Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Dances at a Gathering – Initialen R.B.M.E., IOCO Kritik, 19.01.2018

Januar 20, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Begegnungen –  Reid Anderson – Stuttgarter Ballett

 Fazit einer Ära und Verheißung für die Zukunft

Von  Peter Schlang

Als eine der letzten Premieren seiner 22jährigen Amtszeit als Intendant des Stuttgarter Balletts und seiner dann insgesamt 44jährigen Zugehörigkeit zu dieser Compagnie setzte Reid Anderson einen Ballettabend aufs Programm, der erstmals zwei wahre Edelsteine an Choreografien an einem Abend vereint: Jerome Robbins am 22. Mai 1969 am New York City Ballett herausgekommene Dances at a Gathering, die seit  29. November 2002 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehören, und John Crankos unübertroffener Klassiker Initialen R.B.M.E., welcher vor genau 46 Jahren, am 19. Januar 1972, in Stuttgart seine umjubelte Uraufführung erlebte.

„Plädoyer für Freundschaft und respektvolles Miteinander auf die Bühne“

Beide Ballette sind unbestritten choreografische Meisterwerke und widmen sich, jedes auf seine unnachahmliche bzw. ihres Schöpfers individuell-geniale Weise, dem Lob der Freundschaft und des menschlichen Zusammenhalts.  Gemeinsam ist ihnen aber nicht nur das Thema, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Melancholie und Leichtigkeit, mit der sie das menschliche Miteinander charakterisieren und das Leben mit reichen, vielschichtigen Emotionen feiern.

 Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Robbins‘  Dances at a Gathering erzählt in einer virtuos-zarten Choreografie von Abschied und Aufbruch sowie von der Wertschätzung des Einzelnen und dessen Gemeinschaft  mit anderen Menschen. Crankos Initialen R.B.M.E. ist sein persönlichstes Ballett; in ihm würdigt er seine Freundschaft zu seinen  Ersten Solisten, Musen und Partnern Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen und deren wunderbare Beziehung zueinander. Mit diesem Stück hinterließ der Gründer des Stuttgarter Balletts, der im vergangenen August  90 Jahre alt geworden wäre, nicht nur eine ‚Ode an die Freundschaft‘, in der die Verehrung für seine Tänzer weiterlebt, sondern auch ein Werk, in dem sich ebenso Kern und Essenz seines künstlerischen Schaffens konzentrieren.

Jerome Robbins, der nicht nur als Choreograf, sondern auch als Musical-Autor und Regisseur große Erfolge feierte, stellt in seinen sechzehn Szenen für insgesamt je fünf Tänzerinnen und Tänzer Studien des reinen Tanzes in ländlichem Milieu vor und kombiniert darin klassisches Ballett mit Elementen des Volkstanzes. Dabei wirkt Vieles improvisiert, offenbart aber stets eine tiefere Ebene, so etwa, wenn Momente des Abschieds und Umbruchs oder festliche Zitate von Freundschaft und Begegnung zu exemplarischen Studien des Lebens werden. Dabei überrascht noch immer die Leichtigkeit dieser Petitessen, die in starkem Gegensatz zu der Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten herrschenden zerrissenen, kalten Atmosphäre steht, in welcher der Vietnamkrieg und Morde an Politikern und Bürgerrechtlern das Klima vergifteten. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit rührt sicherlich auch von der von Robbins für sein Ballett ausgewählten Musik, sechzehn Klavierstücken Frédéric Chopins. Diese, in der Mehrheit Etüden, Mazurkas und Walzer, wurden am Premierenabend von Alexander Reitenbach, einem einfühlsamen Begleiter und „Tanz-Ermöglicher“, so leichthändig, federnd und dennoch tiefgründig interpretiert, dass es für die zehn Mitglieder der Stuttgarter Compagnie das reine Vergnügen gewesen sein muss, darauf ihre Pirouetten zu drehen, Sprünge zu absolvieren, die zahlreichen Hebefiguren zu bewältigen und Gruppenbilder zu komponieren.

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

In jedem Fall und zu jeder Zeit verkörpern Veronika Verterich, Alicia Amatriain, Hyo-Jung Kang, Elisa Badenes und Sinéad Brodd als Tänzerinnen sowie ihre Kollegen Adhonay Soares da Silva, Friedemann Vogel, Jason Reilly, Moacir de Oliveira und Martí Fernández Paixà  die im Titel Dances at a Gathering versprochenen Gruppen-  und Freundschaftsbande und –szenen auf lebendigste und äußerst anrührende Weise. Sie geben aber auch dem Humor und dem in menschlichen Beziehungen angebrachten ironisch-sanften Zweifel den nötigen Raum. Für letzteren sorgt bei ansonsten kahlem Bühnenraum die ständige und einheitliche Projektion eines blauen Himmels mit sich leicht verändernden Formationen von federleichten Schleierwolken, die auch einen stimmungsvollen, stimmigen und poetischen Hintergrund schafft und den in zarten Pastellfarben gehaltenen Kostümen zu einer träumerisch-heiteren Wirkung verhilft.

Crankos nach der Pause zu bestaunende, bereits erwähnte Verneigung vor seinen vier herausragenden Solisten und Säulen seiner Compagnie wirkt auch mit der aktuellen Besetzung durch die Kraft und Selbstbewusstsein, aber auch Zerbrechlichkeit und Demut demonstrierenden jungen Tänzerinnen und Tänzer radikal wie betörend.

