Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 15.11.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Der Rosenkavalier – Richard Strauss

– Ein „Rosenkavalier-Sonderzug“ fuhr von Berlin nach Dresden –

von Ingrid Freiberg

Schon wenige Wochen nach der Uraufführung ihrer ersten gemeinsamen Oper Elektra  1909 in Dresden einigten sich das kongeniale Duo, der österreichische Schriftsteller Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss, darauf, eine neue Spieloper, die in der Zeit der ersten Regierungsjahre Maria Theresias um 1740 spielen sollte, zu schaffen, eine Komödie für Musik, eine Musizieroper. Es ist eine besondere Mischung aus Wehmut und Schmerz, aus Trauer und Heiterkeit, die Hofmannsthal in seinem Libretto lieferte und die Strauss in berückend schöner Weise Musik werden ließ. Sie schufen ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das Strauss auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern veredelte. Der Titel war bis kurz vor Drucklegung umstritten. Verschiedene Namen wurden vorgeschlagen, so sollte die Oper Ochs auf Lerchenau bzw. Silberne Rose lauten. Hofmannsthal schlug Rosenkavalier vor, was Strauss und sein Freund Harry Graf Kessler aber ablehnten. Weibliche Bekannte rieten aber von Ochs auf Lerchenau im Titel ab und plädierten ebenfalls für Rosenkavalier.

The Making of Rosenkavalier – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Den letzten Ausschlag gab Richard Strauss’ Ehefrau. Strauss kommentierte schließlich: Also Rosenkavalier, der Teufel hol ihn. Das Stück spiegelt auf subtile Weise die Befindlichkeiten einer Gesellschaft am Rande großer sozialer Umwälzungen wider. Heutzutage, wo sich die Brüchigkeit der sicher geglaubten Werte zeigt, gewinnt die Oper wieder an Brisanz. Die Uraufführung, unter dem Dirigat von Ernst von Schuch, in der Inszenierung von Max Reinhardt, Bühnen- und Kostümbildner Alfred Roller, war am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus Dresden ein Riesenerfolg. Es fuhr ein Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden. Selbst Zigaretten erhielten den Namen Rosenkavalier.

Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…

„Einer braucht den andern, nicht nur auf dieser Welt, sondern sozusagen auch im metaphysischen Sinn. (…) Sie gehören alle zueinander, und was das Beste ist, liegt zwischen ihnen: Es ist augenblicklich und ewig, und hier ist Raum für Musik“, schreibt Hofmannsthal im Ungeschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier (1911). Und Strauss: „Es ist schwer, Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch. Loriot bringt es sehr vereinfacht auf den Punkt: Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst: Es zeigt Männer als solche von der dämlichsten Seite. Nur der jugendliche Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau…“

