Biel, Theater Biel Solothurn, Zais – Barockoper von Jean-Philippe Rameau, IOCO Kritik, 04.05.2021

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Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel Solothurn

Zaïs – Barockoper von Jean-Philippe Rameau

Erste TOBS Premiere im Jahr 2021 – Die Wiederauferstehung der Oper

von  Julian Führer

In der Schweiz darf man sich 24 Stunden am Tag ohne Begründung vor die Tür begeben – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, doch haben die letzten Wochen gelehrt, dass dem in anderen Ländern nicht (mehr) so ist. Seit bald zwei Wochen ist den Theatern und Konzerthäusern auch wieder ein Spielbetrieb erlaubt, zwar bislang nur vor 50 Zuschauern pro Veranstaltung, doch ist das Kulturleben nun nicht mehr vollständig von oben lahmgelegt wie zuvor und wie in anderen Ländern immer noch.

Das Stadttheater Biel nutzte die wiedergewonnenen Freiheiten, ein selten gespieltes Stück des französischen Barockrepertoires als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne zu bringen: Die Luftgeisteroper Zaïs von Jean-Philippe Rameau.

Zais – eine Barockoper – Schweizer Erstaufführung
Youtube Trailer des Theater Orchester Biel Solothurn
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Rameau (1683-1764) wirkte lange Zeit unauffällig als Musiker in verschiedenen Städten der französischen Provinz, erst mit 50 Jahren gelang ihm mit der Oper Hippolyte et Aricie ein großer Erfolg. Fortan war er von König Ludwig XV. von Frankreich protegiert und entfaltete eine beeindruckende Produktivität. Mit 65 Jahren schrieb er Zaïs, als Ballet héroïque oder Pastorale héroïque bezeichnet. Die Handlung kreist um Luftgeister und eine Schäferin, kein Stoff mit Gegenwartsbezug, sollte man meinen – doch der Regie von Anna Drescher gelingt es, dem Stoff, der tief in der Tradition der Schäferdichtung (Bukolik) wurzelt, einiges abzugewinnen.

Stadttheater Solothurn – Premiere Zaïs  –  2. Juni 2021

Warum nun Hirten und Schafe? Königin Marie Antoinette ließ sich kurz vor der Französischen Revolution noch ein Bauerndorf in der Nähe des Trianon im Schlosspark von Versailles erbauen, um dort der Illusion eines idyllischen Landlebens nachzuhängen – eine Art Disneyland des Rokoko. Im 18. Jahrhundert war das Hofleben schon lange von einer alles dominierenden Etikette geprägt, die Sprache der Literatur, aber auch Handlungen und Gesten waren codiert (Norbert Elias machte aus dem französischen Hof ein Hauptargument für seine These der zunehmenden Affektkontrolle in seinem Hauptwerk Der Prozess der Zivilisation). Große Emotionen ließen sich auf der Bühne nur zeigen, wenn man auswich: in die Antike (besser noch die antike Mythologie), in die Exotik (wie in Les Indes galantes) oder in eine Geisterwelt. Zu sehen und zu hören war dann einiges, das französische Gesamtkunstwerk avant la lettre lebte von häufigen Wechseln des Bühnenbildes, hochartifiziellem Gesang sowie der häufigen Einbindung des Tanzes bereits im Theater Molières im 17. Jahrhundert. Diese hervorgehobene Rolle des Tanzes kam aus der Hofgesellschaft Ludwigs XIV. (eines selbst gerühmten Tänzers), blieb für das französische Theater aber auch des 18. und 19. Jahrhunderts relevant.

Stadttheater Biel / Zais - Barockoper von Jean-Philippe Rameau - hier die Ankündigung zur Premiere 1748 © gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Stadttheater Biel / Zais – Barockoper von Jean-Philippe Rameau – hier das Titelblatt des Partiturdrucks von 1748 © gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

