Bremen, Theater Bremen, Lulu – Alban Berg, IOCO Kritik, 22.02.2019

Februar 22, 2019 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lulu – Alban Berg

– LULU – Eine Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen –

von Michael Stange

 Alban Berg © IOCO

Alban Berg © IOCO

Alban Bergs Oper Lulu fußt auf den Tragödien von Frank Wedekind, Erdgeist und Die Büchse der Pandora, welche dieser 1892 begann und trotz vernichtender Gesellschaftskritik 1898 / 1902  uraufführte, veröffentlichte.

Schonungslos stellt es die seelenlose Realität der Jahrhundertwende dar. Dramatik, Gewalt und sexuelle Phantasien sind die wirkungsvollen Zutaten dieses Vorläufers der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. Kern des Stückes sind Lulu und ein Reigen an Männern, die unter anderem durch ausschweifendes sexuelles Verhalten ihre charakterliche Zügellosigkeit offenbaren. Wichtige Anregungen verdankt das Stück auch Sigmund Freud und seinen Feststellungen zum Unbewussten und dem Verhalten des Individuums.

1937, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung von Wedekinds Tragödie Erdgeist folgte die Premiere von Alban Bergs unvollendeter Oper Lulu. Seine Komposition komplexer Zwölftonreihen zeichnet in Verbindung mit Wedekinds dramatischem Werk  die  erschütternde Wucht der Oper.

Lulu  –  Alban Berg
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Revolutionär und zugleich immer noch hochaktuell ist die Entlarvung der bürgerlichen Scheinmoral. Lulu ist eine von ihrer radikalen und triebhaften Umwelt zerstörte Frau. Ihr Schicksal endet aber für Alle fatal. Auf dieser nach Wedekind „Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“ drängen alle Personen des Stücks in eine Katastrophe. Bergs Lulu spannt auch den Bogen zwischen den Machtfantasien der Wilhelminischen Jahre und ihren faschistischen Spiegelbildern in den dreißiger Jahren, als Militarismus, Säbelrasseln, gesellschaftliche Unterdrückung und koloniale Ausbeutung die Welt prägten.

Regisseur Štorman beleuchtet die Figuren der Oper einschließlich der lesbischen Gräfin Geschwitz als Einheit beim Missbrauch von Lulu. Lulu ist Opfer und Sinnbild der Verrohung, des Abgrundes und des Todes. Lulu begeht einen Mord, flüchtet, prostituiert sich und entgeht dem Mordversuch Jack the Rippers und steuert einem ungewissen Ende zu. Das Bühnenbild des 1 Aktes ist ein dreidimensionales begehbares kaleidoskopartiges Spiegelkabinett vor schwarzem Hintergrund. Hier ist nicht Lulu die Hauptperson sondern alle Akteure werden im Spiegel reflektiert, strahlen zurück oder verirren sich im Raum. Dieses Kaleidoskop zerfällt schon im 2. Akt und ist zum Schluss des 3 Aktes verschwunden. Alle Personen sind als Spiegelbilder Schöns kostümiert. Nach dem Tod Schöns erscheint Lulu in einem Cat-Woman gleichen Latexkostüm und nimmt nach der Flucht die Fäden in die Hand. Bilderreigen, Kostüme und oft pantomimische Bewegungen erinnern an Fritz Lang Filme wie M oder Dr. Mabuse.

Dadurch ist Marco Štorman ein Gesellschaftsdrama von Unterdrückung und Ausbeutung gelungen. Gerade der Verzicht der Darstellung von Gewalt und Mord macht die Inszenierung umso beklemmender. Lulus Drama wird dadurch das Drama der Gewalt in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Äußerlich unversehrt steht sie am Ende an der Seite der Bühne. Dadurch sind die Wiederholung und Fortsetzung von Gewalt und Qual nicht ausgeschlossen.