Knisternde Erotik

In seiner der Ouvertüre hat Richard Strauss mit Hornstößen die Verführung eindeutig beschrieben. Da ist es nur folgerichtig, dass Regisseur Nicolaus Brieger der Partitur folgend bereits zu Anfang eine offene Bühne nutzt und damit einen ersten Höhepunkt setzt: Das leidenschaftliche Liebesspiel der Feldmarschallin mit ihrem jungen Liebhaber Octavian erfüllt das Theater mit knisternder Erotik… Alle tauchen fühlbar in die Musik ein. Nicola Beller-Carbone und Silvia Hauer sind auffallend spielfreudige Sängerinnen, die die hohen schauspielerischen Anforderungen, die Der Rosenkavalier erfordert, hinreißend  erfüllen. Wie überhaupt die Personenregie von Nicolaus Brieger voll überzeugen kann. Dazu gehört auch die verräterische Körpersprache von Octavian/Mariandl. Vortrefflich seine Deutung: Die Zeit… In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie…: Die Feldmarschallin schaut dabei wehmütig in einen Standspiegel, um sich schonungslos betrachten zu können. Zum Vergleich: Octavian, der stürmisch das Boudoir betritt, sich im Spiegel betrachtet und jugendlich unbeschwert um ihn herumtanzt. Entgegen des von Strauss vorgesehenen Auftritts des Sängers bei der morgendlichen Toilette der Marschallin tritt dieser schwerverletzt im Vorspiel zum 2. Akt auf. Videoprojektionen von Gérard Naziri zeigen im Hintergrund Kriegsszenen, schreckliche Kämpfe in Schützengräben, Detonationen, aber auch tanzende Paare zu hohl klingenden Walzern – eine Vorahnung auf den ersten Weltkrieg. Das gibt der Rolle des Sängers mehr Gewicht. Den von Hoffmannsthal vorgesehenen Mohr – hier nur als orientalischer Mohr mit Tablett in der Szene zu finden – wird durch den kleinwüchsigen Diener Mohammed Mick Morris Mehnert ausgetauscht. Faninal als neureichen nach Titeln strebenden Waffenhändler zu zeigen, der in einer hohen Halle seine Errungenschaften ungeniert mit einem sich drehenden goldenen Panzer demonstriert, der eine Bar in Form einer Weltkugel besitzt, die (wein)geistig seine Allmachtsfantasien anregt, ist durchaus schlüssig. Ein Kabinettstückchen, das Gezeter von Baron von Ochs, als ihn Octavian mit seinem Degen leicht an der Schulter verletzt. Mit Wiener Schmäh brilliert der lüsterne Baron, der in einer anrüchigen Spelunke im Rotlichtmilieu das reizende Mariandl alias Octavian verführen will. Ein Intrigantenpaar, sie Mutter von vier Knaben, angeblich ist Ochs der Vater – ein weiteres deutet sie mit Hilfe eines Kissens an, entlarvt, dass alles nur eine trügerische Farce ist, eine Wienerische Maskerad.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl  Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin © Karl Monika Forster

Bühnenraum und Kostüme lassen dem Verwirrspiel freien Lauf

Briegers Feinfühligkeit für die Charaktere der Figuren zieht sich durch das ganze Stück. Zu dieser wunderbar stimmigen Lesart passt auch die schnörkellose Einheitsbühne von Raimund Bauer, ein klassizistisch gestalteter Raum mit unterschiedlich hohen runden Plafonds. Das Boudoir ist bei niedriger Decke mit zarten weißen Vorhängen abgegrenzt, die das Geschehen dahinter erahnen lassen. Faninal residiert in einem hohen protzigen Industriellen-Palais, das seinen Reichtum repräsentiert. Das zwielichtige Etablissement im 3. Akt – mit Discokugel, Amüsierdamen, Séparées, kleinen Tischen mit Telefon, einer Damenkapelle und einem großen Bett, lassen dem Verwirrspiel freien Lauf. Es ist auch das Verdienst von Raimund Bauer, dass sich die Spielfreude des Ensembles voll entwickeln kann… Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind zeitloser dernier cri. Es ist eine Freude, die Ensemblemitglieder in den hervorragend geschnittenen Kostümen zu sehen, die die jeweilige Rolle prägnant hervorheben.

Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige!

Die Gesangspartien im Rosenkavalier zählen zu den lyrischsten und opulentesten aus der Feder von Richard Strauss. Nicola Beller Carbone als Feldmarschallin ist darstellerisch überzeugend und selbstbewusst, mit einem Hauch von Witz und Raffinesse. Ihr Sopran, schlank, fast jugendlich, mündet in einen schmerzlich errungenen, letztlich aber souverän abgeklärten Verzicht, in ein Loslassen einer zu Ende gehenden Liebe: Die Demut in mir zu erwecken, muss ich mich demütigen…

Eine kluge Frau, ein junger Mann, ein noch jüngeres Mädchen und ein libidinöser Baron: Vier Menschen versuchen, sich bei schönster Musik und mit klügstem Text nahe zu kommen. Turbulentes Ergebnis: Liebe, Triebe und Intrige! Eine Idealbesetzung des Macho-Tölpel Ochs auf Lerchenau ist Karl-Heinz Lehner: ...innerlich ein Schmutzian, aber äußerlich präsentabel! Der waschechte Österreicher bringt nicht nur das unverwechselbare wienerische Idiom von Natur aus mit, sein voluminöser makelloser Bassbariton spricht auch in jeder Lage mühelos an. Darstellung und Phrasierung sind Schmankerl. Sein Walzerlied ist das lebendigste Stück in dieser Oper, ein ungezähmter Ausdruck barocker Lebenslust. Mit Karl-Heinz Lehner wäre der Operntitel Ochs auf Lerchenau gerechtfertigt…

