Mannheim, Asli Kilic – gefeierte Pianistin im Gespräch, IOCO Interview, 04.06.2020

Juni 3, 2020 by  
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Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic – gefeierte Mannheimer Pianistin

 Konzertabsagen, digitaler Unterricht, Kindererziehung – in Zeiten von Corona

  im Gespräch mit Uschi Reifenberg –  IOCO

Uschi Reifenberg (UR): Frau Kilic, Sie sind als gefeierte Pianistin international unterwegs mit verschiedenen Soloprogrammen, treten als gefragte Kammermusikerin auf oder als Solistin mit namhaften Orchestern. Sie sind aber auch in vielfältigen Konstellationen immer wieder in der Region zu erleben, ihr letztes Live-Konzert fand am 7. März 2020 im ausverkauften Mozartsaal im Mannheimer Rosengarten statt, wo Sie zusammen mit dem Stamitz Orchester Mannheim unter der Leitung von Jan-Paul Reinke, das 3. Klavierkonzert von Bartok mit großem Erfolg aufführten. Zwei Tage später begannen die ersten Corona-bedingten Einschränkungen. Wie stellt sich die derzeitige Lage für Sie selbst dar?

Asli Kilic (AK):  Im Rückblick betrachtet ist mein letztes Konzert am 7. März im Rosengarten natürlich ein riesiges Geschenk gewesen, was ich selbstverständlich auch damals so empfunden habe.

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 1
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Dass ich diese wunderbare Musik in diesem schönen Saal, vor großem Publikum spielen durfte, hat mich sehr glücklich gemacht und als nach und nach die Corona-bedingten Einschränkungen den Konzertbetrieb lahmlegten, haben mich die Erinnerungen daran die ersten Wochen noch durch diese Krise getragen. Ganz am Anfang habe ich die Zwangspause tatsächlich als angenehm empfunden, da ich zur Ruhe kommen konnte. Ich hatte die Monate davor sehr viele Auftritte und  Probenarbeit, dann begannen die Vorbereitungen zum Bartok Konzert, so dass ich -wie gesagt – in der ersten Zeit die Pause als kreative Möglichkeit erlebt habe, auch wieder mehr zu mir selber zu kommen und in mich zu gehen, was für mich zunächst recht positiv war.

UR:  Der Lockdown traf die meisten freischaffenden Künstler mit unvorbereiteter Härte, viele Konzerte wurden abgesagt, langfristige Pläne zunichte gemacht, Existenzen an den Rand des Ruins getrieben.

Die so entstandene Zwangspause kann aber auch – wie Sie selbst schon erwähnten- als kreativer Stillstand begriffen werden und birgt ebenso Potenzial für Neuausrichtungen wie für veränderte Lösungsansätze. Inwiefern hat die Krise Ihre künftigen Planungen beeinflusst?

AK.:  Leider ist es in der Tat so, dass alle meine Konzerte bis Ende Juni abgesagt worden sind mit wirklich tollen Programmen, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Darunter waren Klavierrecitals mit Werken von Chopin und Brahms, die mir sehr am Herzen liegen, und auch Auftritte mit meinem Ensemble Scriabin Code. Wir haben uns in der Pause wöchentlich über Zoom zusammengesetzt, um unser neues Projekt voranzubringen, das den Titel Aufbruch trägt, das jetzt in der Corona Zeit auch nochmal eine ganz andere Konnotation erfährt.

UR: :  Erzählen Sie uns etwas über dieses Ensemble.

 Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic @ Ivo Kljuce

A.K.:  Die Besetzung unseres Ensembles Scriabin Code besteht aus drei Elementen. Da wäre einmal der sogenannte Visual Artist, der Projektionen auf einer Leinwand gestaltet, die mit der Musik korrespondieren. Durch Vernetzung von Sensoren entsteht sozusagen eine Art Live-Malerei. Der zweite „Baustein“ ist das zeitgenössische Jazz- Ensemble mit Bass, Klarinette, Schlagzeug und Klavier. Ich habe den Part der klassischen Pianistin, spiegele die Werke, und das Ensemble antwortet dann auf seine Weise. Dadurch entsteht sozusagen etwas ganz Neues. So komme ich auch mit anderen Genres in Berührung, was für mich sehr spannend ist. Das erste Konzert dieses Projekts wird im November 2020 in Heidelberg stattfinden.

In den Wochen der Zwangspause habe ich natürlich versucht, mich fit zu halten und habe für mich selbst weitergearbeitet, auch ein anderes Repertoire ausgewählt. Oft muss man natürlich, was das Repertoires betrifft, den Konzertveranstaltern Rechnung tragen und ist diesbezüglich gebunden. Ich habe in der Klausur jetzt für mich Franz Schubert „entdeckt“ und beschäftige mich viel mit den „Moments musicaux“, das ist eine ganz wunderbare Musik!

