Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Dances at a Gathering – Initialen R.B.M.E., IOCO Kritik, 19.01.2018

Januar 20, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Begegnungen –  Reid Anderson – Stuttgarter Ballett

 Fazit einer Ära und Verheißung für die Zukunft

Von  Peter Schlang

Als eine der letzten Premieren seiner 22jährigen Amtszeit als Intendant des Stuttgarter Balletts und seiner dann insgesamt 44jährigen Zugehörigkeit zu dieser Compagnie setzte Reid Anderson einen Ballettabend aufs Programm, der erstmals zwei wahre Edelsteine an Choreografien an einem Abend vereint: Jerome Robbins am 22. Mai 1969 am New York City Ballett herausgekommene Dances at a Gathering, die seit  29. November 2002 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehören, und John Crankos unübertroffener Klassiker Initialen R.B.M.E., welcher vor genau 46 Jahren, am 19. Januar 1972, in Stuttgart seine umjubelte Uraufführung erlebte.

„Plädoyer für Freundschaft und respektvolles Miteinander auf die Bühne“

Beide Ballette sind unbestritten choreografische Meisterwerke und widmen sich, jedes auf seine unnachahmliche bzw. ihres Schöpfers individuell-geniale Weise, dem Lob der Freundschaft und des menschlichen Zusammenhalts.  Gemeinsam ist ihnen aber nicht nur das Thema, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Melancholie und Leichtigkeit, mit der sie das menschliche Miteinander charakterisieren und das Leben mit reichen, vielschichtigen Emotionen feiern.

 Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Robbins‘  Dances at a Gathering erzählt in einer virtuos-zarten Choreografie von Abschied und Aufbruch sowie von der Wertschätzung des Einzelnen und dessen Gemeinschaft  mit anderen Menschen. Crankos Initialen R.B.M.E. ist sein persönlichstes Ballett; in ihm würdigt er seine Freundschaft zu seinen  Ersten Solisten, Musen und Partnern Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen und deren wunderbare Beziehung zueinander. Mit diesem Stück hinterließ der Gründer des Stuttgarter Balletts, der im vergangenen August  90 Jahre alt geworden wäre, nicht nur eine ‚Ode an die Freundschaft‘, in der die Verehrung für seine Tänzer weiterlebt, sondern auch ein Werk, in dem sich ebenso Kern und Essenz seines künstlerischen Schaffens konzentrieren.

Jerome Robbins, der nicht nur als Choreograf, sondern auch als Musical-Autor und Regisseur große Erfolge feierte, stellt in seinen sechzehn Szenen für insgesamt je fünf Tänzerinnen und Tänzer Studien des reinen Tanzes in ländlichem Milieu vor und kombiniert darin klassisches Ballett mit Elementen des Volkstanzes. Dabei wirkt Vieles improvisiert, offenbart aber stets eine tiefere Ebene, so etwa, wenn Momente des Abschieds und Umbruchs oder festliche Zitate von Freundschaft und Begegnung zu exemplarischen Studien des Lebens werden. Dabei überrascht noch immer die Leichtigkeit dieser Petitessen, die in starkem Gegensatz zu der Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten herrschenden zerrissenen, kalten Atmosphäre steht, in welcher der Vietnamkrieg und Morde an Politikern und Bürgerrechtlern das Klima vergifteten. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit rührt sicherlich auch von der von Robbins für sein Ballett ausgewählten Musik, sechzehn Klavierstücken Frédéric Chopins. Diese, in der Mehrheit Etüden, Mazurkas und Walzer, wurden am Premierenabend von Alexander Reitenbach, einem einfühlsamen Begleiter und „Tanz-Ermöglicher“, so leichthändig, federnd und dennoch tiefgründig interpretiert, dass es für die zehn Mitglieder der Stuttgarter Compagnie das reine Vergnügen gewesen sein muss, darauf ihre Pirouetten zu drehen, Sprünge zu absolvieren, die zahlreichen Hebefiguren zu bewältigen und Gruppenbilder zu komponieren.

