München, Bayerische Staatsoper, Die tote Stadt – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 14.12.2019

Dezember 15, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

 Die tote Stadt  –  Erich Wolfgang Korngold

– Die Kathedralen des Gewesenen –

von Hans-Günter Melchior

Die schwarzen Wolken der Trauer hängen tief in dieser Oper. Doch die Bemühung von Freuds Psychoanalyse, die sich mit der Traumdeutung und der Trauerarbeit ausführlich beschäftigt, erscheint angesichts der literarischen Unentschiedenheit des Librettos ebenso ein wenig zu weit hergeholt wie der Hinweis auf die Schrecken des 1. Weltkriegs.

Die tote Stadt Teaser mit Regisseur Simon Stone, Jonas Kaufmann, Kirill Petrenko
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Paul lebt in der zumindest heute höchst lebendigen Stadt Brügge. Er hat seine geliebte Frau Marie verloren und betreibt eine Art Totenkult, indem er einen Raum seines Hauses mit „Devotionalien“ füllt, die an die Tote erinnern: ein verhülltes Porträt, eine Haarsträhne Maries. Er nennt diesen hermetischen Raum die „Kirche des Gewesenen“.
Auf der Straße begegnet ihm zufällig die junge Tänzerin Marietta. Er ist fasziniert von ihrer Schönheit, sieht in ihr eine Erscheinung Mariens (nomen est omen), eine Wiederauferstandene sozusagen, und schwärmt bei seinem Freund Frank von ihr. Frank (Andrzej Filonczyk), sorgenvoll und am Seelenzustand des Freundes zweifelnd, den Wahn diagnostizierend: „Du schwärmst für ein Phantom.“  Paul bittet seine Hausgehilfin Brigitta (eindrucksvoll Jennifer Johnston) die vor der Tür stehende junge Dame einzulassen.

Hin und her geht es nun im weiteren Verlauf des Geschehens zwischen den beiden, Marietta und Paul, die sich anfreunden, ein Paar werden, mal hält er sie für die reale Marietta, mal – verwirrt – wieder für Marie, mal wirft er ihr Untreue vor, weil sie, die reale Frau, sich mit dem Freund Frank einlässt und auch sonst ein ziemlich freies, ungezügeltes Leben inmitten einer Schauspiel/tänzertruppe führt, dann wieder sieht er eine Art Heilige in ihr. Bald liebt er also in ihr Marie, bald liebt er sie so, wie sie in Wirklichkeit ist, schwankend geht es zu zwischen den beiden, dass die Zuschauer ständig differenzieren müssen, ist jetzt Marie oder Marietta gemeint, sind wir in der fiktiven Realität der Oper oder im fiebrigen Traum Pauls. Marietta, der wirklichen Frau also, widerstrebt jedenfalls die Verwirrung, sie kann und will nicht teilen mit einer Toten: „Ich aber, hör mich, ich will dich gar nicht – oder ganz.“

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt - hier : Jonas Kaufmann, Marlies Petersen als Marietta © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt – hier : Jonas Kaufmann, Marlies Petersen als Marietta © Wilfried Hoesl

Und sie treibt ihren Spott mit Paul. Er nimmt es zunächst hin. Als sie aber übertreibt und die Haarsträhne der verstorbenen Marie, vor Paul kokettierend, auf den Kopf setzt, dreht er durch: er erwürgt Marietta.
Aber gemach –, nicht gleich vor Entsetzen auf dem Sitzplatz hin- und herrücken, das alles ist ja doch nur ein Traum, ein Albtraum, eine Fieberphantasie des armen Paul gewissermaßen und im Grunde ist die Ordnung noch intakt. Das Libretto macht es uns weis. Frohgemut betritt nämlich Marietta (die Erwürgte?) erneut das kleinbürgerliche Haus. Sie habe ihren Schirm vergessen. Eine deus-ex-machina-Szene. Alles nicht so schlimm. Wir, Komponist und Librettist, richten das schon.

Die tote Stadt Teaser mit Jonas Kaufmann, Kirill Petrenko
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Paul zerfließt nun in einer Art elegischer Katharsis, singt sich sozusagen in einer Belcanto-Arie frei und gelobt, sich mit dem Tod der geliebten Frau endlich abzufinden. Man kann sich beruhigt zurücklehnen, Paranoia – oder sowas Ähnliches, Katharsis eben, Konfrontation mit dem angstmachenden oder belastenden Ereignis, Anerkennung der Realität, Heilung – und Vorhang. „Ein Traum hat mir den Traum zerstört,/Ein Traum der bittren Wirklichkeit“. Wobei man sich fragt, was ein Traum der bittren Wirklichkeit eigentlich sein soll.