Gott sei Dank kommen aber für den Winter und für 2021 Konzertanfragen herein, was auch wieder konkrete Planungen erlaubt, erfreulicherweise auch sehr kurzfristig wie jetzt der Livestream beim HR, bei dem ich zusammen mit meinem Kollegen, dem Geiger Maximilian Junghans die 4. Sonate für Klavier und Violine von Beethoven spielen konnte. Natürlich empfinde ich die Situation einerseits als sehr bitter, auf alle Konzerte verzichten zu müssen, aber andererseits bekommt man auch die Zeit und die Chance, sich selbst mit seinem künstlerischen Tun und Wollen zu hinterfragen und frei zu entscheiden, welche Schwerpunkte man selbst setzen möchte.

UR: Möglicherweise wird sich für viele Künstler die internationale Tourneetätigkeit verändern. Werden wir nun eine verstärkte Regionalisierung des Musikbetriebs erfahren?

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 2
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A.K.:  Das ist schwierig zu beantworten. Sicher werden die ganz großen Namen nach wie vor überall auf der Welt anzutreffen sein. Aber ob es auch ökologisch sinnvoll ist, dass ein großes  Sinfonieorchester für ein Konzert einmal um den ganzen Erdball fliegt, mag dahingestellt sein.

Viel verändern wird sich langfristig sicher nicht, aber vielleicht geht man mit einem veränderten  Bewusstsein weniger leichtfertig mit diesen Fragen um.

UR:   Das Publikum ist nach der langen Abstinenz ausgehungert und verlangt nach Live-Erlebnissen von Konzerten. Der Betrieb wird nun nach und nach wieder hochgefahren, wenn auch in stark reduzierter Form. Können wir nach der Krise einfach dort weitermachen wo wir im März aufgehört haben, oder sollten wir als Künstler nach diesen Erfahrungen auch neue Perspektiven aufzeigen?

A.K.:  Natürlich hoffe ich, dass wir wieder Konzerte in gewohntem Umfang gestalten können, auch wenn es sicher unterschiedliche Reaktionen der einzelnen Musiker auf das Erlebte geben wird. Viele brauchen selbstverständlich die Interaktion mit ihrem Publikum, können ohne diese nicht existieren. Andere mögen dem Konzertbetrieb und seinen Folgen in der Rückschau weniger positive Seiten abgewinnen und verzichten lieber  auf den äußeren Druck. Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls sehr, dass die Konzerte wieder in alter Größe stattfinden werden und ich wäre sehr dankbar, wieder mit meinem Publikum in Kontakt treten zu können.

UR:   Wie lange kann man in Klausur produktiv ohne konkrete Konzertziele üben?

A.K.:  Wir als Pianisten kennen das Gefühl der Klausur, in der Abgeschiedenheit zu arbeiten, mit sich selbst alleine zu sein, für sich einen Übeplan zu gestalten. Aber letztendlich wird es auch vom jeweiligen Musiker-Typ abhängen. Manche brauchen sehr stark den Druck von außen, auf einen bestimmten Termin hinarbeiten zu müssen. Andere wiederum setzen  sich selbst persönliche „Deadlines“, da sie sonst  Gefahr zu laufen, sich zu verlieren. Das verlangt jedem einzelnen natürlich viel Disziplin ab. Ich denke, ohne Perspektive ist das aber alles sehr, sehr schwierig.

UR:  Die Digitalisierung  des Musikbetriebs ist mittlerweile Konsens und hat auch dem Konzert- und Opernbetrieb eine neue Qualität hinzugefügt. Sie haben das Streaming Projekt beim HR erwähnt, kann dies ein Ersatz für ein Livekonzert sein?

AK:  Mir fehlt die Interaktion mit dem Publikum schon sehr. Die Energie, die zwischen den Musikern und dem Publikum im Augenblick des Musizierens entsteht, der direkte Austausch in der Live-Situation, die Spiegelung, die berühmten Schwingungen zu spüren, das alles vermisse ich in der Tat.

Asli Kilic – China Gates von John Adams
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UR:  Sie sind auch als engagiere Klavierpädagogin an der Musikschule in Heidelberg tätig. Der Unterricht wurde während der Schließungen bundesweit weitestgehend digital erteilt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Form des Unterrichts gemacht?

A.K.: Das war eine sehr interessante Erfahrung, da ich eigentlich ein analoger Mensch bin und mich selbst als nicht besonders „technikaffin“ bezeichnen würde. Insgesamt war diese neue Form des Unterrichts für mich und die Schüler eine ziemlich anstrengende Sache. Nichtsdestotrotz war es eine gute Chance, mit den Schülern in Kontakt zu bleiben und gleichzeitig war deutlich zu spüren, mit welcher Freude die Kinder und Jugendlichen auf das digitale Unterrichtsangebot reagiert haben. Neben den Schulschliessungen war der Klavierunterricht auf diesem Wege für viele eine willkommene Abwechslung und die meisten hatten mehr Zeit, am Instrument zu arbeiten und konnten sich weiterentwickeln. Außerdem wurde die Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler deutlich gestärkt. Dennoch bin ich froh, dass die Musikschulen nun auch nach und nach zum Präsenzunterricht in der bisherigen Form zurückfinden.

