Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, 2017/18: – 280 Vorstellungen – Reiche Kontraste, IOCO Aktuell, 06.05.2017

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 19 Premieren – Große Kontraste – Jugendfocus

Rheinoper Duesseldorf / Intendant Christoph Meyer © Susanne Diesner

Rheinoper Duesseldorf / Intendant Christoph Meyer © Susanne Diesner

Die Deutsche Oper am Rhein ist eine Theatergemeinschaft; Spielstätten sind das Opernhaus Düsseldorf (1.342 Plätze) und das Theater Duisburg (1.079 Plätze). Mit über 280 Vorstellungen, 240.000 jährlichen Besuchern, 172.000 in Düsseldorf und 68.000 in Duisburg ist die Rheinoper seit vielen Jahren zentraler Kulturträger der Region. Rund 600 Beschäftigte, ein starkes Sängerensemble und die prämierte Tanzcompagnie Ballett am Rhein bilden die Grundlage für das reiche Kulturangebot der Rheinoper. Der Etat der Rheinoper beträgt €48 Mio., €38,5 Mio Zuschüsse kommen von Stadt und Land (Düsseldorf €27 Mio, Duisburg €9,6 Mio, NRW € 1,8 Mio). Intendant Christoph Meyer leitet das Haus seit 2009.

Mit sieben Opernproduktionen und fünf neuen Ballettprogrammen setzt die Deutsche Oper am Rhein die großen Akzente in der Spielzeit 2017/18. 19 Premieren und über 280 Vorstellungen in Düsseldorf und Duisburg bilden spannungsreiche Kontraste zwischen Schlüsselwerken des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, zeitgenössischen Stücken und Uraufführungen.

Oper am Rhein

Nach langer Vorbereitung wird die Neuinszenierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen jetzt konkret: Dem Auftakt mit Das Rheingold (Premiere 4.11.2017 in Duisburg) lässt die Deutsche Oper am Rhein in der Regie von  Dietrich W. Hilsdorf Die Walküre (Premieren 28.1.2017 Düsseldorf, 31.5.2018 Duisburg), Siegfried (Premiere 7.4.2018 Düsseldorf, 26.1.2019 Duisburg) und, erst 2018/19, die Götterdämmerung  (27.10.2018 Düsseldorf, 5.5.2019 Duisburg) folgen. Generalmusik­direktor Axel Kober – regelmäßiger Gast bei den Bayreuther Festspielen – erarbeitet den neuen „Ring am Rhein“ mit beiden Orches­tern, den Düsseldorfer Sym­pho­­nikern und den Duisburger Philharmonikern, so dass Der Ring mit unterschied­lichen Sängerbesetzun­gen bis zum Sommer 2019 sowohl im Opernhaus Düsseldorf als auch im Theater Duisburg zur Aufführung kommt.

Rheinoper Duesseldorf / GMD Axel Kober © Susanne Diesner

Rheinoper Duesseldorf / GMD Axel Kober © Susanne Diesner

Ganz bewusst stellt Generalintendant Christoph Meyer dem Opus summum des 19. Jahrhunderts ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts gegenüber: Regiestar Stefan Herheim bringt Alban Bergs Wozzeck in Düsseldorf auf die Bühne, Premiere 20.10.2017. Der Norweger, der inzwischen drei Mal zum Opernregisseur des Jahres gekürt wurde und in Düsseldorf bereits mit seiner Inszenierung von Händels Xerxes begeisterte, setzt das um Verbrechen, Schuld und Strafe kreisende Drama mit erstklassigen Solisten wie Bo Skovhus (Wozzeck), Camilla Nylund (Marie), Matthias Klink (Hauptmann) sowie Corby Welch (Tambour­major) und Sami Luttinen (Doktor) unter der musikalischen Leitung von Axel Kober in Szene.

