Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiel-Specials – und die Pandemie, IOCO Aktuell, 13.04.2021

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Maifestspiel-Specials 2021

 Ein Schleier ruht über bereits publizierten Öffnungsperspektiven

Eigentlich wollte das Hessische Staatstheater Wiesbaden am Mittwoch, dem 14. April 2021, mit dem Mai-Programm inkl. Maifestspiel-Specials (Detail-Programm unten) in den Vorverkauf gehen. Doch, auch dies ist überholt; die Pandemie  erlaubt dies leider wieder nicht. Ein neuer Vorverkaufstermin ist zur Zeit nicht bekannt, hängt u. a. von den politischen Entscheidungen auf Bundesebene ab.. Sobald  mehr hierzu bekannt ist, gibt das Staatstheater weitere Informationen bekannt. Bis dahin wird Geduld gefordert. Das im März 2021 veröffentlichte, unten dargestellte Programm ist in diesem Sinne zu interpretieren.

So die Pressemitteilung des Hessischen Staatstheaters vom 12.4.2021

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Der Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden hatte im März 2021 beschlossen, die Internationalen Maifestspiele 2021 wegen der Corona-Pandemie nicht gänzlich ausfallen zu lassen, sondern mit »Maifestspiel-Specials« und einem Ersatzprogramm möglich zu machen. Besonderer Kooperationspartner ist in 2021 die Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, die mit der begleitenden Sonderausstellung »Vorhang auf!« auf das 125-jährige Jubiläum der Internationalen Maifestspiele blickt.

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende: »Es ist unglaublich schade, dass die Jubiläumsfestspiele nicht in dem geplanten Umfang stattfinden können. Nun hoffen wir alle, dass wenigstens die Maifestspiel-Specials auch wirklich gebührend, vielleicht mit Abstand aber in enger Verbundenheit, stattfinden können. Ich wünsche allen – trotz der noch immer heiklen Situation – inspirierende und spannende Stunden.«

Intendant Uwe Eric Laufenberg: »Wir sind zutiefst betrübt, dass wir unser großartiges Programm, das wir für die Jubiläumsfestspiele 125 Jahre Maifestspiele 2021‹ geplant hatten, nun doch nicht durchführen können. Wir haben uns bemüht, ein Ersatzprogramm zusammenzustellen und hoffen inniglich, dass dieses gelingen kann.«

Sabine Philipp, Direktorin Stadtmuseum: »Wir hoffen und freuen uns darauf, in diesem schwierigen Festjahr mit der Ausstellung ›Vorhang auf!‹ direkt gegenüber in den Kurhauskolonnaden allen Widrigkeiten zum Trotz einen ganz besonderen Akzent zu setzen und Glanz und Glamour, Höhen und Tiefen aus 125 Jahren Festspieltradition in Wiesbaden für ein breites Publikum erlebbar zu machen.«

In der heutigen Pressekonferenz stellte Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und Künstlerischer Leiter der Internationalen Maifestspiele, die »Maifestspiel-Specials« und das Mai-Ersatzprogramm, das vom 1. Mai bis zum 30. Mai 2021 gespielt wird, vor.

»Maifestspiel-Specials« – Was ist das ?

Als »Maifestspiel-Specials« werden Opern mit Starbesetzung,Konzerte, Lesungen und Gespräche angeboten. Im »FutureLAB«, einem Versuchs-Laboratorium in der Wartburg, stellen sich Künstler*innen vor, die am Anfang ihrer Berufsausübung stehen – Absolvent*innen, die ihre Studienzeit erfolgreich hinter sich gebracht haben und nun innovationswütig das Feld ihrer jeweiligen Kunst neu bestellen wollen.
»Wie wollen wir leben – Utopien im 21. Jahrhundert« – mit dieser Fragestellung haben sich Stipendiat*innen der Landeshauptstadt Wiesbaden anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Internationalen Maifestspiele beschäftigt. Ihre Ergebnisse präsentieren sie u.a. in der Wartburg und im Kleinen Haus.
Die Sprechchor-Performance »Das Schattenkabinett«, gefördert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, wird mit Wiesbadener Bürger*innen auf die Bühne gebracht. Für Junge und jung Gebliebene sind einzelne Produktionen der Jungen Maifestspiele im Mai zu erleben.

Das Ersatzprogramm besteht aus besonderen Programmhighlights wie dem Opernzyklus »Der Ring des Nibelungen«, den Opern »Der Barbier von Sevilla« und »Die Hochzeit des Figaro« sowie der Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Außerdem feiern die Oper Puccinis »Il trittico« und der Doppeltanzabend »Le sacre du printemps« im Großen Haus Premiere. Ebenso feiert das Ballett »Kamuyot« Premiere.
Die Schauspiele »Schiffbruch« (Teil 2) und »Bergung« (Teil 3) aus Tom Stoppards Trilogie »Die Küste Utopias« feiern Deutschsprachige Erstaufführung und sind als Trilogie mit »Aufbruch« (Teil 1) im Mai zu sehen. Ebenso feiern die Schauspiele »Doktors Dilemma« und »Quichotte« Premiere.

Das »Maifestspiel-Special« 2021 wird durch die Unterstützung der Landeshauptstadt Wiesbaden, des Landes Hessen und des Förderkreises der Internationalen Maifestspiele e.V. ermöglicht. Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain unterstützt das Projekt »Das Schattenkabinett«.

Der Kartenvorverkauf für den Mai startet am 31. März 2021. Karten sind an der Theaterkasse, telefonisch unter 0611.132 325 oder online unter www.maifestspiele.de erhältlich. Auf der Homepage des Hessischen Staatstheater Wiesbaden werden alle Termine der »Maifestspiel-Specials« und des Ersatzprogramm im Mai bis zum 31. März 2021 aufgelistet sein.

Rheingold in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Detailliertes Programm der »Maifestspiel-Specials«

Oper / Konzert
In der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange ist Richard Wagners Tetralogie »Der Ring des Nibelungen« (siehe hier die Trailer des Hessichen Staatstheaters) in fulminanter Festspielbesetzung mit u.a. Klaus Florian Vogt als Sigmund, Catherine Foster als Brünnhilde, Andreas Schager als Siegfried, Albert Pesendorfer als Hunding und Johannes Martin Kränzle als Gunther zu erleben.
In »Der Barbier von Sevilla«, in der Inszenierung von Tilo Nest und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel, singt Ioan Hotea die Partie des Grafen Almaviva, José Fardilha ist Bartolo, Mario Cassi singt die Partie des Basilio.
In der »Hochzeit des Figaro« übernimmt Erwin Schrott die Titelpartie. In der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel ist zudem Florian Boesch als Graf Almaviva zu sehen.
Unter der Leitung von Konrad Junghänel geben Cantus Cölln, das renommierte solistische Ensemble für Chorgesang auf dem Gebiet der Alten Musik, ein Konzert ihrer Abschiedstournee mit Motetten von Johann Sebastian Bach in der Marktkirche.
Florian Boesch und Justus Zeyen am Klavier laden in diesem Jahr zu ihrem Liederabend mit Liedern von Franz Schubert, Ernst Krenek und Gustav Mahler in die musikalische Hochromantik ein.
Elektronische Musik und Live-Erlebnis verbinden der norwegische Jazztrompeter Arve Henriksen und J. Peter Schwalm in ihrem Konzert »Neuzeit«. Das Resultat sind Klangskulpturen von zeitloser Schönheit und musikalische Tracks, die einen suggestiven Sog entwickeln.