Theater Bremen / LULU  - hier:  Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Das Theater Bremen hat für den von Berg nicht vollendeten 3. Akt nicht die bekannte ergänzte Fassung gewählt, sondern dafür Detlef Heusinger einen Kompositionsauftrag erteilt. Er holte für den dritten Akt das SWR Experimentalstudio auf die Bühne und erweiterte das Orchester um eine Bühenmusik. Diese bestand u. a. aus einem Theremin. Das Instrument, wird berührungslos berührungslos über Handbewegungen gespielt und erzeugt eine Vielzahl von Tonhöhen und Dynamiken, die mit mechanische Instrumente nicht erreichen. Hinzu kamen E-Gitarre, Synthesizer und Hammondorgel. Das Klangbild der Oper wird dadurch tonal geändert und wirkt sirrender, packender moderner und noch rauschender und intensiver.

Hartmut Keil versteht es, die Musik Bergs mit fein abgestuften Dynamiken und wo nötig mit dramatischem Applomb zur Geltung zu bringen. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein musikalisch zugewandter, wissender Partner. Seine Lesart und sein interpretatorisches Feingefühl machten die Oper zu einem orchestral differenziert leuchtenden packenden musikalischen Drama mit peitschender emotionaler Wucht.

Marysol Schalit gehört seit 2011 zum Ensemble des Theater Bremen und hat zuletzt als Marcelline in Fidelio Glänzendes geleistet. Marysol Schalit vereint atemberaubende Gesangstechnik, eine von weitem Atem getragene leuchtende Stimme, dramatische Wucht und phänomenale Spielfreude. Ihre darstellerische Eindringlichkeit als Lulu paarte sie mit einer anrührend kindlichen Zerbrechlichkeit. Stimmlich ist sie eine ideale Titelheldin. Ihr an sich warmes Timbre hellte sie gleichsam mädchenhaft auf, gelangte aber auch zu raubtierhafter Gefährlichkeit. Gesanglich gelang ihr ein herausragendes Rollendebut mit berückend, leuchtendem Ton und staunenswerten Koloraturen. Die mörderische Partie der Lulu brachte sie so stupend auf die Bühne des Theater Bremen.

Claudio Otelli war ein packender Dr. Schön und Jack the Ripper. Sein klangschöner dramatischer Bariton füllte die Partie mit stimmlicher Glut, dramatischem Feuer und verzehrender Kraft. Erschütternd stellt er die Selbstvernichtung und den Abstieg Schöns dar und lotete die Partie prächtig mit seinem farbenreich Bariton aus.

Theater Bremen / LULU - hier :  Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Chris Lysack sang trotz Indisposition einen höhensicheren, lustvollen Alwa mit unglaublicher Strahlkraft und faszinierender Bühnenpräsenz. Birger Radde war ein mächtig auftrumpfender lustvoller Tierbändiger und Athlet mit italienischem Heldenbariton. Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz verkörperte einen gutvoller und gefährlichen Vamp mit bestrickendem Mezzosopran. Christian-Andreas Engelhardt war Prinz, Kammerdiener und Marquis mit großem heldentenoralen Applomb. Stephen Clark gab Theaterdirektor und Bankier mit profundem und rundem Bass. Hyojong Kim war tenoral herausragender geschmeidig klangvoller Maler und Prinz von Uahubee.

Lulu im Theater Bremen ist packend mitreißendes Musiktheater. Das Ensemble verfügt über erfahrene und wohl disponierte Sänger/Innen, welche ihre anspruchsvollen Partien mit Sicherheit und dramatischer Intensität durchschreiten. Nie geraten sie an stimmliche oder darstellerische Grenzen. Das hervorragende Ensemble bewältigte Lulu – eine schwer zu inszenierende  moderne Oper – so mit scheinbarer Leichtigkeit. Die Bremer Philharmoniker machten mit Spielfreude und Durchleuchtung der packenden Partitur unter der Leitung von Hartmut Keils die Komposition Alban Bergs in selten gehörtem Maß durchhör- und erlebbar.

