Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.09.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

 Madama Butterfly – Giacome Puccini

 – Der japanischen Kosmos – Tradition changiert mit Moderne des Westens –

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Premierenpublikum eine rundum gelungene Leistung des Ensembles, welches nicht nur sängerisch durch Solisten und einen wunderbaren Chor überzeugen konnte, sondern ebenso durch das ausgezeichnet spielende, von Speranza Scappucci lebendig und sensibel geführten Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Madama Butterfly – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Zusammenarbeit mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago

Wenn auch sowohl Svetlana Aksenova, in der Rolle der Cio-Cio-San, als auch Alexey Dolgov als F.B. Pinkerton bei ihrem Hausdebut in Lüttich überraschenderweise – beide haben ihre Rollen seit vielen Jahren in ihrem Repertoir – in den ersten beiden Akten deutliche Zeichen von Anspannung und Lampenfieber zeigten, konnten sie die Partien erfolgreich beenden. Nach ihrer mit Szenenapplaus bedachten und bekanntermaßen herausfordernden Arie:„Un bel dì, vedremo“ fand die Sopranistin Aksenova spürbar zur Ruhe, was ihrer Stimme zugute kam. Tenor Dolgov überzeugte vor allem in den hohen Lagen, wogegen die Tiefen etwas dünn erschienen.

Madama Butterfly – Eine Einführung in die Produktion
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Saverio Fiore in der Rolle des Goro, auch er gab sein Hausdebut, und Sabina Willeit als Suzuki überzeugten stimmlich vollauf. Wieder einmal überragend jedoch Mario Cassi als Sharpless, dem es nach klassischer Belcanto-Manier gelang, mit durchgängig auf dem Atem liegender Stimme das Publikum zu begeistern.

Madama Butterfly gehört zum Standardrepertoire, so dass die Handlung als bekannt voraus gesetzt werden kann: Um 1900 heiratete der amerikanische Offizier Pinkerton in Japan die junge Geisha Cio-Cio-San, die sich ihm mit Leidenschaft hingab. Aus ihrer Vereinigung wurde ein Kind geboren, von dessen Existenz der Leutnant bei seiner Rückkehr nach Hause nichts wusste. Drei Jahre später kommt er mit seiner amerikanischen Frau zurück nach Japan, um seinen Sohn abzuholen, von dem er inzwischen erfahren hat. Verraten und verlassen, gibt es für Cio-Cio-San nur einen Ausweg……

Nach seinem großen Erfolg, den Giacomo Puccini im Jahr 1900 mit seiner Oper TOSCA hatte, suchte er nach einem neuen Thema, das ihm eine tiefe tragische Quelle bieten konnte. Er setzte auf ein Stück des Dramatikers David Belasco, Madame Butterfly, inspiriert von realen Ereignissen: die katastrophale Liebesaffäre eines sehr jungen Mädchens, Cio-Cio-San, dessen Name auf Japanisch „Schmetterling“ bedeutet.

Madama Butterfly war für Puccini die perfekte Gelegenheit, den „Japonismus“ zu nutzen, der im Westen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mode war. Auf der Suche nach neuen Farben und einzigartigen Atmosphären studierte der Musiker die Sprache, Kultur und Musik Japans und zögert nicht, authentische Melodien zu verwenden. Das Ergebnis war für die Hörer schockierend. Der Autor berichtete, es sei seine „aufrichtigste und ausdrucksstärkste“ Oper.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Japonismus ist die Bezeichnung für den Einfluss der japanischen Kunst auf die Künstler der westlichen Welt, insbesondere französische. Die Kunst, die aus dieser Inspirationsquelle hervorging, wird als Japonesque bezeichnet.

Die Bilder- und Formensprache der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, der Ukiyo-e, und anderer Erzeugnisse des japanischen Kunsthandwerks wie Töpfer-, Metall-, Lack- und Bambusarbeiten wurden eine Quelle der Inspiration für den Impressionismus, den Art Nouveau, den Jugendstil, die Wiener Secession und auch viele Künstler des Expressionismus.