Silvia Hauer begeistert als liebreizender Octavian, als perfekter Quin-Quin mit jugendlichem Übermut, vollmundig, sinnlich, auftrumpfend und gleichzeitig verletzlich, wo nötig auch deftig. Ihre Stimme blüht in der Höhe auf und hat dennoch das wunderbare Mezzo-Timbre, das für diese Rolle gefordert ist. Und die Verbindung mit Aleksandra Olczyk als Sophie bedeutet Glückseligkeit pur. Zunächst naiv, erwartungsvoll und von entzückender Erscheinung entwickelt sich Sophie zu einer heranwachsenden, selbstbewussten Frau, im Kampf gegen die eigene Ohnmacht in einer männerdominierten Welt und gegen ihren strengen, bevormundenden Vater. Sie berührt mit zarter Sopran-Leuchtkraft. Von bezaubernder Schönheit ist das Terzett Hab mir’s gelobt am Ende des 3. Aktes mit Nicola Beller-Carbone, Silvia Hauer und Aleksandra Olczyk. Das ist Musik zum Wegträumen. Hier bietet die Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, zeigt aber auch tiefe Brüche.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier :   Aleksandra Olczyk als Sophie, Silvia Hauer als Octavian © Karl – Monika Forster

Wenn der Aufsteiger Faninal dem ungehobelten Baron unterwürfig entgegentritt, sagt das einiges über seinen Charakter aus: Schmeichelei und klare ökonomische Berechnung. Thomas de Vries setzt mit eloquenter Deklamation, differenziert, ausgereift, mit den beredten Schattierungen seines Baritons den neureichen Schnösel perfekt um; imponierend, seine reichen stimmlichen Mittel in umgekehrtem Verhältnis zur Erfüllung seiner väterlichen Fürsorgepflicht… eine Idealbesetzung.

Sharon Kempton beweist als Jungfer Marianne Leitmetzerin, dass sie alles in der Welt ist, nur keine Jungfer. Schrill und witzig, manchmal auch nachdenklich, macht sie aus dieser Rolle mit frischem, brillierendem Sopran und lustvollem Spiel eine feine Charakterstudie. Herauszuheben aus dem durchweg ausgezeichneten Ensemble sind die köstlich kokettierende Fleuranne Brockway (Annina) und der groteske Rouwen Huther (Valzacchi) als virtuoses italienisches Intrigantenpaar. Benjamin Russell (Ein Polizeikommissar / Ein Notar) hat nicht nur einen wohlklingenden Bariton mit kompromissloser Diktion, seine Stimme agiert auch mit beredten Schattierungen. Ralf Rachbauer ist mit eleganter Haltung und herrlich tenoreskem Schmelz sowohl Haushofmeister der Feldmarschallin als auch Haushofmeister bei Faninal. Wieder einmal gewinnt Erik Briegel durch Überzeichnung einer Figur. Als umtriebiger transsexueller Wirt in einem Paillettenkleid und High Heels muss er aber letztendlich erkennen, dass die Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren hat. Ioan Hotea (Ein Sänger) bringt die italienisierende Tenorarie Di rigori armato il seno  – kriegsversehrt und aus der Zeit geworfen – mit Schmelz und strahlender Höhe. Sonderlob gebührt dem Chor und den Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von denen jede Sängerin und jeder Sänger eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Mit frecher Spiellaune agieren die Sänger des Wiesbadener Knabenchors unter Leitung von Roman B. Twardy. Die Statisterie des Hessischen Staatstheaters spielt an diesem Abend nicht nur die sprichwörtliche Nebenrolle. Ohne ihr buntes Treiben würde der Oper Wichtiges fehlen. Eine gute Wahl ist die Besetzung der Rolle des Leopold mit dem Schauspieler Lukas Schrenk – mit kleinen Gesten erzielt er maximale Wirkung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier - hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Rosenkavalier – hier : vl  Lukas Schrenk, Karl-Heinz Lehner als Ochs auf Lerchenau, Ralf Rachbauer © Karl – Monika Forster

