Münster, GOP. Varieté-Theater, Der kleine Prinz auf Station 7, IOCO Kritik, 06.09.2019

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

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Der kleine Prinz auf Station 7  –  Varieté nach Saint-Exupéry

– Warmherziges Plädoyer für das Leben –

von Hanns Butterhof

Das GOP traut sich was mit der Show Der kleine Prinz auf Station 7, die jetzt im GOP  Münster ihre Weltpremiere feierte. Es holt die so liebenswert heitere Geschichte vom Kleinen Prinzen, die Antoine de Saint-Exupéry unsterblich gemacht hat, in ein ernstes Kinder-Hospiz, in dem der junge  Moritz sterben wird. Dem Autor Markus Pabst und Regisseur Pierre Caesar gelingt es, aus dieser für ein Varieté doch gewagten Konstellation ein warmherziges Plädoyer für das Leben zu schaffen.

Das Varieté hat alle Möglichkeiten, die sich Krankenhaus-Clowns im wirklichen Leben und beim Sterben erträumen. Maik Dehnelt, der singend die Show moderiert, stärkt als Clown und Freund des krebskranken Moritz (Tim Kriegler) dessen Lebensfreude, auch wenn sich alle über seinen nahen Tod im Klaren sind. Dazu ruft er den Reigen der Figuren aus Der kleine Prinz auf, die ihre Kraft und Dynamik auf Moritz übertragen.

Der kleine Prinz auf Station 7 – GOP Varieté-Theater
youtube Trailer des GOP Variete-Theater
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Da wärmt Giulia Reboldi als stolze, vielbeinig stachelige Rose auf dem Planeten des kleinen Prinzen und später in einer romantischen Luftring-Szene nicht nur dessen Herz; der Prinz ist eine kleine weiße Stoffpuppe, ein schmaler Alien, den der zum Clown geschminkte Puppenspieler Jarnoth an alle Planeten-Schauplätze und ins Krankenzimmer führt. Er kommt an Maik Dehnelt in Purpurmantel und Krone als dem dummen König vorbei, der nur kluge Befehle gibt, verwundert sich über einen Eitlen, den der auch am Vertikaltuch begeisternde Niklas Bothe mit fließender Hula-Hoop-Akrobatik gestaltet, und passiert den verbohrten Geschäftsmann, als der Nathalie Wecker ungeheuer leicht in einhändigem Handstand auf einer Rechenmaschine balanciert, bevor zur Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“ der vielseitige Ihor Yakymenko als langschwänzige Ratte in unglaublichen Wahnsinnssprüngen durch das Krankenzimmer tobt. Yakymenko beeindruckt auch mit einem Ballett auf Krücken als Mutmacher für Giulia Reboldi als junge Patientin im Rollstuhl, der ein Bein abgenommen wurde. Und er tobt sich als der unglückliche Laternenanzünder, der immer schneller das Licht an- und ausschalten muss, an einer Laterne als chinesischem Pfahl aus, spielt dabei Saxophon und krönt alles mit einem freihändigen Kopfstand auf dem Laternendeckel.

Äußerst stimmig, was den Text und die eigens für Der kleine Prinz auf Station 7 komponierte Musik von Jack Woodhead und Lukas Thielecke betrifft, ist vor allem die Szene mit dem Trinker, der sich für sein Trinken schämt. Wie Toke Reimann seinem Cyr-Reifen schwankend und in seinem Mantel verweht einen trunkenen Ausdruck geben kann, als hätte auch das Gerät seine Rolle gelernt, ist tolles artistisches Schauspiel.

 GOP Varieté-Theater / Der kleine Prinz auf Sation 7 - hier : Der kleine Prinz, Tim Kriegler,  besucht den kranken Moritz, Jarnoth © GOP / Ralf Mohr

GOP Varieté-Theater / Der kleine Prinz auf Sation 7 – hier : Der kleine Prinz, Tim Kriegler,  besucht den kranken Moritz, Jarnoth © GOP / Ralf Mohr

Den artistischen Schluss- und Höhepunkt der Schau setzt Tim Kriegler. Wie er als der gestorbene Moritz an den Strapaten bis in die höchsten Höhen der GOP-Bühne steigt, ist er kein Schmerzensmann, sondern schwingt sich in kraftvollen Schwüngen hinauf wie von irdischer Last befreit, und erntet dafür den Applaus des begeisterten Publikums.

Der kleine Prinz auf Station 7 ist keine Show der großen knalligen Effekte, vielmehr ein fein mit großem szenischen Ideenreichtum und ebenso großem Herz inszeniertes Stück. Manchmal sind es, vor allem vor der Pause, zu viele Ideen, die alle gleichzeitig für sich Aufmerksamkeit erfordern. Etwa wenn Ernesto Lucas Ho, der auch mit einer witzigen Diabolo-Nummer fesselt, Bühnenbilder live mit Pinsel oder elektronischem Stift auf die Kulisse zaubert, während davor gesungen und gespielt wird. So bleibt rätselhaft, warum noch ein quer zur Fabel stehendes Puppenspiel Jarnoths in die Show musste. Als Ganzes ist Der kleine Prinz auf Station 7 ein für das Varieté mutiger,  herzerwärmender und gelungener Brückenschlag zwischen Heiterkeit und Ernst, ein berührendes Plädoyer für das Leben, das vom Publikum zu Recht mit teils stehend dargebrachtem Beifall für alle Beteiligten gefeiert wurde.

Der kleine Prinz auf Station 7 im GOP-Varieté-Theater Münster:   Showtime für ist bis zum 3.11. 2019 immer Mittwoch bis Sonntag.