Rheinoper Duesseldorf / Don Pasquale © Hans Joerg Michel

Rheinoper Duesseldorf / Don Pasquale © Hans Joerg Michel

Im Zentrum des italienischen Opernrepertoires der kommenden Spielzeit steht die Neuproduktion von Gaetano Donizettis Maria Stuarda (Premiere 15.12.2017 in Duisburg) durch den flämischen Regisseur Guy Joosten,  der sich damit nach Verdis Don Carlo erneut dem historischen Stoff eines Schiller-Dramas widmet. Musikalisch geleitet von Lukas Beikircher geben Olesya Golovneva (Maria Stuarda) und Sarah Ferede (Elisabetta I.) ihre Rollendebüts im Machtkampf der englischen Königin und ihrer schottischen Halbschwester. Puccinis Madama Butterfly (Regie: Joan Anton Rechi) kommt nach ihrer erfolgreichen Premiere in Duisburg am 18.11.2017 auf die Düsseldorfer Bühne, während Donizettis Don Pasquale, die Opernstar Rolando Villazón gerade in Düsseldorf in Szene setzt, in der kommenden Spielzeit erstmals in Duisburg zu erleben ist, Premiere 22.2.2018.

 Rheinoper Duesseldorf / Die Zauberfloete © Hans Joerg Michel

Rheinoper Duesseldorf / Die Zauberfloete © Hans Joerg Michel

Nach der Kult-Inszenierung von Mozarts Zauberflöte präsentieren die Bilderzauberer der britischen Theater­gruppe „1927“ ihre zweite Opernproduktion: Mit Petruschka von Igor Strawinsky und L’Enfant et les Sortilèges von Maurice Ravel haben sie zwei Werke gewählt, die ihren Ursprung im Paris des frühen 20. Jahr­hunderts haben und sich für das einzigartige Zusammenspiel von Animation und live agierenden Darstellern bestens eignen. Marc Piollet übernimmt die musikalische Leitung.

Mit der Plattform Regie bietet die Deutsche Oper am Rhein ihren Spielleitern und Nachwuchsdirigenten ein Experimentierfeld zur Auseinandersetzung mit kaum bekannten Opernraritäten: Kinga Szilágyi und Volker Böhm präsentieren zwei Einakter aus verschiedenen Stilepochen, die auf antiken Stoffen basieren und von Irrwegen der Liebe handeln: Pygmalion, Premiere 22.4.2018 in Duisburg, das erste Bühnenwerk des späteren Belcanto-Meisters Gaetano Donizetti trifft auf Bohuslav Martinu klangmächtigen Einakter Ariadne. Ville Enckelmann und Jesse Wong dirigieren die Duisburger Philharmoniker.

Aus dem Opernrepertoire von 30 Werken stechen in dieser Spielzeit zwei Stücke ganz besonders hervor: Stilbildend waren die Inszenierungen und Bühnenbilder von Jean-Pierre Ponnelle, der mit über 300 Produk­tionen Operngeschichte geschrieben hat. Eine von ihnen, Gioacchino Rossinis Komödie La Cenerentola, (WA 17.9.2017 in Düsseldorf) befindet sich seit 1974 im Repertoire der Deutschen Oper am Rhein. Zwölf Jahre nach der  letzten Aufführung kehrt sie – liebevoll und detailgetreu aufbereitet – zum Saisonstart auf die Bühne des Düsseldorfer Opernhauses zurück. Benjamin Brittens Oper Peter Grimes, (WA 6.5.2018 in Duisburg, 29.6.2918 in Düsseldorf)) die 2009 die Intendanz von Christoph Meyer eröffnete, ist in der eindrucksvollen und vielbeachteten Inszenierung von Immo Karaman im Frühjahr 2018 erneut in Duisburg und Düsseldorf zu erleben.

Theater Duisburg © Hans Joerg Michel

Theater Duisburg © Hans Joerg Michel

Junge Oper am Rhein

Zwei Familienopern auf den großen Bühnen zeigen den hohen Stellenwert der Jungen Oper am Rhein:  Wäh­rend Oliver Knussens fantastische Familienoper Wo die wilden Kerle wohnen empfohlen ab 6 Jahren) in Düsseldorf zu sehen ist (Premiere 4.2.2018), kommt Gerald Reschs Oper Gullivers Reise (Premiere 3.10.2017 in Duisburg) empfohlen ab 8 Jahren) nach ihrer Uraufführung in Dortmund im Theater Duisburg auf die Bühne. Die Premiere ist der Höhepunkt des Maus-Türöffner-Tages am 3. Oktober: Malte Arkona gibt spannende Theater-Einblicke am bundesweiten Aktions­tag der Sendung mit der Maus. Der beliebte KiKA-Moderator und Pate der Jungen Oper am Rhein spielt auch die Hauptrolle im neuen „Opernbaukasten“: In Folge 3 lädt er mit Solisten aus dem Ensemble und großem Orchester zu einem witzig-turbulenten Streifzug durch die Welt der Oper ein.

