Minden, Stadttheater Minden, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Siegfried  –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

  – Siegfried heißt der Held im Stadttheater von Minden –

von Sebastian Siercke

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Es ist 41 Jahre her, daß ich Richard Wagners  Der Ring des Nibelungen zum ersten Mal sah. Der Theaterfundus der Hamburgischen Staatsoper war gerade abgebrannt und man musste sich die Dekorationen von anderen Opernhäusern ausleihen. Dieser Ring kam von der Oper Köln und war eine etwas betagte Wieland-Wagner-Produktion. Seither habe ich viele Ringe gesehen und eine Unzahl aus Einzelwerken daraus. Legendäre Inszenierungen, längst vergessene Belanglosigkeiten und Ärgerliches. Musikalische Höhepunkte, die zu andächtigem Niederknieen verleiteten und welche, über die schnell der gnädige Mantel des Vergessens gelegt wurde.

Und dann kam der Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden!

Kurzentschlossen gelang es uns 2018 die letzte Götterdämmerung zu besuchen und danach stand fest: Der komplette Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden wird 2019 für uns zu einer Pflichtveranstaltung! Das Erlebte in Minden mit Superlativen zu überhäufen wird dem Ganzen nicht wirklich gerecht. Die Sänger sind durch die Bank erstklassig, das Orchester großartig, der Dirigent Weltklasse.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Das Herausragende am Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden ist aber das Gesamtpaket dieser Aufführungen. Jeder in der Stadt scheint zu wissen, daß sich im Stadttheater außerordentliches tut und spricht die angereisten Gäste darauf an. Um das Theater herum hat man beinahe das bekannte, wohlige Bayreuth-Gefühl. Das Publikum steht in Hochstimmung vor dem Haus und wartet auf die Fanfaren, die hier wie dort das Pausenklingeln ersetzen und in Haus rufen. Letztlich fehlt nur der Bratwurststand um es zu komplettieren.

Das mit 525 Plätzen übersichtliche, beinahe intime Theater hat einen zu kleinen Orchestergraben für ein großes Wagnerorchester, also wird dieser überbaut zur Vergrößerung der Bühne, das Orchester sitzt nun hinter einen Gazevorhang im Hinterraum der Bühne. Dadurch hat man selbst aus der vorletzten Reihe im Parkett das Gefühl direkt ins Spiel auf der Bühne einbezogen zu werden. Und das, was dort gespielt wird ist wirklich außerordentlich! Der Regie von Gerd  Heinz merkt man an, daß er vom Schauspiel kommt. Eine so ausgefeilte Personenführung, perfekt an Musik und Text angelehnt, habe ich selten erlebt. Die Darsteller danken es mit hinreißender Spielfreude, bei der Gestik und Mimik in nie gesehener Perfektion gezeigt werden. Den Auftritt des gurrenden, flatternden Waldvogels wird jedem im Gedächtnis bleiben müssen.

Mit der Titelpartie des Siegfried hatte Thomas Mohr mittlerweile die dritte Rolle in dieser Ring-Serie; nach Loge im Rheingold und Siegmund in der Walküre. Von  lyrisch gesungen Passagen im ersten Akt über wuchtige Schmiedelieder bis zu dem strahlend inbrünstigen Werben um Brünnhilde im letzten Akt, gelang es ihm alles komplett mühelos erscheinen zu lassen, von der Anstrengung, die diese Mordspartie erfordert, war buchstäblich nichts zu hören oder zu sehen. Seine Brünnhilde war, wie schon in der Walküre, Dara Hobbs. Vom ersten „Heil Dir, Sonne!“ an hatte sie das Publikum mit ihrem strahlenden Sopran fest im Griff.  Herrlich, wie sich im folgenden Duett die ehemals göttliche Jungfrau und der eben erst erwachsene Jüngling sich gegenseitig wahrnehmen und neckend umwerben, bis sich zum Finale in die Arme werfen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Mime war der amerikanische Tenor Jeff Martin, wunderbar den verschlagenen, falschen Charakter der Partie darstellend. Renatus Meszar als Wanderer, im ersten Akt noch souverän als wanderender Wotan, der verzweifelt versucht Mime dazu zu bringen endlich die richtigen Fragen, die, die ihm beantworten würden, wie das das Schwert zu schmieden sei, zu einem resignierten Gott im zweiten und dritten Akt, zeigte stimmlich wie darstellerisch hervorragend die Wandlung zu jemandem, der dann nur noch schweigend, stumm und ernst in Walhall sitzen wird um das eigene Ende zu erwarten. Welch ein Einfall der Regie, daß nicht Siegfried am Amboss das Schwert schmiedet, sondern Wotan als Schattenbild im Hintergrund mit dem Aufstoßen seines Speers Nothung neu formt, in der vergebenen Hoffnung Siegfried könnte mit des Schwertes Hilfe doch noch alles zum Guten wenden. Erda trug mit ihrem Auftritt ihren Teil zu Wotans Wandlung bei. Nicht mehr als allwissendes Weib wie im Rheingold, sondern als alte verwirrte Frau saß sie auf der Bühne, verschlafend, was sie wissen müsste und letztlich von Wotan  zu ewigem Schlaf zurückgesandt.

