Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Betrachtung, 08.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Die  Meistersinger von Nürnberg

Musikalische Betrachtung mit Detlev Eisinger und Betsy Horne

 

von Ingrid Freiberg

Der Richard-Wagner-Verband International, Ortsverband Wiesbaden e. V., lädt unter Federführung von Prof. Dr. Gustav G. Belz zu einer musikalischen Betrachtung zu Die Meistersinger von Nürnberg, der einzigen komischen Oper Richard Wagners, im Rahmen der Internationalen Maifestspiele in das wunderschöne Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ein. Man fühlt sich als willkommener Gast einer Familie und wird – wie viele andere auch – persönlich begrüßt. Die Veranstaltung wird durch zahlreiche Sponsoren, u.a. Reinhard Winkler, der Musica Viva-Maria-Strecker-Daelen-Stiftung und weiteren Spendern ermöglicht. Protagonisten dieses besonderen Abends sind Prof. Detlev Eisinger und Betsy Horne. Sie wurden seit Längerem angekündigt und ungeduldig erwartet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Prof. Detlev Eisinger – unmittelbar und kenntnisreich

Das Publikum möchte mehr über Die Meistersinger von Nürnberg wissen, die am darauffolgenden Abend in einer Gala-Vorstellung mit einer sogenannten „Bayreuther Besetzung“ (Hans Sachs Michael Volle, Eva Betsy Horne, Walther von Stolzing Thomas Blondelle, Sixtus Beckmesser Johannes Martin Kränzle, David Daniel Behle, Veit Pogner Günther Groissböck) aufgeführt werden, und die professionelle künstlerische Arbeit näher kennenlernen, Genaueres über das Werk, über seine historische Wirkung und geistesgeschichtliche Zusammenhänge erfahren, denn dieser Wissenshintergrund erhöht bekanntlich den Hörgenuss! Das ist auch der primäre Anreiz, das Gesprächskonzert von Prof. Eisinger zu besuchen. Er hat das Talent, unmittelbar und kenntnisreich große Werke der Musikgeschichte zu vermitteln. Dem Publikum werden geschichtliche, mythologische, philosophische, musikalische sowie politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich gemacht. Im Laufe des Abends gelingt es ihm, die genaue Konstruktion des Werkes, den Hintergrund des Komponisten, die Komposition und deren Einbettung in stilistische Epochen zu erfassen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Eisinger gibt Anregungen, der Musik kundig zuzuhören, zu verstehen, was sie ausdrückt und den Text richtig aufzunehmen. Nur, wer wirklich versteht, was Wagner geschrieben hat, braucht nichts hineinzudeuten. Er versteht es, komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass man dafür nicht Musikwissenschaft studiert haben muss. Tonartencharakteristiken, doppelte Punktierungen und prägnante Leitmotive werden besonders hörbar, wenn Eisinger ein Leitmotiv Wagners mit einer Melodie eines anderen bedeutenden Komponisten vergleicht: mit Bach, Beethoven, Brahms und anderen Werken Wagners. Seine Musikbeispiele – die er bisweilen auch singt – lassen tief und genussreich in das Werk eintauchen. Er „erfühlt“ die Musik auf der Basis einer umfangreichen und soliden Kenntnis von Musik und deren Interpretationen. Dabei berücksichtigt er, dass sich der Zuhörer nicht in einem musikwissenschaftlichen oder historischen Vortrag befinden möchte, so interessant diese Gebiete auch sind. Emotional öffnet er die Türen zum Verständnis der Musik in lockerem Gesprächston. Er öffnet sein Herz, sein Gefühlsleben und bringt seine eigenen Ideen und Gedanken zum Werk ein. Dabei ist es sein Anliegen, dem sporadischen Konzertbesucher, dem musikalisch Begeisterten wie auch dem Grenzgänger einen direkten Zugang zur Komposition zu ermöglichen, ohne ihn zu überfordern. Für den musikalischen Kenner tritt als weitere reizvolle Komponente hinzu, zu hören, welche Assoziationen und Gedanken Eisinger zu dem jeweiligen Werk hat. So ist sein Gesprächskonzert in Form einer Klavier-Matinee ein publikumswirksamer Erfolg.

„In Anerkennung seines großen, unermüdlichen und jahrzehntelangen Einsatzes für das Schaffen Richard Wagners“ wurde ihm der „Pro Musica Viva-Preis“ der Maria Strecker-Daelen-Stiftung verliehen. Mittlerweile gibt es von seinen Einführungen zu allen großen Bühnenwerken Wagners auch CDs (www.musicom.de).

