Dresden, Semperoper, Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 03.03.2020

März 3, 2020 by  
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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach

Josef E. Köpplinger:  Gerolstein ist überall

von Thomas Thielemann

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Isaac Juda Eberst  (1780-1850), Kantor, Komponist und Dichter aus Offenbach, war ein energischer Mann: als sein 1819 in Köln geborener Sohn Jakob musikalisches Talent zeigte, reiste er 1833 mit ihm nach Paris, bis der junge Mann am 30. November 1833 in die Cello-Klasse des Conservatoire national de musique et de déclamation aufgenommen worden war. Offenbar befriedigte Jakob aber der Unterricht bei Olive-Charlier Vaslin (1794-1889) nicht; er verließ das Konservatorium ohne Abschluss, nannte sich fortan Jacques Offenbach und nahm Kompositionsunterricht bei Jacques Fromental Halévy (1799-1862). Etwas Geld verdiente er von 1835 bis 1837 als Orchestermusiker der Pariser Opéra Comique und spielte dabei massenhaft Rossini-Opern. Dabei hörte der Cellist von Rossini ab, was beim Publikum ankommt. So hat Offenbach im Orchestergraben auch ein wenig von Rossini das Komponieren erlernt. Daneben mischte er mit seinen Instrument die Pariser Salons auf, galt bald als der Paganini des Cellos und komponierte schon Romanzen, Walzer, Salonstücke und erste kleinere Bühnenwerke.

Making of … Die Großherzogin – Einführung von Josef Köpplinger
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Parallel zur Pariser Weltausstellung 1855 mietete er ein eigenes Théatre des Bouffes-Parisiens, in dem er mit großem Erfolg Die beiden Blinden aufführte, denen kurzfristig sieben weitere Uraufführungen folgten. Neben konzertanten Werken, Balletten und Opern hat Offenbach im Laufe der Jahre 102 Operetten komponiert. Anlässlich der Pariser Weltausstellung 1867 platzierte er an drei Pariser Theatern je eine neue Kompositionen. Darunter im Théatre des Variétés sein Erfolgsstück La Grande-Duchesse de Gérolstein.

Obwohl sich Offenbach politisch offenbar nie betätigte, sowie sich auch kaum über die Politik von Napoleon III. öffentlich geäußert hat, fielen ihm doch die militärischen Ambitionen seines Gastlandes auf. So nutzte er auch seinen Beitrag zur Weltausstellung zur Verspottung alles Militärischen. Würzte das mit einer Satire auf das Günstlingswesen, ergänzte es mit etwas Herz-Schmerz und packte eine gewaltige Menge Frivolität auf die „Großherzogin von Gerolstein“. Mit ihrem Schwung und ihrem Witz der Dialoge von Henri Meilhac (1831-1897) sowie Ludovic Halévy (1834-1908) hat die freche Komödie als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse selbst in unserer Zeit ihre Aktualität nicht verloren.

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Die Semperoper gewann für eine Inszenierung der Operette auf der Opernbühne einen Spezialisten für unterhaltsames Musiktheater Josef E Köpplinger, Intendant  des Münchner Gärtnerplatztheater. Köpplinger hatte wenig Skrupel, in den Texten aktualisierte Momente ein zu bauen und die Handlung mit neuen Personen und ergänzenden Handlungsfäden anzureichern. Er entfacht dabei ein abwechslungsreiches Spektakel und gibt die großen Ideale zwischen Liebe, Treue, und Staatsraison der Lächerlichkeit preis. Die musikalische Leitung übertrug die Intendanz dem seit seiner Iphigenien-Arbeit im vergangenen Jahr im Hause bestens eingeführten britischen Dirigenten Jonathan Darlington.

Den Musikern der Staatskapelle machte die Wiedergabe der prägnanten schmissigen Musik Offenbachs offenbar gewaltige Freude, so dass durchaus auch mal eine Abweichung vom weichen Dresdner Klang riskiert wurde. Darlington hatte die Kapelle im Graben etwas höher gesetzt, so dass deutlich mehr Direktschall in den Zuschauerraum drang. Schon damit war der gewohnte  Klangrausch des Hauses „zerstört“ und es hörte sich doch etwas „operettisch“ an. Das Bühnenbild des Johannes Leiacker  beschränkte sich fast ausschließlich auf beeindruckende Rundhorizont-Malereien. Nur wenige Requisiten störten Spieler und Tänzer bei ihren quirligen Aktionen.

