Essen, Aalto Theater, Losing it – Ballett – Uraufführung, 27.01.2019

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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  Tat Ort Aalto  – Bringt Ballett auf die Bühne

Uraufführung Sonntag, 27. Januar 2019, 21 Uhr

Losing it:  Aalto-Tenor Jeffrey Dowd schrieb die Musik; Choreografie von Aalto-Tänzerin Julia Schalitz

Aalto Theater Essen / Julia Schalitz und Boris Randzio © Simon Niebel

Aalto Theater Essen / Julia Schalitz und Boris Randzio © Simon Niebel

Die Essener Opernbühne wird wieder zum Tat Ort Aalto: Beim nächsten Abend der Reihe am Sonntag, 27. Januar 2019, 21 Uhr darf man auf eine außergewöhnliche Ballett-Uraufführung gespannt sein: Losing it ist der Titel des Tanzabends, für den Jeffrey Dowd, Tenor am Aalto-Theater, die Musik komponierte. Die Choreografie stammt von Julia Schalitz, Tänzerin am Aalto Ballett Essen. Das Stück erzählt von den Höhen und Tiefen einer romantischen Liebesbeziehung. Mann liebt Frau, Frau liebt Mann – so weit, so gut. Doch gerade, wenn das Leben einfach perfekt sein könnte, kommt bekanntlich alles anders …

Aalto Theater Essen / Julia Schalitz © Volker Wiciok

Aalto Theater Essen / Julia Schalitz © Volker Wiciok

Mitwirkende auf der Bühne des Aalto-Theaters sind neben den beiden Schöpfern des Abends die Aalto-Mezzosopranistin Liliana de Sousa sowie die Tänzerinnen und Tänzer Vivian de Britto Schiller, Jelena Grjasnowa, Yehor Hordiyenko, Sofia Klein Herrero und Boris Randzio. Die Musik besteht aus einem breit gefächerten Spektrum: Zum einen erklingen elektronische Elemente, zum anderen werden Songs im Stil von Latin und Bossa Nova bis zu Jazz und Poplive interpretiert. Wie immer in der Reihe Tat Ort Aalto nimmt auch das Publikum selbst auf der Bühne Platz. Die Aufführung findet im Bühnenbild der zuvor präsentierten Opernvorstellung Salome statt.

Aalto Theater Essen / Tanzszene mit Julia Schalitz und Boris Randzio © Sofia Klein Herrero

Aalto Theater Essen / Tanzszene mit Julia Schalitz und Boris Randzio © Sofia Klein Herrero

Aalto Theater Essen / Jeffrey Dowd © Saad Hamza

Aalto Theater Essen / Jeffrey Dowd © Saad Hamza

Jeffrey Dowd ist nicht nur der Heldentenor des Aalto-Ensembles, sondern seit vielen Jahren auch als Sänger und Komponist der Veranstaltungsreihe Jazz im Aalto bekannt. Jetzt also präsentiert er sein erstes abendfüllendes Werk. Julia Schalitz ist seit der Spielzeit 2013/2014 Tänzerin im Aalto Ballett Essen und hat sich in der Reihe „PTAH“ im Grillo-Theater bereits als vielversprechende Choreografin vorgestellt. Beide haben sie schon jeweils einen Tat Ort Aalto gestaltet – nun haben sie sich erstmals zusammengetan, um die Uraufführung des Balletts Losing it auf die Bühne zu bringen.

Karten (Einheitspreis: € 16,00/ermäßigt € 12,00) unter T 02 01 81 22-200 oder www.theater-essen.de.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Essen, Aalto-Theater, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.07.2018

Juli 12, 2018 by  
Filed under Aalto Theater Essen, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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SALOME – Richard Strauss

 – Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes –

Von Karin Hasenstein

Die Handlung:  Am Hofe des König Herodes begehren alle irgendetwas, das sie nicht haben können. Der Hauptmann Narraboth begehrt die Prinzessin Salome, oder doch wenigstens einen Blick, ein Lächeln von ihr. Der König Herodes begehrt die Frau seines Bruders, Herodias. Er lässt seinen Bruder einsperren und schließlich töten, um Herodias heiraten zu  können. Das reicht ihm jedoch nicht, er begehrt außerdem ihre Tochter Salome, seine Nichte.

Begierde besteht entweder in der Lust, etwas zu besitzen, oder in der Furcht davor, es zu verlieren, weil dann das Begehren niemals gestillt werden kann. Herodes ist ein Mann, der von seinen Begierden getrieben ist: er ist umgeben von Macht, Reichtum und Schönheit. Dadurch leidet er unter ständiger Verlustangst. Außerdem ist da Salome, die er nicht ohne weiteres besitzen kann. Salome steht also im Zentrum seines Begehrens und will ihm möglichst entfliehen. So sind auch ihre ersten Worte „Ich will nicht bleiben, ich kann nicht bleiben!” Immer wieder entzieht sie sich seinen Blicken und Berührungen.