UR: Sie sind Mutter von drei Kindern im Alter von 8 bis 13 Jahren, die allesamt bereits Preisträger verschiedener Jugend-Musikwettbewerbe sind. Wie schaffen Sie es, sich so erfolgreich aufzuteilen zwischen Konzertpodium, Unterrichtstätigkeit und Kindererziehung?

A.K.: Vielen Dank für das Kompliment! Eigentlich ist Organisation alles. Ich habe das Glück, das alle drei Kinder wirklich sehr gut mitziehen. Sie bekommen natürlich mit, dass man, um bestimmte Ziele zu erreichen, Einsatz bringen muss. Ausserdem werden sie von hervorragenden Pädagogen gefördert, unterstützt und motiviert. Das Üben am Instrument machen sie sehr gern und es gehört für sie ganz selbstverständlich zum normalen Tagesablauf und schafft auch eine gewisse Sicherheit.

Das Unterrichten sehe ich für mich selbst als große Bereicherung an. Gerade wenn man sich mit technischen Problemen der Schüler auseinandersetzen muss, reflektiert man dabei ja auch immer sein eigenes Spiel, was auch eine sehr befruchtende Tätigkeit ist. Man kommt mit der vielfältigsten Klavierliteratur in Kontakt, oder kann in der Vorbereitung auf öffentliche Schüler- Auftritte jede Menge  aus seinem eigenen Erfahrungsschatz beisteuern.

Was mich trägt ist darüberhinaus die Tatsache, dass ich alle drei Bereiche, die Sie angesprochen haben, mit großer Liebe und Leidenschaft mache, anders wäre es gar nicht möglich. Das alles gibt mir auch viel Kraft zurück.

Uschi Reifenberg, IOCO —  Liebe Frau Kilic, herzlichen Dank für dies Gespräch

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Asli Kilic  –  Biografie einer Künstlerin

Musik begreifen, sie zu gleichen Teilen zu fühlen und zu verstehen ist die große Stärke von Asli Kilic. Der Notentext wie auch der historische Kontext spielen hierfür eine essentielle Rolle und so „…[scheinen ihr] technisch und emotional keine Grenzen gesetzt zu sein.“ so die FAZ

„Ein Stück völlig zu durchdringen, es für den Zuhörer „durchsichtig“ zu machen und alle Schichten offenzulegen sind mir besonders wichtig. Aber auch zu zeigen, dass die Klassik kein Relikt vergangener Zeit ist, sondern nie an Aktualität verliert. Das ist es, was ich durch meine Interpretationen verdeutlichen möchte.“ –  Asli Kilic

Asli Kilic, geboren in Frankfurt am Main, beginnt bereits im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierunterricht in ihrer Heimatstadt. Ihre außerordentliche Begabung führt sie zum Studium an die Musikhochschulen Mannheim und Köln, wo sie bei den Professoren Ragna Schirmer, Paul Dan und Arbo Valdma ihre Studien absolviert. Von Jewgeni Malinin, Peter Feuchtwanger, Paul Badura-Skoda und Thérèse Dussaut holt sie sich in Meisterkursen Inspiration.

Nationale und internationale Musikpreise und Stipendien bestätigen Asli Kilics hervorragendes Können. Um ihre Vision von der „Durch“-Sichtigkeit der Musik weiterzuentwickeln, holt sich Asli Kilic wesentliche Impulse bei der Pianistin Natalia Zinsadze. Die Georgierin ist eine der letzten Schülerinnen des legendären Heinrich Neuhaus, Begründer der Russischen Klavierschule und Verfasser der Klavierbibel „Die Kunst des Klavierspiels“.

Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Asli Kilic eine viel gefragte Pianistin, Recitals und Klavierkonzerte führen sie unter anderem an die Alte Oper Frankfurt, aber auch internationale Tourneen sind Teil ihres künstlerischen Lebens.

2018 folgte sie einer Einladung nach Mailand, wo sie beim Klavierfestival Piano City Milano einen fulminanten Klavierabend gab, was eine erneute Einladung für die Saison 2020 zur Folge hatte.

Ihre zwei CD Veröffentlichungen mit Klavierwerken von Leoš Janácek (siehe auch Video oben) fanden bei der Fachpresse großen Anklang. Das Fono Forum bescheinigt ihr eine „excellence pianistische  Technik“ und hebt Ihre klangliche Reife und große musikalische Sensibilität hervor.

Piano News bestätig der Künstlerin ihr „großartiges Klavierspiel“ und lobt ihr Gespür, musikalische Formen offen zu legen und für den Hörer sichtbar zu machen.

Eine enge Verbundenheit zur Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz sowie zu den  Orchestern des Nationaltheaters Mannheim und des Hessischen Rundfunks sind für die Pianistin ebenso wichtig wie ihre kammermusikalischen Projekte.

Einen besonderen Stellenwert nimmt auch das Projekt Scriabin Code in ihrem musikalischen Schaffen ein. Hier hat Asli Kilic die Gelegenheit, die Aktualität und Relevanz klassischer Musik neu zu denken sowie neu zu kontextualisieren. Auf diese Weise erreicht sie mit ihrem klassischen Klavierspiel auch Nicht-Klassikhörer. Der große Erfolg des Ensembles führte sie auf wichtige Bühnen und zu namhaften Festivals.

