Wien, Theater an der Wien, Euryanthe – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 11.01.2019

Januar 11, 2019 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Euryanthe – Carl Maria von Weber

Weber und „die Einführung des Übernatürlichen“

von Marcus Haimerl

Häufig findet sich Carl Maria von Webers große heroisch-romantische Oper Euryanthe nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Als Ursache betrachtet man gerne das Libretto der Schriftstellerin Helmina von Chézy, die Weber aus dem Dresdner „Liederkreis“ kannte, in welchem bereits der Librettist des Freischütz, Johann Friedrich Kind, Mitglied war. Nach dem Erfolg des Freischütz war Weber als Komponist in aller Munde und so war das Auftragswerk des Wiener Kärntnertortheaters auch keine Überraschung.

Allerdings litt er auch unter dem großen Erfolg des Freischütz. Aus gutem Grund musste er annehmen, dass von ihm Wiederauflagen der volkstümlichen Nummern seiner Erfolgsoper erwartet wurden: „Die Erwartungen der Masse sind durch den wunderbaren Erfolg des Freischützen bis zum Unmöglichen ins Blaue hinauf gewirbelt; und nun kommt das einfach ernste Werk, das nichts als Wahrheit des Ausdrucks, der Leidenschaft und Charakterzeichnung sucht, und alle der mannigfachen Abwechslung und Anregungsmittel seines Vorgängers entbehrt.“ (Weber in einem Brief an Franz Danzi, 13.02.1824). Mit diesem einfachen Werk meinte Weber seine Oper Euryanthe.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Als Vorlage für das Libretto diente Helmina von Chézy eine altfranzösische Ritterlegende aus dem 12. Jahrhunderts, welche Shakespeare bereits in seiner Cymbeline nach einer Novelle aus Boccaccios Decamerone verwendete. Weber wies den Rat Ludwig Tiecks nach einer realistischen Handlungsführung zurück und bestand gegenüber Helmina von Gézy auf die Einführung des Übernatürlichen.

Die zu Unrecht beschuldigte Euryanthe, Opfer einer Männerwette zwischen ihrem Verlobten Adolar und dem bösen Lysiart, ist der Motor der Handlung. Jedoch ist nicht wie in der Vorlage die Kenntnis eines Körpermals, heimlich im Bade beobachtet, das Beweisstück. Emma, die Schwester Adolars beging einst aus Gram über den Tod ihres Ehemanns Selbstmord. Wegen dieser Todsünde kann ihre Seele keine Ruhe finden, bis nicht ihr tödlicher Giftring mit den Tränen einer verfolgten Unschuld genetzt wird. Dies Geheimnis, an die heimtückische Eglantine verraten, löst das Drama aus. Denn diese stiehlt den Ring aus der Grabkammer und wird von Lysiart beobachtet. Da dieser bei Euryanthe mit seinen Verführungsversuchen gescheitert ist, verbünden sich Eglantine und Lysiart zu einem Liebespaar aus Rache. Da sich Euryanthe gegen die falschen Anschuldigungen Lysiarts nicht wehrt, führt Adolar, nun seiner gesamten Güter und Titel verlustig, seine Verlobte in den Tod. Als diese ihn vor einer Schlange zu retten versucht, lässt er Euryanthe allein im Wald zurück. Der König findet die junge Frau und diese offenbart ihm die zuvor verschwiegene Wahrheit. Während der Vorbereitungen von Lysiarts und Eglantines Hochzeit auf Adolars Schloss, gesteht Eglantine, der in einem Anfall von Wahnsinn Emma erscheint, dem König die Wahrheit. Lysiart ersticht die Wahnsinnige und wird selbst als Mörder verhaftet. Euryanthe und Adolar finden wieder zueinander und weil ihre Tränen den Ring benetzt haben, findet Emmas Seele ihren Frieden.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien holte nunmehr diese kaum gespielte Oper als Neuproduktion zurück in die Stadt der Uraufführung und beweist mit der Besetzung, dass Webers Werk durchaus spielbar ist. Constantin Trinks leitet das ORF Radio-Symphonieorchester Wien facettenreich mit großer Leidenschaft und weiß die Dramatik der Musik von Weber, die an mancher Stelle schon Wagner erahnen lässt, voll auszukosten.