Leichtfüßig zum Vorspiel

In Wiesbaden bestens bekannt, gibt es schon „Bravorufe“ als Prof. Detlev Eisinger leichtfüßig die Treppe des Foyers zum Flügel herunterspringt, um mit dem Vorspiel Meistersinger zu brillieren. Mit Fug und Recht ist das Vorspiel mit dem Attribut der Ambivalenz zu charakterisieren. Trefflich arbeitet Eisinger die vielen musikalischen Aromen dieser Musik heraus. Das zeigt sich zu Beginn im groben Marschthema, welches zugleich Kontrapunkt im besten Sinne ist: Ton gegen Ton. Gelehrtheit und Banalität treffen aufeinander. Die nachfolgenden Achtelsequenzen sind bestens dazu angetan, den feierlichen Klang auszubilden und die Simplizität eines Spielwerks anzudeuten. In dieses Reich des absurd Feierlichen gehören auch die übertrieben breiten Schlusskadenzen. Wagner bringt es fertig, die gegensätzlichen Charaktere zu mischen und sich ihrer meisterlich anzunehmen. Diese Mixtur produziert nationale Aktualität und nationale Identität. Das Klavier-Solo von Eisinger besticht mit virtuosen Läufen, schnelle Arpeggios untermalen wundervolle Melodielinien.

Die Meistersinger von Nürnberg  –  Richard Wagner
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Wagners werkwitzige Komödie

Die Meistersinger sind Wagners werkwitzige Komödie, die sich bei näherer Betrachtung als eines seiner sprachlich tiefsinnigsten und dramaturgisch ausgereiftesten Werke entpuppt. Es befasst sich mit dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Genie und handwerksmäßiger Routine. Die Ironie ist in der Musik leicht zu erkennen. Der Meistergesang wird von Wagner degradiert, besonders in seinen späteren Auswüchsen. Es geht ihm darum, diese lieblose Art zu bekämpfen. Wagner teilt hiermit einen Seitenhieb auf die Kritiker aus, speziell auf die, die Kritik um der Kritik willen ausüben. Auch liegt im Werk seine Sehnsucht nach einem friedlichen Ort, der später für ihn Bayreuth werden sollte.

Leitmotivik, Diatonik, Kontrapunktik nach barockem Muster, Chromatik, schweratmende Synkopen und Kunsttradition werden von Eisinger beleuchtet. Besonders berührt seine Interpretation des Preisliedes, ein hinreißend schwungvolles Lied von Frühling und Liebe „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald, das laut es ihn durchhallt und wie in fernen Wellen der Hall von dannen flieht, von weit her naht ein Schwellen, das mächtig näher zieht… Die selige Morgentraum-Deutweise, sei sie genannt zu des Meisters Preise“.

Eisinger äußert, dass es Wagner mit der Hochhaltung der deutschen Kunst nur um das Kulturelle, nicht aber um das Nationale geht. Aus diesem Blickwinkel heraus sind auch die letzten Verse von Hans Sachs zu interpretieren: „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister und gebt ihr ihrem Wirken Gunst, zerging im Dunst das heil‘ge Römische Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“, das heißt, selbst, wenn das Heilige Deutsche Reich – der Staat – zerstört werden würde, so bliebe immer noch die Kunst…

Betsy Horne steigert die Vorfreude

 Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Obwohl die europaweit verpflichtete Betsy Horne die Eva in den Meistersingern schon am kommenden Abend singen wird, und einen Tag zuvor als Elisabeth in Tannhäuser überzeugte, glänzt sie mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung mit der Arie aus den Meistersingern:O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann! Wie ich dir Edlem lohnen kann! Was ohne deine Liebe, was wär ich ohne dich…“

Mit ihrem empathischen Vortrag von Treibhaus, dem 4. Gedicht des Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck, den sie Richard Wagner während seiner Asyl-Zeit in Zürich überreichte, wird die Vorfreude auf den kommenden Abend noch gesteigert. Ihr samtweicher Sopran ist geradezu prädestiniert für dieses Lied und die Rolle der Eva. Betsy Horne ist auf dem Weg zu einer ganz großen Karriere…

Die dankbaren Zuhörer applaudieren herzlich für ein unterhaltsames Gesamtpaket aus Musik und Wissen.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premieren-Doppelabend – Herzog Blaubarts Burg und Die sieben Todsünden, 01.03.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Herzog Blaubarts Burg  –  Die sieben Todsünden

Herzog Blaubarts Burg    von Béla Bartók (1881 – 1945)
In ungarischer Sprache. Mit deutschen Übertiteln.