Janina Baechle verkörperte diese Erda brillant. Heiko Trinsinger als Alberich mit höchst ausdrucksvoller Stimme, kommt als Jäger auf die Bühne und hat erstmal seinen kleinen Sohn Hagen dabei. Er erzieht ihn zum kalten Neid, zeigt ihm schon früh wo die Feinde sind, die er, erst erwachsen, für seinen Vater zu  schlagen hat. Der erste der fällt, wenn auch durch Siegfried ist Fafner, der Wurm. War es im Rheingold noch ein chinesischer Karnevalswurm, ringelte sich jetzt ein von Komparsen gespielter glitzernder Riesenwurm auf der Bühne. Erst als er von Siegfried tödlich getroffen wird verwandelt er sich zurück in Fafner, den Riesen, der seinen Bruder für den Ring erschlagen hat. Johannes Stermann lieh erst dem gelangweilten Wurm, Ich lieg und besitz: lasst mich schlafen, zum sterbend weisen Riesen seinen schönen Bass. Was war bei Julia Bauers Waldvogel eigentlich wichtiger? Die klangschöne Stimme oder das sagenhafte Spiel? Da spielte niemand einen Vogel: ein Vogel saß auf der Balkonbrüstung!

Bleibt noch das Orchester, wie immer in Minden die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, das makellos und klangschön wohl die meisten Opernorchester mit dieser Leistung souverän an die Wand spielt. Liegt es auch am Dirigenten? Bestimmt. Frank Beermann entlockt dem Orchester Klänge, wie man sie kaum noch sonst zu hören bekommt. Das gesamte Spektrum der romantischen Emotionen und überbordenden Dramatik wird hervorgeholt, daß es einem heiß und kalt wird. Genau so möchte ich Siegfried hören! Ganz ganz wunderbar!

Stadttheater Minden / Siegfried - Der Ring des Nibelungen - hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Siegfried – Der Ring des Nibelungen – hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein Wermutstropfen: 2020 ist in Minden Wagner-Pause. Ob und mit was man in Minden in den folgenden Jahren weiter macht steht noch nicht fest. Ich hoffe, daß weiteres kommt; die Opernwelt wäre deutlich ärmer ohne Richard Wagner in Minden!

Widmen möchte ich diese Zeilen meinem besten Freund, den ich 1978, bei meinem ersten Ring in Hamburg kennenlernte und mit dem ich in den folgenden Jahren hunderte von Opernvorstellungen landauf-landab gesehen habe. Er starb am Morgen dieses Mindener Siegfrieds.  Er hätte diese Aufführung geliebt!

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Minden, Stadttheater Minden, Rheingold – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 14.09.2019

September 14, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Das Rheingold –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

– „Das Wunder von Minden“  –  Es verzaubert wieder –

von  Patrik Klein

Im September 2018 wurde am Stadttheater Minden der Ring des Nibelungen von Richard Wagner vollendet: ein wagemutiges Projekt, mit dessen Inszenierungen und musikalischem Reichtum  die Stadt Minden und ihr kleines Stadttheater überregionale Aufmerksamkeit, Bewunderung und Begeisterung erzeugte.

IOCO berichtete aus diesem Ring – Zyklus zu  Siegfried (Oktober 2017, link HIER) und Götterdämmerung (Oktober 2018, link HIER!).

Für September/Oktober 2019 wagte sich das Team um Dr. Jutta Hering-Winckler (Initiatorin und Vorsitzende des Wagner- Verbands Minden), Regisseur Gerd Heinz und Dirigent Frank Beermann zwei zyklische Aufführungen des Ring des Nibelungen, innerhalb von je elf Tagen aufzuführen.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Die Stadt Minden besitzt nur ein sehr kleines Theater ohne Ensemble mit nur wenigen Mitarbeitern in Verwaltung und Technik.  Allerdings hat man in Minden einen mutigen Wagner-Verband mit Visionen, ungeheurer Energie und Tatendrang. Zum größten Teil aus Spenden finanziert ging man im Jahre 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Nordwestdeutschen Philharmonie ein Wagnis ein, das die Opern Richard Wagners in beachtlicher Qualität nach und nach auf die kleine Bühne des Hauses brachte.

Im Abstand von einigen Jahren wurden die Opern Der fliegende Holländer,  Tannhäuser, Lohengrin sowie Tristan und Isolde mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne des Stadttheater Minden gehoben. 2015 fasste man dann die größte Herausforderung eines Opernbetriebes: man plante Richard Wagners Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in den Folgejahren aufzuführen. Ab September 2015 gelang eine Inszenierung im Stadttheater: 2015 – Das Rheingold; 2016 – Die Walküre; 2017 – Siegfried; 2018Götterdämmerung. 