Projekte, in denen sich Kinder und Jugend­liche künstlerisch-praktisch mit Oper und Ballett auseinander­setzen, sind ebenso wichtig wie die intensive Vermitt­lungs­arbeit der Jungen Oper am Rhein: Mit Workshops in Schulen, praxisorientierten Werkstätten, Patenprojekten oder Vorstellungs­besuchen mit den „Operntestern“ richtet sich das vielfältige Angebot an Kinder und ihre Familien, Schüler, Lehrer und junge Erwachsene.

Ballett am Rhein

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein Compagnie © Gert Weigelt

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein Compagnie © Gert Weigelt

Mit acht Uraufführungen und zehn Neueinstudierungen macht das Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg neugierig auf die kommende Saison. Gleich zwei neue Kreationen präsentiert Martin Schläpfer mit seiner Choreographie Roses of Shadow zur Auftragskomposition von Adriana Hölszky und seiner Schwanensee Interpretation. Erstmals erarbeitet der aus der Freien Tanzszene bekannte Choreograph Ben J. Riepe mit dem Ballett am Rhein ein Stück: Environment ist im Programm b.35 zu erleben – ebenso wie die Uraufführung Abendlied von Remus Sucheana (beide Premieren 27.4.2018 in Düsseldorf). Meisterwerke von George Balanchine, Jerome Robbins, Hans van Manen, Marco Goecke, Kurt Jooss und Ohad Naharin definieren überdies die Programme b.29 bis b.36.

Mit b.29 eröffnet am 23.9.2017 ein Programm in Düsseldorf die Ballettsaison, das in der vergangenen Spielzeit im Theater Duisburg für große Begeisterung sorgte: Mozartiana, das letzte große Werk von George Balanchine zur gleichna­mi­gen Suite von Peter I. Tschaikowsky, ist eine Hommage an die Schönheit des Tanzes. Dem gegenüber stellt Martin Schläpfer sein Konzert für Orchester zur gleichnamigen Komposition von Witold Lutoslawski. In rastloser Bewegung, getragen von äußerster Spannung und Kraft, spiegeln sich in seiner Choreographie Zerrbilder einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint. Jerome Robbins The Concert ist eine hinreißend komische Liebeserklärung an den Tanz. Als groteske wie liebevolle Persiflage auf die Riten beim Besuch eines Konzerts und schonungsloser Blick auf alles, was bei einer Ballettauf­führung schief gehen kann, nimmt es Publikum wie Protagonisten gleichermaßen unter die Lupe. Mitakteur und einfühlsamer Pianist ist der israelische Künstler Matan Porat, die musikalische Leitung hat Wen-Pin Chien.

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein Chef Martin Schlaepfer © Gert Weigelt

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein Chef Martin Schlaepfer © Gert Weigelt

Die Duisburger Ballettsaison beginnt am 14.10.2017 mit einem abendfüllenden Stück, das Martin Schläpfer als letzte Neukreation der laufenden Spielzeit im Opernhaus Düsseldorf vorstellt: Petite Messe solennelle in b.32 zu Gioacchino Rossinis gleichnamiger Messe für vier Solisten, Chor, zwei Klaviere und Harmonium ist ein Alterswerk und eine Sakralmusik, die unverkennbar vom Einfallsreichtum und Stil des Opernkomponisten Rossini geprägt ist. Das Spannungsfeld zwischen den großen Fragen des Menschseins und den Irrsinnigkeiten der Opera buffa bereitet Schläpfers Tanzkunst einen reichen Boden für eine Uraufführung, mit der er auch seine Zusammen­arbeit mit Solisten und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein fortsetzt, musikalische Leitung Gerhard Michalski. Reprisen in Düsseldorf ab 22.11.2017.

