Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Carmen – Georges Bizet

– von Straßenräubern, Deserteuren, Toreros, Soldaten und jungen Hexen mit großen schwarzen Augen…-

von Ingrid Freiberg

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und die Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen, besonders im Kontext des streng religiösen, konservativen Spaniens. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch auch nicht unumstritten ist. Heute, rund 150 Jahre nach ihrem Erscheinen, ist Carmen immer noch ein Begriff, der nichts von seiner Lebendigkeit und seiner Mystik verloren hat. Mit den Facetten der spanischen Kultur war Mérimée vertraut. Besonders in Paris genoss er den Ruf, ein ausgeprägter Spanienkenner zu sein. Während einer Reise 1830 nach Andalusien sog er Emotionen und Gegensätze, Licht und Schatten, das Unterschwellige und Groteske, Könige und Bettler. Prinzessinnen und Räuber, Heilige und Stierkämpfer, Straßenräuber, Häftlinge, Deserteure, Toreros, Soldaten, junge Hexen mit großen schwarzen Augen förmlich auf…

The Making of Carmen  –  Hessisches Staatstheater Wiesbaden
youtube Trailer des Hessischen Staatstheaters
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Zwischen Eros, Lust und Tod…

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

 Georges Bizet (1838 – 1875) erwarb vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Als Reformer der Bühnenpädagogik erarbeitete er sich einen herausragenden Platz in der Theatergeschichte. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique war Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Die Oper wurde 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und wurde zunächst vom Publikum wegen der drastischen Milieuschilderung ablehnend beurteilt. Die Geschichte um das Zigeunermädchen Carmen, den Soldaten Don José, um dessen Verführung und seinen Niedergang als Schmuggler und Mörder, ist der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Bizet hat mit Carmen so etwas wie den Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Bizet erhob die Minderprivilegierten – die verhängnisvoll-verführerische Zigeunerin Carmen und den desertierten Soldaten Don José – zu den Hauptfiguren seiner Geschichte. Erst die frenetischen Kritiken zahlreicher Musikgrößen und der Riesenerfolg einer vor allem tänzerisch aufgearbeiteten Fassung in Wien im Oktober 1875 trugen letztendlich zum Durchbruch der Oper bei. Den Mega-Erfolg erlebte der früh verstorbene Komponist nicht mehr. Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung. Und ausgerechnet der Vorplatz einer Zigarettenfabrik ist Schauplatz des 1. Aktes seiner Oper Carmen!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Die Inszenierung von Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten, also auf der Opéra comique. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die Sängerdarsteller, die lange französische Dialoge bewältigen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas (geschmückte Stechlanzen) in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert.  Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Uwe Eric Laufenberg sieht Carmen als eine Frau, die vom Mann, vom Stier, in den Kampf gezwungen wird. Sie lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben. Sie ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend.  Die flirrende Welt aus militärischer Ordnung und Schmugglerchaos, das Tableau für die unterschiedlichen Charaktere, der tugendhafte Don José, der aufgeplustert eitle Torero, die Zigeunerin, für die das Liebesspiel so frei wie ein bunter Vogel sein soll, die schummrig düsteren Kartenlegerinnen und die gottesfürchtige Micaëla, alle haben eigene Lebensideale. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf ist die Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche zu groß werden, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er einen mittigen rechteckigen Kubus als Trennungslinie nutzt, was rasche Szenen- und Requisitenwechsel ermöglicht. Bühnenraum und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossen Raum. Der Schriftzug „Toros si, corridas no“ auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die sich drehende Bühne und das raumteilende Rechteck lassen auch zu, dass sich Carmen und José nackt in einem rotsamtenen Lotterbett lieben. Auch die furiosen Auf- und Abgänge des Chores werden durch die Bühnenkonzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird gekonnt entsprochen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Sängerensemble meistert lange französische Dialoge – Mit Bravour

Carmen ist eine der wenigen Opernrollen, die von Vertreterinnen verschiedener Stimmgattungen dargeboten werden kann. In erster Linie von Mezzosopranistinnen, aber auch von dramatischen Spielaltistinnen und Sopranistinnen. Mit der Besetzung der Titelpartie steht und fällt der Erfolg. Die ukrainische Sängerin Lena Belkina hat einen warmen, wohlklingenden Mezzosopran, der über blitzsaubere Einsätze und verführerische Habanera-Girlanden verfügt. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten und beliebtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Hier lässt Lena Belkina das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, darstellerisch vermissen und ist auch stimmlich zu kontrolliert. (Eine Aufführung am Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ist mit dem Opern-Entertainment in Bregenz nicht zu vergleichen. Hier reüssierte Lena Belkina 2018…)

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“  beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt den betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Zunehmend singt sich Guèze in die immensen Anforderungen dieser Partie hinein. Am Ende erdolcht Don José seine geliebte Carmen: „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée“.  Christopher Bolduc (Escamillo) gewinnt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. noch nicht voll umfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus voll ausleuchtet.

Es ist nicht immer so, aber diesmal tritt Micaëla als Siegerin auf. Sie bekommt zwar als Bühnenfigur nicht das, was sie eigentlich will, aber Sumi Hwang ist der Lichtblick des Ensembles und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Das brave Bauernmädchen mit strahlendem Sopran, Innigkeit und engagiertem Spiel weiß sich glasklar in Szene zu setzen und wird begeistert gefeiert. Keine Arie wird mehr bejubelt als Je dis, que rien ne m’épouvante im 3. Akt. Sumi Hwangs Auftritt hoch oben auf dem Rechteck gibt dem Publikum, worauf es gewartet hat… Ausdruck, Lebendigkeit und Gefühl.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte und gesungene Unverfrorenheit. Maskulin, machohaft und auffällig präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein perfektes Solisten-Ensemble. Auch Shira Patchornik (Frasquita) und Silvia Hauer (Mercédès) profilieren sich mit Sinnlichkeit und Schmelz auf hohem stimmlichen Niveau. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum und zeigen mit den Fingern ins Publikum. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber angenehm präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastisches Winken. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

GMD  Patrick Lange, Musikalische Leitung, grundiert die bekannten Melodien und die raffinierten Rhythmen von Anfang an mit feurigem Esprit. So wirkt die Partitur stets wie ein vorauseilender Kommentar zur Handlung und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden macht dies mit vielen Zwischentönen und brillanten Farbwirkungen lebendig. Es schafft Spannungsmomente von großer Intensität, ist tadellos fein auf die Sänger abgestimmt und bringt die Sehnsüchte nach der großen erotischen Liebe, die männliche Wut und die animalischen Verlockungen in einen meisterhaften Klangrausch.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT HERZLICH. – GROSSE BEGISTERUNG FÜR SUMI HWANG!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Termine 18.9.; 22.9.; 4.10.; 10.10.; 12.10.; 20.10.; 26.10.; 13.11.2019 und mehr …

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Minden, Stadttheater Minden, Die Walküre – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 17.09.2019

September 17, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Minden

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Die Walküre –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

„Das Wunder von Minden“ –  Es geht weiter

von Patrik Klein

Vier Abende innerhalb von elf Tagen, vier Opern sind eine der größten Herausforderungen im Musiktheater: Das Stadttheater Minden stellt sich in diesem Jahr Richard Wagners gewaltiger Tetralogie Der Ring des Nibelungen in zwei zyklischen Aufführungen. Nachdem vor vier Tagen der erste Vorhang bei „Das Rheingold“ fiel und diese Produktion von den 528 Zuschauern im ausverkauften Haus frenetisch bejubelt wurde, folgt nun der erste Tag in Wagners Tetralogie Die Walküre.