Christof Loy verzichtet in seiner Inszenierung auf Mittelalter, Ritter oder gar Übernatürliches, ebenso auf Romantik und setzt ganz auf zwischenmenschliche Beziehungen und Personenführung. Ein weißer, sich trichterförmig nach hinten verengender Raum, mit einem Klavier, einem Bett und ein paar Stühlen ist die ganze Ausstattung (Bühne: Johannes Leiacker). Der sterile weiße Bühnenraum mit dem Bett am Bühnenrand erinnert dabei schon etwas an eine Heilstätte. Und Heilung sucht nicht nur die Seele der armen Emma. In diesem geschlossenen Bühnenraum reduziert  Loy die Romantik zu einem Kammerspiel zwischen den handelnden Figuren und zeigt, dass die handlungstreibenden Gefühle, enttäuschter Liebe, Rache und Erlösung, Allgemeingültigkeit besitzen.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Jacquelyn Wagner verkörpert die Titelfigur Euryanthe perfekt. Atemberaubend meistert sie die lyrischen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran und überzeugt auch in glaubwürdiger Rollengestaltung.  Mit durchschlagskräftigem Mezzosopran und packender Darstellung beherrscht Theresa Kronthaler die Bühne in der Partie der Eglantine. Mit seinem großen durchwegs dramatischen Bariton beweist Andrew Foster-Williams höchstes musikalisches Können als hinterlistiger Lysiart. Für seinen Körpereinsatz, er singt die Arie „Wo berg‘ ich mich“ zu Beginn des zweiten Aktes völlig unbekleidet, muss man dem Sänger zusätzlich hohen Respekt zollen. Der amerikanischeTenor Norman Reinhardt überzeugt mit strahlendem, höhensicherem Tenor in der Partie des Adolar. Beeindruckend auch Stefan Cerny der mit seinem schönen, dunklen Bass die Partie des Königs glaubhaft gestaltet. Auf höchstem musikalischen Niveau agiert auch der Arnold Schoenberg Chor.

Mit dieser Produktion bewies das Theater an der Wien erneut, dass man sich nicht nur gefahrlos den vergessenen Werken der Opernliteratur widmen, sondern damit auch noch Erfolg haben kann.

Euryanthe im Theater an der Wien:  Zur Zeit sind keine weiteren Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

München, Gärtnerplatztheater, Premiere DER TAPFERE SOLDAT – Oscar Strauss, 14.06.2018


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

 

DER TAPFERE SOLDAT – Oscar Strauss

Premiere 14.06. 2018

Die Operette DER TAPFERE SOLDAT in der Regie von Peter Konwitschny feiert am 14. Juni 2018 Premiere im Gärtnerplatztheater. Peter Konwitschny, der mit seinen Inszenierungen seit Jahrzehnten international Maßstäbe setzt, gibt damit sein Gärtnerplatz-Debüt. Die musikalische Leitung hat Chefdirigent Anthony Bramall. Der Komponist Oscar Straus, der stets das Humoristische und Parodistische liebte, verwandelte Bernard Shaws satirisches Schauspiel Helden in eine Operette mit wunderbaren Melodien, die in London und am New Yorker Broadway große Erfolge feierte. In der militärischen Heldenposse macht sich der berühmte britische Autor gnadenlos über die Glorifizierung des hohlen Heldenpathos lustig. Das Stück wurde unter dem Titel The Chocolate Soldier zu einem jahrzehntelang gespielten Renner und beeinflusste die Entwicklung des amerikanischen Musicals wesentlich.

Am 3. Juni 2018 berichtet Ihnen Christoph Wagner-Trenkwitz in der Premierenmatinee zusammen mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wissenswertes zum Stück, zu den Autoren und zur Entstehung der Produktion

DER TAPFERE SOLDAT
 Buch von Rudolf Bernauer und Leopold Jacobson, Musik von Oscar Straus
Mit Benutzung von Motiven aus Bernhard Shaws Helden

Musikalische Leitung   Anthony Bramall, Regie   Peter Konwitschny, Choreografie   Karl Alfred Schreiner, Bühne und Kostüme   Johannes Leiacker, Choreinstudierung   Karl Bernewitz, Dramaturgie   Bettina Bartz, Michael Alexander Rinz