Ähnliche Begehren treiben Narraboth; doch ganz andere Gründe verbieten ihm, die Prinzessin zu begehren. Narraboth und Herodes werden mit denselben Worten gewarnt; dass es Unglück bringt, die Prinzessin auf diese Weise anzusehen. Der Page warnt Narraboth: „Du siehst sie immer an. Du siehst sie zuviel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Weise anzusehen. Schreckliches kann geschehen.” Herodias ermahnt ihren Gatten „Du sollst sie nicht ansehen, fortwährend siehst du sie an!” Doch Herodes hört ebenso wenig auf seine Frau, wie Narraboth auf den Pagen. So wird mit Beginn verdeutlicht: es wird Schreckliches geschehen; alle sind Sklaven ihrer Begierden. Auch Salome begehrt etwas, was sie nicht haben kann.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Der eigentlichen Handlung vorgeschaltet ist ein Video (fettFilm), das auf den Bühnenhintergrund projiziert wird. Wir sehen eine Szene aus einem Kindergeburtstag. Ein kleines Mädchen bekommt Geschenke. In der nächsten Einstellung ist das Mädchen etwas älter, ein Teenager. Wieder wird ein großes Geschenk überreicht. Es scheint nicht das Gewünschte zu sein, es wird achtlos weggeworfen.

Die  Aalto – Inszenierung: Im Palast des Herodes wird ein Fest gegeben. Salome entflieht den lüsternen Blicken ihres Stiefvaters und flieht zum Personal in die Küche. Sie trägt Jeans und eine weiße Bluse, weiße Turnschuhe; ihr langes Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden. (Bühne und Kostüme: Julia Hansen). Es ist ein nach drei Seiten offener Raum auf einer Drehbühne. Am linken Rand befindet sich eine Tür, die in den Vorratskeller führt. Als der Koch die Tür offenstehen lässt, dringt die Stimme eines Gefangenen herauf. Als Salome die Stimme Jochanaans vernimmt, ist sie von seinen Worten berauscht und verlangt von den Wachen, ihn zu sehen. Narraboth willigt ein, als Salome ihm ein Lächeln verspricht.

Die Bühne wechselt; wir sehen ein Kontor, Regale mit Kartons an den Wänden, in der Ecke ein Bett. Der Zuschauer erkennt das Kinderzimmer aus der Video-Projektion. Salome läuft aufgeregt hin und her, als die Wachen kommen und den Gefangenen bringen. Der Prophet trägt, wie die Wachen, schwarze Uniformhosen und Stiefel, die  Arme in einer Zwangsjacke gefesselt. Sofort beginnt der Prophet merkwürdig zu sprechen; niemand kann Salome sagen, von wem er spricht. Salome glaubt „Er spricht von meiner Mutter!Narraboth erkennt seinen Fehler und fleht Salome an, zu gehen. Salome gibt sich dem Propheten zu erkennen mit den Worten „Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa!” Sie will ihn aus der Nähe betrachten; als Jochanaan sie harsch zurückweist steigert dies ihre Neugier, ihr Begehren. Narraboths Rufe  „Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!” dringen nicht zu ihr durch.

Obwohl der Prophet sie beschimpft und von sich stößt, steigert sich Salome in eine wahnhafte Begierde hinein. Sie ruft aus, sie sei verliebt in seinen Leib; sie vergleicht diesen Leib  mit den Lilien auf dem Feld, mit dem Schnee auf den Bergen Judäas, den Rosen im Garten von Arabiens Königin. Als Jochanaan Salome erneut zurückweist, beschreibt sie seinen Leib als grauenvoll.

Während des Wechselspiels von Preisen und Beschimpfen zeigt eine Video-Projektion über den Köpfen der handelnden Personen:  Das kleine Mädchen wandert in  weißem Ballettröckchen durchs Bild. Die Szenen im Film wechseln und kommentieren die Bühnenhandlung. Mit Salomes Ausruf: „Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen…” ritzt sich das Mädchen seine Arme mit einer Schere.  Auf den Text „In dein Haar bin ich verliebt” bürstet das Mädchen sein langes Haar. Als Salome Jochanaans Haar berühren will und er sie abermals zurückstößt, sehen wir zu ihren Worten „Dein Haar ist gräßlich!”, wie das Kind sein Haar mit einer Schere strähnenweise abschneidet.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Salome will den Mund des Propheten küssen. Ein sinnlicher Wunsch der jungen Frau, der auf den Zuschauer verstörend wirkt, zieht Salome doch einen riesigen Teddy an der Hand zu Jochanaan. Kindfrau, Lolita, alle möglichen Assoziationen kommen in den Sinn. Narraboth kann all das nicht mehr ertragen; er erschießt sich, als Salome stetig wiederholt „Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Lass mich deinen Mund küssen!” zu diesen Worten legt Salome ihren Kopf in seinen Schoß, als er sich unter ihr hervor windet, klammert sie sich an sein Bein. Mit den Worten „Du bist verflucht, Salome, Du bist verflucht!” lässt er sich in sein Gefängnis zurückbringen.

Salome wütet in dem Kontor wie ein trotziges Kind, stößt Möbel um, reißt Kartons aus den Regalen. Mitten in diesen Wutausbruch hinein treffen Herodes, Herodias und die Gäste ein. Herodes trägt ein Diner-Jackett, Herodias ein elegantes Abendkleid, man ist bester Laune. Die Gäste tragen lustige kleine Partyhütchen, der aufmerksame Zuschauer erkennt die Geburtstagsgesellschaft aus der ersten Video-Einspielung. Diener bringen transparente Stühle herbei, eine Tafel wird mit einer Geburtstagtorte und allerlei Leckereien gedeckt.

Niemand scheint das Chaos im Raum zu bemerken. Weil es so im Libretto steht, stolpert Herodes über die Leiche des Narraboth bzw. gleitet in dessen Blut aus. In Blut zu treten, gilt als böses Zeichen, also muss der Tote schnell weg. Der Schrecken ist jedoch rasch vergessen und Herodes fordert Salome auf, sie solle mit ihm Wein trinken. Salome zischt ihn an: „Ich bin nicht durstig, Tetrarch.”  Herodes:Bringt Früchte, Salome, komm iss mit mir.” Mit den Worten „Ich bin nicht hungrig, Tetrarch”  weist sie ihn erneut zurück.