Nun ja –, psychoanalytische Versatzstücke kann man immerhin doch dem etwas kruden Text entnehmen. Freilich lässt er der Interpretation viel Raum. Man könnte sogar einen – erinnerten, nachgestellten – Mord an der geliebten Frau ins Geschehen hineinphantasieren, schließlich sieht die Marietta mit der Haarsträhne Mariens, jene Marietta also, die zu erdrosseln sich Paul anschickt und dabei den Taterfolg herbeiführt, ja wie die Marie aus. Paulgeht also einer Frau an die Gurgel, die seiner Marie ähnelt. Oder sogar für ihn in traumhafter Verkennung der Realität Marie ist. Oder irre ich mich da?

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt - hier : Marlies Petersen als Marietta, Andrzej Filonczyk als Frank © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt – hier : Marlies Petersen als Marietta, Andrzej Filonczyk als Frank © Wilfried Hoesl

Ungereimtheiten. Ein Strafgericht jedenfalls hätte erhebliche Mühe, aus den sich aufdrängenden Gedankensträngen eine schlüssige Mordgeschichte zu stricken –; während Staatsanwalt und Verteidiger zugleich und genüsslich an den heraushängenden Schnüren zögen, um die Konstruktion aufzudröseln.
Ja –, und fast wäre Paul auch noch fromm geworden. Den Spott Mariettas herausfordernd („Du bist ja fromm!“), so richtig gläubig-katholisch: nämlich beim Anblick der in den Gottesdienst ziehenden Beghinen (seine Hausgehilfin Brigitta war unter ihnen) und des Kinderchors, hervorragend disponierte Chöre, für die Stellario Fagone verantwortlich zeichnete.

Was die Musik angeht, durchschreitet der Komponist Korngold nicht nur kleine Kirchen, sondern wahre Kathedralen des „Gewesenen“. Er kniet vor den Altären berühmter Vorgänger und leiht sich stilistisch-kompositorische Einfälle von vielen Seiten. Man hört Assoziationen an Wagner (Tannhäuser), Berg, Mahler und nicht zuletzt Puccinis Belcanto heraus; und erst spät findet die Musik in dieser Oper zu einer eigenen Tonsprache. Vor allem wenn sie zuweilen (freilich selten) ins Dissonante, Atonale oder Chromatische ausbricht und der Verwirrung der Gefühle freien Lauf lässt.
Ein musikalischer Höhepunkt allerdings: die bemerkenswert auskomponierte und vielschichtige Dritte Szene, die das Treiben der Tänzergesellschaft mit nervöser Instrumentation nachzeichnet.

Aber was soll alle Krittelei. Komponisten ziehen nicht zuletzt den Geschmack ihres Publikums in Betracht. Was soll daran Unrecht sein? Verrat an der Kunst ist es nicht, wenn es so gut passt wie hier.
Das Publikum in München folgte hingerissen der zweifelsfrei höchst unterhaltsamen Aufführung. Die von Simon Stone in Zusammenarbeit mit Maria Magdalena Kwaschik besorgte Inszenierung – Bühne Ralph Myers – zeigt modellartig aufgeklappte Häuser, in denen Paul und Marietta wohnen. Die Akteure verschwinden in den Räumen schnell und tauchen in Sekunden in einem anderen Zimmer auf, was in den Handlungsablauf Tempo und Bewegung bringt. Da kommt keine Langeweile auf, immer ist etwas im Gange, statisches Verharren an der Rampe ist ausgeschlossen. Die Zuschauer haben etwas zu tun im Mitverfolgen des Geschehens, es ist für Spannung und Perspektivenwechsel gesorgt. Nur die schöne Stadt Brügge kommt auf der Bühne nicht vor. Sie ist ja auch tot –, aber nur in Pauls Augen.

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt - hier : Jonas Kaufmann als Paul © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die tote Stadt – hier : Jonas Kaufmann als Paul © Wilfried Hoesl

Was die Opernbesucher geradezu fesselte, waren die Darbietungen der drei Hauptpersonen: des Pauls von Jonas Kaufmann, der Marietta (alias Marie als Erscheinung) von Marlis Petersen und Kirill Petrenkos Dirigat, das die Oper perfekt interpretierte.
Jonas Kaufmanns heller Tenor beherrscht alle Facetten der Partie, vom lyrischen Belcanto bis hin zum Verzweiflungsausbruch bei der Klage um den Verlust der geliebten Frau. Man spürte wie er in seiner Rolle aufging, ja sie geradezu liebte. Auch sein ins Psychologische gehendes Spiel war nuanciert, von nachzeichnender Feinheit. Man glaubte ihm – über die literarischen Unebenheiten des Librettos hinwegsehend – das Leid und die Hingabe, die Wut und die fahle Leere der Hoffnungslosigkeit.

