Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Albert Herring – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 25.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

  ALBERT HERRING   –  Benjamin Britten

– Eine herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie –

von Uschi Reifenberg

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Nach der überaus schwierigen und herausfordernden Spielzeit 20/21 setzte das Nationaltheater Mannheim nun mit einer humorvollen und farbenfrohen Neuinszenierung von Benjamin Brittens komischer Oper Albert Herring in der Regie von Cordula Däuper und der musikalischen Leitung von GMD Alexander Soddy einen gelungenen und vergnüglichen Schlusspunkt.

Benjamin Brittens vierte Oper kommt als herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie daher, eine Kammeroper, in der dreizehn Musiker, (den Dirigenten eingeschlossen), einem dreizehnköpfigen Sängerensemble auf der Bühne gegenüberstehen. Hier wimmelt es von skurrilen Typen und schrägen Charakteren, eine veritable Satire auf die spießige Verklemmtheit in einer englischen Kleinstadt am Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Albert Herring – Nationaltheater Mannheim
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Noch hatte das britische Empire zu dieser Zeit die Fesseln des Viktorianischen Zeitalters nicht vollständig abgestreift, es herrschen Prüderie, Doppelmoral und Standesdünkel, Außenseiter werden gemobbt und gesellschaftlich geächtet.

Brittens zentrales Thema kreist immer wieder um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft wie in den tragischen Stoffen Peter Grimes, den er zwei Jahre zuvor komponiert hatte, in Billy Budd oder auch Death in Venice. Da Britten mit dem Tenor Peter Pears seine Homosexualität offen lebte, diese aber in England erst 1967 legalisiert wurde, befand er sich selbst als populärer Außenseiter in einer gesellschaftlichen Grauzone.

Britten schrieb 1946/47 die komische Oper Albert Herring in drei Akten und fünf Bildern für seine „English Opera Group“, die er eigens zur Verbreitung englischer Opern und seiner eigenen Werke gegründet hatte. Das Libretto verfasste Eric Croizier nach der Novelle von Guy de Maupassant   Der Rosenjüngling der Madame Husson.

1947 in Glyndebourne uraufgeführt, sprudelt dieses Kammermusikalische Kleinod nur so von parodistischen Einfällen, Witz, Ironie, und überraschenden Pointen. Der stilistische Zitatenreichtum und die vielfältigen musikalischen Verweise reichen quer durch die Musikgeschichte, von Purcell über Wagner, traditioneller italienischer Oper, englischer Volksmusik bis hin zu Kurt Weill und Musicals. Jeder Figur ist ein musikalischer Stil zugeordnet, der die jeweiligen Charaktere unterstreicht oder parodiert.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Der Handlungsablauf ist überschaubar: Im fiktiven Küstenstädtchen Loxford soll dem moralischen Verfall Einhalt geboten werden. Die selbst ernannte Tugendwächterin Lady Billows will -zusammen mit einem Sittenkomitee – bestehend aus  Bürgermeister, Pfarrer, Polizist, Lehrerin und ihrer Haushälterin, die Maikönigin ausrufen, die für Alle ein Vorbild an Tugend und Sittsamkeit sein soll. Da es im Dorf aber kein Mädchen gibt, das diesen Ansprüchen genügt, wird ein junger Mann vorgeschlagen, Albert Herring. Etwas einfältig und verklemmt wie er ist, schuftet er brav im Gemüseladen seiner Mutter, die ihn gehörig unter der Fuchtel hat.  Bei der Krönung zum „Maikönig“ auf dem Festplatz, schütten ihm das befreundete jugendliche Pärchen Sid und Nancy Rum in die Limonade. Dadurch dermaßen enthemmt, macht Albert sich nachts heimlich aus dem Staub, stürzt sich ins Nachtleben, und erlebt- erlöst von seinen inneren Zwängen, endlich geistige und sexuelle  Befreiung. Da er noch am nächsten Tag verschwunden bleibt, wird er von der gesamten Sippschaft für tot erklärt, bis er plötzlich total ramponiert erscheint. Er weist seine nun erboste Mutter in die Schranken und macht sich auf, ein neues, selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Das Inszenierungsteam um Cordula Däuper hat eine fantastisch bunte Welt geschaffen, in der uns ein schrilles und surreales Arsenal an Figuren und Bildern überwältigt.