Schließlich provoziert er noch seine Frau Herodias, indem er Salome auffordert „Salome, komm setz dich zu mir… du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.” Salome bleibt unnachgiebig: „Ich bin nicht müde, Tetrarch.” Herodias weist ihn mit den Worten zurecht, mit denen zuvor der Page Narraboth ermahnt hat: „Du sollst sie nicht so ansehen… Warum starrst du sie immer an?” Während die Gesellschaft ausgelassen feiert, stößt Jochanaan weiter apokalyptische Prophezeiungen aus.

Nun kommt die Stimme des Propheten aus dem Rang rechts oben, dann von hinten links, die Prophezeiungen werden konkreter, der Streit zwischen Juden und Nazarenern steigert sich und in dieses Durcheinander hinein erklingt die Aufforderung des Herodes Tanz für mich, Salome!” Salome will nicht tanzen, auch Herodias ereifert sich immer mehr: „Ich will nicht haben, dass sie tanzt!”

Herodes versucht seinen Wunsch zu unterstreichen, indem er Salome ein großes Geschenk anbietet. Sie wittert ihre Chance, alles zu fordern, was sie will, vergewissert sich aber noch und lässt ihn einen Eid schwören. „Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern. O Salome, Salome, tanz für mich!” Die Bitten ihrer Mutter, nicht zu tanzen, ignorierend, willigt Salome schließlich ein. Das Licht wird gedimmt, Salome nimmt das Tutu und verhüllt ihr Gesicht mit einer weißen Maske, alle Gäste setzten sich farbige Perücken auf, was die Szene immer grotesker erscheinen lässt, und Salome beginnt zu tanzen.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

In ihrem nun folgenden Tanz vollzieht Salome eine Art Pantomime. Sie wehrt etwas ab, was der Zuschauer nicht sieht, fällt aufs Bett, scheinbar von bösen Träumen geschüttelt, deutet ein Aufschneiden der Pulsadern an, legt schließlich Tutu und Maske ab, macht das Licht wieder an. Zu den nun folgenden rauschhaften Walzerklängen fordert sie die Gäste zum Tanz auf; alle tanzen, bis Herodes  Salomes Handgelenk beendet, indem er sie roh am Handgelenk packt und hinter die Tafel zerrt. Was dort geschieht mag sich der Zuschauer ausmalen. Als Herodes mit den Worten “Ah! Herrlich! Wundervoll, wundervoll!” wieder erscheint, bezieht sich dies nicht nur auf den Tanz der Salome. Zerraufte Haare und derangierte Kleider der Salome deuten anderes an.

Salome fordert mit versteinerter Miene ihren Lohn; in einer Silberschüssel fordert sie den Kopf des Jochanaan. Die Regieanweisungen an dieser Stelle sind „Süß, lächelnd”. Die Prinzessin, die gewohnt ist, stets zu bekommen, was sie will, bleibt unnachgiebig, als Herodes ihr das verweigern will, was sie begehrt, hat er doch damit nicht gerechnet. Salome wiederholt ihre Forderung: „Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel.” und erinnert Herodes:Du hast einen Eid geschworen, Herodes. Du hast einen Eid geschworen, vergiss das nicht.“

Herodes bietet ihr alle Schätze seines Königreiches, Salome jedoch bleibt unerbittlich. Sie wiederholt ihre Forderung, dreimal, viermal, alle seine Angebote ignorierend. Als er immer noch nicht darauf eingeht, unterstreicht sie ihren Wunsch, indem sie zunächst mit der Pistole, mit der schon Narraboth seinem Leben ein Ende bereitet hat, auf Herodes zielt, ihn in die Knie zwingt und ihm schließlich die Pistole an den Kopf hält. Ihre Forderung erklingt zum fünften und sechsten Mal: „Den Kopf des Jochanaan. Gib mir den Kopf des Jochanaan.” Inzwischen reicht es auch Herodias und sie unterstützt Salome in ihrer Forderung.

Nach der siebenten und achten Wiederholung, Salomes Pistole an der Schläfe, in Todesangst, willigt Herodes verzweifelt ein: „Man soll ihr geben, was sie verlangt! Sie ist in Wahrheit ihrer Mutter Kind!” Daraufhin zieht Herodias dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und übergibt ihn dem Soldaten, der ihn dem Henker überbringt. Als Herodes dieses bemerkt, ist er sicher, dass Unheil geschehen wird.

Salome lauscht an der Tür zum Gefängnis, es ist jedoch kein Laut zu vernehmen. Schließlich bemerkt Salome, dass der Henker sein Schwert hat fallen lassen. Sie befindet sich in einem wahren Blutrausch und schickt den Pagen hinterher mit den Worten „Es sind noch nicht genug Tote!”

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Hier bricht die Regie mit dem Libretto: Der Henker bringt nicht das Haupt des Jochanaan, wie man es aus zahlreichen Inszenierungen kennt, sondern der Prophet wird noch einmal lebend heraufgeführt. Gefesselt und mit verbundenen Augen steht Jochanaan vor Salome, die ihm vorhält „Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, Jochanaan! Wohl, ich werde ihn jetzt küssen!“ In dem folgenden Monolog tobt sich Salome noch einmal aus. Es ist nicht nur die Rache gegen Jochanaan, die sich hier entlädt, sondern auch ihr Hass auf Herodes den sie hier noch einmal richtig demütigen kann und dem sie alles heimzahlen kann, was er an ihr begangen hat.

