Wien, Wiener Staatsoper, Wiener Opernball 2021 – auch abgesagt – eine Aufmunterung, IOCO Aktuell, 18.01.2021

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 65. Wiener Opernball 2021 – abgesagt – Eine  IOCO Aufmunterung

Irdische Lebensfreude – in kulturellem Großereignis – wird wieder kommen

Auch der für den 11. Februar 2021 geplante 65. Opernball der Wiener Staatsoper wurde aufgrund der aktuellen COVID-19 Sitiuation abgesagt. Der neue Direktor der Staatsoper, Bogdan Roscic, erklärte dazu: : »Es tut uns allen sehr leid, dass der Opernball, der im Jahreskreislauf der Wiener Staatsoper einen solchen Fixpunkt darstellt, aufgrund der aktuellen Lage abgesagt werden musste. Diese Absage betrifft natürlich auch die traditionell im umgebauten Saal stattfindende Zauberflöte für Kinder, bei der   insgesamt 7.000 junge Besucherinnen und Besucher bei uns sind………

W.A.Mozart: DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER
youtube Trailer Wiener Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Doch Erinnerungen an den auf der Welt einzigartigen Opernball der Wiener Staatsoper leben zur Zeit umso aktueller. IOCO  stellt deshalb seinen Besuchern, welche zur Zeit oft  „einsam in trüben Tagen“  Inspirationen, Normalität suchen, den Opernball der Wiener Staatsoper und seine Historie vor. Der vielfach als „Höhepunkt der Ballsaison“ bezeichnete Wiener Opernball  fand 2020 zum 64. Mal nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Der 65. Opernball im Februar 2021 ist abgesagt, doch, die Inspiration, das Schöne, der Geist des Wiener Opernballes als Inbegriff von Lebensfreude wird wieder kommen! Genießen Sie also den hier folgenden Opernabll 2020!

Der 64. Wiener Opernball – Tempi passati
youtube wocomoCULTURE
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der letzte Operbanll, der  64. Wiener Opernball am 20.2.2020 war wie jedes Jahr für 5.150 Ballgäste, für Millionen Zuschauer in aller Welt geliebter Höhepunkt irdischer Lebensfreude. Karten für dies kulturelle Großereignis waren wie jedes Jahr seit Monaten ausverkauft: eine einfache Eintrittskarte kostete €315. Eine Bühnenloge für 12 Personen und freiem Blick auf das „Tanzparket“ war kein „für ein Schmankerl“: €23.600. Die Kleiderordnung gilt schon immer für alle Besucher: für Damen ist ein „großes, langes Abendkleid“, für Herren ein Frack vorgeschrieben. Junge Wiener gedachten den Ballabend mit einem Schmäh ein wenig aufzumischen und entsandten Darth Vader, natürlich mit Helm und Umhang, in original Star War-Kostüm zum 64. Wiener Opernball. Doch selbst der außerirdische Darth Vader, weil ohne Frack, schaffte es nicht, in die Staatsoper eingelassen zu werden.

Die lange Liste offizieller Prominenz auf dem Opernball führte Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen an; der ehemalige, nun an das Teatro alla Scala gewechselte Operndirektor Dominique Meyer, Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek, die niederösterreichische Landeshauptfrau (Ministerpräsidentin) Johann Mikl-Leitner, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Finanzminister Gernot Blümel, Europaministerin Karoline Edtstadler, griechischer Vizepräsident der EU-Kommission, Salzburgs Landeshauptmann  Wilfried Haslauer, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig begleiteten van der Bellen.  Richard „Mörtel“  Lugner, 87, alljährlich geliebtes Objekt der Boulevardpresse, wurde  begleitet von der italienischen Schauspielerin  Ornella Muti begleitet. Viele andere Wiener Prominente wie 2020 der Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, Zauberkünstler Magic Christian, Alexandra Swarovski, Klemens Hallmann sind jedes  Jahr auf diesem Höhepunkt der Wiener Ballsaison anzutreffen.