Performance / Lesung / Gespräch
Für sein Projekt »Das Schattenkabinett« stellt Bernd Freytag einen zehnköpfigen Chor aus Wiesbadener Bürger*innen zusammen und bildet damit in ihrer Diversität ein Sprachrohr, das sich an eine politische Utopie wagt und versucht eine Gegenwelt zu entwerfen. Die Uraufführung dieser Performance findet im Kunsthaus statt.

Die Walküre in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Theaterkritiker Peter Michalzik liest aus seinem Buch »Liebe in Gedanken«, das die Umstände einer Liebesgeschichte in Briefen nachzeichnet. Der Briefwechsel wird nun auf besondere Art lebendig, denn Valery Tscheplanowa und Wolfram Koch leihen dafür ihre Stimmen.
Die Podiumsdiskussion »Wider die Verpuffung«, eine Gesprächsrunde mit Künstlerin Melina von Gagern, Psychologin Adrienne Goehler und Wirtschaftspublizistin Samira Kenawi, widmet sich den grundsätzlichen Fragen zu der ungerechten Verteilung auf der Welt.

FutureLAB
Im »FutureLAB« in der Staatstheater-Spielstätte Wartburg werden verschiedene Projekte von Künstler*innen vorgestellt, die am Anfang ihrer Berufsausübung stehen und innovationswütig das Feld ihrer jeweiligen Kunst neu bestellen wollen. Das Hessische Staatsballett zeigt mit »FutureLAB: Aerowaves« ausgewählte Nachwuchschoreograf*innen, die eine Aufnahme unter die twenty-artists des europaweiten Tanznetzwerk Aerowaves geschafft haben. Unter dem Titel »FutureLAB: Kunst und Digits« erarbeiten Fellows der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund gemeinsam mit Mitarbeiter*innen der Akademie die Möglichkeiten digitaler Technologien für die Darstellenden Künste. In Form eines Digitalprojekts entwickeln Absolvent*innen der Hochschule Ernst Busch Berlin im »FutureLAB: Spiel und Objekte« ein Gesellschaftsspiel zur Aushandlung von Gemeinschaft in ungewissen Zeiten.

Projektstipendien der Stadt Wiesbaden

Siegfried in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

»Wie wollen wir leben – Utopien im 21. Jahrhundert« – mit dieser Fragestellung haben sich Stipendiat*innen der Landeshauptstadt Wiesbaden anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Internationalen Maifestspiele beschäftigt. Theater- und Musikschaffende aus Wiesbaden waren aufgerufen, Projektvorschläge einzureichen, die zwischen Februar und April 2021 erarbeitet werden sollen. Eine fünfköpfige Jury entschied über die Vergabe der Stipendien, die mit jeweils 8.000 Euro dotiert sind. Die Arbeitsergebnisse werden als »Maifestspiel-Special« präsentiert.
»Meeting with monsters«, eine Tanzperformance mit Sounddesign, Tanz und Bildender Kunst, ist in der Wartburg zu sehen. Die Medien-Performance »ACCOUNT GESPERRT« im Kleinen Haus ist eine Show mit Musik frei nach Richard III. von William Shakespeare. Das DIDIMOS Ensemble präsentiert »2050 – Geschichten von Morgen« zum Thema Klimakrise und einer Utopie mit positiven Zukunftsentwürfen im Künstlerverein Walkmühle. Der Eintritt ist frei, um eine Spende vor Ort wird gebeten. Für »wise and shine! Stell dir vor es ist Schule und alle wollen hin.« entwirft das Ensemble Wanderbühne Freudenberg eine Zukunftsschule in Form einer partizipativen Performance auf Schloss Freudenberg. Tickets sind über den Ticketshop von Schloss Freudenberg zu erwerben. »Simple space – eine musikalisch-handwerkliche Performance« ist eine mehrtägige Performance im Wiesbadener Stadtwald, in der die Projektbeteiligten gemeinsam leben, musizieren und arbeiten. Der Eintritt ist frei. In der Nerobergmulde ist das Projekt »Der Raum Zwischen Uns«, ein partizipatives Tanzprojekt in dem die Auswirkungen einer sozialen Situation ausgelotet werden, zu sehen. Tickets sind über www.matthewtusa.com buchbar.

Junge Maifestspiele
Auch Produktionen der Jungen Maifestspiele sind in diesem Jahr zu erleben: »Daumesdick« (5+) ist ein Theaterabenteuer mit Musik nach den Gebrüdern Grimm in einer sehr poetischen Inszenierung. »Über Dodekaeder« (14+) wirft einen jungen Blick auf Sinn und Unsinn des Theaters. Das Stück gewann beim Leonardo-Award 2019 den 1. Preis in der Kategorie Theater. Das Konzert mit Live-Malerei »Ton in Ton« (14+) mischt in einem Sinnesrausch Töne und Pinselstriche. »Abbraccci« (3+) des Teatro Telaio beschäftigt sich mit dem Thema Zuneigung, ein Stück wie geschaffen für die heutige Zeit. Eine musikalische Darbietung von einem Menschen und Robotern für Menschen und Roboter wird in »Man Strikes Back« (6+) von Post uit Hessdalen gezeigt. Eine spannende Mischung aus Comedy, Pantomime und Stimmenimitation sowie erstaunlichen Tönen zeigt das Theater Triebwerk mit »Supervox« (9+). Das dokumentarische Tanztheater »Liebe üben« (10+) holt die Liebe aus dem 7. Himmel auf den Boden der Bühne herunter. Ein liebevoller Blick auf das Kleine ist mit dem JUST-Schauspiel »Die kleine Raupe« (3+) zu erleben. Zum Abschluss wird das »Mai Fest Spiel« mit dem szenischen Live-Hörspiel »Peter Pan« und dem JUST-Schauspiel »Märchen Märchen« präsentiert.