Sie preist ihn ein letztes Mal. Dann löst sie ihr Haar und während Jochanaan aufsteht und mit der Wache abgeht, stellt sie die zentrale Frage in den Raum: „Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan? Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt! Ich weiß wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes…”

Herodes zischt seiner Frau zu „Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter!”  und, in diesem Moment bringt die Wache den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan und legt ihn vor Salome auf den Boden. Salome nimmt den Kopf auf und ist nun damit endlich am Ziel ihrer Begierden angelangt. Zu den Worten: „Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund, es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. (…) Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke… allein, was tut’s? Was tut’s? (…) Ich habe ihn geküsst, deinen Mund” , bedeckt sie seinen Mund mit Küssen.

Sie legt den Kopf wieder ab. Die Bühne fährt zurück, Salome bleibt allein auf der Vorderbühne zurück; vor ihr das Haupt des Jochanaan. Aus dem Hintergrund ertönt der Ruf des Herodes “Man töte dieses Weib!”, das Licht wird abgeblendet.   ENDE.

Was fasziniert uns so an Salome? – Wirkung und Rezeption

Salome ist seit jeher als Kunstfigur in unserer Gesellschaft verankert. Es hat sie gegeben, diese Tochter der Herodias; in der Bibel bleibt sie jedoch namenlos. Die Tochter verlangt den Kopf Johannes des Täufers als Preis für ihren Tanz um ihrer Mutter Willen, weil die verbotene Ehe zwischen Herodias und Herodes angeprangert wird.

Seit dem 6. Jahrhundert ist der „Kopf des Täufers“ auch Gegenstand der bildenden Kunst, oft in Verbindung mit Salomes Tanz. Ab dem 16. Jahrhundert wird vor allem  Salome allein mit dem Kopf des Propheten dargestellt. Salome vereint in sich die schöne, begehrenswerte Frau und die Wahnsinnige, die den abgeschlagenen Kopf in Händen hält. Später, im 19. Jahrhundert, liegt der Fokus auf Salomes Sinnlichkeit und Verführungskunst. 1877 widmete Jules Massenet dem Thema mit „Hérodiade” eine Oper. Richard Strauss´ Oper von 1905 ist nach dem Drama Salome von Oscar Wilde entstanden. 1908 hat sich noch Antoine Mariotte mit seiner Oper Salomé  an dem Stoff versucht. Durchgesetzt hat sich jedoch die Salome von Richard Strauss, nicht zuletzt wegen ihrer rauschhaften energischen Musik.

Die Komposition

Strauss selbst hat erkannt, Wildes Stück „schreie nach Musik”. Mit Salome durchbricht er zum ersten (und einzigen) Mal die Grenzen der bürgerlichen Repräsentation. Unverhüllte Erotik, die schamlose Darstellung der lüsternen Gefühle des Herodes machen diesen Stoff zu etwas Besonderem.

Strauss schafft mit seiner Harmonik und Instrumentierung eine besondere Klangwelt, die so bisher nicht vorstellbar war. Das Tonmalerische wächst über sich hinaus. Strauss hat Wildes Drama Wort für Wort durchkomponiert und verfolgt damit konsequent die von Richard Wagner entwickelte Technik des Leitmotivs. Klangfarbe in Verbindung mit den rhythmischen Elementen ist die Grundlage dieser expressionistischen Partitur. Der Komponist beherrscht die Mächte des Guten, Erlösenden und Versöhnlichen ebenso wie die des Grausens und Entsetzens, die Angst und das Bangen, all die dunklen seelischen Gewalten. Er geht auch in der Harmonie ungewöhnliche und teils „regelwidrige” Wege, entschließt sich jedoch nie ganz zur Atonalität. Lediglich im Streit der Juden mit den Nazarenern geht er in den Bereich der Bitonalität hinein.

Auch der Aufbau der Komposition ist ungewöhnlich: Ohne Vorspiel wird der Hörer direkt in die Szene geworfen mit dem Ausruf des Narraboth „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!” So führt gleich die erste Szene in den Fokus des Geschehens und der Zuschauer oder Zuhörer ist von den ersten Takten an gebannt. Eine Spannung, die sich erst in den letzten Tönen der Partitur löst.

Bei Strauss’ Musik handelt es sich nicht nur um einen hohen Schwierigkeitsgrad, sondern um eine ebenso raffinierte musikalisch-dramaturgische Struktur. Salome ist seine bis dahin fortschrittlichste Komposition. Er schreibt extrem chromatisch und legt entfernte Tonarten übereinander, ohne jedoch die Regeln der Tonalität zu missachten. Durch dieses Mittel der  Bitonalität treibt er die Personencharakteristik auf die Spitze. Ganztonskalen verleihen der Oper ein gewisses orientalisches Kolorit. Im „Tanz der sieben Schleier” unterstreicht er diese fernöstliche Atmosphäre noch zusätzlich durch den Einsatz von Xylophon, Kastagnetten, Tamtam und Tamburin.

Leitmotive und ihre Wirkung

Salome ist wie Richard Wagners Werke durchkomponiert und mit Leitmotiven versehen. Jeder Charakter wird durch verschiedene Tonfiguren beschrieben. Salomes Hauptmotiv ist durch eine verminderte Terz und parallel einsetzende Geigen-Tremoli gekennzeichnet und wird von einem 32stel-Lauf eingeleitet. In der zweiten Szene wird das Motiv erweitert. Auch Hauptmann Narraboth erhält sein eigenes Motiv, welches in den Celli erklingt. Die Aneinanderreihung von zwei großen Sexten bildet eine Undezime, wodurch sich sein großes unerfülltes Verlangen nach Salome ausdrückt.

