Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, PREMIERE Le nozze di Figaro, 01.12.2019

November 6, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

PREMIERE Le nozze di Figaro
Wolfgang Amadeus Mozart
Sonntag, 01. Dezember 2019, 18 Uhr

Weitere Vorstellungen
01. / 03. / 08. / 10. November 2019
15. / 21. / 26. März 2020
18. April 2020

Von der Normierung des Glücks
Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 Premiere im Stuttgarter Opernhaus
Roland Kluttig dirigiert; Christiane Pohle inszeniert in einem Bühnenbild von Natascha von Steiger

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 um 18 Uhr Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Christiane Pohle führt Regie und gibt damit nach mehreren Arbeiten am Schauspiel Stuttgart ihr Hausdebüt an der Staatsoper Stuttgart. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Roland Kluttig, dem künftigen Chefdirigenten der Oper Graz.

Le nozze di Figaro ist die immer gültige Erzählung vom Versuch, die Liebe und das Begehren handhabbar zu machen. Die Vermessung des ehelichen Bettes, die Hochzeitsvorbereitungen von Figaro und Susanna und ihr Wunsch, sich ein eigenes Heim für die Rahmung des partnerschaftlichen Glücks zu schaffen, stehen am Anfang von Mozarts Opera buffa und sind zugleich Ausgangspunkt des Regiekonzepts von Christiane Pohle und ihrem künstlerischen Team: „Wir gehen dem Phänomen der seriell produzierten, stereotypen Lebensentwürfe auf den Grund. Es nimmt oft schon bei der Einrichtung normierter Wohneinheiten mit austauschbarer Massenware seinen Anfang“, so Christiane Pohle. „Die Menschen stellen sich eine möglichst individuelle Einrichtung zusammen, eine mit dem ,persönlichen Zuschnitt‘, in der das Glück jetzt stattfinden soll. Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass genau dieses Bett, dieses Zimmer, schon millionenfach bewohnt wurde. Das persönliche Glück ist vorproduziert und im Interesse des Kapitalismus zu haben.“

Nahezu alle Partien sind mit Solistinnen und Solisten aus dem Stuttgarter Sängerensemble besetzt. Viele von ihnen werden in dieser Neuproduktion ihre Rollendebüts geben: Michael Nagl in der Titelparte, Esther Dierkes als Susanna und Johannes Kammler als Graf Almaviva. Erstmals zu Gast an der Staatsoper Stuttgart ist Sarah-Jane Brandon als Gräfin. Diana Haller singt Cherubino. In weiteren Rollen sind u. a. Ks. Helene Schneiderman (Marcellina) und Ks. Heinz Göhrig (Basilio) zu erleben. „Diese Produktion ist ein Bekenntnis zum Solistenensemble unseres Hauses“, so Intendant Viktor Schoner. „Wir wollen unser Stuttgarter Mozart-Ensemble kontinuierlich pflegen. Für viele unserer jungen Sängerinnen und Sänger bietet Mozarts Le nozze di Figaro ideale Voraussetzungen, sich stimmlich und szenisch weiterzuentwickeln.“

Musikalische Leitung Roland Kluttig / Markus Poschner **
Regie Christiane Pohle
Bühne Natascha von Steiger
Kostüme Sara Kittelmann
Video Anna-Sophie Lugmeier
Licht Reinhard Traub
Chor Bernhard Moncado
Dramaturgie Ingo Gerlach
Graf Almaviva Johannes Kammler / Jarrett Ott**
Gräfin Almaviva Sarah-Jane Brandon / Olga Busuioc**
Susanna Esther Dierkes / Josefin Feiler**
Figaro Michael Nagl / Andrew Bogard**
Cherubino Diana Haller / Ida Ränzlöv**
Marcellina Helene Schneiderman / Maria Theresa Ullrich**
Basilio Heinz Göhrig
Don Curzio Christopher Sokolowski*
Bartolo Friedemann Röhlig
Antonio Matthew Anchel
Barbarina Claudia Muschio*
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
** Vorstellungen März/April 2020

