Frankfurt, Oper Frankfurt, Capriccio von Richard Strauss, IOCO Kritik, 27.01.2018

Januar 30, 2018 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Capriccio von Richard Strauss 

Eine Caprice, eine Laune mit doppeltem Boden

Von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Die letzte Oper von Richard Strauss – 1942 mitten im Krieg uraufgeführt – ist eigentlich eine große Verbeugung an seine Librettisten, allen voran an Hugo von Hofmannsthal. Und dass trotz oder weil er sich als Komponist – zusammen mit seinem Dirigentenkollegen Clemens Krauss, der für Capriccio das Libretto schrieb – für die Musik als vorrangige Kunst entscheidet. Denn ein „Konversationsstück“, wie es Krauss nannte, muss zu verstehen sein, sonst nutzt die schöne Musik wenig. Und das Kunstprodukt Oper kann nur aus beiden Künsten bestehen – ein Fazit des Stückes.

Capriccio Laune oder Caprice, in der Musik bezeichnet es ein spielerisches Musikstück mit scherzhaftem Charakter – so hat Strauss sein Werk nicht umsonst genannt: Es geht um die humorvolle Rangordnung der Künste. Er lässt seine Caprice um 1775, als Gluck an der Pariser Oper war, spielen. Brigitte Fassbaender wollte es bei dem Scherzhaft-Spielerischen nicht belassen und einen trivialen Schluss vermeiden. Sie hat nach einem größeren, existentielleren Rahmen gesucht, sich aber eines Sujets angenommen, das, wie sie in der Opernbroschüre schreibt, „weltbewegend oder unumgänglich wichtig“ nicht sei und die Problematik darin bestand, eine Handlung zu kreieren. Sie entschied sich deshalb, das Kriegsjahr 1942 zum Ausgangspunkt ihrer Inszenierung zu machen. Soweit, so gut.

Oper Frankfurt / Capriccio - hier Camilla Nylund als Gräfin Madeleine © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Capriccio – hier Camilla Nylund als Gräfin Madeleine © Monika Rittershaus

Frankreich im zweiten Weltkrieg, als das Land sich in Kollaborateure mit den deutschen Besatzern, und der Résistance, den Gegnern, teilte. Die Stoßrichtung ist mehr als nachvollziehbar, ja geradezu plausibel und suggestiv, aber das Existentielle hätte noch ausgeprägter ausfallen können – oder sollen. Allein zwingend und damit die Handlung vorantreibend ist es somit nicht, denn der Rahmen wird sachte angedeutet und in feinen homöopathischen und sehr feinteiligen Dosen verabreicht. Einerseits ist es zwar durchaus wohltuend, dass es keine martialischen Aufmärsche gibt, andererseits kann dieser Handlungsrahmen all zu leicht übersehen werden, weil er sich in Details verliert. Das besetzte Frankreich ist so weit weg, wie die Entstehungszeit der Oper, nur die Kostüme verorten uns in dieser Zeit. Und die Wahl von Gräfin Madeleine Camilla Nylund ist eine erhabene, jedoch kühle und distanzierte Erscheinung – ist am Ende nicht wirklich eine. Da sie sich für keinen der beiden Künste – verkörpert durch die beiden Männer Olivier und Flamand – entscheiden kann oder will, nimmt sie die Baskenmütze und den Trenchcoat und zieht mit ihren Dienern – ja wohin? – wahrscheinlich zu einem klandestinen Treffen der Résistance. Weshalb es ausgerechnet sie, Angehörige einer Gesellschaftsschicht, die sich mit den deutschen Besatzern in der Regel zu arrangieren verstand, in den Widerstand ziehen soll, wird durch nichts begründet.