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein - b.32 © Gert Weigelt

Rheinoper Duesseldorf / BallettamRhein – b.32 © Gert Weigelt

Als Fortsetzung der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Adriana Hölszky hat die Auftragskomposition und Uraufführung Roses of Shadow im Programm b.33 (Premiere Düsseldorf am 16.12.2017) für Martin Schläpfer ein besonderes Gewicht. Anders als bei DEEP FIELD erarbeiten beide dieses Mal bewusst kein abendfüllendes Stück, sondern ein kammermusika­lisch besetztes Format, das eine andere Seite der Komponistin zum Leuchten bringt und für Martin Schläpfer neue Kreationsräume öffnet. Der Duisburger Künstler Marcus Spyros Bertermann gestaltet Bühne und Kostüme, die musikalische Leitung hat erneut Wen-Pin Chien. Gerahmt wird die Uraufführung von zwei Klassikern der Moderne: Stravinsky Violin Concerto von George Balanchine und Polish Pieces von Hans van Manen.

b.34, Premiere am 2.2.2018 in Duisburg, spannt mit Schläpfers Appenzellertänze, Marco Goeckes Le Spectre de la Rose und Der Grüne Tisch von Kurt Jooss einen thematisch und stilistisch weiten Bogen. Die im Jahr 2000 für das ballettmainz kreierten Appenzellertänze zeichnen ein rührendes, aber auch bitterböses Bild über die Menschen und deren Bräuche in der hügeligen Gegend der Ostschweiz, in der Martin Schläpfer aufwuchs. Nach der legen­dären Vorlage von Mikhail Fokin gestaltete Marco Goecke 2009 seine eigene Version von Le Spectre de la Rose und schuf in der für ihn typischen vibrierenden Tanzsprache eine beeindruckende Neuinterpreta­tion. Zu den bedeutendsten und bühnenwirksamsten Meisterwerken des drama­tischen Tanztheaters zählt Der Grüne Tisch von Kurt Jooss – einstudiert vom Ballett am Rhein wurde es in der Spielzeit 2015/16 bereits im Düsseldorfer Opernhaus gefeiert und ist nun im Theater Duisburg zu erleben.

Als Programm mit zwei Uraufführungen und zudem als erste Zusammenarbeit mit einem Künstler, der bisher ausnahmslos in der Freien Tanzszene tätig war, zeigt sich b.35 Premiere 27.4.2018 in Düsseldorf, radikal gegenwärtig. Eröffnet wird es mit Decadance, einem Work in Progress, in dem der israelische Choreograph Ohad Naharin„Mr. Gaga“ – seit vielen Jahren mit Ballettcompagnien auf der ganzen Welt eigene Akzente in seiner berühmten Tanzsprache erarbeitet. Environment nennt Ben J. Riepe seine Uraufführung und betritt mit ihr erstmals den Boden einer klassischen Ballettcompagnie. Der für seine eigensinnige künstlerische Sprache zwischen Tanz, Performance und Bildender Kunst bekannte frühere Folkwang-Student widmet sich in seinem Werk den Grenzen und Möglich­kei­ten des Körpers und der polarisierenden Haltung zwischen „Körper-Haben“ und „Körper-Sein“. Mit Abendlied stellt Remus Cucheanc eine neue Kreation zu einem Trio von Franz Schubert vor. Nach seinem Concerto grosso Nr. 1 wählt er die intime Besetzung des Klaviertrios als musikalische Basis für ein Werk über Liebe und Vertrauen in einer durch Gewalt und Zerstörung geprägten Zeit.

Das berühmteste Ballett aller Zeiten kommt, endlich – spät, im Programm b.36 im Opernhaus Düsseldorf auch zur Aufführung, Premiere 8.6.2018: Schwanensee zur Musik von Peter I. Tschaikowsky unter der musikalischen Leitung von Axel Kober. Die Geschichte um den Prinzen Siegfried, der sich in die in einem bösen Zauber gefangene Schwanenkönigin Odette verliebt, hat seit ihrer Uraufführung 1877 am Moskauer Bolschoi-Theater zahlreiche Deutungen erfahren, als deren  Inbegriff bis heute Marius Petipas und Lew Iwanows legendäre St. Petersburger Choreographie aus dem Jahre 1895 gilt. Mit großer Spannung wird nun Martin Schläpfers eigene Interpretation mit dem Ballett am Rhein erwartet.

In der dritten Ausgabe der Plattform Choreographie Young Moves, Premiere 30.6.2018 in Duisburg, bekommen Nachwuchskünstler des Balletts am Rhein erneut Gelegenheit, eigene Stücke auf die Bühne zu bringen: Feline van Dijken, Sonia Dvorák, Virginia Segarra Vidal und Eric White präsentieren im Theater Duisburg in einer gemeinsamen Premiere zum Saisonabschluss ihre choreographische Kreativität.

