Dresden, Semperoper, Die Reise nach Reims – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 01.10.2019

Oktober 1, 2019 by  
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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Il viaggio a Reims – Gioacchino Rossini

Laura Scozzi entführt Rossini in die heutige Europäische Union

von Thomas Thielemann

Geschichten und Sagen umranken die Entstehung des Werks:   Am 29. Mai 1825 wurde Karl X. (1757-1836), Enkel Ludwig XV. und August des Starken, sowie Bruder des guillitierten Ludwig XVI. in der Kathedrale von Reims mit dem prunkvollen Zeremoniell des Hauses Bourbon zum König von Frankreich gekrönt. Mit den aufwendigen Feierlichkeiten sollte vorgespiegelt werden, dass er sich als König von Gottes Gnaden und nicht als konstitutioneller Monarch betrachtete. Um dieser Umdeutung Gewicht zu, verleihen, wurde der Adel des gesamten Europas zu den Feierlichkeiten in die Kathedrale von Reims geladen. Den Bedingungen der Zeit entsprechend, mussten die Gäste, die keine eigene Kutsche besaßen, mit der Post reisen, einer Reiseform mit begrenzter Planbarkeit.

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Gioacchino Rossini, 1792 – 1868, der sich in Paris um die Ämter als königlicher Generalinspekteur des Gesangs und als Hofkomponist bewarb, beschloss, mit einer Oper Bezug auf die Krönung zu nehmen. Giuseppe Luigi Balòcchi sollte ihm dazu ein Libretto schreiben. Möglicherweise angeregt, dass die Familie des Fürsten Andrei Rasumoffsky (1752-1836) sich verspätet hatte und irgendwo zwischen Genf und Paris hängen geblieben war, verfasste er einen Text über das Stranden einer Gruppe Adliger aus ganz Europa in einem Badehotel in der Nähe von Reims, weil ihnen keine Austauschpferde zur Verfügung gestellt werden konnten. Die Intrigen, Liebeleien und Eifersüchteleien sowie die verborgenen Absichten zwischen den Reisenden, verarbeiteten Balòcchi und Rossini zu einer musikalisch hochvirtuosen satirischen Komödie, die sich am Ende mit einem gemeinsamen „Frieden-stiftendem“ Bankett auflöst. In der scheinbar harmlosen Situation versammeln sich die politischen Mächte Europas der Zeit. Uraufgeführt wurde die Oper am 19. Juni 1825 vor einem gelangweilten König.

Die Reise nach Reims – Making of .. Regisseurin Laura Scozzi
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Obwohl zur Uraufführung drei ausverkaufte Vorstellungen ein Erfolg waren, zog Rossini das Stück zurück; er wollte die Musik anderweitig nutzen. Nach einer Benefizaufführung zugunsten der Opfer eines Brandes und bis auf zwei unautorisierten Bearbeitungen (1848 durch Jean-Henri Dupin und 1854 anlässlich der Sissi-Hochzeit) galt die Oper als verloren. Rossinis Witwe hatte die Partitur seinem Arzt übereignet. Erst in der Mitte der 1970er-Jahre wurde sie in einem römischen Archiv aufgefunden und von dem Musikhistoriker und Rossini-Spezialisten Philip Gossett (1941-2017) rekonstruiert. Andrei Rasumoffsky war im Übrigen der Auftraggeber der drei nach ihm benannten Beethoven-Quartette op. 59, und dem der Komponist auch zwei seine Symphonien (Nummer fünf und sechs) gewidmet hatte.

Der Librettist hatte im Hotel „Zur Goldenen Lilie“ vornehme und ihrer nationalen Zugehörigkeit bewusste Sonderlinge aus den damals Europa repräsentieren Staaten zusammengewürfelt. Da waren Menschen aus Italien, Frankreich, Russland, England, Spanien, Griechenland, Österreich und Deutschland kaserniert.