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Flotte die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen hatte, verbreiteten sich im Westen rasch genaue Kenntnisse über japanische Kunst und Kultur; Auf dem Gebiet der Musik, Literatur und der bildenden Künste begann man sich mit dem fernen Inselreich auseinanderzusetzen. Der Begriff Japonismus wurde 1872 von dem französischen Kunstkritiker Philippe Burty geprägt. Die Pariser Weltausstellung 1878 zeigte eine Reihe von Werken der japanischen Kunst.

Stefano Mazzonis Di Pralafera, Intendant der Opéra Royal de Wallonie und Regisseur dieser Neuproduktion, welche die Oper Lüttich in Kooperation mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago erarbeitet hat, will uns den Kosmos der japanischen Welt sowohl unter dem Aspekt der Tradition, als auch dem Wandel in die Moderne vor Augen führen. Fernand Ruiz, verantwortlich für die Kostüme, ließ dazu beispielsweise die verwendeten 36 Kimonos in den Werkstädten per Hand bemalen, um eine größtmögliche Authentizität zu erzielen.

Die Bühne, im ersten Akt ein historisches Japan, wie wir es mit dem Uraufführungsjahr der Oper 1902 gedanklich in Verbindung bringen. Nachfolgend erleben wir eine typischen 50er-Jahre Stil, der zeitlich mit der 2. amerikanischen Eroberung Japans durch die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu verorten ist. Die Veränderungen dieses halben Jahrhunderts ist nicht nur in der Architektur des Hauses, der Einrichtung und der Kleidung zu erleben. Wir erkennen auch völlig veränderte Bewegungs- und Verhaltensabläufe der Protagonisten.

Für die historisch korrekte Reproduktion all dieser Aspekte zeichnet Misaya IODICE-FUJIE, Beraterin für japanische Traditionen, verantwortlich. Misaya Iodice-Fujie wurde in Tokio geboren und studierte Zeichnen, Malen und Kalligraphie.  Parallel zu ihrem Universitätsstudium studiert sie traditionelle japanische Kunst: Ikebana (Blumenkunst) und die Kunst des Kimonos.

Wesentlich für das Werk ist der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einem exotischen musikalischen Thema, das auf typisch westliche Weise verarbeitet wird. Pinkertons erstes Gesangsstück enthält bereits die beiden westlichen Hauptthemen der Oper. Umrahmt wird dieses Stück durch ein Zitat der damaligen Marinehymne (ab 1931 die amerikanische Nationalhymne) in den Bläsern. Nach Pinkertons Duett mit dem Konsul Sharpless wird das westliche Kolorit durch ein japanisches abgelöst, als der Heiratsvermittler Goro mit den Frauen eintrifft.

Puccini bemühte sich intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. Zur Inspiration dafür nutzte er unterschiedliche Quellen: Er besuchte eine Aufführung der als Geisha ausgebildeten Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko während ihrer Welttournee im März und April 1902. Die Gattin des japanischen Botschafters in Rom, Hisako Oyama, sang ihm traditionelle Volkslieder vor und half ihm bei den japanischen Namen. Außerdem erhielt er Hinweise des belgischen Musikwissenschaftlers und Asien-Experten Gaston Knosp. Auch konnte er auf europäische Notensammlungen transkribierter japanischer Melodien zurückgreifen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars erklingt ein Ausschnitt der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo. Zwei Motive der Cio-Cio-San sind auf chinesische Volksmusik zurückzuführen. Puccini entnahm diese einer in der Schweiz hergestellten Musik-Box mit westlich assimilierten chinesischen Melodien.

Der mechanische Klang dieser Musik-Box, die naturgemäß einige Eigenheiten fernöstlicher Musik wie die typischen kontinuierlich gleitenden Veränderungen der Tonhöhe oder die originale Klangfarbe der Instrumente nicht wiedergeben konnte, beeinflusste Puccinis Instrumentation der japanisch gefärbten Passagen.

