Rostock, Volkstheater Rostock, Tristan XS – mit Live Video, IOCO Kritik, 25.09.2019

September 25, 2019 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

TRISTAN XS –  konzertante Szenen aus Tristan und Isolde

Spielzeiteröffnung mit TRISTAN XS und Live Video Performance

von Thomas Kunzmann

Am 8. September 2019 eröffnete das Volkstheater Rostock die Saison 2019/20 mit einem Theaterfest zwischen Doberaner Straße und Patriotischem Weg. Es gibt Einblicke in die Kostümschneiderei, der Opernchor tritt auf, für Kinder eine Bastelstraße und die Malerwerkstatt, neue Ensemble-Mitglieder werden vorgestellt und natürlich gibt’s Würstchen vom Grill. Auch das Wetter spielt mit. Und so schaut man allseits in gut gelaunte Gesichter. Die Saison geht sich gut an.

Ralph Reichel, Nachfolger des scheidenden Intendanten Joachim Kümmritz, kann optimistisch in die Zukunft sehen: der neue Bürgermeister der Hansestadt, Claus Ruhe Madsen, hatte zumindest im Wahlkampf verkündet, dass er die Norddeutsche Philharmonie zukünftig mit 99 Musikern sieht. Und auch nach Amtsantritt verkündete er, dass am Theaterneubau nicht gerüttelt werden soll. Am 16.09. sollen drei Modelle des zukünftigen Hauses im Rathaus aus- und zur Diskussion gestellt werden. Dennoch ist bis zur Eröffnung, die aktuell mit 2026 angesetzt wird, noch ein weiter Weg. Das Programm im Volkstheater jedenfalls, so Reichel, soll mutiger werden.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Die Saison-Eröffnung fällt zusammen mit dem „Tag des offenen Denkmals“, auch die Werfthalle 207, die erst einmal für fünf Jahre zur Sommerbespielung für das Volkstheater Rostock angemietet wurde, nimmt an dem Event mit einer Führung teil, die der Technische Leiter und der Musiktheaterdramaturg kenntnisreich und unterhaltsam gestalten. Das online gestellte Programm zu diesem Tag liefert allerdings nicht einmal den Hinweis darauf, was für einen ausgefallenen musikalischen Leckerbissen kaum zwei Stunden später Kulturinteressierte erwarten würde. Dennoch können aus den Besuchern noch einige Abend-Gäste geworben werden. Die Vorstellung ist insgesamt gut besucht, wenn auch nicht komplett ausverkauft.

Tristan XS  – Richard Wagner in 90 Minuten

TRISTAN XS zur Spielzeiteröffnung 2019/20 war ein Wagnis. Mehr als 10 Jahre ist es her, dass in Rostock ein szenischer Wagner lief. Damals war es der Holländer, etwa zeitgleich mit dem Freischütz. Letzterer kam bereits 18/19 wieder auf den Spielplan. Wagner jedoch bleibt rar. Zwar gab es den Tristan konzertant, aufgeteilt auf mehrere Philharmonische Konzerte noch unter Peter Leonard (Intendant in Rostock bis 2014) und auch das Tristan-Vorspiel fand einmal Einzug in der Reihe „Classic light“, dennoch ist Bosch als Conductor in Residence, der auch maßgeblich für das Programm verantwortlich zeichnet und ein erfahrener Wagner-Dirigent ist, nicht nur in dieser Hinsicht ein Glücksfall für Rostock.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Tenor Hans-Georg Wimmer, der das Projekt Tristan XS gemeinsam mit Armin Terzer konzipiert und realisiert hat, übernimmt die Partie des Tristan. Als ausgebildeter Bass-Bariton und Experte für alte Musik wechselte Wimmer vor drei Jahren in das Heldentenor-Fach und übernahm bereits die vollständige Titelpartie in Triest und am Landestheater Niederbayern. Aktuell ist er als Loge in der Ring-Adaption in Aachen zu sehen. Dennoch ist er unter den Wagnerianern eher ein Unbekannter. Anders Isolde: Manuela Uhl ist seit vielen Jahren Weltstar. Senta, Elisabeth, Sieglinde, Elsa, Venus, Irene, aber auch Salome, Feldmarschallin, Chrysothemis führten sie an die bedeutendsten Opernhäuser weltweit. Nun endlich Isolde. Auch in Rostock ist sie schon einige Male aufgetreten. Da war die legendäre Benefiz-Gala mit Klaus Florian Vogt und Roman Brogli-Sacher in der Moderation von Hans-Jürgen Mende mitten im Kampf um den Erhalt der vier Sparten oder die IX. von Beethoven.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Am Volkstheater wird also nun Richard Wagners Oper Tristan und Isolde auf die Soli und Duette der beiden Protagonisten eingedampft und mit einer Live-Video-Performance des australischen Videokünstlers Stephen Hamacek begleitet.