Richard Wagners Werk Die Walküre wurde gegen seinen Willen am 26.6.1870 in München  auf Geheiß des König Ludwig II uraufgeführt, der nicht auf die von Wagner geplante zyklische Aufführung in Bayreuth warten wollte.

Die Vorgeschichte oder das, was nach Rheingold passiert: Im Raum steht der von Urmutter Erda angekündigte Untergang der Götter. Der testosteron-gesteuerte Wotan löst das Problem auf seine Weise. Er versucht von Erda den genauen Ablauf der Götterdämmerung zu erfahren und zeugt nebenbei mit ihr neun Töchter, von denen Brünnhilde sich zu seiner Lieblingstochter entwickelt. Sie verbindet Erdas Weisheit mit Wotans Stärke. Da aber von Alberich Gefahr droht, macht sich Wotan als ewiger Wanderer (erkennbar an der aufgemalten Augenklappe) auf den Weg, gründet mit einer Menschenfrau eine neue Familie, die Wälsungen, die er nach der Geburt der Zwillinge Siegmund und Sieglinde verlässt. Schon früh werden die Zwillinge getrennt und wachsen in feindlichen Lagern auf. Sieglinde wird später an Hunding „verschachert“. Siegmund kann aus der Gefangenschaft fliehen.

Stefan Mickisch fasst in einem Vortrag den Inhalt des Werkes humorvoll und treffend zusammen: Siegmund und Sieglinde verlieben sich ineinander. Siegmund zieht das Schwert aus der Esche. Wotan zerstreitet sich mit seiner Frau Fricka und muss Siegmunds Schwert mit seinem Speer zerbrechen und den Widersacher Hunding töten. Brünnhilde rettet Sieglinde. Dafür bestraft Wotan Brünnhilde mit magischem Schlaf“.

Stadttheater Minden / Die Walküre © Dorothea Rapp

Stadttheater Minden / Die Walküre © Dorothea Rapp

Nach über vier Stunden spannendem Musiktheater, als Wotan Loge aufrief, Brünnhilde mit Feuerzauber zu umsäumen, als die wunderbare Schlussmusik erklang, als der Göttervater an der Rampe zum Parkett mit quergehaltenem Speer im blutroten Feuerring steht, der Theaternebel die Szene verklärt, „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ ans Gehör dringt, als die letzten Noten des Werkes im leise verhallen, da löste sich auch die Anspannung des Publikums in einem Sturm von begeistertem Applaus.

Unter der Leitung des Dirigenten Frank Beermann kann das Orchester der Nordwestdeutschen Philharmonie am Abend erneut seine außergewöhnliche Qualität in Sachen Wagnerinterpretation unter Beweis stellen: Mit größter Variabilität und Dynamik unterstreicht Beermann mit seinen 80 Musikern sängerunterstützend, sängertragend das Ensemble, ohne die Kraft und Sogwirkung der Orchestermusik Wagners zu vernachlässigen. Mal peitscht die Musik, nimmt rasantes Tempo auf, hält aber auch plötzlich inne und haucht die Noten kaum hörbar. Dabei agieren die Musiker mit äußerster Präzision, wie bei einem „Schweizer Uhrwerk“, als wenn es nichts Leichteres gäbe. Durch die Positionierung der Musiker auf der Bühne hinter den Sängern stellt sich zudem ein wunderbar luftiger, imposanter Klang ein, für den es sich bereits lohnt, eine weite Anreise nach Minden anzutreten.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : Dirigent Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie © Patri Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : Dirigent Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie © Patri Klein

Nicht oft genug kann man die hohe Kunst und das einnehmende „Preis-Genussverhältnis“  vieler Produktionen der kleinen und mittleren Opernhäuser in Deutschland hervorheben. So spielen, singen auch die Sängerinnen und Sänger in Minden auf beeindruckend hohem Niveau. Stimmschönheit, Textverständlichkeit, Nähe zum Geschehen und Klangfülle sind im Stadttheater Minden ein die Besucher einnehmendes Vergnügen.

Eines der absoluten Highlights: Noch nie habe ich als Zuhörer im dritten Aufzug die acht Walküren so präzise, spielfreudig und gleichzeitig musikalisch harmonisch hören und erleben dürfen: ein Ergebnis intensiver, detaillierter Probenzeit. Yvonne Berg, Tiina Penttinen, Dorothea Winkel, Katharina von Bülow, Julia Bauer, Kathrin Göring, Christine Buffle und Ines Lex  spielen und singen in ihren braun-rot gefärbten Kriegskleidern, bewaffnet mit Schwertern, Pfeil und Bogen variabel aus den Rängen und von der Bühne. Wie aus einem Guss gelingt ihnen diese komplexe Szene.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : die Walküren © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : die Walküren © Patrik Klein

Zu Beginn des ersten Aufzugs wird Siegmund musikalisch zu Sieglinde und Hunding in die „Hütte“ gelenkt. Die Musik wirkt von Sturm gepeitscht und verweist auch auf das Rheingold mit dem Donnermotiv. Das Orchester spielt diese komplementäre Komposition mit dem Drama der Liebe von Sieglinde und Siegmund mit größter Sorgfalt und Empathie für die beteiligten Musiker, Sängerinnen und Sänger. Es führt bereits im Vorspiel mit dem „Liebeslied des Lenzes“, fast italienisch anmutend, die beiden Liebenden zusammen. Die Bühne ist von einem sie ausfüllenden Ring umhüllt. Darauf steht lediglich einen Tisch mit Stühlen zur linken Seite und im Hintergrund der abgebrochene Stamm einer Esche. Sieglinde erscheint mit Fackel und zündet ein wärmendes Feuer für die beiden an.