Lulu am Theater Bremen; weitere Termine am 28.02., 02.03., 24.03. und 07.04.2019.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Lulu – Ballett nach Frank Wedekind, IOCO Kritik, 22.06.2018

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

LULU — Ballett von Christian Spuck –  Frank Wedekind 

Menschen ohne Hoffnung auf Liebe und Zukunft  –  Stuttgarter Ballett 

Von Peter Schlang

Im Jahr 2003  schuf  der damals in jeder Hinsicht noch junge Haus-Choreograf Christian Spuck mit seiner auf Frank Wedekinds Drama Lulu. Eine Monstretragödie basierenden  gleichnamigen Choreografie für die Stuttgarter Compagnie nicht nur sein erstes Handlungsballett, das bis zu seinem Verschwinden aus dem Stuttgarter Ballettspielplan im Jahr 2008  ein umjubelter Publikumsmagnet war, sondern auch das erste Handlungsballett unter der Intendanz  des zum Ende dieser Spielzeit aus seinem Amt scheidenden Reid Anderson überhaupt. Auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin überarbeitete der seit sechs Jahren  als Ballettdirektor in Zürich wirkende Spuck seinen überaus sinnigen wie schonungslos verstörenden Ballett-Thriller, womit sich für beide – Anderson wie Spuck  – ein Kreis schloss. Diese sowohl dramaturgisch-choreografisch als auch ästhetisch und ausstattungsmäßig behutsam, aber wirkungsvoll aktualisierte Fassung erlebte am 6. Juni  ihre begeistert gefeierte Premiere.  Der IOCO – Besprechung dieses erneut fesselnden, vielschichtigen und vor der noch immer anhaltenden Debatte nach und um „#MeToo“ auch äußerst aktuellen Ballett-Ereignisses liegt die erste Repertoire-Vorstellung nach der Premiere zugrunde, die am 15. Juni das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus erneut zu Begeisterungsstürmen  hinriss.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck hier :  Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck hier : Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

In seinem dreiaktigen, fast zweistündigen Werk verbindet Christian Spuck unterschiedliche Ebenen bzw. Zusammenhänge, die er aus den verschiedenen Fassungen von Wedekinds Theatervorlage heraus destilliert hat. Es gelingt ihm dabei sehr erfolgreich, mit psychologischen, dramaturgischen, tänzerischen und auch musikalischen Mitteln dem komplexen Themenmix  aus Sexualität, Verführung, Begierden, Geschlechterrollen und erotischen Fantasien beizukommen und daraus eine schlüssige, konzise und fesselnde Balletthandlung zu formen. Diese zeichnet sich wie  die anderen, nachfolgenden Handlungsballette Spucks durch eine absolut stimmige, sehr genaue Personenzeichnung aus, die nicht nur den einzelnen Figuren bzw. Rollen Farbe und Kontur verleiht, sondern auch in die pas de deux und in Ensemble-Figuren ausstrahlt, diese zu vibrierenden charakterlichen und soziologischen Studien macht und überragenden Anteil am großen Erfolg dieser genialen Tanz-Adaption hat.

Der Garant für die äußerst erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts ist natürlich auch dieses Mal wieder die herausragende, alle Schwierigkeiten bei Seite schiebende Stuttgarter Compagnie bei, an deren Spitze in dieser Produktion die erste Solistin Alicia Amatriain steht, welche schon vor 15 Jahren die Lulu verkörpert hatte. Nun, zu einer international gefeierten und anerkannten Prima Ballerina und Charakter-Darstellerin gereift,  macht sie aus dieser Rolle einer anziehenden wie abstoßenden Femme Fatale eine Charakterstudie, die jedes Psychothrillers würdig ist und in jeder Bewegung und noch so winzigen Geste oder mimischen Regung zeigt, wie scheinbar schamlos- und moralfrei, dabei aber auch gespalten, zerrissen und hoffnungslos diese Frauenfigur angelegt ist und agiert. Amatriains  Bühnenpräsenz  ist eine Klasse für sich, und das nicht nur,  wenn sie selbst tänzerisch gefordert ist, sondern auch, wenn sie quasi unbeteiligt am Rande steht oder auf einer Stufe der dramaturgisch so wirkungsvoll von Dirk Becker gebauten Freitreppe kauert.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck  - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Nicht minder fesselnd  und den Betrachter in ihren Bann ziehend agiert die famose Anna Osadcenko als die von Lulu wie ihre männlichen Konkurrenten angezogene Gräfin von Geschwitz, die durch ihre große Tanzkunst ebenso überzeugt, wie durch ihre charakterliche und darstellerische Authentizität.