—| IOCO Kritik GOP Variete Theater Münster |—

Münster, GOP Varieté-Theater: „Kawumm“: Träume eines Buchhalters, IOCO Kritik, 31.03.2017

April 1, 2017 by  
Filed under GOP Variete Theater, Kritiken, Musical

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GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

„Im Land der Träume des Buchhalters“

Mutige Welturaufführung: „Kawumm“ –  GOP Varieté Münster 

Von Hanns Butterhof

Ein graues Büro voll grauer Akten. Ein dicker Buchhalter, der abarbeitet, was seine roboterhaften Kollegen im Trippelschritt anliefern. Und dann geschieht es: Die Akten fliegen durch die Luft, die Szene wird bunt, es macht „Kawumm!“ – und das Publikum wird hineingezogen ins Land der Träume des Buchhalters, die auch die eigenen sein können.

GOP Münster / In der Buchhaltung macht es „Kawumm" - Varieté Show © GOP Varieté

GOP Münster / In der Buchhaltung macht es „Kawumm“ – Varieté Show © GOP Varieté

Der Buchhalter Mutzmann, den der Untertitel der Welturaufführung im GOP Varieté als „dicken Mann, der beinahe nichts konnte“ beschreibt, ist das artistische Urgestein Markus Pabst. Er steht nun nach 25 Jahren das erste Mal wieder selber auf der Bühne, teilt sich die Regie mit seinem Kompagnon Pierre Caesar und moderiert ungewöhnlich ernst, geradezu besinnlich die Auftritte der Artisten. Ohne Scheu vor der Gefahr, zur Spaßbremse zu werden, verfolgt er seinen sehr mutigen, für das Varieté äußerst seltenen Ansatz.

GOP Muenster / „Kawumm" - Varieté Show © GOP Varieté

GOP Muenster / „Kawumm“ – Varieté Show © GOP Varieté

Pabst hat eine Botschaft an das Publikum, nie mit dem Träumen aufzuhören, die er nicht nur ausdrücklich am Schluss formuliert, wenn er kopfüber am Luftring hängt. Das ganze „Kawumm“ ist selber Ausdruck dieses Träumens und eine Huldigung an den Mut des durchwegs sehr jungen Ensembles, das seine Träume, als Artisten zu leben, in die Tat umsetzt.

Mit 19 Jahren ist Anna Shvedkova die Jüngste. Im flatternden weißen Hemdchen schwingt sie verführerisch am Trapez und zeigt weibliche Stärke, wenn sie bei der Partnerakrobatik mit Saleh Prinz Yazdani die solide Basis für dessen Handstände abgibt. Der 20-Jährige fesselt mit seiner weich fließenden Balance-Akrobatik auch auf einem wunderschönen hölzernen Schaukelpferd; sein freihändiger Kopfstand auf der schaukelnden Unterlage ist atemberaubend.

20 und 21 Jahre zählen Vienna Holz und Sina Brunner vom Duo Sienna. Traumhaft, im blauen Halbdunkel von einem Netz feiner Lichtlinien umgarnt, spiegeln sie sich gegenseitig am Vertical Pole und dem Luftring. Der 22-jährige Jongleur Donial Kalex brennt ein wahres Feuerwerk ab, vor allem, wenn er leuchtende LED-Sticks mit so unglaublicher Geschwindigkeit herumwirbelt, dass sie die verschiedensten farbigen Muster faszinierend ins Dunkel zeichnen.

GOP Muenster / Kawumm - Buchhalter Mutzmann (Markus Pabst) wird zur Ballerina © GOP Varieté

GOP Muenster / Kawumm – Buchhalter Mutzmann (Markus Pabst) wird zur Ballerina © GOP Varieté

Mit 28 sind auch Jack Woodhead und Alessandro di Sazio noch recht jung. Der herrlich schräge, transvestitisch angehauchte Woodhead begleitet meist am Klavier fantastisch seine Kollegen, bezaubert aber auch als glänzender Conferencier in der halbseidenen Clubszene im Berlin der dreißiger Jahre. Jubel ruft Alessandro Di Sazio mit seinen einfallsreichen Darbietungen am Boden und am Chinesischen Mast hervor. Scheinbar ohne Kraft aufzuwenden kombiniert er Bewegungen aus Breakdance und Hiphop und gibt am Chinesischen Mast dem Appell Pabsts eindringlich Gestalt, sich ohne Angst fallen zu lassen.

Für den reinen Spaß und ein ganzes Artistenleben stehen die beiden etwa 50-jährigen Collins-Brothers. Der sympathische Helmut bringt allein schon mit seinem bloßen Auftritt „Helmut — das bin ich!“ das Publikum zum Lachen, umso mehr, wenn er aus der Betonmischmaschine singt, kurios einen kaum zufällig Donald Trump ähnelnden, unkontrolliert um sich schlagenden Roboter zähmt oder sich von seinem Collins-Bruder als Jungfrau zersägen lässt.

Wenn der von Pabst aus China importierte Sänger Ye Fei die Arie des Kalaf „Nessuno dorma“ (Keiner schlafe!) aus Puccinis Oper „Turandot“ schmettert, ist auch dies ein Signal an das Publikum, nicht im Alltagstrott sein Leben zu verschlafen, sondern seine Träume zu leben. Das demonstriert Pabst mit seinem Bühnencomeback auch selber, nicht zuletzt, wenn sich der 50-Jährige als leichte Ballerina träumt.

Kawumm am GOP Münster ist eine außergewöhnlich mutige und Mut machende, vielseitige und unbedingt sehenswerte Schau; zu sehen bis 7. Mai 2017

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