Ann-Katrin Naidu, Sophie Mitterhuber, Jasmina Sakr I Alexander Franzen, Hans Gröning, Maximilian Mayer, Daniel Prohaska

Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Premiere 14. Juni 2018, Premierenmatinee 3. Juni 2018, Weitere Vorstellungen
Juni 16 / 17 / 23 / 29, Juli 4 / 7 / 8, 2018

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Erich W. Korngold, IOCO Kritik, 05.05.2018

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold

Großes Kino oder nackte Wahrheit ?   Bühne wird zum Gerichtssaal

Von Kerstin Schweiger

Die Berliner Opernhäuser besinnen sich derzeit einträchtig auf diesen in der Oper musikalisch so heterogenen Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach den Gezeichneten von Franz Schreker im Januar an der Komischen Oper und dem Strauss‘schen Türöffner zur Moderne Salome an der Staatsoper, gelingt nun der Deutschen Oper Berlin mit Korngolds Das Wunder der Heliane 90 Jahre nach der ersten Aufführung an diesem Haus ein Opern-Coup.

April 2018 – 90 Jahre nach Erstaufführung
Deutsche Oper Berlin hebt musikalischen Schatz  –  Das Wunder der Heliane 

Dramaturgisch greift diese Rückschau nach einer Blütezeit des Musiktheaters an der Schwelle großer Veränderungen. Das frühe 20. Jahrhundert war eine Zeit der Neuordnung, des Aufbruchs in Wissenschaft und Psychologie, einer politischen Zeitwende und jähen Einbruchs. Die Weltkriegsfolgen führten zu einer Neuorientierung auf allen gesellschaftlichen und künstlerischen Gebieten. Eine Verschärfung von Prekariat und politischer Bewusstwerdung folgte auf Krisen. Künstler nahmen dieses explosive Gemisch seismographisch auf, das Publikum stellte sich aus der konservativen und neu gewonnen Bürgerlichkeit heraus ebenfalls neu auf, so das die Formen des künstlerischen Verarbeitens kaum unterschiedlicherer Ausprägung sein konnten und nebeneinander existierten.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Auf den Opern-Bühnen waren Richard Strauss und Gustav Mahler musikalische Trendsetter, Inspiration für eine Folgegeneration von Komponisten, die ihren Ansatz in eine neue zeitgenössische musikdramatische Sprache weitergeführt haben. Ihr Stil ermöglichte  in der kurzen Folge bis 1933 eine Flut musiktheatralischer Formen, wie sie z.B. Arnold Schönberg oder Alban Berg ausgeführt haben. Denen auf der Spur war die eine Gruppe von jüngeren Komponisten wie Schreker, Krenek, Weill oder Korngold, jeweils mit ganz unterschiedlichem stilistischem Ansatz.

Allen drei hier genannten Stücken gemeinsam, und ganz anders als die Werke von Krenek oder Kurt Weill, ist es, dass sie in der Wahl des Stoffes weit weg aus der Tagesrealität der Entstehungszeit in ferne, vergangene Zeiten oder mystische Schauplätze entführen. Sie behandeln allgemeingültige zwischenmenschliche Fragen von Religion, Beziehung, Macht, Diktatoren und ihrer Beziehung zum Volk. Eine Art dramaturgisches Krisenmanagement in unstetiger Zeit.

Wo markiert man Erich Wolfgang Korngold und sein Werk?

Erich Wolfgang Korngold (29. Mai 1897 – 29. November 1957) galt in seiner Heimatstadt Wien bereits als Wunderkind. Seine Jugendwerke wurden häufig durch Dirigenten wie Bruno Walter, Artur Schnabel, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Felix Weingartner und Richard Strauss aufgeführt. Er hatte in der Tradition einer modernen Klassik mit seiner Oper Die tote Stadt 1920 im zeitgenössischen Musiktheater eine Marke gesetzt und die Ankündigung einer neuen Oper elektrisierte die Häuser. Mit „Heliane“ hatte es Korngold bei Publikum und Kritik schwerer. Die Uraufführung 1927 an der Hamburgischen Staatsoper fand anders als Die tote Stadt wenig positive Resonanz.