Der Bühnenraum wird ausgefüllt von einem riesigen, leicht schräg ansteigenden Tisch, der weit in den Hintergrund verlängert ist und als Spielfläche für das gesamte Stück dient. (Bühnenbild: Friedrich Eggert).  Darauf ist gewissenhaft ein Großmutter-Spitzendeckchen drapiert, auf welchem die Haushälterin Mrs Pike im Zimmermädchen-Look staubsaugt. (Kostüme: Sophie du Vinage). Es herrscht Ordnung und Sauberkeit.

Cordula Däuper tischt humorvoll und detailverliebt ein Kaleidoskop an Stilen und historischen Bezügen vom Barock bis zur Gegenwart auf, das bestens mit Brittens origineller und einfallsreicher Partitur korrespondiert. Die Figuren sind treffend karikiert, teils bis ins Groteske überzeichnet, werden aber in ihrer psychologischen Struktur und Scheinheiligkeit entlarvt.  Denn hinter der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit brodelt es gewaltig, tun sich ungeahnte Abgründe auf.

Moralische  Erstarrung, die Angst vor Erneuerung und Erweiterung der fest gefügten Gesellschaftsordnung zwingt die eingeschworene Gemeinde zu sinnentleerten Ritualen, die Opfer fordern. Erst im Bewusstsein von Alberts Tod im 3. Akt blickt man hinter die Fassaden, zeigen die Dorfbewohner Reue und echte Betroffenheit.  Die bunte Zuckerwatten-Welt weicht einer grau -trüben Realität.  (Licht: Damian Chmielarz). Gezeigt wird nun die Tristesse hinter der Idylle. Farblose Häuser senken sich von oben herab, ähneln Brittens Haus in Lowestoft. Ergreifend vereinen sich die neun Stimmen der Akteure zu einem Klagegesang von großer Intensität und echter Trauer.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Cordula Däuper verkleinert nach Herzenslust ins Miniaturformat  oder vergrößert ins Überdimensionale wie beim Festessen, wenn knallbunte riesige Kuchen, Gläser oder Pommes Teller hereingefahren werden, in denen sich die Honoratioren der Stadt genüsslich suhlen.

Witzige „Verzwergungen“ erfahren der Obstladen von Alberts Mutter, aus welchem sich wie aus dem Kasperle-Theater Albert herauszwängt. Anrührend ist die Szene, wenn sich Alberts Mutter beim vermeintlichen Tod ihres Sohnes  verzweifelt in sein winziges  Kinderbettchen hineinlegt. Wir treffen außerdem  den virtuosen Puppenspieler (Christian Pfütze) wieder, der mit Albert-Marionette die verdoppelten Identitäten respektive dessen alter ego treffend konterkariert und seine geheimen Wünsche und Sehnsüchte sichtbar macht. Am Ende ist es Albert selbst, der die Fäden der Marionette durchschneidet, eine symbolstarke und bewegende Geste.

Fast gruselig taucht immer wieder der monströse Puppenkopf der Mutter auf, eine Art Über-Ich Alberts, das ihm jegliche Sinnenfreuden oder Lebenslust verbietet. Einschüchternd  droht eine riesige Pranke, die den wehrlosen Jungen fest im Griff hat. Unsicher und zweifelnd sieht sich das  Muttersöhnchen im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Pflichterfüllung, noch unfähig, sich seine Träume und Hoffnungen einzugestehen.

Christopher Diffey als Albert Herring mit biederer, mädchenhafter Frisur, Latzhose und Gummistiefeln, zeigt überzeugend die Entwicklung des bis zur Selbstverleugnung angepassten  Jungen zum selbstständig handelnden Individuum, zunächst mit fein gezeichneten lyrischen Tenorfarben. Später, wenn er sein bis dahin ungelebtes Leben im Monolog reflektiert, gibt er der Stimme zunehmend Glanz und Format. Mit kraftvollen und eindringlichen Aufschwüngen lehnt er sich gegen sein vermeintliches Schicksal  auf.

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Das Sängerensemble besticht weiterhin durchweg mit vokalen und darstellerischen Glanzleistungen:  Caroline Wenborne gibt der Moralapostelin Lady Billows mit barockem Pomp und royaler Attitüde zweifelhafte Autorität und beherrscht ihre kleinstädtischen Untergebenen mit ihrem voluminösem dramatischem Sopran und exzellenter Bühnenpräsenz.

Das junge Liebespaar Sid und Nancy, quietschbunt und rockig ausstaffiert, verkörpert die Selbstbestimmtheit  einer neuen Generation, die ihre Gefühle auslebt und Einschränkungen nicht akzeptiert. Ilya Lapich mit klar fokussiertem Bariton, der als kluger Schnapsmischer den Stein ins Rollen bringt und Shachar Lavi mit schönem und leicht ansprechenden Sopran, agierten bestens aufeinander abgestimmt.