Ein Erlebnis ganz eigener Art verschaffte freilich die Darbietung der großartigen Marlis Petersen. Was für eine Ausstrahlung! Welche Eleganz und tänzerischer Beweglichkeit. Erotisch, gelenkig, dabei voller Hingabe, liebende Frau und zynischer Vamp, lebensgierige Künstlerin, Verführerin und ratlose Geliebte, alles in bewundernswerter, empfindsamer Wahrheit. Und dann die Stimme: ein Erlebnis, eine gesangliche Ausnahmeleistung, ins Miterleben hineinziehend. Petersen beherrscht stimmlich und darstellerisch alle Nuancen der schwierigen Partie, das ist einsame Höhe, große Kunst. Ein Genuss eigener Art.

Das Dirigat von Kirill Petrenko war von gewohnter Präzision und Eindringlichkeit. Straffe Tempi, in der Dynamik und im Tempo ausgewogen. Petrenko hielt die Spannung, zeichnete mit seinem hervorragenden Orchester die Vorgänge auf der Bühne nach, interpretierte sie und vertuschte dabei keineswegs die Anleihen des jungen Komponisten bei großen Vorbildern. Fast ironisch klangen Wagner und Puccini durch: als befänden sich Löcher im Klangteppich, Einblicke gewährend.

So wurden am Ende die Einwände des Kopfes von der Musik, vor allem von den Gesangsleistungen, überredet. In der Pause sagte ich so nebenbei zu einer Bekannten: da hat der Korngold aber viele Anleihen bei großen Komponisten gemacht. Ein Zuschauer im Vorbeigehen, der das hörte: Jawohl, er hat geklaut, aber ganz hervorragend. So Unrecht hat er nicht. Alle Künstler stehen auf den Schultern ihrer Vorgänger.

Die tote Stadt an der Bayerischen Staatsoper; der nächste Termin 19.7.2020

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 11.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Carmen – Georges Bizet

 Regisseur Laufenberg: Carmen, eine Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier….

von Ingrid Freiberg

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

Die Uraufführung der Oper Carmen 1875 in der Pariser Opéra-Comique war ein Fiasko! Georges Bizets Librettist Ludovic Halevy schreibt über die Uraufführung: „Gute Wirkung des ersten Aktes. Das Auftrittslied der Galli-Marie wird beklatscht … ebenso das Duett zwischen Micaëla und José. Der Akt endet gut mit Beifall und Hervorrufen… Auf der Bühne viele Leute… Bizet wird umringt und warm beglückwünscht. Der zweite Akt verläuft weniger glücklich. Der Anfang wirkt glänzend. Das Auftrittslied des Toreadors macht großen Eindruck. Dann Kühle… Bizet entfernt sich jetzt mehr und mehr von der traditionellen Form der Opera-comique, und das Publikum ist verwundert und weiß sich nicht mehr zurechtzufinden… Im Zwischenakt finden sich schon weniger Leute um Bizet ein. Die Glückwünsche sind weniger aufrichtig, tragen mehr den Charakter der Förmlichkeit. Die Kühle nimmt im dritten Akt zu… Beifall erntet nur das Lied der Micaëla, das noch ganz nach altem Zuschnitt ist… Auf die Bühne kommen noch weniger Leute… Und nach dem vierten Akt, der von der ersten bis zur letzten Szene mit eisiger Kälte aufgenommen wird, ist die Bühne leer… nur drei oder vier wahre Freunde (vermutlich Halevy, Meilhac, Guiraud) bleiben um Bizet. Alle versuchen sie, ihn zu beruhigen, zu trösten, aber die Trauer spricht aus ihrem Blick...“ Die Pariser Presse urteilt: „Die Figur der Heldin ist schrecklich unangenehm. Die Musik voll von Konzessionen und Banalitäten. Welche Realistik, was für ein Skandal! Herr Bizet gehört bekanntlich jener neuen Sekte an, deren Lehre darin besteht, die musikalischen Gedanken verdunsten zu lassen, statt sie in bestimmte Konturen zu bannen. Für diese Schule ist Herr Wagner das Orakel: Das Motiv ist außer Mode, die Melodie antiquiert; der Gesang, vom Orchester beherrscht, darf nichts als ihr schwaches Ego sein.“

Carmen – Georges Bizet
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Straßenräuber, Deserteure, Toreros, Soldaten und junge Hexen mit großen schwarzen Augen…

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch nicht unumstritten ist.

