Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Betrachtung, 08.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Die  Meistersinger von Nürnberg

Musikalische Betrachtung mit Detlev Eisinger und Betsy Horne

 

von Ingrid Freiberg

Der Richard-Wagner-Verband International, Ortsverband Wiesbaden e. V., lädt unter Federführung von Prof. Dr. Gustav G. Belz zu einer musikalischen Betrachtung zu Die Meistersinger von Nürnberg, der einzigen komischen Oper Richard Wagners, im Rahmen der Internationalen Maifestspiele in das wunderschöne Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ein. Man fühlt sich als willkommener Gast einer Familie und wird – wie viele andere auch – persönlich begrüßt. Die Veranstaltung wird durch zahlreiche Sponsoren, u.a. Reinhard Winkler, der Musica Viva-Maria-Strecker-Daelen-Stiftung und weiteren Spendern ermöglicht. Protagonisten dieses besonderen Abends sind Prof. Detlev Eisinger und Betsy Horne. Sie wurden seit Längerem angekündigt und ungeduldig erwartet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Prof. Detlev Eisinger – unmittelbar und kenntnisreich

Das Publikum möchte mehr über Die Meistersinger von Nürnberg wissen, die am darauffolgenden Abend in einer Gala-Vorstellung mit einer sogenannten „Bayreuther Besetzung“ (Hans Sachs Michael Volle, Eva Betsy Horne, Walther von Stolzing Thomas Blondelle, Sixtus Beckmesser Johannes Martin Kränzle, David Daniel Behle, Veit Pogner Günther Groissböck) aufgeführt werden, und die professionelle künstlerische Arbeit näher kennenlernen, Genaueres über das Werk, über seine historische Wirkung und geistesgeschichtliche Zusammenhänge erfahren, denn dieser Wissenshintergrund erhöht bekanntlich den Hörgenuss! Das ist auch der primäre Anreiz, das Gesprächskonzert von Prof. Eisinger zu besuchen. Er hat das Talent, unmittelbar und kenntnisreich große Werke der Musikgeschichte zu vermitteln. Dem Publikum werden geschichtliche, mythologische, philosophische, musikalische sowie politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich gemacht. Im Laufe des Abends gelingt es ihm, die genaue Konstruktion des Werkes, den Hintergrund des Komponisten, die Komposition und deren Einbettung in stilistische Epochen zu erfassen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Eisinger gibt Anregungen, der Musik kundig zuzuhören, zu verstehen, was sie ausdrückt und den Text richtig aufzunehmen. Nur, wer wirklich versteht, was Wagner geschrieben hat, braucht nichts hineinzudeuten. Er versteht es, komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass man dafür nicht Musikwissenschaft studiert haben muss. Tonartencharakteristiken, doppelte Punktierungen und prägnante Leitmotive werden besonders hörbar, wenn Eisinger ein Leitmotiv Wagners mit einer Melodie eines anderen bedeutenden Komponisten vergleicht: mit Bach, Beethoven, Brahms und anderen Werken Wagners. Seine Musikbeispiele – die er bisweilen auch singt – lassen tief und genussreich in das Werk eintauchen. Er „erfühlt“ die Musik auf der Basis einer umfangreichen und soliden Kenntnis von Musik und deren Interpretationen. Dabei berücksichtigt er, dass sich der Zuhörer nicht in einem musikwissenschaftlichen oder historischen Vortrag befinden möchte, so interessant diese Gebiete auch sind. Emotional öffnet er die Türen zum Verständnis der Musik in lockerem Gesprächston. Er öffnet sein Herz, sein Gefühlsleben und bringt seine eigenen Ideen und Gedanken zum Werk ein. Dabei ist es sein Anliegen, dem sporadischen Konzertbesucher, dem musikalisch Begeisterten wie auch dem Grenzgänger einen direkten Zugang zur Komposition zu ermöglichen, ohne ihn zu überfordern. Für den musikalischen Kenner tritt als weitere reizvolle Komponente hinzu, zu hören, welche Assoziationen und Gedanken Eisinger zu dem jeweiligen Werk hat. So ist sein Gesprächskonzert in Form einer Klavier-Matinee ein publikumswirksamer Erfolg.

„In Anerkennung seines großen, unermüdlichen und jahrzehntelangen Einsatzes für das Schaffen Richard Wagners“ wurde ihm der „Pro Musica Viva-Preis“ der Maria Strecker-Daelen-Stiftung verliehen. Mittlerweile gibt es von seinen Einführungen zu allen großen Bühnenwerken Wagners auch CDs (www.musicom.de).

Leichtfüßig zum Vorspiel

In Wiesbaden bestens bekannt, gibt es schon „Bravorufe“ als Prof. Detlev Eisinger leichtfüßig die Treppe des Foyers zum Flügel herunterspringt, um mit dem Vorspiel Meistersinger zu brillieren. Mit Fug und Recht ist das Vorspiel mit dem Attribut der Ambivalenz zu charakterisieren. Trefflich arbeitet Eisinger die vielen musikalischen Aromen dieser Musik heraus. Das zeigt sich zu Beginn im groben Marschthema, welches zugleich Kontrapunkt im besten Sinne ist: Ton gegen Ton. Gelehrtheit und Banalität treffen aufeinander. Die nachfolgenden Achtelsequenzen sind bestens dazu angetan, den feierlichen Klang auszubilden und die Simplizität eines Spielwerks anzudeuten. In dieses Reich des absurd Feierlichen gehören auch die übertrieben breiten Schlusskadenzen. Wagner bringt es fertig, die gegensätzlichen Charaktere zu mischen und sich ihrer meisterlich anzunehmen. Diese Mixtur produziert nationale Aktualität und nationale Identität. Das Klavier-Solo von Eisinger besticht mit virtuosen Läufen, schnelle Arpeggios untermalen wundervolle Melodielinien.