Den Prophet Jochanaan hingegen bekommt lange fließende Melodien und bliebt dabei überwiegend im tonalen Bereich. Die Tonarten sind C-Dur, As-Dur, es-Moll. Salomes Figuren sind von kurzen Motiven mit großer Chromatik und Atonalität gekennzeichnet. Sie hat kurze Notenwerte und ihre Tonarten bewegen sich zwischen cis-Moll und A-Dur, während der Prophet im Hintergrund in Es-Dur bleibt. A und Es bilden einen Tritonus, eine übermäßige Quarte oder verminderte Quinte, ein Intervall, das als dissonant empfunden wird und traditionell für Unheil steht. Jochanaan hebt sich durch seine Melodieführung sowohl von Salome als auch von allen anderen Hauptrollen ab. Das sogenannte Prophezeiungsmotiv durchzieht alle seine Auftritte und unterstreicht seine Beschwörungen auch aus dem Hintergrund. Als Salome den Propheten zum ersten Mal gehört hat, passt Strauss ihre Tonart der des Jochanaan an und betont damit ihr Interesse am Propheten. Als sie Narraboth benutzt, vermischen sich ihre beiden Leitmotive im Orchester. Bei Jochanaans Auftritt in der dritten Szene verwendet Strauss Oboen, Englischhorn und Heckelphon und das Motiv besteht aus fallenden Quarten. Die langen Notenwerte und klaren Bewegungen werden durch Salomes Begehren mit 32stel-Auftakten und dem schon bekannten Tritonus kontrastiert. Ihr Instrument ist hier die Klarinette, oft auch die Flöte.

Das Leitmotiv zu „Ich will deinen Mund küssen” wiederholt sich immer wieder, molto appassionato nähert sich Salome Jochanaans Tonarten an, während dieser in ihrer Tonart cis-Moll endet. Im Schleiertanz wird das Motiv des Begehrens mit dem „Ich will den Kopf”-Melodie in verkürzter Form verbunden. Jochanaans Quart-Motiv wird ebenfalls bei Salome verkleinert, jedoch verzichtet der Komponist auf eine Wiedergabe des Herodes-Motivs. Salome ist gedanklich nur mit Jochanaan beschäftigt. Die chromatischen Verzierungen im Tanz-Motiv sind charakteristisch für die einleitende Oboen-Melodie. Im großen Schlussmonolog besingt Salome den Kopf des getöteten Propheten. Ihr anfängliches cis-Moll wandelt sich hier in Cis-Dur, als sie seine Schönheit preist. Man könnte eine positive Wendung vermuten.

Besonders hervorgehoben wird ihr Satz „Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.” Strauss verwendet hier alle 12 Halbtöne der Skala. Dabei fällt „Liebe” auf einen hohen und „Todes” auf den tiefsten Ton von Salomes gesamter Partie. Als sie den Kopf des Propheten küsst, erklingt im Orchester ein extrem dissonanter Zusammenklang aus ais, c, disis, eis, fis und a, welcher Liebe und Grausamkeit zugleich widerspiegelt.

Musikalische Interpretation

Es lässt sich denken, dass diese Partitur von Richard Strauss besondere Anforderungen an das Orchester wie an die Solisten stellt. Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Tomás Netopil interpretieren diese anspruchsvolle Aufgabe sicher und mit großer Verve. Der geräumige Orchestergraben des Aalto-Theaters erlaubt eine großzügige Streicherbesetzung (14-12-10-8-6), wobei Strauss eine 16er-Besetzung vorgesehen hatte, und vierfaches Holz. Besonders hervorzuheben sind hier die Klarinetten und die Soloflöte sowie die hervorragende Horngruppe. Die Dynamik ist stets so, dass alle Solisten gut über das Orchester kommen, was in anderen Aufführungen an anderen Häusern in dieser Spielzeit nicht immer der Fall war (vgl. hier link: Die Rezension der Salome der Deutschen Oper Berlin).

Netopil ist stets aufmerksam an den Sängern und nimmt, falls notwendig, das Orchester behutsam zurück, ohne dadurch an Dramatik oder Expression zu verlieren. Hauptgrund, diese Inszenierung der Salome zu besuchen, war für die Rezensentin die Besetzung der Salome mit der niederländischen Sopranistin Annemarie Kremer, die bereits in Hannover in der Titelrolle begeistert und überzeugt hat. Kremer passt sich unterschiedlichen Inszenierungen an, behält jedoch stets eine eigene sehr starke Färbung der Rolle, die neben ihren stimmlichen auch ihre großen darstellerischen Fähigkeiten unterstreicht.

In der Inszenierung von Mariame Clément entwickelt sie sich vom genervten verwöhnten Töchterchen zur femme fatale und schließlich zum berechnenden eiskalten Racheengel. Ihr Ausdruck an Stellen wie „Gib mir den Kopf des Jochanaan!” lässt den Zuhörer den Atem anhalten und die Temperatur im Raum gefühlt um drei Grad absinken.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Annemarie Kremer ist so in der Rolle und ihr dramatischer Sopran passt so gut zu Strauss’ Musik, dass es eine große Freude ist, sich von ihr in diese schwelgende rauschhafte Klangwelt entführen zu lassen. So wundert es nicht, dass Annemarie Kremer seit ihrem Salome-Debüt an der Wiener Staatsoper 2011 mit dieser Rolle an verschiedenen Theatern weltweit Erfolge feiert, u.a. in Sao Paulo, Moskau, Hong Kong und Neapel. Ihre Stimme ist leuchtend und von großer Strahlkraft in der Höhe, aber auch voll und mezzohafte warm bis hin zu den tiefen Tönen. Zusammen mit ihrem intensiven Spiel begeisterte sie in der letzten Vorstellung der Spielzeit noch einmal das Publikum.