Auch die Tänzer der männlichen Hauptrollen  begeistern durch ihre Gestaltungsfreude und tänzerische Perfektion, so Roman Novitzky in der herausfordernden Doppelrolle des Dr. Franz Schöning und des Serienmörders Jack the Ripper, Noan Alves als Porträtmaler und Lulus zweiter Mann Eduard Schwarz, Flemming Puthenpurayil als Lulus Liebhaber Rodrigo und David Moore, welcher die schwierige Rolle von Schönings Sohn Alwa überzeugend ausfüllt. Eine Sonderrolle unter den an diesem Abend nicht nur tänzerisch-physisch, sondern auch darstellerisch-psychisch stark beanspruchten Tänzerinnen und Tänzern kommt  Louis Stiens zu, der nicht nur die Figur von Lulus „Entdecker“  und erstem Förderer und Protektor Schigolch tänzerisch-darstellerisch sehr gekonnt und abgestuft mit  Leben füllt, sondern als Rezitator von Vernehmungs- und Anklageprotokollen Jack the Rippers auch schauspielerisch bzw. als Sprecher gefragt ist. Die Textverständlichkeit seines Vortrags leidet allerdings stellenweise unter verschiedenen Einflüssen, weshalb man sich hier den für Opernvorstellungen längst selbstverständlichen Einsatz von Obertiteln gewünscht hätte.

Großen Anteil an der Dringlichkeit, Spannung, Eindrücklichkeit und Leidenschaft dieses Balletts hat die von Christian Spuck und seinen Beratern dafür ausgewählte Musik, die wie immer in Stuttgart live aus dem Orchestergraben, aber auch von einer Showbühne  in der  im gewaltigen Einheitsbühnenbild Dirk Beckers zu sehenden Lobby kommt. Die zu hörenden, allesamt aus der Entstehungs- bzw. Handlungszeit der Lulu stammenden Werke  von Alban Berg,  Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch fungieren  nicht nur als musikalische Untermalung eines ausdrucksstarken Tanzes, sondern sind gleichsam die zweite Ebene der Personen- und Charakterzeichnung. Egal ob Schostakowitschs mitreißende Jazz-Walzer, Bergs Auszüge aus seiner Lulu-Suite bzw. seiner drei Orchesterstücke oder Schönbergs Sätze seiner fünf Orchesterstücke: Jedes Musikstück kontrastiert und unterlegt die Handlung hilfreich wie überzeugend, gibt ihr wichtige Impulse zum Verstehen des Bühnengeschehens und stellt  gleichzeitig auch  ein erzählend-kommentierendes Element dar.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spock - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spock – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Das Staatsorchester unter der bewährten, aber nie distanziert-routinierten Leitung seines Ballett-Dirigenten James Tuggle setzt die unterschiedlichen Partituren mit Verve und Schmiss und großer Differenzierungsfähigkeit wie ausgefeilter Dynamik jederzeit überzeugend in Szene bzw. Töne und liefet so dem begnadeten Geschichtenerzähler Christian Spuck und seinen begeisternden Tänzerinnen und Tänzern eine kongeniale Plattform .

Tamas Detrich, der künftige Stuttgarter Ballett-Intendant, darf sich über dieses kostbares Erbe seines  Vorgängers Reid Anderson und dessen einstigem Zögling und jetzigen Züricher Kollegen Christian Spuck freuen wie ein reich beschenktes Kind!

LuluBallett von Christian Spuck nach Frank Wedeking: Weitere Vorstellungen 23., 24. und 30. Juni sowie am 02., 04., 07., 08., 10. und 14. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Retz – Niederösterreich, Der Hexer im Erlebniskeller Retz, IOCO Kritik, 12.05.2018

Mai 12, 2018 by  
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Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Erlebniskeller Retz

 Erlebniskeller Retz  in  Niederösterreich

Der Hexer  –  Edgar Wallace

Von Marcus Haimerl

Eine Besonderheit der niederösterreichischen Weinstadt Retz ist der Retzer Erlebniskeller, ein Jahrhunderte altes Bauwerk aus Röhren, Nischen und Stollen. Mit einer Gesamtlänge von 20 km wesentlich dichter und weiter ausgebaut als das oberirdische Straßenverkehrsnetz. Diese Keller sind bis zu 20 Meter tief in reinen Meeressand gegraben und bis zu dreigeschossig angelegt.