Marcus Bosch eröffnet den Abend mit einer kleinen Inhaltsangabe.  Äußerst getragen, dennoch frei von allzu romantischem Schmelz, setzt die Norddeutsche Philharmonie das Vorspiel an, bis nach wenigen Takten bereits das zweite Handy im Publikum dermaßen stört, sodass Bosch unterbrechen muss. Wer auch immer über die enervierenden Hinweise aller Theater lächelt – hier fehlte die Aufforderung zum Abschalten, und schon passiert es.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, beginnt das Vorspiel erneut und nun kommt die Akustik der alten Halle hervorragend zum Tragen. Das Orchester auf der Bühne und die schuhkartonartige, geradlinige Konstruktion ist eine Kombination, die bereits in den Philharmonischen Konzerten positiv auffiel. Wenn die Motive durch die Instrumente wandern, folgen die Augen unwillkürlich dem Klang. Die Farben bleiben zart und durchsichtig, ohne Kraft und Spannung vermissen zu lassen. Ein Erlebnis, das oftmals ein Orchestergraben verhindert.

Der Verzicht auf Steuermann, Brangäne und Kurwenal führt nach der Ouvertüre direkt zur Liebestrankszene. Der Übergang ist ungewohnt, hinterlässt aber zu keinem störenden musikalischen Bruch. Manuela Uhl intoniert sauber, genießt regelrecht das Hinaufschwingen in die Höhen, zischt und spielt ihre Wut und Verletztheit glaubwürdig, wenn sie Genugtuung für Morolds Tod fordert. Tristan nimmt die Herausforderung an und überzeugt bereits mit den ersten Noten. Der dunkle Tenor strotzt regelrecht vor kraftvoller Entschlossenheit, setzt sich sicher auf den Klang des Orchesters und glänzt mit ausgezeichneter Textverständlichkeit. Unwillkürlich denkt man an Andreas Schagers unbändige Kraft. Die bis zu diesem Moment spürbare Anspannung weicht dem Zurücklehnen und purem Genuss. Der Konflikt der Beiden mündet im Trinken des vermeintlichen Todestranks, den Brangäne allerdings ausgetauscht hat. Und tatsächlich greifen die Sänger nach einem Glas unter dem Notenpult. Im Orchester beginnen zarte Harmonien zu leuchten und die Szene wechselt in gefühlvoller Überblendung direkt hinein in den zweiten Akt der Oper, das Liebesduett „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“. Naturgemäß fehlt die Zuspitzung des Konflikts durch das Auftreten Markes und Melots oder auch Brangänes Sorge, dennoch funktioniert die Abfolge. Wimmer legt eine Schaufel Gefühl auf, könnte allerdings in der Szene etwas lyrischer sein. Da letztlich nur wenige Sequenzen aus der Oper nur mit den beiden Titelfiguren möglich sind, hätte man eventuell auf den Tag/Nacht-Strich verzichten können. Vermisst hat hier aber wahrscheinlich niemand etwas. In der Musik deutet sich mit den entfernten Hörnern noch das Auftreten Markes an, die Spannung steigt. Pause.