Die Götterdämmerung in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Bonustracks
Die Theaterpädagogik des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und die Museumspädagogik des Stadtmuseums Wiesbaden bieten mit »Maifestspiele im Wandel der Zeit« anlässlich des 125. Jubiläums gemeinsam Führungen an. Der Theaterclub Junior begibt sich mit »Mission Zukunft« auf historische Spurensuche in der Stadt und erarbeitet einen interaktiven Stadtspaziergang.
In Kooperation mit Wiesbaden Marketing sind besondere Musikalischen Stadtführungen zu erleben: Das Salonensemble des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden führt mit Conférencier Wolfgang Niebling durch den Kurpark und wandelt auf den Pfaden berühmter Persönlichkeiten, die Wiesbaden im 19. Jahrhundert zu einem glanzvollen Treffpunkt machten.
Die »Future History App«, ein Angebot von Wiesbaden Marketing, nimmt die Besucher*innen mit auf eine virtuelle Jubiläumstour hinter die Kulissen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und macht verborgene Ecken und Winkel des Theaters erlebbar. Dieses Angebot ist kostenlos.

  • Ersatzprogramm im Mai:
    Oper
    Puccinis »Il trittico« feiert in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Alexander Joel und Albert Horne Premiere. Daniel Luis de Vicente, Olesya Golovneva, Ioan Hotea und Wolf Matthias Friedrich sind u.a. in verschiedenen Besetzungen zu erleben.
    In der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange ist ebenfalls Richard Wagners Tetralogie »Der Ring des Nibelungen« zu erleben. Die Opern»Der Barbier von Sevilla«, in der Inszenierung von Tilo Nest und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel, und »Die Hochzeit des Figaro«, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel, stehen außerdem auf dem Ersatzprogramm. Schostakowitschs Oper »Lady Macbeth von Mzensk«, in der Inszenierung von Evgeny Titov und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange, ist ebenfalls im Mai zu erleben.
  • Ballett
    Das Hessische Staatsballett feiert mit dem zweiteiligen Ballettabend »Le sacre du printemps« von Bryan Arias, dem FAUST-Theaterpreisgewinner 2020, und Edward Clug im Großen Haus Premiere. Außerdem feiert das Ballett »Kamuyot«, eine Choreografie von Ohad Naharin, im Malsaal Premiere.
  • Schauspiel
    In der Inszenierung von Henriette Hörnigk feiern die Schauspiele »Schiffbruch« (Teil 2) und »Bergung« (Teil 3) von Tom Stoppards »Die Küste Utopias« Premiere und sind als Trilogie mit »Aufbruch« (Teil 1) an drei aufeinanderfolgenden Abenden zu sehen. George Bernard Shaws »Doktors Dilemma«, in der Inszenierung von Tim Kramer, ist ebenfalls als Premiere im Mai im Kleinen Haus zu erleben, ebenso die Schauspiel-Premiere »Quichotte«, in der Inszenierung von Daniel Kunze.
    Des Weiteren stehen die Deutschsprachige Erstaufführung »Admissions«, in der Inszenierung von Daniela Kerck, das Schauspiel »Die Pest«, in einer Fassung von Sebastian Sommer, sowie »Szenen einer Ehe«, in der Inszenierung von Ingo Kerkhof, auf dem Ersatzprogramm.
  • JUST
    Die JUST-Schauspiele »König Midas – ich? Oder: wie werde ich klug?« (8+), in der Inszenierung von Rainer Fiedler, und »Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse« (6+), in der Inszenierung von Stephan Rumphorst, sind im Studio zu sehen.

—| IOCO Aktuell Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 11.09.2020

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini

– Rosina, eine Geigerin, umwirbt den eine silberne Klarinette spielenden Grafen Almaviva –

von Ingrid Freiberg

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Das Personal kennen wir! Beaumarchais, Sturmvogel der französischen Revolution, hat zwei Komödien vorgelegt: II barbiere di Siviglia (1775) und Le nozze di Figaro (1784). Mozart vertonte letztere 1786, Rossini erstere 1816. Die Handlung bei Rossini geht der Handlung bei Mozart voraus – verwirrend! Rossinis Vertonung des ersten Teils von Beaumarchais’ Figaro-Trilogie ist Komödie, musikalisches Funkensprühen – und ein Vorgeschmack auf die gesellschaftskritischen Töne, die Mozart in Le nozze di Figaro lauter werden lässt. Der Intendant des Hessischen Staatstheater Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, entschloss sich trotz der strengen einengenden Corona-bedingten Vorgaben, auf zwei aufeinanderfolgenden Abenden diese beiden Opern auf die Bühne zu bringen. Hierbei handelt es sich um eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung, die anhand von Schlüsselszenen versucht, den Barbier als reaktionäres Gegenstück zu Mozarts aufklärerisch geprägtem Le nozze di Figaro zu deuten.

II barbiere di Siviglia

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais,© IOCO / GFelix

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais,© IOCO / GFelix

Gioacchino Rossini hat Opern geschaffen, die bis heute weltweit die Opernkultur prägen und scheinbar zeitlos überdauern. Der vielseitige französische Literat Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, der ursprünglich Uhrmacher, zeitweise auch Geheimagent im Dienste Ludwigs XVI. und versierter Geschäftsmann war, arbeitete ab 1772 am ersten Teil der Trilogie rund um die Figaro -Figur. Le Barbier de Seville wurde in der Comedie Frangaise uraufgeführt, aber aufgrund seiner Länge enttäuscht aufgenommen. Innerhalb von nur drei Tagen kürzte Beaumarchais die Komödie auf vier Akte und sicherte sich einen grandiosen Erfolg. Es war das Pariser Ereignis schlechthin und der Höhepunkt im Leben von Beaumarchais. Selbst die Einnahmen des Tages stellten einen Rekord in der Theatergeschichte dar: 6511 Livres. Erst dreißig Jahre nach Mozarts Le nozze di Figaro komponierte Rossini seine Oper (Libretto Cesare Sterbini): Figaro, ein stadtbekannter Barbier in Sevilla, unterstützt den Grafen Almaviva bei der hindernisreichen Eheschließung mit Rosina, dem Mündel des mürrischen Don Bartolo. Der verliebte Alte will sie heiraten; ein junger und aufgeweckter Liebhaber kommt ihm zuvor und macht sie am gleichen Tag, vor der Nase und im Haus des Vormunds, zu seiner Frau. Bartolos Wut verraucht schnell, als ihm der Graf Rosinas Mitgift schenkt. Das ist die ganze Geschichte, aus der man nun mit gleichem Erfolg eine Tragödie oder eine Komödie bzw. ein Rührstück machen kann.

Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Musik-Theater, sehr sehr konsequent…

In seiner ersten Opernregie überrascht Tilo Nest das Publikum mit einem hochgefahrenen Orchestergraben, links die Bläser, rechts die reduzierten Streicher, dazwischen die Holzbläser. Wo scheinbar nur Musiker zu sitzen scheinen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen, dass Rosina als Geigerin mit dem Grafen Almaviva schöntut, der eine silberne Klarinette spielt. Wegen ihrer Unaufmerksamkeit wird sie vom Dirigenten von der Bühne verwiesen. Kurz darauf ist sie von der Proszeniumsloge aus zu hören. Der Musiklehrer Basilio spielt Bass, Ambrosio Posaune. Der Abend beginnt mit schrecklichen Misstönen, bis Figaro den Maske tragenden Dirigenten darauf aufmerksam macht, dass die Partitur auf dem Kopf steht, und sie für ihn richtig herumlegt! Überhaupt trägt das Faktotum der ganzen Stadt schon zu Beginn zum Gelingen der Oper bei: Er kümmert sich im das marode Licht, kehrt die Bühne, bürstet den Vorhang, versenkt den Orchestergraben, dirigiert parodierend mit und zeigt schon zu Beginn seine vielfältigen Fähigkeiten! Einnehmende Regieeinfälle! Figaros Scherze allerdings sind überflüssig und plump… Das Credo von Tilo Nest, Theater ist für mich das Gegenteil von Stillstand, unterstreichen Wedelbewegungen, jeder zeigt auf jeden, es gibt sich wiederholende Slow Motions – eine äußerst turbulente Fassung. Alle Personen dieser akrobatisch virtuosen Buffa scheinen manchmal nicht ganz dicht zu sein. Dass der Abend stimmig wirkt, verdankt diese sehenswerte Inszenierung auch dem sich enthusiastisch und mit immenser Lust auf das Spiel einlassenden Ensemble. Musik-Theater, sehr sehr konsequent…

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : Graf Almaviva und Bartolo © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : Graf Almaviva und Bartolo © Karl + Monika Forster

Das Bühnenbild von Gisbert Jäkel gibt mit seinen klassisch variablen Fassaden, angelehnt an die Entstehungszeit, Raum für ein geschwindes Verwirrspiel. Die Kulissen werden hereingeschoben, herabgesenkt, die Drehbühne eingesetzt, Umbauten werden blitzschnell ausgeführt. Jäkel bezieht sich auf die allgegenwärtigen Corona-Gerüchte und lässt Don Basilio von Figaro Fledermausflügel anziehen. Eine schillernde Echse in Rosinas Zimmer trägt wie sie eine überdimensionale Perlenkette, die von ihr kokett reitend geschwungen wird. Der Flügel im Musikzimmer hat keine Beine und dient auch als Tanzfläche oder gar als Metapher, wenn beim Spiel von Almaviva / Alonzo Schaum aus dem Instrument tritt… Bartolos Haus wird mit einem Violinschlüssel aufgeschlossen. Ein heftiges Gewitter zieht mit Blitz und Donner und mächtigem Rauch auf, Goldflitter führt zum guten Ende. Die farbenfroh akzentuierten Kostüme von Anne Buffetrille und Mirjam Ruschka decken allerlei Theaterstile ab. Dabei trifft stilisierte historische Kostüme am ehesten zu. Sie passen haargenau und sind keiner Mode unterworfen: Thomas de Vries (Bartolo) ist mit seinen gelockten Haaren, seinem dicken Leib, verborgen unter einem eleganten „Cutaway“ kaum wiederzuerkennen. Süß und scheinbar unschuldig sind das rosagepunktete Babydoll-Kleid mit Petticoat und einer großen mehrreihigen Perlenkette, weiße Söckchen, schwarze Lackschuhe und eine rosa Riesenschleife, die Rosina als Mündel im Haar trägt. Nicht mehr so naiv, trägt sie aufregende Kleider im Carmen-Look. Basilio, mit Elvis-Frisur, ist in einen Nadelstreifenanzug gekleidet wie auch der als Musiklehrer verkleidete Graf / Alonzo. Seine Kostüme unterstreichen die Charade: Uniform als Offizier der Prinzengarde (Männerballett 1748), verschiedenfarbige Torero-Anzüge… Mit grauer Jacke, einem Karo-Pullunder, Jeans und Turnschuhen saust Figaro über die Bühne. Schwarz-weiß gekleidet, dicke Lockenwickler tragend beobachtet Berta das Treiben… Bedienstete tragen Corona-Masken.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : IOAN Hotea als Graf Almaviva © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : IOAN Hotea als Graf Almaviva © Karl + Monika Forster

Mit immenser Spiellust

II barbiere di Siviglia ist die Oper, die ich bisher am häufigsten gesungen habe, und trotzdem höre ich nie auf, neue Details in der Partitur und an der Figur des Conte Almaviva zu entdecken. Die Komposition ist höchst ausdrucksstark, voller Virtuosität und ausgearbeitetem Humor, immer fesselnd!, so Ioan Hotea. Es ist ihm anzumerken, dass er die Rolle liebt: Keine Drücker, kein Forcieren, seine Stimme strömt kraftvoll und überaus differenziert. „Ah, che d’amore la fiamma io sento“…,welch eine wunderbar timbrierte, sauber intonierende Tenorstimme ist da zu erleben! Überaus komisch und nervend sein „Pace e gioia sia con voi!“ Thomas de Vries als Bartolo, ein glaubwürdig alter Zausel, kämpft unglaublich leichtfüßig mit seiner Leibesfülle. Höchst komödiantisch gibt er den von sich überzeugten Einfallspinsel: „A un dottor della mia sorte“… In Rosinas Musikunterricht setzt er geziert mit einer schönen Arie aus der guten alten Zeit dagegen Quando mi seivicina… und merkt nicht, dass alle über ihn lachen. Mit seinem Nuancenreichtum und seiner leidenschaftlichen Hingabe glänzt er mit allem, was einem Bartolo ein unverwechselbares Profil gibt. Seine sängerisch–darstellerische Ausdrucksskala ist wohltönend und prächtig, verfügt über eine großartige Diktion. Ein Glücksfall ist Silvia Hauer als Rosina. Schon rein optisch weiß sie zu gefallen – jeder Ausdruck gelingt ihr. Sie besitzt eine anregende Tiefe, ist koloraturgewandt und hat neben dem nötigen Stimmumfang einen spritzigen, charmanten, flüssigen Mezzosopran, der es ihr ermöglicht, als selbstbewusste, willensstarke Femme fatale, aber auch als kitschiges Liebesnaivchen zu kokettieren. Die berühmten Arien „Una voce poco fa…, Contro un cor che accende amore di verace invitto ardore“… und „A mezzanotte in punto“… gehen zu Herzen. Ungebremste extrovertierte Energie hat Hauer überdies. Auch Christopher Bolduc überzeugt als schlitzohriger Figaro, sieht blendend aus und zeigt ein übers Komödiantische hinausgehendes Profil. „Largo al factotum della città“, das ist er wirklich! Er wirbelt über die Bühne, ist Tausendsassa, Kuppler, Ideengeber und Schlaumeier. Die Welt, in der der immer einen Ausweg wissende Figaro die Fäden zieht, ist klein und groß zugleich. Großartig das Duett mit Almaviva: „All‘idea di quell metallo“… Bolduc fehlt es weder an Stimmkraft noch an Raffinesse im Ausdruck.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : Silvia Hauer als Rosina © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : Silvia Hauer als Rosina © Karl + Monika Forster