Das Ergebnis von Puccinis Studien sind äußerst ungewöhnliche Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischen Schellentrommeln, japanischem Klaviaturglockenspiel oder Röhrenglocken erzielt. Der Satz der Begleitstimmen wirkt vielfach exotisch; die Charakterisierung der Nebenfiguren dient der Darstellung des Kolorits. Die Partie des Pinkerton entspricht dagegen ganz der Puccinis lyrischer Tradition.

Die Musik der Cio-Cio-San verbindet fernöstliche und europäische Charakteristiken. Am Schluss ihrer Auftrittsszene fordert sie die anderen Frauen auf, sie nachzuahmen und vor Pinkerton auf die Knie zu fallen. Zu dieser Pantomime erklingt das chinesische „Shiba mo“. Das Niederknien des Ostens vor dem Westen erfolgt somit nicht nur szenisch, sondern auch in der Musik.

Puccini hat die Butterfly selbst seine „innigste und erfüllteste Oper“ genannt. Nie zuvor und nie danach hat er ein so bedingungslos liebendes, zartes, verratenes und bedauernswertes Traumgeschöpf auf die Bühne gebracht wie die kleine Japanerin Cho-Cho-San. „Wie ich sie liebte und auch weiterhin lieben werde! Solange ich die Musik schrieb, sah ich sie vor mir, das kleine süße, von Wehmut erfülle Mädchen“, schwärmte er.

Madama Butterfly – Intendant und Regisseur Stefano Mazzonis Di Pralafera führt ein
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Zeigt uns der erste Akt dieser Inszenierung ein historisch verträumtes Japan mit Holzhaus und Lampignons, die im Zusammenspiel mit den Kostümen und Papierschirmen immer wieder atemberaubend schöne lebendige Bilder auf die Bühne zaubern, so kühl und seelenlos begrüßt uns geflieste Hausfassade im 2. Akt. Sachlichkeit und Strenge, sowohl als Ausdruck Cio-Cio-Sans Seelenleben, aber auch als Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Im 3. Akt lässt Pralafera einen Helikopter auf die Bühne einfliegen und auf dem Flachdach des Hauses landen, dessen Macht und akustische Gewalt in uns hätte Assoziationen vor US-amerikanischen Invasionen wecken können, wie wir sie aus Filmen wie „Apokalypse Now“ vor Augen haben.

Dies gelingt leider nicht. Vermutlich ist es den Begrenzungen des Bühnenraums geschuldeter, dass uns der Bühnenbildner Jean-Guy Lecat einen stark deformierten Hubschrauber präsentiert, der völlig geräuschlos, mit stillstehendem Rotor, hoppelnd und rappelnd aus dem Schnürboden einfliegt, das belustigte Publikum eher an Robbie, Tobbi und das Fliewatüt erinnernd, als an imperiale Gewalt.

Coup de théâtre:  Als Pinkerton seinen im Kinderwagen schlafend geglaubten Sohn auf den Arm nehmen will, um ihn nach Amerika, einer vermeintlich besseren Welt, zu bringen, findet er dort nur ein Haarteil und zusammegerollte Decken. Madama Butterfly hatte ihren hochdramatischen Satz: „Wer nicht in Ehren leben kann, der soll in Ehren Sterben!“ wohl nicht nur für sich selbst gesprochen. Wenn sie blutüberströmt, mit durchgeschnittener Kehle auf die Bühne stürzt, scheint uns die dramatische Schlussmusik zu bestätigen, dass ihr Sohn ebenfalls tot im Hause liegt.

Abschließend ein großes Lob für Franco Marri, dem es mit seiner Lichtkunst großartig gelungen ist, zum Erfolg des Abends beizutragen.

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci, Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Bühne: Jean-Guy Lecat, Kostüme: Fernand Ruiz, Licht: Franco Marri, Chorleitung: Pierre Iodice

Besetzung:

CIO-CIO-SAN: Svetlana Aksenova, Hausdebut  –  Die in St. Petersburg geborene Aksenova absolvierte ihr Gesangsstudium am renommierten Rimsky Korsakov Conservatory, wo sie bereits während ihrer Studienzeit als Titelrolle in Tschaikowskys Iolanta auf sich aufmerksam machte. Svetlana Aksenova wurde international für ihre Auftritte als Lisa in einer Neuproduktion von The Queen of Pades an der Niederländischen Nationaloper unter der Regie von Stefan Herheim und unter der Leitung von Mariss Jansons, der Titelrolle in Rusalka an der Pariser Oper, Cio-Cio-San in Madama Butterfly an der Zürcher Oper gefeiert. Nach ihrem Debüt an der Opéra Royal de Wallonie kehrt sie als Tatyana in Eugene Onegin an die Norwegische Nationaloper in Oslo zurück.