Oper Frankfurt /Capriccio - hier Ensemble © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt /Capriccio – hier Ensemble © Monika Rittershaus

Es ist das „Ungefähre“, was die detailreiche und gut geführte Personenregie, (leider) eben doch relativiert. Gräfin Madeleine flüchtet, nicht wie Strauss vor der Wirklichkeit in eine nicht mehr existierende Welt, nein, sie flüchtet aus ihrem Schloss in die Wirklichkeit – so ungefähr. Eine Beschreibung, die Brigitte Fassbaender in einem Interview auf die beiden Künstler gemünzt hat, aber genau das zeichnet ihre Inszenierung aus. Es bleibt im Vagen, obwohl sie die Verankerung ins Kriegsjahr 1942 als ihren Dreh- und eben Angelpunkt sieht. Denn diese Wirklichkeit dringt praktisch kaum in diese wohltemperierte und gut situierte Welt ein, auch wenn die links und rechts aufgebaute an einen Wintergarten erinnernde Gläserfensterfront Durchlässigkeit suggeriert. Nichts deutet auf den Krieg hin, außer dass der Sohn des Haushofmeisters mit Kriegsspielzeug spielt und dass in einer Ecke Koffer und Instrumentenkästen stehen, in denen Waffen versteckt sind, oder sich die Diener mit „Libération“-Plakaten hinter den Glaswänden aufstellen. Es sind behutsamen arrangierte Hinweise auf die Kriegszeit, das Bühnenbild zeugt vom Gegenteil: Schön ist der Theatervorhang, der immer weiter im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintergrund gerät und beglaubigen soll, dass es am Ende nicht die schöne Kunst ist, die das Leben ausmacht.

Dieser Vorhang empfängt das Publikum zu Beginn, groß und prächtig schirmt er die Bühne erwartungsvoll ab. Johannes Leiacker, Bühnen- und Kostümbildner dieser Produktion, hat ihn in drei Größen entworfen und holt das Theater ins Theater. Das Publikum blickt, nachdem er sich hebt, auf den Wintergarten eines herrschaftlichen Hauses. Im Hintergrund ist der Vorhang – allerdings in kleinerer Variante – zu sehen und markiert dieses Mal die Bühne im Schloss der Gräfin Madeleine. Ein Tisch, einige Rattansessel, ein Cembalo, ein paar Pflanzen – mehr ist nicht notwendig, um dem Raum Leben einzuhauchen. Am Ende, als die Gräfin alleine – nun im Rokoko-Kleid für einen wunderbaren Moment eine ganze Epoche beschwörend, sie es dann zugunsten des Trenchcoats ablegen wird – auf der leeren Bühne zurückbleibt, ist das Theater bis zur Hinterbühne gerückt. Unwirklich entrückt wirkt es, und auch die Außenwelt bleibt außen vor – in dieses Ambiente wird sie nie Eingang finden, ganz egal, was draußen vor sich gehen mag.

Es sind die Sänger und Sängerinnen, die das Geschehen tragen und Daniel Schmutzhards Dichter Olivier, Alfred Reiters La Roche und Tanja Ariane Baumgartners Clairon stechen mit ihrer klaren Diktion hervor. AJ Glueckert als Flamand gibt einen wunderbar kapriziösen und durchaus verletzlichen Komponisten ab, während Oliviers Verletzungen anderer Natur sind: Er hatte eine Beziehung mit der großen Tragödin Clairon. Der Graf Gordon Bintner spielt den Bruder der Gräfin als einen leicht amüsierten, aber von der Welt unberührten Charakter – liebt die schöne Kunst und bandelt mit ihr – in Person der Clairon – an. Ein weiterer „Anbandler“ ist La Roche, der als gestandener Direktor und Regisseur sein Interesse an der jungen Balletteuse (Katharina Wiedenhofer) ganz ungeniert bekundet, sich dabei als einziger imstande sieht, den Zwist zu beenden und zusammen zu führen: Was wäre die Oper ohne Regisseur, er lässt das Werk erst auf der Bühne lebendig werden – Punkt! Kunst ist schön. Künstler wie das italienische Sängerpaar – Sydney Mancasola und Mario Chang – gehören allerdings nicht dazu, denn nach der Darbietung müssen sie am Katzentisch Platz nehmen, der Kuchen wird ihnen gar nicht erst gereicht, so dass sie ihn selbst „organisieren“. Nachdem fast alle nach Paris gefahren sind, taucht der vermeintlich verschlafene Souffleur, Monsieur Taupe, gespielt von Graham Clark, auf – vielleicht ist er ein Spitzel, der den Ort nun inspiziert. Abschließend seien noch Gurgen Baveyan als Haushofmeister und die wunderbaren acht Diener erwähnt: Isaac Lee, Lukas Eder, Jaeil Kim, Iain MacNeil, Miroslav Stricevic, Jonas Boy, Erik Reinhardt und Thesele Kemane sowie der Sohn des Haushofmeisters: Filip Niewiadomski.