Die Meistersinger von Nürnberg  –  Richard Wagner
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Wagners werkwitzige Komödie

Die Meistersinger sind Wagners werkwitzige Komödie, die sich bei näherer Betrachtung als eines seiner sprachlich tiefsinnigsten und dramaturgisch ausgereiftesten Werke entpuppt. Es befasst sich mit dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Genie und handwerksmäßiger Routine. Die Ironie ist in der Musik leicht zu erkennen. Der Meistergesang wird von Wagner degradiert, besonders in seinen späteren Auswüchsen. Es geht ihm darum, diese lieblose Art zu bekämpfen. Wagner teilt hiermit einen Seitenhieb auf die Kritiker aus, speziell auf die, die Kritik um der Kritik willen ausüben. Auch liegt im Werk seine Sehnsucht nach einem friedlichen Ort, der später für ihn Bayreuth werden sollte.

Leitmotivik, Diatonik, Kontrapunktik nach barockem Muster, Chromatik, schweratmende Synkopen und Kunsttradition werden von Eisinger beleuchtet. Besonders berührt seine Interpretation des Preisliedes, ein hinreißend schwungvolles Lied von Frühling und Liebe „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald, das laut es ihn durchhallt und wie in fernen Wellen der Hall von dannen flieht, von weit her naht ein Schwellen, das mächtig näher zieht… Die selige Morgentraum-Deutweise, sei sie genannt zu des Meisters Preise“.

Eisinger äußert, dass es Wagner mit der Hochhaltung der deutschen Kunst nur um das Kulturelle, nicht aber um das Nationale geht. Aus diesem Blickwinkel heraus sind auch die letzten Verse von Hans Sachs zu interpretieren: „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister und gebt ihr ihrem Wirken Gunst, zerging im Dunst das heil‘ge Römische Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“, das heißt, selbst, wenn das Heilige Deutsche Reich – der Staat – zerstört werden würde, so bliebe immer noch die Kunst…

Betsy Horne steigert die Vorfreude

 Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Obwohl die europaweit verpflichtete Betsy Horne die Eva in den Meistersingern schon am kommenden Abend singen wird, und einen Tag zuvor als Elisabeth in Tannhäuser überzeugte, glänzt sie mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung mit der Arie aus den Meistersingern:O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann! Wie ich dir Edlem lohnen kann! Was ohne deine Liebe, was wär ich ohne dich…“

Mit ihrem empathischen Vortrag von Treibhaus, dem 4. Gedicht des Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck, den sie Richard Wagner während seiner Asyl-Zeit in Zürich überreichte, wird die Vorfreude auf den kommenden Abend noch gesteigert. Ihr samtweicher Sopran ist geradezu prädestiniert für dieses Lied und die Rolle der Eva. Betsy Horne ist auf dem Weg zu einer ganz großen Karriere…

Die dankbaren Zuhörer applaudieren herzlich für ein unterhaltsames Gesamtpaket aus Musik und Wissen.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tannhäuser – Galavorstellung, IOCO Kritik, 31.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Galavorstellung

…. Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…

von Ingrid Freiberg

Im April 1845 vollendete Richard Wagner die Partitur des Tannhäuser „durch äußersten Fleiß und durch Benutzung der frühen Morgenstunden selbst im Winter“ und schreibt sie selbst, um den Kopisten zu sparen – mit seiner herrlichen, charaktervollen Schrift, der schönsten Musikerschrift, die es je gegeben hat. Wagner sagte zum Ende seines Lebens: „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…“ – und er meinte eine endgültige Fassung, hat er doch das Werk zwischen den Aufführungen in Dresden, Paris, München und Wien ständig verändert.

 Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Es ist anzunehmen, dass Wagner für seinen Mittelalter-Minnesänger Tannhäuser ein besonderes Faible entwickelte. Denn der ist ebenso unkonventionell wie der Komponist selbst. Ein Künstler, der in einem Zwiespalt aus Erotik und heiliger Messe gefangen ist, in dessen Herzen zwei Seelen um Befriedigung buhlen: die fleischliche Lust und die religiöse Leidenschaft. Ein Künstler, dem es leicht fällt, Konventionen zu ignorieren. Mutig wie trotzig-­rebellisch sucht er nach Grenzüberschreitung, will als Künstler ein anerkanntes Mitglied der Wartburggesellschaft sein. Welcher Weg führt zum Heil, die Pilgerschaft nach Rom oder der Rückzug in den Venusberg? Zunächst in sinnlicher Liebe mit Venus schwelgend, kehrt er später auf die Wartburg zurück, in eine Welt der Kunst und der Künstlichkeit. Als Tannhäuser während des Sängerwettstreits von seiner Leidenschaft zu Venus erzählt, droht ihn die edle Gesellschaft zu töten. Elisabeth bittet für ihn und verhindert seinen Tod – sicherlich ein tolles Gefühl, als einzige Frau gegen den Männerchor „Haltet ein!“ zu schreien, und alle hören ihr zu. Einsichtig schickt ihn Hermann, Landgraf von Thüringen, zur Buße nach Rom.

