Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht, Kurt Weill, IOCO Kritik, 02.02.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht / Kurt Weill

Brechts Antkapitalismus im „Pott“ – Mit sarkastisch lokaler Prägung

von Viktor Jarosch

Wenn ein Kapitalismus-kritisches Werk wie Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny „im Pott, in Gelsenkirchen, geographisches Herz des von dramatischen industriellen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen heimgesuchten Ruhrgebiets, aufgeführt wird, sind  lokale Bezüge unvermeidbar. Das Musiktheater im Revier, MiR präsentiert nun eine künstlerisch anspruchsvolle Mahagonny-Produktion, vom eigenen Ensemble mitreißend umgesetzt; mit schräg-komischem lokalem Sarkasmus versetzt, welcher die zynische Welt von Bertolt Brecht und Kurt Weill humorig ergänzt. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny reiht sich so ein in eine starke Serie neuer, bewegender Produktionen des MiR.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny   –  Bertolt Brecht / Kurt Weill
youtube Video des Musiktheater im Revier
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Mahagonny, 1927 als Songspiel entstanden, wurde adaptiert und 1930 in Leipzig als „episches Theater“ uraufgeführt. Episches Theater, ein von Bertolt Brecht geprägter Begriff, kokettiert, spielt in seinem Bühnenwerken antikapitalistisch zynisch und bunt mit gesellschaftlichen Konflikten, Krieg, ökonomischen Schräglagen. Weills Kompositionen schaffen es auf geniale Weise Musik ohne Einbußen von Qualität zu vereinfachen; so changieren in Mahagonny beständig revuehafte Songs, Choräle, Jazz-Rhythmen und erzählende Elemente in deutscher und englischer Sprache. Klassisches Illusionstheater oder Einzelschicksalen waren nicht Brechts Motivation; er suchte den marxistischen Diskurs. Brechts „Antikapitalismus-Philippiken“ lösten in der Öffentlichkeit zwar Diskussionen aus, aber keine Revolutionen. Der Kapitalismus vereinnahmte Brecht, durch Akzeptanz und Popularität. Mahagonny im MiR lebt, atmet Brechts kontroverses episches Theater in modernem Gewand und bietet eine notwendige Alternative zum klassischem Theaterrepertoire.

Jan Peter, bisher als Filmemacher, nicht als Opernregisseur bekannt – bei Schalke 04 schuf er das Video-Design des Schalke-Oratoriums „Kennst du den Mythos? – bringt Mahagonny im MiR mit Ruhrgebiets-Kolorit auf die Bühne: Bergleute, Förderturm, Würstchen. Jan Peters Vita zeigt sich dazu in Videos, Projektionen und schwarzweißen historischen Kriegsfilme, welche mit dem Vorspiel die ganze Inszenierung durchziehen; das Geschehen auf der Bühne beständig mit hintergründiger Endzeitstimmung begleiten: So zeigen sich zum Vorspiel von Mahagonny, auf dem sich hebenden Bühnenvorhang, Filmszenen des 2. Weltkriegs, marschierende Soldaten, kämpfende Jagdflieger, hungernde KZ-Insassen; zum Ende  Atombomber, welche tödliche ihe Last abwerfen.

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Im ersten Bild, einer halbdunklen, immer wieder von Scheinwerfern durchzogenen Bühne, erscheinen die flüchtenden, steckbrieflich gesuchten Witwe Begbick (Almuth Herbst), Fatty (von einer Frau besetzt: Petra Schmidt) und Dreieinigkeitsmoses (Urban Malmberg). Ihr Auto an einem Wüstenrand gestrandet und sie beschließen: „ Der Wagen ist kaputt. Ja, dann können wir nicht weiter. Gut, dann bleiben wir hier“. Witwe Begbick verkündet Wesen und Gesetze von Mahagonny :„Ihr bekommt leichter das Gold von Männern als von Flüssen! Darum laßt uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny, Das heißt: Netzestadt!  Und eine Woche ist hier: Sieben Tage ohne Arbeit“. Anna Maria Münzner kreiert dazu für das MiR auffällige Kostüme: Witwe Begbick mit Reitpeitsche, verwegenen roten Lockenzöpfen und prall rotem Western-Dress (Foto); Fatty, eine Frau mit weißem Zopf in coolem schwarzen Kleid; Dreieinigkeitsmoses, ein schwächlicher, kleiner Mann mit Augenbinde: mit unbegrenzten Glücksversprechen werden sie zu Göttern, Götzen ihrer neuen Gemeinde Mahagonny..

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Sechs „sehr willige“ Mädchen sind die ersten weiblichen Ankömmlinge in Mahagonny, Jenny Hill (Anke Sieloff), noch brav in bürgerlich in blauem Kleid lyrisch schwermütig singend: „Oh show us the way to the next whisky-bar..“, und jenen populären Klassiker „Oh! Moon of Alabama We now must say good-bye, We ’ve lost our good old mamma, And must have whisky, Oh! you know why“. Während unter der sich leicht hebenden Bühne erste aber markante Ruhrgebiets-Bezüge sichtbar werden; das Volk ist Kumpel mit Grubenhelmen und Grubenlampen, singend: „Wir wohnen in den Städten. Unter ihnen sind Gossen, In ihnen ist nichts, Über ihnen ist Rauch. Wir sind noch drin, Wir haben nichts genossen, Wir vergehen rasch“. Während über ihnen, in Mahagonny, schon „Fahrscheine zum Glück“ verkauft werden.

