Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere DIE HOCHZEIT DES FIGARO, 28.09.2019

September 4, 2019 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

DIE HOCHZEIT DES FIGARO
(LE NOZZE DI FIGARO)
WOLFGANG AMADEUS MOZART

Opera buffa in vier Akten / Text von Lorenzo Da Ponte / In italienischer Sprache mit
deutschen Übertiteln

PREMIERE Sa. 28.09.19, 19:30 Uhr, Stadttheater

Musikalische Leitung Alexander Kalajdzic Inszenierung Alexander Charim Bühne Ivan Bazak Kostüme Aurel Lenfert Dramaturgie Anne Christine Oppermann Choreinstudierung Hagen Enke Mit Nohad Becker, Dušica Bijelic, Cornelie Isenbürger, Yoshiaki Kimura, Veronika Lee, Hasti Molavian, Moon Soo Park, Lorin Wey, Frank Dolphin Wong; Bielefelder Opernchor, Bielefelder Philharmoniker Figaro heiratet seine Susanna! Endlich ist er da, der schönste Tag im Leben! So sollte es zumindest sein. Aber ausgerechnet am Hochzeitsmorgen gesteht Susanna ihrem Bräutigam, dass auch sein Dienstherr Graf Almaviva ein Auge auf sie geworfen hat.

Und dass das Zimmer, das er dem Brautpaar zur Verfügung stellt, zwar schön und geräumig ist, hauptsächlich aber sehr günstig für heimliche Grafenbesuche gelegen wäre. So hat sich Figaro seine Hochzeit nicht vorgestellt. Und mit Sicherheit wird er nicht klein beigeben und diese Situation akzeptieren. Bloß verfolgen alle im gräflichen Schloss ihre ganz eigene Agenda, so dass jeder noch so gut durchdachte Plan in nur noch größeres Durcheinander mündet. Innerhalb nur eines einzigen, aberwitzigen Tages wird das Unterste zuoberst gekehrt, sorgfältig Verborgenes offenbar und der Blick in eigene und fremde Abgründe geworfen. Führt ein Weg aus diesem allzu menschlichen Chaos?

Nach dem großen Erfolg der Entführung aus dem Serail suchte Wolfgang Amadeus Mozart lange nach einem neuen Opernsujet, er hatte »leicht hundert – ja wohl mehr Bücheln durchgesehen«, aber mehrere Opernentwürfe blieben Fragment. In der skandalumwitterten, nur kurz vorher in Österreich erschienenen Komödie Dertolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais fand Mozart endlich das Gesuchte: einen höchst gegenwärtigen Stoff, zugleich gesellschaftskritisch und humorvoll. Und mit dem Textdichter Lorenzo Da Ponte traf Mozart auf einen kongenialen Partner, der auch vor diesem politisch wie moralisch heiklen Stück nicht zurückschreckte (eine Schauspielaufführung hatte Kaiser Joseph II. kurz vorher noch verbieten lassen). Gemeinsam schufen sie eine spritzig-bissige Komödie, die durch ihren überwältigenden musikalischen Reichtum gleichzeitig die tiefsten menschlichen Sehnsüchte, Verletzungen und Hoffnungen fühlbar macht.

Auch wenn Mozart und Da Ponte der Gesellschaft ihrer Zeit den Spiegel vorhielten, hat die Oper seit der Uraufführung im Jahr 1786 nichts an Relevanz verloren. Beaumarchais sprach im Vorwort seiner Komödie vom »Missbrauch jeden Standes«. Die Ständegesellschaft mag untergegangen sein, doch weniger sichtbare Abhängigkeitsverhältnisse ermöglichen bis heute den Missbrauch der Stellung, der Macht, des Geldes oder auch erotischer Anziehungskraft in quasi feudaler Manier, wo auch immer Menschen einander begegnen. Die Hochzeit des Figaro entfächert ein Kaleidoskop des menschlichen Lebens und Eros’: Arme treffen auf Reiche, Gebildete auf Ungebildete, Junge auf Alte; Pubertierende entdecken ihre Sexualität, Verlobte freuen sich auf die Hochzeit, in einer anderen Ehe kriselt es und ein Paar in den reiferen Jahren blickt – höchstens ein bisschen weise geworden – auf das Leben zurück. Regisseur Alexander Charim und sein Team führen wie unter einem Brennglas vor, wie an nur einem einzigen »tollen Tag« das ungeschriebene Regelwerk zwischenmenschlicher Beziehungen ins Rutschen geraten kann. Hierarchien verschieben sich, Geschlechtergrenzen werden getestet, aus Anarchie entsteht Freiheit – aber auch Gefahr. Welcher Neuanfang wird auf den Zusammenbruch des Althergebrachten folgen?