Tannhäuser – Wiesbadener Fassung

Der Mensch und sein Drama, der Konflikt Tannhäusers, die Tragik der Elisabeth: Dies sind für Wagner die zentralen Themen im Tannhäuser, und dies gilt es für Uwe Eric Laufenberg zu inszenieren. Er greift vor allem Elemente der Pariser Version auf, verfasst eine ungewohnte, aber schlüssige Mischfassung, eine „Wiesbadener Fassung“. Sein Verständnis des Tannhäuser ist eine verschlankte, verdichtete Erzählung eines zwischen zwei Lebensformen hin und her gerissenen Wanderers, eine Umsetzung des Librettos von Wagner. Die subtile Inszenierung lässt die inneren Widersprüche erkennen. Der Vorhang öffnet sich: Andächtige Pilger auf langen Bankreihen sitzend sehen sich eine Videoübertragung (Gérard Naziri, Falko Sternberg) vom Petersplatz in Rom mit Papst Franziskus an. Unter ihnen Tannhäuser… Auf dem Brustkreuz des Papstes ist das Motiv des „Guten Hirten“ mit Schafen zu sehen. Weltuntergangsstimmung, Zerstörung, wilde Leidenschaften und Orgien werden im Schnelldurchlauf gezeigt: Schuld und Sühne, Fluch und Erlösung, Engel und Teufel, eine Gemengelage der widersprüchlichsten Art. Blitzartig wechselt das Geschehen. Einige Männer tanzen leichtgeschürzt oder völlig nackt und springen um die Pilger in einem lasziv posierenden Höllenballett herum… es kommt zu orgiastischen Szenerien. Die Pilger ergreifen die Flucht. Bankreihen werden je nach Bedarf umgestellt, der Venusberg wird zur Tanzfläche, auf der nackte Tanzeleven posieren. Geringfügige Veränderungen genügen, die beiden Welten zu markieren, die gegeneinander antreten: Der Venusberg, verrufen erotischer Sündenpfuhl und die Welt der Elisabeth, in der Liebe und Anbetung Bedeutung haben.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Dazwischen Elisabeth, eine Halb-Heilige und Tannhäuser, der mehr oder weniger hilflos nach beiden Richtungen austeilt. Er strandet, von der Dauerlust gelangweilt und von der frommen Gesellschaft verfemt, im Niemandsland. Mit dem 3. Akt, einer Schneelandschaft mit Campingzelt und einem großen weißen Kreuz gelingen Laufenberg poetische Bildwirkungen. Elisabeth verharrt reglos in der Schneelandschaft, während Wolfram im kleinen Zelt die Nachtwache hält. Die Pilger kehren heim, Tannhäuser ist nicht dabei… Am Kreuz vergebens für seine unbeschadete Rückkehr betend, schreitet Elisabeth danach gebrochen, nackt wie Gott sie schuf, ins suizidale Dunkel. Tannhäuser, der zu spät kommt, berührt mit seiner „Rom-Erzählung“ rücklings auf dem Kreuz liegend… Am Ende entschwindet er in eine beeindruckende Lichtpyramide. Das sind szenisch sehr starke Momente.

Geniales Bühnenbild und überzeugende Kostüme

Das geniale Einheitsbühnenbild von Rolf Glittenberg mit einem großen, tiefen Raum und einer transparenten Rückwand, die verschiedene Lichteffekte (Andreas Frank) ermöglicht, ist der Rahmen für Pilger, Venusberg und Sängerwettstreit auf der Wartburg. Vor allem die vorzügliche Akustik der Raumgestaltung ist zu loben. Besonders ausdrucksstark ist die Gestaltung des 3. Aktes, die in einem schwarzen Kasten von einem schräg liegenden, begehbaren weißen Kreuz beherrscht wird, und wo ein kleines Zelt zu sehen ist. Die Kostüme von Marianne Glittenberg sind im 1. Aufzug gegenwartsbezogen, und während die Festgesellschaft auf der Wartburg in mittelalterliche Kostüme gewandet ist, erscheinen die Minnesänger in Ordensrittermänteln, die das Ritual betonen. Hiermit wird die Aktualität des Tannhäuser unterstützt. Das ist überzeugend.

Großartige Gäste

Albert Pesendorfer (Hermann, Landgraf von Thüringen) ist einer der prominenten Gäste des Abends. Erst mit 30 Jahren wird er Mitglied des Wiener Staatsopernchors, mit 35 singt er in Erfurt seine erste Solopartie. Seither hat sich viel getan. Sein Opernrepertoire umfasst ca. 70 Partien, vorwiegend die des Deutschen Wagner-Fachs, und er wird an große Häuser weltweit engagiert. Pesendorfer betont das Singen, er hält sich fern vom Überzeichnen. Bewundernswert ist seine gute Artikulation. Sein wohltemperierter Bass hat ein herrliches Volumen, welches diese Partie zum Leuchten bringt.

Ein weiterer internationaler Gast ist Andreas Schager als Tannhäuser. Auch bei ihm entwickelt sich die Karriere, nach langsamem Start, dynamisch schnell… 2013 bringt die Wendung: Nach zehnminütiger Vorbereitungszeit springt er unter der Leitung von Daniel Barenboim als Siegfried an der Staatsoper Berlin ein und wird so weltweit bekannt. Als erfahrener Wagner-Tenor meistert er die stimmlichen Anforderungen des Tannhäuser und stemmt diese Monsterpartie mit ausgezeichneter Technik und außergewöhnlich großer Stimme, die es ihm erlaubt, große Bögen mit endlos erscheinendem Atem zu singen. Sein „Da ekelte mich der holde Sang“ explodiert mit großer Expressivität. Mit „…Inbrunst im Herzen, wie kein Büßer noch…“ gelingt es ihm meisterlich, seine Wut über die Gegensätze zwischen ihm und den anderen Pilgern auszudrücken. Seine packende „Rom-Erzählung“ tendiert zur Exzentrik einer musikalischen Prosa. Sie erweckt die Illusion, die Erzählung sei nicht von Wagner komponiert, sondern von Tannhäuser selbst improvisiert. Schagers Stimme ist fast zu groß für das vergleichsweise kleine Haus.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Die europaweit verpflichtete Betsy Horne (Elisabeth) brilliert mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung und einer faszinierenden Bühnenpräsenz. Es ist ein großartiges Porträt der reinen Elisabeth. Schon ihre Auftrittsarie „Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder“ ist fabelhaft gestaltet und zeigt unmissverständlich, wie individuell sie diese Rolle anlegt. Zu hören ist keine zurückgenommene keusche Jungfrau, sondern eine selbstbewusste Fürstentochter, die nicht nur ihren dramatischen Sopran zum Blühen bringt, sondern auch den Mut zum hüllenlosen Abgang beweist. In leiseren Passagen wie „Verzeiht, wenn ich nicht weiß, was ich beginne!“ (2. Akt) erzeugt sie eine enorme Spannung, öffnet dann aber wieder zum lauteren Klang mit angenehmem Vibrato. In dieser Inszenierung gibt es eine „doppelte“ Venus: Eine im Pelz auf nackter Haut und im eleganten Abendkleid agierend, die andere ist Jordanka Milkova, die eine dunkeltönige, satte, samtene Stimme einbringt, passend zur an dieser Stelle gewählten so genannten Pariser Fassung, Musikalisch bewältigt die attraktive Sängerin die heikle Partie der Liebesgöttin mit gut geführtem Mezzosopran, dem es aber ein wenig an Sinnlichkeit fehlt.