Young Doo Park singt einen stimmgewaltigen prachtvollen Basilio. Er hat eine ungeheure stimmliche und szenische Ausstrahlung! „La calunnia“, die Angst vor Verleumdung ergreift nicht nur Bartolo, sie geht auch auf das Publikum über… Diesen Bass hören zu dürfen, ist ein großes Vergnügen! Mit der Berta-Arie „Il vecchiotto cerca moglie“… ersingt sich Michelle Ryan einen besonders verdienten Applaus. Julian Habermann als Fiorillo ist ein ungeschickt anhänglicher Diener des Grafen, der ihm sogar vom Bühnenhimmel schwebend zur Hilfe kommt, und Thomas Braun der leicht vertrottelte, dennoch nützliche Notar Ambrosio. Erstklassig die letzten Strophen des Vaudeville-Finales – erschlagend durch Turbodrive und Turbulenzen: „Mi par d’esser con la testa in un’orrida fucina“... Die Rezitative begleitet zeitgemäß und sensibel Levi Hammer auf einem Hammerflügel, der auf der Bühne steht.

Ungewöhnlich, geschmeidig mit berauschender Lebenslust

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne zeigt wieder einmal, wie mühelos spielerisch und mit großer Präzision er in der Lage ist, eine Oper mitzutragen. Mit der Orchester-Reduktion des Hessischen Staatsorchester Wiesbaden geht der Musikalische Leiter, Konrad Junghänel, in der für ihn bekannten Art und Weise souverän und einfühlsam um. Musiker, die Abstand halten müssen, durch Trennwände voneinander getrennt und anders positioniert sind, werden leicht zu Solisten. Die Instrumentalisten sind sehr exponiert… So ist es äußerst schwierig, zu einem Gesamtklang zu finden. Junghänel gelingt es dennoch, den tänzerischen Elan aufleben zu lassen. Rossinis Partitur lebt von den aberwitzigen und völlig sinnfreien, aber artistischen Tempo-Steigerungen. Alles bedingt eine geschmeidige Leitung und berauschende Lebenslust. Das ist gelungen!

Das sichtlich amüsierte Publikum spendet viel Applaus – Nach langer kultureller Abstinenz ist es besonders glücklich!

 

Der Barbier von Sevilla am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die weiteren Vorstellungen am 11.9.; 13.9.; 17.9.; 18.9.; 19.9.; 26..9.; 21.10.; 1.11.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Aktuelles 2019/20 – Spielzeit 2020/21; IOCO Aktuell, 24.04.2020

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Spielzeit 2019/20  –  Aktuelles

 Uwe Eric Laufenberg ganz persönlich © IOCO

Uwe Eric Laufenberg – mal ganz persönlich © IOCO

Im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus bleibt der Vorstellungsbetrieb des Hessischen Staatstheaters Wiesbadens weiterhin unterbrochen. Alle Vorstellungen bis 19. Mai 2020 sind abgesagt.

Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus und der damit verbundenen Unterbrechung des Probenbetriebs werden alle Vorstellungen der Oper Tristan und Isolde, der Stückentwicklung Kriegerin, des Jungen Schauspiels Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse, des Jungen Balletts Rotzfrech, des Balletts Roots am Hessischen Staatstheater Wiesbaden leider entfallen.

Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20 – IOCO Rezension HIER

Spielzeit 2020/21 – RING, Babylon, Quichotte ….

Im Rahmen einer  Videopräsentation, unten, stellten Intendant Uwe Eric Laufenberg und Geschäftsführender Direktor Bernd Fülle zusammen mit ihrem Team das Programm der Spielzeit 2020/21 des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden vor.

Die Krise, die wir derzeit durchleben, zeigt, wie sehr der Wert des Menschen jederzeit Gegenstand der Verhandlung ist. Der Spielplan des Hessischen Staatstheater Wiesbaden trägt dem in der kommenden Spielzeit in besonderer Weise Rechnung: Sowohl in der Oper als auch im Schauspiel stehen Stoffe im Mittelpunkt, bei denen der Wert des Menschen auf grundlegende Weise durchgespielt wird. Dabei stehen zwei Großprojekte im Mittelpunkt: Zum einen Richard Wagners Ring des Nibelungen, der nichts weniger als ein Versuch ist, die gesamte Menschheitsgeschichte abzubilden und der viermal zyklisch gezeigt wird; zum anderen die deutschsprachige Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie Die Küste Utopias, in der die Sozialgeschichte Europas und Russlands in brillanter Manier auf das persönliche Leben einiger Individuen heruntergebrochen wird.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Intendant Laufenberg präsentiert Spielplan 2020/21
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Insgesamt erwarten das Publikum in der Spielzeit 2020.2021 in der Opernsparte sieben oder acht Neuinszenierungen und zehn Wiederaufnahmen. Hervorzuheben sind hierbei das Figaro-Operndoppel zum Saisonauftakt mit Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla und Wolfgang Amadeus Mozarts  Die Hochzeit des Figaro, auch dies (vor-) revolutionäre Befragungen des Uwe Eric Laufenberg, gesellschaftlichen Wertes des Menschen; Puccinis Triptychon in der Inszenierung von drei Einakter, die Hölle, Fegefeuer und Himmel des Menschen ausschreiten; und als abschließender Höhepunkt die Neuproduktion von Jörg Widmanns Oper Babylon, ein in seiner allumfassenden Weltbeschreibung jegliche Grenzen überschreitendes Werk. In den acht Sinfoniekonzerten des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden sind große Dirigentenpersönlichkeiten und herausragende Solisten vertreten. Am Pult des Hessischen Staatsorchesters stehen GMD Patrick Lange, Johannes Dabus, Andreas Spering und Christoph-Mathias Mueller. Als Solisten sind u.a. Chouchane Siranossian, Sebastian Manz und Frederic Belli sowie Olga Bezsmertna als Gesangssolistin zu erleben.