Die war ursprünglich nicht geplant, ca. 90 Minuten veranschlagte man, dennoch kommt sie dem Bruch zum dritten Aufzug sehr entgegen. Wieder gibt Marcus Bosch einen Überblick über die Entwicklung der Handlung, bevor die Musik einsetzt.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Wie aus dem Nichts erklingt das Englischhorn aus der Höhe der letzten Zuschauerreihe in einer blitzsauberen Zartheit, die die gesamte Tragik der Tristan-Figur an einem einzigen Instrument kondensieren lässt. Luis Blanco Ferrer-Vidal als Gast, ersetzte den erkrankten Solo-Oboisten und gerät zur weiteren Überraschung des Abends. Wimmer gibt dem Tristan die notwendige Verzweiflung und Todessehnsucht bis zur letzten Sekunde. Isoldes Auftritt jedoch gerät zur Sternstunde des Abends. Auch in der Kurzfassung wird überdeutlich, wie die ganze Oper – von der Vorgeschichte, über die möglichen Tode Tristans während des ersten und zweiten Aufzugs – sowohl szenisch als auch musikalisch konsequent auf diesen Moment hinarbeitet. In der ihr eigenen Zartheit und ätherischen Weltfremdheit brilliert Manuela Uhl mit der traumhaft verklärten Schlussarie „Mild und leise, wie er lächelt“, während Tristan – sei es ob des nun erkennbaren gelungenen Experiments, sei es als Spiegel des Textes, versunken zwischen den Notenpulten glücklich strahlt.

Ach ja, eine Live-Video-Performance fand auch statt. Die wenigen, mitunter kaum spürbar bewegten Bilder, die hin und wieder ineinanderflossen, untermalten musikalische Stimmungen, nahmen Irlands Grün und das Blau des Meeres auf. Kann man machen, ohne sie hätte allerdings auch nichts gefehlt. Der Systemabsturz und Neustart hingegen wirkten denn doch etwas störend.

Marcus Bosch lotet, soweit die gekürzte Fassung dazu Raum bietet, die klanglichen Möglichkeiten der Halle vom leisesten Flirren bis zur höchsten Expressivität aus. Auch wenn das Orchester für diesen Abend nur drei Proben hatte, so entfaltet es doch die volle Vielfalt der Partitur und bringt das Publikum einmal mehr auf den Geschmack. Der lang anhaltende Applaus inklusive stehender Ovationen beweist: Das Publikum wünscht, dass Wagner doch bald in voller Länge an das Volkstheater zurückkehrt.

Apropos Neubau des Volkstheater. Am 16. September 2019 wurden die Siegerentwürfe für den Neubau des Volkstheaters präsentiert. Den europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb konnte das Berliner Büro Hascher Jehle Assoziierte für sich entscheiden. Der moderne Bau, der sich im Gegensatz zu den Folgeplatzierten in harmonisch fließenden Formen der Umgebung anpasst, soll nach aktueller Planung 2026 fertig gestellt werden und ca. 110 Mio. Euro kosten, wovon das Land 51 Mio. zugesagt hat.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Neustrelitz, Theater Neubrandenburg, Don Pasquale von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 29.01.2018

Januar 30, 2018 by  
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Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

Theater und Orchester Neubrandenburg/Neustrelitz

Don Pasquale – In der Villa Verdi

Schöne Liebeserklärung an das Theater

von Thomas Kunzmann

Fährt man im Winter lediglich zu einer Vorstellung nach Neustrelitz ins Theater Neubrandenburg, sieht man nicht viel von der Schönheit der mecklenburgischen Seenplatte. Nichts als Dunkelheit zwischen der Abfahrt von der A19 und der dann noch immer 50km entfernten Kleinstadt. Ein Navi sei dringend angeraten. Hat man jedoch die letzte Biegung genommen, befindet man sich – ohne richtig durch ein Zentrum gekommen zu sein – unmittelbar vor dem hell angestrahlten Gebäude. Bereits seit 1775 besteht hier eine Spielstätte. Erst Mecklenburg-Strelitzsches Hoftheater, nach einem Brand im Jahre 1945 dann als Friedrich-Wolf-Theater 1954 wiedereröffnet, seit 1991 Landestheater.

Der Bau für 399 Gäste beeindruckt durch seine effiziente Platznutzung. Das Foyer ist so klein, dass man unweigerlich einen Schritt weiter geht und direkt an den Garderoben steht. Je rechts und links eine Treppe nach unten, wo sich eine gemütliche Bar befindet. Dieser gegenüber ist ein kleines Restaurant, bereits unter dem Zuschauersaal. Im Obergeschoss ein Spiegel-Foyer mit einigen Stühlen und Klavier auf einer kleinen Bühne für Werkeinführungen und Vorträge. Eine Hinterbühne fehlt komplett. Seitlich der Bühne befinden sich die Werkstätten. Wie nahezu alle Theater des einwohnerarmen Bundeslandes kämpft auch Neustrelitz um den Erhalt seiner Selbstständigkeit, gegen die Fusionsvorgaben der Landesregierung. Das Ensemble ist, eine Folge der Sparmaßnahmen, klein, der Chor besteht nur noch aus je 8 Sängerinnen und Sängern. Aufwändigere Werke lassen sich jedoch mit Extrachor und Gastsängern inszenieren.