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

 

Barbara Miszel Giardini – In Gedenken an die polnische Mezzosopranistin, IOCO Portrait, August 2014

August 27, 2014 by  
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Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv, Foto: Luxardo (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv, Foto: Luxardo (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini –
Mezzosopran mit 81 Jahren gestorben

“Eine Stimme mit überwältigender Ausdruckskraft, sowohl in dramatischen als auch lyrischen Rollen” (Düsseldorfer Nachrichten)

Eine bescheidene Diva mit großartiger Stimme ist tot. Die polnische Mezzosopranistin Barbara Miszel Giardini starb vergangene Woche im Alter von 81 Jahren in Berlin. Die Sängerin wurde in Opernhäusern in ganz Europa für ihre Interpretationen so unterschiedlicher Rollen gefeiert, wie Bizets Carmen, die Titelrolle von Rossinis „La Cenerentola”, oder die Judith in Honeggers hochgelobtem gleichnamigen Werk. Die wenigen Aufnahmen, die von diesem außergewöhnlichen Mezzosopran existieren, zeugen von der Wärme und Schönheit ihrer Stimme, genauso wie von ihrer großen Kunst.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: F. Klichè (CENERENTOLA)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: F. Klichè (CENERENTOLA)

Zahlreiche Opernkritiker haben auf Miszel Giardinis exquisite Stimme hingewiesen, aber auch ihrer tadellosen Technik applaudiert, die es ihr erlaubte nicht nur dramatisches Repertoire mit großer Intensität zu singen, sondern auch virtuose Koloraturpassagen sehr klar und präzise auszuführen – etwas, was nur wenigen Sängern und Sängerinnen gegeben ist.

Die große italienische Mezzosopranistin Gianna Pederzini – eine der meist gefeierten Carmen des 20. Jahrhunderts – sagte 1984 in einem Interview über ihre Kollegin: “Miszel besitzt eine der außergewöhnlichsten Stimmen.“ Und die Düsseldorfer Nachrichten lobte ihre Stimme für „überwältigende Ausdruckskraft sowohl in dramatischen als auch lyrischen Rollen“.

Barbara Miszel Giardini wurde 1932 in Lemberg im damaligen Polen – heute Ukraine – geboren. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges zog ihre Familie nach Warschau. Dort war sie Zeugin des Elends im Warschauer Ghetto und der Zerstörung ihrer geliebten Stadt während der Nazi-Besatzung Polens. Ihr ganzes Leben lang erinnerte sie sich häufig an ihre schrecklichen Kindheitserfahrungen in Warschau.

Die junge Barbara wollte zunächst Medizin studieren, aber eine zufällige Begegnung führte dazu, dass sie vorsang, um an der Musikhochschule Fryderyk Chopin in Warschau Gesang zu studieren. Sie bekam den Platz und beendete ihr Studium offenbar mit großem Erfolg. Nur drei Jahre später gewann sie den ersten Preis beim angesehenen Nationalen Sängerwettbewerb in Warschau.

Es folgte eine Reihe von Aufnahmen für den polnischen öffentlich-rechtlichen Sender Polskie Radio, vor allem Lieder von Moniuszko, Karlowicz, Niewiadomski, Zelenski, Opienski und Foster sowie Schumann und Brahms. Ihre ganze Karriere über lobten Kritiker Miszel Giardinis Lieder-Interpretationen für ihre Sensibilität und die Aufmerksamkeit, der sie der Sprache und lyrischen Nuancen widmete.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: G. Wyszomirska (HÄNSEL)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: G. Wyszomirska (HÄNSEL)

Ihr Bühnendebüt hatte Barbara Miszel Giardini 1956 mit einem Engagement am Stadttheater Posen. Dort sang sie den Hänsel in Humperdincks “Hänsel und Gretel“ und Magdalena in Verdis “Rigoletto.”

Es folgte die Rolle der Marina in Mussorgskis “Boris Godunow” an der Warschauer Oper sowie die der Amneris in “Aida” und schließlich die Titelrolle in Honeggers “Judith”, die zu einer ihrer meist gefeierten Rollen wurde. Tatsächlich bleibt ihre Aufnahme von “Judith” mit dem polnischen Symphonieorchester dirigiert von Henryk Czyz, bis heute ein Meilenstein und wird häufig von Polskie Radio gesendet.