Die sieben Todsünden   von Kurt Weill (1900 – 1950)
In deutscher Sprache. Mit Übertiteln.

Premiere Freitag, 1. März 2019, 19.30 Uhr, die  nächsten Vorstellungstermine: 8. & 14. März 2019, jeweils 19.30 Uhr

im ersten Teil des Doppelabends,in der Wiederaufnahme Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók, wird der international gefeierte Bariton Johannes Martin Kränzle in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung die Titelpartie übernehmen. Vesselina Kasarova, eine der bedeutendsten und vielseitigsten Sängerinnen unserer Zeit, singt erneut Judit.

Im zweiten Teil des Abends ist Kurt Weills Die sieben Todsünden, eine Neuinszenierung von Magdalena Weingut, in Wiesbaden zu erleben. Nicola Beller Carbone singt, nach ihrem großen Erfolg als Färberin in Die Frau ohne Schatten, die Partie der Anna. Florian Küppers, Ralf Rachbauer, Julian Habermann und Daniel Carison sind die Familie.

Die Musikalische Leitung des Operndoppels liegt bei Philipp Pointner.


»Herzog Blaubarts Burg«

Musikalische Leitung Philipp Pointner Inszenierung Uwe Eric Laufenberg Bühne Matthias Schaller, Susanne Füller Kostüme Susanne Füller Dramaturgie Katja Leclerc

Herzog Blaubart Johannes Martin Kränzle Judit Vesselina Kasarova


»Die sieben Todsünden«

Musikalische Leitung Philipp Pointner Inszenierung Magdalena Weingut Bühne Matthias Schaller Kostüme Katarzyna Szukszta Dramaturgie Regine Palmai

Anna Nicola Beller Carbone Mutter Florian Küppers Vater Ralf Rachbauer Bruder I Julian Habermann Bruder II Daniel Carison

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Köln, Oper Köln, Fidelio – Ludwig van Beethoven, 17.03.2019

Februar 26, 2019 by  
Filed under Oper, Oper Köln, Pressemeldung

oper koeln.jpg

Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Fidelio – Ludwig van Beethoven

Mit hochkarätiger Besetzung

Wiederaufnahme am 17. März 2019

Ludwig van Beethovens einzige Oper ist nicht zuletzt durch den »Gefangenenchor« so berühmt geworden und geblieben. Ein Werk um das Thema Freiheit, das gerade heute besonders aktuell ist.

Oper Köln / Fidelio © Paul Leclaire

Oper Köln / Fidelio © Paul Leclaire

Am 17. März findet die Wiederaufnahme der Inszenierung von Prof. Michael Hampe statt, zu der wir Sie herzlich einladen möchten. Nach La Bohème ist dies die zweite Inszenierung des früheren Kölner Intendanten im StaatenHaus. Die musikalische Leitung übernimmt Stefan Soltesz, einer der renommiertesten Dirigenten unserer Zeit.

Der legendäre Tenor Peter Seiffert wird als Florestan in einer seiner Paraderollen zu erleben sein und Bariton Johannes Martin Kränzle ist als Don Pizarro zu Gast. Anna Gabler gibt mit Leonore ihr Rollendebüt; an der Oper Köln war sie war erstmals in der Saison 2016.17 in der Rolle der Carlotta Nardi in Die Gezeichneten zu erleben.

Fidelio  – Ludwig van Beethovens 
Youtube Trailer der Oper Köln
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Zur Premiere von Fidelio am Sonntag, den 17. März um 18:00 Uhr im StaatenHaus, Saal 1 laden wir hiermit ganz herzlich ein.

Urheberrechtshinweis:  Abdruck oder Veröffentlichung der Produktionsfotos nur im Kontext produktionsbezogener Berichterstattung sowie nur bei Nennung des Fotografen: © Paul Leclaire


Fidelio – Wiederaufnahme  So., 17. März › 18:00 Uhr StaatenHaus, Saal 1

Musikalische Leitung Stefan Soltesz, Inszenierung Michael Hampe, Bühne, nach dem Konzept von John Gunter Darko Petrovic, Kostüme Darko Petrovic, Licht Andreas Grüter
Chorleitung Rustam Samedov