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

In jedem Fall und zu jeder Zeit verkörpern Veronika Verterich, Alicia Amatriain, Hyo-Jung Kang, Elisa Badenes und Sinéad Brodd als Tänzerinnen sowie ihre Kollegen Adhonay Soares da Silva, Friedemann Vogel, Jason Reilly, Moacir de Oliveira und Martí Fernández Paixà  die im Titel Dances at a Gathering versprochenen Gruppen-  und Freundschaftsbande und –szenen auf lebendigste und äußerst anrührende Weise. Sie geben aber auch dem Humor und dem in menschlichen Beziehungen angebrachten ironisch-sanften Zweifel den nötigen Raum. Für letzteren sorgt bei ansonsten kahlem Bühnenraum die ständige und einheitliche Projektion eines blauen Himmels mit sich leicht verändernden Formationen von federleichten Schleierwolken, die auch einen stimmungsvollen, stimmigen und poetischen Hintergrund schafft und den in zarten Pastellfarben gehaltenen Kostümen zu einer träumerisch-heiteren Wirkung verhilft.

Crankos nach der Pause zu bestaunende, bereits erwähnte Verneigung vor seinen vier herausragenden Solisten und Säulen seiner Compagnie wirkt auch mit der aktuellen Besetzung durch die Kraft und Selbstbewusstsein, aber auch Zerbrechlichkeit und Demut demonstrierenden jungen Tänzerinnen und Tänzer radikal wie betörend.

Adhonay Soares da Silva als „R“ichard, Elisa Badenes als „B“irgit, Alicia Amatriain als „M“arcia und Moacir de Olveira als „E“gon  (R.B.M.E.) verdeutlichen  auf  eindrucksvolle Weise, dass Crankos Vermächtnis auch 46 Jahre nach seiner Entstehung noch jene Kraft und Wärme entfaltet, die seinerzeit Publikum wie Kritik in Begeisterung versetzt hatten. Und der Berichterstatter, der Mitte der siebziger Jahre die Original- bzw. Erstbesetzung erlebt hatte, kann dem aktuellen Solistenquartett die gleiche Authentizität, Glaubwürdigkeit, Originalität und Überzeugungskraft bescheinigen, die er damals bei den vier Widmungsträgern bewundert hat.

 

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Mag sein, dass die aktuelle Generation der Tänzerinnen und Tänzer die Sache athletischer und akrobatischer angeht als die Generation Crankos und seiner vier Solistenfreunde. Die für sie geschaffene Choreografie  wirkt dennoch  zeitlos modern, und die Längen in einigen  auf den Beobachter weniger spannend und interessant wirkenden Passagen im dritten Teil sind vermutlich weniger ein Problem der verstrichenen Zeit als dem hier zu hörenden Andante aus Brahms’ zweitem Klavierkonzert geschuldet. Dessen einleitendes Allegro und das folgende Scherzo werden vom Choreografen und den ausführenden Tänzerinnen und Tänzern genauso lustvoll und stimmig interpretiert wie das abschließende Rondo. In allen vier Sätzen des mehr an eine Sinfonie als an Solokonzert erinnerndes Werks überzeugen das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährt-traumhaft-sicheren Leitung seines Ballettdirigenten James Tuggle und der höchst aufmerksam und feinfühlig agierende Pianist Andrej Jussow mit sinfonischer Präzision und höchster dynamischer Abstufung und sind ein bewährter wie einfühlsamer Begleiter und musikalischer Illustrator aller auf der Bühne zu sehenden Emotionen und Bewegungen.  Von dieser sensiblen wie flexiblen musikalischen Unterstützung profitieren nicht nur die vier beschriebenen Tänzer der Titelfiguren und ihre anderen solistischen Partner, sondern auch das Corps de Ballett, das in den vier Teilen des Werks bis in bühnenfüllender Stärke im Einsatz ist. Zusammen mit den Solisten demonstrieren seine Mitglieder sensibel und glaubhaft  die verschiedenen Facetten von Freundschaft und Beziehungen, ob es sich nun um Zurückhaltung oder Leidenschaft,  Solidarität oder Gewähren von Freiräumen, Achtung und Respekt oder Treue und Begeisterung für einander handelt.