Die unendlichen Gefühle der Sehnsucht geraten ganz besonders emotional und eindringlich  bei den „Winterstürmen wichen dem Wonnemond“, das sicher und mit viel Kern in der Stimme vom Siegmund des auch an diesem Abend wieder bestens disponierten Thomas Mohr gesungen wird. Nach dem Loge vor ein paar Tagen im Rheingold gelingt es ihm an diesem Abend in die jugendlich kraftvolle Rolle glaubwürdig zu schlüpfen und sie mit seiner superben Stimmführung und Ausdauer imposant und ohne Spur einer Ermüdung auszufüllen.

Die Wendeltreppe zu den Proszeniumslogen wird erneut reichlich genutzt und eröffnet dem Zuschauer ein pulsierendes, sehr bewegliches Spiel. „Ich weiß ein wildes Geschlecht“ erklingt es von der imposanten Erscheinung des langgelockten Hunding des Tijl Faveyts, der noch im Rheingold den Riesen Fasolt gab. Mit prachtvoller, mächtiger und vor allem dieses Mal deutlich abgedunkelter, „schwarzer“ Stimme variiert er seine eher helle Interpretation des Riesen nun glaubwürdig als misstrauischer Hausherr mit klaren Absichten, seine Ehefrau zu verteidigen und den Eindringling zu vernichten.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : Fricka und Hunding © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : Fricka und Hunding © Patrik Klein

Auf die Schwertziehung Nothungs durch Siegmund aus der Esche folgt der Schrei der Sieglinde. Die in Warschau geborene und in Wien lebende Sopranistin Magdalena Anna Hofmann, die wagnergesangerfahren bereits die Kundry und mit überregionalem Erfolg unlängst in Hagen eine Isolde der Extraklasse gab, singt die Sieglinde nicht nur mit fein dosierter lyrisch anmutender Stimme, sondern auch mühelos nach Belieben kraftvoll dramatisch und mit tragender Substanz.

Im großartigen Finale des ersten Aufzugs unterstreicht das Orchester die feinsinnige  erotische Musik, denn hier wird Siegfried von Sieglinde und Siegmund gezeugt. Im Videokreis auf dem Gazevorhang beginnt ein schäumendes Geblubber zum Wasserfall zu mutieren. Das Schwert Nothung wird von den Liebenden in ein schwarzes Tuch gewickelt, bevor sie langsam abgehen. Hunding schleicht ihnen drohend und mit gezogenem Schwert vom Proszenium die Wendeltreppe herab hinterher.

Im zweiten Aufzug bleibt die Bühne wieder weitgehend leer, lediglich drei angedeutete Teilkreise ragen abgebrochen aus dem Bühnenboden. Bereits im Vorspiel dringt viel  Wichtiges ans Gehör. Einprägsame und wuchtige Fluchtmusik erklingt mit dem Schwertmotiv, der Vorahnung der Walküre, die noch gar nicht erschienen ist. Man hört erste Hinweise auf Brünnhildes „Hoiotoho“ und an eine „Leopard 2- Geräuschkulisse“ erinnernde,  kämpfende Brünnhilde. In der Diskussion zwischen Fricka, der Hüterin des Vergangenen mit traditionsbewusster Weltsicht und ihrem Mann Wotan, wird der dramatische Konflikt, in dem die beiden stecken, besonders deutlich. Wotan verliert Siegmund und Fricka verlässt die Situation feierlich und hoch erhobenen Hauptes. Der Zwist endet musikalisch unaufgelöst und lässt bereits jetzt den Untergang in der Götterdämmerung andeuten.

Wotan will alles hinschmeißen, weil er zudem weiß, dass Alberich den Sohn Hagen zeugte. Die Frustration endet mit dem verstärkten, aber kaum erkennbaren Walhallmotiv. Fricka tritt mit langem fellbesetzten Mantel und Stola in Erscheinung und keift ihren Gatten an, gefälligst nach Recht und Ordnung zu handeln. In der Auseinandersetzung der beiden, aus der der Göttervater als Verlierer hervorgeht, sitzen sie abwechselnd um Durchsetzung kämpfend auf dem mittlerweile hereingebrachten Thron. Kathrin Göring knüpft nahtlos und mühelos an die Leistung aus Das Rheingold an. Sie singt ihre Partie mit  dunkel gefärbtem warmen Timbre und strahlend kerniger Höhe. Dass sie auch noch im dritten Teil eine der acht Walküren singt und spielt, unterstreicht einmal mehr den Teamgeist und Umsetzungswillen des Stadttheater Minden.

Bei der Todesverkündung durch Wotan erklingt wunderbar gespielt vom Orchester das Schicksalsmotiv mit feinsten, offenen Akkorden. Im Klang des Wallhallmotives soll Siegmund dorthin gelangen. Brünnhilde zeigt „menschliches“ Herz, da sie sich von Siegmund überzeugen lässt, dass es höhere Werte gibt, als in Walhall zu sitzen.  Siegmund fällt durch Hunding und gibt die Kraft weiter an den ungeborenen Siegfried.

Im dritten Aufzug tauchen die Walküren aus den Seitenbühnen und den Proszeniumsrängen auf. Sie sind bewaffnet mit Pfeil, Bogen und schweren Waffen. Auf dem Gazevorhang werden Videos mit Pferdegetrampel und dunklen Schwarz-Weiß-Szenen sichtbar. Die Musik  nimmt in neun musikalischen Schleifen (eine für Brünnhilde und acht für die übrigen Walküren) im berühmten Ritt musikalisch Fahrt auf. Es klingt dämonisch wie bei Klingsor im Parsifal und drückt die Wildheit und Kraft auf der Bühne aus. Es scheint so, als ob die Hufe der Pferde nur ganz vorsichtig Land betreten. Nur allmählich kommen sie hinunter auf die Erde. Das komponierte Pferdegewieher,  Wotans Verfolgung mit seinem achtfüßigen Pferd Sleibnir, das schwächere Pferd Grane der Brünnhilde hetzend, setzt das Orchester überragend um.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : vl. Wotan, Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : vl. Wotan, Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde © Patrik Klein

In der Begegnung der Brünnhilde mit Sieglinde hört man bereits das gut erkennbare Siegfriedmotiv, das mit strahlender, unschuldiger Zukunftshoffnung die Handlung weitertreibt.  Das Göttliche in Brünnhilde wehrt sich gegen den Bann des Wotans mit ihrem Klagegesang. „Hier bin ich Vater“  und „War es so schmählich, was ich verbrach?“ erklingt in der klagender Moll-Tonart ohne Erfolg beim Gottvater und deshalb auch nicht ins Dur-Geschehen mündend. Dennoch hat sie es beinahe geschafft, ihren Vater zu überzeugen, um ihm die Liebe ins Herz zu hauchen und so zu handeln, wie er es eigentlich selbst gerne gewollt hätte.