Um seine Hochzeit zu retten, ist der von Yoshiaki Kimura verkörperte Figaro bereit, das Äußerste zu wagen. Glücklicherweise ist Susanna (Cornelie Isenbürger) jedoch nicht allein auf den Beschützerinstinkt ihres Verlobten angewiesen, sondern ist voll und ganz in der Lage, selbst »ihre Frau zu stehen«, wenn Graf Almaviva, gesungen von Frank Dolphin Wong, ihr begehrlich zu nahe rückt. In der Partie der durch die notorische Untreue ihres Mannes gekränkten Gräfin Almaviva stellt sich das neue Ensemblemitglied Dušica Bijeli? erstmals dem Bielefelder Publikum vor. Aufkeimende erotische Gefühle stürzen Cherubino (Hasti Molavian) in größte Verwirrung. Alternierend übernimmt Susan Zarrabi in den Vorstellungen von November bis Januar die Rolle. Auch die junge Barbarina, dargestellt von dem neuen Ensemblemitglied Veronika Lee, muss erst lernen, sich im Spannungsfeld erotischer Kräfte zu behaupten. Marcellina (Nohad Becker) und Bartolo (Moon Soo Park) machen im Laufe des Tages überaus überraschende Entdeckungen, die sie ihr Leben neu überdenken lassen. Mit großer Lust an der Intrige spinnt Lorin Wey als Basilio seine Fäden.

Es singen und spielen der Bielefelder Opernchor sowie die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Alexander Kalajdzic.

Die weiteren Vorstellungstermine 03.10. // 06.10. // 18.10. // 23.10. // 27.10. // …
Karten 0521 / 51 54 54 // www.theater-bielefeld.de

MUSIKALISCHE LEITUNG
Alexander Kalajdzic, geboren in Zagreb, Kroatien, begann seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks.

Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent des Nationaltheaters Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien.

Alexander Kalajdzic ist sowohl in der Oper als auch im Konzertbereich gefragt. Sein Repertoire reicht vom frühen Barock bis zur Moderne, wobei sein besonderes Interesse der französischen Musik gilt. So führte er fast das gesamte Orchesterwerk von Ravel und Debussy mehrmals auf. Auch war er lange Zeit als Liedbegleiter und Kammermusiker aktiv und hatte bis vor kurzem einen Lehrstuhl für Orchestererziehung
in Zagreb inne.

Alexander Kalajdzic leitet als GMD seit Spielzeitbeginn 2010/11 die musikalischen
Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Alexander Charim studierte Germanistik und Geschichte in seiner Heimatstadt Wien. Als Regieassistent am Burgtheater Wien und an der Wiener Staatsoper arbeitete er unter anderem mit Luc Bondy und Peter Zadek. Von 2003 bis 2007 studierte er Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Er inszenierte unter anderem an der Staatsoper Hannover, dem Schauspielhaus Wien, der Deutschen Oper Berlin, dem Theater Basel, dem Theater St. Pölten, der Oper Frankfurt, dem Staatstheater Karlsruhe, dem Theater Aachen, dem Theater Osnabrück, den Kunstfestspielen Hannover, dem Radialsystem Berlin, dem Theater Chur, den Operadagen Rotterdam und dem Theater Trier. Zu seinen letzten Arbeiten gehörten Castor et Pollux von Rameau an der Staatsoper Hannover, Carousel von Rodgers/Hammerstein am Theater Basel, Dantons Tod von Georg Büchner am Theater Osnabrück und Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist am Hans-Otto-Theater Potsdam. Alexander Charim war Stipendiat der Akademie Musiktheater Heute bei der Deutschen Bank Stiftung und wurde 2015 für seine Inszenierung von Franz Grillparzers Weh dem, der lügt! am Theater St. Pölten für den Nestroy-Preis nominiert. 2016 erhielt er den Dr.-Otto-Kasten-Preis der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Für seine Inszenierung von Kaurismäkis Lichter der Vorstadt am Landestheater Niederösterreich hat er den Wiener Theaterpreis Nestroy 2016 in der Kategorie Beste Bundesländer Aufführung erhalten. Am Theater Bielefeld inszenierte er bereits Massenets Oper Werther.