Der neue Ballettabend Begegnungen des Stuttgarter Balletts auf Frédéric Chopins beschwingte Klavierstücke und Johannes Brahms‘ grandioses zweites Klavierkonzert bietet nicht nur tänzerisch und musikalisch ein exquisites Programm. Mit den beschriebenen zwei Pretiosen an wundervollen „Begegnungsballetten“ kann es in einer Zeit wachsender Ungleichheit, zunehmender Vereinzelung und digitaler Entfremdung auch Mut dazu machen, traditionelle menschliche Bindungen zu pflegen und Werte wie Freundschaft, Begegnung, Solidarität und gegenseitige Unterstützung neu und stärker zu gewichten als kurzfristigen Erfolg und persönliche Dominanz.

Stuttgarter Ballett – Begegnungen: Weitere Vorstellungen 20. und 21. Januar, 10., 11., 16. und 17. Februar sowie 19. Juli 2018.

Dresden, Semperoper, Ballettklassiker Manon von MacMillan, 04./08.09.2017

August 29, 2017 by  
Filed under Ballett, Pressemeldung, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ballettklassiker Manon von Sir Kenneth MacMillan

Ballett Manon Vorstellungen am 4.9.; 8.9.; 11.10.; 15.9.; 18.9.; 13.10.2017

Mit einer vorerst letzten Aufführungsserie des Ballettklassikers Manon in der legendären Choreografie von startet das Semperoper Ballett in die Saison 2017/18. In den ersten Vorstellungen am 4. und 8. September wird Anna Ol, Erste Solistin des Dutch National Ballet, als Manon zu erleben sein, als Des Grieux an Ihrer Seite tanzt Julian Lacey, Halbsolist des Semperoper Ballett, der kürzlich von der Zeitschrift »tanz« als »Hoffnungsträger des Jahres 2017« benannt wurde.

In den folgenden Vorstellungen am 15. und 18. September tanzt Dorothée Gilbert, Étoile am Ballet de l’Opéra de Paris die Rolle der Manon, István Simon verkörpert Des Grieux. In den beiden letzten Vorstellungen, am 11. und 13. Oktober, verkörpern Gina Scott und Václav Lamparter aus der Dresdner Company das tragische Liebespaar. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle stehen Martin Yates und Benjamin Pope (11. und 13. Oktober).

Anna Ol :  Anna Ol tanzt als erste Solistin beim Dutch National Ballet seit 2015. Ihre Ausbildung erhielt sie am Krasnoyarsk Ballet College (Russland) und tanzte anschließend beim Russian State Ballet of Siberia, der Tatar State Opera, dem Michailovsky Theater in St. Petersburg und am Stanislavsky und Nemirovich-Danchenko Academic Music Theatre in Moskau, wo sie alle wichtigen Rollen des klassischen Repertoires tanzte und unter anderem mit so wichtigen Chroeografen wie Ji?í Kylián, John Neumeier, Natalia Makarova, Sir Kenneth MacMillan, Jerome Robbins und vielen anderen arbeitete. Anna Ol gewann im Jahr 2008 die Goldmedaille beim Grand Prix Galina Ulanova in Krasnoyarsk und die Arabesque Competition 2010 in Perm (Russland). Als Gasttänzerin war sie in zahlreichen internationalen Ballett-Galas zu erleben.

Dorothée Gilbert : Seit November 2007 tanzt Dorothée Gilbert als Étoile am Ballet de l´Opéra de Paris. Sie erhielt ihre Ausbildung am Konservatorium in Toulouse und wurde mit 17 Jahren in das Corps de ballet der Pariser Oper engagiert. 2003 wurde sie zur Coryphée ernannt, seit 2006 ist sie Erste Solistin des Ensembles. Zu ihrem Repertoire gehören unter anderem die Manon in »La Dame aux camélias« (Neumeier), Tatjana in »Onegin« (Cranko), Hamzatti und Nikija in »La Bayadère«, Henriette und Raymonda in »Raymonda«, Odette/Odile in »Schwanensee«, Julia in »Romeo und Julia« (Nureyev), Swanhilda in »Coppélia« (Bart), sowie Werke Balanchines, Kyliáns, Neumeiers, Ratmanskys, Robbins’ und Petits. Dorothée Gilbert ist mit zahlreichen Preisen (AROP Dance Price, Cercle Carpeaux Prize) ausgezeichnet. 