Die Wirtschaft im Großherzogtum Gerolstein befindet sich in einer tiefen Krise und wird eigentlich nur von einem fragilen Fremdenverkehr am Leben gehalten. Deshalb begann auch die Vorstellung mit einem Touristen-Werbefilm. Der Touristenbetreuer, gespielt von Josef Ellers, sichert das Bruttosozialprodukt des Landes. Deshalb lockerte er an den zum Teil „unpassendsten Stellen“ mit seinen Gästeführungen das Bühnengeschehen auf.

Making of … Die Großherzogin – Einführung von Anne Schwanewilms
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Die Koalitionäre des Großherzogtums, der Baron Grog, die Haushofmeisterin Erusine von Nepumukka und der General Bumm, haben die Sorge, ihre unverheiratete Großherzogin könnte sich aus langer Weile in das politische Geschehen einmischen und ihre Machenschaften einschränken. Die Großherzogin wurde von der großartigen Anne Schwanewilms verkörpert. Für die Gesangspartien setzte sie ihren weichen, leichtverhangenen Sopran ein, so wie wir sie kennen. Mit viel Selbstironie meistert sie die Gratwanderung zwischen Würde und Peinlichkeiten mit einer tollen Bühnenpräsenz. Aber es blieb der Eindruck, dass Frau Schwilms bisher mehr Wagner, Strauss und wenig Offenbach verkörpert hatte. Trotzdem: Unsere volle Anerkennung.

Eine „Herrscherin“ zu verheiraten, erweist sich auch nicht problemlos, da der ins Land geholte Heiratskandidat sich als nicht so recht geeignet erweist. Denn der von den Höflingen für die Großfürstin vorgesehenen Bräutigam-Prinz Paul ist der mit reichlichen Profilneurosen ausgerüstete Tenor Daniel Prohaska.

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Ein noch immer erfolgreiches Rezept bleibt deshalb, dass innenpolitische Probleme mit militärischen Mitteln gelöst werden. Der bewährte Charakterbariton Martin Winkler bewies als General Bumm seine Wandlungsfähigkeit. Mit großer Stimme lässt er auch mit seiner maulheldenhafter Art seiner Lust freien Lauf. Bei der Truppenparade verguckt sich allerdings die Großherzogin spontan in den Soldaten Fritz und überträgt ihm, zum Leidwesen der Koalition, das Kommando für einen Waffengang mit einem Nachbarländchen. In seinem Semperoper-Debüt gibt Maximilian Mayer vom Gärtnerplatz-Theater den schmucken, etwas begriffsstutzigen Soldaten Fritz, präzise, ausdrucksstark mit einem klaren schmiegsamen Tenor.

Dank einer List ist das „Krieglein“ für Gerolstein erfolgreich und Fritz könnte Großherzog werden. Aber da meldet des Fritzen Verlobte Wanda ihre älteren Ansprüche an und obsiegt nach einigen Verwicklungen. Mit einer hübschen, leichten Sopranstimme agiert energisch als seine Verlobte Wanda Katarina von Bennigsen vom Hausensemble. Den Möchtegernstaatsmann Baron Grog spielte Martin-Jan Nijhof mit instinktiver Sicherheit. Ihm zur Seite der Baron Puck von Jürgen Müller.

Als Haushofmeisterin der Großherzogin und Hauptintrigantin Erusine von Nepomukka erwies sich die die Österreicher Kabarettistin Sigrid Hauser als ein Schwergewicht der Inszenierung. Mit der tragenden Rolle des Fremdenführers hielt Josef Ellers das Bühnengeschehen zusammen, indem er an den unpassendsten Stellen seine Schützlinge in die Szene führte. Der souveräne Chor, sowie vor allem das Ballett mit tollen Can Can-Einlagen und vor allem dem Siegestanz der Soldaten halfen die Vorstellung zu einem temporeichen Abend zu gestalten.