Kreneks etwa zur gleichen Zeit uraufgeführte Jazzoper Johnny spielt auf traf mit Themen der Zeit und aktuellen Trends den herrschenden Publikumsgeschmack direkter als das eher mystisch-märchenhafte und inhaltlich verschlungene Stück Korngolds. Dennoch  wurde Das Wunder der Heliane direkt nach der Uraufführung von 12 Bühnen im deutschsprachigen Raum nachgespielt. Wenige Jahre später war die Oper von den Spielplänen verschwunden und vergessen. So unterschiedlich Krenek und Korngold agierten, Korngold stellte die Stimme mit spätromantisch blühenden Bögen noch einmal ins Zentrum, Krenek nutzte Jazzelemente, so sehr sind beide Stücke Ausdruck ihrer Entstehungszeit.

Von den Nationalsozialisten ab 1933 mit Aufführungsverbot belegt und als entartet“ eingestuft, ging Korngold auf Einladung von Max Reinhardts 1934 nach Hollywood, um für dessen Film A Midsummer Night’s Dream die Filmmusik nach Mendelssohns Schauspielmusik für das gleichnamige Shakespeare-Stück zu arrangieren.  Mit der Arbeit am Sommernachtstraum veränderte Korngold die bisherige Struktur von Filmmusik: Er vergrößerte die Orchesterbesetzung zu Symphonieorchesterumfang und setzte enge Relationen zwischen gesprochenen Dialogen und Filmmusik.  In den nächsten Jahren war er sehr erfolgreich als Filmkomponist für die Warner Brothers tätig und erhielt 1936 und 1938 zwei Oscars.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Mit dem von den Nazis verhängten Aufführungsverbot des Komponisten jüdischer Herkunft verschwanden Korngolds Opernwerke für lange Zeit von den Bühnen. Ein Anknüpfen an die Aufführungsserien der Entstehungszeit war nach der Zäsur durch Nationalsozialismus und Weltkrieg nicht gegeben. Die Nachkriegszeit setzte auch in der Opernlandschaft andere Prioritäten.

Erst 1989  gab es wieder eine Inszenierung (John Dew) in Bielefeld. Im Rahmen der Reihe „Entartete Musik“, die die von den Nazis verfemten Werke wieder in den Fokus rückte, wurde die Oper 1992 für die DECCA auf CD aufgenommen. Eine konzertante Aufführung folgte 2007 im Rahmen der Londoner Proms Konzerte.  2010 und 2012 folgten in einer Koproduktion Aufführungen in Kaiserslautern und Brünn. Die Volksoper Wien und das Philharmonische Orchester Freiburg präsentierten 2017 konzertante Aufführungen Das Wunder der Heliane. Ebenfalls 2017 brachte die Oper Vlanderen in Antwerpen/Gent eine Neuproduktion heraus.

Die Handlung:   Ein eiskalter Herrscher ohne Liebesfähigkeit, der seinem Volk, das auf ein erlösendes Wunder wartet, alle  Freuden und Gefühle verbietet, führt ein strenges, freudloses Regime. Auch seine unglückliche Frau Heliane ist davon betroffen, sie verweigert sich dem kalten Herrscher.

Ein Fremder, der wie ein Guru das Volk in Glück und Liebesfähigkeit coachen will, landet dafür im Gefängnis. Als ihn Heliane dort aufsucht, geraten beide in eine plötzliche gegenseitige seelische Anziehung. Heliane wendet sich diesem Fremden zu, entblößt sich vor ihm aus einem Gefühl heraus. Als der Herrscher hinzukommt und diesen angenommenen Treuebruch entdeckt, klagt er seine Frau an, der Fremde ersticht sich. Heliane bleibt nur eine Option, nämlich mit einem „Wunder“, den Fremden wieder zum Leben zu erwecken und so zu beweisen, dass sie unschuldig ist. Auf diese wundersame Erlösung und damit ein emotional freies Leben hofft schließlich das ganze Land. Und bekommt sie auch, Heliane und der Fremde sterben eine Art Liebestod, der Herrscher und das Volk bleiben in dem kalten Reich zurück, ein Neuanfang?