Oper Frankfurt / Capriccio - hier Graham Clark als Monsieur Taupe und Gurgen Baveyan als Haushofmeister © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Capriccio – hier Graham Clark als Monsieur Taupe und Gurgen Baveyan als Haushofmeister © Monika Rittershaus

Zuverlässig wie immer am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ist Sebastian Weigle, GMD der Oper Frankfurt und ausgewiesener Strauss-Kenner, der den satten Strauss-Ton pflegt. Doch die Welt der Kultur, der Oper und Dichtung, die Richard Strauss so liebte, diese Welt war nicht erst 1942 dem Untergang geweiht. Ein großer Erfolg für alle Beteiligten, die mit einhelligem Applaus bedacht wurden. Ein interessanter Abend, der lange nachwirkt.

Capriccio an der Oper Frankfurt; weitere Vorstellungen 28.1.; 1.2.; 10.2.; 18.2.2018

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Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Don Pasquale von Gaetano Donizetti, 22.02.2018

Januar 18, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

  Don Pasquale von Gaetano Donizetti

Libretto Giovanni Domenico Ruffini und Gaetano Donizetti,  In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln,  eine Koproduktion mit der Volksoper Wien

Premiere am Theater Duisburg –  22.2.2018

der aus Mexiko stammende Startenor Rolando Villazón ist seit mehreren Jahren auch als Opern­regisseur erfolgreich. Seine erste Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein – Gaetano Donizettis Don Pasquale – feiert am Donnerstag, 22. Februar 2018, um 19.30 Uhr im Theater Duisburg Premiere. In neuer Besetzung unter der musikalischen Leitung von David Crescenzi singt Günes Gürle die Titelpartie. Richard Šveda ist Don Pasquales Doktor Malatesta, Lavinia Dames spielt Norina, Ibrahim Yesilay ihren Liebsten Ernesto.

Deutsche Oper am Rhein / Don Pasquale - Ioan Hotea (Ernesto), Lucio Gallo (Don Pasquale) © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Don Pasquale – Ioan Hotea (Ernesto), Lucio Gallo (Don Pasquale) © Hans Jörg Michel

„Donizetti lässt uns echten Menschen mit ihren Wünschen, Träumen und Traurigkeiten begegnen“, sagt Rolando Villazón, der den Figuren in Zusammenarbeit mit Johannes Leiacker (Bühnenbild) und Thibault Vancraenenbroeck (Kostüme) ganz eigene Charaktere gegeben hat. Wenn der antiquierter Kunstsammler Don Pasquale am Ende ziemlich „alt“ aussieht, dann nicht aus Altersgründen, sondern weil seine konservativen Kunst- und Lebensauffassungen gründlich durcheinander gewirbelt wurden.