Mit   Don Fernando › Insik Choi, Don Pizarro › Johannes Martin Kränzle, Florestan › KS Peter Seiffert, Leonore › Anna Gabler, Rocco › Karl-Heinz Lehner, Marzelline › Kathrin Zukowski / Ivana Rusko, Jaquino › Martin Koch, 1. Gefangener › Anton Kuzenok, 2. Gefangener ›, Yunus Schahinger, Chor der Oper Köln, Gürzenich-Orchester Köln

Weitere Vorstellungen Do, 21. März › 19:30 Uhr, Sa, 23. März › 19:30 Uhr, Mi, 27. März › 19:30 Uhr, Fr, 29. März › 19:30 Uhr

—| Pressemeldung Oper Köln |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Meistersinger von Nürnberg, IOCO Kritik, 29.08.2018

August 29, 2018 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Die Meistersinger von Nürnberg

In Haus Wahnfried – Mit Richard Wagner, Hermann Levi, Franz Liszt

von Marcus Haimerl

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

 Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky © IOCO

Wieviel Autobiografisches steckt in Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg? Diese Frage wirft der australische Regisseur Barrie Kosky in seiner Inszenierung für die Bayreuther Festspiele in den Raum. Auch die Stadt Nürnberg wird hier zum zentralen Thema: von der von Wagner idealisierten mittelalterlichen Stadt über die Stadt der               Reichsparteitage und der 1935 ausgerufenen Rassengesetze bis hin zu den Nürnberger Prozessen.

Der erste Aufzug zeigt den unglaublich detailgetreu nachgebildeten großen Saal des Haus Wahnfried (Bühne: Rebecca Ringst), eine Einblendung verrät, dass es sich um den 13. August 1875 handelt und Kapellmeister Hermann Levi erwartet wird. Auch Franz Liszt ist auf dem Weg. Dem Klavierspiel Wagners entsteigen, einer Inspiration gleich, kleine Doppelgänger Wagners, schließlich auch David und Stolzing, welche ebenfalls große Ähnlichkeit mit dem Komponisten aufweisen. Schon bald wird jedoch klar, welche Richtung die Inszenierung nehmen wird. Während des Chorals („Da zu Dir der Heiland kam“) feiern alle Beteiligten einen improvisierten Gottesdienst, deren Rituale Hermann Levi nicht folgen kann. Wagner und Liszt weisen Levi an, dennoch wird dieser als Außenseiter vorgeführt, er soll es auch bis zum Finale bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Die beiden dominierenden Bilder, Richard Wagners Porträt von Cäsar Willich und Cosimas (eigentlich erst vier Jahre später entstandenen) Porträts Franz von Lenbachs. Diese dienen später als Gemerk und an der Rückseite wird Beckmesser seine Kreidestriche anbringen. Denn Wagner teilt den Anwesenden ihre Rollen zu: Richard Wagner ist Hans Sachs (und eigentlich sowohl Stolzing als auch David), Franz Liszt wird Veit Pogner und Cosima zu Eva, Hermann Levi, Sohn eines Landesrabbiners, wird zu Sixtus Beckmesser und eine Dienerin die Magdalene. Auch die Meister entsteigen, in historischen Gewändern, dem Klavier. Doch dieser erste an Slapstick gemahnende Aufzug endet bedrohlich. Die Szene friert ein und Richard Wagner/Hans Sachs entsteigt diesem Bild, welches in den Bühnenhintergrund fährt und den Blick auf den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse freigibt.

In diesem Ambiente finden auch die beiden restlichen Aufzüge statt. Anstelle des Kunstrasens, welcher bei der Neuinszenierung 2017 den zweiten Aufzug beherrschte, findet sich auf der linken Seite der Bühne das aufgestapelte Mobiliar des Haus Wahnfried, so wie 1945 die Besatzer Wahnfried „entrümpelt“ haben. Die Zimmerpflanze inmitten dieses Möbelhaufens wird kurzerhand zum Fliederbusch. Unter dem Porträt Wagners aus dem ersten Aufzug wird Sixtus Beckmesser verprügelt, man setzt ihm einen großen Kopf auf, welches den geschmacklosen antisemitischen Karikaturen des dritten Reichs ähnelt, und lässt ihn als Demütigung vor den Bürgern Nürnbergs tanzen. Dieselbe Fratze entsteigt in Form eines überdimensionalen Ballons dem Zeugenstand am Bühnenrand, welcher gegen Ende des Aufzugs den Kopf neigt, sodass für das Publikum nur noch die Kippa mit Davidstern erkennbar ist.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Der dritte Aufzug findet in dem nunmehr voll eingerichteten Gerichtssaal statt. An einem einzelnen Schreibtisch im Vordergrund sitzt Hans Sachs und sinniert über den deutschen Wahn und beklagt die Massenschlägerei in seinem lieben Nürnberg. In Gestalt Franz von Lenbachs Porträt wird Cosima von David in den Zeugenstand gestellt, ehe sich die Festwiese als ein von historisch gewandeten und Fahnen schwenkenden Bürgern Nürnbergs bevölkerter Gerichtssaal herausstellt. Der Auftritt der einzelnen Meister wird mit Applaus begrüßt, welcher Sixtus Beckmesser jedoch versagt wird. Hans Sachs, wieder in Gestalt von Richard Wagner, steht für seine Ansprache („Verachtet mir die Meister nicht“) im Zeugenstand alleine auf leerer Bühne. Der Chor wird in Form eines Orchesters nochmals hereingefahren, welches von Hans Sachs / Richard Wagner dirigiert wird. Als diese Phantasmagorie verschwindet, bleibt Wagner erneut alleine, dirigierend auf der Bühne zurück und es bleibt dem Volk/Publikum überlassen, über Wagners Antisemitismus zu richten.