Im Zeitraffer – Die vorbereitung fü den Wiener Opernball
youtube Wiener Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Gestaltung der Staatsoper zum Opernball  bestimmt jedes Jahr ein Leitthema: 2020 war es die „sternflammende“ Königin der Nacht aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte; sie war omnipräsent, im Parkett, auf der Bühne und in allen Rängen der Staatsoper. In Anlehnung an ihren Nachtgarten taucht sich die Oper in dunkle Violett-Töne. Spezielle Lokale bieten dazu auf allen Rängen eigene Kunst und Köstlichkeiten:  Die Negroni Secret Bar im Herzen der Wiener Staatsoper im 20er-Jahre-Stil gestaltet mit SWING-Musik  das neue Jahrzehnt ein.  .

Um 20.40 war Einlass der Ballgäste, welche den strengen Dresscode (Damen mit großen, langen Abendkleid, Herren mit schwarzem Frack) beachten müssen. Offiziell eröffnet wird der  Opernball um  22.00 Uhr  mit der FANFARE von Karl Rosner, der österreichischen Bundeshymne, und der Europahymne von Ludwig van Beethoven. Der Einzug des des Jungdamen- und Jungherren-komitees,  144 Debütantenpaare aus elf verschiedenen Ländern, folgt  dann zu den Klängen der POLONAISE A-Dur von Frederic Chopin. Erstmals auf dem Ball der Bälle tanzte unter großem Medieninteresse auch ein gleichgeschlechtliches Debütant/innenpaar aus Baden-Württemberg, Iris Klopfer und Sophie Grau zur Eröffnung mit: Sophie Grau in männlicher Kleidung, Iris Klopfer zog das weiße Ballkleid vor; beide erhoffen sich, dass in Zukunft mehr Paare in anderen Konstellationen auf dem Opernball zugelassen werden.

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Wien, Wiener Staatsoper, 64. Wiener Opernball – eine Nachlese, IOCO Aktuell, 28.02.2020

Februar 29, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper, Wiener Staatsoper

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

64. Wiener Opernball 2020  – Post Festum – Eine Nachlese

von Viktor Jarosch

Der  64. Wiener Opernball, am 20.2.2020 in der Wiener Staatsoper war wie jedes Jahr für 5.150 Ballgäste, für Millionen Zuschauer in aller Welt geliebter Höhepunkt irdischer Lebensfreude. Karten für dies kulturelle Großereignis waren wie jedes Jahr seit Monaten ausverkauft: eine einfache Eintrittskarte kostete €315, eine Bühnenloge für 12 Personen und freiem Blick auf das „Tanzparket“ war nicht „für ein Schmankerl“ zu haben: €23.600. Die Kleiderordnung gilt schon immer für alle Besucher: für Damen ist ein „großes, langes Abendkleid“, für Herren ein Frack vorgeschrieben. Junge Wiener gedachten den Ballabend mit einem Schmäh ein wenig aufzumischen und entsandten Darth Vader, natürlich mit Helm und Umhang, in original Star War- Kostüm, zum 64. Wiener Opernball. Doch selbst der außerirdische Darth Vader schaffte es nicht, eben weil ohne Frack, in die Staatsoper eingelassen zu werden.

Charme, Reiz und Vielfalt dieses 64. Opernball der Wiener Staatsoper können auf dem folgenden Video in aller Breite genossen werden.

64. Wiener Opernball
youtube Trailer Wiener Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die lange Liste offizieller Prominenz auf dem Opernball führte Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen an; Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek, die niederösterreichische Landeshauptfrau (Ministerpräsidentin) Johann Mikl-Leitner, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Finanzminister Gernot Blümel, Europaministerin Karoline Edtstadler, griechischer Vizepräsident der EU-Kommission, Salzburgs Landeshauptmann  Wilfried Haslauer, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig begleiteten van der Bellen.  Richard „Mörtel“  Lugner, 87, alljährlich geliebtes Objekt der Boulevardpresse, wurde  begleitet von der italienischen Schauspielerin  Ornella Muti begleitet. Viele andere Wiener Prominente wie 2020 der Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, Zauberkünstler Magic Christian, Alexandra Swarovski, Klemens Hallmann sind jedes  Jahr auf diesem Höhepunkt der Wiener Ballsaison anzutreffen.