Durch die Positionierung des Orchesters auf der hinteren Hauptbühne (man nennt es heute sogar landläufig das „Mindener Modell) und damit der Nutzung der Spielfläche unmittelbar vor den Reihen im Parkett, gelang musikalisch ein sängerunterstreichender Klang sowie eine intime Nähe zum Publikum, die zu musikalisch allerhöchster Qualität beitrug.

Vor einem Jahr erschien der in schwarzem Leinen gehaltene Bildband Der Ring in Minden  im J.C.C. Bruns Verlag, link HIER, über den IOCO berichtete.

Der überregionale große Erfolg des Ring des Nibelungen in Minden war nur möglich, weil die Mitarbeiter des Stadttheaters permanent an ihre Grenzen und auch darüber hinaus gingen. Der Geist eines gemeinsamen Willen zum Erfolg wird hier plastisch in all seinen Formen und Farben beschrieben. Als Leser des Buches bekam man Lust, an diesem  Unterfangen teilzuhaben, auch wenn es nur der Besuch einer Aufführung wäre. IOCO Kultur im Netz plante deshalb seit langem, über den ersten Ringzyklus im September 2019 zu berichten.

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Das Regieteam um Gerd Heinz erzählt die Geschichte von der hemmungslosen Gier und dem Versuch, Macht und Liebe in Einklang zu bringen ohne aktualisierende moderne Umdeutungen, sondern mit viel Vertrauen auf die Kraft des ursprünglichen Stoffes in seiner Form, seiner Sprache und der phänomenalen Musik Richard Wagners. Die Geschichte um die drei Rheintöchter, Alberichs Liebesverzicht und Geldgier, Wotans Götterwelt mit Machtanspruch und Zukunftsplanung gestaltet man in Minden als Schurkenstück mit sittenwidrigem Bauvertrag und üblem Erfolgsgehabe. In der auf aktualisierende Akzente verzichtenden Interpretation bleibt die Urmutter Erda als einzige Protagonistin integer. Sie warnt die Machtinnehabenden eindringlich vor der unstillbaren Gier nach mehr Reichtum und Macht.

Durch die bühnentechnischen Rahmenbedingungen mit dem auf der Hinterbühne platziertem Orchester und der relativen Enge auf dem verbleibenden Bühnenportal nutzt man geschickt den überbauten Orchestergraben und die seitlichen Räume für Spielmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zum Publikum. Dadurch wirkt Musik und Szene noch dichter, direkter, eindringlicher und emotionaler. Mit Gazevorhang zur Abtrennung des Orchesters, einem zentralen bühnenumspannenden Ringbogen und einem Wendeltreppenaufgang zur Proszeniumsloge kann das Drama, optisch eingebettet in satte Kulissenfarben, die Figuren in interaktiven Vorgängen aus dem Verständnis der Situation heraus agieren lassend, seinen Lauf nehmen.

Die musikalische hochqualitative Interpretation durch die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Leitung von Frank Beermann hat in den letzten Jahren Maßstäbe in Sachen Wagnerklang gesetzt. Auch die Sängerriege  wuchs förmlich über sich hinaus und konnte in dem recht kleinen Haus ihren Stimmen maßhaltende Formschönheit geben ohne, wie das gelegentlich in großen Häusern der Fall ist, sich zu überfordern. Der gemeinsame Erfolg machte stark. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man für die zyklischen Ringaufführungen 2019 erneut mit den meisten Darstellern der letzten Produktionen zusammenarbeiten konnte.

 Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Das musikalische Ergebnis sprach am ersten Abend dadurch für sich. Schon nach wenigen Minuten wird klar, warum man den für manchen Besucher anstrengend weiten Weg nach Minden an die Weser gewagt hat. Das Orchester wirkt luftig, klar und nicht dominant, sondern formschön unterstreichend aus der Hinterbühne. Die einzelnen Instrumentengruppen sind klar auszumachen. Der Klang mischt sich für den Zuschauer transparent beinahe wie in Hamburgs neuem Konzerthaus, der Elbphilharmonie.

So kommen die drei Rheintöchter (Woglinde Ines Lex, Floßhilde Tiina Pentinnen und Wellgunde Christine Buttle) präzise und verbunden mit einer Textverständlichkeit wie mit gestochen scharfen Lettern auf einem Hochglanzprospekt gedruckt, daher. Zur Darstellung ihres Wesens und Seins nutzen sie zum Spiel sowohl die Bühne, den überbauten Orchestergraben und die beiden Proszeniumslogen, die über eine Wendeltreppe im Zuschauerraum für sie erreichbar sind. Man lehnt sich einfach nur zurück, genießt den akustischen Ohrenschmaus und taucht ein in Wagners Drama von Liebe, Macht und bösem Ende.

Bösewicht Alberich, dargestellt von Heiko Trinsinger steigt mit triefender Taucherbrille aus dem Untergrund auf und lässt seinen schwarz gefärbten Bariton wort- und stimmgewaltig verströmen. Der seit 1999 im Ensemble des Aalto Theaters Essen engagierte Sänger läuft an diesem ersten Abend in Minden zu Höchstform auf und wohl auch über sich hinaus, im Klangrausch und vor einem hochkonzentrierten Publikum sich getragen fühlend. Im Streit mit den drei Damen aus dem Rhein entscheidet er sich für das Gold und verflucht die Liebe.