Brünnhilde  wird von Dara Hobbs in allen Belangen mit Bravour, schöner Stimmführung, kraftvollen Ausbrüchen sowie feinen, leisen Passagen höchst emotional gesungen. Die amerikanische Sopranistin  ist mittlerweile freiberuflich tätig und sang bereits an vielen bedeutenden Opernhäusern in Europa.

Wotan nimmt den Wunsch von Brünnhilde auf, denn sie fordert den Schutz und die Wahrung des Göttlichen, indem er den Feuerkreis um sie schließt. In Minden geschieht das mit wirkungsvollen Lichteffekten, die die gesamte Bühne, den sie umschließenden Ring und den projizierten Kreis hinter dem Orchester in rötlich leuchtende und flackernde Farben taucht. Loge entfacht das Feuerzaubermotiv. Der Schmerz über die Trennung lässt die Tragik des Gottes erkennen. In der Liebestonart E-Dur ganz nah an Bruckners siebenter Sinfonie steht Wotan als das größte Opfer dieser Trennung zwischen Vater und Tochter. Das Abschiedsthema erklingt macht- und schmerzvoll zugleich. Wotan schützt seine Tochter Brünnhilde mit dem Feuerkreis und beherrscht noch den Kosmos. Die alte Ordnung soll noch geschützt werden bis Siegfried kommt und das Werk vollendet. Renatus Mészár spielt und singt den Göttervater mit all seiner Kraft in Stimme und Körper mit unermüdlichem Einsatz und großer Variabilität. Besonders die leisen, tiefen und schwarzen Momente, die Gestaltung und die Phrasierung gelingen ihm vorzüglich. Er knüpft auch hier nahtlos an den Göttervater aus Das Rheingold an und weiß seine Kraft einzuteilen und sich noch einmal in Ausdruck und Dramatik zu steigern.

Als der letzte Ton leise verklungen ist, herrscht beim hochkonzentrierten Publikum in Minden wieder einige Sekunden atemlose Stille, bevor sich der Jubel viele minutenlang einstellt. Der frenetische Applaus des Publikums gilt für alle Beteiligten an dieser Produktion, eingeschlossen die wunderbare Interpretation durch das Regieteam um Gerd Heinz, die sich ganz nahe am Komponisten und Dichter orientiert .

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.09.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

 Madama Butterfly – Giacome Puccini

 – Der japanischen Kosmos – Tradition changiert mit Moderne des Westens –

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Premierenpublikum eine rundum gelungene Leistung des Ensembles, welches nicht nur sängerisch durch Solisten und einen wunderbaren Chor überzeugen konnte, sondern ebenso durch das ausgezeichnet spielende, von Speranza Scappucci lebendig und sensibel geführten Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Madama Butterfly – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Zusammenarbeit mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago

Wenn auch sowohl Svetlana Aksenova, in der Rolle der Cio-Cio-San, als auch Alexey Dolgov als F.B. Pinkerton bei ihrem Hausdebut in Lüttich überraschenderweise – beide haben ihre Rollen seit vielen Jahren in ihrem Repertoir – in den ersten beiden Akten deutliche Zeichen von Anspannung und Lampenfieber zeigten, konnten sie die Partien erfolgreich beenden. Nach ihrer mit Szenenapplaus bedachten und bekanntermaßen herausfordernden Arie:„Un bel dì, vedremo“ fand die Sopranistin Aksenova spürbar zur Ruhe, was ihrer Stimme zugute kam. Tenor Dolgov überzeugte vor allem in den hohen Lagen, wogegen die Tiefen etwas dünn erschienen.

Madama Butterfly – Eine Einführung in die Produktion
youtube Trailer Opéra Royal de Wallonie-Liège
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Saverio Fiore in der Rolle des Goro, auch er gab sein Hausdebut, und Sabina Willeit als Suzuki überzeugten stimmlich vollauf. Wieder einmal überragend jedoch Mario Cassi als Sharpless, dem es nach klassischer Belcanto-Manier gelang, mit durchgängig auf dem Atem liegender Stimme das Publikum zu begeistern.

Madama Butterfly gehört zum Standardrepertoire, so dass die Handlung als bekannt voraus gesetzt werden kann: Um 1900 heiratete der amerikanische Offizier Pinkerton in Japan die junge Geisha Cio-Cio-San, die sich ihm mit Leidenschaft hingab. Aus ihrer Vereinigung wurde ein Kind geboren, von dessen Existenz der Leutnant bei seiner Rückkehr nach Hause nichts wusste. Drei Jahre später kommt er mit seiner amerikanischen Frau zurück nach Japan, um seinen Sohn abzuholen, von dem er inzwischen erfahren hat. Verraten und verlassen, gibt es für Cio-Cio-San nur einen Ausweg……

Nach seinem großen Erfolg, den Giacomo Puccini im Jahr 1900 mit seiner Oper TOSCA hatte, suchte er nach einem neuen Thema, das ihm eine tiefe tragische Quelle bieten konnte. Er setzte auf ein Stück des Dramatikers David Belasco, Madame Butterfly, inspiriert von realen Ereignissen: die katastrophale Liebesaffäre eines sehr jungen Mädchens, Cio-Cio-San, dessen Name auf Japanisch „Schmetterling“ bedeutet.

Madama Butterfly war für Puccini die perfekte Gelegenheit, den „Japonismus“ zu nutzen, der im Westen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mode war. Auf der Suche nach neuen Farben und einzigartigen Atmosphären studierte der Musiker die Sprache, Kultur und Musik Japans und zögert nicht, authentische Melodien zu verwenden. Das Ergebnis war für die Hörer schockierend. Der Autor berichtete, es sei seine „aufrichtigste und ausdrucksstärkste“ Oper.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Japonismus ist die Bezeichnung für den Einfluss der japanischen Kunst auf die Künstler der westlichen Welt, insbesondere französische. Die Kunst, die aus dieser Inspirationsquelle hervorging, wird als Japonesque bezeichnet.

Die Bilder- und Formensprache der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, der Ukiyo-e, und anderer Erzeugnisse des japanischen Kunsthandwerks wie Töpfer-, Metall-, Lack- und Bambusarbeiten wurden eine Quelle der Inspiration für den Impressionismus, den Art Nouveau, den Jugendstil, die Wiener Secession und auch viele Künstler des Expressionismus.

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Flotte die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen hatte, verbreiteten sich im Westen rasch genaue Kenntnisse über japanische Kunst und Kultur; Auf dem Gebiet der Musik, Literatur und der bildenden Künste begann man sich mit dem fernen Inselreich auseinanderzusetzen. Der Begriff Japonismus wurde 1872 von dem französischen Kunstkritiker Philippe Burty geprägt. Die Pariser Weltausstellung 1878 zeigte eine Reihe von Werken der japanischen Kunst.