Bereits am Anfang ihrer Karriere hatte Barbara Miszel Giardini viele Konzertengagements. Sie trat regelmäßig mit polnischen Philharmonien wie der Warschauer Philharmonie, der Krakauer Philharmonie und dem polnischen Rundfunk-Symphonieorchester auf und sang bei Gastspielen in DänemarkJugoslawien und Italien.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (SANTUZZA)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (SANTUZZA)

In Jahr 1960 ermöglichte ein Stipendium der jungen Sängerin, an der Mailänder Scala zu studieren. Dies waren prägende Jahre für ihre Karriere. Schließlich war Mailand damals das Epizentrum der Oper in Europa. Neben der exzellenten Ausbildung, die das Gesangsstipendium ihr ermöglichte, hatte sie die Gelegenheit, einige der größten Sängerinnen und Sänger des 20. Jahrhunderts zu hören. Sie erinnerte sich oft daran, Opernstars wie Maria Callas, Joan Sutherland, Renata Tebaldi und Guiseppe Di Stefano, die alle regelmäßig an der Scala auftraten, auf der Höhe ihrer Karrieren gesehen zu haben.

Im Jahr 1962 heiratete Barbara Miszel den italienischen Physiker Salvatore Giardini und das Paar zog nach Rom. Nach der Geburt ihres Sohnes kehrt die Sängerin auf die Bühne zurück. Zunächst in Polen an der Warschauer Oper, wo sie eine sehr gefeierte Carmen sang, später in Deutschland war sie am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden, an der Kölner und der Frankfurter Oper sowie der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf zu hören.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (EBOLI)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (EBOLI)

In den folgenden Jahrzehnten erlebte die Oper am Rhein eine goldene Zeit.

Das Haus florierte unter der Leitung des legendären Opernintendanten Grischa Barfuss, der ein großer Bewunderer Miszel Giardinis war.

Er überzeugte die Sängerin, Wiesbaden zu verlassen und ins Ensemble nach Düsseldorf zu kommen.

Das Haus spielte eine wichtige Rolle für die Mezzosopranistin, da sie neben ihren gefeierten Rossini-Rollen viel Anerkennung der Kritiker für ihre Interpretation dramatischer Verdi-Figuren erhielt, wie etwa Eboli in „Don Carlos“, Azucena in „Troubadour“, Ulrica in „Ein Maskenball,“ Quickly in „Falstaff“ sowie Santuzza in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: Gawalkiewicz (AMNERIS)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: Gawalkiewicz (AMNERIS)

In den 70er und 80er Jahren Barbara Miszel Giardini regelmäßig an vielen führenden europäischen Opernhäusern zu sehen, wie Paris, Lyon, Zürich, Basel, Athen, Luzern, Aarhus und Genf.

Sie sang verschiedene Rollen, von Amneris in Verdis Aida bis hin zu virtuosen Rossini-Charakteren wie der Isabella in “Eine Italienerin in Algier, Rosina in “Der Barbier von Sevilla” oder die Titelrolle von „La Cenerentola”. An der Deutschen Oper am Rhein sang sie all diese Rossini Werke in den renommierten Produktionen des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle.

Während ihrer Karriere arbeitete der Mezzosopran mit Dirigenten wie Henryk CzyzHeinz WallbergGeorg Schmöhe und Alberto Erede, u. A..

Eine Aufführung von Honeggers “Judith” mit Herbert von Karajan war geplant, aber sie war gezwungen, das Konzert wegen des plötzlichen Todes ihrer Mutter abzusagen.

Barbara Miszel Giardinis warme und freundliche Art machte sie zu einem sehr beliebten Ensemblemitglied und sie gewann im Laufe ihrer Karriere viele großartige Freunde. Dazu gehörten nicht nur Sängerkollegen und Dirigenten, sondern auch Korrepetitoren, Pianisten, Chormitglieder, Make-up- und Kostümkünstler und Sekretärinnen. Sie wurde von denen, die das Privileg hatten, mit ihr zu arbeiten, gemocht und wertgeschätzt; viele wurden lebenslange Freunde.

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv    (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv (PRIVAT)

So wichtig ihre Karriere für sie war – die Familie kam für Barbara Miszel Giardini an erster Stelle. Obwohl ihre Stimme noch in Höchstform war, führte Ende der 80er eine persönliche Tragödie dazu, dass sie der Bühne den Rücken kehrte.