Elsa Bienenfeld, Rezensentin der Wiener Erstaufführung 1927, erkannte, dass das Potential der Oper in der Musik, weniger im altertümelnden, sprachlich gewundenen, düster märchenhaften Plot und Textbuch lag. „Die Musik überflutet das Textbuch, wogt durch die Akte, reißt die Szenen mit sich. (…). Sie schüttet Melodie in die Figuren, daß sie an Gesang überquellen.“

Im Zentrum dieser Musik steht die menschliche Stimme, ein „Schwelgen im Gesang“, Hochexpressive Harmonien, packend, dynamisch und süffig  – für die Sänger eine Kraftanstrengung über dreieinhalb Stunden hinweg. Musikalische Promille, eingebettet in einen üppigen Orchesterklang, der stellenweise Korngolds spätere Komposition für Filme also Filmmusik voraus ahnen lässt, in einer Zeit, in der der Film selbst noch stumm war, aber durch seine bis Ende der 1920er Jahre ausdifferenzierte Weiterentwicklung als eigenständige Begleitmusik bereits klang. Korngold selbst notierte: „Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist. Die Form mag sich ändern, die Art, sie zu notieren, mag unterschiedlich sein, aber der Komponist darf keinerlei Zugeständnisse machen in Bezug auf das, was er für seine eigene musikalische Überzeugung hält.“

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

So krude, unverständlich und aus der Zeit gefallen der Librettotext uns heute erscheint, so plausibel ist die inszenatorische Idee, die Loy konsequent den gesamten langen Abend hindurch umsetzt. Regisseur Christof Loy kehrt nach Inszenierungen von JENUFA, FALSTAFF und EDWARD II. zum vierten Mal an die Deutschen Oper Berlin zurück. Er sieht sieht Themen wie „Liebe“, „Nächstenliebe“ und „Mit-Leid“, die in dem Stück verhandelt werden, in einer 1928 wie heute eiligen Metropole wie Berlin, dem Ort der dritten „Uraufführung“ des Stückes nach Hamburg und Wien, von großer Relevanz.

In einem Einheitsbühnenbild, einer dunkel getäfelten Kastenbühne mit einer variabel lichtdurchlässigen Decke und Fensterfront (Johannes Leiacker), erhält jede Figur eine Rolle in einer jeweils offensichtlichen Richt- bzw. Gerichtsituation. Die Gerichtskulisse ist die perfekte Basis für die seltsam und zugleich spirituell anmutende Handlung. So spielt der erste Akt in der Untersuchungshaft, wo nacheinander der König, dann Heliane und wieder der König den zum Tode verurteilten Fremden aufsucht. Keine TV Soap, kein Gerichtsfilm könnten die Gerichtsszene im zweiten Akt dramaturgisch besser herstellen. Angeklagt sind Heliane und der Fremde dafür, dass sie lieben, Gefühle zeigen, was im Reich des Königs bei Strafe verboten ist. Heliane wird ausserdem des Ehebruchs bezichtigt. Der Herrscher ist sein eigener Staatsanwalt, der Chor das sensationsgierige Volk, schwankend zwischen Hoffnung auf ein besseres Leben und Stillhalten unter dem Joch des autoritären Herrschers, mal dieser, mal jener Seite parteiisch zugetan. Und schließlich hält der strenge Raum auch im letzten Akt die Anspannung vor der spirituellen Auferweckung des toten Fremden, das Wunder der Heliane, und dem dramatischen Schluss dicht zusammen. Der durchweg dunkel bis grau gehaltene Businesslook der Kostüme (Barbara Drosihn) entspricht dem szenischen Konzept.

Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak ist in jeder Hinsicht souverän und anrührend. Ihr leuchtend heller Sopran ist warm timbriert, angenehm in den lyrischen Passagen, voller Kraft, wenn es notwendig ist, strömt ihre Stimme mühelos auf und über dem Orchester. Wenn sie in einer innige Seelenbegegnung mit dem Fremden plötzlich nackt auf der Bühne steht, ist das logisch und im Erzählstrom selbstverständlich. Ihre Heliane ist in diesem Bühnengericht Angeklagte und Zeugin der Anklage gleichermaßen. Eine Marlene Dietrich der Opernbühne, auch äußerlich im Businesskostüm mit Pelzumhang.