Was lag nun, im Zeitalter des Regietheaters, für Laura Scozzi näher, als das Geschehen in die Neuzeit, in das „Machtzentrum“ der Europäischen Union zu verlegen. Die in Paris lebende Mailänderin hatte 2012 in Nürnberg mit großem Erfolg versucht, den Stoff zu aktualisieren. Aber damals war die Europäische Union noch in einer vergleichsweise guten Verfassung und Scozzi konnte mit Fantasie, viel Witz, Ironie sowie Satire einen unterhaltsamen und turbulenten Abend mit dem Abschluss „Alles ist Gut“ gestalten. Da konnte sie noch einen Putin mit einer Kalaschnikow aufmarschieren oder mit Berlusconi und mit jungen Damen schäkern lassen. Auch der englische Vertreter Lord Sidney durfte mit halsbrecherischen Kaskaden noch. brillieren und seine entkleidete Queen auf dem Schoß spüren. Angela Merkel breaktanzend auf der Bühne half auch der Stimmung. Sinnlose Papiervernichtung sowie das Vermessen von Banane schienen die Probleme der Zeit. Aber schon damals musste sich das frisch gekrönte Paar Carla Bruni und Karl X. alias Nicolas Sarkozy mit Steine werfenden Demonstranten herumschlagen.

 Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims - hier : die EU in der Semperoper mit Ensemble © Semperoper / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims – hier : die EU in der Semperoper mit Ensemble © Semperoper / Ludwig Olah

Nun hatte Peter Theiler Laura Scozzi an die Semperoper nach Dresden eingeladen, ihre Betrachtungsweise der Rossinischen Charakterstudie einer multikulturellen Reisegesellschaft den aktuellen politischen Strömungen und der gegenwärtigen europäischen Befindlichkeit anzupassen. Und da die Oper keinem straffen Handlungsfaden folgt, hatte sie alle Möglichkeiten, die Gesangsnummernfolge zu einer Persiflage des Sachstandes der europäischen Einigung zu gestalten.

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Die Reise nach Reims – gefangen in der Europäischen Kommision: In der Zeit von Flüchtlingswirren und des Brexit kann mit der Entwicklung nur „mit Entsetzen Scherz getrieben“ werden. Laura Scozzi bewies aber das Feingefühl, bei aller konsequenten Darstellung der Probleme der Europäischen Union und der Eigenheiten ihrer Mitglieder, das auf die Bühne zu bringen. Das Badehotel der Madam Cortese, ist zum bürokratischen Monster der Europäischen Kommission geworden. Einige der Staatenlenker tummeln sich als maskierte Tänzer. Da werden im ersten Teil der Aufführung der Nationalismus der polnischen Regierung, die Kritik an der Afrika-Politik sowie der Umgang mit der Gelbwestenbewegung in Frankreich, die Inkonsequenz der Italiener, die doch etwas egoistische Wirtschaftskompetenz der Deutschen und überspitzte Konsumbedürfnisse thematisiert. Aber auch das Verhältnis der EU zu Russland ist Gegenstand der Handlung, indem man den russischen General Libenskof von der Seitenbühne singen lässt, bis er dann per AEROFLOT in den EU-Kreis einfliegt. Der Brexit beginnt eigentlich, indem der Lord Sidney (Georg Zeppenfeld) erstmal seine Queen in ihrer Bedeutungslosigkeit regelrecht bloßstellt, bevor er seine Situation beklagt und versucht zu verbessern. Natürlich spielt auch die EU-Bürokratie und die Selbstdarstellungswut eine wesentliche Rolle, während auf einer Bildwand die dringendsten Probleme Europas und seines Umfelds thematisiert werden.

Diese Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation der Europäischen Union versucht ein Zauberkünstler-Paar mit Corinna (Elena Gorshunova) und einer weißen Taube die europäische Einigung herbei zu zaubern. Als aber die EU-Fahne abgehängt wird, ist „Europa“ nicht wo erwartet und die Europafahne wandelt sich in eine britische. Gesungen wurde die in einem Akt mit zwei Bildern komponierte Oper in der italienischen Originalsprache. So hatte Georg Zeppenfeld seinen Kummer-Text über die scheinbar unerwiderte Liebe zur Elena Gorshunova in seine Unzufriedenheit mit der Abkehr Großbritanniens darzustellen, bis ihm ein  Boris Johnson -Statist die Flause austrieb.