Adhonay Soares da Silva als „R“ichard, Elisa Badenes als „B“irgit, Alicia Amatriain als „M“arcia und Moacir de Olveira als „E“gon  (R.B.M.E.) verdeutlichen  auf  eindrucksvolle Weise, dass Crankos Vermächtnis auch 46 Jahre nach seiner Entstehung noch jene Kraft und Wärme entfaltet, die seinerzeit Publikum wie Kritik in Begeisterung versetzt hatten. Und der Berichterstatter, der Mitte der siebziger Jahre die Original- bzw. Erstbesetzung erlebt hatte, kann dem aktuellen Solistenquartett die gleiche Authentizität, Glaubwürdigkeit, Originalität und Überzeugungskraft bescheinigen, die er damals bei den vier Widmungsträgern bewundert hat.

 

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Mag sein, dass die aktuelle Generation der Tänzerinnen und Tänzer die Sache athletischer und akrobatischer angeht als die Generation Crankos und seiner vier Solistenfreunde. Die für sie geschaffene Choreografie  wirkt dennoch  zeitlos modern, und die Längen in einigen  auf den Beobachter weniger spannend und interessant wirkenden Passagen im dritten Teil sind vermutlich weniger ein Problem der verstrichenen Zeit als dem hier zu hörenden Andante aus Brahms’ zweitem Klavierkonzert geschuldet. Dessen einleitendes Allegro und das folgende Scherzo werden vom Choreografen und den ausführenden Tänzerinnen und Tänzern genauso lustvoll und stimmig interpretiert wie das abschließende Rondo. In allen vier Sätzen des mehr an eine Sinfonie als an Solokonzert erinnerndes Werks überzeugen das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährt-traumhaft-sicheren Leitung seines Ballettdirigenten James Tuggle und der höchst aufmerksam und feinfühlig agierende Pianist Andrej Jussow mit sinfonischer Präzision und höchster dynamischer Abstufung und sind ein bewährter wie einfühlsamer Begleiter und musikalischer Illustrator aller auf der Bühne zu sehenden Emotionen und Bewegungen.  Von dieser sensiblen wie flexiblen musikalischen Unterstützung profitieren nicht nur die vier beschriebenen Tänzer der Titelfiguren und ihre anderen solistischen Partner, sondern auch das Corps de Ballett, das in den vier Teilen des Werks bis in bühnenfüllender Stärke im Einsatz ist. Zusammen mit den Solisten demonstrieren seine Mitglieder sensibel und glaubhaft  die verschiedenen Facetten von Freundschaft und Beziehungen, ob es sich nun um Zurückhaltung oder Leidenschaft,  Solidarität oder Gewähren von Freiräumen, Achtung und Respekt oder Treue und Begeisterung für einander handelt.

Der neue Ballettabend Begegnungen des Stuttgarter Balletts auf Frédéric Chopins beschwingte Klavierstücke und Johannes Brahms‘ grandioses zweites Klavierkonzert bietet nicht nur tänzerisch und musikalisch ein exquisites Programm. Mit den beschriebenen zwei Pretiosen an wundervollen „Begegnungsballetten“ kann es in einer Zeit wachsender Ungleichheit, zunehmender Vereinzelung und digitaler Entfremdung auch Mut dazu machen, traditionelle menschliche Bindungen zu pflegen und Werte wie Freundschaft, Begegnung, Solidarität und gegenseitige Unterstützung neu und stärker zu gewichten als kurzfristigen Erfolg und persönliche Dominanz.

Stuttgarter Ballett – Begegnungen: Weitere Vorstellungen 20. und 21. Januar, 10., 11., 16. und 17. Februar sowie 19. Juli 2018.

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Cranko Pur – Hommage auf John Cranko, IOCO Kritik, 10.10.2017