Stefano Mazzonis Di Pralafera, Intendant der Opéra Royal de Wallonie und Regisseur dieser Neuproduktion, welche die Oper Lüttich in Kooperation mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago erarbeitet hat, will uns den Kosmos der japanischen Welt sowohl unter dem Aspekt der Tradition, als auch dem Wandel in die Moderne vor Augen führen. Fernand Ruiz, verantwortlich für die Kostüme, ließ dazu beispielsweise die verwendeten 36 Kimonos in den Werkstädten per Hand bemalen, um eine größtmögliche Authentizität zu erzielen.

Die Bühne, im ersten Akt ein historisches Japan, wie wir es mit dem Uraufführungsjahr der Oper 1902 gedanklich in Verbindung bringen. Nachfolgend erleben wir eine typischen 50er-Jahre Stil, der zeitlich mit der 2. amerikanischen Eroberung Japans durch die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu verorten ist. Die Veränderungen dieses halben Jahrhunderts ist nicht nur in der Architektur des Hauses, der Einrichtung und der Kleidung zu erleben. Wir erkennen auch völlig veränderte Bewegungs- und Verhaltensabläufe der Protagonisten.

Für die historisch korrekte Reproduktion all dieser Aspekte zeichnet Misaya IODICE-FUJIE, Beraterin für japanische Traditionen, verantwortlich. Misaya Iodice-Fujie wurde in Tokio geboren und studierte Zeichnen, Malen und Kalligraphie.  Parallel zu ihrem Universitätsstudium studiert sie traditionelle japanische Kunst: Ikebana (Blumenkunst) und die Kunst des Kimonos.

Wesentlich für das Werk ist der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einem exotischen musikalischen Thema, das auf typisch westliche Weise verarbeitet wird. Pinkertons erstes Gesangsstück enthält bereits die beiden westlichen Hauptthemen der Oper. Umrahmt wird dieses Stück durch ein Zitat der damaligen Marinehymne (ab 1931 die amerikanische Nationalhymne) in den Bläsern. Nach Pinkertons Duett mit dem Konsul Sharpless wird das westliche Kolorit durch ein japanisches abgelöst, als der Heiratsvermittler Goro mit den Frauen eintrifft.

Puccini bemühte sich intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. Zur Inspiration dafür nutzte er unterschiedliche Quellen: Er besuchte eine Aufführung der als Geisha ausgebildeten Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko während ihrer Welttournee im März und April 1902. Die Gattin des japanischen Botschafters in Rom, Hisako Oyama, sang ihm traditionelle Volkslieder vor und half ihm bei den japanischen Namen. Außerdem erhielt er Hinweise des belgischen Musikwissenschaftlers und Asien-Experten Gaston Knosp. Auch konnte er auf europäische Notensammlungen transkribierter japanischer Melodien zurückgreifen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars erklingt ein Ausschnitt der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo. Zwei Motive der Cio-Cio-San sind auf chinesische Volksmusik zurückzuführen. Puccini entnahm diese einer in der Schweiz hergestellten Musik-Box mit westlich assimilierten chinesischen Melodien.

Der mechanische Klang dieser Musik-Box, die naturgemäß einige Eigenheiten fernöstlicher Musik wie die typischen kontinuierlich gleitenden Veränderungen der Tonhöhe oder die originale Klangfarbe der Instrumente nicht wiedergeben konnte, beeinflusste Puccinis Instrumentation der japanisch gefärbten Passagen.

Das Ergebnis von Puccinis Studien sind äußerst ungewöhnliche Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischen Schellentrommeln, japanischem Klaviaturglockenspiel oder Röhrenglocken erzielt. Der Satz der Begleitstimmen wirkt vielfach exotisch; die Charakterisierung der Nebenfiguren dient der Darstellung des Kolorits. Die Partie des Pinkerton entspricht dagegen ganz der Puccinis lyrischer Tradition.

Die Musik der Cio-Cio-San verbindet fernöstliche und europäische Charakteristiken. Am Schluss ihrer Auftrittsszene fordert sie die anderen Frauen auf, sie nachzuahmen und vor Pinkerton auf die Knie zu fallen. Zu dieser Pantomime erklingt das chinesische „Shiba mo“. Das Niederknien des Ostens vor dem Westen erfolgt somit nicht nur szenisch, sondern auch in der Musik.

Puccini hat die Butterfly selbst seine „innigste und erfüllteste Oper“ genannt. Nie zuvor und nie danach hat er ein so bedingungslos liebendes, zartes, verratenes und bedauernswertes Traumgeschöpf auf die Bühne gebracht wie die kleine Japanerin Cho-Cho-San. „Wie ich sie liebte und auch weiterhin lieben werde! Solange ich die Musik schrieb, sah ich sie vor mir, das kleine süße, von Wehmut erfülle Mädchen“, schwärmte er.

Madama Butterfly – Intendant und Regisseur Stefano Mazzonis Di Pralafera führt ein
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Zeigt uns der erste Akt dieser Inszenierung ein historisch verträumtes Japan mit Holzhaus und Lampignons, die im Zusammenspiel mit den Kostümen und Papierschirmen immer wieder atemberaubend schöne lebendige Bilder auf die Bühne zaubern, so kühl und seelenlos begrüßt uns geflieste Hausfassade im 2. Akt. Sachlichkeit und Strenge, sowohl als Ausdruck Cio-Cio-Sans Seelenleben, aber auch als Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Im 3. Akt lässt Pralafera einen Helikopter auf die Bühne einfliegen und auf dem Flachdach des Hauses landen, dessen Macht und akustische Gewalt in uns hätte Assoziationen vor US-amerikanischen Invasionen wecken können, wie wir sie aus Filmen wie „Apokalypse Now“ vor Augen haben.

Dies gelingt leider nicht. Vermutlich ist es den Begrenzungen des Bühnenraums geschuldeter, dass uns der Bühnenbildner Jean-Guy Lecat einen stark deformierten Hubschrauber präsentiert, der völlig geräuschlos, mit stillstehendem Rotor, hoppelnd und rappelnd aus dem Schnürboden einfliegt, das belustigte Publikum eher an Robbie, Tobbi und das Fliewatüt erinnernd, als an imperiale Gewalt.