Im zweiten Teil der Aufführung versuchte Laura Scozzi mit Optimismus die Möglichkeiten der Europäischen Einheit zu entwickeln, was mit der EU-Hymne und dem Wunsch “Einheit durch Vielfalt“ eingeleitet wurde. Einen breiten Zeitanteil gibt das Original von 1825 der Entwicklung eine Liebesbeziehung zwischen dem Russen Libenskof und der Polin Marchesa Melibea. Das nutzte die hochpolitische Inszenierung, das schwierige Verhältnis zwischen den beiden Nationen zu verbessern. Da assistierten Angela Merkel und Emmanuel Macron. Auch wurde Gebärdensprache eingesetzt. Aber auch die Belastung der Schleppe der stilisierten polnischen Braut blieb nicht ausgespart.

So enthielt auch dieser Teil der Aufführung schier unendlich viele prachtvoll umgesetzte Regieeinfälle, wie die Europäische Einigung vorangetrieben werden könnte. Hemmende Erscheinungen, wie separatistische Bestrebungen und Populismus blieben nicht ausgespart. Auch dass Angela Merkel den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mal verprügeln musste, war Teil des Einigungsprozesses.

Als ein Streik bei der Air France Zeit für eine Bestandsaufnahme schaffte, wurden noch einmal die Möglichkeiten des Regietheaters zur Darstellung der Vielfalt genutzt, als die EU-Oberen mit ihrem Gepäck und den dazu gehörigen Anspielungen auf ihre nationalen Eigenheiten aus der Szene gefahren wurden. Beim anschließenden Bankett wurden noch einmal mit Nationalhymnen und landestypische Musik dargeboten. Abschließender Höhepunkt sollte die Europa-Corinna darstellen. Aber so wie ihr Landes-Symbol-Sterne als das Rest-EU-Trennende abgenommen wurde, wurde ihr Jubelgesang müder und sie sank zu Boden. Gewissermaßen als Warnung an eine einsetzende Trägheit des scheinbar geeinten Kontinents stürmten junge Menschen auf die Bühne , zerstörten das Geschaffene und schafften Platz für Neues und für die Bewältigung der Probleme zum Beispiel in Afrika und Arabien.

Da Handlungen und Text nur wenig miteinander korrespondieren war Laura Scozzis straffe Personenführung besonders wichtig. Vom Opernhaus waren zehn Hauptpartien, zwölf Nebenrollen, Chor, Tänzer sowie das Orchester zu besetzen.

Rossinis Marchesa Melibea mutiert zur polnische EU-Vertreterin

Rossinis polnische Edelfrau Marchesa Melibea mutierte bei Scozzi zur Vertreterin Polens; von der russischen Mezzosopranistin Maria Kataeva mit warmer Stimme gesungen und angeregt philosophierend-flirtend gespielt. Ihre delikate präzise Stimmführung und exakte Intonation waren begeisternd. Ihre Darstellung der Beziehung zu Libenskof trug wesentlich zum musikalischen Niveau des Abends bei.

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims - hier : die EU mit Tilman Rönnebeck (Don Prudenzio), Menna Cazel (Maddalena), Gerald Hupach (Gelsomino), Do?ukan Kuran (Antonio) © Semperoper / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims – hier : die EU mit Tilman Rönnebeck (Don Prudenzio), Menna Cazel (Maddalena), Gerald Hupach (Gelsomino), Do?ukan Kuran (Antonio) © Semperoper / Ludwig Olah

Die junge französische Witwe Contessa di Folleville, ständig in der Sorge um ihre extra nach der neuesten Mode geschneiderten Kleider, wurde anmutig und temperamentvoll gespielt und mit klaren prächtigen Koloraturen von der aus Finnland stammenden Ensemblesängerin Tuuli Takala mit sichtbarer Freude gesungen und gespielt. Ihr Cousin Don Luigino singt der ob der Strahlkraft seiner Stimme in das Semperoper-Ensemble aufgerückte gesangstechnisch versierte koreanische Tenor Beomjin Kim.

Für Belcanto-Hohepunkte im Operngeschehen hatte die aus Rom angereiste und dort offenbar künstlerisch Tätige Corinna alias Elena Gorshunova mit ihrem wunderbar klaren Sopran zu musikalischen Höhepunkten gesorgt. Dabei hatte sich die Russin unter Einsatz ihrer schönen Höhe mit einigen Liebhabern abzugeben.

Als aus Tirol zugereiste Organisations-Chefin der Kommission-Bürokratie Madame Cortese agierte die Sopranistin Iulia Maria Dan. Die Sängerin stammt aus Rumänien und ist seit der laufenden Spielzeit Ensemblemitglied. Geistvoll liebenswert gestaltete sie ihre Partie und meistert ohne Schwierigkeiten die Höhen und Pianostellen ihrer Partie.

Mit einem hellen festen Tenor und mühelosen Koloraturen bewältigt der als Rossini Spezialist aus Brasilien angereiste Daniel Umbalino den Chevalier Belfiore, der ständig den Damen den Hof machte und bei der Contessa ziemlich weit kam.

Von ungestümen Wesen, eifersüchtig und verliebt in die polnische Witwe bot der aus Uruguay gekommene Tenor Edgardo Roche den russischen Libenskof. Mit einer Neigung zum Kehlkopfakrobaten sang er mit Glanz, klangschöne beeindruckende Koloraturen bei der textfremden Annäherung seines Landes zur Europäischen Union.

Der englische Oberst Lord Sidney, etwas verklemmt in Corinna verliebt, fand in Georg Zeppenfeld einen hervorragend-zurückhaltenden Darsteller und den gewohnt ausdrucksstarken und traumwandlerisch sicheren Sänger, wie er seinen eigentlichen Liebeskummer in Brexit-Kummer umsetzte.

Dem stimmlichen Schwergewicht aus Italien Maurizio Muraro war der Literat und besessene Sammler Don Profondo anvertraut worden. Mit kantigem Gesang pflegt er seine Freundschaft mit Corinna und seine Solidarität mit Griechenland.

Die Reise nach Reims – Making of .. Sopranistin Elena Gorshunova (Corinna)
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Der aus den Niederlanden gekommene Martin-Jan Nijhof und seit 2016 Mitglied des Semperopern-Ensembles bekam mit dem deutschen Major Barone di Trombonok eine recht anspruchsvolle Aufgabe. Vor allem in der Schluss-Szene kann er seinen kraftvollen satten Bassbariton ordentlich einsetzen. Als leidenschaftlicher in die Polin Marchesa Melibea verliebter spanischer Grande Don Alvaro stellte sich der von der Oder stammende Bernhard Hansky, vormals Ensemble-Mitglied, als Gast vor.

Von den Sänger-Darstellern der Nebenrollen gefielen uns vor allem die Mitglieder des Jungen Semper-Ensembles Anna Kudriashova als griechische Waise Delia, Menna Cazel als spritzig Kokette Hausdame Maddalena und Dogukan Kuran als Bass-Haushofmeister. Auch fielen die etwas zerstreute Zofe Modestina der Tamara Gura mit ihrem warmen timbrierten Mezzo und der Haus-Tenor Gerald Hupach als etwas hart klingender Hausdiener auf.

Als musikalischer Leiter der Premiere hatte Francesco Lanzillotta die Zügel des Spektakels straff in der Hand. Er ließ die Musiker der Staatskapelle knackig und diszipliniert energiegeladen aufspielen, ließ dabei immer den Sängern ihren Freiraum. Der Chor, am Semperhaus letztmalig von Jörn Hinnerk Andresen einstudiert, hatte das  schon gewohnte hohe Niveau. Tolle Leistungen kamen auch von den Tänzern.

Das von Natacha Le Guen Kerneizon gestaltete Bühnenbild war funktionell, die Kostüme der Fanny Brouste und Fabio Antocis Lichtgestaltung spiegelten die EU-Gepflogenheiten.

Dank der Nummernstruktur der „Oper“ störte der Szenen-Beifall ausnahmsweise nicht. Der Schlußbeifall war stürmisch und langanhaltend, was Buh-Rufer auszusetzen hatten war nicht erkennbar. Laura Scozzi saß während der Vorstellung fast direkt vor mir, so dass ich sehen konnte, dass sie nahezu keine Reaktion auf das gebotene zeigte.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Platée – Jean Philippe Rameau, IOCO Kritik, 10.04.2019

April 10, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée – Jean Philippe Rameau – Premiere

– Höllenfahrt eines Transvestiten –

von Thomas Thielemann

Gäbe es eine Repertoire-Gerechtigkeit, so müsste der Jean Philippe Rameau (1683-1764) in den Statistiken ähnlich häufig aufgelistet sein, wie die beiden anderen Komponisten-Giganten die in den 1680er Jahren geborenen: Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Dabei hat er neben Motetten, Kantaten, viel Instrumentalmusik und Opern auch als Musiktheoretiker erhebliches geleistet. Mit seiner Treatise of Harmony  ist er der Erfinder der Harmonie-Lehre.

Rolando Villazón inszeniert Platée an der Semperoper

Platée – The Making of … Rolando Villazon
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Zögerlich werden seine Opern erst im letzten Jahrzehnt wieder in Deutschland in die Spielpläne aufgenommen. Die Semperoper engagierte nun den Rolando Villazón, um die wahrscheinlich gelungenste Komposition RameausPlatée- Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten von Adrien-Joseph Le Valois d´Orville“ zu inszenieren. Wegen der „Ballett-Oper“, in der Gesang und Tanz fast gleichberechtigt nebeneinander stehen, brachte Villazón den französischen Choreographen Philippe Giraudeau und zur Komplettierung der Opulenz den Lichtdesigner Davy Cunningham mit nach Dresden.

Der Stoff der Handlung basiert auf einer spätantiken Überlieferung des Pausanias aus der Zeit um 170 n. Chr. und beschreibt einen Spaß, den sich die olympischen Götter mit der liebesverrückten Nymphe Platea gemacht haben sollen. Diese hässliche Kröte hält sich für unwiderstehlich und will sich in eine Liaison mit dem „Allerhöchsten“ einlassen, der aber nicht als Stier oder Schwan sondern als Einhorn bzw. Eule erscheint. Aus dieser Überlieferung entwarf der Maler, Dramatiker und Schauspieler Jaques Bureau (1657-1745) einen Operntext und verkaufte ihn aus Gründen der Geldnot an Rameau. Der ließ den Entwurf vom Amateur-Librettisten Le Valois d´Orville komplettieren. Rameau schuf eine Opernmusik, die von abgrundtiefer Tragik bis zu ausgelassener Albernheit einen Spannungsbogen der Darstellung menschlicher Gemütszustände auslotet.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Einsame Solokantilenen, prächtige Ensemble- und Chorszenen sind durch zahlreiche Ballette verbunden. Dabei entlockt er dem barocken Orchester immer neue Klangfarben und Tänze von überwältigender rhythmischer Vielfalt: Um des Jupiters Gattin von ihrer Eifersucht zu kurieren wird ihr vorgegaukelt, dass Jupiter beabsichtige, die im sumpfigen Reich der Frösche beheimatete hässliche Wassernymphe Platée zu heiraten. Nun hält sich die Nixe für unwiderstehlich, träumt von einer Zukunft als Göttergattin, wird aber letztlich verspottet und gedemütigt.

Für die Hochzeit des Dauphins mit der spanischen Infantin gedacht, fand der Stoff bei einer Aufführung vor einem Teil der Hofgesellschaft nur begrenzte Gegenliebe, schon weil die Prinzessin absolut keine Schönheit war und Imitationen der Stimmen von Kuckuck und Esel kaum für eine Huldigung am Versailler Hof Ludwig XV. geeignet waren. Eine öffentliche Aufführung erfolgte am 9. Februar 1649 an der Pariser Opera.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Rolando Villazóns Inszenierung ist so, wie wir ihn kennen: locker, schräg und ordentlich durchgedreht. Dazu eignete sich der Handlungsbereich in der Welt der Götter und der Nymphen. Die Handlung, von Haus aus verfremdet, bedient so ziemlich jedes Vorurteil und charakterisiert so menschliches Verhalten, ohne erhobenen Zeigefinger. Es gelingt so der Regie, das schwierige Thema des Mobbings locker auf die Bühne zu bringen. Denn letztlich ist Platée eine als Komödie verkleidete Tragödie. Und so vermischt Villazón auch die antagonistischen Götter, Amour als Gott der Liebe mit dem Gott der Satire Momus.