In dieser Geisterwelt auf der Bühne gibt es durchaus, wie im zeitgenössischen Frankreich auch, einen König, der als streng und gütig zugleich dargestellt wird. Bei Rameaus Librettisten Louis de Cahusac heißt er Oromazès. Während den ersten Minuten werden musikalisch die Elemente voneinander geschieden (sehr effektvoll und mit viel Schlagzeugeinsatz). Lange ist es her, dass man Musik aus einem Orchestergraben hören durfte. Das kleine Haus in Biel hat eine sehr unmittelbare Akustik, der Schall hat also kurze Wege, einzelne Instrumente sind gut zu hören. Man hört und sieht das Sinfonie Orchester Biel Solothurn bei der Arbeit, von Andreas Reize mit vollem Körpereinsatz und großem Sinn für rhythmische Präzision und den französischen Barockstil mit den vielen Vorhalten und überraschenden Auflösungen angeleitet. Oromazès (Matteo Loi), mit einem Sonnensymbol in der Hand (wie Ludwig XIV. auf diversen Darstellungen), singt zum Chor der Sylphiden, eigentlich keine handlungstreibende Szene, eher an den „Prolog im Himmel“ in Goethes Faust I erinnernd und wie dort den Rahmen absteckend, in dem sich die Menschen als Figuren eines Spiels der höheren Mächte bewegen werden. Auch auf der Bühne wird der Prologcharakter unterstrichen: Oromazès und die mit Theatermasken angetanen Sylphiden agieren vor einem Vorhang, und vor ihnen ist ein kleines Puppentheater aufgebaut, in dem sie eine männliche und eine weibliche Puppe zusammenführen. Wir ahnen natürlich, dass es um Zaïs und Zélidie gehen muss.

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Der erste Akt spielt gemäß Libretto auf dem Land, im Hintergrund wäre ein Amortempel vorgesehen. Der Zwischenvorhang gibt zur einleitenden Musik den Blick frei: Mit einfachsten Mitteln (ein Prospekt mit dem Bild ländlicher Natur, einige Plastikblumen, ein grüner Fußboden auf einer Drehscheibe) wird eine bukolische Szene ganz aus dem Geiste des Rokoko geschaffen. Wir sehen Zaïs und seine Geliebte Zélidie. Zaïs ist eigentlich ein hochgestellter Luftgeist, doch nähert er sich der Schäferin als Hirte – eine Verbindung ist nur innerhalb des jeweiligen Standes denkbar. Diese Menschen vom vermeintlichen Dorfe singen auf höchst kunstvolle Weise – rhythmisch manchmal sehr vertrackt, mit einer Harmonik, die durch zahlreiche Vorhalte immer wieder in der Schwebe gehalten wird. Sebastan Monti gibt die Titelrolle engagiert, er beherrscht die geforderte spezielle Gesangstechnik des Haute-Contre und ist den vielen Schwierigkeiten der Partie gewachsen. Der folgende Chor von Hirten und Hirtinnen wird optisch sehr überzeugend und auch witzig gelöst: Während das Orchester durch die bewusst gesetzten Effekte eines Solofagotts und zwischendurch recht lange Akkorde etwas täppisch zu spielen scheint, kommen Schafe auf die Bühne (natürlich Menschen in Schafkostümen, aber sehr hübsch gemacht) und singen, die französische Sprache in ihren Möglichkeiten ausnutzend, etwas blökend „Accourons tous, que tout s’empresse (eher: semprMÄÄÄÄHsse) d’adorer le Dieu des amants“. In den Schafskostümen stecken aber auch Tänzerinnen, die eine der ersten von Rameaus Balletteinlagen umsetzen – kein Spitzentanz, eher eine ländliche Szene (Choreographie: Damien Liger). Das Oberschaf, die Hohepriesterin Amors (Clara Meloni, nicht ganz logisch im Widderkostüm), stimmt in den Reigen ein. Bislang zeigt die Regie ein leicht naiv, aber sehr schön anzusehendes Stück, das zumindest im ersten Akt einer Ästhetik des 18. Jahrhunderts verpflichtet ist – eine Ästhetik, die dem Auge auch heute noch gefällt (Bühne und Kostüme: Tatjana Ivschina).