2019 veröffentlichte das Kollektiv ein neues Projekt zum 100-jährigen Jubiläum der Bauhaus Schule mit Werken von Bach, Satie, Wolpe, Hindemith und Bartók, das u.a. bei den Kurt Weill Festspielen und der Konzertreihe Klassik Clash des SWR zu hören sein wird.

—| IOCO Interview |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Musikalische Akademie – 2020/21, IOCO Aktuell, 16.05.2020

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

MUSIKALISCHE AKADEMIE  –  Nationaltheater Orchester Mannheim

 Spielzeit  2020/21  –  Flexibilität – in diesen Zeiten besonders gefordert

von Uschi Reifenberg

Das wissen auch Fritjof von Gagern, Präsident der Musikalischen Akademie und 1.Solocellist des Mannheimer Nationaltheater Orchesters in Personalunion und Generalmusikdirektor Alexander Soddy, die nun das aktuelle Programm der  242. Saison der  Musikalischen Akademie, welche 1778 gegründet wurde, vorgestellt haben.

Die Unsicherheit in der derzeitigen Krise zwingt die Künstler in eine besondere Situation und nötigt ihnen aus ihrer Planungswerkstatt verschiedene Lösungsmöglichkeiten ab. Der fehlende Austausch mit dem Publikum und der derzeitige Verlust des gemeinschaftlichen Erlebens von Musik verstärkt die Sehnsucht nach künstlerischer Normalität und beflügelt die Hoffnung auf eine bessere Zeit nach dem Ausnahmezustand.

„Wir arbeiten mit verschiedenen Szenarien – einem Plan A, so wie die Saison eigentlich gedacht ist, und einem Plan B, C und D, in welchen wir alternative Veranstaltungsformate durchspielen“, so von Gagern. „Die letzten abgesagten Konzerte (…) sind ein unfassbarer künstlerischer Verlust.  Gerade deshalb benötigen wir aus der Stille der Krise die Perspektive (…). Wir sehen es als unsere Aufgabe, Konzerte zu ermöglichen und durch die Musik Halt und Zuversicht gerade in diesen Zeiten zu geben“.

Der thematische Schwerpunkt der kommenden Programmgestaltung 2020/21 liegt in der Entwicklung romantischer und spätromantischer Kompositionen des 19. Jahrhunderts hin zur Auflösung konventioneller musikalischer Strukturen im 20. Jahrhundert, der atonalen Musik der  Moderne, sowie deren Repräsentanten der 2. Wiener Schule.

Geplant sind acht Doppelkonzerte, die einen weiten Bogen von Joseph Haydn bis Enrico Chapelá  spannen und wie immer im Mozartsaal des Rosengarten stattfinden werden. Ergänzt werden die Konzerte  durch das Konzertformat der Kammerakademie im Opernhaus des Nationaltheaters, das alljährlich besondere Akzente setzt und diesmal ein spannendes Bläserprogramm verspricht.

Wie in jedem Jahr sind auch in der Saison 20/21 wieder hochkarätige Solisten bei der Musikalischen Akademie zu Gast.

NTM Nationaltheater Mannheim / Bühne und Besucherraum für kommende Konzerte der Musikalischen Akademie © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim / Bühne und Besucherraum für kommende Konzerte der Musikalischen Akademie © Christian Kleiner

GMD Alexander Soddy wird allein vier der acht Doppelkonzerte dirigieren.   Den Auftakt macht GMD Alexander Soddy im ersten Akademiekonzert am 19./20. Oktober 2020, mit einem breit gefächerten und kontrastreichen amerikanisch- russisch- englischen Programm. John Adams Orchesterstück „Short Ride in a fast machine“ von 1986, das in atemberaubendem Tempo dahin jagt, wird dem populären 2. Klavierkonzert des russischen Komponisten Sergej Rachmaninow vorangestellt, interpretiert vom russisch-amerikanischen Pianisten Kirill Gerstein. Edward Elgars Sinfonie Nr.1, ein Meilenstein der englischen Sinfonik, dürfte beim Briten Alexander Soddy in den besten Händen liegen.

Im 2. Akademiekonzert am 16. und 17. November, das sich deutschen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts widmet, steht nach längerer Zeit als Instrument wieder das Horn im Mittelpunkt. Das 2. Hornkonzert von Richard Strauss, das zu den schwierigsten Hornkonzerten überhaupt zählt, wird gespielt von Radek Baborák, dem ehemaligen Solohornisten der Berliner Philharmoniker. Mit Carl Maria von Webers Ouvertüre „Die Beherrscher der Geister“ und der 2. Sinfonie von Robert Schumann taucht das Programm tief in die Epoche der Früh- und Hochromantik ein.

Das 3. Akademiekonzert am 14./15. Dezember unter der Leitung von Ingo Metzmacher, trägt durchweg märchenhafte Züge. Dem besonders zur Weihnachtszeit beliebten Vorspiel aus Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel folgt das Konzert für Viola und Orchester von Paul Hindemith Der Schwanendreher, das auf alten Volksliedern basiert. Als Solist konnte der Solo-Bratschist der Berliner Philharmoniker Amihai Grosz gewonnen werden.

