Lyon, Opéra de Lyon, Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski; IOCO Kritik, 19.03.2019

März 19, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski

– Mit der Virtual-Reality-Brille am Schachbrett des Schicksals –

von Patrik Klein

Im November 2018 präsentierte IOCO die Opéra de Lyon und Serge Dorny, Intendant des Hauses, link HIER; als Teil der IOCO Serie über hinreißende Operhäuser.

Nun, im März 2019, war es denn so weit, die Opéra de Lyon in der  Stadt an der Rhone, zu besuchen: Das Operngebäude, mit seiner faszinierenden und ungewöhnlichen Architektur, bestehend aus einem neoklassizistischen alten Teil aus dem 20ten Jahrhundert und dem 1989 von Jean Nouvel verantworteten neuen Teil mit dem spektakulärem gläsernen Dach, einer räumlichen Erweiterung in die Höhe und die Tiefe zu besichtigen, zwei Neuproduktionen zu besuchen und ein spannendes Gespräch mit dem amtierenden Intendanten Serge Dorny zu führen.

Kennzeichnend für die in der Stadt beliebte und viel besuchte Opéra de Lyon ist auch ein jährlich stattfindendes Festival. 2019 heißt das Festival-Motto Leben und Schicksale. Drei unterschiedliche Mythen, die der abendländischen Kultur zugrunde liegen und durch miteinander verbundene Kernthemen eine dunkle und tiefe Einheit bilden, standen in kurzer Abfolge auf dem Programm und sollten dem Opernbesucher ganz neue und unerwartete Sichtweisen kaum bekannter, aber doch verwandter Werke mit verschiedenen Aspekten von menschlichen Schicksalen ermöglichen. Jedes dieser drei Werke setzt sich auf seine besondere Weise mit der Frage des menschlichen Schicksals auseinander.

Monteverdis Il Ritorno d´Ulisse, Tschaikowskis Die Zauberin (zum ersten Mal überhaupt in Frankreich szenisch aufgeführt) und Purcells Dido und Aeneas bildeten dieses Triptychon. Die beiden zuletzt genannten Werke hatten an zwei aufeinander folgenden Tagen Premiere und wurden von IOCO besucht.

Schon bevor die Vorstellung begann wurde deutlich, dass dieser Premierenabend  ein ganz anderer werden sollte, als man vielleicht erwartete. Noch vor der Ouvertüre blickte man auf einen geschlossenen Vorhang, vor dem ein Tisch mit Schachbrett und ein Stuhl standen. Die riesige Videoprojektionsfläche des Vorhangs gab einen Kircheninnenraum frei, in dem neben einem Altar eine überdimensionale Christusfigur angebracht war. Ein Priester erschien am Schachbrett, spielte ein paar Züge Blindschach ohne Partner, setzte sich eine VR- Brille auf und ward plötzlich im Videobild im Kirchenraum zu sehen. Dort riss er Jesus den Augendeckel ab und befestigte darin Kameras und Kabel. Die ersten leisen Töne der Ouvertüre setzten ein.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Bleiben wir aber zunächst in der Historie: Das Libretto der Oper von Ippolit Spazhinsky basiert auf dessen gleichnamigem Theaterstück. Die Oper wurde zwischen September 1885 und Mai 1887 in Maidanovo, Russland komponiert und 1887 in Sankt Petersburg uraufgeführt. „Ich bin überzeugt, dass Die Zauberin meine beste Oper ist“, bewertete Tschaikowski damals selbst sein Werk.

Der verfälschende Titel Die Zauberin, müsste ja eigentlich Circe heißen, denn die Wirtin Nastasia ist eher eine Frau, die vorwiegend mit übersinnlichen Kräften die Männer anzieht und verführt, sie ihrer Sinne beraubt und sie zu willenlosen Opfern ihrer Leidenschaften werden lässt. Das 1887 komponierte Werk, die siebente der neun Tschaikowski-Opern, liegt zeitlich zwischen dem russischen Schlachtengemälde Mazeppa und der populären Vertonung der Puschkin-Novelle Pique Dame. Wie später Tschaikowski selbst konstatiert  „…und trotzdem wird sie bald in den Archiven verbleiben“ hat sie zu Unrecht in den Spielplänen der mitteleuropäischen Opernhäuser nur eine untergeordnete Rolle. Eine Inszenierung von David Pountney in St. Petersburg und von Tatjana Gürbaca in Antwerpen und Erfurt haben dann in den letzten Jahren doch den Fokus auf dieses beachtliche Werk gerichtet.

Obwohl im 15. Jahrhundert spielend, zielt die Oper in ihrer Thematik und Problematik auf das Russland des 19. Jahrhunderts an. Die selbstbewusste, sich ihren Lebensunterhalt verdienende Nastasia, scheut sich nicht, dem Prinzen ihre Liebe als erste zu bekennen. Sie begreift ihre Position als Außenseiterin und hat die Klugheit und auch die Kraft, sich ihre Existenz immer wieder zu erkämpfen. Ihre gegen die Doppelmoral der Kirche gewandte Haltung unterscheidet sie von der Fürstin, mit der sie andererseits ein ähnliches Schicksal teilt. Beide müssen sich gegen eine vom Patriarchat bestimmte Gesetzgebung wehren. Die lyrische, dem Volkslied verhaftete, auf weichen Holzbläser- und Streicherklang gestellte musikalische Gestalt der Wirtin Nastasia ist dem metallisch getönten, schärferen, mit schneidenden dynamisch akzentuierten Orchesterklängen der Fürstin gegenübergestellt. Das Liebespaar Nastasia und Juri sind hingegen durch weiche Klänge und fließende Melodik hervorgehoben. Tschaikowskis Hass auf die Kirchenmoral seiner Zeit ist nicht nur thematisch im Werk vorhanden, sondern auch musikalisch. Nicht nur dem Geläut zum Gottesdienst wird eine Volksweise entgegengesetzt, sondern auch Nastasias Tod wird mit einer nach alten Vorbildern gesetzten Kirchenweise beklagt. Das war als Affront gegen die zeitgenössische Kirche und ihre Rituale gemeint und wurde auch so verstanden. Demgegenüber wirken die musikalischen Charakteristika des alten Fürsten eher blass und farblos. Hier dominieren stereotype konventionelle, am italienischen Opernstil der Zeit angelehnte Elemente.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern© Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern © Stofleth