Oktober 10, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

  Cranko Pur  –  Ballett zum 90. Geburtstag von John Cranko

In jeder Geste, jedem Schritt – Scharfer Bobachter, großer Menschenfreund

Von Peter Schlang

Am 5. August wäre der Gründer des Stuttgarter Balletts und Vater des gleichnamigen Ballettwunders, John Cranko,  90 Jahre alt geworden. Dies nahm der in seiner 23. und letzten  Spielzeit amtierende Ballettintendant Reid Anderson zum Anlass, den großen Choreografen und Tanzpädagogen mit einem Ballettabend zu ehren, der am 3. Oktober im Stuttgarter Opernhaus seine Premiere erlebte. Anderson griff für  die Geburtstagsfeier also nicht auf eines der beliebten, abendfüllenden Handlungsballette Crankos zurück, sondern stellte dazu drei eher selten aufgeführte und in dieser Kombination noch nie gezeigte kleinere Werke zusammen, allesamt Pretiosen moderner Tanzkunst. Damit schafft er in seiner Abschiedssaison auch den Bezug zu seiner Anfangszeit als Tänzer in Crankos  Stuttgarter Compagnie, der er seit nunmehr 37 Jahren in verschiedenen Rollen angehört. Und wie andere damalige Mitglieder der jungen Truppe wurde auch Reid Anderson wesentlich durch Crankos Ballettschöpfungen geprägt und hob dabei auch  Rollen aus der Taufe, die der große Choreograf eigens für ihn geschaffen hatte.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Den Anfang der Feiertagspremiere machte das älteste der an diesem denkwürdigen Abend zu sehenden drei Stücke, das 1963 uraufgeführte L’Estro Armonico, das Cranko zu drei der zwölf gleichnamigen Solokonzerte Antonio Vivaldis geschaffen hatte. Dieses gut halbstündige Stück kommt ganz ohne Handlung aus, ist also ein abstraktes, nur an der musikalischen Vorlage orientiertes Werk, sozusagen „Ballett pur“, in dem man quasi „den Tanz hört und die Musik sieht“. L’Estro Armonico zeigt nicht nur die „musikalische Eingebung“ –  so die deutsche Übersetzung des Titels – Vivaldis, sondern auch die große choreografische Kreativität und  phänomenale musikalische Sensibilität John Crankos, der jeden Schritt seiner sieben Tänzerinnen und acht Tänzer auf die Partitur abgestimmt hat, ohne diese bloß zu illustrieren. Dieses geniale Vorgehen zeigt sich in allen Abläufen und Bewegungen, die für ihre Entstehungszeit ungemein modern gewesen sein müssen und schon alles an Figuren, Sprüngen und Hebungen zeigt, was dem heutigen Ballettpublikum von späteren Balletten vertraut ist. Dennoch hat dieses höchst theatralische Stück nichts von seiner Frische und Radikalität verloren und führt zudem meisterhaft Crankos Humor, insbesondere in Form der von ihm gerne angewandten Umkehr der Traditionen und dem Spiel mit den Konventionen vor, so etwa wenn er mehrfach die traditionellen Trikotfarben parodiert und die männlichen Solisten in Weiß, die Tänzerinnen aber in Schwarz auftreten lässt oder einzelne Schritte und Gesten stark ironisch überhöht.

Die drei Solisten dieses mitreißenden Eingangswerks, Elisa Badenes, David Moore und Martí Fernández Paixà, werden dieser mit höchsten Schwierigkeiten ausgestatteten Herausforderung genauso ohne jeden Abstrich gerecht, wie die je sechs Tänzerinnen und Tänzer der Ensembleszenen ihre ebenso höchst anspruchsvollen Parts souverän bewältigen. Alle zusammen führen sie auf bewundernswerte Weise vor, wie sich Einzelne und Teilgruppen – genau wie im richtigen Leben – zu einem harmonischen Ganzen vereinigen, um sich bald darauf wieder voneinander zu lösen oder auseinander dividieren lassen.

Großen Anteil an der Wirkmächtigkeit dieses Auftaktstücks hatte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung seines Gastdirigenten Aivo Välja, der den drei aus dem Orchester entliehenen Solisten Elena Graf, Violine, Andreas Noack, Flöte und Ivan Danko, Oboe, jeglichen Raum zur prachtvollen Entfaltung ließ.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Nach der ersten Pause bekam das Premierenpublikum die 1970 entstandenen Brouillards zu sehen, die jüngste der jetzt gezeigten Arbeiten, die Cranko zu den stimmungsvollen ersten Klaviervorspielen der zweiten Sammlung von Préludes Claudes Debussys geschaffen hat. Diese zehn Bilder bilden nicht nur aufgrund ihrer Mittelposition das Herzstück dieses Cranko-Abends, zeigen sie doch in ihrer maximalen Verdichtung und der ihnen innewohnenden Mystik die große Kunst des ersten Stuttgarter Ballettchefs der Neuzeit. Zur kongenialen Musik des französischen Impressionisten findet er hoch poetische Menschen- und Naturbilder, welche die Abwechslung und Vielfalt  des Lebens wie dessen Vergänglichkeit auf zart-einfühlsame wie erneut humorvoll-ironische Weise vorführen.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Zur Darstellung dieser so unterschiedlichen wie vielseitigen Empfindungen und Stimmungen greift Cranko auf altbekannte Ballettfiguren und Bewegungsabläufe wie auf modernste, slapstickhafte  Einfälle zurück. Äußerst beeindruckend etwa, wie er ein Corps mit überkreuzten Armen und Hand in Hand verbunden den titelgebenden Nebel  (Brouillards) darstellen lässt, was gleichzeitig ein schönes Bild für Gemeinschaft und Freundschaft abgibt. Dieses kontrastiert mit dem witzig-vergnügten vierten Bild Général Lavine Eccentric, in dem sich das Trio Alessandro Giaquinto, Matteo Miccini und Cédric Rupp wie in einer Charly Chaplin-Parodie zeigen und ihre Betrachter zum wiederholten Lachen reizen. Aber auch die anderen der vom Rezensenten nicht einzeln erwähnten Szenen bieten unvergessliche, meisterhaft vorgeführte Einblicke in menschliche Höhen wie Abgründe und zeigen eine Compagnie in Höchstform, die alle tänzerischen wie schauspielerischen Herausforderungen jederzeit mühelos bewältigt.