Die Gestaltung der Staatsoper zum Opernball  bestimmt jedes Jahr ein Leitthema: 2020 war es „sternflammende“ Königin der Nacht aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte; sie war omnipräsent, im Parkett, auf der Bühne und in allen Rängen der Staatsoper. In Anlehnung an ihren Nachtgarten taucht sich die Oper in dunkle Violett-Töne. Spezielle Lokale bieten dazu auf allen Rängen eigene Kunst und Köstlichkeiten:  Die Negroni Secret Bar im Herzen der Wiener Staatsoper im 20er-Jahre-Stil gestaltet mit SWING-Musik  das neue Jahrzehnt ein.  .

Um 20.40 war Einlass der Ballgäste, welche den strengen Dresscode (Damen mit großen, langen Abendkleid, Herren mit schwarzem Frack) beachten müssen. Offiziell eröffnet wird der  Opernball um  22.00 Uhr  mit der FANFARE von Karl Rosner, der österreichischen Bundeshymne, und der Europahymne von Ludwig van Beethoven. Der Einzug des des Jungdamen- und Jungherren-komitees,  144 Debütantenpaare aus elf verschiedenen Ländern, folgt  dann zu den Klängen der POLONAISE A-Dur von Frederic Chopin. Erstmals auf dem Ball der Bälle tanzte unter großem Medieninteresse auch ein gleichgeschlechtliches Debütant/innenpaar aus Baden-Württemberg, Iris Klopfer und Sophie Grau zur Eröffnung mit: Sophie Grau in männlicher Kleidung, Iris Klopfer zog das weiße Ballkleid vor; beide erhoffen sich, dass in Zukunft mehr Paare in anderen Konstellationen auf dem Opernball zugelassen werden.

Wiener Staatsoper / 64. Opernball - hier : Piotr Beczala und Aida Garifullina © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Wiener Staatsoper / 64. Opernball – hier : Piotr Beczala und Aida Garifullina © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Daniel Harding, gerade hat er in Dresden zum 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens die Sächsische Staatskapelle geleitet, sollte die künstlerische Eröffnung des Balles dirigieren. Doch ein Krankheitsfall in seiner Familie verhinderte sein Kommen: Der amerikanische Dirigent James Conlon war Einspringer: er hatte im Dezember 2019 an der Staatsoper die Zauberflöte dirigiert. Conlon leitete an diesem Abend das Wiener Staatsopernorchester, als das Wiener Staatsballett zu den Klängen des Abendblätter-Walzer von Jacques Offenbach tanzte, als die international erfolgreiche junge Sopranistin Aida Garifullina, inzwischen wie Anna Netrebko eine österreichische Staatsangehörige, und der polnische Startenor KS Piotr Beczala mit  „Sempre libera“ aus La traviata respektive „E lucevan le stelle“ aus Tosca und gemeinsam mit „Tanzen möcht’ ich“ aus Die Csárdásfürstin die Besucher begeisterten. Das mitreißende Eröffnungsprogramm des Wiener Opernballes endete wie jedes Jahr gegen 23.00 Uhr mit dem herrlich neu choreographierten Walzer An der schönen blauen Donau.

Wiener Staatsoper / 64. Opernball - hier : Piotr Beczala und Aida Garifullina © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Wiener Staatsoper / 64. Opernball – hier : Piotr Beczala und Aida Garifullina © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Mit dem gemeinsamen Ausruf aller Staatsopernkünstler: „Alles Walzer!“  wurden dann wie jedes Jahr die Ballgäste zum Tanz, zur Unterhaltung, zur Lebensfreude auf der Bühne, im Parkett und in allen Rängen aufgefordert. Um fünf Uhr am nächsten Morgen endete zum Leidwesen vieler Beteiligten, aber auch dieser 64. Wiener Opernball. 