– Handlung Erster Akt: Außerhalb der Stadt betreibt Nastasia (Elena Guseva, Sopran), genannt Kuma, eine Gastwirtschaft, in der die Männer trinken, spielen, kämpfen und sich mit Frauen treffen. Man schimpft auch viel über die korrupten und bigotten Politiker und Kirchenleute. Die Fähigkeit Kumas, die Gäste zu beeinflussen, macht die Frauen der Männer eifersüchtig und man sagt ihr übernatürliche Kräfte nach. Als der Sohn des Fürsten, Prinz Juri (Migran Agadzhanyan, Tenor) vorbeikommt, verliebt sich Kuma sofort in ihn, kann sich aber nicht überwinden, ihn einzuladen. Kurz darauf taucht der Fürst (Evez Abdulla, Bariton) selber mit seinem Schreiber Mamirow (Piotr Micinski, Bass) auf. Alle wollen in Panik fliehen, weil der konspirative Ort dem Fürsten ein Dorn im Auge ist und Mamirow droht auch gleich, man solle die Wirtschaft niederbrennen. Kuma aber versucht auf ihre Weise, die Situation zu retten: sie schmeichelt dem Fürsten, lädt ihn zum Wein ein und überzeugt ihn, dass ihre angebliche Zauberkunst nur besondere Liebenswürdigkeit ist. Sie bringt den Fürsten sogar so weit, Mamirow mit auftretenden Gauklern tanzen zu lassen. Gedemütigt schwört dieser Rache, während der Fürst, völlig beeindruckt von Kuma, seinen Diamantring als Bezahlung in seinen leeren Becher fallen lässt.

Zweiter Akt: Die Eifersucht der Fürstin (Ksenia Vyaznikova, Mezzosopran) wird durch Mamirow weiter genährt, der verspricht, Kuma zu bespitzeln. Im Sinne Mamirows, der Kumas Tod will, erzählt seine Schwester Nenila (Mairam Sokolova, Mezzosopran), die Kammerfrau der Fürstin, ihr von einem Gift, die Fürstin behauptet aber, davon nichts wissen zu wollen. Ihrem Sohn eröffnet die Fürstin, eine Frau für ihn gefunden zu haben. Der Prinz merkt aber, dass etwas seine Mutter bedrückt. Sie will ihn aber von allen schlechten Nachrichten fernhalten. Der Bettelmönch Paisi (Vasily Efimov, Tenor) wird von Mamirow engagiert, den Prinzen zu beobachten. Es kommt zum offenen Streit zwischen dem Fürst und der Fürstin, die droht, die heimliche Affäre ihres Mannes den Vertretern der Kirche anzuzeigen. Als einige Diebe Waren in den Fürstenpalast bringen, wirft das Volk Mamirow vor, es zu berauben. Als Ausschreitungen drohen, stellt sich Prinz Juri öffentlich auf die Seite der Bürger und fällt damit bei seinen Eltern in Ungnade. Als er von der angeblichen Affäre seines Vaters erfährt, schwört er, seine Mutter zu rächen.

Dritter Akt: In ihrem Zimmer gesteht der Fürst Kuma seine Liebe, die sie nicht erwidert. Gegen sein weiteres Drängen kann sie sich nur mit einem Messer schützen und der Fürst verlässt sie. Zwei Freunde berichten ihr vom Racheplan Juris, den sie liebt. Sie stellt sich schlafend und wartet auf ihn. Der Prinz kommt mit einem Dolch in ihr Zimmer und will gerade zustechen, da ist er von ihrer Schönheit verzaubert und lässt die Waffe sinken. Kuma gesteht, dass sie nicht seinen Vater, sondern ihn liebe. Nach kurzem Zögern gibt Juri nach.

Vierter Akt: Eine Jagd in den Wäldern nimmt Juri zum Anlass, mit Kuma zu fliehen. Trotz der Warnungen seiner Freunde vor ihren angeblichen Zauberkräften will er sie im Wald treffen. Auch die Fürstin ist in den Wald gekommen, um vom Magier Kudma (Sergey Kaydalov, Bariton) ein Gift zu holen. Kuma, die von ihren Gefährten in den Wald gebracht und verabschiedet wurde, trifft auf die als Pilgerin verkleidete Fürstin, die ihr Wasser aus einer Quelle anbietet. Heimlich hat sie das Gift hineingemischt. Auf die nahenden Jagdhörner hin entfernt sich die Fürstin. Juri trifft auf Kumaund beide freuen sich, miteinander fliehen zu können, da stirbt sie in seinen Armen. Als die Fürstin den Mord zugibt, verflucht ihr Sohn sie, sie aber lässt Kumas Leiche in den Fluss werfen. Auch der Fürst tritt auf, will seinem Sohn aber nicht glauben, dass Kuma tot ist. In dem folgenden Streit tötet er ihn. Zu spät erkennt der Fürst, was er getan hat und verfällt dem Wahnsinn.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