BÜHNE
Der Bildende Künstler und Bühnenbildner Ivan Bazak, geboren 1980 in der Ukraine, studierte an der Akademie der Bildenden Künste und Architektur in Kiew Malerei und Bühnenbild. Von 2001 bis 2006 absolvierte er ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf und war von 2005 bis 2006 Meisterschüler bei Karl Kneidl. Seine bildnerischen Werke wurden auf zahlreichen internationalen Ausstellungen und Biennalen gezeigt. Seit 2006 ist er als freier Bühnen- und Kostümbildner für Schauspiel, Tanz- und Musiktheater tätig. Es entstanden Arbeiten u. a. am HAU, am Theater Osnabrück, an der Staatsoper Hannover, an der Deutschen Oper Berlin, am Theater Bielefeld, am Volkstheater Wien und am Theater Basel. 2008 wurde Bazak mit dem Henkel-Kunst-Preis (Wien) ausgezeichnet. Für die Ausstattung der Produktion Johnny Breitwieser am Schauspielhaus Wien (2014) erhielt Ivan Bazak 2015 den renommierten österreichischen Nestroy-Theaterpreis.

KOSTÜME
Aurel Lenfert wurde 1971 in Recklinghausen geboren und absolvierte eine Tischlerlehre in Köln. Er studierte Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Kneidl, dessen Meisterschüler er 2004 wurde. Erste Engagements führten ihn als Bühnenbild- und Kostümbildassistent ans Berliner Ensemble, an das Deutsche Theater Berlin, die Oper und das Schauspiel Frankfurt, die Wiener Festwochen, die Staatstheater Stuttgart, die Hamburger Kammerspiele, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Wiener Burgtheater. Er arbeitete dabei u. a. mit Peter Zadek, Peter Palitzsch, Andrea Breth, Karin Beier und Hans Neuenfels zusammen. Seit 2003 arbeitet Aurel Lenfert freischaffend als Bühnen- und Kostümbildner, u. a. an der Staatsoper u. Schauspiel Stuttgart, Burgtheater Wien, Schauspielhaus Wien, Bregenzer Festspiele, Thalia Theater Hamburg, Nationaltheater Mannheim, Staatsoper und Schauspiel Hannover, Staatsschauspiel Dresden, Centraltheater Leipzig, Theater Magdeburg, Stadttheater Klagenfurt, Landestheater Linz, Konzert Theater Bern, den Salzburger Festspielen und dem Festival Avignon. Er arbeitet unter anderem mit Bernd Liepold-Mosser, Claudia Meyer, Cornelia Rainer, Roger Vontobel und Susanne Lietzow. Mit Alexander Charim verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit.

BESETZUNG
Figaro Yoshiaki Kimura
Susanna, seine Verlobte Cornelie Isenbürger
Graf Almaviva Frank Dolphin Wong
Gräfin Almaviva Dušica Bijeli?
Cherubino, Page des Grafen Hasti Molavian / Susan Zarrabi
Marcellina Nohad Becker
Bartolo Moon Soo Park
Basilio, Musiklehrer Lorin Wey
Barbarina Veronika Lee
Don Curzio, Richter Dumitru-Bogdan Sandu
Antonio Tae-Woon Jung

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere WERTHER von Jules Massenet, 02.12.2017

November 8, 2017 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

WERTHER  von Jules Massenet

PREMIERE 02.12.17, 1 9:30 Uhr, weitere  Vorstellungen 08.12., 15.12., 29.12.17; 23.01., 27.01., 01.02., 18.03.18