Landestheater Neustrelitz / Don Pasquale - hier Ensemble © Jörg Metzner

Landestheater Neustrelitz / Don Pasquale – hier Ensemble © Jörg Metzner

Außerordentliche Erwähnung verdient das sehr aufschlussreiche, mit ausführlichen Berichten und originellen Bildern angereicherte Programmheft, das perfekt auf die Inszenierung einstimmt.

Wenn aber Intendant Joachim Kümmritz vor der Vorstellung auf die Bühne tritt, verheißt das nie Gutes: Sowohl Norina als auch Ernesto seien deutlich angeschlagen, möchten dennoch singen, bittet er bereits im Vorfeld um Verständnis. Das Publikum dankt es mit Beifall.

Mühsam nur, wie ein Rollstuhl, den man bergauf zwingen will, öffnet sich der Vorhang. Zu den federnden Takten der Ouvertüre deutet „Norina“ Laura Scherwitzl frühere Revue-Künste an und ermuntert damit die gebrechlichen Herren einzusteigen. Regisseurin Magdalena Fuchsberger verlegt die Handlung in die Villa Verdi, eine von dem Italienischen Komponisten gestiftete und immer noch existierende Altersresidenz für ehemalige Künstler in Mailand.

Die alte Standuhr im Seniorenheim steht dort auf fünf vor zwölf. Die besten Jahre sind vorbei. Von einstiger Bedeutung zeugen lediglich die Trophäen und Bilder, unerreichbar weit oben auf einem Regal. Im Raum: Betten und eine Sitzecke. Selbst die Pflegekräfte haben mittlerweile mehr Glamour. Und schon wieder werden zwei Bewohner abgeholt – vom Bestattungsunternehmen. Ach, könnte man nur die Zeit zurückdrehen! Noch einmal auf der Bühne stehen! Noch einmal Singen und Tanzen! Noch einmal das Blut in Wallung bringen!

Landestheater Neustrelitz / Don Paquale - hier Ensemble © Jörg Metzner

Landestheater Neustrelitz / Don Paquale – hier Ensemble © Jörg Metzner

Ja, warum eigentlich nicht? Die alten Textbücher sind noch da und die Rollen nicht vergessen. So machen sich denn die wenigen Pensionäre um Don Pasquale daran, die ihnen verbleibende Zeit in neue Kreativität zu ve rwandeln und drehen die Uhr zurück. Vielleicht nicht auf Anfang, aber dennoch weit genug, um noch einmal der Tristesse des Alters zu entfliehen. Norina darf wieder verführen, galant balzt Don Paquale und der nahezu erblindete Ernesto eifersüchtelt pflichtgetreu. Dass noch Saft in der Riege steckt, beweisen besonders Ryszard Kalus als Don Pasquale mit profundem Bass und Robert Merwald als Malatesta. Der lyrische Tenor James Elliott als Ernesto lässt deutlich erkennen, zu welch schöner Klangfarbe er in der Lage ist, wenn er nicht gesundheitsbedingt etwas auf die Bremse treten müsste. Auch Norina nimmt sich, wenngleich nur stimmlich, deutlich zurück. Obwohl die Textverständlichkeit insgesamt passabel ist, würden Übertitel nicht schaden. Im Orchester unter dem 1. Kapellmeister Panagiotis Papadopoulos vermisst man, besonders im Zusammenspiel mit Ernesto, vereinzelt den zarten Schmelz, allerdings leben die Musiker förmlich auf, wenn Norina zur Furie wird und Don Pasquale theatralisch einheizt. Insgesamt eine solide Ensemble-Leistung.

Der lang anhaltende Schlussapplaus bestätigte: ein sehr schlüssiges Konzept, das die Künstler liebevoll portraitiert und nie der Lächerlichkeit preisgibt, eine Hommage an die fast vergessenen Sänger, ein Hoch auf die Torheiten des Alters und in jedem Fall eine schöne Liebeserklärung an das Theater.