Generalmusikdirektor Patrick Lange, der seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2022/23 verlängert hat, verwendet das Notenmaterial von 1911. An „seinem“ Pult stand 1926 Richard Strauss und leitete ebenfalls den Rosenkavalier. Sicherlich eine große Inspiration für Lange: Selten klang das Hessische Staatsorchester Wiesbaden so wohldosiert in blindem Einverständnis mit den SängerInnen. Da blüht die herrliche Musik richtig auf. Der Frühling ist da – im Aufbrausen der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Sophie und Octavian, auch der Spätsommer und Herbst in den melancholischen Reflexionen der Feldmarschallin. Langes Stärke liegt in den präzisen Einsätzen der Solisten – hervorzuheben sind die Holzbläser!  Er hält das Orchester mühelos zusammen und erzeugt gerade in den symphonischen Segmenten den charakteristischen Strauss-Klang volltönend, alles Lyrische und Dramatische wird herausgeholt.

Alle Beteiligten werden bejubelt! Es gibt Standing Ovations!

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Carmen – Georges Bizet

– von Straßenräubern, Deserteuren, Toreros, Soldaten und jungen Hexen mit großen schwarzen Augen…-

von Ingrid Freiberg

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und die Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen, besonders im Kontext des streng religiösen, konservativen Spaniens. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch auch nicht unumstritten ist. Heute, rund 150 Jahre nach ihrem Erscheinen, ist Carmen immer noch ein Begriff, der nichts von seiner Lebendigkeit und seiner Mystik verloren hat. Mit den Facetten der spanischen Kultur war Mérimée vertraut. Besonders in Paris genoss er den Ruf, ein ausgeprägter Spanienkenner zu sein. Während einer Reise 1830 nach Andalusien sog er Emotionen und Gegensätze, Licht und Schatten, das Unterschwellige und Groteske, Könige und Bettler. Prinzessinnen und Räuber, Heilige und Stierkämpfer, Straßenräuber, Häftlinge, Deserteure, Toreros, Soldaten, junge Hexen mit großen schwarzen Augen förmlich auf…

The Making of Carmen  –  Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Zwischen Eros, Lust und Tod…

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

 Georges Bizet (1838 – 1875) erwarb vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Als Reformer der Bühnenpädagogik erarbeitete er sich einen herausragenden Platz in der Theatergeschichte. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique war Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Die Oper wurde 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und wurde zunächst vom Publikum wegen der drastischen Milieuschilderung ablehnend beurteilt. Die Geschichte um das Zigeunermädchen Carmen, den Soldaten Don José, um dessen Verführung und seinen Niedergang als Schmuggler und Mörder, ist der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Bizet hat mit Carmen so etwas wie den Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Bizet erhob die Minderprivilegierten – die verhängnisvoll-verführerische Zigeunerin Carmen und den desertierten Soldaten Don José – zu den Hauptfiguren seiner Geschichte. Erst die frenetischen Kritiken zahlreicher Musikgrößen und der Riesenerfolg einer vor allem tänzerisch aufgearbeiteten Fassung in Wien im Oktober 1875 trugen letztendlich zum Durchbruch der Oper bei. Den Mega-Erfolg erlebte der früh verstorbene Komponist nicht mehr. Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung. Und ausgerechnet der Vorplatz einer Zigarettenfabrik ist Schauplatz des 1. Aktes seiner Oper Carmen!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen, Sebastian Gueze als Don Jose und Philipp Mayer als Zuninga © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Die Inszenierung von Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten, also auf der Opéra comique. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die Sängerdarsteller, die lange französische Dialoge bewältigen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas (geschmückte Stechlanzen) in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert.  Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Uwe Eric Laufenberg sieht Carmen als eine Frau, die vom Mann, vom Stier, in den Kampf gezwungen wird. Sie lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben. Sie ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend.  Die flirrende Welt aus militärischer Ordnung und Schmugglerchaos, das Tableau für die unterschiedlichen Charaktere, der tugendhafte Don José, der aufgeplustert eitle Torero, die Zigeunerin, für die das Liebesspiel so frei wie ein bunter Vogel sein soll, die schummrig düsteren Kartenlegerinnen und die gottesfürchtige Micaëla, alle haben eigene Lebensideale. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf ist die Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche zu groß werden, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er einen mittigen rechteckigen Kubus als Trennungslinie nutzt, was rasche Szenen- und Requisitenwechsel ermöglicht. Bühnenraum und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossen Raum. Der Schriftzug „Toros si, corridas no“ auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die sich drehende Bühne und das raumteilende Rechteck lassen auch zu, dass sich Carmen und José nackt in einem rotsamtenen Lotterbett lieben. Auch die furiosen Auf- und Abgänge des Chores werden durch die Bühnenkonzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird gekonnt entsprochen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sebastian Gueze als Don Jose, Philipp Mayer als Zuninga und Ensemble © Karl Monika Forster