In der Rolle ihrer Mutter Herodias besticht Marie-Helen Joel. Die in Aachen geborene Mezzosopranistin wechselte 2009 aus Bonn ans Aalto-Theater. Mit silbergrauer Frisur im Stile Marilyn Monroes und altrosa Abendkleid überzeugte sie schon optisch würdevoll als Königin. Ihr gut geführter Mezzo und ihre hohe Textverständlichkeit führten den Fokus immer wieder zu ihr, auch wenn sie von der Regie manchmal etwas fremdartig am Rand platziert wirkte.

Herodes wurde verkörpert von Jeffrey Dowd. Der in New York geborene Tenor ist seit 1994 Ensemblemitglied am Aalto-Theater und war dort bereits in großen Wagner- und Strausspartien zu erleben, u.a. als Parsifal, Lohengrin, Stolzing und Kaiser in Frau ohne Schatten. Mit großer Spielfreude verlieh er dem lüsternen Tetrarchen bisweilen komische Züge ohne jedoch lächerlich zu wirken.

Heiko Trinsinger gab den Jochanaan. Der Bariton wurde in Dresden geboren und war dort von 1979 bis 1987 Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Nach Engagements in Hamburg, München, Bonn, Kassel, Wiesbaden, an der Wiener Volksoper u.v.m. ist er seit 1999 Ensemblemitglied des Aalto-Theaters, wo er in zahlreichen großen Rollen seines Fachs zu erleben war. Trinsinger verkörpert glaubhaft den Propheten, der die Prinzessin in ihrem unerhörten Ansinnen immer und immer wieder zurückweist. Seine Stimme erklingt aus dem Gefängnis in der Unterbühne oder aus den Rängen durchdringend und mahnend mit vollem warmem Bariton.

Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt. So wird diese Salome zu einem insgesamt äußerst erfreulichen Opernerlebnis, welches das begeisterte Publikum mit anhaltendem Beifall und stehenden Ovationen honoriert.

Salome am Aalto – Theater, Essen: weitere Vorstellungen 19.1.; 27.1.; 10.3.2019

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Essen, Aalto Theater, Hans Heiling – Heinrich Marschner, IOCO Kritik, 23.05.2018

Mai 23, 2018 by  
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HANS HEILING – Romantische Oper von Heinrich Marschner

           – Endspiel der Ruhrgebietsbarone –

Von Albrecht Schneider

Haareschneiden und Tortebacken: sprich Friseur und Konditor gelten zu Recht als rechtschaffene Berufe. Freilich fehlt ihnen jener Nimbus, der dem genauso rechtschaffenen des Bergmannes anhaftet. Dessen Arbeitsplatz entzieht sich den Blicken der Normalbürgerlichen, da er tief unter der Erdoberfläche liegt. „Untertage“ ist der sinnige Begriff für den geheimnisvollen wie bedrohlichen Ort, vor dem der Kumpel die Kohle aus dem Gestein schlägt. Und woher sein Rang als besonderer Malocher rührt.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Dieses Schauplatzes hat sich die Romantik um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemächtigt. Allerdings weniger um den Abbau von Erdschätzen zu poetisieren, vielmehr eignete sich dessen Finsternis und Abgründigkeit trefflich als Sinnbild für Außerweltlichkeit und zudem die dunklen Tiefen der menschlichen Seele. Des Dichters Novalis >Heinrich von Ofterdingen< stößt in einem Bergwerksstollen auf eine Schrift seiner gegenwärtigen wie künftigen Lebensgeschichte, ohne sie entziffern zu können, und für E.T.A. Hoffmanns Jüngling >Elis Fröbom< bietet das Bergwerk von Falun zugleich höchste Beglückung und tiefsten Jammer; es reflektiert den wirren, schier somnambulen Gemütszustand einer hochromantischen, sehr „hoffmannesken“ Figur.

 – Der Berg ruft nicht mehr –

Mit dem Einzug des Christentums im Germanenland hatten die alten Götter ihr Aufenthaltsrecht bei den Menschen verspielt, weshalb aus diesem Ensemble die Liebesgöttin Venus in den Hörselberg emigrierte. Bei ihr wohnte später bekanntlich eine Zeitlang der Sänger Tannhäuser, den sein lüsternes Fleisch aufgrund kurzfristiger Suspendierung frommerer Denkarten dorthin getrieben hatte. Von Richard Wagner wurde dessen Glück und Elend in Musik gesetzt. Der Sage nach wartet auch Kaiser Barbarossa tief im Berg Kyffhäuser bald ein Jahrtausend auf den Ruf zur Rettung des deutschen Vaterlandes, weswegen ihm mittlerweile ein sehr, sehr langer Bart gewachsen ist. Eigentlich nimmt es Wunder, wie eine nach vorgestern sich sehnende und hinstrebende Politik mit ebenfalls langem Bart ihn nicht längst zu nämlichem Zwecke herbeibefohlen hat.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Nicht Wunder nimmt es, wenn seinerzeit ein demgemäßer Stoff den Musiker Heinrich Marschner (1795–1861) zu der Oper Hans Heiling anregte. Der Komponist amtiert in der Musikhistorie als der Platzhalter zwischen den Großköpfen C.M. v. Weber und Richard Wagner. Wie ein „abgebrochener Riese“ wirke er, hat einmal leicht spitz der Philosoph Ernst Bloch geschrieben. Die Bezeichnung „Kleinmeister“ wird ihm wohl eher gerecht. Er schrieb an die zehn Opern, gekonnte Kapellmeistermusik, bisweilen durchaus von eigener musikszenischer Qualität, aber letztlich stand und steht er immer im Schatten seines Vorbildes und Vorgängers in Dresden C.M. von Weber.