In Lyon hatte man nun den ukrainischen Regisseur Andriy Scholdak (humorvoll als der „ukrainische Frank Castorf“ betitelt) verpflichtet, dessen besondere Vorliebe den mythologische Frauenfiguren gilt, die bei ihm als explosives Zentrum der Welt dargestellt werden. Das Regieteam um ihn (Regie, Bühne und Licht) mit Daniel Scholdak (Bühne), Simon Machabeli (Kostüme) und Étienne Guiol (Video) befreiten die Oper von jedweder dunklen russischen Melancholie und Schwere und verzichteten ebenso auf eine banalisierende Aktualisierung. Man lud vielmehr dazu ein, sich auf die handelnden Charaktere einzulassen, die sich in der unmittelbaren Wirkung der eigentlich im Zentrum stehenden Nastasia befinden. Sie „becirct“ durch überbetontes „Aushauchen“ ihrer Energie mit ihrer angeborenen erotischen Kraft die Personen in ihrem Umfeld zuerst und treibt dann diejenigen, die sich ihrer Anziehungskraft unterwerfen, ähnlich wie Bizets Carmen auf ein Verbrechen zu. Voller Leidenschaft, Erotik und Intensität führt ihr Lebensweg und Schicksal sie schließlich in den Tod. In den über 10 Wochen dauernden intensiven Probenarbeiten entwickelte sich darüber hinaus ein surrealistisches Ideenkonzept mentaler Realität mit einer gigantischen Aneinanderreihung von zum Teil chaotischen Elementen, bei dem in drei wesentlichen beweglichen Bühnenteilen gearbeitet und gespielt wurde. Eine Kirche, eine Fürstenwohnung und das Wirtshaus unterstrichen die Zwischenbeziehungen der handelnden Personen und splitten die Handlungsebenen in drei Parallelwelten auf. Die Rolle des „Zeugen“ in Gestalt eines diabolischen Priesters und KGB Agenten bekam der Schreiber Mamirow erst durch die Interaktion zwischen Regie und Künstlern während dieser Probenzeit, in der der Darsteller Piotr Micinski ganz besonders den Regisseur mit seiner schauspielerischen Kraft überzeugte. Dieser zum falschen Prediger mutierte Mamirow trieb dann mit „Virtual Reality Brille“ die Figuren der Oper erbarmungslos ins Verderben. Er verschaffte sich nun als Priester unaufhörlich Einblicke in reale und virtuelle Welten. Schon vor und während der Ouvertüre installierte er eine Videokamera in die Augen des Gekreuzigten. Scholdak knüpfte damit an Tschaikowskis Kritik an der Macht der Kirche an. Durch die VR-Brille erhielt er nun Einblicke in die verschiedenen Betrachtungsweisen von der reinen Liebe bis hin zur Pädophilie. Er hielt die Fäden in der Hand und führte alle Liebenden letztendlich in die Katastrophe. Nach dreieinhalb Stunden intensivem Musiktheater leerte sich die Bühne bis auf die Fassade des Wirtshauses. Was blieb? Ein tennisspielender Priester in grellgrünem Trainingsanzug – allein in seiner Selbstzufriedenheit.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Musikalisch bescherte der Abend in Lyon Hochgenuss. Die aus Kurgan in Sibirien stammende Sopranistin Elena Guseva gab eine Nastasia mit hell strahlendem, leuchtenden Sopran. Die international gefeierte und zuletzt an der Wiener Staatsoper als Polina (Der Spieler) und Cio-Cio-San engagierte Sängerin gestaltete die äußerst anspruchsvolle Partie mit bestens sitzendem Sopran, klug und sicher auf dem Atem singend mit enormen kraftvollen und dramatischen Reserven. Besonders in der bekannten Arie der Nastasia im ersten Akt, in der sie die Sehnsucht nach Freiheit beschwört, und in der sie von Prinz Juri traumhaft, fast absentiert schwärmt. Auch im dritten Akt gelingt ihr in stimmlich betörender Manier, zunächst die Abweisung des Fürsten und dann die auf magische Weise anmutende Wandlung Juris vom hasserfüllten Rächer zum entflammten Liebhaber. Im vierten Akt schließlich ahnt sie in einer ergreifend gesungenen Arie ihren Tod und träumt voller Sehnsucht vom Entfliehen, vom Jammer, Elend und Leid in dieser Gesellschaft.

Evez Abdulla (Fürst, Bariton) studierte an der Musikakademie in Baku und wurde anschließend Mitglied des Ensembles der Nationaloper Aserbaidschans. Seit 2010 singt der Bariton überwiegend an bekannten Häusern in Europa. Zudem ist er festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim. Die Rolle des Fürsten gelang ihm mit drohendem heldischem Klang und beeindruckender Stimmführung. Man nahm ihm die „Liebe auf den ersten Blick“ sowie die Faszination von der Gastwirtin sofort ab. Besonders in der Arie im zweiten Akt singt er mit sicher gestaltender Stimme und tappt glaubwürdig in die Falle des Strippenziehers Mamirow, bei dem er seine Liebe zu Nastasia unverhohlen zugibt und damit den Schicksalslauf mit seinem finalen Wahnsinn unaufhaltsam vorantreibt.

Ksenia Vyaznikova (Fürstin, Mezzosopran) stammt aus Moskau und ist eine international erfahrenen Mezzosopranistin. Sie gestaltete die Rolle der eifersüchtigen und sich betrogen wähnenden Herrscherin mit sicher gestaltender Stimmführung, die mit metallisch prägnantem dunklen Klang und reich an kraftvoller Dramatik bestach und ihre Gefühlslagen von Liebe, Eifersucht und Hass eindringlich Form annehmen ließ. Besonders beim Aufeinandertreffen auf ihren Gatten im zweiten Akt, wo sie versucht, ihm Nastasia auszureden, zog sie alle Register ihrer Gesangskunst von der bittend lyrischen Feinheit und Finesse, bis zur drohenden dramatischen Geste an den Gatten. Im vierten Akt wurde im Duett mit Nastasia während der Vergiftungsszene das komponierte Farbspiel und die Gegensätzlichkeit in der Musik Tschaikowskis besonders deutlich. Einerseits wurden die hellen weichen Bögen für die Zauberin und andererseits hier die dunklen Klänge der Fürstin mit voller Hingabe und totbringender Überzeugung von der Mezzosopranistin zum Ausdruck gebracht.

Der jüngst an der Deutschen Oper Berlin als umjubelter Don José engagierte, aus Armenien stammende und in Sankt Petersburg studierte Tenor (Komponist und Dirigent) Migran Agadzhanyan sang den Prinzen Juri mit kraft- und ausdrucksvoller Stimme. Sicher in der Höhe und ebenso überzeugend in den intimeren Passagen. Sein an Obertönen reicher Tenor strahlt mühelos über das Orchester und harmonierte ganz besonders intensiv mit den anderen Gesangsstimmen. Einen der Höhepunkte gestaltete er beim Duett mit seiner Mutter im zweiten Akt, wo er um Seelenruhe, Glück und Freude bittend sein Herz ausschüttet und ihr helfend die Wahrheit über ihre Betrübtheit entlocken wollte. Im finalen Akt träumte er schließlich selbstverloren von seiner Liebe und bedauerte, sich von ihr während der Flucht getrennt zu haben. Auch hier zeigte er sowohl kraftvollen, metallischen Glanz als auch lyrische mit feinem Legato behaftete Gestaltung. Man darf gespannt sein, wie sich seine noch junge Karriere international weiterentwickeln wird.