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Begleitveranstaltungen

Einführungsmatinee
Sonntag, 24. November 2019, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Öffentliche Probe
Samstag, 16. November 2019, 9.45 Uhr bis 11.30 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 22.03.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze

– Träume und Visionen – Wirkmächtiger als reales Handeln ? –

von Peter Schlang

Am 17. März 2019 hob sich in der Stuttgarter Staatsoper der Vorhang für die fünfte Neuproduktion der ersten Spielzeit des neuen Leitungs-Duos Viktor Schoner und Cornelius Meister. Zu sehen war – und ist in weiteren Vorstellungen noch bis 4. Mai – als Stuttgarter Erstaufführung Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg, in dessen revidierter Fassung von 1991. Gleichzeitig wurde damit das erste Frühjahrsfestival der Stuttgarter Staatsoper eröffnet, das noch bis zum 15. April 2019 dauert und unter dem Motto „wirklich wirklich“ steht. Das Haus am Eckensee widmet sich dabei den Phänomenen von Wirklichkeitskonstruktionen und Realitätsverschiebungen sowie dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Wie im Weiteren zu zeigen sein wird, war Henzes Prinz von Homburg mit seinem verschiedenen (Traum-)Welten verhafteten Protagonisten der perfekte Auftakt für diese musikalische Versuchsanordnung, die am 13. April von einem „Wirklichkeitskongress“  theoretisch unterfüttert werden wird.

Der Prinz von Homburg  –  Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Cornelius Meister und Probeneinblicke II
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Libretto zu Henzes Musik wurde 1958/59 von Ingeborg Bachmann geschrieben, die sich dazu zwar des gleichnamigen Schauspiels Heinrich von Kleists bediente, die berühmte Vorlage aber einer behutsamen bis deutlichen Bearbeitung unterzog. Diese umfasste nicht nur Kürzungen, eine Zusammenfassung von Details und die Hinzufügung weiteren, vor allem weiblichen Personals, sondern zeichnet sich auch durch die für Ingeborg Bachmann typische, sehr poetische Sprache aus. Diese bildet nicht nur eine ideale Ausgangsbasis für Henzes Musik, sondern ist dieser eine kongeniale wie hilfreiche Partnerin und Begleiterin.

Der aus Stuttgart stammende und durch mehrere Inszenierungen am hiesigen Schauspielhaus bestens eingeführte Regisseur Stephan Kimmig arbeitete mit dieser Henze-Oper erstmals für die Stuttgarter Staatsoper. Er legt von Anfang an Wert auf eine möglichst enge Heranführung des Traums an die Wirklichkeit, ja vermischt, wo es nötig und angebracht ist, sogar die beiden Sphären. Andererseits macht er aber durch zahlreiche Details und eine klare Personenzeichnung auch  deutlich, wo sich Traum und Realität ausschließen und entsprechende Handlungen ihre Grenzen haben. Dazu bedient er sich klarer, zum Teil sehr drastischer theatralischer Elemente und gibt seiner Personenführung etwas betont Statuarisches, ja manchmal zu Artifizielles, das den Betrachter immer wieder an die Personenregie in Inszenierungen Robert Wilsons denken lässt.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Katja Haß hat ihm dafür einen weißen Einheitsraum gebaut, der Anklänge an einen Laborraum aufweist, aber auch an eine in die Jahre gekommene Turnhalle erinnert und etwas Hermetisches verkörpert. Darin und an den an den Wänden angebrachten Ballett- oder Turnstangen absolvieren nicht wenige der Protagonisten ihre sie auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereitenden Fitness-Übungen. Seine Schäbigkeit – die Farbe blättert ab, Rostspuren „zieren“ die Wände – mag auf die Zustände des historischen Fürstentums Brandenburg wie auf jene aktueller Systeme und Strukturen schließen lassen, ohne klar Position für die eine oder andere Wirklichkeit zu beziehen.