Der 65. Wiener Opernball findet am 11. Februar 2021 statt: Karten können bereits jetzt bestellt werden: IOCO empfiehlt dringend, bei Interesse die Karten bald zu bestellen.

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Dvorák – Schostakowitsch – Janacek, IOCO Kritik, 04.06.2018

Juni 5, 2018 by  
Filed under Berliner Philharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

DSO Berlin / Deutsches Symphonie Orchester Berlin 2018 © Frank Eidel

DSO Berlin / Deutsches Symphonie Orchester Berlin 2018 © Frank Eidel

DSO Berlin

DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER BERLIN – Tomáš Hanus

Antonín Dvorák – Dmitri Schostakowitsch – Leoš Janácek

Von Julian Führer

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO), 1946 als Rundfunkorchester für den amerikanischen Sektor begründet, hatte prominente Chefdirigenten, unter anderem Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy, Kent Nagano und Ingo Metzmacher. Nun sollte James Conlon einen Abend leiten, jedoch musste aus Krankheitsgründen ein Ersatz gefunden werden. Tomáš Hanus war recht kurzfristig bereit, das geplante Programm mit einer kleinen Änderung zu übernehmen und konnte so als Einspringer ein gefeiertes Debüt bei dem Deutschen Symphonie-Orchester  Berlin geben.

Die drei vom DSO am 2.6.2018 in der Berliner Philharmonie gespielten Werke sind dem sogenannten slawischen Fach zuzuordnen. Antonín Dvorák und Leoš Janácek werden gemeinhin als tschechische Komponisten angesprochen, Dmitri Schostakowitsch lebte in der Sowjetunion. Alle Werke gehören einer eher späten Schaffensperiode der Komponisten an – um deren letzte Werke handelt es sich aber nicht.

Antonín Dvorák schrieb kurz nach 1890 eine Serie von drei Konzertouvertüren. Einer von ihnen (op. 93) gab er (nachträglich) den Titel Othello. In sein Handexemplar notierte er, an welcher Stelle sich die Liebenden küssen, wann sie streiten, wann es zum Skandal kommt. Dieses Wissen benötigt der Hörer allerdings nicht, um dem Werk folgen zu können. Tomáš Hanus nahm die mit „ppp“ und „Largo“ bezeichnete Introduktion der Streicher im Grunde so, wie sie notiert ist – und dennoch ließ seine Lesart vom ersten Takt an aufhorchen. Die mit Dämpfer spielenden Violinen, Bratschen und Celli zeigten ein bemerkenswertes Legato, der Klang war voll, doch äußerst leise – so wie es sich auf einer Aufnahme mit den gängigen Techniken überhaupt nicht reproduzieren lässt und wie es nur in einem entsprechenden Saal (und mit dem entsprechend disziplinierten Publikum) erzielt werden kann. Es wurde deutlich, dass der Dirigent eine sehr genaue Vorstellung vom Stück hatte; diese vermittelte er dem Orchester durch präzise gestaltende Gesten, die von den Musikern sofort umgesetzt wurden. Die Konzertouvertüre nimmt etwa eine Viertelstunde in Anspruch und verarbeitet mehrere Motive in unterschiedlichen Kontexten. Bei allen Anleihen bei Wagner und anderen, die mitunter in der Motivarbeit und Instrumentierung durchscheinen, hat Dvorák doch eine ganz eigene Klangsprache, die insbesondere bei der Raffinesse des Einsatzes der Holzbläser deutlich wird.