Sehr überzeugend entwickelt der junge Bariton Benjamin Russell seinen Wolfram von Eschenbach aus den Tugenden eines Liedsängers. Seine Stimme ist hell, gut fokussiert und verbreitet ganz ohne Druck bei klarer Diktion einen balsamischen Wohllaut. Vorzüglich die Textverständlichkeit und die Linienführung seiner Phrasierungen. Wie wohltönend elegant gesungen sein Einsatz für Freund Tannhäuser, wie lyrisch vorgetragen seine Liebe zu Elisabeth und wie atemberaubend sein „Lied an den Abendstern“, ein berührender Moment im 3. Akt. Seine sanften Lyrismen werden umjubelt. Aaron Cawley ist ein heldisch auftrumpfender Walter von der Vogelweide, ein Heißsporn, der versucht, den Sänger der Titelpartie auch als Heldentenor herauszufordern. Thomas de Vries als Biterolf, ironisch-abgeklärt, erfreut mit seinem eleganten Bariton. Unter den Minnesängern ragt er mit seiner überzeugend charakteristischen Gestaltung heraus.

Von so viel Verve und Eindringlichkeit lassen sich auch John Heuzenroeder (Heinrich der Schreiber), Daniel Carison (Reinmar von Zweter) und die stimmfrische Stella An (Ein junger Hirte) anstecken. Ihre Ensembleleistung beeindruckt. Die Nymphen und Grazien (Charlotte Dambach, Laurin Thomas, Rouven Pabst, Sacha Glachant, Veronica Bracaccini) und die Vier Edelknaben (Eunshil Jung, Hyerim Park, Isolde Ehinger, Daniela Rücker) tanzen und spielen beeindruckend und sind ebenso überzeugend auf Video nachempfunden. Der Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kommt eine delikate Rolle zu: Attraktive Damen und Herren sind sehr ästhetisch in erotischen Nacktszenen zu sehen.

Der Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne zeigt zum wiederholten Male seine große Wagner-Affinität. Damen wie Herren, getrennt und zusammen, als Pilgerchor, als Festgäste auf der Wartburg und als Ritterchor gehören zum belebenden Part dieser Inszenierung. Differenziert und klangschön im Ausdruck, darstellerisch beweglich zeigt er ein homogenes und fülliges Klangbild.

Unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange führen glasklare Fagotte, Hörner und Klarinetten in die Ouvertüre ein und bereiten den langen Weg für eine ausgewogen dynamische Interpretation des Tannhäuser. Wenn das Anfangsthema, die Melodie des Pilgerchors einfach und schlicht anhebt und ein ruhiges Schreiten evoziert, kreist es in größter Ruhe nur um die Grundtonarten und führt in eine andere Welt. Mit den einsetzenden Celli tritt ein sehnsüchtiges Motiv hinzu. Unter Patrick Langes Leitung entfalten Orchester und Sänger eine ambivalente Klangvielfalt von dissonanten Reibungen über kurze virtuose Eruptionen – bis zum Verlöschen. Der zurückgenommene Venusberg-Rausch erklingt als von den Beteiligten selbstinszeniertes Kunstprodukt. Mit umsichtiger Dynamik, nie zu laut, immer den Sängern den Vortritt lassend, die Blechbläser, die seitlichen Logen besetzend, immer temperiert, dabei aber nie ohne Glanz, stimmt er alle Instrumentengruppen bestens aufeinander ab. Dazu die Tempi, vorwärtsstrebend, der Dramaturgie der Bühnenhandlung angepasst. Die Trompeten schmettern präzise ihre Fanfaren in den Saal, die Streicher zeigen Homogenität, die Holzbläser überzeugen.

Lang anhaltender Beifall, stehende Ovationen und große Begeisterung für einen glanzvollen Tannhäuser – Gala-Abend.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, 21.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Im Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume

von Ingrid Freiberg

Zunächst hatte der Roman Madame Butterfly des Amerikaners John Luther Long großen Erfolg, das Theaterstück von David Belasco war in der Folge am Broadway und im angelsächsischen Ausland erfolgreich. Giacomo Puccini sah das Stück in London und fühlte die „Opern-Eignung“ des sentimentalen Stoffs. Durch Puccinis melodiengetränkte Partitur und das alle Nebenhandlungen eliminerende Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa entstand ein tief berührendes Musikdrama: Stimmungsvoll, tief empfunden, ins Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume entführend. Die Oper Madama Butterfly entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, der letzten Hochphase des weltumspannenden Kolonialismus. Puccini bettete Anleihen bei japanischer Volks­musik in seine ganz eigene italienische Tonsprache ein. In der Welt der kleinen Leute, aus der Cio-Cio-San stammt, hinterließ der „Austausch“ mit den fremden Mächten tiefe Wunden. Selbst der Skandal, der Misserfolg der Uraufführung seiner Madama Butterfly 1904 am Teatro alla Scala in Mailand, konnte Giacomo Puccini nicht von der Überzeugung abbringen, mit ihr seine „am tiefsten empfundene und stimmungsvollste Oper“ geschrieben zu haben. Er war sich sicher „eine Revanche zu bekommen“. Tatsächlich feierte er im gleichen Jahr in der Provinzstadt Brescia, was die Metropole noch verhöhnte.