Zwischen Eros, Lust und Tod…

Henry Meilhac Paris © IOCO

Henry Meilhac Paris © IOCO

Der Franzose Georges Bizet erwirbt vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Er bringt Tabakrauch, Sehnsucht nach erotischer Liebe, die männliche Wut eines Tieres und die animalischen Verlockungen der Frau in einen einzigartigen Klangrausch. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique ist Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Bizet hat mit Carmen so etwas wie einen Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Für ihn sind die Minderprivilegierten, die verhängnisvoll verführerische Zigeunerin Carmen und der desertierte Soldat Don José, mit seinem Niedergang zum Schmuggler und Mörder, der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Der brave Don José  geht an den selbstbewussten Spielen der femme fatale und ihrer nur kurz entflammten Liebe zugrunde. Es ist eine flirrende Welt aus militärischer Ordnung, Schmugglerchaos, Kartenlegerinnen, der gottesfürchtigen Micaëla  – ein Tableau für unterschiedlichste Charaktere, die unter der heißen spanischen Sonne aufeinandertreffen. Carmen ist eine Oper, die transpiriert, die Blut und Leidenschaft hören lässt. Bizet scheut nicht vor existenzieller Härte zurück. Den Mega-Erfolg seiner Oper erlebte der drei Monate nach der Uraufführung verstorbene Komponist nicht mehr. Zeitgenossen vermuteten, er sei aus Kummer über seinen Misserfolg gestorben. Aber Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung.

Der Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg schreibt: Carmen ist sehr schwer zu inszenieren. Weil sie eigen, unbändig und nicht verführbar ist! Jedes Klischee von Carmen hat in der 144-jährigen Aufführungstradition schon stattgefunden. Aber die wirkliche Carmen tritt selten auf. Die Frau, die das Leben versteht und trotzdem lebt und liebt. Die Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber trotzdem in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier. Aber: Sie hat sich das Leben ausgesucht und sich entschieden. Sie lebt auf der Grenze von Tod und Leben. Und wenn der Tod kommt, ist sie bereit, aber auch kampffähig. Wir alle müssen sterben. Wollen wir das in der Arena, blutrünstig und leidenschaftlich? Oder sterben wir lieber still, schon weil wir wissen, dass wir in der Arena nicht bestehen können? Arena ist Theater. Wer sich da hinein traut, kann darin umkommen…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Laufenbergs Inszenierung basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die SängerInnen, die lange französische Dialoge sprechen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert. Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Carmen ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf wird zur Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche überhandnehmen, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video, das schwer wieder aus dem Kopf geht, seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er auf einer Drehbühne einen mittigen rechteckigen Raumteiler stellt. Bühnen- und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossenen Ganzen. Der Schriftzug Toros si, corridas no auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die Bühne zeigt übergangslos die verschiedenen Schauplätze wie Zigarrenfabrik, Kaserne, Taverne – auch Carmen und José, die sich halbnackt, sehr temperamentvoll in ihrem rotsamtenen Lotterbett lieben… Furiose Auf- und Abgänge des Chores werden durch diese Konzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird mit farbenfrohen Kostümen gekonnt entsprochen.

DIE ANIMALISCHEN VERLOCKUNGEN EINER FRAU

Silvia Hauer ist eine Carmen, die sich zu einer verachtungsstolzen, starken Frau wandelt, in der das Unabhängigkeitsfeuer lodert. Sie ist die Verheißung einer Weiblichkeit, die sich mit ungemeiner Körperlichkeit einfach mehr vom Leben nimmt und emanzipatorische Selbstbehauptung mit Lust in Einklang bringt. Es gelingt ihr, die Luft vor Freiheitshitze vibrieren zu lassen. „Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich, wenn du mich liebst, nimm dich in Acht…“ ist ihr Schicksalscredo. Hauers Stimme hat Drive, Direktheit und die Leichtigkeit, die man für eine Carmen braucht. In den Todesahnungen klingt ihr Sopran packend und flackernd, dunkel, voll und elegant. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Silvia Hauer lässt das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, aufflammen, dass es eine Freude ist. Wie sie José die rote Akazienblüte vor die Füße wirft, zeigt glaubhaft ihre unabdingbare Entschlossenheit zur Trennung. Von Anfang an ist zu spüren, dass Don José nicht den Hauch einer Chance bei ihr hat. Je mehr er in Selbstmitleid verfällt, umso unnahbarer wird Carmen. Sogar bei ihrem Kastagnettentanz im 2. Akt, dem einzigen Moment, in dem die beiden für ein paar Takte zueinander zu finden scheinen, steht sie über ihm, ist unerreichbar. Silvia Hauers Rollendebüt ist ein überzeugender Erfolg!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“ beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt ihren betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Sein lyrischer Tenor verfügt über dynamische Feinschattierungen. Mit Schmelz und Strahlkraft brilliert er in der Arie „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée…“  Christopher Bolduc (Escamillo) überzeugt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. nicht vollumfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus ausleuchtet. Shira Patchornik verleiht dem braven Bauernmädchen Micaëla die Naivität, Innigkeit und Lebendigkeit, die die Rolle erfordert. Für die Arie „Je dis, que rien ne m’épouvante“ erhält sie Szenenapplaus. Ihre anrührende Stimme hat Seele, verfügt über feine Nuancen – bis hin zu fast privaten Empfindungen.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte Unverfrorenheit. Seine Stimme vermittelt Autorität, ist von hemdsärmeliger Intensität, kräftig und zupackend. Maskulin, machohaft und auffallend präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein gut eingespieltes „Solisten“-Ensemble. Die Schmuggler und ihre Freundinnen verspotten Carmen glanzvoll in dem weltbekannten Quintett. Stella An (Frasquita) und Fleuranne Brockway (Mercédès) profilieren sich u.a. mit feurigem Flamenco – ausgezeichnet choreografiert und getanzt – auf hohem stimmlichen Niveau und augenfälliger Bühnenpräsenz. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum, winken mit Wimpeln und Händen dem (Stierkampf-)Publikum zu. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber erwünscht präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastischer Gesang. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Leitung von Christina Domnick, das sich sichtbar verjüngt hat, hält vom ersten Ton an die Zuhörer mit tragischer Magie gefangen. Beim Vorspiel ist man versucht, mitzuspielen: Alle vier Sekunden kickt ein fetziges Zisch-Bumm die rassige Arenamusik in eine andere Tonart! Beim Toreador-Lied möchte man sogar mitsingen! Carmens Lebensmelodie ist ein lang gezogener Valse in Zigeunermoll, leidenschaftlich in Violoncelli und Fagotten, düster in Trompeten und Klarinetten, mit sarkastischen Nachschlägen in Hörnern, Harfe, Pauke, Bässen und Kastagnetten, angerissen von einem wilden Streichertremolo – kalt und rau. Unüberhörbar steuert die Melodie auf einen Eklat zu. Domnick lässt die Rhythmen knallen und scheint dabei schwerelos von Szene zu Szene zu schweben. Die Komposition erfährt eine gedankenhelle Leichtigkeit.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT LANGANHALTEND. – GROSSE BEGEISTERUNG FÜR SILVIA HAUER!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; der nächste Termin 22.05.2020