Auch hier zeigte sich die musikalische Begleitung wieder als kongenialer Partner des Tanzes, und man staunte mehr als einmal, wie  einerseits expressiv und andererseits einfühlend Alexander Reitenbach am Flügel den Klavierpart gestaltet – mal Interpret des auf der Bühne zu sehenden Tanzes, mal eigenständiger Schöpfer und Gestalter eines Klangteppichs, auf dem die insgesamt sechs Tänzerinnen und  zwölf Tänzer dankbar ihre Kunst zeigen durften. Auf  jeden Fall ist der Pianist hier jederzeit viel mehr als ein Klavierbegleiter und man kann wieder einmal der Stuttgarter Ballettintendanz und dem gesamten Stuttgarter Staatstheater nicht genug dafür danken, dass sie dem Publikum die woanders als verzichtbaren Luxus angesehene Live-Begleitung gönnen und konsequent auf Konservenmusik als Tanzbegleitung verzichtet.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

So euphorisch gestimmt, erwartete das Premierenpublikum gespannt Crankos großen Klassiker Jeu de Cartes, den er 1965 zur gleichnamigen Musik des berühmten Ballettkomponisten Igor Strawinsky choreografiert hatte. Der Komponist wiederum schuf seine Musik ursprünglich 1936 für den ebenso genialen Choreografen George Balanchine, dessen Version es jedoch in Sachen Witz, Lebendigkeit und Unterhaltungswert nach Meinung vieler Experten in keinem Moment mit der in Stuttgart zu sehenden aufnehmen kann.

Auch hier und zum Abschluss eines insgesamt fast dreistündigen Ballettabends zeigte sich die Stuttgarter  Compagnie mit ihren hier agierenden 16 Tänzerinnen und Tänzern von ihrer allerbesten Seite und riss die Zuschauer in den drei Szenen eines Pokerspiels  immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin. Diese galten nicht nur dem in allen drei Teilen als Joker restlos überzeugenden Adhonay Soares da Silva, sondern auch den übrigen, verschiedene Kartenwerte verkörpernden Tänzerinnen und Tänzern. Herzerfrischend, mit welchem Humor, ja Komik, Spielfreude und Ausdruckskraft hier die jeweilige Spielsituation beschrieben, untersucht und schließlich vom Joker, der eigentlich in einem Pokerspiel gar nichts zu suchen hat, durcheinander gewirbelt und von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Vermutlich stand der hier zu sehende Tänzer dieser dankbaren wie heiklen Paraderolle deren ursprünglichem Interpreten, dem zur „Ur-Compagnie“ gehörenden Egon Madsen, in nichts nach. Denn der, wie die Schöpferin des Bühnenbildes und der noch immer wundervollen Kostüme  Dorothee Zippel zum Schlussapplaus auf die Bühne gerufene Madsen konnte gar nicht genug davon bekommen, seinen jugendlich-frechen Nachfolger immer wieder zu umarmen und hochleben zu lassen.

Dieses schöne Bild vom reibungslosen Generationen-Übergang stimmte nicht nur hoffnungsvoll auf die weiteren Höhepunkte und kommenden Repertoire-Abende von Reid Andersons letzter Spielzeit als Ballettdirektor ein, sondern bildete auch den stimmigen Abschluss eines Abends, der zu keiner Zeit museal wirkte noch den geringsten Anschein von Reliquien-Verehrung aufkommen ließ. Vielmehr führte er überzeugend vor Augen, dass auch die momentan agierende Stuttgarter Compagnie ihre Liebe zum Vater des Stuttgarter Ballettwunders und ihre Begeisterung für dessen Schöpfungen auf allerhöchstem Niveau zu demonstrieren vermag und John Crankos überaus wichtige Funktion als Wegbereiter und Anreger  noch immer aktuell und gefragt ist.

Cranko Pur – Stuttgarter Ballett: Weitere Vorstellungen am 07. 10., 13.11., 15.11. und 18.11. und 26.11.2017

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Die ersten Höhepunkte der Spielzeit 2017/18

Der Vorverkauf der Staatstheater Stuttgart für die Vorstellungen im September und Oktober 2017 hat bereits begonnen

Die aktuelle Spielzeit der Staatstheater Stuttgart neigt sich dem Ende zu. Der Vorverkauf für die Veranstaltungen im September und Oktober 2017 hat allerdings bereits begonnen:

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame © A.T. Schaefer

Am Freitag, 22. September 2017, eröffnet die Oper Stuttgart mit Peter Tschaikowskys Oper Pique Dame in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Am Samstag, 23. September, kehrt Benjamin Brittens Der Tod in Venedig und am Sonntag, 24. September, Gioachino Rossinis La Cenerenola zurück auf die Opernbühne. Zu einem musikalischen Streifzug durch die kommende Opern- und Konzertsaison lädt die Oper Stuttgart im Rahmen des spartenübergreifenden Spielzeit-eröffnungsfestes ebenfalls am Sonntag, 24. September, um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei. Giacomo Puccinis Tosca in der Inszenierung von Willy Decker steht ab Montag, 25. September, wieder auf dem Spielplan.

Am Mittwoch, 27. September, kommen Freunde der Liedkunst auf ihre Kosten: Georg Nigl und Anna Lucia Richter interpretieren im 1. Liedkonzert Werke aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch. Im 1. Sinfoniekonzert der Saison am 8. und 9. Oktober 2017 dirigiert Hartmut Haenchen Werke von Mozart und Wagner und im 1. Kammerkonzert am Mittwoch, 11. Oktober, präsentieren Musiker des Staatsorchesters Werke von Schönberg, Beethoven und Brahms.