Nicht alle Besucher des üblichen Semperoper-Premierenpublikums teilten meine Begeisterung. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Inszenierung über längere Zeit das „DD-Touristen-Repertoire“ nicht  nur bereichert, sondern zu einem Zugpferd wird.

Die Großherzogin von Gerolstein an der Semperoper; die nächsten Termine 3.3.; 6.3.; 20.3.; 24.3.; 26.3.; 1.7.; 7.7.2020

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach, 29.02.2020

Februar 3, 2020 by  
Filed under Operette, Premieren, Pressemeldung, SemperOper

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Die Großherzogin von Gerolstein  – Jacques Offenbach

»Nun, Durchlaucht, bin ich da, Olala!«

Sonnabend, 29. Februar 2020, lädt die Semperoper Dresden ihr Premierenpublikum an den Hof zu Gerolstein ein, wo dessen kapriziöse Landesherrin mit Faible für Uniformierte die Zügel fest in Händen hält – sehr zum Leidwesen ihres stets kampfbereiten Generalissimus.

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Für die Neuinszenierung Die Großherzogin von Gerolstein ist von der Isar Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger der Einladung des Semperoper-Intendanten, Peter Theiler, an die Elbe gefolgt, den Zwergenhofstaat der Offenbach’schen Grande-Duchesse in Dresden bildreich in Szene zu setzen. »Ich war von Anfang begeistert von dem mutigen und richtigen Schritt Peter Theilers, Jacques Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein in die Semperoper zu holen, denn Theater ist das Spiegelbild des Seins. Und wir haben hier eine tolle Besetzung, um diese Opéra-bouffe so bunt und fantasievoll wie möglich umzusetzen in Zeiten, in denen Gesellschaften erneut schwarz-weiß zu sehen beginnen«, so der für seine ebenso skurrilen wie tiefsinnig amüsanten Musiktheaterinszenierungen bekannte Regisseur Köpplinger.

Für die Titelpartie wechselt die gefeierte Strauss-Interpretin Anne Schwanewilms ins Operettenfach und wetteifert als selbstbewusste Frau, die sich holt, was sie will, mit Sopranistin Katerina von Bennigsen als brave Wanda um die Gunst von Maximilian Mayer alias Fritz. Neben dem Gärtnerplatz-Ensemblemitglied in der Partie des schmucken Soldaten, der durch die Gunst der Fürstin zu militärischem Rang gelangt, steht Tenor Daniel Prohaska als prinzlicher Heiratskandidat Paul parat. In der Partie des kriegseifrigen General Bumm treibt Bassbariton Martin Winkler seine kleine Heerschar ins Gefecht, in Takt gebracht von dem u.a. aus Stephen Daldrys preisgekrönten Kinofilm Billy Elliot – I Will Dance bekannten Londoner Starchoreografen und Regisseur, Adam Cooper. Unter der Musikalischen Leitung von Jonathan Darlington interpretiert die Sächsische Staatskapelle Dresden Jacques Offenbachs kunst- und rhythmenreiche, anspruchsvolle Komposition; es singt der Sächsische Staatsopernchor Dresden.

Uraufgeführt im Pariser Weltausstellungsjahr 1867 und im Schatten des aufdämmernden deutsch-französischen Krieges, der das Ende des Second Empire bedeuten sollte, hat Offenbachs bitterböser Fingerzeig auf Militarismus, Protektion und Opportunismus nichts an heutiger Strahlkraft verloren. Gemeinsam mit der Staatsoperette Dresden lädt die Semperoper Dresden alle Offenbach-Fans am Vormittag dazu ein, bei einem Petit Déjeuner gemeinsam mit Fachleuten über das Werk des Schöpfers der Offenbachiaden zu diskutieren. Selten gehörte Musik von Jacques Offenbach rundet das »Frühstück mit Jacques Offenbach« im Foyer der Staatsoperette ab.