In Alexander Zemlinskys Orchesterstück Die Seejungfrau wird die Geschichte der sich nach der Menschenwelt sehnenden Meerjungfau von Hans Christian Andersen lebendig, Ein reines russisches Programm verspricht das 4. Akademiekonzert am 8./9. Februar 2021, das von der französischen Dirigentin Ariane Matiakh geleitet wird.

Dmitri Schostakowitschs 1. Cellokonzert, das für Mstislaw Rostropowitsch geschrieben wurde, wird hier von der Cellistin Tatjana Tetzlaff gestaltet, flankiert von Michail Glinkas Kamarinskaya, einem bahnbrechenden russischen Orchesterwerk und Sergej Rachmaninows faszinierender   „Toteninsel“, inspiriert von Arnold Böcklins berühmten Gemälde.

Als letzter Programmpunkt setzt Modest Mussorgski mit seinem Meisterwerk Eine Nacht auf dem kahlen Berge einen phänomenalen Schlusspunkt unter die Reihe der russischen  Schauerromantik.

Das 5. Akademiekonzert am 8./9. März 21 bewegt sich im Spannungsfeld des Franzosen Claude Debussy, dem deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven und dem Dänen Carl Nielsen.

Geleitet wird das Konzert vom dänischen Dirigenten Michael Schønwandt, der Komponist Hans Abrahamsen, ebenfalls Däne, orchestrierte 2011 Debussys bekannte Klavierminiaturen Childrens Corner, die Debussy seiner geliebten Tochter widmete.

Mit Beethovens 1.Klavierkonzert wird Kit Armstrong zu erleben sein, ein ersehnter Beethoven   Programmpunkt nach dem stark reduzierten Beethoven Jubiläumsjahr 2020.  Michael Schønwandt, dessen besondere Verbundenheit der Musik Carl Nielsen gilt, stellt die Sinfonia espansiva seines Landsmanns nun erstmalig dem Mannheimer Publikum vor.

Nationaltheater Mannheim / Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Gerard Collett

Nationaltheater Mannheim / Generalmusikdirektor Alexander Soddy © Gerard Collett

Das 6. Akademiekonzert am 12./13. April 21 steht ganz im Zeichen Anton Bruckners. Mit seiner 5. Sinfonie, der sogenannten „katholischen“ setzt der italienische Dirigent Antonello Manacorda den Mannheimer Bruckner Zyklus fort. Bruckner schuf mit dieser Sinfonie wohl sein persönlichstes Werk, eine Art Glaubensbekenntnis nach einer für ihn schweren Zeit. Vom großen Vorbild Richard Wagner hatte er sich in dieser Sinfonie endlich emanzipiert.

Das 7. Akademiekonzert am 10./11. Mai 21, unter der Leitung von Alexander Soddy, spannt den Bogen von der Frühklassik Joseph Haydns über Gustav Mahler bis zur 2.Wiener Schule  Alban Bergs im 20. Jahrhundert, dessen „3 Stücke aus der Lyrischen Suite“, bearbeitet für Streichorchester, zu hören sein werden. Alle drei Komponisten verbindet der Bezug zur Stadt Wien. Der 1.Solo-Trompeter des Nationaltheater Orchesters Lukas Zeilinger, der ebenfalls aus der Nähe von Wien stammt, wird mit Haydns Trompetenkonzert eines der bedeutendsten Kompositionen für dieses Instrument interpretieren. Eine schöne Tradition der Musikalischen Akademie, Solisten aus „den eigenen Reihen“ in ihren Konzerten vorzustellen.

Gustav Mahlers 1.Sinfonie, reich an Gegensätzen und Bezügen, setzt den spannenden Schlusspunkt in diesem vielfältigen Programm.

Das 8. Akademiekonzert am 22./22. Juni 21, wiederum dirigiert von Alexander Soddy, mit einem kontrastreichem französisch- lateinamerikanischen Programm, bringt ein Wiedersehen mit dem Violinisten August Hadelich, der teilweise in Mannheim aufwuchs und auf allen großen Konzertpodien der Welt zu Hause ist. Er wird mit Édouard Lalos Sinfonie espagnole zu hören sein. Mit Spannung erwartet wird die Uraufführung von Enrico Chapellas genreübergreifender Komposition, einem Auftragswerk für die Musikalische Akademie. Zwei exemplarische Werke des Impressionismus bilden den Rahmen für diesen Abend, Maurice Ravels Alborada del grazioso, aus dem Klavierzyklus Miroirs, der hier als Orchesterwerk erklingt und La mer von Claude Debussy.

Am 6./7. Juni setzen dann die Bläser in der Kammerakademie mit Richard Strauss, Antonin Dvorák und Friedrich Gulda ganz besondere Akzente.  Joseph Bastian dirigiert, Benedict Kloeckner ist der Solist in Guldas Konzert für Violoncello und Blasorchester, einem energiegeladenem Crossover-Stilmix, der unter die Haut geht. Die Bläserserenaden von Strauss und Dvorák sind absolute Meisterwerke ihres Genres und lassen einen Hauch von Mozart‘schem Geist durchs Programm wehen.