Sie ließ sich daraufhin in Düsseldorf nieder. Sie blieb zwar interessiert an den Geschehnissen in der Opern- und Musikwelt, begann aber zunehmend das Reisen ohne anstrengende Probentermine zu genießen. Sie unterrichtete ein bisschen, fand aber, dass diese Tätigkeit nichts für sie war.

Sie blieb immer bescheiden und sprach über ihre bemerkenswerten Erfolge nur, wenn man sie danach fragte. Im Jahr 2011 zog Barbara Miszel Giardini nach Berlin, wo sie am 19. August 2014 starb.

Sie hinterlässt ihren einzigen Sohn, den Opernbühnen- und Kostümbildner Gilberto Giardini.

Breandáin O’Shea (Musikjournalist, Berlin)
Deutsche Übersetzung: Carola Torti

Berlin, Komische Oper Berlin, XERXES – SEXREX. Theater im Theater, IOCO Kritik, 02.11.2012

November 9, 2012 by  
Filed under Komische Oper Berlin, Kritiken


Kritik

Komische Oper Berlin 

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

 

XERXES – SEXREX. Theater im Theater. 02.11.2012

Nach der erfolgreichen Premiere im Mai, fand vor einigen Tagen in der Komischen Oper die Wiederaufnahme der in Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg ( Bericht ) entstandenen Produktion der Händel Oper „Xerxes“ statt.

Händels drittletztes Werk in der Reihe seiner Opern, mit buffonesken Zügen, spielt 481 v. Chr. und handelt von dem persischen König Xerxes und amourösen Intrigen.

Theater im Theater. Stefan Herheim, norwegischer Opernregisseur, bekannt aus kontrovers diskutierten wie auch sehr erfolgreichen Produktionen, transportiert die Handlung in das 17. Jahrhundert und lässt es in einem Barocktheater spielen, mal zwischen den bemalten Theaterkulissen und mal auf der Seitenbühne.

Herheim kreiert eine amüsante Inszenierung voller Einfallsreichtum und effektvoller, spaßiger Momente, die in Humor und szenischer Ästhetik des öfteren an die brillanten Rossini Inszenierungen von Jean-Pierre Ponnelle erinnert. Stilsicher und geschmackvoll auch die schöne Ausstattung von Heike Scheele (Bühnenbild) und Gesine Völlm (Kostüme).

Rührend, wenn am Ende der Oper eine Gruppe Touristen in heutiger Kleidung auf die Bühne kommt und sich umschaut, so, wie man sich in einem Museum umschauen würde, und lässt die nun eingeschüchterten barocken Protagonisten wie aus einer weiten, vergangenen Welt erscheinen.

Bei all dem bunten, szenischen Treiben bleibt die Musik unter der Leitung von Konrad Junghänel leider etwas im Hintergrund.

Die Rolle des verliebten Opernhelden, im Original für einen Kastraten komponiert, wird hier von der Mezzosopranistin Stella Doufexis verkörpert. Überzeugend als Darstellerin, ist ihre eher helle Stimme angenehm im Klang und sehr ausgeglichen, man würde sich nur ein ausgeprägteres Timbre wünschen. Die so berühmte Arie des Xerxes zu Beginn der Oper „Ombra mai fu“ , vom Regisseur mit einer gewissen Ironie angelegt, berührt nicht. Sehr schön gesungen die Rolle des Arsamenes von Karolina Gumos. Klangvoll und mit warmem, wenn auch etwas verwackeltem Mezzo, die serbische Gastsolistin Katarina Bradic als Xerxes’ Braut Amastris. Auch die beiden Schwestern Romilda (Brigitte Geller) und Atalanta (Julia Giebel) sind bestens besetzt, wobei Julia Giebel vokal mehr überzeugt – entzückend auch ihr Spiel.

Hervorragend der Countertenor Hagen Matzeit als Elviro. Changiert mühelos zwischen seinem klaren und natürlich klingenden Bariton und den kräftigen Mezzosopran-Registern. Etwas schwach, besonders in der Tiefe, Alexey Antonov als Ariodates.

Eine witzige und geistreiche Produktion, musikalische Highlights bleiben aber, trotz gelungener und solider musikalischer Darbietung, eher aus.

Insgesamt jedoch ein heiterer und gelungener Theaterabend. Zufriedenes Publikum und Applaus für alle.

IOCO / G.G./ 02.11.2012

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