Die Stadt Retz wurde Ende des 13. Jhdt. am Kreuzungspunkt zweier mittelalterlicher Handelswege, im Norden Niederösterreichs, drei Kilometer von der Grenze zu Tschechien (Mähren) entfernt, gegründet. Die Stadt wurde 1425 durch Hussiten (Taboriten) eingeäschert. Überbrachte Berichte sagen, daß die Hussiten die südliche Stadtmauer untergruben und so die Stadt eroberten. Das sagt auch, daß damals schon ausgedehnte Kelleranlagen unter der Stadt waren, die bis in die Nähe der Stadtbefestigung reichten. Es muß somit damals auch schon einen weitreichenden Weinhandel gegeben haben.

Seit 2013 dient der Erlebniskeller Retz aber auch als Spielort für Theaterstücke, unter anderem für Der Name der Rose, Jack the Ripper und Führerbunker.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner © Matthias Karasek

Der Hexer von Edgar Wallace, die erste Produktion des Theaterkollektiv handikapped unicorns im Erlebniskeller Retz, schlägt eine neue, humorvolle Richtung ein. Bekannter noch als die Romane des britischen Schriftstellers sind im deutschsprachigen Raum wohl die in Deutschland produzierten Verfilmungen der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Stile dieser Filme begibt sich der Zuschauer in diesem Kellerlabyrinth auf die Straßen Londons der 60er Jahre und wird von den Schauspielern von einem Schauplatz zum nächsten geführt. Der Hexer, ein Meister der Verkleidung, kehrt nach London zurück, um Rache am zwielichtigen Rechtsanwalt Maurice Messer zu nehmen, jenem Mann, dem er seine Schwester anvertraut hatte, die jüngst tot in der Themse gefunden wurde. Inspektor Wembury wird mit der Suche nach dem Hexer betraut und Mary Lenley befindet sich als Sekretärin des Rechtsanwalts mitten in der Gefahrenzone. Bald schon stellt sich der Zuschauer die Frage, wer der Hexer denn nun ist. Der undurchsichtige Hauptkriminalkommissar Bliss oder der allzu freundliche Polizeiarzt Dr. Lomond?  Welche Rollen spielen Cora Ann Milton, die Ehefrau des Hexers oder Marys Bruder Johnny Lenley? Fragen, die erst beim großen Showdown beantwortet werden.

Mit leicht psychedelischen Wandverkleidungen, Straßenlaternen und einigen wenigen Requisiten wird der Besucher in das London der 60er Jahre versetzt. Musik dieser Periode (u.a. „Paint it black“ der Rolling Stones, „As tears go by“ von Marianne Faithfull und „This boots are made for walking“ von Nancy Sinatra) oder beispielsweise die Geräusche einer fahrenden U-Bahn, welche das Publikum am Londoner Embankment – authentische Beschilderung inklusive – für die weitere Reise benutzt, machen diese Krimikomödie zu einem ganz speziellen Erlebnis. Mit dieser unglaublichen Detailverliebtheit sorgt das Produktionsteam (Bühnenbild: Kristof und Florian Kepler, Technik: Martin Kerschbaum, Patrick Wildhofner-Schmidt) für eine unglaubliche Stimmung.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger  und Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger und Ursula Leitner © Matthias Karasek