Das Schauspielbietet neben der genannten Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie die Uraufführung der Bühnenfassung von Salman Rushdies jüngstem Roman Quichotte sowie neun weitere Premieren, darunter die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks Admissions sowie im Großen Haus Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des Shakespeare’schen König Lear.

Das Hessische Staatsballett zeigt drei Premieren und die Wiederaufnahme von Tschaikowskys Klassiker Der Nussknacker. Ergänzt wird das Programm mit wichtigen Projekten aus der aktuellen Tanzszene. Das Junge Staatstheater bietet in allen Sparten zahlreiche Premieren und Wiederaufnahmen sowie ein erweitertes Programm der Theaterpädagogik für Kinder, Jugendliche und Familien an.

Im kommenden Jahr feiern die Internationalen Maifestspiele des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, die seit 1896 den kulturellen Höhepunkt im Theaterkalender der Stadtbilden, ihr 125. Jubiläum. Sämtliche Sparten der Darstellenden Kunst sind vertreten: Oper und Konzert, Tanz, Performance und Schauspiel.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

OPER 2020/21 – Im Detail

Ein Spielzeit-Höhepunkt ist Richard Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Uwe Eric Laufenberg, der erstmals unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange einstudiert und in vier kompletten Zyklen aufgeführt wird. Die Termine hier:

RING I
Dienstag 02.02.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Mittwoch 03.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Freitag 05.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 07.02.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring II
Sonntag 14.02.2021 18:00 Großes Haus Das Rheingold
Sonntag 21.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Sonntag 28.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 13.06.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring III
Mittwoch 31.03.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 01.04.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 03.04.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 05.04.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Internationale Maifestspiele 2021  – Ring
Mittwoch 19.05.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 20.05.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 22.05.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 24.05.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung

Die Spielzeit 2020.2021 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wird mit einem Figaro-Operndoppel unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel eröffnet, mit Gisbert Jäkel als Bühnenbildner für beide Teile: Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla wird von Schauspieler und Regisseur Tilo Nest inszeniert, der 2019/20 Tyll im Großen Haus zeigte. Ioan Hotea übernimmt die Partie des Graf Almaviva. Als Figaro alternieren Christopher Bolduc und Benjamin Russell. Silvia Hauer singt die Partie der Rosina. Als Bartolo wird Thomas de Vries zu erleben sein. Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro hat in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg Premiere. Die Titelpartie übernimmt Konstantin Krimmel, als Graf Almaviva alternieren Benjamin Russell und Christopher Bolduc. Als Gräfin Almaviva ist Slávka Zámecníková und als Susanna Anna El-Khashem zu erleben. Die Opernbearbeitungen der ersten beiden Teile von Beaumarchais’ Schauspiel-Trilogie werden am Hessischen Staatstheater zu einem Tripel ergänzt durch Ödön von Horváths Fassung des dritten Teils: Figaro lässt sich scheiden (Premiere im Studio). In Philipp M. Krenns Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Il Trovatore unter der Musikalischen Leitung von Alexander Joel singt Vesselina Kasarova ihr Rollendebüt als Azucena. Aluda Todua ist Graf von Luna, Cristiana Oliveira ist Leonora, Aldo di Toro alterniert mit Aaron Cawley als Manrico. Mit Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange inszeniert Evgeny Titov zum ersten Mal eine Oper. Die Partie der Katerina Lwowna Ismailowa singt Cornelia Beskow, als Boris Timofejewitsch Ismailow ist Andrey Valentiy zu erleben. Die Partie des Sinowi Borissowitsch Ismailow übernimmt Rouwen Huther, die Partie des Sergej singt Aaron Cawley.

Für die Neuinszenierung von Der Zigeunerbaron von Johann Strauss haben Dirigent Philipp Pointner und Regisseur Marco Štorman für Wiesbaden eine eigene Spielfassung unter Verwendung der rekonstruierten Urfassung in der kritischen Edition erstellt. Zu den Solisten zählen u. a. Benjamin Russell (Graf Peter Homonay), Marco Jentzsch (Sándor Barinkay), Shavleg Armasi (Kálmán Zsupán), Stella An (Arsena), Narine Yeghiyan (Saffi) sowie Moderator Klaus Krückemeyer als Conte Carnero.

Giacomo Puccini fügte die drei Einakter Der Mantel, Schwester Angelica und Gianni Schicchi in Das Triptychon zusammen. Unter dem Gesamttitel Puccinis ›Triptychon‹ inszeniert Uwe Eric Laufenberg, die Musikalische Leitung übernimmt Alexander Joel. Unter den Solisten sind u. a. Daniel Luis de Vicente als Michele und in der Titelpartie von Gianni Schicchi sowie Olesya Golovneva als Schwester Angelica und Lauretta hervorzuheben. Mit Giuseppe Verdis Macbeth zeigt der südafrikanische Regisseur Matthew Wild nach Leoš Janáceks Katja Kabanowa seine zweite Operninszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Unter der Musikalischen Leitung von Leo McFall singen Aluda Todua als Macbeth und Gabriela Schererals Lady Macbeth.

Babylon von Jörg Widmann
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
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Eines der monumentalsten zeitgenössischen Opernwerke der letzten Jahre, das an den Staatsopern in München und Berlin große Erfolge feierte, ist Jörg Widmanns Babylon. Die Neuproduktion am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ist die erste Aufführung der neuen Fassung seit deren Uraufführung 2019 an der Staatsoper Berlin und wird die Internationalen Maifestspiele 2021 eröffnen. Im großen Solisten-Ensemble sind aus der Berliner Besetzung Marina Prudenskaya (Der Euphrat) und Otto Katzameier (Der Tod) zu erleben, Gloria Rehm kehrt in der Partie der Inanna ans Hessische Staatstheater zurück, weitere Solisten sind Daniel Jenz (Tammu), Michelle Ryan (Die Seele), Philipp Mathmann (Der Skorpionmensch) und Claudio Otelli (Der Priesterkönig). Die Musikalische Leitung der auch im Orchester außergewöhnlich groß besetzten Produktion hat Albert Horne inne, der als Chordirektor den Chor des Hessischen Staatstheaters leitet und diesen für Babylon mit dem Chor des Staatstheaters Darmstadt (Einstudierung: Sören Eckhoff) zusammen führt. Die Opernsparte des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bereichert den Spielplan außerdem mit einer Reihe eigener Wiederaufnahmen in zum Teil neuen Besetzungen.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Die Puritaner – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 03.01.2020

Januar 3, 2020 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

I Puritani – Vincenzo Bellini

– Lieben bis zum Wahnsinn –

von Albrecht Schneider

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

Wie herzzerreißend lässt in der romantischen italienischen Oper doch der Wahnsinn die Frauen singen. Deren Flucht aus einer Welt der Männerherrschaft und ihrer Demütigungen in eine frei von sexuellem Begehren und sozialem Zwang führt diesmal nicht ins Kloster, sondern in die Paranoia. Diese in milde wie erregte, jedenfalls wohlklingende Töne zu gießen, bleibt nun die Aufgabe jener Damen, die bemitleidenswert und bemitleidet durch die Reihen des edlen wie bösen Opernpersonals irren. In derartigem Zustand verharren sie bis zum Tod oder der wodurch immer bewirkte Wiederaufleuchten des klaren Verstandes.