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

 

 

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Ballett am Rhein – Kompanie des Jahres 2017, August 2017

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballett am Rhein – „Kompanie des Jahres“

Zum vierten Mal ist das von Martin Schläpfer und Remus Sucheana geführte Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg in der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift tanz zur Kompanie des Jahres gewählt worden. „Statt vieler Worte“ würdigt die Redaktion in ihrem Jahrbuch das außergewöhnliche Ensemble in einer Hommage aus Bildern und zeigt damit eindrücklich seine tänzerische Bandbreite und künstlerische Strahlkraft.

Deutsche Oper am Rhein / Ballett am Rhein - b.29 "Konzert für Orchester" Martin Schläpfer: Konzert für Orchester – Ensemble FOTO © Gert Weigelt

Deutsche Oper am Rhein / Ballett am Rhein –
b.29 „Konzert für Orchester“ Martin Schläpfer: Konzert für Orchester – Ensemble FOTO © Gert Weigelt

Mit großer Freude hat das Leitungsteam der Deutschen Oper am Rhein die Nachricht aufgenommen, dass eine Jury aus 42 Tanzjournalisten das Ballett am Rhein erneut zur „Kompanie des Jahres“ gewählt hat. Generalintendant Christoph Meyer und Generalmusikdirektor Axel Kober: „Wir sind sehr, sehr stolz auf unsere fantastischen Tänzerinnen und Tänzer und auf Martin Schläpfer und Remus Sucheana, die die Compagnie dorthin gebracht haben, wo sie jetzt steht.“ Bereits in den Jahren 2013, 2014 und 2015 hatte es das Ballett am Rhein an die Spitze der Kritikerumfrage geschafft, Martin Schläpfer erhielt 2010 den Titel „Choreograf des Jahres“. Auch der Düsseldorfer Kulturdezernent, Hans-Georg Lohe, gratulierte der Compagnie: „Ich bin hocherfreut, dass erneut die Leistung unseres herausragenden Ballett am Rhein so gewürdigt wird.“

Mit dem neoklassischen Stück Mozartiana von George Balanchine, Konzert für Orchester von Martin Schläpfer und dem humorvollen The Concert von Jerome Robbins startet die Compagnie am 23. September in die Düsseldorfer Ballettsaison. In Duisburg eröffnet am 14. Oktober Schläpfers Petite Messe solennelle die Ballettspielzeit – ein abendfüllendes Stück, das erst vor wenigen Wochen in einem Mitschnitt im Rahmen des 3sat-Festspielsommers ausgestrahlt wurde.

„Publikumsfavorit des Jahres“ wurde bei der Kritikerumfrage Nijinski von Marco Goecke, der schon mehrfach mit dem Ballett am Rhein gearbeitet hat und in der kommenden Saison mit der Compagnie sein Le spectre de la rose einstudiert.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Ballett am Rhein: b.29 George Balanchine: Mozartiana, 23.09.2017

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballett am Rhein: b.29
George Balanchine: Mozartiana
Martin Schläpfer: Konzert für Orchester
Jerome Robbins: The Concert
Premiere im Opernhaus Düsseldorf: Samstag, 23. September 2017, 19.30 Uhr

George Balanchine: Mozartiana
Wenn sich zu Wolfgang Amadeus Mozarts berühmtem „Ave verum corpus“ in einer Instrumentierung durch den Russen Peter I. Tschaikowsky der Vorhang hebt, so liegt – wie der schwarze Tüll über dem weißen Tutu der Ballerina – ein Schleier von eigentümlicher Melancholie und ein Hauch von Vergänglichkeit über der Szene. Begleitet von vier Mädchen zelebriert eine Tänzerin eine innige Andacht. Ihre schlichten Gebetshaltungen und sehnsuchtsvollen Gesten sind von einer Musikalität, als würde sie die Klänge im Moment des Tanzens erschaffen und den Raum erst öffnen für das, was folgt: ein lebensvolles, höchst virtuoses, aber auch elegantes Tanzfest für zwei weitere Tänzer und ein Corps de ballet aus vier Frauen.

Mit der Musik Tschaikowskys nahm George Balanchines (1904–1983) Begeisterung für die Ballettkunst ihren Anfang, als er selbst als kleiner Junge in einer St. Petersburger „Dornröschen“-Aufführung den Cupido spielte. Tschaikowsky blieb ihm neben Strawinsky der bedeutendste Ballettkomponist. Seine Musik begleitete Balanchine über sein gesamtes Schaffen bis hin zu seiner „Mozartiana“ – eines seiner letzten Werke, entstanden 1981 zur Eröffnung des Tschaikowsky-Festivals im New York State Theater auf die gleichnamige Orchestersuite des Komponisten.