Die Eröffnungspremiere, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, am Sonntag, 22. Oktober 2017, inszeniert der vielfach ausgezeichnete Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikov, der zuletzt mit Salome auf der Stuttgarter Opernbühne begeisterte. Es dirigiert Georg Fritzsch. Eine ausführliche Pressemitteilung folgt.

Im Folgenden erhalten Sie eine detaillierte Übersicht über die ersten Musiktheater- und Konzerthighlights der kommenden Saison.


Spielzeiteröffnung 2017/18


Spielzeiteröffnungsfest
Sonntag, 24. September 2017, von 11 bis 18 Uhr

Am Sonntag, 24. September 2017, heißt es „Bühne frei für die neue Spielzeit“: Am Tag der Bundestagswahl eröffnen die Oper Stuttgart, das Stuttgarter Ballett und das Schauspiel Stuttgart die Spielzeit mit einem großen Spielzeiteröffnungsfest im Opern- und im Schauspielhaus sowie auf den Plätzen davor. Gemeinsam mit dem Publikum starten die drei Sparten singend, tanzend und spielend in die neue und letzte Saison der drei amtierenden künstlerischen Intendanten.

Von 11 bis 13 Uhr heißen Sänger, Musiker und das Leitungsteam der Oper Stuttgart das Publikum bei freiem Eintritt im Opernhaus willkommen und stellen einige Höhepunkte, prägende Akteure und Leitgedanken der kommenden Spielzeit vor. Die Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble und dem Opernstudio bringen dabei besondere musikalische Momente zu Gehör, bevor in einem zweiten Teil das größte Ensemble des Hauses seine Jubiläumssaison einläuten wird: Das Staatsorchester Stuttgart, das im Jahr 2018 sein 425-jähriges Bestehen feiert, präsentiert sich auf der Opernbühne sowie im Anschluss in den Foyers des Opernhauses und auf dem Opernvorplatz.

Um 13.30 Uhr und 14.30 Uhr lädt die Junge Oper Kinder von 5-7 Jahren zu zwei Vorstellungen des Sitzkissenkonzerts Frieda tanzt ins Opernhaus, Foyer III. Rang, ein.

Hinweis: Ab 18 Uhr werden die Ergebnisse der Bundestagswahl live ins Foyer des Schauspielhauses übertragen.


Erste Opernvorstellungen


Peter Tschaikowsky  –  Pique Dame
22. | 26. | 30. September 2017 // 13. | 16. | 25. | 31. Oktober 2017

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Frank Beermann, Regie und Dramaturgie:, Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor und Kinderchor: Johannes Knecht

MIT: German: Erin Caves, Graf Tomski: Gevorg Hakobyan, Fürst Jeletzki: Shigeo Ishino, Tschekalinski: Torsten Hofmann, Surin: Michael Nagl, Tschaplitzki: Moritz Kallenberg, Narumov: Padraic Rowan, Gräfin: Helene Schneiderman, Lisa: Rebecca von Lipinski, Polina: Stine Marie Fischer, Gouvernante: Maria Theresa Ullrich, Mascha: Mirella Bunoaica, Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Benjamin Britten  –  Der Tod in Venedig
23. | 28. September 2017 // 05. Oktober 2017 // 13. | 22. | 29. Juni 2018 // 05. Juli 2018

Musikalische Leitung: Marco Comin, Regie und Choreographie: Demis Volpi, Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil, Dramaturgie: Sergio Morabito, Ann-Christine Mecke

MIT:  Gustav von Aschenbach: Matthias Klink, Reisender / Ältlicher Geck / Alter, Gondoliere / Hotelmanager / Coiffeur des Hauses /, Führer der Straßensänger / Stimme des Dionysos: Georg Nigl, Ashley David Prewett, Stimme des Apollon: Jake Arditti, William Towers, Apollon: David Moore, Hotelportier: Daniel Kluge, Bootsmann:, Tommaso Hahn, Hotelkellner / Restaurantkellner: Michael Wilmering
Erdbeerverkäuferin / Straßensängerin: Aoife Gibney, Glasbläser / Straßensänger: Kai Kluge, Englischer Angestellter im Reisebüro: Ronan Collett, Fremdenführer in Venedig: Padraic Rowan, Bettlerin: Fiorella Hincapié, Spitzenverkäuferin: Catriona Smith
Zeitungsverkäuferin: Cristina Otey, Die polnische Mutter: Joana Romaneiro, Tadzio: Gabriel Figueredo, Schüler der John Cranko Schule, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Grabstaette Gioacchino Rossini © IOCO

Gioachino Rossini  –  La Cenerentola

24. September 2017 // 01. | 08. | 15. | 20. Oktober 2017 // 01. November 2017

Musikalische Leitung: Maurizio Barbacini, Regie: Andrea Moses, Bühne: Susanne Gschwender, Kostüme: Werner Pick, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil
Dramaturgie: Thomas Wieck, Moritz Lobeck,

MIT:  Angelina: Lilly Jørstad, Diana Haller, Clorinda: Catriona Smith, Tisbe: Maria Theresa Ullrich, Don Magnifico: Enzo Capuano, Don Ramiro: Sunnyboy Dladla, Dandini: Bogdan Baciu, Alidoro: Adam Palka, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Giacomo Puccini  –  Tosca

25. | 29. September 2017 // 14. | 17. | 21. Oktober 2017 // 10. | 29. Dezember 2017 // 09. Januar 2018