Coup de théâtre:  Als Pinkerton seinen im Kinderwagen schlafend geglaubten Sohn auf den Arm nehmen will, um ihn nach Amerika, einer vermeintlich besseren Welt, zu bringen, findet er dort nur ein Haarteil und zusammegerollte Decken. Madama Butterfly hatte ihren hochdramatischen Satz: „Wer nicht in Ehren leben kann, der soll in Ehren Sterben!“ wohl nicht nur für sich selbst gesprochen. Wenn sie blutüberströmt, mit durchgeschnittener Kehle auf die Bühne stürzt, scheint uns die dramatische Schlussmusik zu bestätigen, dass ihr Sohn ebenfalls tot im Hause liegt.

Abschließend ein großes Lob für Franco Marri, dem es mit seiner Lichtkunst großartig gelungen ist, zum Erfolg des Abends beizutragen.

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci, Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Bühne: Jean-Guy Lecat, Kostüme: Fernand Ruiz, Licht: Franco Marri, Chorleitung: Pierre Iodice

Besetzung:

CIO-CIO-SAN: Svetlana Aksenova, Hausdebut  –  Die in St. Petersburg geborene Aksenova absolvierte ihr Gesangsstudium am renommierten Rimsky Korsakov Conservatory, wo sie bereits während ihrer Studienzeit als Titelrolle in Tschaikowskys Iolanta auf sich aufmerksam machte. Svetlana Aksenova wurde international für ihre Auftritte als Lisa in einer Neuproduktion von The Queen of Pades an der Niederländischen Nationaloper unter der Regie von Stefan Herheim und unter der Leitung von Mariss Jansons, der Titelrolle in Rusalka an der Pariser Oper, Cio-Cio-San in Madama Butterfly an der Zürcher Oper gefeiert. Nach ihrem Debüt an der Opéra Royal de Wallonie kehrt sie als Tatyana in Eugene Onegin an die Norwegische Nationaloper in Oslo zurück.

F.B. PINKERTON: Alexey Dolgov, Hausdebut  –  Die Washington Times schreibt über den Tenor: „Ein großes Lob für den gutaussehenden russischen Tenor Alexey Dolgov, der ironischerweise die Rolle des Pinkerton singt, des ursprünglich hässlichen Amerikaners. Mit einem selbstbewussten Schwung und einer klaren, selbstbewussten, autoritativen Stimme bewohnt Herr Dolgov sofort diesen selbstbewussten Yank und versteht gleichzeitig seine essentielle Flachheit. Als Schauspieler glänzt Herr Dolgov auch in den letzten Szenen der Oper. Seine Performance, die die emotionale Feigheit seines Charakters mit viel Geschick projiziert, verleiht der Tragödie in Butterflys letzter Szene weiteres Gewicht.“

SHARPLESS: Mario Cassi  –  Mario Cassi arbeitet regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern weltweit. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Händel, Porpora und Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten, wobei sein Schwerpunkt auf dem italienischen Belcanto liegt.

SUZUKI: Sabina Willeit  –  Die Mezzosopranistin wurde in Bozen aus einer ladinischen Familie geboren und studierte Gesang am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie als Hauptdarstellerin in über 25 klassischen und modernen Opern mit international anerkannten Dirigenten in namhaften Opernhäusern und bei Festivals in Italien und Europa auf.

GORO: Saverio Fiore, Hausdebut  –  Der gebürtige Barier absolvierte sein Gesangsstudium mit Auszeichnung am Istituto Musicale „Giovanni Paisiello“ in Taranto.  Sein Debüt gab er 1998 mit Il fortunato decanno von Donizetti beim Festival della Valle D’Itria und übernahm zahlreiche  Hauptrollen in Opern.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

KATE PINKERTON: Alexise Yerna, LO ZIO BONZO: Luca Dall’Amico, IL COMMISSARIO/YAMADORI: Patrick Delcour, YAKUSIDÉ: Alexei Gorbatchev, L’OFFICIER D’ÉTAT-CIVIL: Benoît Delvaux, LA MÈRE DE CIO-CIO-SAN: Réjane Soldano, LA TANTE DE CIO-CIO-SAN: Dominique Detournay, LA COUSINE DE CIO-CIO-SAN: Barbara Pryk,  Orchester und Chor: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Madama Butterfly; weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie,  15.; 17.; 19.; 21.; 22.; 24.; 26.; 28.9.2019 und mehr

Madama Butterfly:  Oper von Giacomo Puccini, „Tragedia giapponese“ in drei Akten, Sprache: Italienisch, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Literarische Vorlage / Autoren: John Luther Long und David Belasco: Madame Butterfly, Uraufführung der dreiaktigen Fassung: 28. Mai 1904, Ort der Uraufführung der dreiaktigen Fassung: Teatro Grande, Brescia, Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden, Ort und Zeit der Handlung: Ein Hügel oberhalb von Nagasaki, um 1900

Opéra Royal de Wallonie-Liège:  Als Neuerung der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde eine neue Übertitelungsanlage eingerichtet, die den Text nun in den drei Landessprachen: Französisch, Flämisch und Deutsch einblendet, sondern auch in Englisch.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Minden, Stadttheater Minden, Rheingold – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 14.09.2019

September 14, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Minden

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Das Rheingold –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

– „Das Wunder von Minden“  –  Es verzaubert wieder –

 

von  Patrik Klein

Im September 2018 wurde am Stadttheater Minden der Ring des Nibelungen von Richard Wagner vollendet: ein wagemutiges Projekt, mit dessen Inszenierungen und musikalischem Reichtum  die Stadt Minden und ihr kleines Stadttheater überregionale Aufmerksamkeit, Bewunderung und Begeisterung erzeugte.

IOCO berichtete aus diesem Ring – Zyklus zu  Siegfried (Oktober 2017, link HIER) und Götterdämmerung (Oktober 2018, link HIER!).

Für September/Oktober 2019 wagte sich das Team um Dr. Jutta Hering-Winckler (Initiatorin und Vorsitzende des Wagner- Verbands Minden), Regisseur Gerd Heinz und Dirigent Frank Beermann zwei zyklische Aufführungen des Ring des Nibelungen, innerhalb von je elf Tagen aufzuführen.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Die Stadt Minden besitzt nur ein sehr kleines Theater ohne Ensemble mit nur wenigen Mitarbeitern in Verwaltung und Technik.  Allerdings hat man in Minden einen mutigen Wagner-Verband mit Visionen, ungeheurer Energie und Tatendrang. Zum größten Teil aus Spenden finanziert ging man im Jahre 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Nordwestdeutschen Philharmonie ein Wagnis ein, das die Opern Richard Wagners in beachtlicher Qualität nach und nach auf die kleine Bühne des Hauses brachte.

Im Abstand von einigen Jahren wurden die Opern Der fliegende Holländer,  Tannhäuser, Lohengrin sowie Tristan und Isolde mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne des Stadttheater Minden gehoben. 2015 fasste man dann die größte Herausforderung eines Opernbetriebes: man plante Richard Wagners Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in den Folgejahren aufzuführen. Ab September 2015 gelang eine Inszenierung im Stadttheater: 2015 – Das Rheingold; 2016 – Die Walküre; 2017 – Siegfried; 2018Götterdämmerung. 

