahren in Stiftungshilfen für Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen und Mosambik fließen kann.

Deutsche Oper am Rhein / Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung © Susanne Diesner

Deutsche Oper am Rhein / Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung © Susanne Diesner

Das vielseitige Programm aus Oper, Operette und Musical gestalten die Sängerinnen Joyce El-Khoury, Anita Hartig, Maria Mudryak, Tuuli Takala, Marina Viotti und Ramona Zaharia, die zum Ensemble der Deutschen Oper am Rhein gehört, zusammen mit den Solisten Matteo Lippi, Guido Loconsolo, Jonathan Tetelman, Freddie De Tommaso und Andrey Zhilikhovsky. Begleitet werden sie von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung des italienischen Dirigenten Roberto Rizzi Brignoli. Ein Opernstar führt auch durch das Programm des Abends: Rolando Villazón übernimmt erstmals die Moderation der Festlichen Operngala und begleitet das Publikum mit großer Kenntnis und Begeisterung durch die Welt der Musik. Oberbürgermeister Thomas Geisel übernimmt erneut die Schirmherrschaft der Operngala. Deren künstlerische Leitung liegt bei Alard von Rohr.

„Diese Operngala ist für uns sehr wichtig. Weil wir den Erlös dringend für unsere Hilfen brauchen. Aber genauso, weil wir HIV und Aids zu einem Thema machen können. Denn nur wer über HIV Bescheid weiß, kann sich schützen. Und Vorurteile überdenken“, sagt Kristel Degener, die Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung.

„Im Kalender der Deutschen Oper am Rhein nimmt die Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung nunmehr bereits im elften Jahr einen ganz besonderen Platz ein – als glanzvolles musikalisches Fest der Extraklasse in Verbindung mit gesellschaftlichem Engagement für ein immens wichtiges Anliegen“, sagt Christoph Meyer, der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein. „Mein herzlicher Dank geht an unsere Partner bei der Deutschen AIDS-Stiftung, das Kuratorium und die zahlreichen Förderer und Unterstützer, vor allem aber auch die wunderbaren Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt und aus unserem eigenen Ensemble, die an diesem Abend wieder für den guten Zweck auf ihre Gage verzichten.“

Eintrittskarten für die AIDS-Gala kosten zwischen 49 und 175 Euro, einschließlich eines Begrüßungsgetränks. Sie sind erhältlich im Opernshop Düsseldorf und an der Theaterkasse Duisburg, unter Telefon 0211.89 25 211 oder online über www.operamrhein.de.

VIP-Karten zum Preis von 500 Euro schließen das Galadinner mit Künstlern und Ehrengästen im Anschluss an das Konzert im Foyer des Opernhauses ein. Sie sind nur direkt über die Deutsche AIDS-Stiftung, Tel. + 49 228-60 469 0, oder per E-Mail an info@aids-stiftung.de zu bestellen.

Spenden nimmt die Deutsche AIDS-Stiftung über ihre Website https://aids-stiftung.de/spenden entgegen.


Die Künstlerinnen und Künstler der 11. Festlichen Operngala:


Roberto Rizzi Brignoli genoss seine Ausbildung am renommierten Mailänder Konservatorium, wo Riccardo Muti auf ihn aufmerksam wurde und ihm die Türen zur Scala di Milano öffnete. Dort startete der italienische Dirigent seine internationale Karriere. Jetzt dirigiert er zum ersten Mal in Düsseldorf.

Rolando Villazón ist ein Weltstar – und das nicht nur als Tenor. Als Regisseur war er gerade zum zweiten Mal an der Deutschen Oper am Rhein zu Gast, um Vincenzo Bellinis Oper „I Puritani“ zu inszenieren. Als Moderator versteht er wie wenige andere, die Welt der Musik zugänglich zu machen.

Joyce El-Khoury „ist eine Prima Donna“, schrieb das Harodds Magazine nach einem Auftritt der aus dem Libanon stammenden Sopranistin am Royal Opera House London. Und das Opéra Magazine meinte „seit der Callas nicht mehr eine solche Stimme“ gehört zu haben.