Sängerensemble meistert lange französische Dialoge – Mit Bravour

Carmen ist eine der wenigen Opernrollen, die von Vertreterinnen verschiedener Stimmgattungen dargeboten werden kann. In erster Linie von Mezzosopranistinnen, aber auch von dramatischen Spielaltistinnen und Sopranistinnen. Mit der Besetzung der Titelpartie steht und fällt der Erfolg. Die ukrainische Sängerin Lena Belkina hat einen warmen, wohlklingenden Mezzosopran, der über blitzsaubere Einsätze und verführerische Habanera-Girlanden verfügt. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten und beliebtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Hier lässt Lena Belkina das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, darstellerisch vermissen und ist auch stimmlich zu kontrolliert. (Eine Aufführung am Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ist mit dem Opern-Entertainment in Bregenz nicht zu vergleichen. Hier reüssierte Lena Belkina 2018…)

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“  beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt den betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Zunehmend singt sich Guèze in die immensen Anforderungen dieser Partie hinein. Am Ende erdolcht Don José seine geliebte Carmen: „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée“.  Christopher Bolduc (Escamillo) gewinnt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. noch nicht voll umfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus voll ausleuchtet.

Es ist nicht immer so, aber diesmal tritt Micaëla als Siegerin auf. Sie bekommt zwar als Bühnenfigur nicht das, was sie eigentlich will, aber Sumi Hwang ist der Lichtblick des Ensembles und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Das brave Bauernmädchen mit strahlendem Sopran, Innigkeit und engagiertem Spiel weiß sich glasklar in Szene zu setzen und wird begeistert gefeiert. Keine Arie wird mehr bejubelt als Je dis, que rien ne m’épouvante im 3. Akt. Sumi Hwangs Auftritt hoch oben auf dem Rechteck gibt dem Publikum, worauf es gewartet hat… Ausdruck, Lebendigkeit und Gefühl.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte und gesungene Unverfrorenheit. Maskulin, machohaft und auffällig präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein perfektes Solisten-Ensemble. Auch Shira Patchornik (Frasquita) und Silvia Hauer (Mercédès) profilieren sich mit Sinnlichkeit und Schmelz auf hohem stimmlichen Niveau. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Lena Belkina als Carmen © Karl Monika Forster

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum und zeigen mit den Fingern ins Publikum. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber angenehm präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastisches Winken. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

GMD  Patrick Lange, Musikalische Leitung, grundiert die bekannten Melodien und die raffinierten Rhythmen von Anfang an mit feurigem Esprit. So wirkt die Partitur stets wie ein vorauseilender Kommentar zur Handlung und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden macht dies mit vielen Zwischentönen und brillanten Farbwirkungen lebendig. Es schafft Spannungsmomente von großer Intensität, ist tadellos fein auf die Sänger abgestimmt und bringt die Sehnsüchte nach der großen erotischen Liebe, die männliche Wut und die animalischen Verlockungen in einen meisterhaften Klangrausch.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT HERZLICH. – GROSSE BEGISTERUNG FÜR SUMI HWANG!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Termine 18.9.; 22.9.; 4.10.; 10.10.; 12.10.; 20.10.; 26.10.; 13.11.2019 und mehr …

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Betrachtung, 08.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Die  Meistersinger von Nürnberg