In der Götterwelt angekommen erscheint Fricka mit Wotans Speer, stößt ein paarmal mit der Spitze in die Tiefe des überbauten Orchestergrabens um ihren Gatten zu wecken und auf finanzielle und personelle Probleme im Haushalt hinzuweisen. Kathrin Göring spielt, singt und gestaltet eine überragende Göttergattin. Mit einer langen Stola über der Schulter lehnt sie an der Bühnenumrahmung und warnt ihren von der Burg schwärmenden Gatten eindringlich vor den Folgen seines Deals mit den Riesen. Die seit vielen Jahren fest engagierte Sängerin an der Oper Leipzig lässt ihren facettenreichen, warmen und dunkel timbrierten Mezzosopran mal federleicht und auch mal dramatisch aufbrausend im Raume verströmen. Man versteht nicht nur jedes Wort; man nimmt ihr die Rolle ab. Sie ist Fricka.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Ihr Gatte Wotan hat es nicht ganz leicht bei ihr. Renatus Mészár, der sein linkes Auge opferte, um sie als Ehefrau zu gewinnen, lässt sich von ihren Warnungen wenig beeindrucken. Zu groß ist sein Verlangen nach der Burg und dem Ausbau seiner Macht. Der gebürtige Hesse, der seit vielen Jahren im Ensemble des Badischen Staatstheater in Karlsruhe singt, gestaltet die Partie des Göttervaters mit reichlichem Einsatz seiner präsenten Bass-Baritonstimme, die mit angemessener Schwärze, Genauigkeit in der Phrasierung und feiner Dosierung seiner Kräfte in den höheren Registern behaftet ist.

Die Freia (Julia Bauer), die zwischen die Fronten gerät, für eine Immobilie verschachert wird und die Ernährung ihrer Artgenossen nicht mehr sicherstellen kann, kommt mit leichter, lyrisch-dramatischer Koloratursopranstimme daher. Die international erfahrene, u.a. an der Komischen Oper Berlin und am Aalto Theater Essen beschäftigte Sängerin gestaltet ihre undankbare Position im Drama mit fein strömender Stimme und präziser Gestaltung.

Probleme in dem aktuellen Machtgefüge machen die beiden Riesen, die nach getaner Arbeit ihren Lohn verlangen und Freia als Pfand mitnehmen müssen, um zu ihrem Recht zu kommen. Ausgestattet mit schwarzen Lackpolstern, Springerstiefeln und einem aufgeklappten Schweißerhelm verleihen sie ihrer ohnehin schon imposanten Erscheinung durch markante Stimmen zusätzlichen Ausdruck. Tijl Faveyts als Fasolt und Johannes Stermann als Fafner sind stimmlich, was bei Wagners Rheingold Opernaufführungen eher selten ist, deutlich zu unterscheiden. Der an der Komischen Oper Berlin engagierte Bass Tijl Faveyts gibt einen überaktiven spielfreudigen und kräftig hell leuchtenden Fasolt, dem der tiefe, rabenschwarze Bass des Johannes Stermann, engagiert an der Oper Magdeburg, kontrapunktisch zugeordnet erschein. Als Fafner seinen Bruder später in Zeitlupe mit riesigem Prügel erschlägt, kann man diese Konkurrenzsituation unter Geschwistern glaubhaft nachvollziehen.

Donner und Froh präsentieren sich alias Andreas Kindschuh und André Riemer. Der am Theater Chemnitz engagierte Bariton, ausgestattet mit goldenem Handschuh und skurriler Gesichtsbemalung mit hochgegeltem Zornlöckchen, gibt den Gott mit warm timbrierter und elegant gestaltender Stimme, die bei Donners Hammerschlag zum Ende des Vorabends auch aufdrehen kann. Der Tenor, ebenfalls von der Theater Chemnitz, beschützt seine apfelspendende Schwester Freia mit hell leuchtender und präzise geführter Stimme.

Einer der stimmlichen und darstellerischen Höhepunkte manifestiert sich in der Gestalt des Loge alias Thomas Mohr, der innerhalb von 11 Tagen in beiden Ring-Zyklen nicht nur den listigen Strippenzieher Loge, sondern auch Siegmund und die beiden Siegfriede gibt. Der freischaffende Künstler, der Gesangsunterricht bei dem legendären Jean Cox genoss, und an dessen Stimme er mittlerweile als Heldentenor gereift erinnert, der zudem noch als Gesangsprofessor an der Hochschule für Künste in Bremen lehrt, spielt und singt, als wenn es um sein Leben ginge. Sein Gesicht ist in einen weißen und einen dunklen Bereich gefärbt und unterstreicht damit die Bandbreite seines Handelns und musikalischen Gestaltens. Als wenn es nichts Leichteres gäbe, schlüpft er in das raffinierte Innere der Figur des Loge, formt einen glaubwürdigen Akteur im Konterspiel der brutalen Kräfte seiner Mitstreiter. Er führt sie in das Reich Alberichs, in dem dieser den Bruder Mime knechtet und das Gold bewahrt.