Musikalische Leitung: Domingo Hindoyan, Giuliano Carella, Regie: Willy Decker, Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Juliane Votteler

MIT:  Floria Tosca: Svetlana Aksenova, Cellia Costea, Mario Cavaradossi: Arnold Rutkowski, Baron Scarpia: Sebastian Holecek, Albert Dohmen, Cesare Angelotti: Ashley David Prewett, Mesner: Karl-Friedrich Dürr, Spoletta: Heinz Göhrig
Schließer / Sciarrone: N.N., Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Eröffnungspremiere

Engelbert Humperdinck  –  Hänsel und Gretel
22. Oktober 2017,  weitere Vorstellungen 26. Oktober 2017; 04. November 2017 // 02. | 13. | 16. | 26. (nm+ab) Dezember 2017 // 07. (nm+ab) | 14. Januar 2018

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Willem Wentzel, Regie, Bühne und Kostüme: Kirill Serebrennikov, Video: Ilya Shagalov, Licht: Reinhard Traub, Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke,

MIT: Vater: Michael Ebbecke, Simon Bailey, Mutter: Irmgard Vilsmaier, Catriona Smith, Hänsel: Diana Haller, Kora Paveli, Gretel: Esther Dierkes, Josefin Feiler, Knusperhexe: Daniel Kluge, Torsten Hofmann, Sandmännchen / Taumännchen: Aoife Gibney,, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart
Einführungsmatinee: 15. Oktober 2017, 11 Uhr, im Opernhaus, Foyer I. Rang


Erste Konzerte


1. Liedkonzert  –   Italienisches Liederbuch – Lieder von Hugo Wolf
27. September 2017, 20 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Sopran: Anna Lucia Richter, Bariton: Georg Nigl, Klavier: Gérard Wyss


1. Sinfoniekonzert  –  Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 551 („Jupiter“),
Richard Wagner:  Götterdämmerung-Suite

08. und 09. Oktober 2017, 11 Uhr bzw. 19.30 Uhr, Beethovensaal der Liederhalle

Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen,  Staatsorchester Stuttgart


Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

1. Kammerkonzert  –  Weitergeben der Glut
11. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle

Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 in der Fassung von Anton von Webern (1906/1923) für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier,  Ludwig van Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95 (1810), Johannes Brahms: Trio a-moll op. 95 (1891) für Klarinette, Violoncello und Klavier; Musikern des Staatsorchesters Stuttgart


1. Lunchkonzert  –  Musiker des Staatsorchesters Stuttgart
25. Oktober 2017, 12:45 – 13:15 Uhr, Opernhaus, Foyer I. Rang

Eintritt frei

Junge Oper  Casting:  Für das Musiktheaterprojekt ON_THE_LINE
Alte Musikhochschule Stuttgart, Urbansplatz 2, 70182 Stuttgart

Gesucht werden abenteuerlustige Darstellerinnen und Darsteller zwischen 12 und 18 Jahren. Proben ab November 2017 jeden Mittwochabend von 18-20 Uhr, Intensivproben während der Pfingstferien 2018. Anmeldung auch unter: education@staatstheater-stuttgart.de

Wiederaufnahme  Leonard Evers  –  Gold
23.* | 24.* | 26. * | 27.* Oktober 2017 // 13.* |14.* | 16. | 17. |19.* | 21.* | 22. Dezember 2017 –  *Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Till Drömann, Regie: Jörg Behr, Bühne: Line Sexauer, Kostüme: Kerstin Hägele, Licht: Gianni Scopa, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke, Jacob: Philipp Nicklaus, Schlagzeug: Marta Klimasara


Wiederaufnahme


Gion Antoni Derungs  –  Benjamin

09.* | 11.| 13.* | 15.* | 17.* | 19. November 2017
*Schulvorstellungen

Musikalische Leitung: Jan Croonenbroeck, Regie: Neco Çelik, Bühne: Stephan von Wedel, Kostüm: Valentin Köhler, Dramaturgie: Johanna Danhauser, Licht: Rainer Eisenbraun,  Chor: Benjamin Hartmann

Mit: Ibrahima Biaye, Minyoung Catharina Häger, Thomas Herberich, Daniel Keating-Roberts, Konstantin Krimmel, Myriam Mayer, Monika Abel-Lazar, Philipp Nicklaus, Marc-Eric Schmidt, Lena Sutor-Wernich, Projektchor der Jungen Oper


Premieren


Die Premieren der Musiktheaterproduktionen Krieg von Marius Felix Lange und ON_THE_LINE finden am 27. April 2018 bzw. am 01. Juni 2018 statt.  PMOSt

 

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Noverre – Exponate Junger Choreographen, IOCO Kritik, 28.04.2017

April 29, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett

Angstfrei und selbstbewusst ins Ballett von Morgen
„Junge Choreografen“ begeistern im Stuttgarter Schauspielhaus

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Von Peter Schlang

Der in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts am Hofe des kunstsinnigen Herzogs Carl Eugen von Württemberg wirkende französische Ballett-Pionier Jean Georges Noverre (Die Ballettwelt gedenkt am 29. April 2017 seines 290. Geburtstags.) wurde 1958 in Stuttgart zum Namensgeber einer Einrichtung, die in den nunmehr 59 Jahren ihres Bestehens unschätzbare Beiträge zur Förderung des modernen Tanzes und des Balletts geleistet hat und aus dem Kulturleben in Baden-Württemberg, ja Deutschlands, nicht mehr wegzudenken ist.