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly - Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly – Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Auch heute noch ist Madama Butterfly eine der beliebtesten und bekanntesten Opern überhaupt. Die Geschichte der fünfzehnjährigen Geisha Cio-Cio-San, die, um die verarmte Familie zu retten, 15jährig an den amerikanischen Marineoffizier B. F. Pinkerton verkauft wird, dies aber für eine legitime Ehe hält, berührt. Pinkerton sucht Amüsement und mietet eine Braut samt Wohnung für „999 Jahre“. Sie konvertiert zu seinem Glauben und wird deshalb von der Familie verstoßen. Auch nach drei Jahren der Einsamkeit sieht sie, inzwischen Mutter eines blonden, blauäugigen Jungen, sich als Madama Pinkerton und nicht mehr als Madama Butterfly. Heiratsanträge und Angebote einer erneuten Arbeit als Geisha lehnt sie ab. Denn sie ist sich sicher „un bel di vedremo“: Er kehrt zurück… nun mit amerikanischer Gattin und nur um das gemeinsame Kind in die Staaten zu holen. Dies bricht Butterfly, dem zarten Schmetterling, Flügel und Herz; sie nimmt sich das Leben. „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger leben kann in Ehren“, so lautet auch die Inschrift auf dem Dolch ihres Vaters.

John Dews Inszenierung erlebt ein Recycling

John Dews Inszenierung, die 2012 im Staatstheater Darmstadt höchstens Freunde des Regietheaters irritierte, erlebt im Hessischen Staatstheater Wiesbaden ein Recycling, das nicht nur die Kostüme von José-Manuel Vázquez, sondern auch die Gemälde auf der Bühne von Heinz Balthes sichtlich unbeschadet überstanden hat: die Totale einer abendlichen Bucht, Schiffe, Kraniche, das Meer, später ein Schmetterling sogar. Hübsch anzuschauen ist das einmal mehr beim Wiesbadener Gala-Abend. In der Bearbeitung von Magdalena Weingut entfaltet sich der Zauber dieses Werkes besonders eindrucksvoll.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly  © Sven-Helge Czichy

Ermonela Jaho – weltweit gesucht – Cio-Cio-San

Mit der albanischen Sopranistin Ermonela Jaho kommt eine Sängerin nach Wiesbaden, der man nachsagt „sie ist zuerst und vor allem Madama Butterfly“. Die Sängerin ist zur Zeit eine der weltweit gesuchtesten Cio-Cio-Sans. So sind die Erwartungen entsprechend hoch… und werden noch übertroffen! Diesen rundum hochklassigen Gala-Abend hebt sie vokal und emotional auf ein außergewöhnlich hohes Niveau. Ihre Darstellung und ihr Aussehen sind untrennbar miteinander verbunden. Ihre Stimme klingt im ersten Akt jugendlich und lieblich. Tief ergreifend ist sie dann im verzweifelten Hoffen des zweiten Akts. Sie spinnt berückende Piani, in denen stets ihre ganze Seele mitschwingt. Nachdem sie feststellt, dass Pinkerton nicht mehr zu ihr zurückkehren wird, weichen die warmen verliebten Klangfarben der puren Verzweiflung. Zutiefst erschütternd gestaltet sie mit dramatischen, vokalen Ausbrüchen den Abschied von ihrem Sohn und die finale Selbsttötung. Diese Frau ist ein emotionales Großereignis… Ihrer Interpretation sollte eigentlich ein Warnhinweis vorangestellt werden, rechtzeitig die Taschentücher bereitzuhalten.

Schmerzlich bis zum bitteren Ende

In Verzweiflung gestürzt wird sie von Vincenzo Costanzo (Pinkerton), der rollenbedingt nicht den leichtesten Stand beim Publikum hat. Er zieht das Publikum dennoch schnell in seinen Bann. Überzeugend gibt er den machohaften Amerikaner, der in dieser Produktion von Anfang an dem Whisky zuspricht. Dass seine Stimme nur zu Beginn leicht angestrengt klingt, verdankt er seiner guten Technik. Sie erlaubt ihm sehr bald strahlende Höhen, betörend schöne Decrescendi- und Pianopassagen und ein schmerzlich zu Herzen gehendes „Butterfly, Butterfly …“.

An Cio-Cio-Sans Seite leidet Silvia Hauer als treue Dienerin Suzuki mit glühend starker Präsenz. Ihren in allen Lagen herrlich ansprechenden Mezzo und ihre starke Bühnenpräsenz setzt sie herzergreifend ein. Sie kommen besonders im Duett mit ihrer Herrin brillant zur Geltung. Sehr spannend ist das Duell zwischen Pinkerton und Sharpless. Der ausdrucksstarke Benjamin Russell (Sharpless) kann dramatische Ausbrüche mit Furor glaubhaft gestalten, aber auch weich und nachdenklich im flüsterzarten Piano singen. Das ebenso elegante wie warme Timbre seiner Stimme ergänzt die Interpretation ideal. Er positioniert sich vom ersten Ton an als herzensguter Mann, der Pinkertons Absichten durchschaut und ablehnt. Ganz distinguiert versucht er, auf Butterfly einzugehen.