Jacques Offenbach – Die Großherzogin von Gerolstein

Premiere Sonnabend, 29. Februar 2020 18 Uhr,  Weitere Vorstellungen am 3., 6., 20., 24. und 26. März sowie 1. und 7. Juli 2020

Kostenlose Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

Mit: Anne Schwanewilms, Katerina von Bennigsen, Sigrid Hauser, Martin Winkler, Maximilian Mayer, Daniel Prohaska, Jürgen Müller, Martin-Jan Nijhof, Josef Ellers und dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Es spielt die Sächsische Staatskapelle unter der Musikalischen Leitung von Jonathan Darlington.

Karten für die Vorstellungen sind in der Schinkelwache am Theaterplatz (T +49 (0)351 4911 705) und online erhältlich. Weitere Informationen unter semperoper.de

Extra     –     »Frühstück mit Jacques Offenbach«

Am Sonnabend, 29. Februar 2020, von 11 – 12.30 Uhr im Foyer der Staatsoperette Dresden, Kraftwerk Mitte 1, 01067 Dresden. Eintritt frei

Ein Offenbach-Gespräch mit u.a. Jonathan Darlington, Peter Hawig, Frank Harders-Wuthenow, Jean-Christophe Keck, Josef E. Köpplinger, Andreas Schüller, Valentin Schwarz Moderation: Heiko Cullmann, Kai Weßler

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Wien, Wiener Staatsoper, Salome – Otello – Reprisen, 28.01.2020

Januar 21, 2020 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Salome  –  Otello 

Michael Boder und Jonathan Darlington dirigieren anstelle von Mikko Franck. Mikko Franck musste krankheitsbedingt seine Dirigate der anstehenden Vorstellungsserien von  Salome von Richard Strauss und  Otello von Giuseppe Verdi an der Wiener Staatsoper absagen.

An seiner Stelle übernimmt Michael Boder die musikalische Leitung von Salome (er dirigierte das Werk am Haus zuletzt im April 2019), Jonathan Darlington wird erstmals an der Wiener Staatsoper Otello dirigieren.

In Salome, ab Montag, 20. Jänner 2020 kehrt Lise Lindstrom in der Titelpartie zurück ins Haus am Ring. KS Waltraud Meier gibt als Herodias ihr weltweites Rollendebüt, Michael Volle singt erstmals an der Wiener Staatsoper den Jochanaan. KS Herwig Pecoraro verkörpert den Herodes und Carlos Osuna den Narraboth.

Reprise: 24. Jänner


In Otello ab Dienstag, 28. Jänner 2020 ist KS Stephen Gould erstmals an der Wiener Staatsoper in der Titelpartie zu erleben. KS Krassimira Stoyanova singt die Desdemona und KS Carlos Álvarez den Jago. Weitere Staatsopern-Rollendebüts geben Bongiwe Nakani als Emilia, Ryan Speedo Green als Lodovico und Gabriel Bermúdez als Montano.

Reprisen: 31. Jänner, 3., 7. Februar

  • Die Vorstellungen von Salome am 24. Jänner und Otello am 7. Februar werden mit WIENER STAATSOPER live at home weltweit live in HD gestreamt: www.staatsoperlive.com.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Dresden, Semperoper, Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch, IOCO Kritik, 07.12.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch

Semperoper-Ballett brilliert mit antikem Drama

von Thomas Thielemann

Bei den antiken Griechen ging es, wenn man den Dramen des Tragiker Euripides (etwa 480 v. Chr. bis etwa 407 v. Chr.) folgt, ordentlich zur Sache. So opferte der Feldherr Agamemnon bedenkenlos seine Tochter Iphigenie, um einen Fluch der Jagdgöttin Diana, der wegen einer flapsigen Bemerkung des Heerführers erfolgt war, zu lösen und so den Trojanischen Krieg zu ermöglichen. Als der siegreiche Agamemnon nach zehnjähriger Abwesenheit nach Hause zurückkommt, wird er von seiner Gattin Klytämnestra wegen dieses Opfers der gemeinsamen Tochter ermordet. Klytämnestra hatte aber einen weiteren Antrieb zum Gattenmord: sie hatte sich inzwischen mit einem anderen Ehemann getröstet. Das wiederum war für Orest, den Bruder der Iphigenie, Anlass, die gemeinsame Mutter inclusive des Stiefvaters umzubringen.