Musikalische Betrachtung mit Detlev Eisinger und Betsy Horne

 

von Ingrid Freiberg

Der Richard-Wagner-Verband International, Ortsverband Wiesbaden e. V., lädt unter Federführung von Prof. Dr. Gustav G. Belz zu einer musikalischen Betrachtung zu Die Meistersinger von Nürnberg, der einzigen komischen Oper Richard Wagners, im Rahmen der Internationalen Maifestspiele in das wunderschöne Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ein. Man fühlt sich als willkommener Gast einer Familie und wird – wie viele andere auch – persönlich begrüßt. Die Veranstaltung wird durch zahlreiche Sponsoren, u.a. Reinhard Winkler, der Musica Viva-Maria-Strecker-Daelen-Stiftung und weiteren Spendern ermöglicht. Protagonisten dieses besonderen Abends sind Prof. Detlev Eisinger und Betsy Horne. Sie wurden seit Längerem angekündigt und ungeduldig erwartet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Prof. Detlev Eisinger – unmittelbar und kenntnisreich

Das Publikum möchte mehr über Die Meistersinger von Nürnberg wissen, die am darauffolgenden Abend in einer Gala-Vorstellung mit einer sogenannten „Bayreuther Besetzung“ (Hans Sachs Michael Volle, Eva Betsy Horne, Walther von Stolzing Thomas Blondelle, Sixtus Beckmesser Johannes Martin Kränzle, David Daniel Behle, Veit Pogner Günther Groissböck) aufgeführt werden, und die professionelle künstlerische Arbeit näher kennenlernen, Genaueres über das Werk, über seine historische Wirkung und geistesgeschichtliche Zusammenhänge erfahren, denn dieser Wissenshintergrund erhöht bekanntlich den Hörgenuss! Das ist auch der primäre Anreiz, das Gesprächskonzert von Prof. Eisinger zu besuchen. Er hat das Talent, unmittelbar und kenntnisreich große Werke der Musikgeschichte zu vermitteln. Dem Publikum werden geschichtliche, mythologische, philosophische, musikalische sowie politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich gemacht. Im Laufe des Abends gelingt es ihm, die genaue Konstruktion des Werkes, den Hintergrund des Komponisten, die Komposition und deren Einbettung in stilistische Epochen zu erfassen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Eisinger gibt Anregungen, der Musik kundig zuzuhören, zu verstehen, was sie ausdrückt und den Text richtig aufzunehmen. Nur, wer wirklich versteht, was Wagner geschrieben hat, braucht nichts hineinzudeuten. Er versteht es, komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass man dafür nicht Musikwissenschaft studiert haben muss. Tonartencharakteristiken, doppelte Punktierungen und prägnante Leitmotive werden besonders hörbar, wenn Eisinger ein Leitmotiv Wagners mit einer Melodie eines anderen bedeutenden Komponisten vergleicht: mit Bach, Beethoven, Brahms und anderen Werken Wagners. Seine Musikbeispiele – die er bisweilen auch singt – lassen tief und genussreich in das Werk eintauchen. Er „erfühlt“ die Musik auf der Basis einer umfangreichen und soliden Kenntnis von Musik und deren Interpretationen. Dabei berücksichtigt er, dass sich der Zuhörer nicht in einem musikwissenschaftlichen oder historischen Vortrag befinden möchte, so interessant diese Gebiete auch sind. Emotional öffnet er die Türen zum Verständnis der Musik in lockerem Gesprächston. Er öffnet sein Herz, sein Gefühlsleben und bringt seine eigenen Ideen und Gedanken zum Werk ein. Dabei ist es sein Anliegen, dem sporadischen Konzertbesucher, dem musikalisch Begeisterten wie auch dem Grenzgänger einen direkten Zugang zur Komposition zu ermöglichen, ohne ihn zu überfordern. Für den musikalischen Kenner tritt als weitere reizvolle Komponente hinzu, zu hören, welche Assoziationen und Gedanken Eisinger zu dem jeweiligen Werk hat. So ist sein Gesprächskonzert in Form einer Klavier-Matinee ein publikumswirksamer Erfolg.

„In Anerkennung seines großen, unermüdlichen und jahrzehntelangen Einsatzes für das Schaffen Richard Wagners“ wurde ihm der „Pro Musica Viva-Preis“ der Maria Strecker-Daelen-Stiftung verliehen. Mittlerweile gibt es von seinen Einführungen zu allen großen Bühnenwerken Wagners auch CDs (www.musicom.de).