Musikalische Leitung: David Crescenzi Licht: Davy Cunningham, Inszenierung: Rolando Villazón Chorleitung: Gerhard Michalski, Bühne: Johannes Leiacker Dramaturgie: Hella Bartnig, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck

Don Pasquale: Günes Gürle Notar: Daniel Djambazian, Dottor Malatesta: Richard Šveda Akrobat: Susanne Preissler, Ernesto: Ibrahim Yesilay Chor: Chor der Deutschen Oper am Rhein, Norina: Lavinia Dames Orchester: Duisburger Philharmoniker

Don Pasquale im Theater Duisburg: Do 22.02., 19.30 Uhr (Premiere) | Di 27.02, 19.30 Uhr | So 27.05., 18.30 Uhr | Sa 02.06., 19.30 Uhr Opernwerkstatt – Gespräch und Probenbesuch vor der Premiere: Di 13.02., 18.00 Uhr im Theater Duisburg (Eintritt frei)

Weitere Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf: Sa 20.01., 19.30 Uhr | Sa 03.02., 19.30 Uhr | Do 05.04. 19.30 Uhr | Sa 14.04., 19.30 Uhr | So 01.07., 18.30 Uhr


Demnächst an der Deutschen Oper am Rhein

19.01. – Giacomo Puccini: Tosca in der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf wieder im Opernhaus Düsseldorf

20.01. – Giacomo Puccini: Madama Butterfly in der Inszenierung von Joan Anton Rechi wieder im Theater Duisburg

28.01. – PREMIERE Richard Wagner: Die Walküre in der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf im Opernhaus Düsseldorf

02.02.BALLETTPREMIERE b.34: Martin Schläpfer – Appenzellertänze / Marco Goecke – Le Spectre de la Rose / Kurt Jooss – Der Grüne Tisch im Theater Duisburg

04.04. ­– PREMIERE Oliver Knussen: Wo die wilden Kerle wohnen von: Die neue Familienoper im Opernhaus Düsseldorf (empfohlen ab 6 Jahren)

22.02. – PREMIERE Gaetano Donizetti: Don Pasquale in der Inszenierung von Rolando Villazón im Theater Duisburg

25.02. – PREMIERE „Der Opernbaukasten – Folge 3“: Das neue Familienprogramm mit Malte Arkona im Theater Duisburg (empfohlen ab 6 Jahren)

25.02.Meisterklasse: Abschlusskonzert des Opernstudios zum Meisterkurs bei Ks. Linda Watson

03.03. 9. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung im Opernhaus Düsseldorf

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Stuttgart, Oper Stuttgart, Medea von Luigi Cherubini, IOCO Kritik, 09.12.2017

Dezember 10, 2017 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Medea von Luigi Cherubini

Vom vergeblichen -?-  Kampf der Frauen gegen eine „patriarchalisch verkommene Gesellschaft“

Von Peter Schlang

Grabstätte von Luigi Cherubini in Paris © IOCO

Grabstätte von Luigi Cherubini in Paris © IOCO

Da sitzt sie, Medea, eindrucksvoll verkörpert von Cornelia Ptassek, bedächtig und in sich gekehrt, einen Apfel (!) kauend, am Strand von Korinth, begleitet vom Vorspiel zum dritten Akt  von Luigi Cherubinis nach ihr benannten Oper. In dieser zweiten Zwischenaktmusik  kracht, rumpelt, brodelt und donnert es gewittrig und genauso vehement, wie sich gleich die inneren Kämpfe, ja Konflikte Medeas offenbaren werden. Diese haben sich dem Zuschauer schon im zweiten Akt gezeigt und werden im dramatischen Finale des dritten Aktes ihrer blutigen Lösung zustreben.

    Peter Konwitschny inszeniert an der Staatsoper Stuttgart Luigi Cherubinis  Oper Medea als aktuelle Anklage gegen männlichen Herrscherwahn und als Warnung vor tödlichem Konsum.

Dies ist nur ein Höhepunkt der an eindrücklichen Bildern und Momenten wirklich nicht armen Neuinszenierung von Luigi Cherubinis am 13. März 1797 in Paris uraufgeführten Oper Medea, die am Abend des 1. Adventssonntags in der Stuttgarter Staatsoper ihre umjubelte Premiere feierte. Für diese zeichnete mit Peter Konwitschny einer der ganz Großen der aktiven Opernregisseure verantwortlich, und der Berichterstatter erlaubt sich bereits an dieser Stelle das Urteil, dass die dadurch geweckten Erwartungen zu keiner Minute dieses fesselnden  Opernabends enttäuscht wurden.