The Making of … Iphigenie – Gabriela Scherer und Sangeun Lee
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Die Göttin der Jagd hatte aber das Opfer Iphigenie nicht angenommen und die Geopferte in das Land der Tauren, auf die Halbinsel Krim „entrückt“, um dort als Oberpriesterin die Menschenopfer der dortigen Untertanen des Königs Thoas zu überwachen. Religionsgeschichtlich ist interessant, dass die vom Euripides im Amphitheater vorgeführten Götter gegen die Menschenopfer des Vor-Skythischen Volksstammes zu Felde ziehen. Im Verlaufe Euripides-Dramas Iphigenie bei den Tauriern fühlt sich Diana von dem an ihrem aus Griechenland geraubten Altar vergossenem Menschenblut kompromittiert. So schafft sie im Handlungsverlauf zivilisierte Verhältnisse: Orest und sein Gefährte Pylades sind nach Tauris geschickt, um den Altar der Jagdgöttin nach Hause zu holen. Dank des direkten Eingreifens der Göttin wird Thoas, der König der Taurer, gehindert die beiden Ankömmlinge zu opfern. Iphigenie, der vom Muttermord entsühnte Orest und Pylades konnten mit dem Diana-Altar nebst den in Taurus Versklavten nach Griechenland zurückkehren. Iphigenie wird Ober-Priesterin der Jagdgöttin in Athen.

Neben einer Vielzahl weiterer Nachschöpfungen komponierte Christoph Willibald Gluck (1714-1787) mit einem nach Euripides geschriebenen Libretto von Nicolas Francois Guillard (1752-1814) eine wunderbare Oper.

Die hochkreative Choreographin Pina Bausch (1940-2009) hat 1974 mit ihrem Wuppertaler Tanztheater, aus Glucks Oper ein Ballett-Oratorium Iphigenie auf Tauris gestaltet. Dank einer Kooperation des „Semperoper Balletts“ und der Pina Bausch Foundation in Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch erlebte ihre „Tanzoper in vier Akten nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck am 5. Dezember 2019 ihre Dresdener Premiere.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper - hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper – hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Die Choreographin hatte ein außergewöhnliches Talent  für das Erzählen von schweren konfliktbeladenen Mythen und Geschichten ohne deren Frische und Essenz zu gefährden. Durch vitalen und ausdrucksstarken Tanz konnte sie die Grenzen zwischen Musik und den dramatischen Elementen der griechischen Tragödie auflösen. Die anmutigen Tanzszenen mit der Minimalität von Szene und Einfachheit der Kostüme entführen gemeinsam mit der erhabenen Kraft der der Musik Glucks das Publikum auf eine moderne Reise der Gefühle.

Sänger und Tänzer wirkten zusammen, aber von verschiedenen Orten aus, um jeder mit seiner Kunst den Figuren der Geschichte Leben einzuhauchen. Die Tänzer des Semperoper-Ballett beanspruchen die Bühne, die Sänger kommentierten von beiden Seiten aus den Proszeniumslogen die Tanzszene. Der Staatsopernchor war gemeinsam mit den Musikern der Staatskapelle in den Graben verbannt.

The Making of … Iphigenie – hier Dirigent Jonathan Darlington
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Die musikalische Leitung hatte der englische Dirigent Jonathan Darlington übernommen, der schon mehrfach im Graben des Hauses Gast gewesen war. Der 1958 Geborene beeindruckte am Premierenabend mit seinem Gespür für Tempo und Dramatik. Einfühlsam gelang es ihm, mit den hervorragend aufgelegten Musikern der Staatskapelle, die Tänzer und Sänger zusammen zu führen, sowie den Chor trotz der schwierigen räumlichen Verhältnisse zu integrieren.

Die promivierte Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer verkörperte die Stimme der Iphigenie mit einem wunderbar warmen, ebenem Sopran und sicherer Intonation. In Erinnerung bleibt als besonders beeindruckend ihre große Arie im zweiten Akt, wenn sie den Untergang ihrer Familie beklagt.