F.B. PINKERTON: Alexey Dolgov, Hausdebut  –  Die Washington Times schreibt über den Tenor: „Ein großes Lob für den gutaussehenden russischen Tenor Alexey Dolgov, der ironischerweise die Rolle des Pinkerton singt, des ursprünglich hässlichen Amerikaners. Mit einem selbstbewussten Schwung und einer klaren, selbstbewussten, autoritativen Stimme bewohnt Herr Dolgov sofort diesen selbstbewussten Yank und versteht gleichzeitig seine essentielle Flachheit. Als Schauspieler glänzt Herr Dolgov auch in den letzten Szenen der Oper. Seine Performance, die die emotionale Feigheit seines Charakters mit viel Geschick projiziert, verleiht der Tragödie in Butterflys letzter Szene weiteres Gewicht.“

SHARPLESS: Mario Cassi  –  Mario Cassi arbeitet regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern weltweit. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Händel, Porpora und Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten, wobei sein Schwerpunkt auf dem italienischen Belcanto liegt.

SUZUKI: Sabina Willeit  –  Die Mezzosopranistin wurde in Bozen aus einer ladinischen Familie geboren und studierte Gesang am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie als Hauptdarstellerin in über 25 klassischen und modernen Opern mit international anerkannten Dirigenten in namhaften Opernhäusern und bei Festivals in Italien und Europa auf.

GORO: Saverio Fiore, Hausdebut  –  Der gebürtige Barier absolvierte sein Gesangsstudium mit Auszeichnung am Istituto Musicale „Giovanni Paisiello“ in Taranto.  Sein Debüt gab er 1998 mit Il fortunato decanno von Donizetti beim Festival della Valle D’Itria und übernahm zahlreiche  Hauptrollen in Opern.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

KATE PINKERTON: Alexise Yerna, LO ZIO BONZO: Luca Dall’Amico, IL COMMISSARIO/YAMADORI: Patrick Delcour, YAKUSIDÉ: Alexei Gorbatchev, L’OFFICIER D’ÉTAT-CIVIL: Benoît Delvaux, LA MÈRE DE CIO-CIO-SAN: Réjane Soldano, LA TANTE DE CIO-CIO-SAN: Dominique Detournay, LA COUSINE DE CIO-CIO-SAN: Barbara Pryk,  Orchester und Chor: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Madama Butterfly; weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie,  15.; 17.; 19.; 21.; 22.; 24.; 26.; 28.9.2019 und mehr

Madama Butterfly:  Oper von Giacomo Puccini, „Tragedia giapponese“ in drei Akten, Sprache: Italienisch, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Literarische Vorlage / Autoren: John Luther Long und David Belasco: Madame Butterfly, Uraufführung der dreiaktigen Fassung: 28. Mai 1904, Ort der Uraufführung der dreiaktigen Fassung: Teatro Grande, Brescia, Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden, Ort und Zeit der Handlung: Ein Hügel oberhalb von Nagasaki, um 1900

Opéra Royal de Wallonie-Liège:  Als Neuerung der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde eine neue Übertitelungsanlage eingerichtet, die den Text nun in den drei Landessprachen: Französisch, Flämisch und Deutsch einblendet, sondern auch in Englisch.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, AIDA – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 02.03.2019

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AIDA – Giuseppe Verdi

 150.000 Goldfranken „überzeugten“ Verdi,  dies große Werk  zu schaffen

von Ingo Hamacher

Mehrfach war er vom regierenden Khediven Ismail Pascha gebeten worden, eine Oper „in ausschließlich ägyptischem Stil“ zu schreiben, aber Verdi hatte immer abgelehnt. Eine Repräsentations- und Prunkoper im Stil einer Grand Opéra mit Massenszenen, Balletteinlage und einem Konflikt zwischen Pflichterfüllung und Leidenschaft, den klassischen Zutaten der Pariser Oper in dieser Zeit, interessierten ihn nicht mehr.