Dazu passen die von Anja Rabes geschaffenen Alltagskostüme, die irgendwo zwischen früher Nachkriegszeit und zeitgeistigem Retro- wie Freizeitlook anzusiedeln sind. Sie zeugen von überraschendem Wechsel, von einer Haltung des Noch-nicht- Bereitseins und auch davon, dass ihre Träger noch ganz andere Schlachten schlagen müssen als die auf dem Feld. Darauf mag auch der übermäßig häufige Einsatz von Unterwäsche bei Obrigkeit und Soldaten hinweisen. Er ist stellenweise sinnenhaft und wohl auch ironisch gemeint, ermüdet aber im Lauf der Zeit genauso wie die immer wieder über die Wände zuckenden Lichtreflexe oder die auf den Zwischenvorhang projizierten Video-Doppelungen. (Videos: Rebecca Riedel, Lichtregie: Reinhard Traub) Beides soll wohl die Traumseite unterstreichen, doch sind die in Handlung und Musik vorhandenen Hinweise darauf so klar und deutlich, dass diese optischen Verstärker eher eine mentale Unterforderung der Zuschauer bewirken. Dies alles sind aber eher Luxus- oder Randprobleme, die Kimmigs Regie nichts von ihrer großen Dichte und dramaturgischen Stringenz rauben.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Auch musikalisch bewegt sich die Stuttgarter Erstaufführung von Henzes wichtigem Werk der klassischen Moderne auf allerhöchstem Niveau. Dafür sorgt an erster Stelle Cornelius Meister, der nach Wagners Lohengrin zum Spielzeitbeginn mit dem Prinz von Homburg seine zweite Stuttgarter Premiere dirigierte und auch schon bei mehreren Repertoirevorstellungen und Sinfoniekonzerten seine überaus großen Kompetenzen als Musikgestalter und Leiter musikalischer Kollektive unter Beweis stellte. An diesem Abend ist er auch  der komplex-polyphonen Musik Henzes mit ihren so vielschichtigen epochalen, stilistischen und musik-ästhetischen Anspielungen ein leidenschaftlicher wie verlässlicher Sachwalter und steuert das unter seiner Leitung immer souveräner und mitreißender agierende Staatsorchester so hochkonzentriert wie gefühlsbetont durch die verflixt anspruchsvolle Partitur. Henzes höchst klangsinnliche Musik hat den nötigen Raum zu wirken und aufzublühen, gerade auch an den Vor- und Zwischenspielen, die bei geschlossenem Bühnenbild wie filmische Schnitte wirken und eine ganz eigene erzählende wie kommentierende Funktion besitzen.

Bei aller Hingabe an sein Orchester mangelt es Meister nicht an jenem sorgfältigen Blick auf und für die Sängerinnen und Sänger – dazu dirigiert er aus leicht erhöhter Position – die diesen eine sichere und  rollengerechte Bewältigung ihrer ja ebenfalls  höchst diffizilen Partien ermöglichen. Und so ist das Staatsorchester bis auf ganz wenige Stellen, an denen es vielleicht ein bisschen zu engagiert und damit zu laut tönt, ein wunderbarer und verlässlicher Begleiter und Unter- und Hintergrund-Geber.

Aus der vokalen Solistenriege jemanden hervorzuheben, ist nur wegen der Größe und des Schwierigkeitsgrads der Hauptrollen gerechtfertigt. Die fünf Sängerinnen und neun Sänger bilden nämlich ein Protagonistenteam, das den Abend ohne jegliche Trübung und Einschränkung bereichert und um welches die Stuttgarter Oper von nicht wenigen Opernhäusern und deren Publikum beneidet werden dürfte. Diese Leistung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man berücksichtigt, dass die Sänger häufig musikalisch „nahezu nackt“ auftreten, also nur von wenigen Instrumenten „begleitet“ werden, die zudem wie spätestens seit Wagner üblich eine völlig andere, eigene Melodie zu spielen haben.