Lyrisches Drama in vier Akten nach Johann Wolfgang von Goethe // Dichtung von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann // In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Der junge Dichter Werther ist hingerissen von Charlotte. Als ein Bild vollkommener Weiblichkeit erscheint ihm die Halbwaise, die – selbst kaum dem Kindesalter entwachsen – die Rolle ihrer verstorbenen Mutter einnahm und sich fürsorglich um ihre jüngeren Geschwister kümmert. Leidenschaftlich steigert Werther sich in seine Emotion hinein – zu seinem und ihrem Unglück. Denn nur kurz währt Werthers Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft: Schon in der Nacht ihres Kennenlernens, als er Charlotte von einem Ball nach Hause begleitet, gesteht sie ihm, nicht mehr frei zu sein. Ihre sterbende Mutter nahm ihr das Versprechen ab, den erfolgreichen Geschäftsmann Albert zu heiraten. Ein Versprechen, an das Charlotte sich, ihrer aufkeimenden Gefühle für Werther zum Trotz, gebunden fühlt. Werthers geradezu selbstzerstörerisches Verlangen, in platonischer Freundschaft weiterhin die Nähe der Frischverheirateten zu suchen, entpuppt sich als reiner Selbstbetrug; und auch Alberts Versuch, Werthers Interesse an Charlottes jünger Schwester Sophie zu wecken, ist zum Scheitern verurteilt. Verzweifelt fordert Charlotte den liebeskranken Dichter auf, Abstand zu suchen. Doch ausgerechnet zum Weihnachtsfest erlaubt sie ihm zurückzukehren.

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Eine Liebe – oder zumindest die Vorstellung einer Liebe – so groß, dass sie unweigerlich scheitern muss. Nach eigener Aussage verarbeitete Johann Wolfgang von Goethe seine selbst erduldeten Liebesqualen in dem Briefroman Die Leiden des jungen Werther, um sich selbst kein Leid antun zu müssen. Werther musste stellvertretend für seinen noch jungen Schöpfer Selbstmord begehen, damit dieser den Schmerz bewältigen und weiterleben konnte. Der 1774 erschienene Roman machte seinen 25-jährigen Autor quasi über Nacht zu einer Berühmtheit und Galionsfigur des Sturm und Drang. Der Roman löste bei vielen jungen Lesern das sogenannte Werther-Fieber aus: Nicht nur kleidete man sich ebenso wie er mit blauem Tuchfrack, gelber Weste, Kniehosen aus gelbem Leder und Stulpenstiefeln, sondern man orientierte sich auch emotional an Werther. Plötzlich galt es als akzeptabel, Gefühle zu zeigen und sogar in der Öffentlichkeit zu weinen. Bei einigen reichte die Identifizierung aber bis zum nachahmenden Suizid, so dass der Roman in mehreren Regionen verboten wurde und Goethe sich gezwungen sah, der zweiten Auflage Motto-Verse hinzuzufügen, die mit der Aufforderung endeten: »Sei ein Mann und folge mir nicht nach.«

Die damals wie heute überwältigende Gewalt der absolut gesetzten Gefühle faszinierte auch den französischen Komponisten Jules Massenet. Während in Deutschland die geradezu sakrale Verehrung des Dichterfürsten Goethe Adaptionen seiner Werke beinahe unmöglich machte, konnte man in Frankreich ungenierter zur Tat schreiten. Auf einer Deutschlandreise verschlang Massenet gebannt Goethes Briefroman: »Ich konnte mich nicht von der Lektüre jener brennenden Briefe losreißen, in denen sich die Gefühle der größten Leidenschaft widerspiegelten. Was für aufwühlende Szenen, was für fesselnde Bilder muss das ergeben!«

Massenet gab den tiefen Seelenregungen Werthers eine sinnlich-kantable Tonsprache, deren poetischem Zauber sich, wie Charlotte, auch kaum ein Zuhörer zu entziehen vermag. Nach der Uraufführung in Wien 1892 eroberte das lyrische Drama die deutschsprachigen Bühnen im Flug und blieb die bis heute erfolgreichste seiner Opern in deutschen Musiktheatern.

Die Notwendigkeit, unkontrollierbar überwältigende Gefühle durch Kunst zu sublimieren, wie Goethe es durch das Verfassen des Romans tat, stellen Regisseur Alexander Charim und sein Team in den Mittelpunkt ihrer Interpretation. Um die verlorene Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen, evoziert Werther seine Geschichte. Doch stets droht die Gefahr, sich in der Achterbahn der Gefühle abermals zu verlieren. Vielleicht gibt es nur einen Ausweg: Der Werther der Vergangenheit muss sterben, damit der andere eine Zukunft hat.