Durch die Positionierung des Orchesters auf der hinteren Hauptbühne (man nennt es heute sogar landläufig das „Mindener Modell) und damit der Nutzung der Spielfläche unmittelbar vor den Reihen im Parkett, gelang musikalisch ein sängerunterstreichender Klang sowie eine intime Nähe zum Publikum, die zu musikalisch allerhöchster Qualität beitrug.

Vor einem Jahr erschien der in schwarzem Leinen gehaltene Bildband Der Ring in Minden  im J.C.C. Bruns Verlag, link HIER, über den IOCO berichtete.

Der überregionale große Erfolg des Ring des Nibelungen in Minden war nur möglich, weil die Mitarbeiter des Stadttheaters permanent an ihre Grenzen und auch darüber hinaus gingen. Der Geist eines gemeinsamen Willen zum Erfolg wird hier plastisch in all seinen Formen und Farben beschrieben. Als Leser des Buches bekam man Lust, an diesem  Unterfangen teilzuhaben, auch wenn es nur der Besuch einer Aufführung wäre. IOCO Kultur im Netz plante deshalb seit langem, über den ersten Ringzyklus im September 2019 zu berichten.

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Das Regieteam um Gerd Heinz erzählt die Geschichte von der hemmungslosen Gier und dem Versuch, Macht und Liebe in Einklang zu bringen ohne aktualisierende moderne Umdeutungen, sondern mit viel Vertrauen auf die Kraft des ursprünglichen Stoffes in seiner Form, seiner Sprache und der phänomenalen Musik Richard Wagners. Die Geschichte um die drei Rheintöchter, Alberichs Liebesverzicht und Geldgier, Wotans Götterwelt mit Machtanspruch und Zukunftsplanung gestaltet man in Minden als Schurkenstück mit sittenwidrigem Bauvertrag und üblem Erfolgsgehabe. In der auf aktualisierende Akzente verzichtenden Interpretation bleibt die Urmutter Erda als einzige Protagonistin integer. Sie warnt die Machtinnehabenden eindringlich vor der unstillbaren Gier nach mehr Reichtum und Macht.

Durch die bühnentechnischen Rahmenbedingungen mit dem auf der Hinterbühne platziertem Orchester und der relativen Enge auf dem verbleibenden Bühnenportal nutzt man geschickt den überbauten Orchestergraben und die seitlichen Räume für Spielmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zum Publikum. Dadurch wirkt Musik und Szene noch dichter, direkter, eindringlicher und emotionaler. Mit Gazevorhang zur Abtrennung des Orchesters, einem zentralen bühnenumspannenden Ringbogen und einem Wendeltreppenaufgang zur Proszeniumsloge kann das Drama, optisch eingebettet in satte Kulissenfarben, die Figuren in interaktiven Vorgängen aus dem Verständnis der Situation heraus agieren lassend, seinen Lauf nehmen.

Die musikalische hochqualitative Interpretation durch die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Leitung von Frank Beermann hat in den letzten Jahren Maßstäbe in Sachen Wagnerklang gesetzt. Auch die Sängerriege  wuchs förmlich über sich hinaus und konnte in dem recht kleinen Haus ihren Stimmen maßhaltende Formschönheit geben ohne, wie das gelegentlich in großen Häusern der Fall ist, sich zu überfordern. Der gemeinsame Erfolg machte stark. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man für die zyklischen Ringaufführungen 2019 erneut mit den meisten Darstellern der letzten Produktionen zusammenarbeiten konnte.

 Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Das musikalische Ergebnis sprach am ersten Abend dadurch für sich. Schon nach wenigen Minuten wird klar, warum man den für manchen Besucher anstrengend weiten Weg nach Minden an die Weser gewagt hat. Das Orchester wirkt luftig, klar und nicht dominant, sondern formschön unterstreichend aus der Hinterbühne. Die einzelnen Instrumentengruppen sind klar auszumachen. Der Klang mischt sich für den Zuschauer transparent beinahe wie in Hamburgs neuem Konzerthaus, der Elbphilharmonie.

So kommen die drei Rheintöchter (Woglinde Ines Lex, Floßhilde Tiina Pentinnen und Wellgunde Christine Buttle) präzise und verbunden mit einer Textverständlichkeit wie mit gestochen scharfen Lettern auf einem Hochglanzprospekt gedruckt, daher. Zur Darstellung ihres Wesens und Seins nutzen sie zum Spiel sowohl die Bühne, den überbauten Orchestergraben und die beiden Proszeniumslogen, die über eine Wendeltreppe im Zuschauerraum für sie erreichbar sind. Man lehnt sich einfach nur zurück, genießt den akustischen Ohrenschmaus und taucht ein in Wagners Drama von Liebe, Macht und bösem Ende.

Bösewicht Alberich, dargestellt von Heiko Trinsinger steigt mit triefender Taucherbrille aus dem Untergrund auf und lässt seinen schwarz gefärbten Bariton wort- und stimmgewaltig verströmen. Der seit 1999 im Ensemble des Aalto Theaters Essen engagierte Sänger läuft an diesem ersten Abend in Minden zu Höchstform auf und wohl auch über sich hinaus, im Klangrausch und vor einem hochkonzentrierten Publikum sich getragen fühlend. Im Streit mit den drei Damen aus dem Rhein entscheidet er sich für das Gold und verflucht die Liebe.

In der Götterwelt angekommen erscheint Fricka mit Wotans Speer, stößt ein paarmal mit der Spitze in die Tiefe des überbauten Orchestergrabens um ihren Gatten zu wecken und auf finanzielle und personelle Probleme im Haushalt hinzuweisen. Kathrin Göring spielt, singt und gestaltet eine überragende Göttergattin. Mit einer langen Stola über der Schulter lehnt sie an der Bühnenumrahmung und warnt ihren von der Burg schwärmenden Gatten eindringlich vor den Folgen seines Deals mit den Riesen. Die seit vielen Jahren fest engagierte Sängerin an der Oper Leipzig lässt ihren facettenreichen, warmen und dunkel timbrierten Mezzosopran mal federleicht und auch mal dramatisch aufbrausend im Raume verströmen. Man versteht nicht nur jedes Wort; man nimmt ihr die Rolle ab. Sie ist Fricka.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Ihr Gatte Wotan hat es nicht ganz leicht bei ihr. Renatus Mészár, der sein linkes Auge opferte, um sie als Ehefrau zu gewinnen, lässt sich von ihren Warnungen wenig beeindrucken. Zu groß ist sein Verlangen nach der Burg und dem Ausbau seiner Macht. Der gebürtige Hesse, der seit vielen Jahren im Ensemble des Badischen Staatstheater in Karlsruhe singt, gestaltet die Partie des Göttervaters mit reichlichem Einsatz seiner präsenten Bass-Baritonstimme, die mit angemessener Schwärze, Genauigkeit in der Phrasierung und feiner Dosierung seiner Kräfte in den höheren Registern behaftet ist.