Ursprünglich mit dem Ziel gegründet, Wissen um den Tanz zu vermitteln und dieses zu erweitern, ist die Noverre-Gesellschaft, die sich selbst mit dem eher schwäbisch-bescheidenen Untertitel „Freunde des Balletts“ erklärt, spätestens seit 1961 einer der innovativsten Akteure und Förderer auf dem Gebiet der Choreografie und moderner Tanzideen. In jenem Jahr riefen nämlich ihr Gründer und langjährige Vorsitzende Fritz Höver und der Vater des Stuttgarter Ballettwunders, John Cranko, die seitdem jährlich im Frühjahr präsentierte Reihe „Junge Choreografen“ ins Leben.

Sie beglückt nicht nur an nur zwei Abenden ein immer größer werdendes und ungeduldiger auf die Neuausgabe wartendes tanzbegeistertes Publikum, sondern zieht auch Tanzexperten und Ballett-Verantwortliche aus allen Ecken Deutschlands, ja Europas an. Längst hat sich nämlich herumgesprochen, dass bei diesem Ereignis etliche der kommenden Choreografie-Stars ihre Erstlings-Entwürfe vorstellen oder zum zweiten oder wiederholten Mal eine Arbeit vor einem fachkundigen Publikum präsentieren. Entsprechend lang und illuster ist die Liste der Choreografinnen und Choreografen, für welche die Stuttgarter Reihe „Junge Choreografen“ zum Sprungbrett in eine internationale Karriere als Choreograf und Ballettleiter wurde: Pina Bausch, Bridget Breiner, William Forsythe, Marco Goecke, Jirí Kylián, John Neumeier, Uwe Scholz, Christian Spuk und Demis Volpi starteten einst als Noverre-Novizen und wurden für unzählige Tänzer und Nachwuchs-Choreografen Vorbild und Ansporn.

In diesem Jahr wurden aus der langen Liste junger und teilweise bisher unentdeckter Choreografie-Talente neun Mitglieder der Stuttgarter Compagnie und drei auswärtige Gäste – Guilherme Carola von der Akademie des Tanzes in Mannheim, Dustin Klein vom Bayerischen Staatsballett in München und Tadayoshi Kokeguchi vom Ballet de  l´Opéra de Lyon – für würdig befunden, an diesem Schaulaufen des Choreografie-Nachwuchses teilzunehmen. Sie hatten für die zwei Aufführungen am 20. und 21. April neun Uraufführungen und eine Stuttgarter Erstaufführung vorbereitet und erhielten somit die absolut realitätsnahe Chance, ihr Arbeiten unter „Echt-Bedingungen“ vorzustellen – ganz nach der Maxime John Crankos: „Choreographen brauchen Licht, Bühne, Tänzer, Kostüme, Probenzeit und nicht zuletzt: ein Publikum, das sich die Stücke ansieht.“

Stuttgarter Ballett / Noverre - Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Einzige Bedingung für alle Teilnehmenden ist die Länge ihres Balletts, welche 12 Minuten nicht überschreiten darf. Weitere Besonderheiten dieses Tanz-Ereignisses sind, dass sich die jungen Autorinnen und Autoren selbst um alles Details der Aus- und Aufführung kümmern müssen, also sowohl für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnen als auch z. B. die Lichtregie selbst entwerfen müssen.
Aber nicht nur an die Schöpfer der Tanzvorlagen stellen diese Abende der Noverre-Gesellschaft allerhöchste Anforderungen. Auch die ausführenden Tänzerinnen und Tänzer, von denen einige Mitglieder der Stuttgarter Compagnie mehrmals auftreten, stehen vor einer besonderen Aufgabe, und selbst für das Publikum stellt die Fülle von Entwürfen und Ideen, die in zwei Fünferblocks mit einer jeweils höchstens zweiminütigen Umbaupause im zweimal total ausverkauften Stuttgarter Schauspielhaus vorgestellt wurden, eine gewisse Herausforderung dar.

Die erste Arbeit stammte in diesem Jahr von Noan Alves, der mit seinem Noverre-Erstling Venus eine Verbeugung vor der Rolle der Frau, ja dem Weiblichen überhaupt macht. Er schickt dabei vier wie Schwestern wirkende Tänzerinnen durch eine kleine Reise durch die Tanzgeschichte und verknüpft dabei klassische Zitate mit modernen, teilweise leicht akrobatisch anmutenden Elementen.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Seine Stuttgarter Compagnie-Kollegen Alexander Mc Gowan, der bereits zum zweiten Mal bei den „Jungen Choreografen“ gastierte, und Enes Comak wagten sich mit ihrem zweiteiligen Entwurf Fraternal/Stories schon etwas mehr in die Moderne vor. Ihre an Breakdance und an Marco Goecke erinnernden Bewegungen und Figuren, denen sie als Tänzer höchstpersönlich Leben einhauchten, gewannen durch eine beeindruckende Lichtregie weiter an Wirkung.