Don Paquale am Theater Neustrelitz; weitere Vorstellungen 3.2.2018; 4.3.2018; 16.3.2018; 29.3.2018

—| IOCO Kritik Theater und Orchester Neubrandenburg / Neustrelitz |—

 

Rostock, Volkstheater Rostock, Uraufführung – La Signora Doria – Eine Kriminaloper, IOCO Kritik, 26.6.2017

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - James J. Kee als Giacomo Puccini , Jamila Raimbekova als Signora Doria © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – James J. Kee als Giacomo Puccini , Jamila Raimbekova als Signora Doria © Thomas Häntzschel

Uraufführung La Signora Doria – Kriminaloper

 Nach dem Roman „Der Fall Doria“ von Sophia Mott

La Signora Doria am Volkstheater Rostock;  weitere Vorstellungen: 30.6.2017, 7.7.2017, 9.7.2017, 14.7.2017, 16.7.2017, 20.7.2017, 22.7.2017 (IOCO Hinweis:: Die Produktion ist sehr gut besucht. Karten rechtzeitig reservieren!)

Von Thomas Kunzmann

Mecklenburg-Vorpommern  wartet seine vielen Besucher mit vielfältiger Event-Kultur aber leider auch desolaten Theatern auf. Doch während Störtebeker in Ralswiek, Tony und Maria in Schwerin oder Die Piraten in Grevesmühlen den unberechenbaren Wetterkapriolen ausgeliefert sind, Prebberede sich vom Regensommer 2011 nie erholt hat, soll es die Rostocker Theaterbesucher und ihre Gäste im Sommer in eine alte Schiffsbauhalle auf der ehemaligen Neptunwerft, die Halle 207, ziehen.

Eine gute Idee, möchte man meinen, ist doch die Akustik der Halle 207 bekanntermaßen deutlich besser als in dem seit Jahrzehnten bewirtschafteten Provisorium Volkstheater. Und die neue Intendanz unter Joachim Kümmritz macht einige Nägel mit Köpfen. Auf fünf Jahre ist die Halle für die Sommerbespielung unter Vertrag. Sogar die Schiffe der Blauen Flotte legen für einige Veranstaltungen an, um den Gästen aus Warnemünde die Zufahrt zu erleichtern. Mit Sonderförderungen konnte geeignete Technik installiert werden, die ansonsten auch für das Stammhaus genutzt werden kann. Platz ist für bis zu 720 Gäste und statt einer einzigen Inszenierung gibt es fünf verschiedene. Denn neben dem Eröffnungsprogramm La Signora Doria wird es Moby Dick als Kinderstück gegeben, ROCK’N’ROSTOCK als Tanztheater, das 10. Philharmonische Konzert wird in die Halle verlegt. Ein Belcanto-Abend unter der Moderation von NDR-Kultur-Journalist Hans-Jürgen Mende steht auf dem Plan.

Zufall oder Absicht – auf den Tag genau vor 2 Jahren war es Mende, der gemeinsam mit den Weltstars Manuela Uhl, Klaus Florian Vogt und Roman Brogli-Sacher im Volkstheater das Programm „Wagner mit Wut“ organisierte, um auf die prekäre Lage des Volkstheaters in der einst „Bayreuth des Nordens“ genannten Stadt hinzuweisen. Alles andere als förderlich war lange Zeit Oberbürgermeister Roland Methling und man schickte damals in der Pause reichlich dreihundert Luftballons mit guten Wünschen in den Himmel. Der günstig stehende leichte Wind trug sie tatsächlich Richtung Rathaus. Und nun, zwei Jahre und ein Intendant später, wird die Werfthalle 207 wieder genutzt, wie letztmals unter Peter Leonard im Juli 2014. Die Halle gehört einem Verein, dessen Vorsitz der Oberbürgermeister innehat. Aber niemand macht einen Skandal daraus.

Ein richtig großer Skandal war hingegen im Jahre 1909 der Tod des Dienstmädchens Doria im Hause des berühmten Komponisten Giacomo Puccini. Dem Maestro wurde eine Liebesbeziehung zu ihr nachgesagt, die eifersüchtige Ehefrau machte der jungen Signora das Leben zur Hölle, worauf Doria sich das Leben nahm. In der Rostocker Kriminaloper entdecken die den Tod der Signora Doria ermittelnden Kommissare Sigrid Hansen (Renate Krößner) und Oskar Kowalewski (Paul Lücke) einige Ungereimtheiten. Sigrid Hansen verdingt sich kurzerhand (wie herrlich ist doch Theaterfantasie) in Puccinis Diensten und geht dem alten Fall nach. Sie erlebt, wie Puccini aus den Geschehnissen in seinem Umfeld die Inspiration für seine Opern zieht. Ganz beiläufig erhält man Einblicke in das ausschweifende Leben eines der  erfolgreichsten Komponisten der Operngeschichte.