Die Freia (Julia Bauer), die zwischen die Fronten gerät, für eine Immobilie verschachert wird und die Ernährung ihrer Artgenossen nicht mehr sicherstellen kann, kommt mit leichter, lyrisch-dramatischer Koloratursopranstimme daher. Die international erfahrene, u.a. an der Komischen Oper Berlin und am Aalto Theater Essen beschäftigte Sängerin gestaltet ihre undankbare Position im Drama mit fein strömender Stimme und präziser Gestaltung.

Probleme in dem aktuellen Machtgefüge machen die beiden Riesen, die nach getaner Arbeit ihren Lohn verlangen und Freia als Pfand mitnehmen müssen, um zu ihrem Recht zu kommen. Ausgestattet mit schwarzen Lackpolstern, Springerstiefeln und einem aufgeklappten Schweißerhelm verleihen sie ihrer ohnehin schon imposanten Erscheinung durch markante Stimmen zusätzlichen Ausdruck. Tijl Faveyts als Fasolt und Johannes Stermann als Fafner sind stimmlich, was bei Wagners Rheingold Opernaufführungen eher selten ist, deutlich zu unterscheiden. Der an der Komischen Oper Berlin engagierte Bass Tijl Faveyts gibt einen überaktiven spielfreudigen und kräftig hell leuchtenden Fasolt, dem der tiefe, rabenschwarze Bass des Johannes Stermann, engagiert an der Oper Magdeburg, kontrapunktisch zugeordnet erschein. Als Fafner seinen Bruder später in Zeitlupe mit riesigem Prügel erschlägt, kann man diese Konkurrenzsituation unter Geschwistern glaubhaft nachvollziehen.

Donner und Froh präsentieren sich alias Andreas Kindschuh und André Riemer. Der am Theater Chemnitz engagierte Bariton, ausgestattet mit goldenem Handschuh und skurriler Gesichtsbemalung mit hochgegeltem Zornlöckchen, gibt den Gott mit warm timbrierter und elegant gestaltender Stimme, die bei Donners Hammerschlag zum Ende des Vorabends auch aufdrehen kann. Der Tenor, ebenfalls von der Theater Chemnitz, beschützt seine apfelspendende Schwester Freia mit hell leuchtender und präzise geführter Stimme.

Einer der stimmlichen und darstellerischen Höhepunkte manifestiert sich in der Gestalt des Loge alias Thomas Mohr, der innerhalb von 11 Tagen in beiden Ring-Zyklen nicht nur den listigen Strippenzieher Loge, sondern auch Siegmund und die beiden Siegfriede gibt. Der freischaffende Künstler, der Gesangsunterricht bei dem legendären Jean Cox genoss, und an dessen Stimme er mittlerweile als Heldentenor gereift erinnert, der zudem noch als Gesangsprofessor an der Hochschule für Künste in Bremen lehrt, spielt und singt, als wenn es um sein Leben ginge. Sein Gesicht ist in einen weißen und einen dunklen Bereich gefärbt und unterstreicht damit die Bandbreite seines Handelns und musikalischen Gestaltens. Als wenn es nichts Leichteres gäbe, schlüpft er in das raffinierte Innere der Figur des Loge, formt einen glaubwürdigen Akteur im Konterspiel der brutalen Kräfte seiner Mitstreiter. Er führt sie in das Reich Alberichs, in dem dieser den Bruder Mime knechtet und das Gold bewahrt.

Jeff Martin ist dieser Mime, der im dunklen Reich der Nibelungen sein armseliges Dasein fristet und auf einen Ausweg hofft. Der vielseitige amerikanische Tenor, der an einer Vielzahl europäischer Bühnen engagiert ist, spielt und vor allem singt seine Partie mit großer Glaubwürdigkeit und einer superb gestaltenden Stimme. Mit einer „Plätschkapp“ (Mütze) auf dem Kopf wird er von seinem Bruder am Ohrläppchen gezogen, gekniffen und malträtiert.

Die zauberhaften Geschicke im Reich des Alberich gestaltet Regisseur Gerd Heinz mit dunkel gekleideten Statisten, die mit schwarzen Tüchern die Protagonisten verschwinden, verkleinern oder vergrößern lassen. Der Wurm kommt in Form eines chinesischen Drachens auf Stäben, die von dunkler Menschenhand getragen werden daher. Die Kröte hängt am Stab mit schwarzer, sie führender Gestalt.

Als Alberich sich schließlich geschlagen geben muss und den Ring und dessen Macht verflucht, sich vor einer schäumenden kreisrunden Videoprojektion krümmt, erzeugt das Orchester mit einem rasanten Tempo und unerwarteter, sekundenlanger Pause eine Spannung, die man sonst nur bei Christian Thielemann in Bayreuths Graben wahrnehmen kann. Fantastisch, wie Frank Beermann in intensiven, langen Proben die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie auf die akustischen Verhältnisse des Hauses und seine Interpretation eingestellt hat. Zu Recht erhalten Beermann und seine 80 Musiker am Ende tosenden Applaus.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Im Forte geht es wieder hinauf in die Götterwelt, wo die finale Szene mit der Weichenstellung für das Ende der Tetralogie stattfindet. Die Urmutter Erda, wiederum mit schwarzen Tüchern aus dem Nichts hervorgezaubert, erscheint im weißen Tüchergewand mit Gehstock und warnt die beteiligten Götter vor der Götterdämmerung. Janina Baechle, die deutsche Mezzosopranistin mit Erfahrungen an den großen Häusern Europas, gibt eine dunkel-warm-timbrierte Erda der Sonderklasse. Man darf sich angesichts dieser musikalischen Interpretation nur wundern, dass niemand in der Runde auf sie hören wird und das Ende absehbar kommt.

Das Finale mit erschlagenem Fasolt, ausgelöster Freia, Donners Hammerschlag und Einzug in Walhall auf dem Regenbogen, schlussendlicher Klage der Rheintöchter und  Bewertung durch Loge, gelingt in Minden musikalisch triumphal.

Das teilweise weit angereiste Publikum dankte allen Beteiligten mit nicht enden wollenden Beifallsbekundungen und offener herzlicher Freude an dieser nahezu übermenschlichen Leistung des Stadttheater Minden.

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