Doch will es die Gattung des Schäferromans nun einmal, dass die Schäferin auf die Probe gestellt wird – und dies geschieht im zweiten Akt. Cindor (Wolfgang Resch mit flexiblem Bariton), Vertrauter des Zaïs und ebenfalls Luftgeist, rät seinem Herrn zwar ab, doch dieser will wissen, ob Zélidie ihm tatsächlich treu ist. Sie wird also in den Palast des Zaïs versetzt, mithin in eine Welt des Scheins, so Zaïs selbst, Ehrlichkeit finde sich nur auf dem Dorf: „Non, ce n’est que dans les hameaux / Qu’on peut trouver un cœur sincère.“ Die Szenerie hat sich durch eine einfache Drehung der Scheibe radikal gewandelt – Zaïs und Cindor stehen in einer verrauchten Bar (hier wie auch sonst mit beeindruckendem Licht von Mario Bösemann). Cindor mixt die Drinks, bringt sich und eine Sylphide an der Bar (wieder Clara Meloni) erst mit einer Spur weißen Pulvers in Stimmung: Wir sind in einem künstlichen Paradies, einer überzüchteten Gegenwelt zum grünen Gras des kleinen Dorfes. Wenn Zélidie nun – immer noch im Rokokokostüm – in die Nachtbar taumelt und verwundert fragt, wo sie sei und wer sie hierher gebracht habe, ist das ein sehr überzeugender Effekt: „Où suis-je? Quel pouvoir suprême m’a transportée en ces beaux lieux?“ In der Nachtbar verkehren vor allem Männer (und als Männer verkleidete Frauen), sie trinken Cocktails, kippen Kurze, während draußen (durch eine Aussparung in der Galerie der Schnapsflaschen für Zélidie zu sehen) ein Unwetter tobt, das etwas an Vivaldi erinnert, aber den Vergleich mit anderen berühmten musikalischen Gewitterszenen nicht scheuen muss. Sie fürchtet um ihren Geliebten Zaïs, den sie auf dem Feld vermutet, und lässt sich auch sonst nicht auf diese Halbwelt ein. Die einzige sichtbare Veränderung an ihr ist, dass sie nicht mehr das Kleid der Hirtin trägt, sondern den Rest der Vorstellung in einer Art Unterkleid oder Nachthemd bestreitet. Aus dem Typus der Hirtin ist ein Charakter, ein Mensch geworden. Marion Grange verleiht ihrer Figur sehr viel Charakter und bewältigt die Schwierigkeiten der Partie scheinbar mühelos; sie beeindruckt mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer stimmlichen Flexibilität und ließ das manchmal etwas flaue Libretto auf einmal dramatisch erscheinen. Cindor und Zaïs hingegen gleichen ihr Äußeres an (unter anderem mit hochhackigen Schuhen): Die Prüfungen sind für Zélidie noch nicht überstanden. In den Ballettszenen (zu denen hier manchmal, jedoch nicht immer getanzt wird) akzentuiert Rameau noch einmal die Rhythmen, vom Schlagwerk kräftig unterstützt.

Nach etwa 90 Minuten Musik sind nun Prolog und die ersten beiden Akte beendet. Eine Pausengastronomie ist derzeit nicht gestattet, ein großer Teil des Publikums bleibt im Zuschauerraum sitzen und scheint die Atmosphäre genießen zu wollen. Der zweite Teil des Abends ist deutlich kürzer.

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Der dritte Akt spielt gemäß Libretto abermals im Palast des Zaïs, auf der Bühne ist jedoch nicht mehr die unterkühlte und verrauchte Bar zu sehen, sondern auf der Drehscheibe liegt nur ein großes rotes Tuch. Zélidie soll abermals in Versuchung geführt werden, diesmal soll sich Cindor ihr in der Gestalt des Zaïs nähern. Rameau und die Regie haben hier nun das Problem, das auch Wagner in der Götterdämmerung hatte: Man kann zwar Menschen verkleiden oder Tarnhelme benutzen lassen, aber man kann einen Bariton schlecht zum Tenor machen oder umgekehrt. Die Regie löst das Problem auf ebenso einfache wie überzeugende Weise: Zaïs singt, während Cindor die Lippen bewegt, und sie verbergen sich beide immer wieder unter dem roten Tuch. Zélidie ahnt, dass hier etwas nicht stimmt, und auch das Tuch regt sich, und es kommen sehr schön kostümierte Sylphiden hervor, die unter der Führung der perfekt artikulierenden und ihre Stimme stets adäquat kontrollierenden Clara Meloni einen Wechselgesang anstimmen. Zélidie, weiterhin im Nachthemd, reißt das Tuch weg, so dass die Bühne am Ende nur noch die kahle Drehscheibe darstellt. Sie hat bemerkt, dass man sie täuscht („Vous nous trompez tous deux“) und schwört ihrem Geliebten ewige Liebe („Cher amant, je te jure une ardeur éternelle“). Angesichts der Verteilung der Textmenge und auch des musikalischen Materials müsste die Oper eigentlich „Zaïs et Zélidie“ oder besser noch „Zélidie“ heißen, doch war es wohl nicht denkbar, ein Stück ‚hohen‘ Inhalts nach einer Hirtin zu benennen.