Erik Biegel (Goro) ist ein hyperaktiver, schmieriger Heiratsvermittler. Daniel Carison (Fürst Yamadori) wirbt mit strömenden Bariton erfolglos um Cio-Cio-San. Als elegante, weich und voll klingende Kate Pinkerton tritt Lena Naumann hervor. Mit bösen Einwürfen, die Verstoßung Cio-Cio-Sans aus der Familie verkündend, lässt Doheon Kim (Onkel Bonzo) seinen Bass kräftig und klangschön strömen. Mit John Holyoke (Der kaiserliche Kommisar), Ayako Daniel (Mutter von Cio-Cio-San), Eunshil Jung (Die Base) und Yeonjin Choi (Die Tante) sieht man sich einem mitreißenden Sängerensemble gegenüber. Einen herzlichen Extraapplaus erhält Vanessa Ünver (Kind).

Der Chor des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Albert Horne überzeugt in seiner Geschlossenheit: Punktgenau werden die Personen geführt und mit dem Intermezzo vor der Finalszene „Voci misteriose a bocca chiusa – Summchor“ brilliert er ganz besonders.

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Mit Zeit und Ruhe für herrliche Puccini-Bögen kostet Christina Domnick (Musikalische Leitung) die großen Emotionen des Werks wunderbar aus. Die Musiker beweisen dabei Sinn für das breite Farbspektrum in vielfältigen Facetten: etwa in den seufzenden Streichern, die im Intermezzo mit den Figuren regelrecht weinen. Selbst in den dramatischeren Momenten geht weder der Dirigentin noch dem Orchester die Dynamik durch; eine bestechende Balance zwischen Stimmen und Instrumenten zeichnet den Abend aus. Die Kontraste zwischen hartem tragischem Sound und duftig fließendem Melos werden bis zur Schmerzgrenze, bis zum bitteren Ende stark herausgearbeitet.

Lange Stille nach dem letzten, schneidend dissonanten Akkord im ausverkauften Haus gefolgt von tosendem Applaus…

  Butterfly  – Opern Air – Auf Großbild Leinwand – Wieder am 16.6.2019

Für Opernenthusiasten, die nicht das Glück hatten, eine Karte zu ergattern und  nicht die Live-Übertragung aus dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden auf Großbild-Leinwand verfolgen konnten: Am 16.6.2019 wird Butterfly erneut Open Air – auf der Großbildleinwand übertragen. Die Zuschauer / Zuhörer können dann auf Picknick-Decken  die Oper in Stereo und höchster Qualität genießen; zudem ist das “Wiesbaden Opernpicknick” kostenfrei.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – Idomeneo – Titus, IOCO Kritik, 08.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Idomeneo – La clemenza di Titus – Wolfgang Amadeus Mozart

Internationale Maifestspiele 2019

von Ingrid Freiberg

Die Internationalen Maifestspiele 2019 in Wiesbaden stehen unter dem Motto „Die Stille dazwischen“. Das Genie Mozart ist Mittelpunkt der Festspiele. „Die Stille dazwischen“ ist ein Kerngedanke des Komponisten: „Die Musik steckt nicht in den Noten, sondern in der Stille dazwischen…“

Mit dem Mozart-Doppelprojekt Idomeneo und Titus, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der Musikalischen Leitung von Mozartspezialist Konrad Junghänel und der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg wird sein Schaffen vom Anfang und vom Ende her beleuchtet. Zwei Opern über zwei Herrscher, die auch das Heutige reflektieren: Machtstrukturen, Heimat haben und nehmen… Kreta ist vom Krieg verwüstet, trojanische Flüchtlinge und Naturkatastrophen bedrohen Idomeneos Insel. Titus hingegen ruft im glänzenden Machtzentrum Rom gegen die destruktiven politischen Ränkespiele Gnade und Vergebung als oberste Staatsräson aus. In beiden Werken verzweifeln Menschen an den Prüfungen, die ihnen auferlegt werden. Mozarts Musik lässt Utopie und Abgrund als zwei Seiten einer Medaille erscheinen.

Idomeneo – Wolfgang Amadeus Mozart
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Idomeneo

Mit 24 Jahren ließ Mozart noch keine „Köpfe“ rollen. Als er Idomeneo, ein Auftragswerk für den Münchner Fürst Karl Theodor schreibt (Uraufführung 1. Fassung 1781 in München, 2. Fassung 1786 in Wien), fügt er sich noch den Zwängen übergeordneter Autoritäten und komponiert als Dramma per musica auf ein vorgegebenes Libretto. Freilich nur nach außen hin – hinter der steifen Formfassade brennt sein Unabhängigkeitsfeuer längst lichterloh. Idomeneo ist Mozarts Sturm-und-Drang-Oper, womöglich sein wildestes Werk überhaupt. Mozart hielt sie für seine beste: ein spannungsgeladenes Menschwerdungsdrama. Seine enormen seelischen Emotionen vermochte der Komponist musikalisch in lyrischen wie in melancholischen Stimmungen zu spiegeln, in eruptiven Koloraturen und groß angelegten Chören. Es sind Botschaften der Aufklärung und des humanistischen Gedankens.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung

Idomeneo ist die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, den die Zerstörung bis in die Heimat verfolgt. Als Preis für die glückliche Heimkehr hat er dem Gott des Meeres einen Menschen als Opfer versprochen. Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen. Immer noch aktuell: Der Generation der Kinder wird auferlegt, Prüfungen zu bestehen und das Leben in eine heilere Welt zu überführen.