Auch vier ehemalige Goldschürfer aus Alaska wollen nach Mahagonny, es müssen Gelsenkirchener Kohleschürfer sein, denn:   „Dort gibt es Fleischsalat!“: Paul Ackermann (Martin Homrich), Jakob Schmidt (Tobias Glagau), Sparbüchsenheinrich (Petro Ostapenko), Alaskawolfjo (Joachim Gabriel Maaß), Tobby Higggins (Jiyuan Qiu) treffen ein. Paul verliebt sich sogleich in Jenny, welche die Bedingungen ihrer Beziehung regelt. Der Aufstieg der Stadt Mahagonny hat begonnen.

Die Drehühne (Kathrin-Susann Brose) öffnet im nächsten Bild den Blick auf das nun in Mahagonny herrschende locker laszive Leben: Männer werden vor einer Kneipenfassade von Frauen verwöhnt; hinter durchsichtigen Vorhängen der Kneipenfenster räkeln sich Frauen sinnlich. Bis ein tödlicher Wirbelsturm (Projektion: „Pensacola ist zerstört“) angekündigt wird; den auf der Erde kauernden Menschen werden Bibeln und auch Gasmasken verteilt und Witwe Begbick ein neues Gesetz, totale Anarchie verkündet: „Du darfst alles!“, doch nur, wenn man Geld hat; begleitet von dem elegischen Song: „Denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen da keiner zu. Und wenn einer tritt dann bin ich es; und wird einer getreten, dann bist´s du“. Den Fall der Stadt Mahagonny läutet zum Ende des ersten Aktes ein Kumpel-Ruf ein: „Möchte noch jemand Würstchen?“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen - welche vom Himmel regnen - zu Tode © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen – welche vom Himmel regnen – zu Tode © Karl + Monika Forster

Die angepriesene totale Anarchie von Mahagonny prägt im MiR deftiger „Lokalkolorit“: wenn Jakob Schmidt sich an Würstchen zu Tode frisst; solche regnen in Massen vom Himmel; wenn Männer, von einem großer Poster „Ficken“ angelockt, hinter einem grünen Vorhang verschwinden und schwankend, schwächelnd, dümmlich grinsend hervorkommen; wenn Alaskawolfjo beim Preisboxen gegen Dreieinigkeitsmoses stirbt, mit einer Kreissäge zerlegt und in einem nahen flackernden Ofen verbrannt wird; wenn Paul Ackermann nach seiner Spendierfreudigkeit bei ein Trinkgelage seine Schulden nicht bezahlen kann und verhaftet wird: „Du darfst alles, aber musst immer Geld haben!“. Den Fall der Stadt Mahagonny vertiefen zynisch humorige Zerrbilder im 3. Akt.

Wenn Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses von der Spitze eines symbolisierten Kohle-Förderturmes, als Götter, Richter oder Henker handelnd, Urteile verkünden: Links und rechts des Turmes schweben angeklagte Delinquenten in „Fördersesseln“ auf und ab: Mörder Tobby Higgins wird, nachdem er die Richter bestochen hat, frei gesprochen; der wegen Mangel an Geld („was das grösste Verbrechen ist, das auf dem Erdenrund vorkommt“) angeklagte Paul wird zum Tode verurteilt, mit der Kreissäge getötet und nach einem okkulten Trauermarsch im Verbrennungsofen „entsorgt“. Mahagonny geht unter: Die demonstrierende Bevölkerung wird erschossen; Videos zeigen eine untergehende Welt mit Bombern die Atombomben abwerfen; derweil Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses unberührt weiter ziehen: „Let us go to Benares..!“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Neben der Video-gestützten Regie überzeugte die Premiere auch musikalisch: Thomas Rimes führte die Neue Philharmonie Westfalen, Ensemble und Chor auf der Bühne sicher durch die facettenreiche, filigrane Produktion. Im darstellerisch und stimmlich großartigen Ensemble gestalteten Almut Herbst als Witwe Begbick mit Petra Schmidt als Fatty und Urban Malmberg als Dreieinigkeitsmoses ein wunderbar zentrales wie dominantes gangsterkapitalistisches Dreigestirn. Anke Sieloff gab Jenny Hill mit zart lyrischer Stimme sanftes Charisma; auch die Goldschürfer, Petro Ostapenko als Sparbüchsenheinrich, Joachim Gabriel Maaß als Alaskawolfjo und Martin Homrich als Paul zeigten auf dem schmalen aber komplexen Grat Brechtscher Komik, stets zwischen Parodie, Slapstick und Zynismus wandelnd, mit großer Kunst.

Bertolt Brecht Werke wurden nur selten im MiR aufgeführt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vor 35 Jahren. Das Publikum feierte Regie, Ensemble und Orchester der Inszenierung gleichermaßen begeistert, zeigte, dass Brecht / Weill im Spielplan vermisst wurde.

In der folgenden Premierenfeier diskutierten, genossen noch 500 Besucher im Foyer des Hauses über Stunden froh und lebhaft die gesehene MiR Produktion; untereinander, mit Ensemble, Chor, Statisten und Orchester das Gesehene, das Gespielte. Grubenlampen allerdings waren dort nicht zu sehen.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier; die folgenden Vorstellungen 2.2.; 14.2.; 22.2.2019

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