Jeff Martin ist dieser Mime, der im dunklen Reich der Nibelungen sein armseliges Dasein fristet und auf einen Ausweg hofft. Der vielseitige amerikanische Tenor, der an einer Vielzahl europäischer Bühnen engagiert ist, spielt und vor allem singt seine Partie mit großer Glaubwürdigkeit und einer superb gestaltenden Stimme. Mit einer „Plätschkapp“ (Mütze) auf dem Kopf wird er von seinem Bruder am Ohrläppchen gezogen, gekniffen und malträtiert.

Die zauberhaften Geschicke im Reich des Alberich gestaltet Regisseur Gerd Heinz mit dunkel gekleideten Statisten, die mit schwarzen Tüchern die Protagonisten verschwinden, verkleinern oder vergrößern lassen. Der Wurm kommt in Form eines chinesischen Drachens auf Stäben, die von dunkler Menschenhand getragen werden daher. Die Kröte hängt am Stab mit schwarzer, sie führender Gestalt.

Als Alberich sich schließlich geschlagen geben muss und den Ring und dessen Macht verflucht, sich vor einer schäumenden kreisrunden Videoprojektion krümmt, erzeugt das Orchester mit einem rasanten Tempo und unerwarteter, sekundenlanger Pause eine Spannung, die man sonst nur bei Christian Thielemann in Bayreuths Graben wahrnehmen kann. Fantastisch, wie Frank Beermann in intensiven, langen Proben die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie auf die akustischen Verhältnisse des Hauses und seine Interpretation eingestellt hat. Zu Recht erhalten Beermann und seine 80 Musiker am Ende tosenden Applaus.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Im Forte geht es wieder hinauf in die Götterwelt, wo die finale Szene mit der Weichenstellung für das Ende der Tetralogie stattfindet. Die Urmutter Erda, wiederum mit schwarzen Tüchern aus dem Nichts hervorgezaubert, erscheint im weißen Tüchergewand mit Gehstock und warnt die beteiligten Götter vor der Götterdämmerung. Janina Baechle, die deutsche Mezzosopranistin mit Erfahrungen an den großen Häusern Europas, gibt eine dunkel-warm-timbrierte Erda der Sonderklasse. Man darf sich angesichts dieser musikalischen Interpretation nur wundern, dass niemand in der Runde auf sie hören wird und das Ende absehbar kommt.

Das Finale mit erschlagenem Fasolt, ausgelöster Freia, Donners Hammerschlag und Einzug in Walhall auf dem Regenbogen, schlussendlicher Klage der Rheintöchter und  Bewertung durch Loge, gelingt in Minden musikalisch triumphal.

Das teilweise weit angereiste Publikum dankte allen Beteiligten mit nicht enden wollenden Beifallsbekundungen und offener herzlicher Freude an dieser nahezu übermenschlichen Leistung des Stadttheater Minden.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Magdeburg, Theater Magdeburg, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 27.02.2019

März 1, 2019 by  
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Theater Magdeburg

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Otello – der gebrochene Antiheld

 – Die Britin Olivia Fuchs mit mutiger Inszenierung –

von Thomas Thielemann

Mit der neuen Inszenierung von Guiseppe Verdis Otello macht das Haus einen mutigen Schritt einer Neudeutung des „Librettos von Arrigo Boito nach Shakespeare“.

Der Stoff des dramatischen Geschehens geht zurück auf eine der „zehn Geschichten über die Vor- und Nachteile verschiedener Arten von Liebe“ des Giovanni Battista Giraldi (1504-1573), genannt Cinzio, die 1565 im piemontesischem Mondovi erschienen sind.
Bereits bei Giraldi war die Geschichte im Venedig und auf Zypern um 1488 verortet, als die eigentlich bis in die Jetztzeit ständig umkämpfte Insel im östlichen Mittelmeer unter venezianische Herrschaft gelangt war. Selbst der Handlungsfaden um die unglückliche Liebe der Disdemona (altgriechisch: „unter einem Unstern stehend“) und die handelnden Personen waren nahezu identisch vorgegeben.

Otello  –  Guiseppe Verdi
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Wahrscheinlich 1603 bis 1604 hat William Shakespeare den Stoff dramatisiert, dabei die Handlung gestrafft, den handelnden Personen Namen gegeben und aus der gemeinschaftlichen Ermordung der umbenannten Desdemona durch den „Moor“ und dem Fähnrich mit allen seinen Konsequenzen, die Affekthandlung des Othello sowie seiner Selbsttötung gestaltet.