Die Musikalische Akademie Mannheim  –  Akademiekonzerte

Mit nunmehr 242 Jahren sind die Akademiekonzerte in Mannheim weltweit eine der traditionsreichsten Konzertreihen weltweit. Gegründet wurde sie 1778 im Geiste der Mannheimer Schule – und damit an der Speerspitze der damaligen Avantgarde – von den Musikern der Kurfürstlichen Hofkapelle, des heutigen Nationaltheater – Orchesters. Es ist bemerkenswert, dass diese Institution auf ihrem Weg zum Traditionsorchester durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte immer vom außergewöhnlichen Zuspruch der Mannheimer Bürgerinnen und Bürger getragen wurde und heute wird.

Brahms, Furtwängler, Strauss, Kleiber, Hindemith, Rostropowitsch, Stein, Argerich, Zimmermann – die Liste der ganz großen Namen, die als Dirigenten und Solisten bei den Akademiekonzerten zu Gast waren, ließe sich lang fortsetzen. Den in der Musikalischen Akademie organisierten Musikern des Nationaltheater- Orchesters ist es immer gelungen, einige der interessantesten Musiker* innen ihrer Zeit nach Mannheim zu holen.

Heute ist die künstlerische und finanzielle Eigenständigkeit der Musikalischen Akademie einzigartig in Deutschland. Nach wie vor prägen Authentizität, Vielfalt und Ideenreichtum die Auswahl von Programmen und Gastkünstlern. Jährlich wird ein Kompositionsauftrag vergeben.   (Zitiert aus dem Jahresprogramm).

—| IOCO Aktuell Nationaltheater Mannheim |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, John Adams Nixon in China, 03.04.2020

April 3, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Nixon in China – kostenlos im Web

Oper trotz Corona: Die Staatsoper Stuttgart setzt ihr digitales On-Demand-Programm mit John Adamsc Nixon in China fort; Begleitendes Vermittlungsangebot des JOiN für zuhause

Auch in Krisenzeiten ins Opernhaus? Die Staatsoper Stuttgart setzt gemeinsam mit ihrem Digitalpartner, der LBBW, das kostenlose Opernprogramm „Oper trotz Corona“ auf ihrer Website fort und bleibt so weiterhin für ihr Publikum präsent – nur nicht auf der Bühne, sondern im Web. Noch bis Freitag ist in diesem Rahmen Richard Wagners Lohengrin zu sehen.

Staatsoper Stuttgart / Nixon in China ©   Matthias-Baus

Staatsoper Stuttgart / Nixon in China ©
Matthias-Baus

Am Freitag, 03.04.2020, ab 17 Uhr wird John Adams‘ Nixon in China als Live-Aufzeichnung einer Aufführung aus der letzten Saison auf der Website zu sehen sein. Die ungekürzte Aufführung in englischer Sprache ist mit deutschen Untertiteln versehen und wird eine Woche lang on demand auf der Website der Staatsoper Stuttgart zur Verfügung stehen.

Nixon in China basiert auf dem realen Staatsbesuch des 37. US-Präsidenten Richard Nixon bei Mao Tse-tung in Peking im Jahr 1972. An der Staatsoper Stuttgart hatte das Werk in der Neuinszenierung von Marco Štorman am 7. April 2019 Premiere. Es dirigiert André de Ridder.

Die Staatsoper Stuttgart flankiert dieses Programm in den kommenden Wochen weiterhin mit Online-Aktivitäten und kleinen zusätzlichen Überraschungs-Videoclips aus dem Opernhaus oder aus dem Wohnzimmer ihrer Künstler*innen.

Stand heute wird der reguläre Spielbetrieb ab Montag, 20.04.2020, wieder aufgenommen.

Alle Informationen: www.staatsoper-stuttgart.de/oper-trotz-corona

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 03.05.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck

– Flash-back in der Seniorenresidenz –

von Peter Schlang

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Angeregt durch das in Richard Wagners Lohengrin,  der ersten Premiere Viktor Schoners als Stuttgarter Operndirektor, ausgesprochene Frageverbot, überschrieben der neue Intendant und sein Dramaturgen-Team alle Neuproduktionen ihrer ersten Stuttgarter Saison  mit einer jeweils passenden und sinnstiftenden Leitfrage. Nach dem „Wem glaubst Du?“, mit dem die letzte Premiere Nixon in China versehen worden war, feierte am 28. April Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride unter dem ebenfalls recht existenziellen Interrogativ  „Wem vergibst Du?“ in der Inszenierung des  polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski im „Haus am Eckensee“ Premiere. Angesichts der Kette von Verrat, Intrige, Mord und darauf folgendem Rachemord, von denen Glucks 1779 in Paris uraufgeführte Reformoper erzählt, ist dieses Motto treffend wie anspruchsvoll gewählt und verheißt notwendigerweise eine Antwort mit zahlreichen Namen.