Die Besetzung des Fremden und des Königs macht es Loy leicht, die unvereinbaren Positionen der Figurencharaktere markant herauszustellen. In dem ganzen schwer fassbaren Handlungsgerüst ragen besonders der asketische König von Josef Wagner, der mit großartiger Diktion und standhaften Bassbariton den König als unversöhnlichen, in selbst gewählter Einsamkeit nach Liebe und Anerkennung hungernden Gegenpol zu dem menschlichen Füllhorn von Brian Jagdes Fremden positioniert. Jagdes durchschlagender heller und kräftiger Tenor läuft insbesondere zum Schluss zu dramatischer Größe auf, sein Fremder ist eine schillernd uneindeutige Figur. Mediator für König und Königin, Verführer des Volkes, Verführer der Königin und Wundermedium mit Auferstehungsfähigkeiten.

Okka von der Damerau nutzt sowohl gesanglich als auch darstellerisch mit feinem Gefühl für Nuancen die Rolle der Botin für ein Charakterbild von purer Intriganz. Sie ist darstellerisch wie musikalisch vom Komponisten vorgegeben fast eine Seeräuberjenny Weill’scher Prägung. (Die Uraufführung der Dreigroschenoper erfolgte tatsächlich nur einige Monate nach der Berliner Erstaufführung von Korngolds Oper 1928).

Burkhard Ulrich gestaltet  den blinden Schwertrichter mit hochpräsentem hellen Tenor als differenzierende Persönlichkeit. Eine Charakterstudie gibt Gideon Poppe als Der junge Mann, ein omnipräsenter Verehrer der Königin. Besonders anrührend ist Derek Welton als Pförtner, der das Volk aufrüttelt, sein Glück selbst zu gestalten, sich der Diktatur des Königs zu entziehen.

Marc Albrecht, Chefdirigent der Dutch National Opera, des Netherlands Philharmonic und des Netherlands Chamber Orchestra ist der Deutschen Oper langjährig verbunden. Er trägt den Abend kongenial, gibt dem Orchester eine transparente Stimme, fächert die Klangebenen auf, mit den Musikern von extremer Expression mühelos zum feinsten Pianissimo gleitend, gibt den Sängern Raum auf der reichen Tonebene, präsentiert jedes Instrumentensolo und hält die überbordenden Klangmassen so weit in Zaum, dass jede gesungene Phrase hörbar und trotzdem in den Klang eingebettet ist. Eine phänomenale Leistung von Marc Albrecht und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Der Chor ist hochpräsent stimmlich wie darstellerisch. Ein Powerpaket, das  – einmal im Spiel – mit großem szenischen Verstand seine Wegmarken präzise in die Klangexplosionen hinein setzt. So erscheint das Wunder der Auferstehung des Fremden packend wie eine musikalisch-spirituelle Gemeinschaftsleistung von Heliane und dem Volk. Das ist musikalisches Gewichtheben auf elegante und differenzierte Art.

Es bleibt zu hoffen, dass nach der ersten überaus erfolgreichen Aufführungsserie im März / April 2018 sich dieses Wunder der Heliane in den kommenden Spielzeiten noch oft wiederholt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Capriccio von Richard Strauss, IOCO Kritik, 27.01.2018

Januar 30, 2018 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Capriccio von Richard Strauss 

Eine Caprice, eine Laune mit doppeltem Boden

Von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Die letzte Oper von Richard Strauss – 1942 mitten im Krieg uraufgeführt – ist eigentlich eine große Verbeugung an seine Librettisten, allen voran an Hugo von Hofmannsthal. Und dass trotz oder weil er sich als Komponist – zusammen mit seinem Dirigentenkollegen Clemens Krauss, der für Capriccio das Libretto schrieb – für die Musik als vorrangige Kunst entscheidet. Denn ein „Konversationsstück“, wie es Krauss nannte, muss zu verstehen sein, sonst nutzt die schöne Musik wenig. Und das Kunstprodukt Oper kann nur aus beiden Künsten bestehen – ein Fazit des Stückes.