Florence Pike ist in ihrer moralischen Eilfertigkeit fast noch kompromissloser als Lady Billows, sie wird von Almuth Herbst mit herrlicher Ironie und viel stimmlicher Leuchtkraft ausgestattet.

Estelle Kruger besticht als hibbelige Lehrerin Miss Wordsworth mit funkelnden Koloraturen und herrlich spiessigem Habitus. Den selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Bürgermeister Mr. Upfold gestaltet Jonathan Stoughton mit heldentenoraler Durchschlagskraft und klischeehaftem Politiker-Gebaren.

Einmal mehr bestätigt Thomas Jesatko seine Vielseitigkeit. Mit flexiblen und ausladendem Bariton verwandelt er die wolkigen Phrasen des Pfarrers und seine Predigt über die Tugend in puren Wohllaut.

Julia Faylenbogen stattet Alberts Mutter mit satten klangschönen Mezzofarben aus, akzentuiert mit ihrer Resolutheit und wirkt anrührend im Schmerz um den vermeintlichen Verlust ihres Sohnes.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Das Dorfestablishment wird komplettiert vom Polizisten Budd, der als erster Albert als Maikönig vorschlägt. Bartosz Urbanovicz rundet die Sängerriege mit schönem und vollem Bass ab. Quirlig und stimmlich tadellos wirbeln Nayun Lea Kim, Alma Ruoqui Sun und Constantin Jacob als Kinder aus dem Dorf über die Bühne.

GMD Alexander Soddy, schließlich,  und die solistisch besetzten Orchestermusiker:  Sie alle musizieren und agieren, dass es eine Freude ist, perfekt gelingt die Harmonie zwischen Bühne und Instrumentalisten, jede Regung der Sänger wird im Orchestergraben  nuanciert beantwortet. Mit schlankem, kammermusikalischen Klang lässt Alexander Soddy Brittens Melodik schillern und versteht sich bestens auf das stilistische Kunterbunt. Die pointenreiche, satirische Tonsprache ist bei ihm in den besten Händen. Humorvoll werden die musikalischen Anspielungen präsentiert, transparent ausgestaltet sind die Rezitative mit der exzellenten Klavierbegleitung, die als geordnetes Chaos eine koordinatorische Meisterleistung darstellen. Die Musiker schwelgen im üppigen Melos, ohne ins Kitschige abzudriften.

Soddy lässt ideale  Klangbilder entstehen. Da hört man pompöse Händel-Anklänge, wenn Lady Billows angekündigt wird, schmettert Marschmusik bei der Wahl zum Maikönig, oder es erklingt ein Fugato, das Ordnung ins Durcheinander bringen will. Mal leuchten üppige Puccini-Kantilenen, dann wieder man freut sich, Wagners Tristan-Motiv erkannt zu haben, wenn Sid den Rum ins Glas mixt. Auch Siegfrieds Hornruf lässt grüssen, der den Anti-Helden Albert strahlend karikiert.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Hervorragend alle 12 Musiker des kleinen Orchesters:  Sorin Strimbeanu (Violine 1), Dennis Posin (Violine 2), Clémence Apffel-Gomez (Viola), Fritjof von Gagern (Violoncello), Johannes Dölger (Kontrabass), Robert Lovasich (Flöte), Jean-Jaques Goumaz (Oboe), Martin Jacobs (Klarinette), Antonia Zimmermann (Fagott), Andreas Becker (Horn), Lorenz Behringer (Schlagwerk), Eva Wombacher (Harfe), Elias Corrinth (Klavier).

Ein spaßiger und unterhaltsamer Theaterabend, der dennoch viel Nachdenkliches zu bieten hat. Das begeisterte Publikum spendete viel Applaus

Albert Herring; am Nationaltheater Mannheim; die nächste, letzte Vorstellung der Spielzeit am 28.7.2021;  ausverkauft

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere DER BARBIER VON SEVILLA, 01.11.2020

Oktober 27, 2020 by  
Filed under Nationaltheater Mannheim, Oper, Premieren, Pressemeldung

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

DER BARBIER VON SEVILLA – Gioacchino Rossini

Premiere am 01.11.2020
WHITE-WALL-OPER

Aufgrund unseres ausgefeilten Sicherheits- und Hygienekonzeptes ist es uns möglich, den Spielbetrieb bis auf Weiteres wie geplant fortzusetzen. Denn wie sagte eine Zuschauerin unlängst: »Man kann sich nirgends sicherer fühlen als im Theater!« Dennoch beobachten wir die Pandemieentwicklungen genau und aktuell mit großer Sorge. Gleichzeitig sind wir aber dank der positiven Resonanz unseres Publikums auch voller Zuversicht und freuen uns, an dieser Stelle auf die Premiere der dritten White-Wall-Oper am Sonntag, den 1. November 2020 hinzuweisen.