Der letzte Akt auf der ganz kahlen Spielfläche gerät sehr berührend: Zélidie ist getäuscht worden, ihre Liebe zu Zaïs ist erschüttert: „J’étais heureuse et ne le suis plus.“ Die beiden Liebenden sprechen über ihre Gefühle und Erwartungen, ein intimer Moment, in dem die kodierte Sprache der französischen Klassik mit Begriffen wie les feux, l’ardeur, l’allégresse, une douceur, les fers, la chaîne, les noeuds ein ganz eigenes Leben entfaltet und zeigt, dass auch in Codes sehr vielschichtig kommuniziert werden kann. Der Enttäuschung Zélidies, die das wahre Wesen des Zaïs erkannt hat, begegnet ihr Geliebter, indem er vor ihr auf seine Unsterblichkeit verzichtet und ein endliches Leben mit Zélidie dem ewigen Leben als Luftgeist vorzieht. Quasi als Deus ex machina greift Oromazès ein, der auf Entschluss des „plus puissant de tous“ nun beide, Zaïs und Zélidie, in den Stand der Unsterblichen erhebt. Der Schluss ist als eine Art Apotheose komponiert, der sich die Regie allerdings verweigert: Zélidie ist zu verletzt, als dass sie sich einer Hochzeitszeremonie mit Zaïs vor Oromazès unterwerfen würde. Zaïs nimmt vielmehr die Puppe, die wir bereits im Prolog gesehen haben und als die er Zélidie in den mittleren Akten stets behandelt hat, und lässt die Puppe in die Verbindung einwilligen. Zélidie bleibt bis zum Schlussakkord am rechten Bühnenrand und nimmt nicht an der für sie verlogenen Veranstaltung teil.

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Stadttheater Biel / Zais, eine Barockoper und Schweizer Erstaufführung © Suzanne Schwiertz

Leider lässt die Regie den Moment verstreichen, in dem Zaïs für Zélidie auf die Unsterblichkeit verzichtet und damit eigentlich das größte für einen Luftgeist denkbare Opfer bringt, um seine Liebe zu beweisen; sie nimmt auch nicht Zélidies zahlreiche Liebesschwüre, besonders intensiv am Ende des dritten Aktes, noch einmal auf. Doch gelingt es ihr ansonsten, den zunächst etwas spröden Barockstoff in schlüssige und auch ansprechende Bilder zu übersetzen. Das Publikum der Premiere dankte allen Beteiligten dieser Wiederauferstehung des Musiktheaters mit lebhaftem Beifall und vielen Bravos, ganz besonders für die sehr wandlungsfähige Clara Meloni und die Hauptrollen von Sebastian Monti und Marion Grange.

Das Stück wird nun noch einige Male erst in Biel und dann in Solothurn gezeigt. Auf dem Rückweg zum Bieler Bahnhof waren die Menschen nach 22 Uhr in den Außenbereichen der geöffneten Cafés zu sehen – frühlingshafte Geselligkeit statt Ausgangssperre. Die Oper lebt, zumindest in der Schweiz, bald auch in Österreich. Wann in Deutschland?