Fasziniert vom menschlichen Körper und der immer weiteren Erforschung seiner tänzerischen Möglichkeiten hat Balanchine insbesondere mit seinen Werken aus den 1950er Jahren den klassischen Tanz bis an seine Grenzen geführt und für seine Zeit auf radikale Weise weitergedacht. In „Mozartiana“ spricht dagegen ein Künstler zu uns, der im hohen Alter noch einmal zu seinen Wurzeln zurückkehrt: zu Marius Petipa und der großen Petersburger Balletttradition. Den Glauben an den Wert, das Potential und jene überwältigende Schönheit, die sich im klassischen Ballett finden kann, hatte Balanchine nie verloren – auch davon erzählt seine „Mozartiana“.

In Kooperation mit der Akademie des Tanzes an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, Leitung: Prof. Birgit Keil MUSIK Suite Nr. 4 G-Dur op. 61 „Mozartiana“ von Peter I. Tschaikowsky CHOREOGRAPHIE George Balanchine MUSIKALISCHE LEITUNG Wen-Pin Chien KOSTÜME Rouben Ter-Arutunian LICHT Franz- Xaver Schaffer CHOREOGRAPHISCHE EINSTUDIERUNG Joysanne Sidimus ORCHESTER Duisburger Philharmoniker / Düsseldorfer Symphoniker

Martin Schläpfer: Konzert für Orchester
Mit der Choreographie „Konzert für Orchester“ für sein gesamtes Tänzerensemble zur gleichnamigen Komposition von Witold Lutos?awski zeigt Martin Schläpfer Zerrbilder einer Welt, die in Schieflage geraten ist. Er stellt die Frage: Wie verhält sich der Mensch, wenn das kostbare Leben nicht sicher ist, alles aus den Fugen gerät und das Unheil droht? Alle Bewegung durchzieht eine unermessliche Spannung und Kraft: Sprünge, die sich scheinbar nicht vom Boden heben dürfen, Spitzentanz, wie mit Spatenstichen die Erde aufbrechend, ekstatisch schüttelnde Anklänge an archaische Rituale. Immer wieder sind es große Gruppen, die in neoklassischen Formationen rastlos vorwärtsdrängen.

Eine „Liebeserklärung“ an den großen instrumentalen Klangkörper schuf Witold Lutos?awski mit seinem „Konzert für Orchester“, mit dem sich der Meister der polnischen Moderne an Béla Bartóks berühmtes Vorbild anlehnte. Diese Komposition, die ihn 1954 auf einen Schlag berühmt gemacht hatte, ist sein einziges großangelegtes Werk, in dem er sich mit einem folkloristisch getönten Neoklassizismus auseinandersetzt und zugleich das letzte seiner frühen Schaffensperiode, in welchem er noch auf dieser Basis komponiert. „Diese Komposition ist von einer Wucht und Tiefe und einer nuancenreichen Farbvielfalt in der Instrumentierung – und hat auch großes dramatisches und menschlich-dramaturgisches Potential“, so Martin Schläpfer über seine Musikwahl zu diesem im Oktober 2016 im Theater Duisburg uraufgeführten Ballett.

Seine fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit führte Martin Schläpfer mit dem Bühnen- und Kostümbildner Florian Etti fort, der mit aus den Angeln gehobenen, scharfkantigen Kulissen und Kostümen aus glänzend-festem, abwehrendem Material der Choreographie die passende optische Atmosphäre verleiht.
In Programm b.29 positioniert zwischen George Balanchine und Jerome Robbins erscheint „Konzert für Orchester“ aber auch wie ein rebellischer Kontrapunkt zu den beiden Meistern des neoklassischen Balletts. „Man staunt über Schläpfers Fantasie, die keine Wiederholung zulässt. Radikaler ist er geworden, noch dramatischer und vor allem theatraler“, schrieb Bettina Trouwborst im K.West-Magazin über die Uraufführung.