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini; IOCO Kritik, 08.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Tosca – Giacomo Puccini – Wiederaufnahme

„Quäle die Heldin!“

von Ingrid Freiberg

Von Folter und Tod, Glocken und Kanonen handelt Giacomo Puccinis fünfte Oper Tosca. Es ist ein naturalistischer Thriller von ungeheurer Spannung. „Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollten wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Puccini fasste es in einer Formel zusammen: „Quäle die Heldin!“, So direkt bekennt  sich Puccini über sein 1900 in Rom uraufgeführtes Werk und erwies sich damit als veritabler Erbe Verdis.

Das Läuten von Kirchenglocken und der Gesang des Hirtenknaben sind die Klangkontraste zu Toscas innigem Gebet und Cavaradossis blühenden Lyrismen in bekannter Puccini-Süße. Als Puccini die berühmte Sarah Bernhardt in der Titelrolle des für sie geschriebenen Dramas von Victorien Sardou, der späteren Quelle für den Librettisten Giuseppe Giacosa, auf der Bühne sah, trug er sich mit dem Gedanken einer gleichnamigen Oper. Mehrere andere Komponisten, auch Verdi, interessierten sich für die skandalumwitterte Tragödie, die Verleger Ricordi letztlich doch für Puccini reservieren konnte. Nach der Uraufführung in Rom sicherte vor allem die nachfolgende Aufführung an der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini der Oper den Status als Welterfolg.

Tosca – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
youtube Trailer Hessisches Staatstheater zur Premiere 2015
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Starke menschliche Interaktionen

Folter, Tod, Lüge und Heuchelei stellt auch Sandra Leupold bei ihrer traditionellen Inszenierung in den Mittelpunkt. Sie lässt nichts zu wünschen übrig, was die Personenregie betrifft. Das Zusammenspiel zwischen den Charakteren ist im kleinsten Detail durchdacht und zeigt sehr starke menschliche Interaktionen. Es ist ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierender Musik. Zu keiner Zeit wird man von großer Sangeskunst und der spannenden Handlung abgelenkt. Leupolds Tosca ist nicht nur Diva, sondern zugleich eine Frau von Mitleid erregender Naivität, die noch im letzten Akt ihrem Geliebten mit weit ausholenden Gesten von ihrem gerade begangenen Mord erzählt.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die Oper Tosca braucht eine glaubwürdig erzählte Geschichte und ein beeindruckendes Bühnenbild: Das ist sowohl Sandra Leupold (Inszenierung) als auch Tom Musch (Bühne) gelungen. Sein Einheitsbühnenbild, im 1. Akt ein großer kahler fünfeckiger Kirchenraum mit Nischen, in denen Madonnen – eingerahmt mit roten Lichtlein und in der Mitte ein an das Kreuz genagelter Christus – stehen, ist ein passender szenischer Rahmen. Weihrauch weht von der Bühne her in den Zuschauerraum… Im 2. Akt wandelt sich der Altar zur Tafel, an der Scarpia speist, die Madonnen sind mit Tüchern verhängt; nur in der hinteren Mitte ist der Gekreuzigte noch zu sehen. Der Raum wandelt sich im 3. Akt in ein fahl beleuchtetes Gefängnis, in dem am Ende Cavaradossi von Spoletta, auf den das Los fiel, durch einen Genickschuss getötet wird. Als bekannt wird, dass Tosca Scarpia erstochen hat, kommen die Schargen in das Gefängnis zurück, um auch Tosca zu erschießen. Doch es kommt anders: Sie entwendet Spoletta den Revolver, erschießt sich und sinkt neben ihrem Liebsten nieder. Ausgeleuchtet werden alle Szenen von einem Octagon aus Neonröhren, die handlungsbegleitend flimmern.