Capriccio Laune oder Caprice, in der Musik bezeichnet es ein spielerisches Musikstück mit scherzhaftem Charakter – so hat Strauss sein Werk nicht umsonst genannt: Es geht um die humorvolle Rangordnung der Künste. Er lässt seine Caprice um 1775, als Gluck an der Pariser Oper war, spielen. Brigitte Fassbaender wollte es bei dem Scherzhaft-Spielerischen nicht belassen und einen trivialen Schluss vermeiden. Sie hat nach einem größeren, existentielleren Rahmen gesucht, sich aber eines Sujets angenommen, das, wie sie in der Opernbroschüre schreibt, „weltbewegend oder unumgänglich wichtig“ nicht sei und die Problematik darin bestand, eine Handlung zu kreieren. Sie entschied sich deshalb, das Kriegsjahr 1942 zum Ausgangspunkt ihrer Inszenierung zu machen. Soweit, so gut.

Oper Frankfurt / Capriccio - hier Camilla Nylund als Gräfin Madeleine © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Capriccio – hier Camilla Nylund als Gräfin Madeleine © Monika Rittershaus

Frankreich im zweiten Weltkrieg, als das Land sich in Kollaborateure mit den deutschen Besatzern, und der Résistance, den Gegnern, teilte. Die Stoßrichtung ist mehr als nachvollziehbar, ja geradezu plausibel und suggestiv, aber das Existentielle hätte noch ausgeprägter ausfallen können – oder sollen. Allein zwingend und damit die Handlung vorantreibend ist es somit nicht, denn der Rahmen wird sachte angedeutet und in feinen homöopathischen und sehr feinteiligen Dosen verabreicht. Einerseits ist es zwar durchaus wohltuend, dass es keine martialischen Aufmärsche gibt, andererseits kann dieser Handlungsrahmen all zu leicht übersehen werden, weil er sich in Details verliert. Das besetzte Frankreich ist so weit weg, wie die Entstehungszeit der Oper, nur die Kostüme verorten uns in dieser Zeit. Und die Wahl von Gräfin Madeleine Camilla Nylund ist eine erhabene, jedoch kühle und distanzierte Erscheinung – ist am Ende nicht wirklich eine. Da sie sich für keinen der beiden Künste – verkörpert durch die beiden Männer Olivier und Flamand – entscheiden kann oder will, nimmt sie die Baskenmütze und den Trenchcoat und zieht mit ihren Dienern – ja wohin? – wahrscheinlich zu einem klandestinen Treffen der Résistance. Weshalb es ausgerechnet sie, Angehörige einer Gesellschaftsschicht, die sich mit den deutschen Besatzern in der Regel zu arrangieren verstand, in den Widerstand ziehen soll, wird durch nichts begründet.

Oper Frankfurt /Capriccio - hier Ensemble © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt /Capriccio – hier Ensemble © Monika Rittershaus

Es ist das „Ungefähre“, was die detailreiche und gut geführte Personenregie, (leider) eben doch relativiert. Gräfin Madeleine flüchtet, nicht wie Strauss vor der Wirklichkeit in eine nicht mehr existierende Welt, nein, sie flüchtet aus ihrem Schloss in die Wirklichkeit – so ungefähr. Eine Beschreibung, die Brigitte Fassbaender in einem Interview auf die beiden Künstler gemünzt hat, aber genau das zeichnet ihre Inszenierung aus. Es bleibt im Vagen, obwohl sie die Verankerung ins Kriegsjahr 1942 als ihren Dreh- und eben Angelpunkt sieht. Denn diese Wirklichkeit dringt praktisch kaum in diese wohltemperierte und gut situierte Welt ein, auch wenn die links und rechts aufgebaute an einen Wintergarten erinnernde Gläserfensterfront Durchlässigkeit suggeriert. Nichts deutet auf den Krieg hin, außer dass der Sohn des Haushofmeisters mit Kriegsspielzeug spielt und dass in einer Ecke Koffer und Instrumentenkästen stehen, in denen Waffen versteckt sind, oder sich die Diener mit „Libération“-Plakaten hinter den Glaswänden aufstellen. Es sind behutsamen arrangierte Hinweise auf die Kriegszeit, das Bühnenbild zeugt vom Gegenteil: Schön ist der Theatervorhang, der immer weiter im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintergrund gerät und beglaubigen soll, dass es am Ende nicht die schöne Kunst ist, die das Leben ausmacht.