Iphigénie en Tauride – Christoph Willibald Gluck
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Deren Trägerinnen und Träger kommen in dieser packenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, welche auf einer 2006 für die Opéra national de Paris geschaffenen Produktion basiert, auch alle tatsächlich vor. Der Regisseur wählt nämlich als Rahmen für die Opernhandlung die Methode des Spiels im Spiel, hier als Traum-Bilder der Titelheldin.

Iphigénie en Tauride  in Stuttgart – Subtiles Traumgebilde

In Stuttgart träumt Iphigenie die Träume wichtiger Stationen ihres Lebens – und damit der Opernhandlung – in einem offenbar ausschließlich Frauen vorbehaltenen Altersheim. Dort sieht man sie in der Eingangsszene nach dem mitreißend vorgetragenen orchestralen Gewittersturm, aber auch in späteren Szenen, wie sie in einer Schachtel mit alten Familienfotos wühlt und sich dabei an ihr Leben prägende Ereignisse erinnert.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck - hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck – hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Diese Erinnerungshandlung wird von einem stummen Chor älterer Damen vorbereitet und begleitet, den Warlikowski der Titelheldin anstelle der griechischen Priesterinnen an die Seite stellt. Sie sind wie Iphigenie Bewohnerinnen dieser heruntergekommenen, verblichenen Glanz verbreitenden und die Atmosphäre eines „Nicht-Zuhauses“ ausstrahlenden Seniorinnen-Residenz. (Bühne und Kostüme: Margorzata Szczesniak).Als zusätzliches, tiefenpsychologisch wirkendes Element schaltet die Bühnenbildnerin dem Bühnenraum an ausgewählten Stellen eine verschiebbare Spiegelwand vor, die nicht nur den dann an den Brüstungen der Ränge angestrahlten Zuschauerraum und die am Proszenium agierenden Protagonisten spiegelt, sondern durch eine raffinierte  Technik auch Durchblicke auf die Hinterbühne und die sich dort abspielenden Rückblenden ermöglicht.

Für diese Rückblenden und Kommentare setzt der Regisseur vorwiegend die erwähnten neun alten Damen ein, die von teilweise schon seit Jahrzehnten an der Stuttgarter Oper wirkenden Statistinnen verkörpert werden. Im Verlauf der gut zweistündigen Opernhandlung übernimmt dieses Nonett  nicht nur die Rolle des Chores der antiken Tragödie, sondern spiegelt auch den gleichförmigen Alltag eines Altenheims, was nicht zuletzt durch eine tageszeiten-typische und anlass-gemäße Kleidung der Damen unterstrichen wird.

Neben dem eindrucksvollen Äußeren dieser Seniorinnen-Equipe, das auf satt gelebte Leben wie auf diese prägende harte Schicksale schließen lässt, gibt das sehr gut gestaltete Programmheft Aufschluss über Bedeutung und Hintergründe  dieses packenden Inszenierungsdetails: Dort schildern die neun Statistinnen – die älteste  Darstellerin ist 95 (!) Jahre alt – Episoden  ihres Lebens und ziehen dabei Parallelen zur Situation und zum Schicksal Iphigenies und deren Familie.

Und wie Iphigenie wurden auch ihre hier agierenden Geschlechts- und Schicksalsgenossinnen unübersehbar durch familiäre Strukturen, die entsprechenden Rollenbilder, den Umgang mit Verlusten und Abschieden und  das Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder auch Verschweigen  gezeichnet. Nicht zuletzt machen diese Frauen aber auch deutlich, wie stark Krieg  und Vertreibung und ihre Folgen für Familienzusammenhänge sich ganz besonders auf weibliche Biographien auswirken und diese nachhaltig prägen.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Dieses behutsame Aufzeigen von Parallelen ist ein ausgesprochen kluger Zug der Regie, der nicht nur  eine Brücke in unsere Gegenwart schlägt, sondern auch relativ spielerisch Assoziationen zu Formen heutiger Schuld und Vergangenheits-bewältigung ermöglicht. Nicht zuletzt  öffnet dies den Blick auf tagesaktuelle Themen, wie etwa die Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht gesucht und gefunden haben. Wenn man in diesem Zusammenhang etwas Kritisches anmerken möchte, wäre es der kleine Makel, dass man sich an anderen Stellen vom Regisseur etwas mehr Mut zu aktuellen Bezügen oder ein stärkeres Bekenntnis zu Christoph Willibald Glucks immer wieder hervorgehobener Rolle als Opernreformer gewünscht hätte. Andererseits zeichnet sich Warlikowskis Regie immer wieder durch kluge, sinnvolle Akzente und Einfälle aus. So setzt er als weiteres Stilmittel und Element zur Vergangenheitsbewältigung Iphigenies und zur traumhaften wie traumatischen Illustration ihrer Rückblicke einen weiteren stummen Chor ein, der sich aus den Mitgliedern von Iphigenies Kernfamilie zusammensetzt.  Diese letzte Generation der Atriden,  ergänzt um Iphigenies Fast-Ehemann Achill, bespielt mehrmals den Hintergrund oder eine Seite der Bühne, dabei stets ordentlich aufgereiht wie auf einem Familienfoto. Wenn sich dann je nach Szene die junge Iphigenie, von der erstmals in Stuttgart auftretenden Amanda Majeski stimmlich wie darstellerisch unnachahmlich wiedergegeben, unter ihre Nächsten mischt, stellt sich wirklich ein Gefühl von Traum und Déjà-Vu ein, welches alle Grenzen verschmelzen lässt und der Opernbühne und –handlung zu deren einzigartiger Wirkung verhilft.