—| IOCO Kritik Theater Biel Solothurn |—


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Zürich, Opernhaus Zürich, Hippolyte et Aricie – Jean-Philippe Rameau, 19.05.2019

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Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

 Hippolyte et Aricie – Jean-Philippe Rameau

Libretto Abbé Simon-Joseph Pellegrin, nach Phèdre von Jean Racine, Phaedra von Seneca und Hippolytos von Euripides

Premiere Sonntag 19 Mai 2019

Jean-Philippe Rameau war 50 Jahre alt, als er 1733 mit Hippolyte et Aricie seine erste Oper auf die Bühne brachte. Als bedeutendster Musiktheoretiker seiner Zeit schuf er damit ein Werk, das die damaligen Konventionen des französischen Musiktheaters bei weitem übertraf. «Es gibt in dieser einen Oper genügend Musik, um zehn daraus zu machen», soll der Komponist André Campra gesagt haben, «dieser Mann wird uns alle in den Schatten stellen».

In der ersten Aufführung dieser Rarität in Zürich steht mit Emmanuelle Haïm eine Expertin für die französische Musik des 18. Jahrhunderts am Pult des Orchestra La Scintilla. Regie führt Jetske Mijnssen, deren Inszenierungen sich durch grosse psychologische Finesse auszeichnen. Als Phèdre kehrt Stéphanie d’Oustrac nach Zürich zurück, wo sie bereits für ihre Interpretation von Charpentiers Médée gefeiert wurde. Cyrille Dubois, ein vielversprechender junger Künstler aus Frankreich, singt Hippolyte, die französische Sopranistin Mélissa Petit, u.a. aus Freischütz und Werther bekannt, ist Aricie.

Einführungsmatinee am Sonntag, 5. Mai, um 11.15 Uhr im Bernhard Theater.

Regisseurin Jetske Mijnssen und Dirigentin Emmanuelle Haïm sprechen mit Dramaturgin Kathrin Brunner über die Neuproduktion. Musikalische Ausschnitte der Oper präsentieren Mélissa Petit, Cyrille Dubois, Edwin Crossley-Mercer, Nicholas Scott, Spencer Lang, Alexander Kiechle und Wenwei Zhang, begleitet von Benoît Hartoin am Cembalo.

Premiere Sonntag 19 Mai 2019,  weitere Vorstellungen : So, 19 Mai 2019, 19:00, Mi, 22 Mai 2019, 19:00, Fr, 24 Mai 2019, 19:00, Do, 30 Mai 2019, 13:00, So, 2 Jun 2019, 14:00


Hippolyte et Aricie  –  Tragédie en musique in fünf Akten von Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Libretto von Abbé Simon-Joseph Pellegrin,  nach «Phèdre» von Jean Racine, «Phaedra» von Seneca und «Hippolytos» von Euripides

Musikalische Leitung  : Emmanuelle Haïm, Inszenierung  : Jetske Mijnssen, Bühnenbild  : Ben Baur, Kostüme Gideon  : Davey, Musikalische Assistenz : David Bates, Lichtgestaltung  : Franck Evin, Choreinstudierung : Janko Kastelic, Choreografie  : Kinsun Chan, Dramaturgie  : Kathrin Brunner

MIT:  Aricie : Mélissa Petit, Hippolyte : Cyrille Dubois, Phèdre : Stéphanie d’Oustrac, Thésée : Edwin Crossley-Mercer, Neptune, Pluton : Wenwei Zhang, Diane : Hamida Kristoffersen Œnone, confidente de Phèdre : Aurélia Legay, Première Parque : Nicholas Scott, Seconde Parque / Tisiphone : Spencer Lang, Troisième Parque : Alexander Kiechle, Une prêtresse de Diane, Une Matelote, Une Chasseresse : Gemma Ní Bhriain, Orchestra La Scintilla, Chor der Oper Zürich

—| Pressemeldung Oper Zürich |—


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Dresden, Semperoper, Platée – Jean Philippe Rameau, IOCO Kritik, 10.04.2019

April 10, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée – Jean Philippe Rameau – Premiere

– Höllenfahrt eines Transvestiten –

von Thomas Thielemann

Gäbe es eine Repertoire-Gerechtigkeit, so müsste der Jean Philippe Rameau (1683-1764) in den Statistiken ähnlich häufig aufgelistet sein, wie die beiden anderen Komponisten-Giganten die in den 1680er Jahren geborenen: Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Dabei hat er neben Motetten, Kantaten, viel Instrumentalmusik und Opern auch als Musiktheoretiker erhebliches geleistet. Mit seiner Treatise of Harmony  ist er der Erfinder der Harmonie-Lehre.