Schließlich handelt es sich bei Der Barbier von Sevilla um eine der erfolgreichsten Musikkomödien der Operngeschichte. Nicht zuletzt dank ihres Tempos, ihres subtilen Humors und ihren überraschenden Wendungen ist die Oper bis heute aus dem Repertoire nicht mehr wegzudenken.

Unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy erklingt die reduzierte Orchesterfassung von Gerardo Colella. Die von Ernesto Lucas handgezeichneten Illustrationen aus Tuschezeichnung und Aquarell erwecken das bunte Treiben in Sevilla zum Leben. Die junge Regisseurin Maren Schäfer bedient sich in ihrer ersten Regiearbeit für das Nationaltheater Mannheim bei den Charakteren und Typen der italienischen Komödie. Zudem stellt sie Rosina in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung, die sich aus ihrer Gefangenschaft befreit und beginnt, ihr eigenes Leben zu leben.

Musikalische Leitung: Alexander Soddy | Nachdirigat: Elias Corrinth | Regie: Maren Schäfer | Illustration: Ernesto Lucas | Animation und Videoproduktion: Eric Guémise | Videotechnik: Carl-John Hoffmann | Bühne: Anna-Sofia Kirsch | Kostüme: Charlotte Werkmeister | Licht: Nicole Berry | Chor: Dani Juris | Choreografische Mitarbeit: Luches Huddleston jr. | Dramaturgie: Deborah Maier

Besetzung: Graf Almaviva: Juraj Hollý | Bartolo, Doktor der Medizin: Bartosz Urbanowicz | Rosina, dessen reiches Mündel: Shachar Lavi | Figaro, Barbier: Ilya Lapich | Basilio, Rosinas | Musiklehrer: Sung Ha | Berta, Bartolos alte Dienerin: Estelle Kruger | Ein Offizier: Hyun-Seok Kim

Mit dem Nationaltheater-Orchester und den Herren des Opernchor

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Peter Grimes – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

PETER GRIMES  – Benjamin Britten

–  Scheitert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen –

 
von Uschi Reifenberg

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Riesige Gedenkmuschel an Benjamin Britten am Strand von  Aldebrough © IOCO

Das Meer ist allgegenwärtig in dem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Englands, es beherrscht in seiner Vielgestaltigkeit die Existenz der Dorfbewohner und durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Es ist die zentrale Elementargewalt, der sich die Menschen in dem rauen Küstengebiet nicht entziehen können. Es schafft Begrenzung, ist Tor zur Freiheit oder  letzter Zufluchtsort.
In Benjamin Brittens Oper Peter Grimes fungiert das Meer als eigentlicher Hauptträger der Handlung und wird zur Projektionsfläche der Protagonisten, zum Symbol für die Abgründe und Stürme der menschlichen Seele. In seiner Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit spiegelt es aber vor allem das aufbrausende Naturell des unglücklichen Titelhelden Peter Grimes.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. (…) Als ich Peter Grimes schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.“   (B. Britten 1945).

Peter Grimes – Benjamin Britten
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Britten wurde 1913 am Meer, in Lowestoft, Suffolk, geboren, und verbrachte bis zu seinem Tod 1976 fast sein ganzes Leben an der Ostküste Englands. Mit acht Jahren begann er bereits zu komponieren, 1933 beendete er sein Studium und mit 24 Jahren konnte er eine beachtliche Zahl an Kompositionen, vor allem im Bereich der Sinfonik, aufweisen. Auch als Dirigent Pianist und vor allem als Liedbegleiter erlangte er Weltruhm. 1937 begegnete Britten dem Tenor Peter Pears, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft und eine ebenso lange fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verband. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verließ der erklärte Pazifist zusammen mit Pears die Insel und übersiedelte in die USA, wo er auch die Versdichtung The Borough (Die Gemeinde, 1810) von George Crabbe kennenlernte.