Nicht unwesentlich trug dazu die von der Dramaturgin Bettina Bartz und Werner Hintze speziell für diese Stuttgarter Neuproduktion angefertigte deutsche Fassung des ursprünglich von Francois-Benoît Haller stammenden französischen Original-Librettos bei. Auch die Entscheidung Konwitschnys  und seiner Dramaturgin, die zwischenzeitlich bei Medea-Aufführungen gebräuchlichen Rezitative wieder durch die von Cherubini ursprünglich vorgesehenen gesprochenen Dialoge, allerdings in einer modernen, vom Regisseur stammenden Einrichtung, zu ersetzen, erwies sich als absolut schlüssig und dramaturgisch wie theatralisch hilfreich.

Euripides gestaltet in seiner 431 v. Chr. uraufgeführten Tragödie Medea eine Episode aus dem Argonauten-Mythos: Medea, Tochter des Königs von Kolchis, hatte sich in den Griechen Iason verliebt. Um ihm zu helfen, das Goldene Vlies zu rauben, hinterging sie ihren Vater und zerstückelte ihren kleinen Bruder. Nach ihrer Flucht zogen Medea und Iason heimatlos mit ihren beiden Kindern durch Griechenland. Zu Beginn der Oper hat Iason Medea verlassen, denn Kreon, König von Korinth, ist bereit, ihm und den Kindern unter der Bedingung Asyl zu gewähren, dass Iason Kreons Tochter Kreusa heiratet und ihm das Goldene Vlies – quasi als Brautpreis – überlässt. Doch die geplante Hochzeitsfeier und die erträumte harmonische Zukunft der neuen Patchwork-Familie wird durch das Auftreten Medeas und ihrer Zofe Neris nachhaltig gestört, denn die verlassene und verratene Ehefrau will ihren untreuen Mann für seinen ungeheuren Verrat auf ebenso ungeheure Weise bestrafen…..

Staatsoper Stuttgart / Medea - hier Cornelia Ptassek als Medea © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Medea – hier Cornelia Ptassek als Medea © Thomas Aurin

Konwitschny liest Medea als Fabel der weiblichen Befreiung, des Aufbegehrens gegen männliche Bevormundung und Entmündigung, das ihrem betrügerischen Mann Iason genauso gilt wie dessen designiertem Schwiegervater Kreon. Der Regisseur billigt Medea und damit auch anderen Frauen in ihrem Befreiungskampf gegen die sie bevormundenden und entwürdigenden Männer und ihre Machismen  das Recht auf jedes Mittel zu, auch das der schlimmsten Gewalt, was  in Medeas Fall bedeutet, die eigenen Söhne zu töten.

Als zweite und ebenso aktuelle Ebene zeigt die Stuttgarter Interpretation  des antiken, aber noch immer aktuellen Stoffes den Kampf gegen die Verdrängung von Gewalt und Unterdrückung  durch Konsum und  gegen die Beschränkung auf Privates, Unpolitisches, also den Rückzug aus der gesellschaftlichen Verantwortung.