AIDA  –  Giuseppe Verdi
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Nach Don Carlo, dessen ursprüngliche Fassung für Paris und auf Französisch komponiert wurde, wollte er nur noch seine Muttersprache vertonen. Verdi interessierte  Erzählungen menschlicher Konflikte; wollte Opern über Schicksale und Charaktere schreiben.

Erst, als ihm der in Kairo lebende französische Ägyptologe Auguste Mariette, Begründer der Denkmalpflege in Ägypten und des Ägyptischen Museums in Kairo, sein Libretto über eine im Alten Ägypten spielende Oper namens AIDA zuspielen ließ, erwachte Verdis Interesse. Möglicherweise hat auch der Hinweis geholfen, dass das Projekt alternativ an Richard Wagner oder Charles Gounod übergeben würde, falls Verdi nicht zusagen würde. Verdi forderte und bekam für die Komposition 150.000 Goldfranken; das bis dahin höchste Honorar für einen Komponisten. Die Uraufführung von AIDA fand am  24. Dezember 1871 statt, im Khedivial-Opernhaus in Kairo. Die Handlung spielt in  Memphis und Theben zur Zeit der Herrschaft der Pharaonen.

AIDA in Lüttich  –  So hätte wohl auch Verdi AIDA gewollt

Für das Bühnenorchester beim Triumphmarsch wurden von Verdi eigene Trompeten, die sogenannten AIDA-Trompeten, als Sonderanfertigung in Auftrag gegeben. Die Handlung ist nicht historisch, sondern fiktiv und berichtet von menschlichen Konflikten, die in vielen Opern Verdis das Wichtigste sind, immer ohne Happy End. Die Wirkung der Oper steht und fällt mit der ägyptischen bzw. ägyptisierenden Ausstattung; dies war so von Beginn an von Mariette und Verdi konzipiert.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA - hier : Elaine Alvarez als AIDA © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA – hier : Elaine Alvarez als AIDA © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Historische Genauigkeit der Handlung war nicht angestrebt, dagegen aber sehr wohl historische Genauigkeit in der Ausstattung. Auch die Musik sollte ägyptisch klingen, aber u?ber den Originalklang war nichts in Erfahrung zu bringen. Das die liturgischen Gesänge des Stückes als mit der Zeit der Oper stimmig erlebt werden, liegt an der Harfenbegleitung, der Chromatik der Melodik und dem monodischen und antiphonischen Gesang der Priester in der Art des Kirchengesangs von Palaestrina.

Die Tänze sind im ‚alla Turca’-Stil geschrieben, den z.B. auch Mozart für die Andeutung von „Orient“ benutzte. Besonders „ägyptisch“ klingt das Vorspiel zum dritten Akt, das eine tropische Sommernacht beschreibt. Zirpende Violinen; Flöten imitieren Vogelstimmen. Mit dem Triumphmarsch in seiner Oper Aida schuf Verdi einen der berühmtesten Märsche der Musikgeschichte und ein vor Trompeten-Fanfaren nur so strotzendes Stück opulenter Bühnenmusik.

Aber Aida endet nicht mit einem bombastischen fortissimo Finale, sondern verhaucht in einem vierfachen pianissimo. Spätere Theater verschoben den Schwerpunkt von der von Verdi komponierten Tragödie von Individuen zu einer pompösen Ägypten-Revue. Aida gehört zu den erfolgreichsten großen Opern des 19. Jahrhunderts.

Stefano Mazzonis di Pralafera, Intendant der Lütticher Opéra Royal de Wallonie-Liège und Regisseur der Produktion, greift Verdis ursprüngliche Idee eines ägyptischen Seelendramas wieder auf und inszeniert das Stück als Kammerspiel. Die Bühne gehört den leisen Tönen; den Beziehungen; den Emotionen. Es braucht nicht viel, um eine AIDA glaubhaft auf die Bühne zu bringen. Man muss es nur richtig machen. Stefano Mazzonis di Pralafera und sein Team haben alles richtig gemacht.