Stringente Herleitung aus der Musik

Dramaturgisch ist das Werk nach wie vor schwer zu knacken. Eric Uwe Laufenberg verbindet die erste Fassung (1781, München) mit der zweiten (1786, Wien), streicht bzw. ergänzt, nimmt aus beiden das Beste. Er überträgt Arien und Rezitative des Arbace auf den Oberpriester und erhöht damit das Geschehen. Schwerpunkt seiner Regie ist die stringente Herleitung aus der Musik. Laufenberg jongliert souverän in einem ästhetisch stark reduzierten Streifzug, erzählt eine zeitnahe Geschichte von komplexen Verwirrungen aus Schicksalsschlägen und Liebesleiden. Sein Idomeneo ringt um Macht, will trotz Krieg und Naturgewalten daran festhalten – bis hin zum Undenkbaren, seinen Sohn für eine bessere Zukunft zu opfern. Es ist eine rätselhafte Welt, in der der Meeresgott Neptun das Geschehen zu lenken scheint. Erst am Ende, wenn die Stimme des Orakels aus dem Off den Machtwechsel als überirdischen Kompromiss zwischen Meeresgott und Erdenwelt anordnet, überträgt Idomeneo seine Macht auf Idamante. Eric Uwe Laufenberg gelingt es, durch die vielfältigen Gefühlswelten zu führen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Schöpferische Phantasie und szenische Ästhetik

Seit langem stehen die Ausstattungen von Rolf und Marianne Glittenberg für schöpferische Phantasie, szenische Ästhetik und handwerkliche Perfektion. Die ethnologisch betonten Kostüme in vielgestaltigen Farben von Marianne Glittenberg für den Chor, und nicht zuletzt die prächtigen Gewänder von Idomeneo und Idamantes sind eine Augenweide. Der Bühnenrundraum von Rolf Glittenberg zeigt eindrucksvoll eine auseinandergeborstene Weltordnung. Es ist eine trostlose Trümmerwüste zwischen kaltem Beton, ein vor- bzw. nachzivilisatorischer Raum mit einem von Bomben zerschossenen Durchbruch, der erlaubt, auf das sich langsam wie auch stürmisch bewegte Meer zu blicken. Gérard Naziri (Video) und Andreas Frank (Licht) unterstützen diese Konzeption aussagekräftig.

Überzeugende Leistungen

Das Sänger-Ensemble bleibt den anspruchsvollen szenischen Herausforderungen nichts schuldig; hervorzuheben sind dabei die schauspielerischen Leistungen. Mirko Roschkowski, ein „Tenor zwischen Samt und Drama“, fesselt als Idomeneo durch seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs. Er ist keiner der femininen Mozart-Tenöre. Sein viriler Kern bekommt der Titelrolle ebenso gut wie die sanfte Belcanto-Politur, mit der er seine Partie veredelt.

Idamante und Ilia sind ein Paar, das seine Liebe hingebungsvoll lebt. Beide verschmelzen auf betörende Weise in den Liebesduetten. Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim (Idamante) betört mit seinem dunkelrubinroten Timbre. Patriotisch. Bewegt. Erotisch. Im Lauf des Abends wird er immer mehr zu einer männlichen Figur, der man alle innere Zerrissenheit zwischen Folgsamkeit und Liebespassion abnimmt. Er emanzipiert sich… Slávka Zámecníková (Ilia) singt bei ihrem Rollendebüt berückend mit fulminant aufblühendem Sopran. Aus der Barbarin wird ein menschliches Wesen. Ihre feenhafte Interpretation, die zarte Vielfalt der Farben, verbunden mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit überzeugen. Die furiose Elettra von Netta Or ist fordernd, leidend, zerbrochen. Nach ihrem bewegenden „Idol mio, se ritroso“ wünscht man ihr Liebe und Krone, und nicht, dass sie am Ende von Leichen umgeben in der Versenkung verschwindet. Ihre Furien-Dramatik gipfelt rachelüstern mit beachtlicher Koloraturtechnik in einer wild ausfahrenden Hass-Arie.

Eine besondere Rolle kommt dem Charaktertenor Rouwen Huther (Oberpriester) zu. Er übernimmt Arien und große Teile der Rezitative des Arbace und kann Idomeneo, der ihm von seinem Schwur erzählt, dominieren. Fein ausdifferenziert und nuanciert gewinnt seine Stimme mit exquisitem Timbre. Young Doo Park (Stimme des Orakels) vermittelt mit seiner Riesenstimme und sonoren Tiefe die Autorität Neptuns. Neben den vor Eifersucht getriebenen Rachegesängen Elettras, den lyrisch eindringlichen Arien Ilias und den Reflexionen Idomeneos steht das Quartett im 3. Akt „Andrò ramingo e solo“ mit Eka Kuridze, Barbara Schramm, Koan-Sup Kim und Slawomir Wielgus im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mehr als durch Albert Horne ist aus dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kaum herauszuholen: Er ist mit hoher Intensität ein wuchtiges Metaphern-Kollektiv, ein echter Hauptrollen-Gegenpart – klanglich wie darstellerisch souverän.

Konrad Junghänel lässt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden auf Festspiel-Niveau mit Klangkultur und federnder Geschmeidigkeit aufblühen. Dezent, zielgerichtet und sensibel blüht Mozarts experimentellste Opernpartitur in all ihren Facetten auf: die machtvolle Feierlichkeit der Ouvertüre, die fast schon impressionistisch getönte Empfindsamkeit Ilias etwa in ihrer „Zephyretten-Arie“ oder die expressive Wucht der großen Chorszenen… fein, von den Celli bis zu den Hörnern in der kleinsten Phrase ausformuliert. Das ist schlicht großartig!

Das Publikum spendet allen Mitwirkenden herzlichen Applaus. Die Vorfreude auf den kommenden Opernabend ist geweckt, auf Titus, der inhaltlich mit Idomeneo verbunden wird und doch Raum lässt für eine Einzelbetrachtung: zwei Herrscher in prekären Situationen, die sich redlich Mühe geben, das Richtige zu tun, und dabei unter dieser Bürde leiden. Der eine soll den eigenen Sohn töten, weil er in Lebensgefahr den Göttern ein unkluges Versprechen gab, der andere soll selbst sterben, weil eine enttäuschte Frau ein rachedurstiges Komplott plant. Es bleibt spannend!