Piotr Micinski nahm eine Sonderrolle ein, denn er wurde als Figur zur zentralen Gestalt der Produktion. Er genoss förmlich den schauspielerischen Raum, dem ihm die Regie gegeben hatte. Als Geistlicher, Schachspieler, Sadist, Teufel und zuletzt als Tennisspieler in giftgrünem Outfit gab er den hasserfüllten, wandlungsfähigen KGB-Agenten Mamirow mit tiefem, sicher intonierenden schelmisch schwarzen Bass. Anders als in der Vorlage Tschaikowskis trieb er das Schicksal seiner Mitspieler von Beginn an ins Verderben.

Mairam Sokolova trat als Nenila, Schwester Mamirows und Kammerfrau der Fürstin in der giftigen Atmosphäre des zweiten Aktes als Verbündete des nach Rache dürstenden Bruders auf. Mit dramatischem und überzeugendem Mezzosopran offerierte sie ihrer Herrin das „Dröhnkraut“ auf dem Wendestein (in Scholdaks Regie ein radioaktives Gift aus dem Aktenkoffer), das das Drama zu medizinisch tödlichem Ende brachte.

Das gesamte Gesangsensemble bestehend aus den erfahrenen internationalen Sängerinnen und Sängern Vasily Efimov (Paisi, Vagabund, Tenor), Sergey Kaydalov (Kudma, Magier, Bariton), Oleg Budaratskiy (Ivan Jouran, Jagdmeister, Bass-Bariton), Christophe Poncet de Solages (Lukasch, Kaufmannssohn, Tenor), Simon Mechlinski (Foka, Onkel Nastasias, Bariton), Clémence Poussin (Polja, Freundin Nastasias, Sopran), Daniel Kluge (Balakin, Kaufmann, Tenor), Roman Hoza (Potap, Kaufmannssohn, Bass-Bariton) und Evgeny Solodovnikov (Kitschiga, Faustkämpfer, Bass) wurde speziell für diese neue, in Frankreich erstmals szenisch aufgeführte Produktion zusammengestellt. Die durch die Regie notwendigen körperlichen Anstrengungen und Besonderheiten schränkten sie in keinster Weise dabei ein, mit einer hohen gesanglichen und darstellerischen Qualität zu überzeugen.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Hervorzuheben ist auch der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Christopher Heil), der an zwei aufeinanderfolgenden Abenden eine Neuproduktion zu absolvieren hatte. An dem Abend war er nie zu sehen, aber umso eindringlicher wahrzunehmen. Die rund 35 Chormitglieder sangen äußerst präzise, wuchtig und drohend, die Emotionen der verschiedenen Farbschichten in der Musik stimmlich gestaltend. Besonders gelang dies im Schlusschor und dem finalen Chor der Männer. Schade nur, dass zum Schlussapplaus weder Chor noch Chorleiter bejubelt werden konnten.

Am Pult stand der junge aus Mailand stammende Dirigent Daniele Rustioni. Nach ersten internationalen Erfahrungen u.a. in London, Mailand und Bari ist er seit der Spielzeit 2017/18 Generalmusikdirektor der Opéra de Lyon. Gerade wurde er vom irischen Ulster Orchestra ab September 2019 zum neuen Chefdirigenten bestellt. Sein Orchester führte er mit feinster Präzision und wohltuender Balance zwischen den wuchtigen Phrasen des reinen Orchesterklangs und der überaus guten Hörbarkeit sämtlicher Sängerstimmen und des Chores. Man hört, dass er künftig auch häufiger in München zu erleben sein wird. Sein jetziger und auch dann künftiger Intendant weiß eben, was er tut.

Das Publikum der ausverkauften Opéra de Lyon würdigte die musikalische Leistung des Abends mit frenetischem Beifall für alle Beteiligten. Das Regieteam um Andrij Scholdak stand zwischen kräftigen Missfallenskundgebungen besonders aus den oberen Rängen und überwiegenden Beifallsstürmen.

Die Zauberin an der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 19.3., 22.3., 24.3., 27.3., 29.3. und 31.3.2019

—| Pressemeldung Opéra de Lyon |—

Berlin, Berliner Dom, Junge Philharmonie Berlin – c-Moll Messe, IOCO Kritik, 16.03.2019

Berliner Dom, Berlin © IOCO

Berliner Dom, Berlin © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Große Messe in c-Moll, KV 427  – Wolfgang Amadeus Mozart

Junge Philharmonie Berlin – Mit Feuer, Elan, Hingabe

von Michael Stange

Große stilistische Vielfalt, vom Barock inspirierte Arien und opernhafte Elemente mit ihrem an Bach orientiertem Kontrapunkt wurden am 9.3.2019 in der historischen Atmosphäre des Berliner Dom von einem Reigen junger Musiker dargeboten.

In der C-Moll Messe hat Mozart intensive und leidenschaftliche Anlehnungen an seine Vorgänger genommen und mit seinen persönlichen kirchenmusikalischen Aussagen den Weg zu Beethovens Missa solemnis sowie der Kirchenmusik Mendelssohn Bartholdys gewiesen. Mit ihren Chören, Ensembles und Arien gehört die Messe zu den schönsten und wirkungsvollsten Kompositionen Mozarts.

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom - Barbara Krieger, Marcus Merkel ©-Joerg-Rueger-Berlin-https://www.sichtbarkeiten.de-moremento

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom – Barbara Krieger, Marcus Merkel ©-Joerg-Rueger-Berlin-https://www.sichtbarkeiten.de-moremento

Die Junge Philharmonie Berlin – vor sechs Jahren vom Dirigenten Marcus Merkel gegründet – besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Instrumentalisten. Bei ihnen lag die C-Moll Messe von Mozart in besten Händen. Sie sind ein weiteres Spitzenorchester in der Musikstadt Berlin. Zusammen musizierten sie begeistert, jauchzend frisch, pastos und lebendig. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Musikalität und Leidenschaft sind in solcher Qualität selten zu hören.

Der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert bewies erneut, dass er Mozart meisterlich beherrscht und eine Institution im Berliner Konzertleben ist. Für seine CD Interpretation von Prokofievs Kantate zum 20. Geburtstag der Oktoberrevolution ist er zusammen mit der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Kirill Karabits beim Label Auditemit im Januar dem International Classical Music Award 2019 in der Kategorie „Chorwerke“ für die beste Aufnahme des Jahres ausgezeichnet worden. Sein filigranes, polyphones Singen und die Dynamiken waren bestrickend.