Dafür finden Konwitschny und der ihm seit vielen Jahren verbundene Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker, der erstmals in Stuttgart tätig war, äußerst aktuelle und aus unserem Alltag vertraute Bilder, sei es, dass die Hochzeitsfeier Iasons und Kreusas  und die dazu erklingende Musik durch die Zustellung zahlreicher Hochzeitsgeschenke mehrfach unterbrochen wird, ehe dann beim fünften Läuten der Hausglocke die auf Rache bedachte Medea vor der Tür steht und damit die Hochzeitsvorbereitungen endgültig (zer-)stört. Auch die mit allerhand Wohlstandsmüll umgebene, völlig heruntergekommene Wohnküche im Palast (?) Kreons, welche in allen drei Akten eine recht beengte, aber dramaturgisch äußerst sinnvolle und handlungsdienliche Einheitsspielfläche abgibt, spielt auf die gesellschaftlichen und politischen Entgleisungen in diesem Staatswesen an. Dadurch drängt sich der Vergleich mit der aktuellen Situation in einigen Staaten geradezu auf. Dies gilt auch für die zu erlebenden Figuren, seien es die in bunter, billig in Fernost gefertigter Massenkonfektion  steckenden Untertanen oder deren Führungspersonal, das sich wie die zur Hochzeit Geladenen  in Konsum- wie in Gewaltexzessen ergeht. Letztere richten sich ausnahmelos gegen die als Eindringlinge und Störenfriede betrachteten fremden Frauen, also Medea und Neris, die von Kreon zum Oralsex gezwungen bzw. vom auf die Ausführung der Trauzeremonie wartenden katholischen Priester hinter der Bühne vergewaltigt werden.  Hier und in  vielen  anderen  Szenen und bedrückenden Bildern der gut zwei Stunden dauernden, durch keine Pause  unterbrochenen Handlung zeigt der Regisseur nicht nur seinen klaren Blick auf menschliche Egoismen und gesellschaftliche Verwerfungen, die er, zusammen mit seinem kongenialen Ausstatter Johannes Leiacker, durch klare Anspielungen auf das gegenwärtige Flüchtlingselend und aktuelle Zeitgeschehen nochmals mitten in unserer Zeit verortet. Er  lässt den aufmerksamen Betrachter aber auch an seiner immer wieder durchscheinenden und in vielen Arbeiten und Gesprächen bekräftigten Hoffnung teilhaben, dass man durch Kunst und entsprechende Darstellungen die Welt tatsächlich verändern, mindestens aber die Menschen zum  Nachdenken bringen könne und diese als Folge ihrer Reflexion vielleicht zu“ klügeren, sensibleren, vor allem aber menschlicheren Wesen“ werden mögen.

Staatsoper Stuttgart / Medea - hier Cornelia Ptassek als Medea, Aoife Gibney als 1. Brautjungfer, Josefin Feiler als Kreusa, Fiorella Hincapie als 2. Brautjungfer © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Medea – hier Cornelia Ptassek als Medea, Aoife Gibney als 1. Brautjungfer, Josefin Feiler als Kreusa, Fiorella Hincapie als 2. Brautjungfer © Thomas Aurin

Inwieweit Konwitschny dies mit seiner ausdrucksstarken, aufrüttelnden Stuttgarter Medea gelungen ist, kann man natürlich nur schwer nachprüfen oder gar beweisen. Dass er die Stuttgarter Premierengäste aber angesprochen, gefesselt und begeistert hat, war am Sonntagabend während der gesamten Aufführung und nicht nur beim begeisterten Schlussapplaus mit Händen zu greifen.

Dieser galt natürlich zunächst den Darstellern der fünf Hauptpersonen des Dramas. Hier ist nicht nur wegen des Bezugs zum Operntitel  und des Umfangs und Gewichts ihrer Rolle an erster Stelle die fabelhafte Sopranistin Cornelia Ptassek zu nennen, die ihrer Medea über zwei Stunden hinweg eine atemberaubende, unter die Haut gehende darstellerische und sängerische Präsenz verlieh, die von großer Wandlungsfähigkeit,  höchster stimmlicher Flexibilität und Präzision und überragenden schauspielerischen Fähigkeiten gespeist  wird. Sie wurde somit dieser anspruchsvollen und an vielen Stellen an die Grenzen des stimmlich und darstellerisch Möglichen gehenden Rolle zu jeder Zeit gerecht und begeisterte nach ihren Rollenportraits der Ariadne in Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos und der Sängerin in Philippe Boesmans‘ Reigen erneut das Stuttgarter Publikum.