Dass dieses so möglich wird, verdanken die neue Stuttgarter  Iphigenie und das diese atemlos verfolgende Publikum neben der erwähnten fabelhaften Sängerin der Iphigenie der ungeheuer plastisch und detailgenau agierenden Schauspielerin Renate Jett, welche die alte Iphigenie zu einer bemitleidenswerten wie faszinierenden, vom Leben gezeichneten Erscheinung formt.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck - hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck – hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Neben diesem Iphigenien-Duo, bei dem nochmals die ungeheure stimmliche Präsenz Amanda Majeskis herausgestellt sei, die mit ihrem nur anfangs etwas spröde und in den Höhen leicht scharf klingenden, dann aber wundervoll biegsamen  und expressivem Sopran eine dichte musikalisch-psychologische Wirkung erzielt, überzeugen auch die Darsteller der drei männlichen Rollen. In der Folge ihres Auftretens sei hier zunächst Gezim Myshketa genannt, der mit seinem dunklen, tiefgründig-rauen Bass dem Taurenkönig Thoas genau die angsteinflößende, dämonische Note verleiht, die man von einem als Despoten und Barbaren verschrienen Mannsbild erwartet. (Auch Ausstatter und Maskenbildner leisten hier fast mehr als eigentlich nötig, um dieses Bild herauszustreichen.) Stimmlich wie darstellerisch vom Feinsten präsentiert sich auch das griechische Freundesduo Oreste und Pylade, das nicht nur in seinem Duett am Ende des zweiten Aktes sehr berührt.  Dabei hat Jarett Ott als Iphigenies Mutter-mordender Bruder mit seinem weichen, unangestrengten und sehr beweglich geführten Bariton wegen der Anlage seiner Rolle ganz leichte Vorteile. Aber auch  Elmar Gilbertsson füllt mit seinem ungemein geschmeidigen und klangreinen Tenor die Rolle des Pylade ohne Abstriche stimmig und glaubhaft aus.

Gleiches gilt für die aus dem Bühnen-Off singenden Carina Schmieger als sehr empathisch-ausdrucksstarke Göttin Diana, Ida Ränzlöv als jeweils stimmsichere wie rollen-genaue Griechin und Priesterin und  Elliott Carlton Hines, der die beiden Rollen des Skyten und von Thoas‘ Aufseher mit schönem Timbre artikuliert.

Eine  herausragende Arbeit muss erneut dem stellvertretenden Chordirektor Bernhard Moncado bescheinigt werden, der den Staatsopernchor punktgenau und hervorragend auf seine besondere Rolle in dieser Produktion eingestellt hat. Der Chor agiert unsichtbar aus den Bühnenhintergrund bzw. vom hinteren Orchestergraben, und nicht nur seine schwarze Konzertkleidung, die er beim Schlussapplaus auf der Bühne präsentiert, verleiht seinem gesamten Auftreten etwas Oratorienhaftes, ja Sakrales. Dazu trägt auch die bekanntermaßen höchste Gesangskultur dieses Stimmen-Kollektivs bei, das seine Partien an vielen Stellen wie in eine andere Sphäre entrückt gestaltet.

Wunderbar (Wenn man die anderen Produktionen dieser Spielzeit nicht gesehen hätte, müsste man das Adjektiv erstaunlich oder überraschend verwenden.) und als höchst verlässliches musikalisches Zentrum dieser sich auf allerhöchstem Niveau bewegenden Aufführung agiert erneut das Staatsorchester Stuttgart. Der in der Pressemitteilung zur Premiere zu Recht als Barock-Experte eingeführte Stefano Montanari lässt es  in schillernden Farben, äußerst beweglich, höchst dynamisch, und mit überbordendem Klangsinn und dennoch großer Sängerfreundlichkeit musizieren. Und es spricht für die Qualität dieses früher oft als „Beamtenorchester“ verspotteten Klangkörpers, dass es mit Glucks Musik dem berühmten Stuttgart-Sound des untergegangenen Radiosinfonie-Orchesters des Südwestrundfunks sehr nahe kommt – und dies gerade drei Wochen, nachdem es mit der Minimal-Music von John Adams‘  Nixon in China auf einem ganz anderen musikalischen Terrain seine großen Qualitäten unter Beweis gestellt hat.

So gilt der einhellige, sich bis zum Jubel steigernde Beifall des Premierenpublikums gerechterweise allen Akteuren, den musikalischen wie den die Aufführung vorbereitenden und leitenden. Und auch der kritischste und anspruchsvollste Beobachter muss Viktor Schoner in seiner ja noch jungen Stuttgarter Intendanz eine bisher nahezu makellose Bilanz zugestehen.

 Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 02., 05., 10., 12., 14., 19. und 30. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

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