Die Kostüme von Marie-Luise Strandt betonen glaubwürdig das klassische Regiekonzept. Tosca trägt zunächst, ganz Diva, ein goldgelbfarbenes Komplet, danach eine sehr elegante weiße Satinrobe mit schwarzer Spitzenapplikation. Cavaradossi, der Künstler, ist leger gekleidet, während im 1. Akt ein Ledermantel für Scarpia sein diabolisches Wesen als Polizeidirektor von Rom, der das alte Regime mit Gewalt verteidigt, unterstreicht. Sein zweireihiger Gehrock mit Stehkragen und Weste im 2. Akt unterstreicht, dass Scarpia ein Baron ist.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria?

Tosca ist eine Rolle, die von allen, wirklich allen großen Sopranistinnen in den letzten 100 Jahren gesungen wurde. Adina Aaron bietet mit Wärme, Leidenschaft, Ausdruckskraft und ungemein dichten Höhen ein strahlendes Erlebnis. Sie ist nicht nur gesanglich großartig, sondern überzeugt auch schauspielerisch mit ihrem Einfühlungsvermögen. Dabei strahlt sie Leidenschaft und Feuer aus. Aus der eifersüchtigen Diva wird eine liebende kämpfende Frau. Die zahlreichen Schlüsselstellen (Giuro!, Quanto…il prezzo...) gelingen ihr mit staunenswerter Sicherheit! Die hohen „C‘s“ erklingen strahlend; berührend das Vissi d’arte in Form eines schlichten Gebets. Wenn Adina Aaron am Ende erzählt, wie sie dem Peiniger Scarpia das Messer ins Herz stach, sind das nicht nur Worte! Ihre Stimme wiederholt das Geschehen…

Die Darstellung von Adina Aaron und Rodrigo Porras Garulo ist von Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit geprägt. Ihre Stimmen fließen ineinander und umschmeicheln sich gegenseitig. Da bleibt nur eine Frage offen: Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria? Rodrigo Porras Garulo als Mario Cavaradossi geht sicht- und hörbar in dem sympathischen Rollencharakter seiner Figur auf. Seine Interpretation von „E lucevan le stelle“ beginnt fast tonlos, um sich anschließend in strahlende Höhen zu steigern. Garulos Stimme ist reich an Gefühl, sein Vibrato klingt herrlich elegant und schön. Die feinen, lyrischen Passagen gestaltet er wunderbar. Sein Bühnenspiel ist faszinierend lebendig. Mit dieser Leistung lässt Rodrigo Porras Garulo vergessen, dass es nicht zum Rollendebüt von Andreas Schager kam…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Rollendebüt von Thomas de Vries als Scarpia – Ein großer Erfolg!

Sein Te deum im 1. Akt lässt aufhorschen, überzeugend wie er den Plan zur Ermordung Cavaradossis und zur Vergewaltigung Toscas fasst, sich dann in scheinbarer Frömmigkeit vor den Priestern zum Gebet niederkniet. Das ist böse und raumgreifend – von großer Intensität, es macht glaubhaft, dass Rom vor ihm zittert. Gerade dieses Wechselspiel aus formvollendeter Konvention und animalischer, sadistischer Bosheit machen seine Interpretation so faszinierend. Thomas de Vries beeindruckt mit seinem voluminösen facettenreichen Bariton, seiner sonoren herrlichen Stimme. Er ist dramatisch kompromisslos und manipulativ…

Auch in den übrigen Partien gibt es erfreuliche Leistungen: Young Doo Park  wertet die Rolle des Cesare Angelotti mit seiner Riesenstimme, seinem dunklen Bass, und seiner ergreifenden Darstellung auf. Verzweifelt spielt er den geschundenen auf der Flucht befindlichen Voltairianer. Eine Charakterstudie der besonderen Art ist der Mesner von Benjamin Russell. Wie er sich am Opferstock bedient, den Picknickkorb für sich zur Seite stellt und danach niederkniet, um zu beten, hat etwas von der commedia dell arte. Sein Spiel wird gekrönt von seinem eleganten, artikulationsgenauen Bariton. Ein wenig fällt Erik Biegel als schmieriger Spoletta ab. (Er ist besser besetzt, wenn seine Spielfreude aufleuchten darf.) Als Scarpias Schargen gewinnen Daniel Carison als Sciarrone, Leonid Firstov als Gefängniswärter, der Cavaradossi seinem letzten Wunsch entsprechend Papier und Bleistift bringt. Das ist ein bewegender Augenblick… Anrührend der zarte Knabensopran von Stella An. Ihr Gesang geht zu Herzen.