Am Pult: Speranza Scappucci, eine 45-jährige italienische Dirigentin und Pianistin, die nach internationaler Tätigkeit im September 2017 Paolo Arrivabendi als Chefdirigent der Opéra Royal de Wallonie abgelöst hat. Scappucci spürt in ihrem Dirigat die Feinheiten der Partitur auf und lässt den Abend mit zart geführter Hand zu einem musikalischen Erlebnis werden.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

1. Akt

In einem schlichten, dunklen, von einer großen zentralen goldenen Horus-Statue dominierten Bühnenbild (Bühne: Jean-Guy Lecat) führt uns das Produktionsteam (Kostüme: Fernand Ruiz; Licht: Franco Marri; Choreographie: Michèle Anne De Mey; Chor: Pierre Iodice) in eine antikisierende Welt.

Zur von Radames als Kavantine gesungene Romanze „Celeste Aida“ (Himmlische Aida) erscheint Aida in einer stummen Partie auf der Bühne, so dass der Tenor die Arie nicht wie üblich in den Zuschauerraum brüllt, sondern seiner Geliebten zärtlich zuflüstern kann.

RADAMÈS: Gianluca Terranova: Der 48-jährige Römer ist international gefragten Tenor, der durch seine Leichtigkeit in der Höhe und durch große Bühnenpräsenz besticht.

Aida, Tochter des äthiopischen Königs, muss als Sklavin am ägyptischen Hof leben. Sie ist unsterblich in Radames verliebt. AIDA: Elaine Alvarez Die aus Kuba stammende international tätige US-amerikanische Sopranistin wird in dieser Spielzeit in Lüttich noch einmal, und zwar in der Titelrolle von Anna Bolena zu hören sein. Als Ägypten von den feindlichen Äthiopiern überfallen wird, wird Radames zum Heeresführer gegen die Äthiopier bestimmt. Er freut sich auf diese Aufgabe, hofft er doch, nach einem erfolgreichen Feldzug Aida heiraten zu können.

Amneris, die Tochter des Pharao, liebt den Feldherrn Radames ebenfalls und wirbt um seine Gunst. AMNERIS: Nino Surguladze: Die 41-jährige georgische Mezzosopranistin, Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe, ist stimmschön sowohl weltweit, als auch häufig in Deutschland zu erleben.

Radames rückt nach einer feierlichen Zeremonie mit den Truppen aus. Aida leidet an ihrer Ambivalenz zwischen der Liebe zu ihrer Heimat und zu Radames.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA - hier : Luca Dall'Amico als Ramfis, Nina Surguladze als Amneris, Luciano Montanaro als aegyptischer Koenig © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA – hier : Luca Dall’Amico als Ramfis, Nina Surguladze als Amneris, Luciano Montanaro als aegyptischer Koenig © Opéra Royal de Wallonie-Liège

2. Akt

Die säulenartigen Mauertürme, die die Bühne bisher strukturiert haben, werden bei offenem Vorhang um 180 Grad gedreht, und fügen sich nun zu einem farbenprächtigen, reich ausgestatteten Palastinneren. Das Heer der Ägypter konnte gegen die Äthiopier siegen. Amneris entlockt Aida ihr Liebesgeheimnis, indem sie ihr erzählt, Radames sei in der Schlacht umgekommen. An Aidas emotionalen Reaktion erkennt Amneris ihre Rivalin. Sie befiehlt ihr, sie als Sklavin zum geplanten Triumphfest zu begleiten.

Ein Teil des Bühnenbodens wird in die Höhe gefahren, so daß auf der Unterbühne der große Chor sichtbar wird, bereit für den Triumphmarsch. So dezent das Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège bisher auch geführt wurde: Hier gibt es zusammen mit dem großen Chor des Hauses alles!