Ein Ereignis war die Darbietung des zweiten Stücks des Abends. Dmitri Schostakowitschs  Cellokonzert Nr. 1 in Es-Dur op. 107 wurde 1959 komponiert und dem damals schon berühmten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet. Im Schaffen Schostakowitschs markiert diese Zeit eine kreative Phase. Wie auch in der ‚großen‘ Politik herrschte in der sowjetischen Kulturwelt gerade „Tauwetter“, wobei dies nicht mit vollkommener künstlerischer und ideologischer Freiheit gleichgesetzt werden kann. Schostakowitsch hat sich wiederholt vor stalinistischen Funktionären demütigen müssen und sah sich aus gutem Grund zeitweise in Lebensgefahr, so dass er schon oft in seinen Kompositionen Vordergründig-Affirmatives neben Versteckt-Hintersinniges gestellt hatte. Auch in dieser Schaffensphase: Die 11. Symphonie in g-Moll op. 103 kommt als Programmmusik zum Petrograder Aufstand gegen den Zar von 1905 daher, wurde aber wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der brutal von der Sowjetarmee niedergeschlagenen polnischen und ungarischen Aufstände von 1956 geschrieben. Opus 110 ist das beklemmende achte Streichquartett in c-Moll, das in anderer Instrumentierung als „Kammersymphonie“ bekannt geworden ist. Opus 105 hingegen ist eine Operette (Moskwa, Tscherjomuschki, in der kommenden Saison an der Hamburger Staatsoper zu erleben), und zur gleichen Zeit erarbeitete Schostakowitsch eine entschärfte Version seiner Jugendoper Lady Macbeth von Mzensk, deren zur Schau gestellte und immer noch schockierende Brutalität ihn bei Stalin in Ungnade fallen ließ. Das Ergebnis war die deutlich zahmere Katerina Ismailova. In späteren Jahren widmete sich Schostakowitsch verstärkt kleineren Formen, reduzierte den Orchesterapparat, und in den Kammermusikwerken der sechziger und siebziger Jahre wird immer häufiger ein verzweifelter, depressiver Tonfall angeschlagen. An diesem Wendepunkt also entstand das erste Cellokonzert, das mit der Amerikanerin Alisa Weilerstein als Solistin gegeben wurde. Den Beginn mit einem fast obsessiv durch die Sätze hindurch wiederholten kurzen Motiv nahm sie sehr schnell, dabei partiturgemäß piano (bei den meisten Aufführungen wird lauter begonnen). Gerade im ersten Satz (Allegretto) entspinnt sich ein intensiver Dialog mit dem Horn (souverän: Zora Slokar).

Alisa Weilerstein © Jamie Jung

Alisa Weilerstein © Jamie Jung

Das straffe Tempo wurde im ersten Satz durchgehalten, und Alisa Weilerstein begegnete allen technischen Schwierigkeiten der Partie fast draufgängerisch, zum Teil bewusst auf Kosten von Schönklang und im Sinne einer eher schroffen Lesart der an Ecken und Kanten nicht eben armen Solopartie. Sie brachte ihr Instrument zum Singen, zum Weinen, zum Schreien, auch zum Winseln. Die Hörer waren gefesselt: Nach dem ersten Satz brach im Publikum spontan breiter Applaus aus! Im zweiten Satz (Moderato) entwickelt sich in den Bratschen eine Art erweitertes Seufzermotiv aus drei absteigenden Halbtönen (hier klingen Schostakowitschs späte Streichquartette an), das Cello hingegen wird viel kantabler als über weite Strecken des ersten Satzes behandelt. Es fiel auf, dass in diesem Teil die Solistin und das hellwache Orchester nicht der Depression den Vorzug gaben, sondern diesem Satz große Schönheit abgewannen, bis hin zum verdämmernden Schluss mit Celesta (auch dies ein Stilmittel, das der späte Schostakowitsch wiederholt eingesetzt hat). Die nun folgende, über fünfminütige Kadenz erfordert bei der Solistin höchstes Können und kluge Gestaltungskunst, beim Publikum hingegen große Konzentration. Die Solistin wagte äußerst leise Passagen und setzte die vorgeschriebenen Pausen. Im letzten Satz dann (Allegro con moto) werden Volksliedbruchstücke und volksliedhafte Elemente ins Spiel gebracht, aber sofort verzerrt und überdreht – ein bei Schostakowitsch häufiger Kunstgriff. Das Publikum reagierte auf dieses Finale mit starkem Beifall und vielen Bravos für Alisa Weilerstein.