Anita Hartig ist an den wichtigsten Opernhäusern der Welt zu Hause. Mit einem „glasklaren Chablis Grand Cru Vaudesir“ hat Bachtrack ihre Stimme verglichen und auch die New Yorker Presse zeigte sich begeistert vom „seidenen Klang“ der rumänischen Sopranistin, die an der Wiener Staatsoper ebenso wie an der MET gefeiert wird.

Matteo Lippi: Als Verdis Alfredo („La traviata“) und Duca („Rigoletto“), Puccinis Rodolfo („La Bohème“) und Pinkerton („Madama Butterfly“) begeistert der Genueser Tenor derzeit auf den Bühnen von Venedig und Moskau, Dubai, Tokio und Glyndebourne.

Guido Loconsolo Vom Barock über Mozart bis in die italienische Romantik reicht das Repertoire des italienischen Bass-Baritons, der von der Scala di Milano aus seine internationale Karriere startete und sich in Tel Aviv als Basilio gerade auf die Premiere von Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ vorbereitet.

Maria Mudryak Mit ihrem lyrischen Timbre und überzeugender Bühnenpräsenz erobert sich die aus Kasachstan stammende Sopranistin derzeit die internationalen Bühnen. 2017 gewann sie bei Placido Domingos Operalia-Wettbewerb. Zu ihren Partien zählen Violetta („La traviata“), Gilda („Rigoletto“) und Mimì („La Bohème”).

Tuuli Takala: Mozarts Königin der Nacht ist eine Paraderolle der finnischen Koloratursopranistin. Die Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe ist Ensemblemitglied der Semperoper Dresden und singt als Gast u. a. an der Royal Opera London und in Glyndebourne.

Jonathan Tetelman: „The guy’s a total star“, schrieb die New York Times über den chilenischen, mit zahlreichen Preisen geehrten Tenor, der auf den nord- und südamerikanischen Bühnen ebenso zu Hause ist wie in Europa. An der Royal Opera in London kann man ihn derzeit als Rodolfo in Puccinis „La Bohème“ erleben.

Freddie De Tommaso gewann 2018 den 55. Tenor Viñas Contest in Barcelona. Sein Engagement im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper stellte die Weichen zu seiner internationalen Karriere, die ihn nun an die großen Bühnen in London, Amsterdam, Dresden, Wien und Berlin führt.

Marina Viotti Erfahrungen mit Jazz, Gospel und Heavy Metal gingen dem klassischen Gesangsstudium der Schweizer Mezzosopranistin voraus. Es folgten Gewinne mehrerer großer Wettbewerbe, sowie Engagements an die Bühnen von Mailand, Barcelona, München und Dresden.

Ramona Zaharia: Als Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein wurde die rumänische Mezzosopranistin zu Beginn der aktuellen Spielzeit für ein großes Debüt gefeiert: Ihre Dalila in Camille Saint-Saëns‘ „Samson et Dalila“ vereine „das ganze Spektrum von Wohllaut, Schmeichelei, Gurren bis zu kalter Rache“, hieß es in der Rheinischen Post. Als Carmen gastiert sie 2020 zum zweiten Mal an der Metropolitan Opera New York.

Andrey Zhilikhovsky Aus Moldawien stammend machte der Bariton seine ersten Bühnenerfahrungen in St. Petersburg und Moskau. Aktuell ist er in Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ in Berlin zu erleben sowie mit Puccinis Marcello und Schaunard („La Bohème“) an der Bayerischen Staatsoper und der MET in New York.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Berlin, Komische Oper, La Bohème – Giacomo Puccini , IOCO Kritik, 01.02.2019

Februar 1, 2019 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

La Bohème – Giacomo Puccini

– Selfie mit Mimi – Erinnerungen an eine vergangene Zukunft –

von Kerstin Schweiger

 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist der Titel eines Aufsatzes des Philosophen Walter Benjamin, den er 50 Jahre nach der Uraufführung von La Bohème 1935 veröffentlichte. Darin stellt er u.a. die Theorie auf, dass ein Kunstwerk, ein Gemälde, eine Zeichnung, im Augenblick lebendig ist und in diesem Augenblick eine für den Rezipienten erkennbare einzigartige Aura hat. Mit der Reproduzierung von Kunstwerken durch technische Mittel, wie z.B. in der Fotografie verliert das Kunstwerk die Aura.