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - James J. Kee als Puccini © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – James J. Kee als Puccini © Thomas Häntzschel

Rainer Holzapfel, der mit Killing Orpheus bereits im letzten Jahr einen Opern-Thriller in Neustrelitz etablierte, nimmt sich in Rostock nun des Buches Der Fall Doria an und verdichtet Krimi, Arien und Beziehungsdramen zu einer eigenen Geschichte. Das schlichte Bühnenbild von Olaf Grambow, das sich in vier Stunden auf eine der anderen Vorstellungen umbauen lässt, besteht aus einigen schrägen Auf- und Abgängen, Stegen und passt sich bestens in die Architektur des Gebäudes ein. Mit einem alten Klavier für den Meister, Stühlen und zwei Schreibtischen für die Kommissare ist die Ausstattung komplett. Im Hintergrund, gut hör- und sichtbar, das Orchester.

Dauergast und nun festes Ensemblemitglied James J. Kee gibt den mal selbstbewussten, mal charmanten, mal melancholischen Hausherren Giacomo Puccini. Der mitunter allzu kräftige Tenor bringt den Opernsängern La Boheme bei. Ob Ironie oder nicht – er selbst war 2012 noch Marcello im Theaterzelt. Jamila Raimbekova, damals Mimi, heute Doria/Butterfly besticht mit zartem Sopran. Einen stählernen Bariton bewies Grzegorz Sobczak bereits als Titelfigur in Zar und Zimmermann und bestätigt hier stimmlich wie mit seiner Bühnenpräsenz nochmals seine Qualitäten, auch er ein Neuzugang im festen Ensemble.

Ob Opernkenner oder neugieriger Gast des Abends – unvergessen wird allen jedoch die „Rodolfo-Arie“ des Newcomers Chulhyun Kim bleiben, von dem man sich sehnlich ein abendfüllendes Programm wünscht.

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - Anna-Maria Kalesidis als Puccinis Ehefrau und Jamila Raimbekova als Dienstmaedchen Doria  © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – Anna-Maria Kalesidis als Puccinis Ehefrau und Jamila Raimbekova als Dienstmaedchen Doria  © Thomas Häntzschel

Der Klang der Norddeutschen Philharmonie unter Manfred Hermann Lehner kommt erwartungsgemäß farbenreich und detailgetreu zur Geltung. Schwelgerisch nimmt das Orchester die Sänger ebenso wie das Publikum mit. Auch Kommissarin Hansen kann sich der ergreifenden Magie der Musik nicht entziehen; Träume verweben sich mit der Wirklichkeit. Die Sogwirkung von Puccinis Musik setzt bereits nach wenigen Takten ein und hält lang an, damals ebenso wie heute. So ist der Besuch dieser Rostocker Uraufführung kein Experiment: Die wunderbare Musik wirkt nur für sich, auf Jeden.  Nur Hingehen muss man!

Das taten, unter anderem vom maritimen Flair der Werfthalle 207 angezogen, ca. 80 neugierige Mitarbeiter der Kreuzfahrtreederei AIDA und brachten zur Unterstützung des Theaters einen großzügigen Scheck mit, überreicht an den Intendanten durch Pressesprecher des Unternehmens Hansjörg Kunze. Und auch Weiterführung der Reihe „AIDA-Konzerte für Teens“ wurde an diesem Abend besiegelt.

Historie trifft auf moderate Moderne: neues Leben in der alten Halle, Puccinis Hits verschmelzen mit zeitgemäßer Kriminologie und Rostocks traditionsreiches Volkstheater setzt weiter auf leicht Verdauliches für Stadt und Besucher.