Rolando Villazón inszeniert Platée an der Semperoper

Platée – The Making of … Rolando Villazon
youtube Trailer der Semperoper
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Zögerlich werden seine Opern erst im letzten Jahrzehnt wieder in Deutschland in die Spielpläne aufgenommen. Die Semperoper engagierte nun den Rolando Villazón, um die wahrscheinlich gelungenste Komposition RameausPlatée- Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten von Adrien-Joseph Le Valois d´Orville“ zu inszenieren. Wegen der „Ballett-Oper“, in der Gesang und Tanz fast gleichberechtigt nebeneinander stehen, brachte Villazón den französischen Choreographen Philippe Giraudeau und zur Komplettierung der Opulenz den Lichtdesigner Davy Cunningham mit nach Dresden.

Der Stoff der Handlung basiert auf einer spätantiken Überlieferung des Pausanias aus der Zeit um 170 n. Chr. und beschreibt einen Spaß, den sich die olympischen Götter mit der liebesverrückten Nymphe Platea gemacht haben sollen. Diese hässliche Kröte hält sich für unwiderstehlich und will sich in eine Liaison mit dem „Allerhöchsten“ einlassen, der aber nicht als Stier oder Schwan sondern als Einhorn bzw. Eule erscheint. Aus dieser Überlieferung entwarf der Maler, Dramatiker und Schauspieler Jaques Bureau (1657-1745) einen Operntext und verkaufte ihn aus Gründen der Geldnot an Rameau. Der ließ den Entwurf vom Amateur-Librettisten Le Valois d´Orville komplettieren. Rameau schuf eine Opernmusik, die von abgrundtiefer Tragik bis zu ausgelassener Albernheit einen Spannungsbogen der Darstellung menschlicher Gemütszustände auslotet.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Einsame Solokantilenen, prächtige Ensemble- und Chorszenen sind durch zahlreiche Ballette verbunden. Dabei entlockt er dem barocken Orchester immer neue Klangfarben und Tänze von überwältigender rhythmischer Vielfalt: Um des Jupiters Gattin von ihrer Eifersucht zu kurieren wird ihr vorgegaukelt, dass Jupiter beabsichtige, die im sumpfigen Reich der Frösche beheimatete hässliche Wassernymphe Platée zu heiraten. Nun hält sich die Nixe für unwiderstehlich, träumt von einer Zukunft als Göttergattin, wird aber letztlich verspottet und gedemütigt.

Für die Hochzeit des Dauphins mit der spanischen Infantin gedacht, fand der Stoff bei einer Aufführung vor einem Teil der Hofgesellschaft nur begrenzte Gegenliebe, schon weil die Prinzessin absolut keine Schönheit war und Imitationen der Stimmen von Kuckuck und Esel kaum für eine Huldigung am Versailler Hof Ludwig XV. geeignet waren. Eine öffentliche Aufführung erfolgte am 9. Februar 1649 an der Pariser Opera.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Rolando Villazóns Inszenierung ist so, wie wir ihn kennen: locker, schräg und ordentlich durchgedreht. Dazu eignete sich der Handlungsbereich in der Welt der Götter und der Nymphen. Die Handlung, von Haus aus verfremdet, bedient so ziemlich jedes Vorurteil und charakterisiert so menschliches Verhalten, ohne erhobenen Zeigefinger. Es gelingt so der Regie, das schwierige Thema des Mobbings locker auf die Bühne zu bringen. Denn letztlich ist Platée eine als Komödie verkleidete Tragödie. Und so vermischt Villazón auch die antagonistischen Götter, Amour als Gott der Liebe mit dem Gott der Satire Momus.

Die Tänze, in der französischen Oper eigentlich Einlagen, sind gut in die Handlung verknüpft, so als Fantasie-Gebilde der Titelrolle, während Platée mit Puppen spielt. Sie bringen das Geschehen voran, schaffen einen Fluss von Gesang und Tanz.