Am Theater Bielefeld erklingt eine auf die vier Hauptpersonen konzentrierte Fassung. Daniel Pataky umschwärmt als ekstatischemotionaler Werther seine angebetete Charlotte, dargestellt von Nohad Becker. Als ihr Verlobter und späterer Ehemann Albert versucht Frank Dolphin Wong sich des Nebenbuhlers zu erwehren. Cornelie Isenbürger
singt Charlottes jüngere Schwester Sophie, die in diesem Beziehungsdreieck zu einer gleichermaßen übersehenen wie ausgenutzten jungen Frau zu werden droht. Schauspieler Orlando Klaus verkörpert den anderen Werther, der sich noch einmal seiner Vergangenheit stellt. Die Bielefelder Philharmoniker spielen unter der Leitung von GMD Alexander Kalajdzic.

MUSIKALISCHE LEITUNG
Geboren in Zagreb, Kroatien, begann Alexander Kalajdzic seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent am Nationaltheater Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und inTschechien. Seit Spielzeitbeginn 2010/11 leitet er als GMD die
musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder
Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Alexander Charim studierte Germanistik und Geschichte in seiner Heimatstadt Wien. Als Regieassistent am Burgtheater Wien und an der Wiener Staatsoper arbeitete er unter anderem mit Luc Bondy und Peter Zadek. Von 2003 bis 2007 studierte er Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Er inszenierte unter anderem an der Staatsoper Hannover, dem Schauspielhaus Wien, der Deutschen Oper Berlin, dem Theater Basel, dem Theater St. Pölten, der Oper Frankfurt, dem Staatstheater Karlsruhe, dem Theater Aachen, dem Theater Osnabrück, den Kunstfestspielen Hannover, dem Radialsystem Berlin, dem Theater Chur, den Operadagen Rotterdam und dem Theater Trier. Zu seinen letzten Arbeiten gehörten Castor et Pollux von Rameau an der Staatsoper Hannover, Carousel von Rodgers/Hammerstein am Theater Basel, Dantons Tod von Georg Büchner am Theater Osnabrück und Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist am Hans-Otto- Theater Potsdam. Alexander Charim war Stipendiat der Akademie Musiktheater Heute bei der Deutschen Bank Stiftung und wurde 2015 für seine Inszenierung von Franz Grillparzers Weh dem, der lügt! am Theater St. Pölten für den Nestroy-Preis nominiert. 2016 erhielt er den Dr.-Otto-Kasten-Preis der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Für seine Inszenierung von Kaurismäkis Lichter der Vorstadt am Landestheater Niederösterreich hat er den Wiener Theaterpreis Nestroy 2016 in der Kategorie Beste Bundesländer Aufführung erhalten.

BÜHNE UND KOSTÜME
Ivan Bazak, geboren 1980 in Kolomyja/Ukraine, ist Maler, Videograf, Fotograf, Objektkünstler und Bühnenbildner. Er studierte von 1997 bis 2003 an der Nationalen Akademie der Bildenden Künste und Architektur in Kiew und von 2001 bis 2006 an der Kunstakademie Düsseldorf, darunter 2005/06 als Meisterschüler bei Prof. Karl Kneidl. Er war Artist in Residence bei Kultur-Kontakt Austria in Österreich, bei der Stiftung BINZ39 in Zürich, beim NRW Kultursekretariat in Nordrhein-Westfalen und Nantes sowie Stipendiat des Goethe-Instituts in St. Petersburg. Einzelausstellungen führten ihn u. a. ins Zentrum für Zeitgenössische Kunst Kiew, in die Artothek Köln, ins Museum
am Ostwall in Dortmund, zur Lodz Biennale, in die Galeria Arsenal in Bialystok, die Kunsthalle Wien und den Kunstverein Ulm. In Bielefeld realisierte er bereits 2014/15 gemeinsam mit dem Komponisten Gordon Kampe und der Dramaturgin Katharina Ortmann das multimediale Kunstprojekt Plätze. Dächer. Leute. Wege. Die Stadt als utopische Bühne. 2015 wurde er für seine Ausstattung der Inszenierung Johnny Breitwieser (Wiener Schauspielhaus) mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. Mit dem Regisseur Alexander Charim arbeitete er bereits 2010 als Bühnenbildner bei Orfeo – love will tear us apart und 2012 bei Geometrie der Liebe für die KunstFestSpiele Herrenhausen zusammen.