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Stephan Kimmig und Probeneinblicke I
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Von höchster stimmlicher wie darstellerischer Präsenz und Leidenschaft gestalten Vera-Lotte Böcker die Rolle der Prinzessin Natalie von Oranien und Robin Adams jene des Prinzen von Homburg, dabei wunderbar zwischen den verschiedenen Stimmungen wie Stimmlagen changierend und sehr glaubhaft ihren Emotionen Ausdruck verleihend. Diese inneren Zustände nach außen zu transportieren gelingt aber auch allen anderen Darstellerinnen und Darstellern, vor allem der wundervoll sich zurücknehmenden und fast devot wirkenden Helene Schneiderman als Kurfürstin. Stefan Margita singt deren Gemahl, den Kurfürsten von Brandenburg, mit tief gründendem, Respekt einflößendem und Distanz ausdrückendem Tenor, der aber auch Zerbrechlichkeit und eine gewisse Überforderung im Amt erkennen lässt.

Ein fabelhaftes Rollendebüt gelingt Moritz Kallenberg als Graf Hohenzollern, der nicht nur in der Interaktion mit seinem Freund und Vertrauten Friedrich Artur von Homburg seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Mit geschmeidiger, flexibel geführter und in allen dynamischen Abstufungen bewegend eingesetzter Stimme macht er zu jeder Zeit vergessen, dass  er erst bzw. noch Mitglied des Opernstudios der Stuttgarter Oper ist und erst zur kommenden Spielzeit in das „große“ Opernensemble übernommen wird.

Weiteren großen Anteil an der überragenden  gesanglichen Ausstrahlung dieses Opernabends haben die Sängerinnen der drei Hofdamen Catriona Smith, Anna Wehrle und Stine Marie Fischer, die aber ebenso darstellerisch Großes leisten – auch wenn sie nicht stimmlich im Einsatz sind – wie ihre Kollegen Michael Ebbecke als Feldmarschall Dörfling, Friedemann Röhlig als Obrist Kottwitz und Johannes Kammler als Wachtmeister. Gleiches gilt ohne jede Einschränkung für Mingjie Lei, Pawel Konik und Michael Nagl als die drei Offiziere.

Im Schlussbild präsentieren sich alle auf der Bühne Mitwirkenden mit einer Mischung aus Fan-Schal und Demo-Transparent, auf denen für die Gesellschaft und deren Zukunft  wichtige Werte und Einstellungen zu lesen sind. Dies mag etwas plakativ wirken, erscheint aber angesichts der populistischen, ja  rechtsextremen Tendenzen in vielen Ländern Europas als ein zulässiges, ja notwendiges Instrument, um Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit und die dortige Willensbildung zu nehmen. Und auch Träume müssen ja befeuert und  ins Bewusstsein gerufen werden….

Am Ende gab es vom ausverkauften Haus begeisterten, ja für eine zeitgenössische Oper frenetischen Beifall, der alle Beteiligten einschloss und an keiner Stelle durch eine noch so kleine Missfallenskundgebung getrübt wurde.

Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart, weitere  Vorstellungen am 20., 22. 29. März, 6. April, 4. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 10, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew

Lachen als Heilmittel – nicht nur für kranke Prinzen, sondern auch für Opernbesucher aller Altersklassen: Axel Ranisch verpixelt an der Staatsoper Stuttgart Prokofjews Die Liebe zu (den) drei Orangen zu einem veritablen und mitreißenden Computerspiel und spielt so mit dem Möglichen und dem Unmöglichen, den Grenzen und dem Grenzenlosen der Oper, des Theaters – ja des Lebens

Von Peter Schlang

Der menschliche Alltag und die daraus entstehende Lebenserfahrung lehren, dass es verschiedene Ursachen für die Freude und erst recht das daraus resultierende Lachen gibt. Die Schadenfreude wird dabei gemeinhin als die moralisch verwerflichste Form angesehen; bezüglich ihrer befreienden, positiven Wirkung auf die von ihr befallenen Menschen dürfte sie aber auf einer entsprechenden Skala wohl weit oben rangieren.

Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Dies lässt sich nicht nur im menschlichen Alltag immer wieder unter Beweis stellen, sondern seit 1921 auch in Sergej Prokofjews skurriler Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen beobachten. In ihrem, vom Komponisten nach einer Vorlage des italienischen Komödiendichters Carlo Gozzi selbst erstellten Libretto findet ein an „Lachhemmung“ und in der Folge davon auch an vielerlei psychosomatischen Störungen leidender Prinz sein Lachen nicht durch allerlei gut geplante Späße des aus Carlo Goldonis Diener zweier Herren bekannten Spaßmachers Truffaldino wieder, sondern durch ein blödes Missgeschick, bei welchem die ihm und seinem königlichen Vater feindlich gesinnte Zauberin Fata Morgana stürzt. Darüber tief erzürnt, übt die Zauberin eine für ihren Berufsstand typische Form der Rache und „verurteilt“ den Prinzen dazu, sich in drei Orangen zu verlieben, was dem an seinen Vater gefesselten Sohn in Wahrheit aber dazu verhilft, sich von diesem zu befreien und (zu) sich selbst zu finden.

Nach allerlei Erschwernissen und Abenteuern, die nicht nur in der Natur der Sache liegen, sondern durch Fata Morgana verursacht und verschärft und durch deren Gegenspieler, den dem König und dem Prinzen nahestehenden Zauberer Celio, wiederum abgeschwächt werden, kann es endlich zur Hochzeit des glücklichen Prinzen mit Ninetta kommen. Diese war wie zwei andere Damen je einer der drei Orangen entschlüpft, blieb aber im Gegensatz zu ihren beiden Kolleginnen am Leben.

Unterlegt werden diese zwei Handlungsebenen – die Liebes- und Emanzipations-geschichte des ursprünglich depressiven Prinzen wird ja stark durch die genannten beiden Magier gesteuert – durch eine dritte, nämlich den Streit der Anhänger verschiedener Literaturformen. Sie befeuern die eh schon skurrile, verwirrende Handlung durch wahre Salven an literatur-, und insgesamt kunstkritischen Sottisen, welche den seinerzeitigen Richtungsstreit der italienischen Komödienfürsten Carlo Gozzi und Carlo Goldoni – beide hatten ihre große Zeit in den 60er Jahren des18. Jahrhunderts – und ihre sich dahinter verbergende Vorliebe für bestimmte literarische Formen und Mittel aufs Korn nehmen.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Die sich daraus ergebende und in der modernen Textfassung Werner Hintzes (Auf ihn bzw. sie geht auch der neue, leicht verkürzte Titel Die Liebe zu drei Orangen zurück.) noch zugespitzte, rasant-verwirrende Tragikomödie, die sich ohne Abstriche zu einem Musterbeispiel für das Spiel auf dem und mit dem Theater entpuppt, erlebte am 2. Dezember, also rechtzeitig zum Beginn der Adventszeit, in der Stuttgarter Staatsoper als dritte Neu-Inszenierung in der noch jungen Intendanz Viktor Schoners ihre Premiere.

