Münster, Theater Münster, Hold on – Getanzte Utopie von Versöhnung, IOCO Kritik, 06.03.2018

März 7, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

James Wilton  –  Dynamischer Tanzabend „Hold On“

Getanzte Utopie gesellschaftlicher Versöhnung

Von Hanns Butterhof

Ein Bambusstab liegt im Lichtkegel mitten auf der Bühne. Im Dunkel sitzt das Ensemble in zwei Gruppen an der Seitenwand, zwischen ihnen ein Einzelner. Noch bevor das Licht im Kleinen Haus des Theaters Münster angeht, liegt Spaltung als Thema des fesselnden Tanzstücks „Hold On“ von Gastchoreograph James Wilton fest.

Das Stück beginnt mit Bildern der Harmonie. Während der Einzelne beobachtend an der Wand sitzen bleibt, spielen die übrigen mit dem Stab, stellen ihn senkrecht, fangen mit weichen Bewegungen seinen Sturz auf und integrieren ihn in ihren quirligen Kreistanz.

Theater Münster / Tanzstück Hold on hier - Jason Franklin und Elizabeth Towles © Oliver Berg

Theater Münster / Tanzstück Hold on hier – Jason Franklin und Elizabeth Towles © Oliver Berg

Das ändert sich, als der Einzelne (Jason Franklin) dazukommt und immer wieder mit seinem Versuch scheitert, an der Gruppe Halt zu gewinnen. Mit dem Bambusstab sondert er sich ab, ihn herrisch auf den Boden stoßend nutzt er ihn, um Macht über die Gruppe zu gewinnen. Was bisher Fluss war, erstarrt, was im Paartanz mit gespiegelten Bewegungen Harmonie war, wird mit verbissenem Ziehen und Drücken konkurrenter Kampf.

Die Gruppe ordnet sich seiner Herrschaft unter, nachdem er sie mit dem Stab in immer kleinere Einheiten aufgespalten hatte. Sie lässt sich zur Riege formieren und schließlich wie eine Herde von der Bühne treiben.

Wenn sie dann wieder die Bühne quert, dann vereinzelt in absurden Purzelbäumen oder geschwächt zusammensinkend.

Ein Versuch, zu entkommen, scheitert, als die Gruppe in einem extatisch schnellen Tanz mit vielen akrobatischen Drehungen, Sprüngen und raumgreifenden Gesten an der Seitenwand einen Turm aus Leibern errichtet, als wollte sie eine Mauer überwinden; doch stürzt sie rasch kraftlos in sich zusammen. Vereinzelt zerstieben die Gescheiterten im blauen Bühnennebellicht.

Nach weiteren Bildern der Herrschaft bis hin zum Schnitter Tod, der mit dem Bambusstab wie mit einer Sense die sich wegduckende Gruppe niedermäht, kommt es zur gewaltfreien Rebellion. Die Machtgesten des Einzelnen haben sich abgenützt, ohne Angst gehen alle auf ihn zu, auch die Paare des Anfangs haben sich in spiegelndem Tanz wieder gefunden. In einer der schönsten Bewegungen des an schönen Bildern reichen Stücks weicht die Gruppe letzten Spaltversuchen mit dem Bambusstab aus, der in sie eintaucht wie in Wasser, das sich über ihm wieder schließt und in dem keine Spur von ihm zurückbleibt, wenn er wieder herausgezogen wird. Die Herrschaft hat ihre Macht verloren.

Theater Münster / Tanzstück Hold on hier - Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Tanzstück Hold on hier – Jason Franklin © Oliver Berg

Schließlich geht Elizabeth Towles, deren Eigensinn Jason Franklin in einem quälend langen Duett schon gebrochen hatte, auf ihn zu und entwindet ihm den Bambusstab. Doch statt der Rache findet sie, vor ihm hockend, einen liebevollen Blick für ihn. Am Ende steht die Hoffnung, dass er angenommen wird.

Nach fünfundsiebzig durchgetanzten Minuten riesiger Beifall des Premierenpublikums für das kraftvolle, aktuelle Statement James Wiltons zur Situation unserer Zeit und die begeisternde Umsetzung durch die zehn Tänzerinnen und Tänzer vom TanzTheaterMünster.