MUSIK Konzert für Orchester von Witold Lutos?awski CHOREOGRAPHIE Martin Schläpfer MUSIKALISCHE LEITUNG Wen-Pin Chien BÜHNE & KOSTÜME Florian Etti LICHT Franz-Xaver Schaffer ORCHESTER Duisburger Philharmoniker / Düsseldorfer Symphoniker

Jerome Robbins: The Concert
Zu den Freuden eines Konzertbesuchs gehört die Möglichkeit, sich als Zuhörer ganz in der Musik zu verlieren und die Gedanken schweifen zu lassen. Bilder, die vorm geistigen Auge entstehen, werden durch die Musik gelenkt und Träume und Fantasien angeregt. In „The Concert (or The Perils of Everybody)“ stellt Jerome Robbins (1918–1998) den Konzertflügel auf die Bühne und lässt das Ballett als Publikum zum Konzert antanzen. Was sich dann entwickelt, ist eine geradezu irrwitzige Folge von tänzerischen Pannen, Slapstick-artigen Nummern, aber auch ein raffiniertes Fantasiespiel mit den Sehnsüchten und Wünschen der Zuhörer der romantischen Klaviermusik.

Während der Pianist in geradezu heiliger Ernsthaftigkeit berühmte Préludes, Walzer und Balladen Frédéric Chopins interpretiert, nimmt Robbins nicht nur die wunderlichen Typen des Publikums und ihre Einbildungskraft, sondern auch das Ballett selbst aufs Korn: Eine besonders strebsame Ballerina jagt mit aufbrausendem Temperament ihren schüchternen Tanzpartner über die Bühne. Sechs verwirrte Ballerinen versuchen verzweifelt, ihre Schritte und Posen in perfekten Einklang zu bringen. Wirbeln die Finger des Pianisten dann virtuos über die Tasten, werden sie wie Möbelstücke über die Bühne manövriert. Während bei Chopin die Tropfen perlen, erinnert die Bühne an einen tristen Regentag auf den belebten Straßen von New York. Und wenn in der Musik die Dramatik steigt, schleicht der frustrierte Ehemann mit Mordgelüsten um die gelangweilte Ehefrau.

Schließlich schwirrt und flattert das gesamte Ensemble wie ein Insektenschwarm über die Bühne und Robbins führt diese hinreißende Liebeserklärung an alle Unarten der Ballettwelt in ein wirbelndes Finale. Jerome Robbins zählte nicht nur neben George Balanchine zu den wichtigsten Größen der amerikanischen Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts, sondern verlieh auch dem Musical-Tanz mit Werken wie „West Side Story“ oder „Fiddler on the Roof“ eine neue, wegweisende Bedeutung. Mit „The Concert“ kreierte er 1956 ein Meisterwerk, das mit seiner umwerfenden Komik und seinem Humor ein Solitär des Ballettrepertoires ist und bis heute das Publikum zu begeistern versteht. So schrieb Heiner Frost in den Niederrhein Nachrichten über die Ballett am Rhein-Premiere im Oktober 2016 im Theater Duisburg: „Eine solche Liebeserklärung an den Tanz wie Robbins’ Chopin hat man lange nicht erlebt. Eine derart kurzweilige Vorlesung über das Herz des Ballettes auch nicht.“

MUSIK Polonaisen, Préludes, Berceusen, Walzer, Mazurkas und Balladen von Frédéric Chopin in einer Orchestrierung von Clare Grundman CHOREOGRAPHIE Jerome Robbins MUSIKALISCHE LEITUNG Wen- Pin Chien BÜHNE Saul Steinberg KOSTÜME Irene Sharaff LICHT Jennifer Tipton LICHTUMSETZUNG Kévin Briard CHOREOGRAPHISCHE EINSTUDIERUNG Ben Huys KLAVIER Matan Porat ORCHESTER Duisburger Philharmoniker / Düsseldorfer Symphoniker Ballettwerkstatt im Opernhaus Düsseldorf: Mittwoch, 20. September 2017, 18.00 Uhr, Eintritt frei

Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf: Sa 23.09. 19.30 Uhr (Premiere) / So 01.10. 18.30 Uhr / Di 03.10. 18.30 Uhr / Fr 06.10. 19.30 Uhr / Sa 07.10. 19.30 Uhr / Do 19.10. 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

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