Vincenzo Bellinis Oper I PURITANI (Die Puritaner) repräsentiert modellhaft das romantische italienische Melodramma des Belcanto. Dessen Zeitalter beginnt im 19. Jahrhundert mit Rossini und reicht bis zum jungen Verdi. Nun bedeutet Belcanto nicht Gesang, der sich vorzugsweise in schönen Tönen erschöpft, sondern der sich zugleich sinnvoll des Textes bemächtigt und einen individuellen Ausdruck findet. Bewegung und Ruhe, Impetus und Reflexion des Musikdramas entstehen bei dem großen Melodiker Bellini eben aus der gesungenen wie instrumentalen Melodie, und ähnlich verfährt sein berühmter Kollege und Konkurrent Gaetano Donizetti. Die Opern der beiden wurden später vom Verismo (Leoncavallo – Mascagni) abgelöst und verschwanden weitestgehend hinter den beiden Riesen Verdi und Wagner. Erst mit der Kunst der Jahrhundertsängerin Maria Callas geschah eine Reanimation der Bühnenwerke der Belcantoepoche.

Die Puritaner – Vincenzo Bellini
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Dass nun ein genuiner Sänger wie Rolando Villazón als Regisseur dieses von der Dramaturgie her konfuse Stück I Puritani aus der Musik heraus und mithin in erster Linie für die Ohren und dann für die Augen in sehr bewegten Bildern in Szene setzt, ein solches Konzept liegt nahe. Insofern wurde von ihm das von Mozart überlieferte, hier etwas revidierte ästhetische Postulat beherzigt, bei einer Opera habe schlechterdings die Inszenierung –  original die Poesie –  die gehorsame Tochter der Musik zu sein.

Andererseits ist Villazón auch ganz und gar ein Theatermann, der mehr im Sinn hat, als dem Publikum eine vertrackte Liebesgeschichte aus vergangener Zeit anzubieten, deren Protagonisten in historischen Kostümen lediglich von den Noten durch die Kulissen geleitet werden. Nein, er intendiert ein musikalisches Theater der Gefühle und der Taten von Liebenden, Hassenden, Resignierenden und Undurchsichtigen beider Geschlechter in einer bornierten, nahezu archaischen Umgebung und deren Folgen. Wofür der Wahnsinn eine Chiffre ist. Und eine weitere die Maschinenpistole und die Folter, indem sie den modernen zivilisatorischen Stand einer einzig in der Moral und den Sitten zurückgebliebenen Gesellschaft beglaubigen.

Berühmte Librettisten wie Felice Romani, Salvatore Cammarano oder Eugène Scribe nutzen im Ottocento mit Vorliebe Stoffe aus der englischen, spanischen oder französischen Historie, die häufig als Romane oder Theaterstücke bereits populär waren.

Bellini, seinerzeit mit seinem bisherigen Vorlagenlieferanten  Romani zerstritten, stieß bei der Suche nach einem Text auf den Literaten Carlo Pepoli, und der fertigte ihm nach etlichen Komplikationen endlich ein Libretto nach seinem Geschmack. Ihm gemäß komponierte der Maestro eine trivialhistorisches Drama aus der Zeit der englischen Religionskriege, dessen Uraufführung 1835 in Paris ihm, so darf man es nennen, einen Bombenerfolg eintrug.

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

1 Akt. Das Innere eines Verschnitts aus Westminsterpalace und Westminster Abbey (Bühne: Dieter Richter) Elvira, die Tochter des Lord Valton von der protestantischen Puritanerpartei, steht in einer krisenreichen Beziehung zu Lord Arturo aus dem Lager der katholischen Stuarts, die gerade ihren König Charles I auf dem Schafott eingebüßt haben, und bald endgültig dem Gegner Cromwell unterliegen werden. Trotz der grundsätzlichen Unvereinbarkeit beider Milieus – sie gemahnt an die Familien Romeos und Julias – gestattet der Vater der Dame die Heirat der beiden. Der mithin leer ausgehenden Mitbewerber um ihre Gunst, Glaubensgenosse Sir Riccardo, missbilligt diese Beziehung verständlicherweise vehement und trieft von Hass. Ihm kommt zupass, dass Lord Valton die Exkönigin Enrichetta (Sarah Ferede), Gattin des hingerichteten Charles I, in seinem Gewahrsam hält, und ihr läuft der just zum Eheschluss angereiste Bräutigam Arturo über den Weg. Nunmehr von einem gewaltigen Konflikt zwischen Liebe und Parteientreue gebeutelt, entscheidet er sich als Patriot für eine Rettung der ehemaligen First Lady aus der misslichen Lage. Sie unter Elviras Brautschleier verbergend, vermag er mit ihr ohne Probleme zu flüchten, weil Rivale Ricardo, der die Tarnung aufdeckt, ihn nicht daran hindert: eröffnen sich doch für ihn mit dem Verschwinden des Bräutigams neue Chancen bei der verlassenen Braut. Die allerdings ist für nichts mehr zugänglich, ob des Verlustes und der Kränkung wird sie zum Entsetzen aller mit Wahnsinn geschlagen. Also greift sich der Clan der Puritaner eine Maschinenpistole und bricht auf zu einer Strafexpedition wider das abgängige Duo.

75 Minuten und zwanzig Soli- und Ensemblenummern braucht dieser Diskurs der Gefühle aller Arten, die die Partitur leuchten, hadern, toben und säuseln lässt. Bellinis Musik ist reich an Gesten, und die puritanische Männer- und Frauengesellschaft nimmt sie in ihrer Körpersprache mit. Vielfach werden die Hände gerungen, hin und her, hinein- und hinausgeeilt. Eine Choreografie, die mitunter leicht manieristisch, aufgesetzt wirkt. Andererseits erstarrt dadurch die vorherrschend rhetorische und somit statische Handlung nicht unbedingt in den gängigen Posen. Das gilt für die Solisten wie für den sehr agilen, bestens gestimmten und klangprächtigen Chor.(Ltg. Patrick Francis Chestnut)

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier : Adela Zaharia als Elvira und Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talo? als Giorgio, Ioan Hotea als Arturo © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier : Adela Zaharia als Elvira und Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talo? als Giorgio, Ioan Hotea als Arturo © Hans Jörg Michel

Die Erscheinung der Elvira der Adela Zahira ist gleich berückend wie ihre Stimme. Die gleitet bruchlos durch die Register, je nach Seelenregung versteht sie zu strahlen oder gleichsam zu taumeln, wenn sie in ihren Wahnsinnszustand gerät. Die Künstlerin gibt dieser dem Entwurf nach lehrbuchhaft manisch-depressiven Theaterfigur mittels Auftritt, Tonfärbung und Wortbehandlung – ist die italienische Sprache nicht ebenfalls eine Tochter der Musik ? – eine Kontur des Liebens und des Leidens, eben ein berührend menschliches Format. Eine eindrückliche Darstellung.