Platée – The Making of … Dirigent Paul Agnew
youtube Trailer der Semperoper
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Die weibliche Titelrolle hatte der Komponist einem hohen Tenor zugeschrieben. Das entsprach durchaus der üblichen Opernpraxis der Zeit. Villazón zeichnet Platée konsequent ohne Wenn und Aber als Transvestiten. Er zeigt seine Verwandlung vom Mann zu einer selbstbewussten Frau, die eben nur im Körper eines Mannes versteckt ist. Ihre Fähigkeit zur Fantasie ermöglicht das zu akzeptieren, was aber ihre Mitwelt nicht so anzunehmen bereit ist. Die Regie überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, ist Platée verrückt weil sie Frau im Körper eines Mannes ist? Oder ist die Gesellschaft verrückt, weil sie damit ein Problem hat?  Die Lockerheit und das Komische der Inszenierung verleitet zum Lachen über Platée, aber es ist ein grausames Lachen.

Die Bühne, hervorragend zweckmäßig von Harald Thor entworfen, ist ständig voller Menschen: Zwischen den Sängern, den Ballett-Tänzern und den Hauptfiguren kann sich der Zuschauer kaum langweilen. Dazu passten die wunderbar schrägen Kostüme von Susanne Hubrich Die musikalische Leitung war dem Spezialisten für die französische Barockmusik Paul Agnew übertragen worden, der selbst mehrfach als Platée auf der Bühne gestanden hat.

Den Musikern der Staatskapelle gelingt, obwohl die Barockmusik nicht zur Kernkompetenz des Orchesters gehört, eine Wiedergabe auf höchstem Niveau. Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt. Aber den Profis werden dem tänzerischen Ungestüm der Musik und dem barocken Klangbild in jedem Moment gerecht.

Die weibliche Titelrolle hatte der bereits als Platée erfahrene Philippe Talbot (Foto) übernommen. Seine Stimme war nicht ausgesprochen farbenreich, aber seine schauspielerischen Leistungen ließen seinen begrenzten Gesang vergessen. Neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit als König der Götter Jupiter der Bass-Bariton Andreas Wolf (Foto). Dazu seine Gattin Juno lyrisch mit leuchtendem Sopran Ute Selbig. Die Muse der Komödie Thalie und die Magd der Platée bot die rumänische Sopranistin Iulia Maria Dan (Foto) mit wunderschöner samtiger Stimme ungewöhnlich durchsetzungsfähig.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Ensemble © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Ensemble © Ludwig Olah

Im Prolog agierte als Erfinder der Komödie Thespis und im Spiel als Bote-Gott Mercure mit skurriler Liebenswürdigkeit, umwerfendem Charme, sängerisch und schauspielerisch glanzvoll der englische Tenor Mark Milhofer. Einen fast magisch-hemmungslosen Auftritt als Gott der Satire Momus schafft mit dem Wenigen, was er zu singen hat, der Ensemble-Bassbariton Sebastian Wartig.

Mit immens spielerischem Einsatz und einem fast protzenden prächtigen Bariton verkörperte Giorgio Caoduro den König der Berge Cithéron und im Vorspiel einen Satyr, neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit der König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf. Einen zauberhaften Amor konnten wir von der Sopranistin des Jungen Ensembles Tania Lorenzo erleben.

Die erfahrene Interpretin des Barockrepertoires Inga Kalna beherrschte als die lebenslustige La Folie mit überwältigender Stimme und lasziver Darstellung die Bühne. Zudem war der allgegenwärtige Staatsopernchor, fantastisch geleitet von Cornelius Volke, egal ob als ein Chor von Fröschen oder kontrapunktisch, immer beeindruckend.

In der Pause sah man einige ratlose Gesichter; es blieben im zweiten und dritten Akt einige Plätze frei. Zum Schluss gab es einhelligen Jubel für Regieteam, Sänger-Darsteller und Tänzer/innen.

Platée an der Semperoper; die folgenden Termine dieser Spielzeit 11.4.; 16.4.; 23.4.; 29.4.2019

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—


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Dresden, Semperoper, Platée – Jean-Philippe Rameau, 06.04.2019

April 5, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Premieren, Pressemeldung, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée:  Rolando Villazon inszeniert

Wahn und Wirklichkeit: Premieren im April sezieren Gesellschaftsthemen

Platée  – Premiere 6. April 2019; zum ersten Mal in Dresden;  Inszenierung Rolando Villazón

Im April laden die Dresdner Neuproduktionen von Jean-Philippe Rameaus Platée in der Semperoper und Philipp Venables 4.48 Psychose in Semper Zwei dazu ein, sich auf unterschiedlichste Weise hoch aktuellen gesellschaftlichen Tabuthemen zu nähern.