Den König der Taurer, Thoas, sang der seit Saisonbeginn dem Ensemble angehörige und inzwischen viel beschäftigte Bassbariton Lawson Anderson. Mit seiner kraftvoll, dunkel gefärbten Stimme und seiner differenzierten Phrasierung bot der noch junge Amerikaner etwas Besonderes.

Der Bassbariton Sebastian Wartig, 1989 in Dresden geboren, bis 2008 im Kreuzchor beheimatet, ist über das Junge Ensemble zum Hausensemble gekommen. Mit seiner gut geführten, schön timbrierten Artikulation gab er dem Orest mit Präzision und Beweglichkeit eine Stimme.

Mit seinem geschmeidigen klangschönen, aber leider etwas schmalen Tenor verkörperte der Texaner Joseph Dennis aus dem Ensemble den Pylades. Die seit 1989 dem Ensemble angehörende Koloratur-Sopranistin Roxana Incontrera brachte engagiert und pointiert mit musikalischer Präzision die Stimme der Diana von der Loge. Der von Gerd Amelung vorbereitete Chor flehte, klagte und beeindruckte vor allem mit dem Schlusschor.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Für die Tanzdarbietungen waren, vom Tanztheater Wuppertal Clémentine Deluy und Dominique Mercy als künstlerische Leitung engagiert worden und außerdem mit der Einstudierung der Hauptpartien beauftragt. Den Tänzer des Thoas hatte Andrey Berezin vorbereitet. Die Gruppen hatten Fernando Suels Mendoza und Barbara Kaufmann sowie Thusnelda Mercy trainiert.

Insbesondere den Solisten des Semperoper Ballett gelang es wieder einmal, mit dem Niveau ihrer tänzerischen Leistungen zu überzeugen. An der Spitze die Darstellerin der Iphigenie, Sangeun Lee. Die aus Seoul stammende Tänzerin, 2010 zum Ensemble gekommen, ist seit 2016 Erste Solistin. Die technischen Voraussetzungen der anspruchsvollen Partie zu bewältigen, ist die eine Sache. Ihr aber auch Persönlichkeit zu verleihen, die andere. Beides war ihr aber in hohem Masse gelungen.

Der Kanadier Casey Ouzounis war 2014 über das Elevenprogramm der Palucca-Hochschule zum Ensemble gekommen und ist seit 2017 Coryphée. Mit einer vielschichtigen Bewegungssprache tanzte er den Finsterling Thoas. Auch der aus Italien stammende und in Mailand ausgebildete Francesco Pio Ricci, seit 2011 im Semperoper-Ballett und seit 2018 Solist, konnte als Orest mit seiner Bildsprache und Ästhetik überzeugen. Vom Ballettdirektor Watkin in New York entdeckt und 2013 nach Dresden geholt, hat sich inzwischen Julian Amir Lacey zum Sujet der Company entwickelt. Mit seiner Pylades-Interpretation verkörpert er glaubwürdig die Emotionen dieser Figur.

Die Gruppentänze begeisterten mit ihrem klaren Ausdruck und zeugten in ihren Formationen von der Professionalität der Dresdener Truppe.

Das faszinierende am Abend bleibt, dass nicht nur der über 2500-Jahre alte Stoff des Euripides noch immer lebendig geblieben ist, aber vor allem, dass die inzwischen vor 45 Jahren entstandene Arbeit der Künstler um Pina Bausch mit ihrer Ausdruckskraft, ihrem charakteristischem Stil noch immer modern daherkommen und die Freunde des klassischen Balletts mit seiner humanistischen Aussage mitreißen kann.

Die Ovationen des von der Anspannung etwas erschöpften Publikums begannen etwas zäh, steigerten sich dann aber im Verlauf der folgenden gefühlten fünfzehn Minuten stürmisch bis zu stehenden Ovationen.

Iphigenie auf Tauris als Tanzoper an der Semperoper; die weiteren Termine 8.12.; 10.12.; 12.12.2019

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