Gut eingebunden sind die Chöre: Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne und die Kinderkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter Leitung von Jud Perry tragen in der Schlussszene des 1. Aktes maßgeblich zum opulenten musikalischen Höhepunkt bei. Die Chöre beeindrucken mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das Orchester spielt in Bestform

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Leitung von Christoph Stiller bereitet Freude. Plastisch gelingen die motivischen Passagen, schon beim Scarpia-Leitmotiv im 1. Akt präsentieren sich die Musiker in Bestform, zeigen enorme Spielfreude, die Spannung in der Partitur gelingt vortrefflich. Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien Vissi d’arte und E lucevan le stelle werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und SängerInnen auf der Bühne ist eindrucksvoll.

 Das beglückte, beseelte Publikum bedankt sich mit Standing Ovations!

Tosca am Hessischen Staatstheater Wiesbadeb; weitere Vorstellugnen 5.1.; 11.1.; 29.2.; 12.4.; 28.5.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Hagen, Theater Hagen, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 07.12.2019

Dezember 7, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach

– Aufgeklärte Frauen der Jetzt-Zeit auf einer Zeitreise in das Jahr 1907 –

von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Orpheus in der Unterwelt (1855), Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva Hortense Schneider und andere Operetten machten Jacques Offenbach (1819-1880) im französischen Kaiserreich um 1860 zu einem Star.  Für Gioacchino Rossini war Offenbach der „Mozart der Champs-Elysées“. Giacomo Meyerbeer besuchte  Offenbachs satirisch frivole Operetten französischer Prägung in dessen Theatre des Bouffes Parisiennes. Bezüge zur griechischen Antike persiflierten die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten in Paris die Popularität von Jacques Offenbach; er war nun nur noch berühmt. Noch schlimmer für ihn: Nach 1871 gab es in Paris keinen Platz mehr für seine prallen, lebensfrohen Operetten; so fand Offenbach in späten Jahren mit Hoffmanns Erzählungen zu ganz neuen Ufern.

Die Autoren von Hoffmanns Erzählungen (Les Contes D´Hoffmann), die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Les Contes D´Hoffmann integrieren sie den Menschen E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder. Offenbach wiederum komponierte 1877 aus diesem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama eine Oper. Die Komposition der Oper gestaltete sich mühsam:. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück herauszubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“ Offenbach starb 1880; den Erfolg seiner 1881 uraufgeführten Oper erlebte er nicht mehr. Die zum Tod Offenbachs nur weitgehend fertige Komposition wurde in den Folgejahren immer wieder überarbeitet. Am Theater Hagen wurde die bekannteste, die Guiraud-Choudens-Fassung von 1907 gespielt.

 Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Hoffmanns Erzählungen ist ein ohnehin komplexes Werk, es spielt auf verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungen. Regisseur (und Intendant des Theater Hagen) Francis Hüsers verwandelt Offenbachs klassische Komposition zusätzlich. In einem Spiel der Realitätsebenen der Jahre 2019  und 1907 geht es ihm besonders um die Wahrnehmung von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft.  Hüsers nimmt den Besucher so mit auf eine Zeitreise: Olympia, Antonia und Giulietta (als Prostituierte) sind moderne Frauen der Jetzt-Zeit, welche in die Welt des Jahres 1907 eintauchen und dort entstressten Umgang mit Liebe, Erotik, Männern, Sex leben. Es sind aktiv gestaltende, gleichberechtigte Frauen, welche Hoffmann auch verführen wollen. Warum gerade 1907? Hüsers sieht 1907 als ein besonderes Jahr, von großen Umbrüchen in der Kunst, in dem die „frühe Moderne“ aufblühte, in dem auch die Drucklegung der in Hagen gespielten Hoffmann – Fassung erfolgte.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Olympia, Antonia und Giulietta werden auf der Zeitreise in das Jahr 1907 von Nicklausse, die Muse, begleitet, gestützt von ihrem Freund und Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, welcher in der Welt von 1907 als Sinnbild des Bösen, als Coppelius, Miracle und Dapertutto, auch Hoffmann bekämpft. Hoffmanns Erzählungen wird in Hagen auch zu einem spannendem Plädoyer für Aufklärung, für Gleichberechtigung. #MeToo scheint auch ein wenig durch. Ein ungewöhnlich reizvoller Regieansatz, welcher auf der Bühne zu einer packender Produktion mutiert.

