Münster, Theater Münster, Eine Winterreise – Tanztheater Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 09.02.2019

Februar 9, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Eine Winterreise – Tanztheater von Hans Henning Paar

– Sanfter Tod im rieselnden Schnee –

Von Hanns Butterhof

Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise von 1827 nach Wilhelm Müllers 24  Gedichten voller Liebesleid und Todessehnsucht erklingt auf der Bühne im Großen Haus des Theaters Münster in ungewohnter Form. Zum Sänger, der Schuberts Melodien unverändert darbietet, tritt die für Orchester komponierte Interpretation von Hans Zender, die Hans Henning Paars neues, sehr poetisches Tanztheater-Stück Eine Winterreise eindrucksvoll untermalt.

Hans Henning Paar choreographiert so politisch wie poetisch – Eine Winterreise

Eine Winterreise   –  Tanztheater von Hans Henning Paar
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2003 hatte Daniel Goldin bei seiner bildstarken Choreographie der Winterreise im Kleinen Haus noch Gesangsaufnahmen mit Klavierbegleitung vom Band eingespielt, nun singt der Tenor Robert Sellier live zu Zenders 1993 uraufgeführtem Orchesterstück Schuberts Winterreise. Zender (*1936)  lehnt sich  eng  an Schuberts Tonsprache an, bezieht aber wirkungsvoll verfremdende Klangeffekte ein. Sie betonen die verschiedenen Stimmungen des Werks, seine eisige Kälte und depressive Weltflucht ebenso wie die Passagen heiterer Erinnerung und aufkeimender Hoffnung. Das mit 24 Musikern kleine, mit teilweise ungewöhnlichen Instrumenten und viel Schlagwerk besetzten Orchester lässt den knirschenden Schnee unter den Tritten des Wanderers ebenso vernehmen wie das Pfeifen des Windes  und das Knurren der Wachhunde, die an ihren Ketten zerren. Akkordeon und Gitarre lassen Volksmusik, Streicher gehobene Salon-Kultur anklingen, und das Schlagwerk kracht brutal in jeden Anflug von Hoffnung. Zender holt mit seiner spannenden, musikalisch voll überzeugenden Interpretation Schumanns Winterreise ins Heute und ist unbedingt ein Gewinn.

Theater Münster / Eine Winterreise - Tanztheater - hier : Die Reichen stoßen den Wanderer aus. Robert Sellier und Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Eine Winterreise – Tanztheater – hier : Die Reichen stoßen den Wanderer aus. Robert Sellier und Ensemble © Oliver Berg

Hans Henning Paar hat seine 2010 in München uraufgeführte zweiteilige Choreographie Eine Winterreise – auch damals sang Robert Sellier – jetzt mit dem TanzTheater Münster neu einstudiert. Gleich zu Beginn verknüpft Paar die Entstehungszeit des Liederzyklus‘ mit der Gegenwart. Das Ensemble drückt sich als Referenz an die nachrevolutionäre Restauration in gebückter Haltung über die Bühne, die in ihrem kaltem Grau auf die soziale Kälte unserer Zeit verweist. Wenn dann Robert Sellier als  Wanderer aus der Mitte des zu einem schönen Gruppenbild formierten Ensembles hervortritt, dann beziehen sich seine Sehnsüchte und seine Verzweiflung auf mehr als den Verlust seiner Geliebten; er ist einer von uns, der an der Spaltung der Gesellschaft leidet und schließlich verzweifelt.

Auch das Bühnenbild von Bernhard Niechotz und die Kostüme von Isabel Kork drücken Spaltung aus. Der hohe, kühle Fremdheit ausstrahlende Bühnenraum ist im ersten Teil durch eine gläserne Wand zweigeteilt, die auch die Tänzer in gedeckt farbiger Alltagskleidung von der abgehobenen Gesellschaft in schwarzen Feier-Gewändern trennt. Auch der Wanderer ist in zweierlei Gestalt auf der Bühne. Den Sänger begleitet der Tänzer Jason Franklin als sein Alter Ego, das in Nähe und kritischer Distanz die Gefühle des Wanderers spiegelt: seine innere Zerrissenheit geht bis zum Kampf zwischen beiden, als der Wanderer zur dissonanten Orchester-Begleitung seinem untreuen Liebchen „Gute Nacht“ wünscht.

Theater Münster / Eine Winterreise - Tanztheater - hier : Der Wanderer hängt noch an der Geliebten_ Jason Franklin, Robert Sellier, Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Theater Münster / Eine Winterreise – Tanztheater – hier : Der Wanderer hängt noch an der Geliebten_ Jason Franklin, Robert Sellier, Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Paar hat eindringliche, poetische Bilder für die Situationen und Konstellationen geschaffen. Die geschlossene Spaßgesellschaft führt in skurrilen Ritualen und mit bösem Lachen gespreizt ihren eigenen Todestanz auf, Krähe und Leiermann umschwirren gespenstisch den Wanderer, und als Irrlicht führt ihn ein nacktes Paar vom Wege ab. Im plötzlich warmen Licht blüht eine Gruppe Blumenmädchen auf, und wunderschön weht in rostrotem Kleid eine Tänzerin als Blatt eines Baumes von der Bühne. Am Ende findet Jason Franklin, von Sellier nurmehr von der Seite betrachtet, einen sanften Tod im herabriesenlnden Schnee, nachdem ihn der „Leiermann“ langsamen entkleidet und sich liebevoll an ihn geschmiegt hatte.