Barrie Kosky gelingt stellenweise eine humorvolle Inszenierung (ja, man hört auch Wagnerianer kurz auflachen), an einigen Stellen wiederum bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die Entscheidung darüber, ob die Regiearbeit von Barrie Kosky Sinn macht, ob sich eine Inszenierung der Meistersinger zwangsweise mit Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen muss, kann dem Besucher nur selbst überlassen bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Philippe Jordans leichte, beinahe spritzige und manchmal fast kammermusikalische Klanggestaltung harmoniert mit der manchmal humorvollen Inszenierung was bereits beim pantomimisch gestalteten Vorspiel zum 1. Akt bewusst wahrgenommen wird und selbst im dritten Akt kommt Jordan ohne großen Pomp aus. Auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor agierte in gewohnter Weise auf Spitzenniveau.

Mit seinem sehr hellen aber kraftvollen Tenor, klangschön und sehr lyrisch begeistert Klaus Florian Vogt erneut das Publikum als Ritter Walther von Stolzing. Daniel Behle singt mit tenoraler Strahlkraft einen intensiv berührenden, schwärmerischen David und überzeugt auch darstellerisch in allen Facetten. Auf einem ebenso hohen Niveau erlebt man Wiebke Lehmkuhl in der Partie der Magdalene mit jugendlichem Charme. Die Altistin verfügt über eine schöne, klare Höhe und ein angenehmes warmes Timbre in Mittellage und Tiefe. Anstelle der im Vorjahr eher wenig bejubelten Anne Schwanewilms erlebt man in diesem Jahr Emily Magee in der Partie der Eva, die das Publikum leider auch nicht richtig begeistern konnte. Die amerikanische Sopranistin klingt hier leicht gepresst und kann auch nicht mit Textverständlichkeit punkten. Allerdings muss man auch sagen, dass es die Regie der Partie Eva, vor allem im ersten Aufzug als an Migräne leidender Cosima, nicht besonders einfach macht. Günther Groissböck ist mit seinem kräftigen, sonoren Bass eine Luxusbesetzung für die Partie des Veit Pogner.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Johannes Martin Kränzle als geschundener Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, wird in Koskys Inszenierung zum Sympathieträger, der mit viel Witz und schönem Bariton der Rolle einen ganz besonderen Charakter verleiht. Diese grandiose Leistung, die ihresgleichen sucht, wird lediglich von Michael Volle als Hans Sachs übertroffen. Mit unglaublicher Souveränität, kraftvoll, nuanciert braucht Volle den Vergleich mit namhaften Vorgängern nicht zu scheuen. An seiner Leistung wird man wohl künftige Interpreten dieser Partie messen müssen.

Aber auch die Meister, Tansel Akzeybek (Kunz Vogelsang), Armin Kolarczyk (Konrad Nachtigall), Daniel Schmutzhard (Fritz Kothner), Paul Kaufmann (Balthasar Zorn), Christopher Kaplan (Ulrich Eisslinger), Stefan Heibach (Augustin Moser), Raimund Nolte (Hermann Ortel), Andreas Hörl (Hans Schwarz) und Timo Riihonen (Hans Foltz) sorgten für einen außergewöhlichen musikalischen Abend, welcher vom Publikum mit Ovationen bedacht wurde. Dieser Abend wird vom musikalischen Standpunkt aus (vielleicht auch aus szenscher Sicht), noch lange im Gedächtnis der Festspielbesucher bleiben.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Nächste Seite »