Musikalische Leitung: Alexander Kalajdzic, Inszenierung :Alexander Charim
Bühne und Kostüme :Ivan Bazak, Dramaturgie :Anne Christine Oppermann

BESETZUNG:  Werther Daniel Pataky, Albert Frank Dolphin Wong, Charlotte Nohad Becker, Sophie Cornelie Isenbürger, Schauspieler Orlando Klaus, PMThBi

Werther am Theater Bielefeld: 02.12.17, 1 9:30 Uhr, weitere  Vorstellungen 08.12., 15.12., 29.12.2017; 23.01., 27.01., 01.02., 18.03.2018

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Osnabrück, emma – Theater, Dantons Tod von Georg Büchner, IOCO Kritik, 08.03.2017

März 8, 2017 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 Dantons Tod von Georg Büchner

Wenn das Private politisch tödlich wird
Revolutionspanorama als psychologisches Kammerspiel

Von Hanns Butterhof

emma Theater Osnabrück / Die pralle Lebenslust der Kommune © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Die pralle Lebenslust der Kommune © Uwe Lewandowski

Wenn es in Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod der Kommune Dantons buchstäblich an den Kragen geht, sitzt das Publikum so dicht um die Spielfläche, als gehörte es dazu; es bekommt zur gerade lautstark abgehenden Party sogar ein Schnäpschen gereicht. In der Nahperspektive von Regisseur Alexander Charim verengt sich Büchners politisches Breitwand-Panorama der Französischen Revolution im emma-theater fesselnd auf ein psychologisches Kammerspiel.

Alexander Charim und sein Ausstatter Ivan Bazak wollen deutlich kein Illusionstheater. Leere Türrahmen trennen Wohn- und Schlafzimmer einer 68er Kommune, über eine flache Reihe von Ziegelsteinen gelangt man in die Küche mit Che-Poster an der Wand, wo später Robespierre zwanghaft seine Silberlöffel glänzend wichsen wird. Wann und wo eine Szene spielt, wird angesagt.

emma Theater Osnabrück / Die letzte Zigarette vor der Guillotine © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Die letzte Zigarette vor der Guillotine © Uwe Lewandowski

Im Zentrum des stark gekürzten und auf nur vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen konzentrierten Stücks stehen die Antipoden Danton und Robespierre. Die Nebenfiguren sind nur schlaglichtartig charakterisiert: Die freier Liebe und Ideen anhängenden Kommunarden, der idealistische Desmoulins (Valentin Klos), der Theoretiker Lacroix (Thomas Kienast), die sanften Julie (Helene Stupnicki) und die mit vollem Körpereinsatz liebende Lucille (Monika Vivell) stehen dem kalten Ideologe St. Just (auch Thomas Kienast) auf Seiten Robespierres gegenüber.

Janosch Schulte als Danton ist von Beginn an gedankenblass angekränkelt. Selbst wenn er kommunekuschelig mit allen im Bett liegt oder mit der Grisette Marion (ebenfalls Monika Vivell) verkehrt, steht er wie neben sich. Schulte macht eindringlich den Grund seiner letztlich für ihn und seine Anhänger tödlichen Handlungsunfähigkeit deutlich : Seit er nicht mehr an die Berechtigung dafür glaubt, als Justizminister der jungen revolutionären Republik die gefangenen Monarchisten hinrichten zu lassen, zweifelt er grundsätzlich am Sinn allen Handelns. Aus dem Partylöwen Danton ist ein Melancholiker geworden.

emma Theater Osnabrück / Dantons Kommune im Gruppenbett © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Dantons Kommune im Gruppenbett © Uwe Lewandowski

Auch sein Gegenspieler Robespierre, von dem Stefan Haschke ein fesselndes Portrait zeichnet, ist kein selbstbewusster Tatmensch. Er steigert sich erst durch laute Zustimmung in seinen schreienden Extremismus hinein. Über eigene Skrupel wegen seines Terrors lässt er sich von Scharfmachern wie St. Just (ebenfalls Thomas Kienast) hinwegtragen. Weil der asketische Saubermann aber seine Sexualität nicht unter Kontrolle bekommt, wendet der seinen Selbsthass gegen Danton, den er als lustvoll in sich ruhenden Lebemann verkennt. Aus diesem Missverständnis wird das Private tödlich politisch. Robespierre liefert Danton und Genossen der Guillotine aus, ihre liebenden Frauen folgen ihnen in den Tod.

Das engagierte Ensemble und Büchners überwältigende Sprache machen Dantons Tod  in Charims interessanter Deutung zu einem tollen Theatererlebnis.

Dantons Tod im emma – Theater, Osnabrück: Die nächsten Termine: 11., 14., 21. und 26.3., jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

 

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