Und Viktor Schoner und sein Dramaturgie-Team waren weitsichtig und mutig genug, zur opernreifen Umsetzung dieses alle Grenzen der Oper überschreitenden, phantasieschwangeren Stoffes ein ebenso mutiges, wildes, ja geradezu verrücktes Quintett zu engagieren. An dessen Spitze sorgt der junge, durch allerlei außergewöhnliche Arbeiten für Film und Fernsehen bestens für diese Aufgabe empfohlene Berliner Regisseur Axel Ranisch für eine wahre Flut an Bildern, Gags und Einfällen. Deren verrücktester, gleichzeitig aber auch genialster war sicher die Idee, die Oper im Jahr 2018 als Computerspiel der frühen neunziger Jahre, es trägt den reißerischen Titel „Orange Desert III“, auf die Bühne und auch an deren als riesige Projektionsfläche dienende Rückwand zu bringen. Dafür ist der Computer-Experte Till Nowak der geeignete Partner, denn ihm gelingt es nicht nur, die immerhin zweistündige Opernhandlung komplett computergerecht und widerspruchsfrei zu visualisieren und ohne jeden Bruch in die Form einer (ehemals) zeitgenössischen Computeradaption zu bringen, sondern dabei auch die erwähnten drei Handlungsebenen wie mit Geisterhand miteinander zu verweben. So durchkreuzen und vermischen sich Sphären des Phantastischen und des Realen, des Theaters und der alltäglichen Welt in einem Fort und sorgen für eine regelrechte Orgie an Aktionen und Reaktionen, welche die Möglichkeiten des Theaters und des Spiels an sich bis zum Letzten ausreizt, gleichzeitig aber auch alle Grenzen verwischt und die Sinne herrlich verwirrt.

Axel Ranisch nutzt diese Konfusionen und die weiteren, sich daraus ergebenen Möglichkeiten – oder befeuert er sie umgekehrt durch seine Ideen noch? – für seine Lust am Erzählen, am Spiel mit Überraschungen und an der Betonung des Märchenhaft-Illusionären und entzündet einen regelrechten Vulkan an grotesken Szenen, Komik und Illusionen, wie man ihn in dieser Dichte und Form auf der Bühne äußerst selten zu sehen bekommt. Denn um so etwas erleben zu können, muss man normalerweise ins (sehr gute) Kino gehen – oder eben am Computer spielen!

Wunderbare, kongeniale Erfüllungsgehilfinnen bei der Erschaffung seiner Phantasiewelt findet Axel Ranisch in seiner Bühnenbildnerin Saskia Wunsch, die nicht nur ein Bühnenbild aus drei Ebenen schafft, die sich ähnlich der Handlung ständig verschieben und vermischen, sondern dabei auch die Grenzen zwischen dem Bildschirm-Hintergrund und der Bühne verwischt, indem sie dieser und den darauf zu sehenden Aufbauten das gleiche verpixelte Ansehen verpasst wie dem auf dem übergroßen Computerbildschirm zu verfolgendem Geschehen und dessen dabei zu sehenden Figuren.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Eine ähnlich phantastische Anmutung geben Bettina Werner und Claudia Irro ihren phantasievollen, unsagbar bunten und auf ganz verschiedene Kunstepochen und
-richtungen anspielenden Kostümen, mit denen sie nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch den Chor der Staatsoper Stuttgart zu charaktervollen wie schrägen Mitspielern des auf der Bühne sich entfaltenden Panoptikums machen.

Auch musikalisch bewegt sich diese Stuttgarter Produktion auf allerhöchstem Niveau, auch wenn die Musik gegen Ende der Aufführung, wenn die dramatischen, technischen und schauspielerischen Effekte kulminieren, etwas unter die Räder zu geraten droht und nicht mehr mit dem Feuerwerk an Farben, Tricks, Gags und dem dadurch entstehenden Lärm mithalten kann. Das tut aber weder dem Gesamteindruck der Aufführung noch der musikalischen Leistung der einzelnen Sängerinnen und Sänger oder der beiden großen Kollektive des Abends einen Abbruch.

Von Letztgenannten liefert das unter der besonnenen wie wagemutigen Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez stehende Staatsorchester die sichere Grundlage für eine absolut geschlossene musikalische Darbietung. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musiker arbeiten dabei die zahlreichen, in der Partitur Prokofjews verborgenen komischen Elemente genauso wirkungsvoll heraus wie die vielen musikalischen Anspielungen auf Komponisten und Stile unterschiedlichster Epochen. Dabei reizt Pérez die Skala an Klangfarben und Dynamik gekonnt und mit größtmöglichem Bezug zur Bühne aus, was die Sängerinnen und Sänger, auch dank der einfühlsamen Choreografie Katharina Erlenmaiers, wunderbar ausnutzen und die von ihnen geforderten ausgeprägten Bewegungen gekonnt auf die aus dem Graben kommende Musik abstimmen, ja geradezu aus ihr heraus entwickeln.