Bereits 1816 hatte Gioacchino Rossini eine Oper Othello oder der Mohr von Venedig nach einem Libretto des Franceso Maria Berio zur Aufführung gebracht. Rossini verlegte die Handlung seines nur selten aufgeführten Werkes ausschließlich nach Venedig. Erst dem Schriftsteller Arrigo Boito gelang es, 1879 dem Otello alles gedankliche Beiwerk Shakespeares auszusparen und die Konzentration auf das Grundgeschehen der Handlung zu einer Libretto-Skizze zu führen. Gemeinsam mit Boito hat Verdi, nicht ohne den Einfluss Richard Wagners, das erste echte italienische Musikdrama gestaltet und 1887 zur Uraufführung gebracht.

Theater Magdeburg / Otello  - hier :  Gocha Abuladze als gebrochener Antiheld © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Gocha Abuladze als gebrochener Antiheld © Nilz Boehme

Die in London geborene und unter anderem auch in Griechenland aufgewachsene Olivia Fuchs hat am Opernhaus Magdeburg den Höllenritt gewagt, die individual-psychologische Handlung Boitos mit dem Zypernkonflikt der 1970er Jahre zu verbinden.

Im August 1960 wurde Zypern nach einem antibritischen Aufstand aus der Kolonialabhängigkeit entlassen. Trotz der charismatischen Führungspersönlichkeit des Erzbischofs Makarios kam es auf der Insel nicht zur Kooperation der zypern-griechischen und zypern-türkischen Volksgruppen. Mehrfache Provokationen der „Mutterländer“ Griechenland und die Türkei verhinderten jegliche Ansätze einer Befriedung. Personell und materiell von der „Athener Militär-Junta“ unterstützt, putschten am 15. Juli 1974 Generale der zypriotischen Nationalgarde mit dem Ziel des Anschlusses Zyperns an Griechenland
In dieser Gemengelage verortete Olivia Fuchs ihr mutiges Konzept und brachte es konsequent auf die Bühne. Damit war vorbestimmt, dass Boitos Libretto ordentlich werde Federn lassen müssen. Verdis Musik kam aber zu voller Geltung:

Der griechische General Otello betritt das Hauptquartier der Putschisten, das Touristenhotel „Ledra Palace“, nachdem die Feuergefechte zwischen den Wachen des Erzbischofes und Staatsoberhaupts Macarios verhallt sind. Auf der Insel befinden sich noch Touristen, so dass eine makabre Situation entsteht. Während die Urlauber im hinteren Bereich der Bühne ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen, sich auch mit den putschenden Milizionären vermischen, lässt sich Otello, abgetrennt von einer Gitterstruktur feiern und beginnt seinen Stab zu ordnen. Die Benachteiligung des Iago und die daraus entstehenden Kabalen sind bekannt. Der als Regierungswachhabender abgesetzte Monsato wird im Trubel verletzt. Desdemona mausert sich zur First Lady des Putschisten-Staats.

Mit vom Triumph ob des Putscherfolges inspiriertem Duett Desdemonas und Otellos endet der erste Akt der Inszenierung der Olivia Fuchs. Die bewegliche Gitterstruktur wird als wichtiges Gestaltungselement den aufgeschlossenen Opern freund über den Abend begleiten.

Im zweiten Akt setzt sich die fragile Situation fort. Hinter den Gitterstrukturen entwickelt sich eine fröhliche Stimmung der Inselgäste. Desdemona lässt sich als Blumenkönigin feiern und bedankt sich mit freimütigem Benehmen. Nicht zuletzt um Otello eifersüchtig zu machen. Im vorderen Bühnenbereich befeuert Iago Otellos Eifersucht. Als Desdemona sich bei ihrem Mann für eine Begnadigung Cassios verwendet, weiß Iago Othellos Argwohn gegen beide wachzurufen. Mit der Verdichtung der Intrige verdichten sich auch die Gitter.

Theater Magdeburg / Otello - hier :  Desdemona laesst sich als Blumenkoenigin feiern © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Desdemona laesst sich als Blumenkoenigin feiern © Nilz Boehme

Mit einem von höchster Leidenschaft geprägten Duett führen Otello und der intrigante Iago den zweiten Akt zu einem der musikalischen Höhepunkte. Zwischen der Handlung des zweiten und des dritten Aktes, während sich die Besucher mit einem Glas Wein oder Wasser stärken, hat es außerhalb des Hotels „Ledras Palace“ auf der „Politischen Weltbühne“ Wesentliches entwickelt:

Vorgeblich des Schutzes der türkisch-zypriotischen Minderheit und um den “Status quo ante“ der Züricher Vereinbarung wieder herzustellen, landeten ab dem 20. Juli 1974 türkische Truppen an der Nordküste Zyperns und besetzten über ein Drittel des Insel-Territoriums. Diese Invasion der Türkei aktivierte den UN-Sicherheitsrat und die NATO. Drohte doch ein bewaffneter Konflikt zwischen zwei Mitgliedern des Militärpaktes. Der internationale Druck führte zum Sturz der „Athener Militärjunta“ und zur Rückkehr der griechischen Exilregierung nach Athen.