Die Regisseure Ursula Leitner und Nikolaus Stich beweisen, dass man auch auf engstem Raum spannendes und überzeugendes Theater zur Aufführung bringen kann, müssen doch die Akteure sich auch immer wieder durch das Publikum kämpfen um auf verschlungenen Gängen an anderen Handlungsorten wieder auftauchen zu können. Neben der hervorragenden Personenführung zeichnen sich die beiden für die vorliegende Fassung verantwortlich und überzeugen außerdem auch als Darsteller. Ursula Leitner überzeugt als an der Schreibmaschine etwas unbeholfene Sekretärin Mary Lenley und überrascht durch raschen Kostümwechsel. Hervorragend aber auch das restliche Ensemble: Großartig Leopold Selinger als Maurice Messer und J-D Schwarzmann als Dr. Lomond. Claudia Marold als respekteinflößende Cora Ann Milton, Régis Mainka (Inspektor Wembury), Johannes Sautner (Johnny Lenley), Max Kolodej (Inspektor Bliss), Matti Melchinger (Sir John) und Daniel Ghidel (Sam Hackitt) komplettieren das mit Leidenschaft und hoher Professionalität agierende Ensemble.

Die spannende Krimikomödie erfreut sich nicht nur bei den Einheimischen größter Beliebtheit und die Leistung aller Darsteller wurde vom Publikum verdient bejubelt.

Der Hexer im Erlebniskeller Retz: Weitere Aufführungen 11., 12., 13., 17.-.21. und 24.-27. Mai 2018 im Erlebniskeller Retz.

—| IOCO Kritik Erlebniskeller Retz |—

 

Giessen, Stadtthetaer Giessen, Premiere LULU, 12.05.2012

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Premiere LULU (UA)

Oper von A. Berg | UA der Fassung für Soli und Kammerorch. mit Neukonzeption des 3. Aktes von E. Kloke

Premiere 12.05.2012

Das Mädchen Lulu ist eine „femme fatale“, wie sie im Buche steht. Ihr Äußeres ist schön, ihre Erotik bezwingend, ihr Wesen einnehmend und verhängnisvoll. Männer bringen sich für sie um, Frauen erliegen bis zur Selbstaufgabe ihrem Zauber, schließlich wird Lulu selbst zur Mörderin, zur Gejagten, zur Hure, am Ende gar zum Opfer. Ihr Schicksal ist nicht aufzuhalten, die Wucht ihrer Existenz zerstörerisch, ihr Leben so spannend wie ein Krimi… Nach „Wozzeck“ hat sich der Dirigent und Komponist Eberhard Kloke auch der LULU angenommen und nicht nur eine Neufassung des von Berg unvollendeten dritten Aktes vorgelegt, sondern auch eine Fassung für Kammerorchester. So entstand eine überaus transparente Bearbeitung, die der Expressivität und der ausgefeilten Psychologie der Bergschen Musik in allen Nuancen gerecht wird. In Gießen erlebt diese 2009 entstandene Bearbeitung Klokes nun ihre Uraufführung.

  • Musikalische Leitung: Herbert Gietzen
  • Inszenierung: Thomas Oliver Niehaus
  • Bühne und Kostüme: Lukas Noll
  • Dramaturgie: Christian Steinbock
  • Lulu: Alexandra Samouilidou
  • Gräfin Geschwitz: Almerija Delic
  • Dr. Schön, Chefredakteur | Jack the Ripper: Adrian Gans
  • Alwa: Dan Chamandy
  • Schigolch, ein Greis: Monte Jaffe
  • Tierbändiger | Athlet: Stephan Bootz
  • Der Prinz |Der Kammerdiener | Der Marquis: Wojtek Halicki-Alicca
  • Ein Theatergardrobiere | Ein Gymnasiast |Ein Groom: Sora Korkmaz / Odilia Vandercruysse
  • Der Medizinalrat | Der Polizeikommissär | Der Professor: Christian Steinbock
  • Der Maler | Ein Journalist | Ein Neger: Catalin Mustata
  • Der Theaterdirektor | Der Bankier: Tomi Wendt
  • Ein Diener: Alexsey Ivanov
  • Eine Mutter: Olga Vogt

Premiere 12.05.2012

Nächste Vorstellungen:

  • 20.05.2012 19:30 Uhr
  • 27.05.2012 19:30 Uhr
  • 14.06.2012 19:30 Uhr
  • 24.06.2012 19:30 Uhr
  • 30.06.2012 19:30 Uhr 

—| Pressemeldung Stadttheater Giessen |—