Nicht nur inhaltlich-dramaturgisch zur Seite stand ihr die famose Helene Schneiderman als Neris, die genau wie die anderen – noch zu lobenden – Darsteller  nicht nur  dem Stuttgarter Ensemble angehört, sondern an diesem Abend auch ihr Rollendebüt gab. Sie, seit 1984 in Stuttgart wirkend und somit eines der Urgesteine der hiesigen Sänger/innen-Garde, überzeugte einmal mehr stimmlich wie darstellerisch und bewies, welch großartige Künstlerpersönlichkeit sie noch immer ist und wie eine solche auch eine Nebenrolle zum Bühnenereignis machen kann.

In der Rolle von Iasons verhinderter, unglücklicher wie missbrauchter zweiter Ehefrau Kreusa demonstrierte die junge, aber schon immens ausdrucksstarke Josefin Feiler ihre enormen stimmlichen Qualitäten, von denen hier explizit die große Beweglichkeit und der jederzeit hörbare Schmelz hervorgehoben seien.

In dieses famoses Frauentrio reihten sich die beiden männlichen Darsteller ohne Abstriche eindrucksvoll ein: Sebastian Kohlhepp ist ein in allen Lagen äußerst sicherer, den Facettenreichtum seiner schönen Stimme gekonnt wie passend einsetzender Iason, der auch gestalterisch jederzeit präsent ist und dem man seine Verletzbarkeit und Zerrissenheit  ebenso abnimmt wie seine immer wieder aufblitzende Kaltschnäuzigkeit.

Staatsoper Stuttgart / Medea - hier Johannes Rempp und Justus Laukemann als Söhne von Medea und Iason; Helene Schneidermann als Neris, Cornelia Ptassek als Medea © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Medea – hier Johannes Rempp und Justus Laukemann als Söhne von Medea und Iason; Helene Schneidermann als Neris, Cornelia Ptassek als Medea © Thomas Aurin

Als Iasons „Fast-Schwiegervater“ Kreon lässt einen der japanische Bariton Shigeo Ishino immer wieder frösteln. Dies rührt weniger von seiner schön geführten, deutlich artikulierenden Stimme her als vielmehr von der Unverfrorenheit und kalten Herrschsucht, mit der er beim Beobachter immer wieder Assoziationen an leibhaftige Figuren der aktuellen Weltpolitik heraufbeschwört.

Von den Gesangssolisten sind abschließend neben den zum Stuttgarter Opernstudio gehörenden beiden Sängerinnen Aoife Gibney und Fiorella Hincapié als  hippe wie schrille Brautjungfern unbedingt die beiden Chorknaben Johannes Rempp und Justus Laukemann vom Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart zu erwähnen. Sie heben die beiden Söhne Medeas und Iasons weit über den Status von Randfiguren hinaus und machen sie vor allem darstellerisch und dramaturgisch zu treibenden Kräften der Handlung, nicht zuletzt weil sie als Angehörige der jungen Generation zu mehrfachen Opfern der egoistischen verwerflichen Handlungsweise ihrer Eltern(-generation)  werden.

Staatsoper Stuttgart / Medea - (von Luigi Cherubini) hier Ensemble © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Medea – (von Luigi Cherubini) hier Ensemble © Thomas Aurin

Zu guter Letzt fehlt noch eine Würdigung der beiden unverzichtbaren wie meist unangreifbaren Kollektive der Stuttgarter Oper, die auch an diesem Abend einen hohen Anteil am Gelingen dieser absolut sehens- und hörenswerten Neuproduktion haben. Obgleich vom Komponisten mit vergleichsweise leicht zu meisternden und eher schlichten,  das einfache Volk präsentierenden Chorsätzen betraut, ist der von Christoph Heil mustergültig vorbereitete Staatsopernchor Stuttgart wieder ein Garant für musikalische Güte wie für darstellerische Vielseitigkeit und Begeisterung. Egal ob als saufende und dumpf feiernde Hochzeitsgesellschaft oder als gewalttätiger, blind dreinschlagender  und mordender Mob: Dieses Ensemble begeistert und überzeugt so sehr, dass man gleichzeitig zutiefst wünscht, solchen Typen nicht in der Realität begegnen zu müssen.