La Bohème  –  Giacomo Puccini
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Der Boheme-Begriff, den Puccini für seine Oper aufgriff, besitzt selbst eine einzigartige Aura, die in dem Sein und Denken der handelnden Figuren und in der musikalischen und textlichen Struktur dieser Oper selbst begründet liegt. Sie sind Bohémiens, ein Typus junger Leute, die unkonventionell und anti-bürgerlich das Leben, die Liebe, die Kunst und sogar die Armut feiern. Hedonisten der Kunst, Sprachakrobaten, Narzisten, großherzige Egoisten. Eine „Generation Selfie“, wie sie der französische Schriftsteller Henri Murger zu seiner Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts als Porträt seiner Freunde und Rückgriff auf sein eigenes Leben im legendären Pariser Künstlerviertel verewigte.

Murger hatte mit seinen „Scènes de la Vie de Bohème“ eine Art Blog geschrieben. Der Roman und die 1896 uraufgeführte Oper schildern das Leiden, Feiern und Lieben einer frühen Subkultur, die in der Folge der Julirevolution 1830 in Frankreich die liberale bürgerliche Bewegung in Europa stärkte.

La Bohème  – Einführung von Regisseur Barrie Kosky
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Murger verbrachte Jugend unter den Buveurs d’eau („Wassertrinkern“), einer Gruppe von Bohémiens im Pariser Quartier Latin. In seinem Roman tauchten seine realen Freunde auf. Im Vorwort seines Romans heisst es: „Die Bohème hat ihre eigentümliche Sprache, einen Jargon. Ihr Wörterbuch ist die Hölle der Rhetorik und das Himmelreich des Neologismus … Ein fröhliches, ein schreckliches Dasein!!“

Henri Murger Paris © IOCO

Henri Murger Paris © IOCO

Puccini selbst hatte, während er die Oper schrieb, den „Club La Bohème“ gegründet. Als eine Erinnerung einer Gruppe von Künstlern, Malern, Schriftstellern an gemeinsame Jugendjahre. Er ruft den Geist des Romanciers Henry Murger auf und transportiert ihn ins Heute. Und so wird Puccinis Oper La Bohéme zu einem Kunstwerk der Selfisten.

Benjamins Theorie und Murgers Hintergrund zu kennen, erleichtert es, den Kunstgriff zu verstehen und zu genießen, den Barrie Kosky bei seiner Interpretation von Puccinis „La Bohème“ 2019 an der Komischen Oper wählt. Denn Kosky greift folgerichtig die Anfänge der Fotografie um 1860 als einschneidenden Wendepunkt in seiner Inszenierung auf. Sechs junge Menschen zeigen einen Ausschnitt ihrer Lebenswirklichkeit und halten diese auf Fotoplatten fest, vergleichbar dem heutigen Selfie-Modus.

In Jordan de Souza hat Kosky einen musikalischen Mitstreiter, der real und temporeich auf lieblich-süßliche Orchesterromantik verzichtet und stattdessen mit klaren Klängen den Sängerdarstellern die Möglichkeit gibt mit den Orchestermotiven und – Kommentaren in einer Art Alltagssprache zu kommunizieren.

La Bohème  –  Giacomo Puccini
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Jenseits von inflationär eingesetzten Rubati und langgezogenen Tempi, die sich bei der musikalischen Interpretation vielfach eingebürgert haben, liegt der Schwerpunkt auf dem erzählerischen Charakter der Partitur, auf dem musikalisch Konkreten der dramatischen Handlung und der geschilderten Gefühle.