Leoš Janácek blieb über Jahrzehnte hinweg eine allenfalls regional bekannte Größe. Schon lange war er glühender Anhänger der tschechischen Nationalbewegung (bis hin zur Weigerung, sich im bis 1918 österreichischen Triest der deutschen oder italienischen Sprache zu bedienen, man möge doch einen des Tschechischen mächtigen Kellner herbeiholen). In der neugegründeten Tschechoslowakei kam er dann nach dem Ersten Weltkrieg zu spätem Ruhm. Er verehrte Antonín Dvorák und fand zu erstaunlicher Schaffenskraft (seine Opern Katja Kabanowa, Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos und Aus einem Totenhaus sind alle erst zwischen 1919 und 1928 entstanden). Die Sinfonietta schrieb Janácek 1926, also im Alter von 72 Jahren. Ähnlich wie bei der Ouvertüre Dvoráks ist nicht ganz klar, ob dem Stück ein Programm zugrunde liegt oder nachträglich beigefügt wurde. Es heißt, Janácek habe Szenen und Orte aus Brünn/Brno vertont, speziell die Fanfaren einer Militärkapelle. Gleichzeitig entstand das Stück wohl aus der Idee einer Gelegenheitskomposition für ein Turnerfest.

 Deutsches Symphonie Orchester Berlin (DSO) in der Berliner Philharmonie © Peter Adamik

Deutsches Symphonie Orchester Berlin (DSO)  in der Berliner Philharmonie © Peter Adamik

Die Orchesterbesetzung ist beim Blech sehr breit, und es wäre konsequenter, man würde von einem Orchester und einer Banda sprechen. Auf diese Weise fasste wohl auch Dirigent Tomáš Hanus das Stück auf: Die zwei Basstrompeten nahmen im Orchester Platz, die neun(!) C-Trompeten, drei F-Trompeten und zwei Tenortuben hingegen standen hinter dem Orchester. Der choralartige Bläsersatz (nur Bläser und Pauken) im ersten Satz wirkte durch die Vielzahl der Instrumente, die Aufstellung und den starken Nachhall in der Berliner Philharmonie zunächst etwas diffus, doch mag dies auch in der Absicht des Komponisten und/oder des Dirigenten gelegen haben. Janácek war ein Meister der kurzen Form, und so hat seine Sinfonietta bei einer Spieldauer von etwa 25 Minuten fünf Sätze, die jeweils sehr kurze Motive verarbeiten. Die Mittelsätze setzen die Blechbläser in unterschiedlicher Weise ein, die Streicher und vor allem die Holzbläser stehen hier stärker im Vordergrund. Tomáš Hanus fühlte sich im Stück sichtlich zu Hause, dirigierte immer freier und führte das Orchester zum Kulminationspunkt am Schluss, wo die Motive der Mittelsätze gebündelt werden und in die Fanfare des Kopfsatzes münden, die nun durch Streicher gestützt wiederholt wird. In den Violinen – nur dieses Detail sei vermerkt – hat Janácek hier lange Triller notiert. Neben der bemerkenswerten Präzision der Violinengruppen gerade hier fiel auf, dass auf den ersten Schlag eines Taktes oder eines musikalischen Sinnabschnittes auch bei den Trillern ein merklicher Akzent gelegt wurde, der sofort in ein kleines, aber merkliches Decrescendo überleitete. Der Schluss gewann so bei aller Lautstärke Konturen, die nicht alle Dirigenten dem Werk abgewinnen können.

Das Publikum feierte am Ende begeistert das Orchester und seinen Dirigenten, der seine Chance als Einspringer und Debütant genutzt hat und dem man nur wünschen kann, dass er bald wieder das DSO dirigieren wird.

—| IOCO Kritik Deutsches Symphonie Orchester Berlin |—

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung