Freiburg, Theater Freiburg, Katja Kabanowa – Zerbrochen an Lieblosigkeit, IOCO Kritik,

Januar 31, 2018 by  
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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freburg

Theater Freiburg

Katja Kabanowa von  Leoš Janácek

„Ein Mensch zerbricht an der Lieblosigkeit der Nächsten“

Von Julian Führer

Weit im Süden der Bundesrepublik befindet sich ein Haus, das schon mehrfach durch sehr ambitionierte Programme, spannende Inszenierungen und hochkarätige musikalische Umsetzungen auf sich aufmerksam  gemacht hat. Deborah Polaski debütierte hier 1984 als Isolde. Die Intendanz von Barbara Mundel dauerte von 2006 bis 2017, in diese Zeit fielen ein kompletter Ring des Nibelungen und viele andere Projekte. Auf die Handschrift des neuen Intendanten Peter Carp darf man ebenso gespannt sein. Beiden Theaterleitungen ist gemeinsam, dass sie Opern von Leoš Janácek auf das Programm gesetzt haben. Im November 2016 konnte Vera Nemirova eine packende Deutung der Sache Makropoulos präsentieren, nun hatte die 1921 uraufgeführte Katja Kabanowa (in Original Káta Kabanová) in der Regie von Tilman Knabe Premiere.

Theater Freiburg / Katja Kabanowa - hier Anna-Maria Kalesidis als Katja, dem Wetter hilflos ausgeliefert © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / Katja Kabanowa – hier Anna-Maria Kalesidis als Katja, dem Wetter hilflos ausgeliefert © Rainer Muranyi

Das Stück thematisiert eine Frau, die an der lieblosen Gesellschaft und der Situation in der Familie zerbricht, in die sie hineingeheiratet hat (oder wurde). Die Thematik durchzieht die Belletristik des 19. Jahrhunderts und findet sich ebenso in Flauberts Madame Bovary von 1857 wie auch wiederholt bei Fontane (z.B. in Effi Briest) oder auch in Tolstois Anna Karenina. Alexander Ostrowski schrieb 1860 das Drama Gewitter, das sich Janácek als Grundlage für diese Oper nahm. Katja ist mit Tichon Kabanow verheiratet, der sich nicht von seiner dominanten Mutter, der Kabanicha, zu lösen vermag. Der Vater lebt nicht mehr, im Hause gibt es permanente Spannungen. Einzig Warwara, Pflegetochter bei den Kabanows, gibt Katja Rückhalt. Wie in Schostakowitschs wenige Jahre später uraufgeführter Lady Macbeth von Mzensk geht der Ehemann aus mehr oder weniger zwingenden Gründen auf Reisen, so daß die Ehefrau alleine zu Hause bleibt. Die Lösung des dramatischen Konfliktes ist bei Janácek nicht wie bei Schostakowitsch brutale Gewalt, sondern zunächst Katjas Bitte, der Ehemann möge sie mitnehmen oder ihr wenigstens verbieten, andere Männer anzuschauen. Ersteres lehnt er ab, Letzeres scheint ihm unnötig. Als die Kabanicha ihren Sohn nötigt, seiner Frau doch diese Versprechen abzunehmen, ist deutlich, daß er über keine eigene Persönlichkeit verfügt.

Janácek zeigt drei unterschiedliche Paare: die Kabanicha, die sich jenseits der Augen der Familie mit dem groben Kaufmann Dikoj zusammentut, Warwara, die sich nachts mit dem oft spöttelnden Lehrer und Mechaniker Kudrjasch trifft, sowie schließlich Katja und Boris, den Neffen Dikojs. Drastisch skizziert die Regie mit wenigen Kniffen die verschiedenen Gemütslagen: Dikoj und die Kabanicha treiben es während eines musikalischen Intermezzos grob und lieblos, während Kudrjasch zunächst Warwara umgarnt, sie dann aber zu vergewaltigen versucht. Hierzu gibt es im Libretto keine Vorlage, aber Tilman Knabe scheint hier die mentale Disposition des Zynikers Kudrjaschs zeigen zu wollen. Der melancholische Abschied von Kudrjasch und Warwara, über dem in der Musik der Klang einer verpaßten Chance schwebt, läßt dies letztlich doch schlüssig erscheinen. Katja schließlich kann die verschlossene Gartentür überhaupt nur überwinden, weil Warwara ein neues Schloß eingebaut hat und Katja den Schlüssel gibt.

Theater Freiburg / Katja Kabanowa - hier Chor, Ensemble © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / Katja Kabanowa – hier Chor, Ensemble © Rainer Muranyi

Es wird viel geraucht auf dieser Bühne. Kudrjasch und die männlichen Nebenrollen qualmen Bühnenzigaretten und zeigen allgemeine Ratlosigkeit. Katja weiß, daß sie einer sich bietenden Gelegenheit nicht widerstehen könnte. Als es soweit ist, raucht sie dann auch. Ihre zutiefst biedere Kostümierung macht deutlich, daß sie tief gläubig und allgemein sehr unsicher ist, ganz im Gegensatz zu Warwara, die in engen Jeans und hohen Schuhen gefallen will. Der Glaube soll ihr Kraft geben, gleichzeitig hat sie Visionen, die sie kaum verarbeiten kann. Tilman Knabe arbeitet das dadurch heraus, daß er sie epileptische Anfälle erleiden läßt und diese auch mit filmischen Mitteln und mit Lichteffekten überdeutlich macht. Sie taumelt in die Affäre mit Boris, den sie dann aber während der zehntägigen Abwesenheit ihres Mannes jeden Tag trifft.

Neben der Personenführung und dem Licht trägt die Bühne viel dazu bei, der Linie des Regisseurs stets folgen zu können: Unbestimmte offene Räume, die die Personen wie ins Nichts geworfen zeigen, wechseln ab mit Szenen vor dem Zwischenvorhang und dann wieder mit Interieurs, für die kleine Guckkästen gebaut wurden und die dann nach vorn und wieder nach hinten geschoben werden (Bühne: Alfred Peter). Diese Räume werden von einem kalten weißen Licht umrahmt, was noch unterstreicht, wie kalt es in dieser Familie zugeht. In einem dieser klaustrophobisch engen Zimmer hängen links eine Madonna, vor der Katja regelmäßig kniet, rechts ist das Bild eines Rotarmisten mit Trauerflor zu sehen – der verstorbene Mann der Kabanicha. Das Wechselspiel der Bühnenbilder erlaubt eine kaleidoskopartige Überblendung. Der Zuschauer sieht, wie sich im Hintergrund etwas vorbereitet, während vorne noch ein anderer Handlungsstrang zu Ende erzählt wird; manche stumme und auch statische Bilder unterstreichen die Musik, die das Drama aus der Perspektive Katjas erzählt. Auch die Regie stellt sich auf ihre Seite.

Im dritten Akt steht das bereits bekannte Personal zusammen und unterhält sich in grober Weise. Ein Gewitter geht nieder. Katjas Ehemann kehrt zurück, Katja wirft sich ihm entgegen und gesteht ihm, was geschehen ist. Tichon will das Geständnis eigentlich gar nicht hören; fast schon logischerweise ist die Kabanicha auch in diesem Augenblick anwesend. Die folgende Szene spitzt noch einmal Tilman Knabes Sicht auf Katja zu: anstelle eines letzten Zusammentreffens mit Boris, an dessen Ende Katja sich ertränkt, entscheidet er sich für eine Szene mit Katja ganz allein. Das Zwiegespräch mit Boris deutet er als inneren Dialog, den Katja, alleine auf der Bühne, mit einem Bild Boris‘ in der Hand führt. Die Antworten Boris‘ (der sich längst für andere Mädchen interessiert) kommen aus dem Off und mit immer mehr Hall, sind nicht zu lokalisieren, so daß das innere Drama Katjas erfahrbar wird. Katja singt „Der Tod kommt ja gar nicht.“ („Ale smrt nepcchází“) Die Stelle gemahnt vom Text an Humperdincks Königskinder („Der Tod kann nicht kommen. Ich liebe dich.“), an die auch musikalisch an dieser Stelle Anklänge hörbar werden. Kannte Janácek dieses Stück? Katja jedenfalls zieht sich in Tilman Knabes Deutung mit einiger Mühe den Ehering vom Finger, wirft ihn in die Kulisse, vergiftet sich mit Schlaftabletten und stirbt. Sie ertrinkt so nicht in der Wolga, sondern im übertragenen Sinn und etwas wie Isolde   in einem Video von Bill Viola. Als sie kurz darauf am vorderen Bühnenrand abgelegt wird, sieht sie allerdings tatsächlich wie eine Leiche aus (Kompliment an die Maske!). Während die Kabanicha den schönen Schein wahren will, gerät die Gesellschaft in dieser Deutung aus den Fugen. Tichon, nach dem Tod seiner Frau dann doch einmal Ehemann (ganz wie Charles Bovary!), wird aggressiv gegenüber seiner Mutter, während die aufgebrachte Menge über Dikoj herfällt. Die Regie verlängert den Schlußakkord, indem Vogelzwitschern vom Band gespielt wird.

Theater Freiburg / Katja Kabanowa - hier Jin Seok Lee, Joshua Kohl, Inga Schäfer, Chor © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / Katja Kabanowa – hier Jin Seok Lee, Joshua Kohl, Inga Schäfer, Chor © Rainer Muranyi

Janáceks Musik weist zahlreiche Bezüge zu Dvorák auf. In Janáceks Sinfonietta von 1926 wird man die Kabanicha und einiges andere (z.B. die hoch gestimmten Pauken) wiedererkennen. Fabrice Bollon als Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters Freiburg wählt ein sehr hohes Einstiegstempo, findet dann aber, vor allem in der zweiten Hälfte des ersten Aktes und im zweiten Akt, zu einem sehr klaren und zupackenden Klangbild, mal schroff, mal verspielt, mal ironisierend. Besonders einnehmend war Bollons Art der Sängerbegleitung. Janáceks Partitur macht es ihm vergleichsweise einfach, doch er nahm das ansonsten üppig aufbrandende Orchester merklich zurück, um den Solisten Raum für ihre Rollengestaltung zu schaffen.

Star des Abends war eindeutig Anna-Maria Kalesidis als Katja. Die Wandlung von einer zugeknöpften Person zu einer liebenden Frau und von dort zu einer verzweifelten Selbstmörderin, dies alles auch stimmlich erfahrbar gemacht – das war große Kunst. In die höheren Lagen legte sie eine gewisse Schärfe, die gut zu ihren Seelenqualen paßte. Auch körperlich gab sie vollen Einsatz (z.B. bei den epileptischen Anfällen). Ihr zu Seite als Boris steht Harold Meers, dessen Tenor neben ihr eher zurückhaltend wirkt, ohne dennoch gänzlich zu verblassen. Aus dem Freiburger Ensemble brachten Juan Orozco (Dikoj), Anja Jung (Kabanicha) und Roberto Gionfriddo (Tichon) wie stets sehr überzeugende Leistungen. Die Warwara Inga Schäfers überzeugte unmittelbar. Auch die kleineren Rollen und der Chor waren gut einstudiert, ebenso das Orchester. Als Ensembleleistung hätte diese Premiere auch an einem großen Haus ihren Platz gehabt. Das Theater Freiburg wurde ab 1905 erbaut und verfügt über einen hinreichend großen Orchestergraben, um auch Werke des späten 19. und 20. Jahrhunderts ohne künstlerische Abstriche zeigen zu können.

Der Inszenierung ist meist leicht zu folgen, gleichzeitig entwickelt sie das Stück an mehreren Stellen weiter, findet überraschende Lösungen – auch wenn tief in die Mottenkiste neuerer Opernregie gegriffen wird (Müllsäcke, Rollator, epileptische Anfälle). In manchen Fällen und in kluger Dosierung leuchten ausnahmsweise auch solche Requisite ein. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus sowie mit einhelligen Bravorufen für das Regieteam und Ovationen für die Sängerin der Katja. Ein verdienter Erfolg für das Haus, der auch für die Zukunft Grosses erwarten läßt!

Katja Kabanowa am Theater Freiburg, weitere Vorstellungen 2.2.; 10.2.; 25.2.; 15.3.; 31.3.; 15.4.2018

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Tristan – Parsifal – Festspiel-Erlebnisse, IOCO Aktuell, 20.08.2017

August 19, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Bayreuther Festspiele 2017 – Mitreißende IOCO Erfahrungen

Tristan und Isolde, Götterdämmerung, Parsifal, IOCO – Redaktionstreffen, Begegnung mit Richard Wagners Urenkelin Katharina Wagner

Von  Patrik Klein

Seit beinahe 30 Jahren reisen meine Frau und ich regelmäßig nach Bayreuth zu den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Doch 2017 ist anders als die vielen Jahre zuvor: Erstmals fungiere ich in Bayreuth offiziell als IOCO Koordinator: IOCO Redaktionsmitglied Dr. Hanns Butterhof, besuchte die vier Vorstellungen des Ring des Nibelungen, den Castorf – Ring 2017 und veröffentlichte bei www.ioco.de seine packende Rezension. IOCO – Kollege Dr. Albrecht Schneider wird die Meistersinger, inszeniert von Barrie Kosky, noch besuchen und ebenso bei IOCO berichten. Als IOCO – Koordinator für die Bayreuther Festspiele nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, das Kulturportal IOCO, meine Kollegen und mich bei Peter Emmerich, Leiter Marketing und Presse der Bayreuther Festspiele, vorzustellen. In seinem Büro sitzend, IOCO vorstellend, trat plötzlich und völlig unerwartet Katharina Wagner herein, setzte sich zu uns und nahm interessiert wie aktiv an unserem Gespräch teil. Da meine Frau und ich Karten für Tristan und Isolde hatten, Petra Lang (Isolde) aber wegen Indisposition durch Ricarda Merbeth ersetzt wurde, unterhielten wir uns mit Katharina Wagner angeregt über Nöte kurzfristiger Umbesetzungen, die Bayreuther Festspiele allgemein wie auch Ziele und Schwerpunkte des Kulturportales www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz GmbH. Eine für mich wunderbare Erfahrung, all dies im Herzen der Festspiele persönlich wie intensiv kommunizieren zu können.

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Die folgenden Tage in Bayreuth bestanden aus dem Besuch von Tristan und Isolde, Götterdämmerung und dem Spätwerk des Meisters, Parsifal. Dazu im Hotel Goldener Löwe eine kleine Redaktionssitzung zu aktuellen wie zukünftigen Zielen von IOCO; mit Viktor Jarosch und Dr. Hanns Butterhof. Dr. Butterhof besuchte und rezensierte bereits den Bayreuther  Castorf – Ring 2017 (link hier).

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan, Götterdämmerung, Parsifal – Kurze Eindrücke

Tristan und Isolde: Die Musik Richard Wagners geht über Alles. Seine Musik geht durch Mark und Bein; sie regt auf; sie regt an zum Nachdenken, zum Träumen und zum Weinen. Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners, versteht es blendend in Ihrer Inszenierung von Tristan und Isolde Spannung aufzubauen, Spannung welche fasziniert. Sie schafft es, innere Seelenbilder „sichtbar“ zu machen. Ähnlich der Ruth Berghaus Inszenierung in Hamburg setzt sie an bei der Vorgeschichte.

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Tristan und Isolde lieben sich seit langem, bereits seit der Vorgeschichte in Irland (1. Akt „Dein Elend jammerte mich“ in Liebe-unterstreichender Tonart). König Marke wird nicht als etwas dümmlicher Opa charakterisiert, sondern ist Diktator, Schurke, Egoist. Die Handlung der Katharina Wagner – Inszenierung ist folgerichtig und klug durchdacht. Tristan und Isolde  brauchen keinen Liebestrank (mir klopft das Herz). Sie schütten ihn sogar weg u.v.m. Im zweiten Akt wird deutlich, dass sie wissen, dass dies ihre letze Nacht (Liebesnacht) werden wird. Der dritte Akt endet nicht wie so oft mit einem verklärten Liebestod (Wagner hat nie geschrieben, dass sie stirbt); Isolde spielt noch ein wenig mit der Leiche ihres Geliebten und wird dann schroff von Marke in ihre Kammer gezerrt. Atemberaubend und großartig dargestellt. Das Orchester der Bayreuther Festspiele ist „des Wahnsinns fette Beute“. Am Beginn des dritten Aktes kann man die Tränen angesichts der Schönheit der Musik nicht mehr zurückhalten. Warum auch?

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde – Schlussapplaus © Patrik Klein

Christian Thielemann dirigiert perfekt; flüssig; an manchen Stellen innehaltend; wuchtig; solide; abenteuerlich. Es ist eine Freude. Der Gesang ist besser als befürchtet. Grandios mit allesüberstrahlendem Bass René Pape. Kraftvoll bis zum letzten Atemzug der Tristan von Stephen Gould. Ricarda Merbeth singt ordentlich von der Seite für die erkrankte Petra Lang. Frau Lang spielt stumm. Die Brangäne wird von der wohlklingenden Christa Mayer dargestellt. Insgesamt sind die Stimmen bis auf René Pape wenig textverständlich. Obwohl ich den Text der Oper Tristan und Isolde recht gut kenne, sehnt man die fehlenden Übertitel herbei. Großer Jubel und Getrampel nach sechs Stunden spannendem Musiktheater.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Finale © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Finale © Enrico Nawrath

Götterdämmerung: Da Dr. Hanns Butterhof bereits ausführlich über den Ring berichtete, hier mein kurzer Eindruck von der Castorfschen Apokalypse des Kapitalismus. Die Vorstellung gerät, wenn man die drei vorherigen Teile nicht sehen konnte, leicht zu einer Reizüberflutung größten Ausmaßes. Nie zuvor war ich nach einer Götterdämmerung emotional so fertig und scheinbar überrannt. Doch die Musik war umso erstaunlicher. Marek Janowski dirigierte vor Kurzem mit dem NDR Elbphilharmonieorchester und Weltklassesängern ein großartiges Rheingold in der Elbphilharmonie Hamburg. Die musikalisch hohe Qualität setzte sich hier in Bayreuth   nahtlos fort.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Schlussapplaus © Patrik Klein

Janowski dirigiert zügig; sehr zügig, aber spannend und facettenhaft. Das machte Spaß. Die Sängerriege kurzum großartig erhielt Zuspruch ohne Einschränkungen. Es ist wunderbar, ein solches gleichförmiges Niveau erleben zu dürfen. Der Chor unter Eberhard Friedrich singt im Weltklassemodus. Man wünscht sich als Hamburger an dieser Stelle, dass es ihm gelänge, dies auch an der Hamburgischen Staatsoper häufiger umzusetzen.

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“, so der Dalai Lama. Parsifal bei den Bayreuther Festspiele 2017: Ein Ereignis.  Regisseur Uwe Eric Laufenberg gibt zu denken; er provoziert mit sanften Bildern, nicht wie gestern der Chef des aktuellen Ringes. Seine Bilder rauben mir den Atem. Wir befinden uns in Mossul, wenn ich die Raumfahrt über google earth richtig gedeutet habe. In einer beschädigten Kirche, die nachts Flüchtlingen Unterschlupf gewährt. Soldaten queren und in der Kuppel sitzt eine Gestalt auf einem Stuhl, blau gekleidet mit schwarzen Locken…starr und stumm…sie wird uns die ganzen 4 Musikstunden begleiten, nichts sagen, nichts tun, nur ab und an mal angestrahlt; die machtlose Mutter Gottes? Die Gralsritter wirken hektisch und es lauert Gefahr. Gurnemanz (überragend Gerd Zeppenfeld) weist den schwantötenden Parsifal (Andreas Schagerl in Bestform) in seine Schranken. Die Verwandlungsmusik wird bebildert durch eine Videowand in voller Bühnenbreite. Durch das Kuppeldach der Kirche fliegen wir in den Weltraum und sehen Sterne, Chaos und wilde Schönheit. Und wir landen wieder dort, im Irak, an der Grenze zur Türkei. Amfortas (großartig Ryan McKinny) leidet und durchlebt eine Tortur des Rituals der Gralsenthüllung. Der Chor unter Eberhard Friedrich klingt erschütternd. Amfortas wird die Wunde gewaltsam geöffnet, Blut entnommen und in den Kelch gefüllt. Verrohen die Gralshüter angesichts der brutalen Ereignisse? Im zweiten Aufzug im Reich des Klingsors (Werner Van Mechelen mit einem kraftvollen Bayreuthdebut) findet in einem Hamam statt. Die Blumenmädchen sind als Muslima getarnt und unter Burkas verhüllt. Erst als Parsifal erscheint, entledigen sie sich der Kleidung und erscheinen in farbenfrohen Gewändern. Parsifal im Dialog mit der großartigen Kundry, Elena Pankratova, wird durch Mitleid wissend und nimmt sich Kundry ordentlich zur Brust.

Bayreuther Festspiele / Parsifal - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Parsifal – Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein gefangen gehaltener Gralshüter tut es ihm gleich, während Klingsor sich in einem Kuppelraum vollgestopft mit Kreuzen mit einer Peitsche malträtiert. Im dritten Akt befinden wir uns viele Jahre später wieder im Dunstkreis Amfortas. Gurnemanz im Rollstuhl, kaum noch gehfähig, Kundry eine Greisin. Der Ort ist verwildert mit riesigen Pflanzen, die das Mauerwerk längst durchstoßen haben. Ersehntes Wasser regnet in Strömen aus den Wolken während beim Karfreitagszauber wieder ein Videoausflug stattfindet, bei dem Kundry, Amfortas und Wagners Totenmaske „erlöst“ werden. Die Schlussszene wiederholt sich wie am Anfang. Die wütenden Gralshüter fordern massiv ein letztes Mal die Enthüllung von Amfortas (der Chor sehr ausdrucksstark!). In offenem Sarg werden die religiösen Attribute der großen Weltreligionen versenkt, währenddem die Kirche aufreißt, das Licht im Zuschauerraum anschwillt und das Ensemble friedvoll in der Hinterbühne verschwinden. Der Vorhang fällt NICHT! Jubel ohne Ende für alle Beteiligten und ganz besonders für das atemberaubende Dirigat Hartmut Haenchens.

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Spielplan April 2017

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
Leporello für den Monat April 2017

Großes Haus / Großes Haus Foyer


Sa, 01.04. 19.00 Uhr
Ballettführer live
19.30 Uhr
The Vital Unrest
Ballettabend in zwei Teilen von
Bridget Breiner
Karten von 11,- bis 41,- €


So, 02.04. 11.00 Uhr
Musikbrunch
Karten 28,- €
17.30 Uhr
Opernführer Live
18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Die Passagierin
Oper von Mieczys?aw Weinberg
Karten 11,- bis 41,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)


Mo, 03.04. 19.00 Uhr
Konzertführer Live
19.30 Uhr
8. Sinfoniekonzert
Paare
Werke von Brahms, Franck und Roussel
Karten 11,- bis 32,- €


Sa, 08.04. 16.30 Uhr
Opernführer Live
17.00 Uhr
Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner
Karten 11,- bis 41,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)


So, 09.04. 17.30 Uhr
Opernführer Live
18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Die lustige Witwe
Operette von Franz Lehár
Karten 11,- bis 41,- €


Mo, 10.04. 20.00 Uhr
Gastspiel
Gerburg Jahnke
Frau Jahnke hat eingeladen
Ein Gastspiel der emschertainment GmbH
ausverkauft


Mi, 12.04. 17.45 Uhr
Kost.Probe
Don Giovanni
Eintritt frei. Einlasskarten erhalten Sie an der Theaterkasse


Fr, 14.04. 18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Anatevka
(The Fiddler on the Roof) (z.l.M.)
Musical von Jerry Bock und Joseph Stein
Karten 13- bis 50,- €


So, 16.04. 17.30 Uhr
Opernführer Live
18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Die lustige Witwe (z.l.M.)
Operette von Franz Lehár
Karten 11,- bis 41,- €


Fr, 21.04. 18.00 Uhr
Premierenfieber
Don Giovanni
Eintritt frei. Einlasskarten erhalten Sie an der Theaterkasse


Sa, 22.04. 19.00 Uhr
Ballettführer live
19.30 Uhr
The Vital Unrest
Ballettabend in zwei Teilen von
Bridget Breiner
Karten 11,- bis 41,- €


So, 23.04. 17.30 Uhr
Opernführer Live
18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Die Passagierin (z.l.M)
Oper von Mieczys?aw Weinberg
Karten 11,- bis 41,- €


Fr, 28.04. 19.30 Uhr
Abonnentenkonzert der Spielzeit 17.18


Sa, 29.04. 14.00 Uhr
Baukunstführung
Freier Verkauf, 6,- €

19.30 Uhr
Premiere Don Giovanni
Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
Karten 13,- bis 48,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


So, 30.04. 18.00 Uhr
Wiederaufnahme
MiR Goes Film III:
Miss Marple meets Rocky
Ausverkauft

Anschließend
Tanz in den Mai
im Foyer des Großen Hauses,
mit Partyhits von Andy G.
ausverkauft



Kleines Haus / Kleines Haus Foyer


Sa, 01.04. 19.30 Uhr
Coppelius.Waits.for You
Club-Konzert mit Rüdiger Frank
und COPPELIUS
Karten 24,50 €


Di, 04.04. 10.00 Uhr und 11.30 Uhr
Sparkassenkonzert für Kinder
Georges Bizet: Kinderspiele 2.0
5,- €


Do, 06.04. 19.30 Uhr – ca. 21.30 Uhr
Linie 1
Musical von Birger Heymann, No ticket und Volker Ludiwg
Karten 35,- €


Fr, 07.04. 19.30 Uhr
Die Reise nach Petuschki
Musikalische Lesung mit Rufus Beck und den Geschwistern Walachowski
Karten 24,50 €


So, 09.04. 18.00 Uhr
Coppelius.Waits.for You
Club-Konzert mit Rüdiger Frank
und COPPELIUS
Karten 24,50 €


Sa, 15.04. 19.30 Uhr –ca. 21.30 Uhr
Linie 1
Musical von Birger Heymann, No ticket und Volker Ludiwg
Karten 35,- €


Mo, 17.04. 18.00 Uhr – ca. 20.00 Uhr
Linie 1
Musical von Birger Heymann, No ticket und Volker Ludwig
Karten 35,- €


Do, 20.04. 19.30 Uhr
Coppelius.Waits.for You
Club-Konzert mit Rüdiger Frank
und COPPELIUS
Karten 24,50 €


Fr, 21.04. 18.00 Uhr
Ingolf zieht aus
Musiktheater von Daniel Kötter /
Hannes Seidl
Karten 8,- €


Sa, 22.04. 19.30 Uhr – ca. 21.30 Uhr
Linie 1
Musical von Birger Heymann, No ticket und Volker Ludiwg
Karten 35,- €
So, 23.04. 18.00 Uhr
Eingeschneit
Musiktheaterwerkstatt
Karten 3,- €


Do, 27.04. 19.30 Uhr
Coppelius.Waits.for You
Club-Konzert mit Rüdiger Frank
und COPPELIUS
Karten 24,50 €


Fr, 28.04. 19.30 Uhr
Coppelius.Waits.for You
Club-Konzert mit Rüdiger Frank
und COPPELIUS
Karten 24,50 €


So, 30.04. 18.00 Uhr
Linie 1
Musical von Birger, Heymann und der Rockband No Ticket
Karten 35,- €

 

Pressemeldung Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – Alle Karten Hier :
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Bayreuther Festspiele, Der fliegende Holländer: Betrachtungen zum Ende der Festspielzeit, 12.09.2016

September 14, 2016 by  
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 „Heutzutage wäre das in Musik Setzen von Weiblichkeit, die vormals dem Tonkünstler nahestand wie nahelag, ein brisantes Unterfangen, weil die mimosenhaften Damen sich womöglich wiedererkennen und die Streichung der Oper vom Spielplan verlangen und per Justiz gewiss erreichen würde.“

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2016 

Der fliegende Holländer – Die letzte Vorstellung

Schweifende Gedanken von  Albrecht Schneider zum Ende einer Seefahrt.

Manche mögen es für besonders klug halten, wenn einer bei dreißig Grad Außentemperatur sich nicht im Bayreuther Festspielhaus – bekanntermaßen ohne Klimaanlage – der heißen Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausliefert, sondern lieber beim Schicksalsdrama des Fliegenden Holländers anwesend sein möchte. Die Vorstellung freilich, es könnte hier dank der Nähe des Meeres und kraft dessen Stürme, welche den ewigen Seefahrer und den Handelskapitän Daland zusammenbringen, auch ein kühlenden Wind um 1.974 Hitzköpfe im Parkett blasen, ist zwar naheliegend, wird aber der Wirklichkeit nicht gerecht.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die dem Ozean eigene Vehemenz ist zwar in der Musik Wagners gut vernehmbar präsent, hier blitzt und donnert und wogt es ordentlich, allein auf der Bühne pfeift kein Nord-Nordwest den Matrosen durch die wohlfrisierten Haare. Mithin erreicht auch kein erfrischendes Lüftchen den Besucher. Die Naturgewalt bleibt ausgespart, falls man nicht die Liebe für eine solche ansehen will, und ihr gegenüber steht in der derzeitigen Inszenierung die kalte Gewalt des Kapitals. Die aber lässt genau so wenig die Temperatur sinken.

Kann man die Geschichte vom Fliegenden Holländer dergestalt aufbereiten? Dass die Liebe zu einem Seemann eine Jungfrau zur Selbstopferung hinreißt, damit der, zu ewiger Meerfahrt verdammt, endlich zur Ruhe kommt und sterben darf, diesen Stoff hat Heinrich Heine in dem Romanfragment Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski wiederum dem Richard Wagner gestiftet. Ich muss gestehen: mir sagt der Mythos, von Heine in sanft ironischer Tonart wiedergegeben, viel eher zu denn als Sujet einer hochromantischen, tieftragischen Errettungsoper. Es wird dem Komponisten bekanntlich zugeschrieben, seine Erlösung verheißenden und Erlösung bescherenden Frauenfiguren, wie Senta, Elisabeth und Elsa, seien, unbeschadet ihrer Herkunft aus der Sagenwelt, zu einem guten Teil Kopien jener Damen, die alltags ihm mehr oder minder zur Linderung von Liebes- und Lebensnöten verholfen hätten.

Heutzutage wäre das in Musik Setzen von Weiblichkeit, die vormals dem Tonkünstler nahestand wie nahelag, ein brisantes Unterfangen, weil die mimosenhaften Damen sich womöglich wiedererkennen und die Streichung der Oper vom Spielplan verlangen und per Justiz gewiss erreichen würde.

Besser gefällt mir die andere These, dass nämlich der gute Richard sich solchen Frauen zugewandt habe, deren Habitus in den unterschiedlichen Epochen der Beschäftigung mit Senta, Elisabeth und Elsa, Isolde nicht ausgenommen, seiner jeweiligen, nennen wir sie völlig unwagnerianisch einmal so, Primadonna entsprachen.

Halten wir uns nicht weiter mit Klatsch und Spekulation auf, denn dazu ist es im Festspielhaus viel zu heiß. Nachdem zuvor dessen von der Plastikhaut befreite und mit neuen Ziegelsteinen herausgeputzte Fassade eine bereits schwitzend ankommende, teils schwitzend flanierende, teils schwitzend im Ausschank Schampus und Bier zusprechende Menge angestrahlt hatte, macht es unsereinem genug zu schaffen, in dessen hartem wie engem Gestühl Körperpositionen zu finden, welche erstens eine Sicht auf die Szene über die Grauschädel der Vorderleute hinweg ermöglichen, und welche zweitens besonders die im Spätherbst des Daseins Angelangten nach zweieinviertel Stunden keineswegs als bucklig Männlein oder krummes Weiblein aus dem Saal schlurfen lassen.

Dilettanten in Sachen Wagner kolportieren gern, der Fliegende Holländer stehe vor allem wegen seiner kürzeren Dauer in der Gunst der Wagnerfreunde weit oben. Ohne das Gift in ihrem Gerede zu überhören, ist eines daran insofern richtig, als dessen Aufführung die Physis erheblich geringer strapaziert, misst man ihn an den himmlischen Längen von Parzifal, Tristan und Meistersinger. Um vom Ring der Nibelungen ganz zu schweigen. Wennschon der als Letzter in den Kanon der festspielhauswürdigen Opera des Meisters berufene Holländer darin als Kurzoper gelten könnte, so ist das beileibe kein Vorzug, der ihn über die Schwesterwerke erhebt. Die Gründe für den Grad der Beliebtheit dergestalt zu ermitteln und daraus irgendeine Qualität abzuleiten, ist ein Banausenakt.

Montmartre / Heinrich Heine © IOCO

Montmartre / Heinrich Heine © IOCO

Um eine Oper idiomatisch zu Gehör zu bringen, bedarf es eines Orchesters samt Dirigenten, denen sich die Musik erschließt. Um eine Oper zu Gesicht zu bringen, zu visualisieren, zeitnah gesprochen, muss sich ein solcher Regisseur an die Arbeit machen, der die Intentionen des Autors erfasst und sie unsereinem auf der Bühne als ein Stück aus unserer Welt anzubieten versteht. Die Sage vom Fliegenden Holländer ist in der Version und Diktion Heinrich Heines ein launiger Text, worin  das Motiv vom „Ewigen Juden“ aufgreifend die Legende des zum ewigen über die Ozeane Vagabundieren verdammten Kapitäns mit der folgenschweren Liebe einer Frau verwoben wird. Eine romantische Erzählung, die weder glücklich noch schrecklich, vielmehr mit Erlösung endet.

Für uns nüchterne Zeitgenossen ist Erlösung zu einem prosaischen Begriff geworden. Eine transzendente Bedeutung hat er noch für die Glaubenstreuen. Erlösung wird vornehmlich dann verspürt, sobald das Krachscheit von Nachbar weggezogen ist oder es sich nach einem Beinbruch wieder ohne Krücken die Treppen hochsteigen lässt. Dass ein Mädchen sich kopfüber in die Fluten zu stürzen hat, damit ein fluchender und deshalb zum unentwegten Segeln Verfluchter schließlich sterben kann, ist eine Meldung aus dem Zauberreich der Liebenden, das bekanntlich von Romeo und Julia, Abaelard und Heloise, um Tristan und Isolde nicht zu vergessen, bewohnt wird. Sie ist anrührend, solange man dieses Imperium zu Recht weit in der Vergangenheit und hinter den sieben Bergen liegend vermutet. Werden die Paare allerdings von dort in die Gegenwart und auf die Bühne befohlen, über die sie in BOSS’ Sakko oder im C&A Kostüm durch Hightech Büros und Fabrikhallen zu gehen haben, dann sollte der Kommandeur schon genaue Vorstellung von der Vorstellung besitzen, damit ihr Schicksal heute Abend dem Zuschauer gleichermaßen nahe geht.

Vorauszuschicken wäre, dass ich schon lange vor dem ersten d-moll Akkord der Ouvertüre darüber nachdachte, wie wohl der Regisseur Jan Philipp Gloger das Stück in die Moderne transportieren würde. Allein meine Fantasie ließ mich im Stich, nichts Sinnstiftendes wollte mir einfallen, womit ich ihm hätte zur Hand gehen können. Die Handlung schlichtweg dem Libretto entlang auf die Bühne zu bringen, dürfte heutzutage sogar für einen stockkonservativen Wagnerianer (Anmerkung: dies vielzitierte Wesen einmal exakt zu identifizieren wäre gewiss eine verdienstvolle Aufgabe) keine erwägenswerte Lösung darstellen. Vor dem Hochgehen des Vorhangs zog ich noch rasch im Geiste achtungsvoll den Hut vor dem Mann, der sich an diese Aufgabe gewagt hatte. Im Nachhinein allerdings muss festgehalten werden, dass der Regisseur meiner Geste mehr aufgrund seiner Tat und weniger des Resultates wegen wert war.

Der fliegende Holländer / Bühnenbild von Jachimowicz aus 1871

Der fliegende Holländer / Bühnenbild von Jachimowicz aus 1871

Die erste Szene befördert mich mitten in ein verstrebtes Gehäuse voller zuckender Lichter und blinkender Zahlen, eine Art digitalisiertes düsteres Terminal, wie geschaffen für das dunkle Business des großen und kleinen Kapitals. Hier trifft der rechnende und berechnende, mittlerweile vom einstmaligen norwegischen Handelskapitän des Librettos zum modernen Ventilatorenfabrikanten umgearbeitete Daland auf den sichtlich mit Geld und Gütern bestens ausgestatteten Kollegen Holländer. In diesem charakterlosen Ambiente regiert einzig das Geschäft, scheinen die Personen als dessen Agenten so seelenlos, so zweckgerichtet zu sein wie das Stahlgerüst rings-um. Den Holländer indessen hat die Außenseiterexistenz davor bewahrt, in einer derartigen Gesellschaft als Mensch nach und nach fragmentiert zu werden. Er kennt noch die Sehnsucht, und indem ihn Daland mit seiner Tochter Senta bekannt macht, stehen der ewig den Globus umrundende Niederländer und die junge Frau als Figuren mit einem Herzen da, das nicht einzig bei steigenden Börsenkursen schneller schlägt.

Dass solche gleichwohl von Störungen nicht freie, innige Beziehung mit beider Tod in Bild und Musik ihr Ende findet, ja finden muss, ist nach Wagners Ästhetik die Vollendung, die Verklärung wahrer Liebe und Menschlichkeit. Insofern wirkt an diesem Abend immerhin eine Absicht der Uraufführung von 1843 mit.
Nicht so recht zufrieden mit dem Geschauten, führt mir der Regisseur also eine „Postpostmoderne“ vor Augen, in der die Menschen sich nachgerade abhanden zu kommen drohen, wenn sie einzig dem Erfolg, dem Zweck willfahren. Denen sind auch Liebe und Mitgefühl unterworfen, die nur nützlich sind, solange sie Nutzen stiften. Eine Spur Wärme in solche eingefrorene Welt trägt lediglich die Selbstlosigkeit einer Liebe, und auch wenn sie sterben muss, so hinterlässt sie doch die Botschaft, solange das Individuum sich ihr ergebe, werde es nicht zum Automaten erstarren

Von der todtraurigen Geschichte der Senta und des Holländers verrät diese Inszenierung nicht viel, sie entwirft eher eine reichlich unerquickliche Zukunft mit apathischen Gestalten. Gewiss, meine Tränen, die aufgrund des Geschicks des Liebespaares ehedem geflossen wären, könnte ich mit gutem Grund auch an dem Abend vergießen. Schließlich bleibt trotz der verschreckenden Vision die Apotheose der Liebe im Bild.
Das Theater bietet ausreichend Bühnenstücke, die keiner Interpretation bedürfen: Der reiche Alte unter der Perücke tritt im Salon mit dem Schnallenschuh seinem Diener in Kniebundhosen in den Hintern, giert nach der Jungfrau, kriegt sie aber nicht. Daran hatte der Zuschauer vor zweihundert Jahren seinen Spaß wie ein heutiger; weswegen jetzt der glatzköpfige Herr nicht Sneakers zu tragen braucht, feuert er im Direktionszimmer den Chauffeur und zwickt dabei die Vorzimmerdame in die schwarzseiden verpackte Pobacke.

Festspielbesucher bei 30 Grad © IOCO

Festspielbesucher bei 30 Grad © IOCO

Ein großes Kunstwerk ist alles andere denn musealer Natur. So wie es geschaffen wurde, steht es beileibe nicht für ewig da. Nein, es vermag in der Sprache jeder Zeit zu sprechen und muss nicht unbedingt erbauen. Geht man hernach mit schlechter Laune heim, ist es nicht zwangsläufig die Schuld desjenigen, der es in Szene setzte. Wenn mich die Vorstellung des Fliegenden Holländers wenig berührte, mag mit ein Grund dafür sein, dass bereits die ursprüngliche Geschichte, wie sie Heinrich Heine überliefert, sich für mich eher wunderlich und komisch als tragisch anhörte.

Zum Schluss bleibt die Frage: Welches waren dabei die Taten der Musik, die über jeden Tadel erhaben unter dem Dirigenten Axel Kober aus dem magischen Graben kam?
Indem sie, die zeitlos ist, sich in meinen Ohren ähnlich wie die zumeist unverständliche altfränkische Sprache nicht immer den neuzeitlichen Tableaus auf der Bühne fügen will, dürfte dieser Umstand gleichfalls für ein gewisses Unbehagen an der Darbietung insgesamt zu haften haben. Immerhin, im Wissen um meine höchst subjektive, meinethalben sogar voreingenommene Betrachtungsweise des vorläufig letzten Auftritts des Holländers im Bayreuther Festspielhaus, will ich gleichwohl um ein bisschen mehr Objektivität bemüht sein. Mit ihr jetzt im Bunde bin ich nunmehr einsichtig genug dafür, anders als oben behauptet, vor dem Regisseur nicht allein ob seines Mutes zur Inszenierung, sondern ebenso des Resultates wegen den Hut ziehen zu sollen. Von IOCO / Albrecht Schneider

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