Tanzstück Hold on am Theater Münster:  Die nächsten Termine: 10., 15. und 21.3., jeweils 19.30 Uhr.

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Münster, Theater Münster, Ballett Bach.Immortalis von Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Bach.Immortalis – Ballett von  Hans Henning Paar 

Getanzte Hommage an Bach

Von Hanns Butterhof

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Dem unsterblichen Barock-Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) widmet Münsters Tanzchef Hans Henning Paar sein neues Tanzstück „Bach.Immortalis“ am Großen Haus des Theaters Münster. In dreizehn Szenen tanzt das Ensemble aus je sechs Tänzerinnen und Tänzern zu zwölf life gespielten Kompositionen Bachs. Zu einer Szene hat der Dirigent des Abends, Thorsten Schmid-Kapfenburg, die Eigenkomposition „Reflexionen über B-A-A-C-H-H“ beigesteuert.

Am Beginn liegt  Jason Franklin zu dem Bach-Choral „Komm, süßer Tod“ wie ein nacktes Neugeborenes auf dem Rücken. Dann windet er sich wie ein Falter aus seinem Kokon, erarbeitet sich und feiert mit großem Schwung den aufrechten Gang, und sinkt dann langsam wieder in sich zusammen.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Die Szene dürfte Paars Ausdruck für sein Programm sein, im Tanzen den Menschen zu zeigen als Summe dessen, was vor uns geschah, was jetzt geschieht und nach uns geschehen wird, wie das Textbuch sinngemäß Salman Rushdie zitiert.

Was dann folgt, erfüllt dieses Programm nicht zwingend. Im rasanten Wechsel der Szenen dominieren die Ensembles. In Paars typischer athletischer Handschrift jagen die Tänzerinnen und Tänzer in Alltags-Kleidung  über die mit einer halbrunden, matt goldenen Wand abgeschlossene Bühne (Bühne und Kostüme: Isabel Kork). Innerhalb der Ensembles finden und trennen sich Paare, es wechseln individuelle mit kollektiven Gesten, und Vokabular aus dem klassischen Ballett wie Pirouetten, Hebungen und Sprünge mischt sich mit dem des freien Tanzes.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Der Mensch ist nicht immer nur ernst und auf das Jenseits ausgerichtet. So tanzen zur schwungvollen Polonaise aus der Orchestersuite in h-Moll vier Paare über die Bühne. Sie scheinen nicht mehr ganz nüchtern, haben lustige kleine Karnevalshütchen auf den Köpfen und Scherz-Flöten im Mund. Deren schräges Tröten setzen sie am Ende dem Wohlklang Bachs und der Angst vor dem Tod entschlossen entgegen.

Irritierend untänzerisch sind die Beschwörungen barock Gekleideter im Bühnennebel. Einer von ihnen trägt langsam zum Mittelsatz des Zweiten Brandenburgischen Konzerts einen Koffer herein, während das Ensemble sich wie erinnernd rückwärts bewegt. Und wenig plausibel sind die Projektionen alter schwarz-weißer Familienfilme auf eine vom Schnürboden heruntergelassene Videowand oder in einen Koffer hinein, in dem dann ein laufendes Kind zu sehen ist. In spannungsreichem Gegensatz dazu erklingt Schmid-Kapfenburgs Bach-Reflexion, die in ihrer anfänglichen Dynamik und dem spätromantischen Zur-Ruhe-Kommen dem Leben zum Tode hin schmerzlich Ausdruck verleiht.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Aus den rasenden Ensembles ragen die stilleren Paartänze und Soli heraus. Vor allem ergreift das Duett der ausdrucksstarken Maria Bayarri Pérez mit dem eleganten Keelan Whitmore als das innige Bild eines Paares, in dem er sie hält, trägt und hebt. Das kann tänzerisch ganz für sich stehen wie auch ein langes, intensives Solo von Elizabeth Towles zwischen den nicht immer sinnvoll vom Schnürboden mal mehr, mal weniger hoch herabgelassenen Lastenzügen.

Nach neunzig pausenlos getanzten Minuten galt der begeisterte Beifall des Publikums dem aufopfernd kraftvollen Tanz des Ensembles und der kleinen Besetzung des Sinfonieorchesters Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Bach.Immortalis – Ballett am Theater Münster; Die nächsten Termine: 3.12., 15.12. und 22.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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