Marcus Merkel Dirigat ist es zu danken, dass trotz der schwierigen Akustik des Berliner Doms eine brillante Aufführung gelang. Die Chöre und das Orchester waren fein aufeinander abgestimmt klangen kraftvoll, glänzend, bewegt und anrührend. Die Leitung von Chor und Orchester zeichnete sich durch Feuer, Kraft, aber auch durch ruhige Erhabenheit und innige Momente aus. Merkel entlockte dem Orchester einen ausgefeilten Goldglanz und eine Klangschönheit die ihresgleichen suchen. Ein begnadeter junger Ausnahmemusiker stand am Pult, der mit immenser Meisterschaft eine gloriose Aufführung leitete. Glückliches Graz, das diesen Kapellmeister an seinem Opernhaus hat.

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom - Barbara Krieger, Narine Yeghiyans, Marcus Merkel, Goran Cahs, Haakon Schaub ©-Joerg-Rueger-Berlin-https: //www.sichtbarkeiten.de-moremento

Junge Philharmonie Berlin / C-Moll Messe im Berliner Dom – Barbara Krieger, Narine Yeghiyans, Marcus Merkel, Goran Cahs, Haakon Schaub ©-Joerg-Rueger-Berlin-https: //www.sichtbarkeiten.de-moremento

Erlesen waren auch die Solisten. Ihre Musikalität und Hingabe und setzen dem Abend die Krone auf. Barbara Krieger sang die 1. Sopranpartie mit unglaublicher Intensität, atemberaubenden stimmlichen Umfang und berückendem Timbre. Im Kyrie und im Agnus Dei gelangen Ihr profunde tiefe völlig natürlich und locker gesungen Alttöne. Die Koloraturen des Kyrie meisterte sie mit Präzision, Hingabe, leuchtendem Feuer, perfekter Gesangstechnik und vollendeter betörender Klangschönheit. In der mit Koloraturen und weiten Bögen gespickten Arie „Et incarnatus est“ kannte die Stimme keine Grenzen. Alle Töne waren wie eine glänzende Perlenkette aneinander gereiht und klangen strahlend durch den Raum. Tiefe, Mittellage und Höhe gingen bruchlos ineinander und die Stimme behielt stets ihre Sonorität und ihre überwältigende Klangschönheit. Ein umwerfender jugendlich dramatischer Sopran. Staunenswert, dass sie zu einem so lyrischen virtuosem Portrait nach ihrer fulminanten Isolde (2. Akt, konzertant) in Bukarest im vergangenen Jahr in der Lage war. Auf weiteres darf man gespannt sein.

Narine Yeghiyans lyrischer Sopran mit leuchtend süßem mediterranem Timbre war ein weiterer Höhepunkt. Im Laudamus zeigte sie mit Verve eine blühende Mittellage und feuerte ein pralles Feuerwerk an Koloraturen in den Saal. Gleichzeitig modulierte sie die Arie mit großer seelenvoller Poesie. Mit ihrer profunden Opernerfahrung und der bestens durchgebildeten Stimme verlieh sie ihrem Part Glanz und Tiefe.

Im Dominus paarte sie sich mit Barbara Krieger in glänzender Weise. Durch die ausgeprägt individuellen Timbres beider Soprane und ihre Meisterschaft erreichten waren sie ein faszinierendes Duo. Goran Cahs Tenor verfügt über ein lyrisch bestrickendes Timbre und leuchtende Höhen. Mühellos trug die Stimme in den Saal und glänzte in den Ensembles. Haakon Schaub zeigte im Benedictus seinen klangvoll voluminösen Heldenbariton. Prächtige Tiefe paarte sich mit glänzenden, mühelos strahlenden Höhen und – wie bei alle übrigen Solisten – mit immenser Wortdeutlichkeit. Eine Stimme die aufhorchen ließ.

Staunenswert, wie erlesen das Ensemble zusammengestellt war und mit welcher Hingabe und Meisterschaft alle musizierten. Ein großer Mozart Abend.

Ein bewegtes Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.

—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

Münster, Theater Münster, SUGAR – MANCHE MÖGENS’S HEISS, IOCO Kritik, 15.03.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

SUGAR – MANCHE MÖGENS’S HEISS

Buch Peter Stone – Musik Jule Styne – Gesang Bob Merrill

von Hanns Butterhof

Ein Mann kann die rechte Frau für einen Mann sein. Eine Frau kann der rechte Mann für einen Mann sein. Und vielleicht ist auch ein Saxofonist der rechte Mann für eine liebebedürftige Sängerin. Denn keiner ist perfekt – so die Schluss-Pointe der Musical-Komödie Sugar – Manche mögen’s heiß, die am Großen Haus des Theaters Münster eine umjubelte Premiere feiern konnte.

Dreimal Lieben – Skurriles Spiel mit Geschlechterrollen

Der rechte Mann für Mr. Bienstock (Gunter Sonneson) ist Sweet Sue (Suzanne McLeod), die sehr dominante Chefin eines Damenorchesters, das 1929 aus dem kalten Chicago zu einem Engagement im warmen Florida aufbricht. In Frauenkleidern und Perücke sind der Saxophonist Joe (Florian Soyka) als Josephine und der Kontrabassist Jerry (Christoph Rinke) als Daphne mit dabei; sie sind auf der Flucht vor dem Gangsterboss Gamasche (Jason Franklin), der sie als Zeugen eines seiner Morde beseitigen möchte.

Theater Münster / SUGAR – MANCHE MÖGEN’S HEISS © Oliver Berg

Theater Münster / SUGAR – MANCHE MÖGEN’S HEISS © Oliver Berg

Star des Orchesters ist die sehr blonde Sängerin Sugar (Ulrike Knobloch), die ein erhebliches Problem mit Alkohol und mit Saxophon spielenden Hallodris hat. Sie sehnt sich nach sozialem Aufstieg als Ehefrau eines Millionärs, der mindesten eine Yacht besitzen sollte. Am Ende ist es Joe, der sie mit Saxophon und ohne Yacht herumkriegt.