Dieser Vorhang empfängt das Publikum zu Beginn, groß und prächtig schirmt er die Bühne erwartungsvoll ab. Johannes Leiacker, Bühnen- und Kostümbildner dieser Produktion, hat ihn in drei Größen entworfen und holt das Theater ins Theater. Das Publikum blickt, nachdem er sich hebt, auf den Wintergarten eines herrschaftlichen Hauses. Im Hintergrund ist der Vorhang – allerdings in kleinerer Variante – zu sehen und markiert dieses Mal die Bühne im Schloss der Gräfin Madeleine. Ein Tisch, einige Rattansessel, ein Cembalo, ein paar Pflanzen – mehr ist nicht notwendig, um dem Raum Leben einzuhauchen. Am Ende, als die Gräfin alleine – nun im Rokoko-Kleid für einen wunderbaren Moment eine ganze Epoche beschwörend, sie es dann zugunsten des Trenchcoats ablegen wird – auf der leeren Bühne zurückbleibt, ist das Theater bis zur Hinterbühne gerückt. Unwirklich entrückt wirkt es, und auch die Außenwelt bleibt außen vor – in dieses Ambiente wird sie nie Eingang finden, ganz egal, was draußen vor sich gehen mag.

Es sind die Sänger und Sängerinnen, die das Geschehen tragen und Daniel Schmutzhards Dichter Olivier, Alfred Reiters La Roche und Tanja Ariane Baumgartners Clairon stechen mit ihrer klaren Diktion hervor. AJ Glueckert als Flamand gibt einen wunderbar kapriziösen und durchaus verletzlichen Komponisten ab, während Oliviers Verletzungen anderer Natur sind: Er hatte eine Beziehung mit der großen Tragödin Clairon. Der Graf Gordon Bintner spielt den Bruder der Gräfin als einen leicht amüsierten, aber von der Welt unberührten Charakter – liebt die schöne Kunst und bandelt mit ihr – in Person der Clairon – an. Ein weiterer „Anbandler“ ist La Roche, der als gestandener Direktor und Regisseur sein Interesse an der jungen Balletteuse (Katharina Wiedenhofer) ganz ungeniert bekundet, sich dabei als einziger imstande sieht, den Zwist zu beenden und zusammen zu führen: Was wäre die Oper ohne Regisseur, er lässt das Werk erst auf der Bühne lebendig werden – Punkt! Kunst ist schön. Künstler wie das italienische Sängerpaar – Sydney Mancasola und Mario Chang – gehören allerdings nicht dazu, denn nach der Darbietung müssen sie am Katzentisch Platz nehmen, der Kuchen wird ihnen gar nicht erst gereicht, so dass sie ihn selbst „organisieren“. Nachdem fast alle nach Paris gefahren sind, taucht der vermeintlich verschlafene Souffleur, Monsieur Taupe, gespielt von Graham Clark, auf – vielleicht ist er ein Spitzel, der den Ort nun inspiziert. Abschließend seien noch Gurgen Baveyan als Haushofmeister und die wunderbaren acht Diener erwähnt: Isaac Lee, Lukas Eder, Jaeil Kim, Iain MacNeil, Miroslav Stricevic, Jonas Boy, Erik Reinhardt und Thesele Kemane sowie der Sohn des Haushofmeisters: Filip Niewiadomski.

Oper Frankfurt / Capriccio - hier Graham Clark als Monsieur Taupe und Gurgen Baveyan als Haushofmeister © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Capriccio – hier Graham Clark als Monsieur Taupe und Gurgen Baveyan als Haushofmeister © Monika Rittershaus

Zuverlässig wie immer am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ist Sebastian Weigle, GMD der Oper Frankfurt und ausgewiesener Strauss-Kenner, der den satten Strauss-Ton pflegt. Doch die Welt der Kultur, der Oper und Dichtung, die Richard Strauss so liebte, diese Welt war nicht erst 1942 dem Untergang geweiht. Ein großer Erfolg für alle Beteiligten, die mit einhelligem Applaus bedacht wurden. Ein interessanter Abend, der lange nachwirkt.

Capriccio an der Oper Frankfurt; weitere Vorstellungen 28.1.; 1.2.; 10.2.; 18.2.2018

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

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