Der dritte Akt sieht einen nachdenklichen Otello am inzwischen Touristen-freien Hotel, als ihm die Ankunft eines Beamten aus Athen angekündigt wird. Offenbar ist dem General bewusst geworden, wie sich „seine Sache„ entwickelt hat. So begrüßt er seine Gattin zunächst zwar mit ironischer Galanterie. Als diese erneut für Cassio bittet, macht sich seine Spannung frei und sein Zorn wallt auf. Er trifft allerdings auf eine selbstbewusstere Desdemona. Zu Boden geworfen, sendet sie Otello verachtende Blicke. Der auftretende Athener Abgesandte übermittelt Otello den Befehl, unverzüglich nach dem Mutterland zurückzukommen. Der angestrebte Anschluss Zyperns an Griechenland ist abgebrochen

Die Persönlichkeit des Otello ist gescheitert: Politisch/militärisch und als Ehemann. Damit bleibt dem vierten Akt der Oper nur noch eine „Verwaltung der Katastrophe“. Die Bühne zeigt die dreigeteilten Räume des Paares. Über dem Gebäude das Gitterwerk, allerdings über dem Bad der Dame zerstört. Desdemona, höchstnervös, muss sich erbrechen und singt zwischen Toilettenbecken und Ehebett ein makaber-verstörendes „Lied an die Weide“. Otello befindet sich in einer psychisch ausweglosen Verfassung und kann eigentlich nur seine Spannung lösen, indem er Desdemona erschießt, sich selbst ersticht. Für Zypern war das Ergebnis des Putschversuchs, dass die Insel und Seine Hauptstadt Nikosia bis heute geteilt bleiben.

Etwa 120 000 Menschen flohen nach dem südlichen Teil der Insel. Umgekehrt verließen 65 000 Angehörige der türkisch-zypriotischen Bevölkerung den südlichen Teil Zyperns. Auch die seit 1959 auf Zypern stationierten 2700 UN-Soldaten konnten diese Entwicklung nicht verhindern.

Theater Magdeburg / Otello - hier :  Isabel Stueber Malagamba als Emilia ueber der erschossenen Desdemona © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Isabel Stueber Malagamba als Emilia ueber der erschossenen Desdemona © Nilz Boehme

Als Stütze und Gerüst des „Pseudo-Premierenabends“ erwies sich die frisch aufspielende Magdeburgische Philharmonie. Der Generalmusikdirektor Kimbo Ishii nimmt Verdis wuchtige Dramatik wie ein Monument an, um in kleinen Oasen umso überraschender wundervolle Poesie erblühen zu lassen. Dabei sind die Musiker hervorragende Sängerbegleiter, loten die ständigen Kontrast glänzend aus und sind den von Thomas Ziesch recht aggressiv vorbereiteten Chören des Theater Magdeburg, der Magdeburger Singakademie sowie des Opernkinderchors des Georg-Philipp-Telemann-Konservatoriums adäquate Partner.

Dazu der fragilen Situation angepasst das wunderbare Bühnenbild von Yannis Thavoris. Selten erlebt man die Beziehung von Otello und Desdemona in mitten des Kampfgeschehens so ausweglos und zugleich berührend, wie in der Inszenierung der Olivia Fuchs. Der australische Gastsänger Aldo di Toro meistert die Titelrolle mit einem warmen dunkel gefärbten Tenor, der durchaus auch mühelos strahlende dramatische Ausbrüche ermöglicht. Dabei spart er auch nicht in den Schluss-Szenen am schluchzenden Pathos.

Für die erkrankte Raffaela Lintl sang die aus den Niederlanden stammende und im Essener Otello agierende Gabrielle Mouhlen die Desdemona. Bei aller Fraulichkeit symbolisierte ihre Darstellung keine typische Desdemona, sondern nimmt eher eine Außenseiterrolle ein. Gesanglich bietet sie Außerordentliches. Ein Erlebnis der besonderen Art war der Iago des georgischen Bassbaritons Gocha Abuladze. Seine dunkle flexible den Raum füllende Stimme verfügt für diese Hauptpartie über das notwendige Volumen. Noch etwas Schliff, und er wird alle großen Rollen seines Faches singen können. Auch darstellerisch konnte er dem hinterhältigen Bösewicht ordentlich Statur verleihen.

Cassio sang der gleichfalls dem Aalto-Theater Essen entliehene Carlos Cardose hell, klangschön und mit grazilem Schmelz. Der Tenor Benjamin Lee bot mit schöner Klangfarbe und guter Darstellung einen ordentlichen Roderigo, während der Bassist Paul Sketris dem Montano eine bemerkenswerte Intensität gab. Von der Emilia der stimmschönen Altistin Isabel Stüber Malagamba und dem würdevoll-expressiven Gesandten Lodovico des Johannes Stermann hätte man gern noch mehr gehört.

Obwohl in der Pause wenige Besucher das Opernhaus verlassen hatten, gaben die Verbliebenen den Agierenden und dem Inszenierungsteam einen stürmischen Applaus ohne ein einziges „Buh“.