Auch Alisa Scetinina gehört seit der vergangenen Spielzeit dem Stuttgarter Corps de Ballett an und setzte ihre Choreografie Intact zusammen mit ihrem Kollegen Shaked Heller selbst in Tanz um. Dabei verdienen nicht nur die zahlreichen höchst fesselnden Studien zum pas de deux Erwähnung, sondern vor allem auch der Umstand, dass die Choreografin laut Programmheft selbst die Musik zu ihrem Ballett komponiert hatte.
Alessandro Giaquinto, ebenfalls Stuttgarter Noverre-Debütant, sorgte bei seiner von drei Tänzerinnen vorgetragenen Elegia nicht nur durch das darin angesprochene Thema Abschied und Sterben für Aufmerksamkeit, sondern ließ auch durch seine „Musikauswahl“, die Verbindung von Strawinskys Elegy for a solo viola mit dem von Giuseppe Ungaretti hinreißend vorgetragenen Gedicht Sono una creatura, regelrecht aufhorchen.

Für einen weiteren Höhepunkt vor der Pause sorgte der erste Gast der diesjährigen Aufführungen, der an der Oper in Lyon tanzende Tadayoshi Kokeguchi, der dort bereits mehrfach als Choreograf auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinen zu Johannes Brahms erster Cello-Sonate geschaffenen Fences stellte er das längste Stück des Abends vor, in dem er die zwei Tänzerinnen und Tänzer – darunter er selbst – zu ganz unterschiedlichen Tableaus und bildhaften Formationen gruppierte. Für diesen faszinierenden Entwurf mit seinen überzeugenden psychologischen Studien und häufigen filmischen Adaptionen und Anspielungen wurde sein Schöpfer vom vollen Haus mit begeistertem, lang anhaltendem rhythmischem Applaus bedacht.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Eine Besonderheit an Pablo von Sternenfels‘ A drop of ocean, mit dem der Stuttgarter Halbsolist den zweiten Teil des Abends eröffnete, war nicht nur die Tatsache, dass der Schöpfer dieses Werks auch die Rolle des ausführenden Tänzers übernommen hatte. In jeder Hinsicht Augenweide wie Ohrenschmaus war vielmehr die musikalische Seite dieses Beitrags, für welche der Choreograf seinen Bruder Santiago an Saxophon und Wasserschlauch und die singende Kontrabassistin Fuensanta Mendez zu sich auf die Bühne geholt hatte. Großartig zu verfolgen, wie die fulminant dargebotenen Tanzbewegungen dieses Ausnahmetalents, zu denen er seinen Oberkörper häufig in Bodennähe oder knapp darüber bewegte, mit dem jazzigen und groovenden Sound der beiden Musiker amalgamierten. Nicht selten stellte sich dabei dem faszinierten Beobachter die Frage, wer bei diesem Trio nun Maß und Takt vorgab, der Tänzer oder seine Partnerin am Kontrabass.

Der nächste Beitrag stammte von der zweiten zu diesem Abend eingeladenen jungen Choreografin, der sich noch im Stadium einer Elevin befindlichen gebürtigen Italienerin Aurora de Mori. In ihrem Devenire anima zu Musik von Arvo Pärt schöpft sie alle Möglichkeiten aus, die sich zwei Tänzerinnen und drei Tänzern bieten und bietet flüssiges und sehr empathisches Tanztheater, das sehr stark auf klassische Elemente baut.
Kaum krasser konnte der Gegensatz zum folgenden Stück sein, das wiederum von einem Gast kreiert worden war, von Dustin Klein aus München Zu typisch bayrischer Volksmusik lässt der seine beiden Tänzerkollegen Nikita Kotkov und Ilia Sarkisov alle Register der Tanzkunst ziehen, wobei es der Fantasie der Zuschauer überlassen bleibt, was diese in diesen turbulenten, abwechslungsreichen zehn Kraftminuten am ehesten sehen, eine Parodie auf bayrisches Brauchtum oder eine Verballhornung des klassischen Ballettbetriebs. Jedenfalls tobte das Stuttgarter Schauspielhaus nach dieser Vorführung sicherlich nicht weniger als ein Münchner Oktoberfestzelt.

Nach dieser furiosen Präsentation ließen die beiden auch als Tänzer agierenden Stuttgarter Compagnie-Mitglieder Robert Robinson und Adam Russell-John das Publikum und dessen aufgeheizte Sinne mit ihrem vom gleichnamigen Song von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales begleiteten Room 29 wieder etwas zur Ruhe kommen.

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 - E=mc² - Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe - Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 – E=mc² – Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe – Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Den Schlusspunkt dieses begeisternden Abends mit dem Schaulaufen großer Choreografie-Talente setzte der an der Mannheimer Akademie des Tanzes studierende Guilherme Carola, der mit diesem letzten Stück sicherlich den schwierigsten Part des Abends zu bewältigen hatte. Sein nach Einsteins Formel E=mc² benanntes Stück für einen Tänzer und vier Tänzerinnen versucht mit den Mitteln des Tanzes, hinter die Geheimnisse von Mathematik und Physik zu kommen. Dabei spürt er genauso der Faszination eines Stoffes und Themas nach, wie er untersucht, weshalb andere Menschen davon abgestoßen oder zumindest kalt gelassen werden.

Das Schluss-Defilee führte noch einmal alle anwesenden elf zukünftigen Choreografie-Stars auf der Bühne zusammen, wo sie sichtlich und verdient den tosenden Applaus des zwar ermüdeten, aber noch immer begeisterten Stuttgarter Ballett-Publikums genossen.

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