Das Leben ist groß! Und es ist kalt … am Weihnachtsabend um 1830, im Pariser Quartier Latin. Nicht für die Miete, nicht fürs Feuerholz und nicht fürs Festmahl reicht das Geld der Bohémiens Rodolfo, Marcello, Colline und Schaunard. Zwar sind sie mittellos, doch reich an Lebenslust und im Herzen ganz entflammt: Der Poet Rodolfo liebt Mimì, sein Freund Marcello verfällt, einmal mehr, der schönen Musetta. Die Künstler feiern, streiten, leiden und lieben durch den Winter – bis Rodolfo, aus finanzieller Not und Überforderung, die todkranke Mimì verlässt. Erst im letzten Augenblick realisieren er und die Freunde, welche Geschenke die Liebe und ihr Leben sind … doch es ist zu spät.

Dreh- und Angelpunkt von Koskys Inszenierung ist die Fotografie. Auf der großenteils leeren Bühne ist die altertümliche Kamera von Beginn an präsent.

Marcello ist ein Fotograf, der seine Modelle vor künstlichen Hintergrundpanoramen ablichtet, der die Wirklichkeit abbildet so wie es der Schriftsteller Rodolfo als Murgers Alter Ego tut. Er schießt Erinnerungsfotos, die die Liebe, die Unbekümmertheit, den Alltag und schließlich das Sterben von Mimi dokumentieren.

Die Kamera hält, ähnlich wie im Vorwort von Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin zitiert, dieses Szenen aus dem Leben der Bohème unkommentiert fest. „Ich bin eine Kamera mit weit geöffneter Blende, passiv aufzeichnend, nicht denkend“. Die Kamera übersieht nichts, sie dokumentiert das Lebensgefühl der Bohèmiens. Der Bezug zu Isherwoods Roman Goodbye to Berlin und der daraus adaptierten Bühnenmusical und der Verfilmung Cabaret liegt nahe.

Komische Oper Berlin /   La Bohème - Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin /   La Bohème – Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Rodolfo und Isherwood alias Cliff Bradshaw sind seelenverwandt, Mimi und Musetta Schwestern von Sally Bowles, alle eint jeweils ein riesiges musikalisches Selfie.

Ein Faszinosum wie uns heute die Sehnsucht nach der Weimarer Republik und dem rauschhaftem kolportierten Lebensstils einiger weniger Begünstigter zu packen scheint. Nicht umsonst sind Bohème Sauvage Parties, wo man im Stil der 20er Jahre feiert, oder Volker Kutschers sensationell verfilmte Romane schwer im Trend.

Zum zentralen Gestaltungselement der Ausstattung von Rufus Didwiszus (Bühne) wird die kurz zuvor entwickelte Technik der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie. Ihr visueller Charakter zeichnet sich durch metallische Oberflächen und eine grau-schwarze Farbigkeit aus. Eine besondere und ganz charakteristische Einschränkung gibt es beim Betrachten der Bilder: Die Schattenpartien der Aufnahmen werden durch blankes Silber repräsentiert. Die Rückwand der Bühne besteht in Bild 1 und 4 aus riesigen Daguerre-Fotoplatten. Die einst so überraschend lebensnahen, heute aber stark verblassten Abbilder werden zum Sinnbild für Vergänglichkeit: ein vergängliches Leben, eine vergängliche Jugend, eine vergängliche Liebe …

Benjamin definierte den Begriff der „Aura“, als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“. Die Aura besteht gerade aus der Einmaligkeit und der in sich getragenen Geschichte eines Kunstwerks. Folgerichtig ist das zweite Bild im Café Momus eine nachkolorierte Bild-Postkarte, die das Lebensgefühl, die Aura, einer antibürgerlichen hedonistischen Bohème in einem stilisierten Toulouse-Lautrec-Paris abbildet. Varieté-Tänzerinnen, Transvestiten, Nonnen, Kellner, Dandys und Damen, kreisen vor einem fotografischen Paris-Panorama auf der Drehbühne wie auf einem Cabaret angerichtet, vor dem Publikum.