Lindorf (Dong-Won Seo) sitzt schon vor Beginn der Vorstellung an einem Tisch an der Bühnenrampe, die „Westfälische Rundschau“ lesend. Zu den ersten Klängen des Chors der Studenten („Wir vertreiben Leid und Sorgen …“) erscheinen Antonia, Giulietta und Olympia, klassisch wie lasziv gekleidet, setzten sich zu Lindorf, trinken Bier, spielen Karten: modern, gelassen, selbstbewusst.

Mit dem ersten Bild, dem Öffnen des Vorhangs, beginnt ihre Zeitreise in das Jahr 1907: Lutters Weinkeller, ein bedeutendes MUSS jeder Hoffmann-Inszenierung (ehemals auch Stammkneipe von E.T.A. Hoffmann), ist in Hagen ein weites, hohes Lokal mit gepflegten Kellnern und vornehm tanzenden Gästen in der Kleidung aus 1907. Im Hintergrund des Bühne unterlegen Bilder, Projektionen, Filme die Handlung der Protagonisten. Hoffmann erscheint und singt, von seinen Kumpels gedrängt – nicht verloren schwach, sondern selbstsicher auf einem Tisch und mitten im Leben stehend – das Lied von Klein-Zack: die vier aus der Jetzt-Zeit abgestiegenen Frauen mischen sich lässig unter die Gäste, geben durch ihre moderne Erscheinung der „Zeitreise 2019-1907“ Bild und Ausdruck. Das ungebrochene Französisch der SängerInnen verleiht der Produktion zusätzlichen Charme und Harmonie.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Olympia, der von dem Physiker Spalanzani geschaffene Singautomat, ist dann im zweiten Bild eine gepflegte Frau in modern blauem Zweiteiler, Foto oben, welche zwischen den Gästen aus 1907 und ihren Freundinnen der Jetzt-Zeit flaniert, ihre große Arie singend Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel in der Laube). Auch die folgenden Bilder der so vielschichtigen Handlung, die von Doktor Miracle zum Singen verführte Antonia, die mit ihrem Zuhälter Dapertutto um Hoffmanns Spiegelbild kämpfende Giulietta, Foto oben, spielen beständig mit der Wahrnehmung des Besuchers. Diese stetig wechselnden Ebenen  machen Hoffmanns Erzählungen in Hagen zu einer bis zum überraschenden Ende anregend vielschichtigen Inszenierung. Hier können sich, frei nach Goethe, die Geister verschiedener Zeiten gegenseitig bespiegeln. Und  den Besucher so bannen, faszinieren!

Die Faszination der Hoffmann-Produktion am Theater Hagen wird gleichermaßen über das darstellerisch und stimmlich mitreißend disponierte Ensemble gestaltet: Thomas Paul erhielt in seiner riesigen Partie des Hoffmann den ersten ungeteilten Beifall bereits zu Beginn, zu seiner Arie des Klein-Zack. Paul schonte sich jedoch dann nicht, schaffte es, große mitnehmende Ausstrahlung und seine wohltimbrierte kräftige Tenorstimme über den ganzen Abend zu wahren. Die drei in das Jahr 1907 abgestiegenen Freundinnen, Olympia (Cristina Piccardi),  Antonia (Angela Davis), Giulietta (Netta Or) faszinierten in ihren anspruchsvollen Sopran-Partien ebenfalls von Beginn an. Dong-Won Seo las als Lindorf zu Beginn der Vorstellung eine Zeitung: Als Coppelius, Doktor Miracle und Dapertutto war er der optisch und mit schwerem Bassbariton in der langen und stimmlich fordernden Oper stets präsente Gegenspieler von Hoffmann. Maria Markina wiederum begleitete Hoffmann als Muse und Nicklausse ebenfalls mit feinem Mezzo. Marilyn Bennett, hoch  geschätztes Ensemblemitglied am Theater Hagen, spielt, singt die verstorbene Mutter von Antonia stimmlich perfekt und erneut mit esoterischer Präsenz. Gestützt wurden Sänger und Komposition durch GMD Joseph Trafton und das sensibel eingestellte  Philharmonische Orchester Hagen.

Mit dem ungewöhnlichen Regie-Ansatz zu Hoffmanns Erzählungen und der gelungenen künstlerischen Umsetzung auf und vor der Bühne zeigt das Theater Hagen,  dass große Kultur in Deutschland auch in kleineren deutschen Städten stattfindet. Die Besucher dankten überschwänglich, allen: Regie, Ensemble, Dirigent und Orchester lang anhaltend.

Hoffmanns Erzählungen am Theater Hagen; die folgenden Termine 20.12.; 26.12.; 29.12.2019; 12.01.2020, 19.01.; 15.02.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

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