Leichtfüßig zum Vorspiel

In Wiesbaden bestens bekannt, gibt es schon „Bravorufe“ als Prof. Detlev Eisinger leichtfüßig die Treppe des Foyers zum Flügel herunterspringt, um mit dem Vorspiel Meistersinger zu brillieren. Mit Fug und Recht ist das Vorspiel mit dem Attribut der Ambivalenz zu charakterisieren. Trefflich arbeitet Eisinger die vielen musikalischen Aromen dieser Musik heraus. Das zeigt sich zu Beginn im groben Marschthema, welches zugleich Kontrapunkt im besten Sinne ist: Ton gegen Ton. Gelehrtheit und Banalität treffen aufeinander. Die nachfolgenden Achtelsequenzen sind bestens dazu angetan, den feierlichen Klang auszubilden und die Simplizität eines Spielwerks anzudeuten. In dieses Reich des absurd Feierlichen gehören auch die übertrieben breiten Schlusskadenzen. Wagner bringt es fertig, die gegensätzlichen Charaktere zu mischen und sich ihrer meisterlich anzunehmen. Diese Mixtur produziert nationale Aktualität und nationale Identität. Das Klavier-Solo von Eisinger besticht mit virtuosen Läufen, schnelle Arpeggios untermalen wundervolle Melodielinien.

Die Meistersinger von Nürnberg  –  Richard Wagner
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Wagners werkwitzige Komödie

Die Meistersinger sind Wagners werkwitzige Komödie, die sich bei näherer Betrachtung als eines seiner sprachlich tiefsinnigsten und dramaturgisch ausgereiftesten Werke entpuppt. Es befasst sich mit dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Genie und handwerksmäßiger Routine. Die Ironie ist in der Musik leicht zu erkennen. Der Meistergesang wird von Wagner degradiert, besonders in seinen späteren Auswüchsen. Es geht ihm darum, diese lieblose Art zu bekämpfen. Wagner teilt hiermit einen Seitenhieb auf die Kritiker aus, speziell auf die, die Kritik um der Kritik willen ausüben. Auch liegt im Werk seine Sehnsucht nach einem friedlichen Ort, der später für ihn Bayreuth werden sollte.

Leitmotivik, Diatonik, Kontrapunktik nach barockem Muster, Chromatik, schweratmende Synkopen und Kunsttradition werden von Eisinger beleuchtet. Besonders berührt seine Interpretation des Preisliedes, ein hinreißend schwungvolles Lied von Frühling und Liebe „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald, das laut es ihn durchhallt und wie in fernen Wellen der Hall von dannen flieht, von weit her naht ein Schwellen, das mächtig näher zieht… Die selige Morgentraum-Deutweise, sei sie genannt zu des Meisters Preise“.

Eisinger äußert, dass es Wagner mit der Hochhaltung der deutschen Kunst nur um das Kulturelle, nicht aber um das Nationale geht. Aus diesem Blickwinkel heraus sind auch die letzten Verse von Hans Sachs zu interpretieren: „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister und gebt ihr ihrem Wirken Gunst, zerging im Dunst das heil‘ge Römische Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“, das heißt, selbst, wenn das Heilige Deutsche Reich – der Staat – zerstört werden würde, so bliebe immer noch die Kunst…

Betsy Horne steigert die Vorfreude

 Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Obwohl die europaweit verpflichtete Betsy Horne die Eva in den Meistersingern schon am kommenden Abend singen wird, und einen Tag zuvor als Elisabeth in Tannhäuser überzeugte, glänzt sie mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung mit der Arie aus den Meistersingern:O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann! Wie ich dir Edlem lohnen kann! Was ohne deine Liebe, was wär ich ohne dich…“

Mit ihrem empathischen Vortrag von Treibhaus, dem 4. Gedicht des Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck, den sie Richard Wagner während seiner Asyl-Zeit in Zürich überreichte, wird die Vorfreude auf den kommenden Abend noch gesteigert. Ihr samtweicher Sopran ist geradezu prädestiniert für dieses Lied und die Rolle der Eva. Betsy Horne ist auf dem Weg zu einer ganz großen Karriere…

Die dankbaren Zuhörer applaudieren herzlich für ein unterhaltsames Gesamtpaket aus Musik und Wissen.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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