Bei stark zurückhaltendem Bühnengeschehen (Soldaten und tierköpfige ägyptische Gottheiten ziehen nacheinander an der Chorempore vorbei) wird der Triumphmarsch vor allem ein musikalisches Erlebnis. Der ägyptische König, gesungen von Luciano Montanaro, einem italienischen Bass, der ebenfalls in dieser Spielzeit in Anna Bolena zu erleben sein wird, nimmt seine siegreichen Soldaten feierlich in Empfang. Auf seinen Befehl hin werden die Gefangenen vorgeführt. Unter ihnen ist der äthiopische König, Aidas Vater, Amonasro.

AMONASRO: Lionel Lhote: Der belgische Bariton unterrichtet neben seinen internationalen Gesangsauftritten seit September 2015 an dem Königlichen Konservatorium in Brüssel. Als Lohn für seinen erfolgreichen Feldzug soll Radames auf Wunsch des Königs dessen Tochter Amneris heiraten und nach dessen Tod selbst König von Ägypten werden; er selbst bittet jedoch erst einmal um die Freilassung der Gefangenen.

3. Akt

Grüne Pflanzenspaliere verweisen auf einen neuen Handlungsort. Aida wartet in der Nacht heimlich an Nilufer auf Radames. Doch vorher erscheint Aidas Vater, Amonasro: Er möchte seine Tochter dazu bewegen, Radames das Geheimnis zu entlocken, auf welchem Weg eine Flucht gelingen würde. Aida ist im Zwiespalt. Radames erscheint und Amonasro versteckt sich. Aida erfragt die Möglickkeit einer gemeinsamen Flucht; Radames nennt die Napataschlucht.

Triumphierend tritt Amonasro nun aus dem Hintergrund hervor und offenbart seine wahre Identität als äthiopischer König. Radames erkennt, dass er ungewollt sein Vaterland verraten und sich dadurch entehrt hat. Amneris, die die Szene belauschte, tritt hervor und bezichtigt Radames des Verrats. Amonasro und Aida fliehen, Radames lässt sich ohne Widerstand festnehmen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / AIDA – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

4. Akt

Amneris ist verzweifelt und fühlt sich zwischen Wut und Liebe hin- und hergerissen. Sie möchte Radames retten und lässt ihn vorführen. Sie versucht ihn vergeblich zu überreden, sich vor Gericht zu verteidigen, um sein Leben zu retten. Radames geht davon aus, Amneris habe Aida getötet, weshalb er den Tod wählt. Erneut hebt sich der Bühnenboden und gibt den Blick auf das unterirdische Gefängnis frei. Man hört die Anklage der Priester; Radames jedoch schweigt. Er wird dazu verurteilt, in den Räumen unter dem Altar der Göttin lebendig begraben zu werden. Während Radames in seine Todeszelle hinab steigt, vernimmt er einen Seufzen.

Er sieht einen Schatten und erkennt Aida, die sich bei Tagesanbruch in die Krypta geschlichen hat, um mit ihm zu sterben. Gemeinsam nehmen die beiden Geliebten gelassen und verklärt Abschied von der Welt und versinken im Bühenboden.

In den weiteren Rollen:
RAMFIS, Oberpriester: Luca Dall’Amico, ein vielversprechender junger italienischer Bass, der an allen großen Häusern singt.

OBERPRISTERIN, Sopran: Tineke Van Ingelgem?Die Belgierin ist bekannt für ihr schauspielerisches Talent kombiniert mit einer hellen und kräftigen Stimme. Eine perfekte Besetzung für starke Frauenrollen.???BOTE: Maxime Melnik, geb. 1994, ist ein junger belgischer Tenor aus Charleroi.

Verdienter und lange anhaltender Applaus, rythmisches Klatschen, Jubel für die Solisten, ‚Ooohs‘ und ‚Aaahs‘ für die musikalische Leitung und Ovationen für das Produktionsteam beenden den erfolgreichen Abend.   So hätte Verdi es gewollt!

AIDA  im  Opéra Royal de Wallonie-Liège; die  weiteren Termine 03.03. (15:00); 05.03.; 07.03.; 09.03.; 10.03. (15:00); 12.03.; 14.03.2019

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