Der Namensträger seines bekanntesten Opus’, Hans Heiling, ist Mitregent im Reich seiner dominanten Mutter, der Königin aller Erdgeister, die tief unten im Gebirge herrscht, und wo in ihrem Dienst jene emsigen Spukgestalten Edelsteine und Erze aus dem Berg hacken. Ihren Boss Hans indessen zieht es neuerdings an die Erdoberfläche, weil es ihm dort nach der schönen Anna gelüstet. Das Fräulein ist ihm versprochen, und mit ihr als Ehefrau möchte er fortan das der Wissenschaft gewidmete stille Leben eines Privatgelehrten führen. Seine Mutter hingegen mitsamt der unterirdischen Belegschaft will den Kronprinzen keinesfalls missen, weshalb sie ihn alle vehement zum Verzicht auf derlei kontraproduktive Absichten drängen. Vergeblich. Er bleibt stur und verlässt das dunkle Reich zugunsten einer lichten Gelehrtenstube. Seine Verbindung mit der Gattin in spe entwickelt sich ganz und gar nicht nach seinem Geschmack: diese ist der Heiterkeit des Dasein und darüber hinaus auch noch dem jungen Konrad, einem wesentlich fideleren Jägerburschen, mehr zugetan, als es ihrer ohnehin nicht sonderlich innigen Beziehung zu dem etwas philiströsen Erdgeistköniginnensohn dienlich wäre. In die mischt sich überdies seine Mutter ein, indem sie gemeinsam mit ihrer Geisterscharen der darob verschreckten Anna üble Tage prophezeit, sofern diese nicht den Herrn Sohn umgehend >aus dem Netz der Liebeszauberei< lösen sollte.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Der in sie vernarrte Geisterfürst Heiling will mitnichten von der Braut lassen, muss aber nach verbalen wie handgreiflichen Balgereien mit den Einheimischen erkennen, dass ihm Konkurrent Konrad bei der Jungfrau längst den Rang abgelaufen hat. Schwer gekränkt wegen der desertierten Verlobten zitiert er seine alten Gebirgsdämonen zu sich und stimmt sie auf Heimzahlung der Schmach ein. Bloß bevor er auf seinem Rachefeldzug sein Mütchen an den gerade getrauten Anna und Konrad zu kühlen vermag, erscheint die Geisterfürstin und gebietet Mäßigung. Der brave Filius Hans Heiling gehorcht, entsagt der Ehe wie der Rache und verschwindet für immer im Berg, das junge Paar in einer friedfertigeren Zukunft. Die leidvolle Affäre hat ihr Happy End.

Des Industriezeitalters Energie lieferte von Anfang an die Kohle. In diesem Jahr 2018 geht deren Abbau im Ruhrgebiet mit der Schließung der letzten zwei Zechen definitiv zu Ende. Von ihr verabschiedet sich das Revier allenthalben mit ihr gewidmeten Ausstellungen. So auch in Essen.

Für das einheimische Aalto-Musiktheater mag dieses Finale mit ein Grund dafür gewesen sein, die Partitur Hans Heiling hinten aus dem Archiv  zu holen und die alte böhmische Sage zeitnah als Blick auf das Tun und Lassen einer Industriellenfamilie zu inszenieren. Aus dem banal biedermeierliche Libretto des Sängerschauspielers Eduard Devrient (1801-1877) formt der Regisseur (Andreas Baesler) durch Wort (Hans-Günter Papirnik), Bild (Harald B. Thor), Kostüm (Gabriele Heimann) und Licht (Stefan Bolliger) einen teils wehmütigen, teil heiteren, jedenfalls stets stimmigen Abgesang auf Arbeit, Herrschaft, Architektur, Kultur und eben solche „Typen“, die gemeinsam des Reviers, des (Ruhr-) Potts Charakter bestimmten. Und, wenngleich reduziert, noch bestimmen.

Da wir nun einmal in dessen Hauptstadt, in Essen, sind, findet das Vorspiel der Oper in einem der Villa Hügel, dem hiesigen Stammsitz der Kruppdynastie, nachempfundenen Interieur statt. Der Konzernherr Hans Heiling (Heiko Trinsinger) will das Unternehmen verlassen, um das Mädchen Anna von einfacher Herkunft zu ehelichen. Das geht seiner Mutter, der Patriarchin der Firma (Rebecca Teem, in Maske und Gestus eine Kopie der seligen, einst einflussreichen und mitbestimmenden Berta Krupp), gehörig wider den Strich. Und die übrige Führungsetage mault im Chor mit den Kumpels seinetwegen nicht minder heftig. Allein der Verliebte ist von dem Vorhaben nicht abzubringen und macht sich auf den Weg in das neue Leben.

Die Reise dorthin vollzieht sich musikalisch in der Ouvertüre. (Diese erst dem Prolog folgen zu lassen, war eine dramaturgische Erfindung Heinrich Marschners). Nach deren Ende empfängt der Hans in einem schicken Salon der Fünfzigerjahre Braut Anna (Jessica Muirhead) und die zukünftige Schwiegermutter Gertrude (Bettina Ranch). Letztere offenbart sich als eine gleichermaßen mächtige Übermutter, die aus wohlverstandenen ökonomischen und sozialen Gründen das Verlöbnis um nichts in der Welt scheitern sehen möchte.