Otello am Theater Magdeburg; die weiteren Vorstellungen 8.3.; 23.3.; 7.4.; 26.4.; 19.5.; 1.6.2019

—| IOCO Kritik Theater Magdeburg |—

Magdeburg, Theater Magdeburg, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 23.02.2019

Februar 23, 2019 by  
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Theater Magdeburg

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

 La Bohème – Giacomo Puccini

  – Als Befreier zu Besatzern wurden – Paris, Ende der 1940er Jahre –

von Thomas Thielemann

Eigentlich waren wir am 16. Februar 2019 aus Dresden nach Magdeburg gereist, um im Theater Magdeburg die Premiere von Otello in der Inszenierung von Olivia Fuchs zu erleben. Doch, zwei der Hauptdarsteller waren leider erkrankt, so dass am diesem Abend eine Repertoire-Vorstellung von La Bohème in der Regie von Karen Stone,  Generalintendantin des Theater Magdeburg, gespielt wurde. Was wir erleben durften, hat uns angesprochen.

Der Saal des im Jahre 1997 nach einem Feuerschaden neu eingeweihten Hauses mit etwa 700 Plätzen macht zwar den Eindruck eines Filmtheaters, ermöglicht aber eine hervorragende Klangentwicklung von Gesang und Orchestermusik.

La Bohème – Giacomo Puccini
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Auffallend war uns Angereisten die „gesunde“ Altersstruktur des Publikums. Man spürte regelrecht, dass zwischen den Besuchern und der Bühne eine Verbundenheit bestand. Mag dies vielleicht der Tatsache geschuldet sein, dass wegen der erst am Vortag erfolgten Programmänderung vor allem dem Haus verbundene Menschen gekommen waren. Offenbar waren viele Eltern und Großeltern der Kinderdarstellergruppe des zweiten Aktes der Bohème im Saal. Zumindest lässt die Fluktuation in der Pause diese Vermutung zu. Das schränkt aber die Beobachtung einer Verbindung zwischen den Protagonisten und dem Publikum nicht ein.

Die Handlung der Bohème wurde von der Regisseurin in die letzten der 1940er Jahre verschoben, als die wirtschaftliche Situation der Pariser Bürger durchaus den schlechten Verhältnissen im neunzehnten Jahrhundert entsprach. In Paris waren seit der Befreiung Frankreichs von der deutschen Wehrmacht US-amerikanische Truppen stationiert. Gegen Ende des Jahrzehnts verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Soldaten und der Pariser Bevölkerung. Aus den Befreiern waren Besatzer geworden.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Ulrich Schulz konnten sich den konventionellen Inszenierungen anlehnen und die Eingriffe der Regie in den Handlungsablauf überschaubar bleiben.

Theater Magdeburg / La Bohème - hier :   Schaunard, Marcello, Mimì, Rodolfo, Colline © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / La Bohème – hier :   Schaunard, Marcello, Mimì, Rodolfo, Colline © Nilz Boehme

Gespielt, musiziert und gesungen wurde durchweg frisch und engagiert. Auf der Bühne war ständig selbst in den intimeren Szenen Bewegung, auffallend die präzise Personenführung. Wenn im Festgetümmel des zweiten Aktes durch die intensiven Bewegungen auf der Szene ein lebendiges und farbenfrohes Bild als Gegenstück zur Kargheit des Künstlermilieus erzeugt werden sollte, so war es schwierig die Übersicht zu behalte. Damit gingen für das Verständnis der Inszenierungsanliegen wichtige Detail unter Umständen verloren. Die Fragilität der Fröhlichkeit, durch den Balanceakt  der Musetta auf dem wackeligen Turm aus Tischen und Stühlen versinnbildlicht, und die Schwarzhändler-Tätigkeit der Uniformierten gingen im Getümmel unter.

Gesungen wurde auf einem hohen bis gutem Niveau. Besonders beeindruckt hat uns Agnieszka Adamczak als Mimi und das etwas aus der Handlung des vierten Aktes herausgenommene Lied über den alten Mantel des Colline, mit prägnantem Bass von Johannes Stermann vorgetragen.

Der dritte Akt gab mit seiner Vielzahl Duette Gelegenheit, die Grade der stimmlichen Entwicklung der Ensemblemitglieder zu vergleichen. Darunter waren eine Reihe guter erfolgversprechender Sängerdarsteller, wie der Rudolfo des US-Amerikaners Jonathan Widell, der Marcello des Georgiers Gocha Abuladze und die Musetta der Polin Agnieszka Sokilinicka.

Mit der Gestaltung der Schlussszene ist der Regie eine besondere Leistung gelungen. Dieses unpathetische Verlöschen der Mimi mit den wieder auflebenden Melodien des Liebesduetts ist zwar tieftraurig, vermeidet aber jede depressive Stimmung.

Das Orchester mit der Leitung des scheidenden Generalmusikdirektors Kimbo Ishii ist ein zurückhaltend-aufmerksamer ständiger Begleiter der Gesangssolisten. Ishii unterstützte, wo es nötig war und drehte, wo es angebracht.

—| IOCO Kritik Theater Magdeburg |—