Neben ihr behauptet sich der Primo Uomo und Tenor Ioan Hotea als Lord Talbot durchaus. Mit Intensität und Expression verkörpert er den unsteten Liebhaber, allein sein Timbre charakterisiert ihn eher als einen Helden denn einen Schmerzensmann, aber den nötigen heroischen wie tristen Ton findeter allemal.

Die Comprimarii Sir Giorgio (Bogdan Talos) und Sir Riccardo (Jorge Espino) präsentieren sich als gleichwertige Partner, wobei jener als wohltönender geschmeidiger Bass die Rolle der zwielichtigen grauen Eminenz in der Puritanergemeinde ausfüllt, hingegen sich letzterer als schneidiger wie frustrierter Rivale ausdrucksstark seine Wut aus dem Leib singt.

2. Akt. Das gleiche Ambiente. In dessen rund 40 Minuten stagniert die Handlung; das zuvor meist verbal dramatische Geschehen wandelt sich zu einem mehr lyrischen, reflektierenden. Sir Ricardo und Sir Giorgio zeigen sich wie allenthalben die Puritanermänner und Puritanerfrauen hörbar konsterniert von Elviras Wahnsinnsausbruch. Sie irrlichtert durch die allgemeine Betroffenheit und phantasiert sich in einer ergreifenden Elegie den verlorenen Arturo herbei. Den, obwohl inzwischen zum Tode verurteilt, wollen die zwei Männer nach längerem Austausch der Argumente schließlich vor dem Schafott bewahren, weil dessen Sterben das Leiden der Frau noch verschlimmern könnte. In solch löblicher Absicht und unter dem Klang der Kriegsposaunen marschieren sie ab in den Kampf wider die katholische Partei.

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner - hier : Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Puritaner – hier : Jorge Espino als Riccardo, Bogdan Talos als Giorgio, Adela Zaharia als Elvira © Hans Jörg Michel

3. Akt   Ungefähr das gleiche Ambiente, jetzt wohl eher das Innere einer Burg darstellend. In den folgenden 40 Minuten trifft der seinen Feinden entwischte Arturo zunächst auf seine wirre Braut, indessen die Häscher hinter ihm her sind. Mit dem Zusammenfinden des Paares schwindet prompt der Wahn, allein die Wonne des Wiedersehens beendet jählings die Ankunft der Verfolger und die nun neuerlich drohende Auslieferung des Verlobten an den Scharfrichter. Der Schock macht Elvira abermals paranoid. Das einsetzende Lamento aller Beteiligten über persönliches und allgemeines Elend offenbart sich musikalisch und szenisch als ein hinreißendes Tableau.

Beendet wird es von sanften Bläsertönen, und mit deren Steigerung zum Jubel wird unerwartet die frohe Nachricht verkündet, dass mit dem Sieg der Puritaner eine allgemeine Amnestie verbunden sei, was definitiv Freiheit für Arturo bedeutet und für das Paar ein Happyend. Ein befriedigender Schluss einer kruden Geschichte.

Ein derart klassisches Lieto Fine indessen verweigert der Regisseur Villazón. Er lässt mit dem Ausklingen des Tableaus den nach wie vor rachelüsternen Sir Riccardo erst seinem Rivalen die Kehle durchschneiden, und hernach alsbald den Toten unter besagten verheißungsvollen Bläserakkorden quicklebendig wieder auf die Füße springen, um sich, o Wunder, mit der just auftauchenden Lady und Exkönigin Enrichetta, der er eins zur Flucht verhalf, in inniger Umarmung zu vereinen. Elvira, die legitime Braut, schaut dementsprechend entgeistert zu.

Das Aufdenkopfstellen der originalen Fassung durch den Regisseur provoziert die Vermutung, für ihn könnte durchaus noch ein weiterer Schluss denkbar sein. Vielleicht intendiert er auch ein offenes Ende, und möchte es dem Publikum überlassen, sich ein wünschenswertes vorzustellen zu dieser so wohltönenden dubiosen Erzählung, in der die Geisteszustände der einen so behände wechseln wie der anderen Auffassungen von Liebe, Strafe, Rache, Verzeihen und Tod. Es darf sogar womöglich spekuliert werden, dass hier insgeheim nicht allein von einem klinischen Wahnsinn die Rede sein soll, vielmehr von dem Wahn, indem nicht ausschließlich verbohrte Puritaner/Innen die Welt wahrnehmen und diese sich ihnen zu präsentieren scheint. “Wahn, Wahn, überall Wahn“ wird knapp dreißig Jahre danach Richard Wagners Hans Sachs stöhnend singen. Es ist nicht das Schlechteste an einem Opernabend, wenn er fragend schließt. Die Musik freilich, das ist die Crux aller gelingenden wie misslingenden Deutungsversuche einer Oper, die allein kennt die richtige Antwort.

Die Duiburger Sinfoniker unter dem Dirigenten Antonio Fogliani haben sie in ihre Obhut genommen und erweisen sich als rechte Belcantoinstrumentalisten, indem sie die nicht gerade raffiniertest instrumentierte, die alte Nummernoper hinter sich lassende Partitur mit Delicatezza wie mit Fortezza und Temperament exekutieren. Den Cantanti über ihren Köpfen breitet das Orchester gleichsam einen nicht roten, sondern  einen angemessenen Klangteppich aus, der die Künstlerinnen und Künstler zu hörbar eigenem wie allgemeinem Gefallen durch Bellinis letztes Werk musikalisch schweben lässt.

Das Publikum bestätigte sein Vergnügen mit begeistertem Händeklatschen.  Apropos: laut einer musikwissenschaftlichen Studie gibt es in der Opernhistorie rund 400 Werke mit Wahnsinnsszenen. Wahnsinn!

Besprochene Vorstellung 26.12.2019

Die Puritaner an der Deutschen Oper am Rhein; die weiteren Vorstellungen 5.1.; 11.1.; 18.1.; 31.1.2020

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—


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