Das vom argentinischen Dirigenten Alejo Pérez mit großer Umsicht und dennoch packender Musikalität geleitete Staatsorchester ist nicht nur dem Chor und den Solistinnen sowie Solisten ein zuverlässiger, sehr sängerfreundlicher Begleiter und Fundamentgeber, es überzeugt auch bei den instrumentalen Vor- und Zwischenspielen durch eine beachtliche Dynamik.  So erlebt man eine  luzide Transparenz, die etwa den Holzbläsern und Solostreichern enormen Raum lässt, wie dramatische Wucht und mitreißende Klangfluten, wie etwa in der bereits erwähnten Gewitterszene.

Insgesamt wird der Abend um die fremde, überall unerwünschte, ja verstoßene Medea zu einem in jeder Hinsicht nachhaltigen, aufrüttelnden und erschütternden Erlebnis, das jede und jeden im Publikum zu einem veränderten Verhältnis zu Verursachern wie  Opfern männlicher Gewalt führen sollte, egal ob es sich um Flüchtlinge an südlichen europäischen Küsten oder um  in Frauenhäusern Zuflucht suchende Frauen handelt.

Medea von Luigi Cherubini:  Weitere Vorstellungen am 08. und 27. Dezember 2017, am 08., 15. und 31. Januar sowie 03. Februar 2018

Dresden, Semperoper, Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti, 18.11.2017

Oktober 6, 2017 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

  Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti

Premiere 18. November 2017, weitere Termine 22.11.; 25.11.; 29.11.; 8.12.; 22.12.2017; 28.3.; 31.3.; 6.4.2018

Lucia di Lammermoor ist eine hochemotionale Studie der Affekte zwischen Liebe und Hass, Intrigen und Treueschwüren und gehört zu den herausragenden Werken der Belcanto-Literatur. Nach 80 Jahren ist die Oper erstmals wieder in einer szenischen Umsetzung auf der Bühne der Semperoper zu erleben.

Basierend auf dem Roman des schottisch Nationaldichters Walter Scott und in der traumhaft ätherischen Musik Gaetano Donizettis entspinnt sich in diesem spannenden Opernthriller in Szene und Musik auf der Bühne der Semperoper die Intrige um die unglückliche Liebesgeschichte von Lucia und Edgardo, die verfeindeten Familien angehören. Durchzogen von den rauen Weiten des schottischen Hochlands und mystischen Geistererscheinungen gerät hier eine junge Frau in die Mühlen politisch motivierter Handlungen einer Gesellschaft, in der die Liebe zum Feind nicht geduldet und streng bestraft wird. Sie zerbricht daran, wird zur Mörderin und liefert sich schließlich selbst dem Wahnsinn aus.

An der Semperoper Dresden stellt sich der vielfach ausgezeichnete Regisseur und große Erzähler des psychologischen Theaters Dietrich W. Hilsdorf mit der Inszenierung dieser Oper erstmal als Regisseur vor. Das Bühnenbild stammt von Johannes Leiacker, die Kostüme entwirft Gesine Völlm. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden steht Giampaolo Bisanti. Am Samstag, den 18. November wird die Belcanto-Oper an der Semperoper ihre Premiere erleben. Beginn ist um 18 Uhr. Eine Premierenkostprobe am 14. November, 18 Uhr gibt erste Einblicke in das Werk.

In der Titelrolle ist Venera Gimadieva zu erleben, Edgaras Montvidas gibt Edgardo Ravenswood, Lord Enrico Ashton ist Alexeij Isaev. Simeon Esper verkörpert den ungeliebten Ehemann Lord Arturo Bucklaw, Georg Zeppenfeld interpretiert die Rolle des Raimondo Bidebent. Es singt der Sächsische Staatsopernchor Dresden. Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden. PMSODr

 Lucia di Lammermoor an der Semperoper: Premiere 18. November 2017, weitere Termine 22.11.; 25.11.; 29.11.; 8.12.; 22.12.2017; 28.3.; 31.3.; 6.4.2018

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