Das Cafe Momus könnte aber genauso gut der Kit Kat Club im Film-Musical Cabaret sein oder das Moka Efti, wenn am Ende dieses Bilds das gesamte Ensemble an der Rampe tanzt. Der legendäre Nachtclub im Berlin der 20er Jahre ist uns durch die Serie Babylon Berlin wieder ins Bewusstsein gerückt.

Komische Oper Berlin / La Bohème - Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / La Bohème – Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Chor und Kinderchor meistern die schnellen Tempi aus dem Graben mit Bravour. Gestalterisch groß zeichnen die Chorsolisten ein lebendes Sittenbild von Toulouse-Lautrecs Postkarten-Paris. Beeindruckend die offenen laufenden Umbauten im Momus-Bild. Die Stage-Hands verschmelzen mit der Szene, bei drehender Bühne zieht ein Panorama-Paris am Zuschauer vorbei.

Ein junges Ensemble aus einem Guss verkörpert mit vibrierender Lebendigkeit Liebe und Leiden der Figuren zwischen Lebenslust und Überlebenskampf: Nadja Mchantaf gibt nach ihren großen Erfolgen als Rusalka, Cendrillon und Tatjana ihr Rollendebüt als Mimì, an der Seite von Jonathan Tetelman als Rodolfo. Mchantaf singt die Partie der Mimi hinreißend mit leichten großartigen Pianissimi, zerbrechlich und genau pointiert mit klarem höhensicheren Sopran. Als Musetta und Marcello sind die Ensemblemitglieder Vera-Lotte Böcker und Günter Papendell zu erleben. Beide voller Spielfreude, mit schönen, klaren durchsetzungsstarken Stimmen. Das vor Spielfreude sprühende Quartett der Freunde ist komplettiert durch Philipp Meierhöfer und Dániel Foki.

Kosky befreit die handelnden Figuren von ihren im Laufe von Abertausenden Aufführungen weltweit seit der Uraufführung 1896 eindimensional gewordenen Rollen-Klischees. Stattdessen erlegt er ihnen auch widersprüchliche Charakterzüge auf. Marcello taumelt sehr betrunken durch die Welt, die er mit der Kamera festhält. Rodolfo findet auch angesichts von Mimis Sterben nicht zu Gesten der Empathie oder konkreter Hilfe, hilflos nur in seinem eigenen Leid. Mimi ist eine toughe selbstbewusste junge Frau, eine Asphaltblume am Montmartre, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, im Karokleid und in Springerstiefeln stolpert sie in Rodolfos Leben.

Das Verhältnis von Jugend zum Tod ist neben der Fotografie Koskys zweites großes Thema. Wechselnden Emotionen, 100%er Liebe, Eifersucht und Hass geben sich die sechs Protagonisten mit dramatischer Grandezza, Humor und Verve hin. Wendepunkt und Schlüsselmoment im dritten Bild ist die Zerstörung der Kamera durch Musetta in ihrer Wut auf den untreuen Marcello. Danach ist Schluss mit Selfies. Das letzte Foto entsteht in der Katastrophe. Die Bohèmiens stehen hilflos und sehen Mimi beim Sterben zu. Mimi stirbt einen schweren Tod, kämpft, und erstarrt im Sitzen. Das Bild friert eint, im Tode fotografiert, bleibt diese Katastrophe für immer konserviert. Erinnerungen an eine bereits vergangene Zukunft.

Als Intendant hat Barrie Kosky die Komische Oper zu einem offenen innovativen Opernhaus gemacht. Im Vorfeld der Premiere ließ Kosky im rbb verlauten, dass seine Intendanz 2022 definitiv zuende ist, er der Komischen Oper aber möglicherweise verbunden und in Berlin bleibe. Für die Berliner Opernszene wäre das ein Hoffnungsschimmer, denn Kosky zählt zu den Regisseuren, die Oper für das Heute verstehbar machen, ein Storyteller modernen Formats für Geschichten mit zeitloser Botschaft.

La Bohème an der Komischen Oper, Berlin; die weiteren Vorstellungen 2.2.; 8.2.; 14.2.; 17.3.; 22.3.; 30.3.; 4.4.2019 und mehr

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