 La Clemenza di Tito  – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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La Clemenza di Tito – Die Milde des Titus

La clemenza di Tito (Die Milde des Titus) ist eine Lobeshymne, eine Huldigungsoper, ein Dramma per musica in zwei Akten. Die Uraufführung fand 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen statt. Sie erzählt die Geschichte um Macht, Intrigen und das milde Vergeben des römischen Herrschers Titus, der sein Volk versöhnt, den Staat befriedet und selbst dem Attentäter Sesto verzeiht. Damit brachte Mozart seine Vision des friedvollen Zusammenlebens musikalisch zum Ausdruck.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Bomben auf das Wiesbadener Kurhaus

In einer durchorganisierten sterilen Zentrale übt Titus seine Macht in Form von Milde aus und gerät in Konflikte, weil seine Gnade als Zumutung gesehen wird. Seine unbegrenzte Gnade geht soweit, dass er auch jenen verzeiht, die ihn töten wollen. Er macht sich zu einem gottähnlichen Herrscher. In seinem Machtsystem gibt es keinen, der das aushält. Im inneren System des Staates sind Umsturz, Attentate und Machtübernahmen bis hin zur Folter möglich. Herrschaft mit Gnade kann auch grausam sein. Uwe Eric Laufenberg erzählt den Titus-Stoff packend, dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie zeitlos Machtmissbrauch und Intrige, die eigentlichen Inhalte von Mozarts Oper, immer waren und immer sein werden. Das Rezitativ „Oh Dei, che smania è questa“ singt Silvia Hauer (Sesto) – sehr passend aus der Kaiserloge – und wirft per Videoprojektion Bomben auf den römischen Titusbogen /Wiesbadener Kurhaus, dessen Inschrift in „Divo Vespasiano Augusto“ umgewidmet wird. Die Flammen lodern hell auf… Ein toller Regieeinfall und einer der Höhepunkte des Abends. Ein guter Ausgang war der Regie offenbar unheimlich. Vitellia trinkt Gift!

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Entgegen dem Bühnenrundraum von Idomeneo, in dem Empathie ausgelebt werden kann und der durch Farben bestimmt ist, strahlt der gleiche Raum in Titus Kühle aus. Durch eine große weiße Treppe wird hierarchisch geregelt, wer oben und wer unten steht. Auf dieser monumentaler Treppe kommt der Chor vortrefflich zur Geltung. Rolf Glittenberg gelingt ein überzeugender – optisch vergleichender – Übergang zwischen den beiden „Herrscher-Opern“. Die Kostümdesignerin Marianne Glittenberg unterstreicht die römischen Machtstrukturen mit schwarz-weißer Businesskleidung, die Zuordnungen zulässt.

Emotional und spannend

Mirko Roschkowski ging das Wagnis ein, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beide Titelpartien zu singen, was ihm voll umfänglich gelingt. Er ist als Titus ein Aggressor als Vergebungskaiser mit klarer und eleganter Definition, wie für Mozart notwendig, dabei mit sorgfältig dosiertem Schmelz ausgestattet. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten. Auch szenisch, mit zerrissener Präsenz, kann er punkten.

Olesya Golovneva als machtgierige Vitellia glänzt mit blitzsauberen nuancenreichen Koloraturen und lebt ihre Rachsucht und Lüsternheit darstellerisch voll aus. Besonders eindrucksvoll ihr Rezitativ „Ancora mi schernisce?“, mit dem sie Sesto davon überzeugt, Titus zu ermorden. Außerordentlich und fast zu Tränen rührend ist der Sesto von Silvia Hauer. Mit großer Stimme, die sie biegsam und fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und emotionsstarker Gestaltungskraft. Ihre Fermaten und Pianomomente betonen „Die Stille dazwischen“. Lena Haselmann singt den Annio mit Grandezza, Schönheit, apart mit schauspielerischer Fantasie. Ihr schlanker Mezzosopran mischt sich im Liebesduett ideal mit dem frischen, brillierenden Sopran und dem feinsinnig lustvollen Spiel von Shira Patchornik als Servilia.

Young Doo Park (Publio) repräsentiert die Macht des Volkes, verfügt über die Durchsetzungskraft, die Titus fehlt. Mit sicher geführter Stimme, markig, aber auch samtig weich, ist er auffällig präsent. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen des Chores des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bei diesem Mozart-Doppelprojekt über ca. sechs Stunden sind eine beeindruckenden Glanzleistung. Unter der Leitung von Albert Horne gewinnt er immer mehr an Kontur.

Besonders berührt der Soloklarinettist Adrian Krämer, der auf die Treppe kommt und atemberaubend die Arie „Parto, ma tu ben mio“ des Sesto begleitet. An dieser Stelle leuchtet Mozarts Musik herrlich auf. Im zweiten Akt spielt er das Bassetthorn zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der beiden Proszeniumslogen.

Auch am zweiten Abend gelingt es Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester Wiesbaden transparent, elegant, präzise – immer im Sinne einer mitreißenden Mozart-Konturierung aufleuchten zu lassen. Er lässt immer wieder Stille zwischen die Takte, verlangsamt oder beschleunigt zu exzellierenden Genussstrecken, die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamend, den motorischen Hauptteil kräftig angezogen. Diese Höchstleistung war nur zu realisieren, indem die Mitglieder des Orchesters für beide Opern aufgeteilt wurden, somit wurde eine effektivere Probenarbeit ermöglicht.

Aufwühlende, inspirierende Opernabende mit viel Beifall.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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