Jerry erliegt schließlich als „Prachtweib“ dem unerschütterlichen Werben des Milliardärs und Yachtbesitzers Sir Osgood Fielding (Gerhard Mohr), für den Jerrys Männlichkeit nur ein kleiner Mangel ist; nobody is perfect.

In Münster wird das Auge verwöhnt von Götz Lanzelot Fischers aufwendigen 20er-Jahre-Kostümen und der sehr bunten, schnelle Szenenwechsel ermöglichenden Bühne Andreas Beckers. Sie zeigt alle  Stationen der Handlung von der Garage, in der Gamasche seine Konkurrenten spektakulär aus dem Off niederknallt, über den Schlafwagen, wo Sweet Sue zu Mr. Bienstock schleicht und die Mädels des Orchesters in Jerrys Koje eine nächtliche Party feiern bis zu Osgoods Yacht, mit der die Paare schließlich ins Glück tuckern.

Theater Münster / SUGAR – MANCHE MÖGEN’S HEISS © Oliver Berg

Theater Münster / SUGAR – MANCHE MÖGEN’S HEISS © Oliver Berg

Die stets auf den nächsten Gag zusteuernde Handlung kommt nicht recht in Schwung. Permanent wird sie durch Songs und die von Jason Franklin choreographierten Ballett-Einlagen ausgebremst, die als echte Glanzpunkte der Aufführung mit Stepptanz, fliegenden Röcken und Beinen die gute alte Operettenseligkeit heraufbeschwören.

Der Gesang kann sich  mit Opernchor (Einstudierung: Joseph Feigl), der Mezzosopranistin Suzanne McLeod und dem Musical-erfahrenen Florian Soyka durchwegs hören lassen. Ulrike Knobloch als eine sehr heutige Sugar kann mit eher kühler, vom Microport noch angeschärfter Stimme nicht ergreifen. Gesanglich hat der mit kräftigem Zug ins Tuntige spielende Christoph Rinke noch Luft nach oben.

Operettenroutinier Ulrich Peters setzt keine besonderen Akzente und verlässt sich auf den gefällige Broadway-Sound, den Thorsten Schmid-Kapfenburg und das Sinfonieorchester Münster aus dem Orchestergraben ertönen lassen, die oft nah am Herrenwitz angesiedelten Gags und den wohl unausrottbaren Reiz von Männern in Frauenkleidern.

Unter Jubel klatschte das Premierenpublikum stehend lange Beifall.

SUGAR – MANCHE MÖGENS’S HEISS am Theater Münster, die nächsten Termine: 30.3.; 14.4.; 20.4.; 28.5.; 6.6.2019

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

Koblenz, Theater Koblenz, Doctor Atomic – John Adams, IOCO Kritik, 13.03.2019

März 13, 2019 by  
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Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Doctor Atomic – Oper von John Adams

– Robert Oppenheimer – Edward Teller – Die Entstehung der Atombombe –

von Ingo Hamacher

„Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde.“  Mit diesen Worten beginnt ein Bericht Robert Oppenheimers der als Videosequenz zu Beginn der Oper auf die Bühne projiziert wird.

Das Theater Koblenz ist klein. Der für maximal 40 Personen geeignete Graben bietet nicht ausreichend Platz für die benötigten 70 Musiker, um dieses Stück aufzuführen. Daher wurde das Orchester auf der Hinterbühne platziert und die Bühne bis zur ersten Stuhlreihe nach vorne verlängert.

Eine bühnenbreite, quadratische Spielfläche, mit meterhohen Begrenzungspfählen, vorne und an den Seiten mit schwarzer Gaze bespannt, definiert einen würfelförmigen Bereich. Das Innere eines Labors? Das abgeschirmte Testgelände von Los Alamos? Eine Art Raubtierkäfig, um die überschießenden emotionalen Reaktionen der Beteiligten zu bändigen?

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier :_Ilkka Vihavainen, Andrew Finden, Nico Wouterse, Jongmin Lim, Anne Catherine Wagner © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier :_Ilkka Vihavainen, Andrew Finden, Nico Wouterse, Jongmin Lim, Anne Catherine Wagner © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die Oper Doctor Atomic erzählt von den Ereignissen im Juni 1945 auf dem Testgelände von Los Alamos, New Mexico. Die Physiker Julius Robert Oppenheimer und Edward Teller führen dort im Auftrag der US-Regierung letzte Atomtests durch. Wenige Wochen später fallen dann am 6. und am 9. August 1945 die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und beenden damit den 2. Weltkrieg.

Das Einheitsbühnenbild zeigt eine stählerne Rampe, die hufeisenförmig in die Höhe führt. Über einen Treppenabgang in der Bühnenmitte betreten und verlassen die Personen den Handlungsraum. Auf der dem Zuschauerraum zugewandte Gazefläche werden ebenfalls immer wieder Projektionen dargestellt, die von mathematischen Formeln, physikalischen Ablaufplänen, Fotografien bis hin zu Filmsequenzen unterschiedlichster Inhalte reichen.

Das Bühnenwerk befasst sich mit den emotionalen Spannungen und Ängsten der am sog. „Manhattan-Projekt“ beteiligten Wissenschaftler, Regierungsbeamten und Militärangehörigen während der Vorbereitungen zum Test der ersten Atombombe („Trinity-Test“). In einigen Szenen stellt Adams ein stark verlangsamtes Zeitempfinden der Protagonisten dar, das in scharfem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit auf dem Testgelände steht. Die Oper endet im letzten, stark in die Länge gezogenen, Moment vor der Explosion der Bombe.

Wie in seinen früheren Opern erforscht der Komponist John Adams die Charaktereigenschaften und Persönlichkeiten der Schlüsselfiguren eines historischen Ereignisses. Die historischen Geschehnisse selbst rücken dabei in den Hintergrund. Große Teile des Librettos von Peter Sellars wurden aus freigegebenen US-amerikanischen Regierungsdokumenten und der Korrespondenz der am Projekt beteiligten Wissenschaftler, Regierungsbeamte und Militärvertreter adaptiert.

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier : Robert Oppenheimer und Edward Teller  © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier : Robert Oppenheimer und Edward Teller  © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Weitere Textteile stammen aus Gedichten von Charles Baudelaire, John Donne und Muriel Rukeyser, der Bhagavad Gita und einem traditionellen Tewa-Lied. Die Quellen wurden von Sellars mit Bedacht ausgewählt.

Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire (1821 – 1867) gilt mit seiner Gedichtsammlung Die Blumen des Bösen als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Der Titel dieser Sammlung kann als äußerst anschauliche Bebilderung dessen betrachtet werden, was wir ansonsten euphemistischen als „Atompilz“ zu beschreiben gewöhnt sind.

John Donne (1572 – 1631) war ein englischer Schriftsteller und der bedeutendste der metaphysischen Dichter. In den Göttlichen Sonetten, aus denen Sellars zitiert, befasst sich Donne mit den religiösen Themen der Sterblichkeit, des göttlichen Gerichts, der göttlichen Liebe und der demütigen Buße, während er über persönliche Ängste nachdenkt.

Muriel Rukeyser (1913 – 1980) war eine US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin. Ihr Leben und Werk wurde von den Themen Gleichberechtigung, Feminismus, soziale Gerechtigkeit und Judentum bestimmt. Ihre Texte geben in diesem Stück Kitty Oppenheimer, der Ehefrau von Robert, eine Sprache, um Kittys Erleben, Ängste, Bedürfnisse und Hoffnungen zu verdeutlichen.

Die Bhagavad Gita („der Geang des Erhabenen“) ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Gedichts. Der Text ist eine Zusammenführung mehrerer verschiedener Denkschulen des damaligen Indien, die bis in die Zeit von 1200 v. Chr. zurückreichen und gilt Vielen als Urquelle menschlicher Weisheit. Oppenheimer zitiert in seinem Eingangsvortrag daraus.

Doctor Atomic – Oper von John Adams
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Als letztes Zitat wird ein anrührendes Kinderlied der Tewa von der indianischen Hausangestellten gesungen. Die Tewa sind eine Pueblo-Kultur aus New Mexico, der Stätte der Atomversuche, deren kulturelle Wurzeln ab 400 v. Chr. in der Region nachweisbar sind. Das Wiegenlied von der Wolkenblume, das Anna Catherine Wagner in der Rolle der Pasqualita vorträgt, wirkt im Zusammenhang der Thematik des Stückes als eine apokalyptische Vorhersage des nuklearbedingten Untergangs dieser archaischen Kultur:

„Im Norden blüht die Wolkenblume,
und jetzt leuchtet der Blitz auf,
und jetzt rollt der Donner,
und jetzt fällt der Regen!
Aaaah, mein Kleines.“

Adams begann als Minimalist im Sinne von Philip Glass und Steve Reich, verbindet  jedoch in seinen späteren in den Post-Minimalismus führenden Werken die rhythmische Energie des Minimalismus mit einer reichen harmonischen Palette und großer orchestraler Imagination, die Einflüsse der Spätromantik verrät. Er verlässt nie die tonale Basis und schafft Musik von überirdischem Glanz und herrlicher Klangpracht. Damit die Sänger vom Orchester nicht überdeckt werden, werden die Solisten leicht elektronisch verstärkt.

Zu Musik und Gesang kommt eine weiter klangliche Ebene, die als polyphones Erlebnis über zahlreiche im Zuschauerraum und auf allen Rängen angebrachte Lautsprecher eine weitere akustische Dimension schaffen. Raketenklänge, Regen, Lkw-Geräusche, Wochenschau-Einspielungen, das Weinen eines Babys seien als Beispiele für die zahlreichen Einspielungen genannt.

Einen musikalisch-dramatischen Höhepunkt gibt es gleich zu Beginn: Albert Einsteins berühmte Formel E=mc² wird als Chor der Physiker vorgetragen: „Materie kann weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden.“ – das physikalische Grundprinzip der Masse-Energie-Äquivalenz als apokalyptischer Choral des Schreckens.

1. Akt 1. Szene

Die Wissenschaftler in Los Alamos stehen vor einem ethischen Konflikt. Edward Teller (Bariton) glaubt seine Seele verloren, im Angesicht der Forschung für eine Kernwaffe von ungeahnter Zerstörungskraft. Robert Oppenheimer (Bariton) sieht dieses Problem nicht.

„Die Seele ist ein so ungreifbares,
und oft auch nutzloses Ding,
zudem bisweilen so lästig,
dass ich bei seinem Verlust
nicht mehr empfand,
als hätte ich bei einem Spaziergang meine Visitenkarte verloren.“

Er teilt Edward Teller mit, dass die Entscheidung nun zu­gunsten der Kernspaltungs-­Bombe gefallen sei und nicht zugunsten des von Teller erforschten Prinzips der Kernschmelzung. Teller legt Oppenheimer einen Brief des Kollegen Leo Szilard vor, in welchem von den Wissenschaftlern gefordert wird, politisch­-moralische Verantwor­tung für die Kernwaffe zu übernehmen. Oppenheimer lehnt ab. Die  Politiker in Washington sollen für das Land entscheiden. Er untersagt dem  jungen Wissenschaftler Robert Wilson (Tenor), ein geplantes Treffen unter Kollegen, «Der Einfluss der Bombe auf die Zivilisation», abzuhalten.

Wilson beharrt darauf, dass Japan nicht ohne Vorwarnung atomar beschossen werden dürfe. „Es sind keine technischen, sondern politische und gesellschaftliche Fragen, und die Antworten darauf könnten sich auswirken auf die gesamte Menschheit, auf viele kommende Generationen. Die Männer in unserem Projekt, die darüber nachdenken, denken als Bürger der Vereinigten Staaten, denen nichts mehr am Herzen liegt als das Wohl der Menschheit.“

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier Robert Oppenheimer und Kitty Oppenheimer © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier Robert Oppenheimer und Kitty Oppenheimer © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Oppenheimer vertritt die Ansicht, nur ein überraschender Angriff würde den gewünschten abschreckenden Effekt erzielen; das Pentagon hätte bereits so entschieden. Der Test muss wie geplant stattfinden. Teller:Hätten wir das Atomzeitalter je mit sauberen Händen beginnen können?“

1. Akt 2. Szene

Auf der Unterbühne, für den Zuschauer unsichtbar, befindet sich das Wohnzimmer der Familie Oppenheimer, wobei die dort spielenden Szenen von einem Kameramann gefilmt und live auf eine vom Schnürboden herabgelassene Projektionsfläche übertragen werden. Oppenheimer und seine Frau Kitty (Sopran) finden keine gemeinsame Ebene mehr.  Kitty: „Jene, die am sehnlichsten den Frieden wünschen, setzen ihr Leben für den Krieg ein.