Die Tänze, in der französischen Oper eigentlich Einlagen, sind gut in die Handlung verknüpft, so als Fantasie-Gebilde der Titelrolle, während Platée mit Puppen spielt. Sie bringen das Geschehen voran, schaffen einen Fluss von Gesang und Tanz.

Platée – The Making of … Dirigent Paul Agnew
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Die weibliche Titelrolle hatte der Komponist einem hohen Tenor zugeschrieben. Das entsprach durchaus der üblichen Opernpraxis der Zeit. Villazón zeichnet Platée konsequent ohne Wenn und Aber als Transvestiten. Er zeigt seine Verwandlung vom Mann zu einer selbstbewussten Frau, die eben nur im Körper eines Mannes versteckt ist. Ihre Fähigkeit zur Fantasie ermöglicht das zu akzeptieren, was aber ihre Mitwelt nicht so anzunehmen bereit ist. Die Regie überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, ist Platée verrückt weil sie Frau im Körper eines Mannes ist? Oder ist die Gesellschaft verrückt, weil sie damit ein Problem hat?  Die Lockerheit und das Komische der Inszenierung verleitet zum Lachen über Platée, aber es ist ein grausames Lachen.

Die Bühne, hervorragend zweckmäßig von Harald Thor entworfen, ist ständig voller Menschen: Zwischen den Sängern, den Ballett-Tänzern und den Hauptfiguren kann sich der Zuschauer kaum langweilen. Dazu passten die wunderbar schrägen Kostüme von Susanne Hubrich Die musikalische Leitung war dem Spezialisten für die französische Barockmusik Paul Agnew übertragen worden, der selbst mehrfach als Platée auf der Bühne gestanden hat.

Den Musikern der Staatskapelle gelingt, obwohl die Barockmusik nicht zur Kernkompetenz des Orchesters gehört, eine Wiedergabe auf höchstem Niveau. Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt. Aber den Profis werden dem tänzerischen Ungestüm der Musik und dem barocken Klangbild in jedem Moment gerecht.

Die weibliche Titelrolle hatte der bereits als Platée erfahrene Philippe Talbot (Foto) übernommen. Seine Stimme war nicht ausgesprochen farbenreich, aber seine schauspielerischen Leistungen ließen seinen begrenzten Gesang vergessen. Neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit als König der Götter Jupiter der Bass-Bariton Andreas Wolf (Foto). Dazu seine Gattin Juno lyrisch mit leuchtendem Sopran Ute Selbig. Die Muse der Komödie Thalie und die Magd der Platée bot die rumänische Sopranistin Iulia Maria Dan (Foto) mit wunderschöner samtiger Stimme ungewöhnlich durchsetzungsfähig.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Ensemble © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Ensemble © Ludwig Olah

Im Prolog agierte als Erfinder der Komödie Thespis und im Spiel als Bote-Gott Mercure mit skurriler Liebenswürdigkeit, umwerfendem Charme, sängerisch und schauspielerisch glanzvoll der englische Tenor Mark Milhofer. Einen fast magisch-hemmungslosen Auftritt als Gott der Satire Momus schafft mit dem Wenigen, was er zu singen hat, der Ensemble-Bassbariton Sebastian Wartig.

Mit immens spielerischem Einsatz und einem fast protzenden prächtigen Bariton verkörperte Giorgio Caoduro den König der Berge Cithéron und im Vorspiel einen Satyr, neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit der König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf. Einen zauberhaften Amor konnten wir von der Sopranistin des Jungen Ensembles Tania Lorenzo erleben.

Die erfahrene Interpretin des Barockrepertoires Inga Kalna beherrschte als die lebenslustige La Folie mit überwältigender Stimme und lasziver Darstellung die Bühne. Zudem war der allgegenwärtige Staatsopernchor, fantastisch geleitet von Cornelius Volke, egal ob als ein Chor von Fröschen oder kontrapunktisch, immer beeindruckend.

In der Pause sah man einige ratlose Gesichter; es blieben im zweiten und dritten Akt einige Plätze frei. Zum Schluss gab es einhelligen Jubel für Regieteam, Sänger-Darsteller und Tänzer/innen.

Platée an der Semperoper; die folgenden Termine dieser Spielzeit 11.4.; 16.4.; 23.4.; 29.4.2019

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