Nur will das Verhältnis zwischen dem Großindustriellen und dem Kleinbürgerfräulein ebenso wenig recht gedeihen wie das ursprüngliche zwischen dem Menschenmädchen und dem Erdgeisterkönig. Auch jetzt kommt ihm der Jüngling Konrad (Jeffrey Dowd) ins Gehege, das er eigentlich ausschließlich mit seiner Herzensdame bewohnen möchte. Auch jetzt sind letztlich die zwei Sphären, einst das gefährlich Dämonische und das harmlos Irdische, nunmehr die der gesellschaftlichen Macht und die der Ohnmacht, nicht miteinander vereinbar.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Ausgetragen wird der Dissens weit weg von den Originalschauplätzen wie Erdinnerem, Schenkengarten, wilder Gebirgsgegend und Bergkapelle. Stattdessen nachgerade in der Kapitalistenvilla und auf der Zeche, im Stadtpark, und in der Wohnküche mit Schwarzweißtelevision und Kohlenherd. Zuletzt dann auf einem Grubengelände mit Förderturm als Hintergrundprospekt.

Das sind alles jeweils wunderbar stimmige Bilder. Milieugerecht, wenn eine Bergmannskapelle (siehe Foto, Bergwerksorchester Consolidation) in der Waschkaue der Zeche das Steigerlied intoniert oder sich in Gertruds Küche Heiling und Konrad fetzen, gar gespenstisch, wenn im vernebelten Stadtpark Clanchefin Berta „dat Anneke“ mit Drohungen zwingen möchte, ihren Hans laufen zu lassen. Dem ist mittlerweile klar geworden, dass ihm die Braut abhanden gekommen ist, doch die Schmach will er nicht auf sich sitzen lassen. Im großen Finale, nach der Trauung Annas und Konrads, macht er Anstalten, sie zu erschießen, einzig die beizeiten anrückende Mutter Berta weiß das zu verhindern. Seelisch und körperlich zerrüttet, sinkt er entkräftet und entnervt zu Boden, vermag indessen noch die zuvor ausgelegten Sprengsätze zu zünden. Im Hintergrund stürzt der Förderturm, fällt das Grubengebäude in sich zusammen. Aus ist es mit dem Bergbau. Und mit dem Hans Heiling. Mitnichten ein Happy End.

Dirigent Frank Beermann lockt mit den allzeit wachen und vortrefflich aufspielenden Essener Philharmonikern aus der von Einfällen nicht gerade überlaufenden und nicht unbedingt farbenreichen Partitur alles das heraus, was darinnen steckt. Und, wie man zu hören meint, auch manches mehr. Das Primat der SängerInnen lässt er unangetastet, von ihnen allen wird exzellent gesungen und mit Verve gespielt. Ein perfektes Solisten-ensemble, in das sich der Chor gleichrangig einfügt.

Mit Ausstieg und Fall des Hans Heilung gedenkt das Aalto Theater zu Essen des Endes der Zechen und des Exitus ihrer Dynastien.   Der Gruß GLÜCKAUF wird bleiben.

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Essen, Aalto Musiktheater, Tristan und Isolde von Richard Wagner, 25.02.2017

Februar 3, 2017 by  
Filed under Aalto Theater Essen, Oper, Pressemeldung

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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen / Tristan und Isold © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Tristan und Isold © Matthias Jung

 Tristan und Isolde  von Richard Wagner

 25. Februar 2017 18 Uhr – 5.3.2017, 18.3.2017

Tristan und Isolde ist eine Fuge der Sinne“, sagt der australische Regisseur Barrie Kosky über seine gefeierte Essener Inszenierung der bedeutenden Wagner-Oper, die jetzt wieder am Aalto-Theater zu sehen ist. Nach der Wiederaufnahme am Samstag, 25. Februar 2017, um 18 Uhr folgen zwei weitere Vorstellungen am 5. und 18. März. Neben der ensembleeigenen Besetzung von Jeffrey Dowd als Tristan darf man auf das Aalto-Debüt der Sopranistin Dara Hobbs als Isolde gespannt sein. In den letzten Jahren hat sie diese Partie an unterschiedlichen Häusern sehr erfolgreich gesungen und wurde auch für weitere Wagner-Interpretationen mit viel Lob bedacht (FAZ: „Eine fantastische Brünnhilde“). Zum ersten Mal am Essener Opernhaus dirigieren wird Frank Beermann, den die Kulturjournalistin Eleonore Büning kürzlich als einen „der besten Wagner-Dirigenten weit und breit“ bezeichnet hat.

Zum Inhalt: Tristan bringt Isolde zu seinem Onkel und Herrn König Marke, der sie heiraten will. Tristan, der einst Isoldes Verlobten erschlagen hat, liebt die junge Frau, und sie liebt ihn. Nur ein Gifttrank scheint die Lösung zu sein. Doch statt des todbringenden Getränks nehmen sie (versehentlich) einen Liebestrank zu sich – das Drama nimmt seinen Lauf … die Liebe kann ihre Erfüllung erst im Tod finden.

Tristan und Isolde Wiederaufnahme Samstag, 25. Februar 2017, 18:00 Uhr, Aalto-Theater Weitere Vorstellungen 5., 18. März 2017, Aalto-Theater Essen,

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

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