In dieser Winterreise passt alles, Robert Sellier mit seinem angenehm weichen, ausdrucksstarken Tenor, den Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg sängerfreundlich führt. Das Sinfonieorchester Münster lässt sämtliche Feinheiten der Partitur Zenders vernehmen, ohne sich vor das begeisternd tanzende Ensemble zu drängen, für das Hans Henning Paar wohl seine poetischste Choreographie unaufdringlich mit der deutlichen Aussage entworfen hat, dass einem bei zunehmender sozialer Spaltung selbst die geliebte Heimat fremd werden kann.

Nach über zwei Stunden fesselnden Tanztheaters gab es lang anhaltende Ovationen für das Ensemble, Robert Sellier und Thorsten Schmid-Kapfenburg mit seinem Sinfonieorchester Münster.

Eine Winterreise – Tanztheater, am Theater Münster; die nächsten Termine: 16.2., 12., 15. und 21.3.2019  jeweils 19.30 Uhr, am 31.3. um 15.00 Uhr.

 

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Ballett Bach.Immortalis von Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Bach.Immortalis – Ballett von  Hans Henning Paar 

Getanzte Hommage an Bach

Von Hanns Butterhof

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Dem unsterblichen Barock-Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) widmet Münsters Tanzchef Hans Henning Paar sein neues Tanzstück „Bach.Immortalis“ am Großen Haus des Theaters Münster. In dreizehn Szenen tanzt das Ensemble aus je sechs Tänzerinnen und Tänzern zu zwölf life gespielten Kompositionen Bachs. Zu einer Szene hat der Dirigent des Abends, Thorsten Schmid-Kapfenburg, die Eigenkomposition „Reflexionen über B-A-A-C-H-H“ beigesteuert.

Am Beginn liegt  Jason Franklin zu dem Bach-Choral „Komm, süßer Tod“ wie ein nacktes Neugeborenes auf dem Rücken. Dann windet er sich wie ein Falter aus seinem Kokon, erarbeitet sich und feiert mit großem Schwung den aufrechten Gang, und sinkt dann langsam wieder in sich zusammen.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Die Szene dürfte Paars Ausdruck für sein Programm sein, im Tanzen den Menschen zu zeigen als Summe dessen, was vor uns geschah, was jetzt geschieht und nach uns geschehen wird, wie das Textbuch sinngemäß Salman Rushdie zitiert.

Was dann folgt, erfüllt dieses Programm nicht zwingend. Im rasanten Wechsel der Szenen dominieren die Ensembles. In Paars typischer athletischer Handschrift jagen die Tänzerinnen und Tänzer in Alltags-Kleidung  über die mit einer halbrunden, matt goldenen Wand abgeschlossene Bühne (Bühne und Kostüme: Isabel Kork). Innerhalb der Ensembles finden und trennen sich Paare, es wechseln individuelle mit kollektiven Gesten, und Vokabular aus dem klassischen Ballett wie Pirouetten, Hebungen und Sprünge mischt sich mit dem des freien Tanzes.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Der Mensch ist nicht immer nur ernst und auf das Jenseits ausgerichtet. So tanzen zur schwungvollen Polonaise aus der Orchestersuite in h-Moll vier Paare über die Bühne. Sie scheinen nicht mehr ganz nüchtern, haben lustige kleine Karnevalshütchen auf den Köpfen und Scherz-Flöten im Mund. Deren schräges Tröten setzen sie am Ende dem Wohlklang Bachs und der Angst vor dem Tod entschlossen entgegen.

Irritierend untänzerisch sind die Beschwörungen barock Gekleideter im Bühnennebel. Einer von ihnen trägt langsam zum Mittelsatz des Zweiten Brandenburgischen Konzerts einen Koffer herein, während das Ensemble sich wie erinnernd rückwärts bewegt. Und wenig plausibel sind die Projektionen alter schwarz-weißer Familienfilme auf eine vom Schnürboden heruntergelassene Videowand oder in einen Koffer hinein, in dem dann ein laufendes Kind zu sehen ist. In spannungsreichem Gegensatz dazu erklingt Schmid-Kapfenburgs Bach-Reflexion, die in ihrer anfänglichen Dynamik und dem spätromantischen Zur-Ruhe-Kommen dem Leben zum Tode hin schmerzlich Ausdruck verleiht.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Aus den rasenden Ensembles ragen die stilleren Paartänze und Soli heraus. Vor allem ergreift das Duett der ausdrucksstarken Maria Bayarri Pérez mit dem eleganten Keelan Whitmore als das innige Bild eines Paares, in dem er sie hält, trägt und hebt. Das kann tänzerisch ganz für sich stehen wie auch ein langes, intensives Solo von Elizabeth Towles zwischen den nicht immer sinnvoll vom Schnürboden mal mehr, mal weniger hoch herabgelassenen Lastenzügen.

Nach neunzig pausenlos getanzten Minuten galt der begeisterte Beifall des Publikums dem aufopfernd kraftvollen Tanz des Ensembles und der kleinen Besetzung des Sinfonieorchesters Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Bach.Immortalis – Ballett am Theater Münster; Die nächsten Termine: 3.12., 15.12. und 22.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—