1. Akt. 3. Scene

Ein überraschendes Unwetter auf dem Testgelände in der Nacht vom 15. zum 16. Juli verhindert vorläufig den Test. General Groves (Bass) und Meteorologe Jack Hubbard (Bariton) streiten über den richtigen Zeitpunkt. Groves verlangt eine präzise Vorhersage. Der Test wird auf 5.30 Uhr verschoben. Der Armeearzt James Nolan (Tenor) warnt vor dem atomaren Fallout bei der Explosion und dessen gesund­heitlichen Auswirkungen. Die nervliche Anspannung der Wissenschaftler wird kritisch. Groves bleibt dabei: das Hauptproblem sei das Wetter. Oppen­heimer ficht seinen Konflikt alleine aus: „Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott.“

Pause

Während die Solisten die typische Kleidung des Amerikas der 40er Jahre tragen, in denen vereinzelt auch der Chor auftritt, stellen uns die Choristen darüber hinaus wechselnde Einheitskostüme vor. Schwarze Gewänder mit individualitätsraubenden weißen Hörnermasken. Ist das der gesichtslose Feind, den es zu bekämpfen gilt? Sind das die Teufel, die in der Seele von jedem einzelnen von uns leben, und uns ebenfalls zu Tätern/Mördern machen könnten?

Im zweiten Akt werden Teile der Chorszenen in weißen, an Kimonos erinnernden Gewänder vorgetragen. Zusammen mit den gegen Ende häufiger werdenden Filmeinspielungen vom Straßenleben Japans wird uns deutlich vor Augen geführt, dass es sich bei dem Test in Los Alamos nicht um ein Experiment einer Physikstunde, sondern um die Vorbereitung einer Massentötung handelt.

Im weiteren Verlauf wird das Bühnengeschehen bei Textauszügen aus der Bhagavad Gita noch durch eine große Gruppe von Kindern verstärkt, die in fantasie- und prachtvollen Kostümen Figuren der indischen Götterwelt darstellen. Ein blauer Krischna tanzt den Tanz der Vergänglichkeit.

Nacht über Los Alamos. Der Mond ist aufgegangen. Der Mond weist seltsame Verkabelungen auf. Es ist nicht der Mond. Von nun an wird die Bombe das Zentrum der Bühne beherrschen.

2. Akt – 1. Szene

Allein in der Nacht des Tests hat Kitty Oppenheimer eine Vision von Tod und Auferstehung, von Krieg und Leben: „Ich sage nun, dass der Geist jenen Frieden braucht, der Frieden ist, nicht das Ausbleiben des Krieges, sondern die wilde, stetige Flamme.“.       Orchesterzwischenspiel.    Regen über den Sangre de Cristo­-Bergen.

2. Akt – 2. Szene

Juli 1945, 0.00 Uhr. Mitten im Unwetter treffen Hubbard und Wilson letzte Vorbereitungen an der Bombe. Beide haben Angst vor der Explosion und den Folgen. Groves sorgt sich um die politischen Folgen einer weiteren Verschiebung des Tests. Teller versucht Oppenheimer seine Bedenken nahe­zubringen, dass die Bombe eine viel größere Kraft entfalten könnte als bisher angenommen. Er wird von Oppenheimer deutlich in die Schranken ge­wiesen. Hubbard gibt Aussicht auf Wetterbesserung am frühen Morgen. Der Test wird auf 5.30 Uhr festgelegt.

2. Akt –  3. und 4. Szene

Der Countdown

Im Angesicht der unwiderruflich verrinnenden Zeit bis zur Explosion er­leben alle Beteiligten ihre persönlichen Visionen, Ängste und Hoffnungen. Fünf Minuten vor dem Start hört der Regen auf, der Himmel klärt sich. Alles ist bereit. Oppenheimer: „Herr, diese Dinge liegen schwer auf dem Herzen“.

Die Bombe explodiert

Adams verzichtet auf ein tösendes „Zerstörungs-Finale“. Stattdessen hört man die leise Stimme einer japanischen Frau und ihre wiederholte Bitte nach Wasser – still und in Trauer klingt die Oper aus.

John Adams Opern zählen zu Recht zu den am häufigsten aufgeführten Bühnenwerken der Gegenwartsmusik. Doctor Atomic im Theater Koblenz, diese herausragende Inszenierung sollte man sich nicht entgehen lassen.

Langanhaltender Applaus und Ovationen für eine spektakuläre Leistung der Solisten und des Chores. Aufbrausender Jubel für den Dirigenten und das Orchester. Begeistertes Klatschen für das Produktionsteam. Alle Beteiligten werden mehrfach nach vorne gerufen. 


Die Besetzung:  Dr. J. Robert Oppenheimer:  Andrew Finden, australischer Bariton, Edward Teller: Jongmin Lim. Seit der Spielzeit 2009/2010 ist der Bass festes Ensemblemitglied, Robert Wilson: Steven Ebel. Der Tenor kommt als Gast aus dem Ensemble des Staatstheaters Mainz, Kitty Oppenheimer: Danielle Rohr. Die Amerikanerin (Mezzo) gibt in dieser Spielzeit ihr Debüt am Theater Koblenz, Pasqualita: Anna Catherine Wagner. Die Altistin gehört seit 2014 fest zum Ensemble des Theater Koblenz, General Leslie Groves: Ilkka Vihavainen. Der finnische Bariton, international tätig, ist für diese Produktion Gast im Haus, Frank Hubbard: Nico Wouterse. Der Bariton ist seit 2016 fest am Theater Koblenz, Captain James Nolan: Tobias Haaks. Der Tenor ist neues Ensemblemitglied, Krishna: Rory Stead

Musikalische Leitung: Enrico Delamboye, Inszenierung: Markus Dietze, Bühne: Bodo Demelius, Kostüme: Bernhard Hülfenhaus, Video: Georg Lendorff, Choreografie: Catharina Lühr, Dramaturgie: Margot Weber, Choreinstudierung: Aki Schmitt

Doctor Atomic am Theater Koblenz: die weiteren Termine:  17.03., 28.03., 30.03., 07.04., 05.05., 24.05., 05.06., 18.06., 20.06.2019

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