La Signora Doria am Volkstheater Rostock;  weitere Vorstellungen: 30.6.2017, 7.7.2017, 9.7.2017, 14.7.2017, 16.7.2017, 20.7.2017, 22.7.2017

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Rostock, Volkstheater Rostock, Neues Management – Unklare Ziele, IOCO Aktuell, 26.9.2016

September 28, 2016 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Neues Management – Die Ziele bleiben im Dunkeln

 Volkstheater Rostock in der Krise

Richtungskämpfe um die Gestaltung der Theaterlandschaft besitzen in Mecklenburg-Vorpommern den Hauch grimmiger Tradition. Wer fusioniert mit wem? Theater Neustrelitz mit Schwerin? Mit Theater Stralsund? Oder doch Rostock? Vielleicht mit Greifswald? Kulturminister Mathias Brodkorb drohte so der Stadt Rostock mit der Kürzung von Landesmitteln, falls Rostock nicht mit Schwerin kooperiere.

Volkstheater Rostock / Übergangsintendant Joachim Kümmritz © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / Übergangsintendant Joachim Kümmritz © Dorit Gätjen

Doch auch innerhalb von Rostock blühen teure Richtungskämpfe um die richtige Kunst: Im Sommer 2014 wurde Sewan Latchinian, aus dem Sprechtheater kommend, als Intendant für das dortige Volkstheater verpflichtet. 2015 wurde Latchinian fristlos entlassen, kurz darauf wieder eingestellt. Seiner Vita gemäß beharrte Latchinian unwidersprochen darauf, ein teures Vier-Sparten-Haus mit Sprechtheater zu führen. Die seit langem schwelende Krise der Sprechtheater, Besucherzahlen gehen dort überregional deutlich zurück, blieben Latchinian wie wohl auch der Bürgerschaft Rostock verborgen oder unbeachtet.

Finanznot, Kürzungen im Etat trieben Sprechapostel Latchinian nicht zur Kooperation sondern zu dubiosen Vergleichen mit der Terrororganisation Islamischer Staat. So nutzte Bürgermeister Methling einen Antrag der Fraktion Rostocker Bund / Graue / Aufbruch 09, im Juni 2016 Latchinian erneut fristlos zu entlassen. Kündigungsgründe waren unter anderem die Verletzung von Verschwiegenheitspflichten, unzureichende Planung des Spielplanes 2016/17, Widerstand gegen beschlossene Umstrukturierungs-maßnahmen. Gregor Gysi wird Latchinian in seiner Kündigungschutzklage vertreten und dafür sorgen, daß das Volkstheater demnächst auch am Landgericht Rostock eine große Bühne hat.

Joachim Kümmritz (*1949), ehemals langjähriger Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, wurde zum 1. August 2016 vom Hauptausschuss der Bürgerschaft Rostock bis 2019 zum Intendant des Volkstheater Rostock bestellt. Ein Konzeptpapier zu den Aufgaben Kümmritz´ am Volkstheater veröffentlichte bisher weder Bürgerschaft noch die Stadt. Stattdessen formuliert Kümmritz gegenüber der Presse seine Aufgaben selbst, oder das, was er dafür hält: „Krieg zwischen allen Beteiligten zu beenden“, die Beschlußlage der Bürgerschaft, „ein Zwei-Spartenhaus“, umzusetzen. Den Spielplan der Spielzeit 2016/17 umzusetzen, so Kümmritz, sei schwierig, da Vertragsverhältnisse teilweise unklar sind und kein Personal eingestellt werden kann.

Volkstheater Rostock / Ralph Reichel, Schauspieldirektor © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Ralph Reichel, Schauspieldirektor © Dorit Gaetjen

Doch mit Kümmritz verstärken ein neuer Schauspieldirektor wie stellvertretender Intendant Ralph Reichel und Prof. Albert Lang als Musiktheaterdirektor das Team am Volkstheater zur Spielzeit 2016/17.

Vorgaben für  den wirtschaftlichen wie künstlerischen Betrieb des Volkstheater  der kommenden Jahre wurden bisher nicht  kommuniziert: Ansagen zur Etatsicherheit, Eigeneinnahmen, Kostenstrukturen, Auslastung fehlen in sämtlichen Verlautbarungen wie im Kümmritz Feststellungen. Kümmritz also nur ein Übergangskandidat?  Das Volkstheater für zwei Jahre im Führungsvakuum ohne Ziele, oder drei oder vier Jahre ?

Ganz genau, so scheint es, weiß das zur Zeit niemand in Rostock. Theater ist in Rostock eben überall: Doch hinter der Bühne und demnächst im Landgericht regiert eine Provinzposse. IOCO / VJ / 24.9.2016

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