Dies gilt nicht nur für den wie immer famosen Staatsopernchor, innerhalb dessen dem an diesem Abend am vorderen rechten Bühnenrand agierenden Männerchor der Sonderlinge, eine Mischung aus Kunstrichtern und Regie-Assistenten, der größte Anteil an Handlung wie an stimmlicher Anforderung zukommt.

Libretto und Partitur dieser sich für alle Gruppen von Zuschauern und Zuhörern bestens eignenden Oper wollen es, dass neben dem Chor auf der Bühne ein zweites Gesangskollektiv zu erleben ist, das der Solistinnen und Solisten, die allesamt an diesem Abend ihr jeweiliges Rollendebüt feiern. Sie bilden, bis auf eine Gast-Ausnahme fest zum teilweise neu formierten Haus-Ensemble gehörend, bei dieser Premiere ein Protagonisten-Ensemble der absoluten Sonderklasse.

So überzeugt Goran Juric als König mit seinem geschmeidigen, profunden Bass und seiner stimmlichen wie darstellerischen Präsenz genauso wie der alle Gefühlsschwankungen von niedergeschlagen bis manisch gekonnt ausreizende Elmar Gilbertsson als sein Sohn, also der die Handlung verursachende Prinz. Dass beide Sänger durch die neue Intendanz an das Haus am Eckensee gekommen sind, darf als ähnlicher Glücksfall bezeichnet werden wie das Engagement der an vielen Opernhäuser der Welt auftretenden Mezzosopranistin Carole Wilson als Fata Morgana. Sie gibt dieser Rolle der Zauberin genau die Mischung aus Verschlagenheit, Dämonie und Verführungskraft, die man von einer solchen Figur gemeinhin erwarten darf und überzeugt mit ihrer großen stimmlicher Verwandlungsfähigkeit genauso wie durch ihre darstellerische Wucht.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Als ihr Gegenüber Celio besticht der in seinem Äußeren an einen Star-Wars-Krieger erinnernde Michael Ebbecke mit baritonalem Glanz und einem für einen Zauberer fast zu würdigen Auftreten, während der famose, sich von Rolle zu Rolle zu einem Charakterdarsteller höchster Güte entwickelnde Daniel Kluge (ein ehemaliger Aurelius Sängerknabe aus Calw) als Prinzenkumpel Truffaldino ohne Abstriche zu begeistern vermag.

Die weiteren Sängerinnen Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Aytaj Shikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als Smeraldina resp. Nicoletta, Esther Dierkes als Ninetta und Sänger Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Johannes Kammler als Pantalone, Matthew Anchel als Farfarello und Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und das Kinderchor-Mitglied Ben Knotz als Serjoscha nur zu erwähnen, heißt nicht, ihre Leistung und ihren Beitrag zu diesem Opernerlebnis der Extraklasse kleinzureden.

Und so zollte das begeisterte Premierenpublikum auch ihnen wie allen ausführlicher gewürdigten Mitwirkenden begeisterten Beifall, ja, das ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus erlebte einen Jubelsturm, wie man ihn auch beim so begeisterungs-fähigen Stuttgarter Publikum äußerst selten erlebt.

Und wenn man seinen Blick kurz von den auf der Bühne feiernden und gefeierten Künstlerinnen und Künstlern abwandte und zur Intendanten-Loge im ersten Rang schweifen ließ, konnte man dort einen zufrieden lächelnden Victor Schoner sehen, der mit dieser Produktion einen weiteren herausragenden Erfolg seiner noch jungen Intendanz verbuchen darf.

Die Liebe zu den drei Orangen an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 14., 17. und 19. Dezember 2018, 04. und 11. Januar sowie am 09., 14. und 22. April 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—