Platée – The Making of …
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In Jean Philippe Rameaus 1745 uraufgeführten Meisterwerk Platée treiben die olympischen Götter ein zynisches Liebesspiel mit einer sich maßlos selbstüberschätzenden Nymphe. Das auf mythologischem Stoff basierende Ballet bouffon gewährt dem amourösen Treiben mit Lust an Travestie und beißendem Spott die Kulisse für musikalisch und tänzerisch glanzvolles Treiben, ohne dabei mit scharfer Kritik an den Verhaltensmustern einer saturierten Gesellschaft zu sparen.

Platée – The Making of …
youtube Trailer der Semperoper
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Der mexikanisch-französische Star-Tenor Rolando Villazón transportiert das barocke Opernspektakel an der Semperoper in eine postmoderne High School-Atmosphäre und stellt soziale Grausamkeit und blindes Streben nach sozialer Anerkennung in zeitgemäßer Interpretation bloß. Die Musikalische Leitung liegt bei dem schottischen Tenor und Dirigenten Paul Agnew, der als Sänger selbst unzählige Male die Partie der Platée interpretiert hat. Als Dirigent der Dresdner Neuinszenierung steht der international als wichtigster Kenner und Vermittler im Bereich Alter Musik, insbesondere der französischen Barockmusik, geltende Künstler erstmalig am Pult der Sächsischen Staatskapelle. In der Titelpartie gibt der französische Tenor Philippe Talbot sein Hausdebüt an der Semperoper, wo Rameaus Werk zum ersten Mal zu erleben ist.

Premiere: 6. April 2019 um 19 Uhr, Semperoper Dresden, Weitere Vorstellungen am 11., 16., 23., 29. April 2019 sowie 8., 20. und 23. April 2020. Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn.


Semper Zwei: Uraufführung der deutschen Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose in der Übersetzung von Durs Grünbein am 26. April 2019

1999, nur wenige Wochen, bevor sich die britische Theater-Autorin Sarah Kane mit nur 28 Jahren durch Suizid von ihren schweren Depressionen befreite, entstand ihr poetischer Abschiedsbrief 4.48 Psychose. Jeden Morgen um 4.48 Uhr trat Kane aus der Psychose in den Zustand tiefster Klarheit, bevor die Medikamente ihren Verstand wieder verdunkelten.

Ihr letztes, von unmittelbarer Kraft, psychologischer Schärfe und gleichzeitig von sprachlich prägnanter Präzision durchdrungenes Meisterwerk der modernen Literatur inspirierte den in Berlin lebenden englischen Komponisten Philip Venables 2016 zu seiner ersten abendfüllenden Oper. Mit musikalischer Raffinesse und klanglichem Erfindungsreichtum kreierte Venables eine erzählerisch eigenständige Fassung, die der literarischen Vorlage eine stimmige musikalische Metaebene verleiht.

Im Auftrag der Semperoper Dresden überarbeitete Philip Venables auf Grundlage der deutschen Übersetzung des Dresdner Dichters und Autors Durs Grünbein sein preisgekröntes Ursprungswerk zu einer neuen Fassung, die am 26. April in Semper Zwei unter der Regie von Tobias Heyder zur Uraufführung kommt. Die Entstehung der »Dresdner« Oper ist vom Komponisten und der Sängerin Sarah Maria Sun, die in der Partie der Gwen zu erleben sein wird, in einem auf semperoper.de einzusehenden Videotagebuch dokumentiert. Die weiteren Partien interpretieren Tahnee Niboro, Karen Bandelow, Grace Durham, Sarah Alexandra Hudarew und Carolin Löffler. Es spielt das Projektorchester unter der Musikalischen Leitung von Max Renne.

Premiere 26. April 2019 um 19 Uhr in Semper Zwei,  weitere Vorstellungen 29. April, am 3., 4., 6., 8. und 10. Mai sowie am 7., 9., 10., 13. und 15. September 2019. Werkeinführung jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

 

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—


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