Dessen Erzählungen über ein kleines Fischerdorf in Suffolk weckten Brittens Sehnsucht nach der Heimat und so kehrte er 1942, mitten im Krieg, zurück nach England, wo er 1944 mit der Komposition seiner Oper begann. 1945 in London uraufgeführt, wurde Peter Grimes zu einem Welterfolg und hob Britten quasi über Nacht in den Rang eines englischen Nationalkomponisten, fast 300 Jahre nach Henry Purcell.

In Crabbes Erzählung Peter Grimes, ist dieser ein gewalttätiger Sonderling, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren kann und will. Er ist für den Tod von drei Lehrjungen verantwortlich und wird deshalb von der Dorfgemeinschaft verfolgt und ausgegrenzt.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Britten und sein Librettist, Montagu Slater, erklärten 130 Jahre später den Konflikt der Titelfigur allerdings nicht aus dessen zweifelhaftem Charakter, sondern aus der Konfrontation des Einzelnen mit dem Kollektiv, ein Thema, das in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine besondere Aktualität erhielt. Slater und Britten machten aus Peter Grimes eine ambivalente Figur, dessen tragisches Scheitern aus dem Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen und unterdrückter Triebhaftigkeit resultiert. Der Titelheld weist damit in einem Aspekt Parallelen zu Benjamin Brittens eigener Biografie auf, der als homosexueller Künstler in England Mitte des letzten Jahrhunderts selbst auch ein Außenseiter blieb. Eindeutig thematisiert wird diese Problematik in Brittens Werk allerdings nicht.

Als Erneuerer der englischen Oper im 20. Jahrhundert wurde Britten zwar hochgeschätzt,
spürte aber, da seine Lebensführung nicht dem gängigen Gesellschaftsbild entsprach, die latenten Ressentiments und reagierte mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungsdruck. Diese Problematik verarbeitete er in seinen späteren Opern Billy Budd oder Tod in Venedig.

Bei Britten ist der Fischer Peter Grimes ein Einsamer, ein Zerrissener, der nach seinen eigenen Maßstäben lebt und sich durch sein cholerisches und unangepasstes Wesen immer mehr ins soziale Abseits manövriert. Er ist von fanatischem Arbeitseifer besessen und hofft auf Wohlstand und Ansehen. Er beschäftigt einen Lehrjungen aus dem Waisenhaus, der beim gemeinsamen Fischen auf hoher See stirbt. In einem Gerichtsverfahren muss sich Peter Grimes für dessen Tod verantworten, aber da ihm keine Schuld nachgewiesen werden kann, wird er freigesprochen. Die Dorfbewohner halten ihn jedoch für schuldig und verfolgen ihn mit Argwohn. Der alte Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die ihn für unschuldig hält und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt, stehen ihm bei. Als Ellen aber bei einem zweiten Lehrjungen Verletzungen findet, stößt Peter Grimes sie von sich. Der aufgestaute Hass der Gemeinde richtet sich immer offensiver gegen ihn und Grimes verfällt in einen psychischen Ausnahmezustand mit Wahnvorstellungen. Als er vor der aufgebrachten Meute flieht, kommt auch sein zweiter Lehrjunge zu Tode. In seiner Ausweglosigkeit nimmt er den Rat von Balstrode an und versenkt sich selbst mit seinem Boot im Meer. Die Dorfgemeinschaft geht ungerührt ihren eintönigen Alltagsgeschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Bei Peter Grimes handelt es sich um eine zeitlose Parabel im Spannungsfeld von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Britten stellt das Schicksal des Außenseiters zur Diskussion, ist Peter Grimes ein schlechter Mensch oder wird er durch die Gesellschaft dazu gemacht. Eindeutige Aussagen werden nicht getroffen, Vieles bleibt im Dunkeln.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Brittens Musikstil ist geprägt von Komponisten wie Henry Purcell, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch. Der Verismo findet seinen Niederschlag in Brittens großem Erstlingswerk genauso wie traditionelle Elemente aus der englischen Volksmusik. Er hielt an einer erweiterten tonalen Tonsprache fest, auch wenn er von Avantgardisten seiner Zeit dafür kritisiert wurde. Peter Grimes ist zwar „durchkomponiert“, hat aber formal geschlossene Abschnitte wie Ensembles, ariose Teile und dramaturgisch bedeutende Orchesterzwischenspiele,die „Interludes“. Die zweite große Hauptrolle übernimmt der Chor.

Regisseur Markus Dietz und Bühnenbildnerin Ines Nadler haben ein beklemmendes abstraktes Einheitsbühnenbild geschaffen, das in seiner Reduktion die Trostlosigkeit und Düsternis der Handlung und der Naturgewalten widerspiegelt. Grautöne in verschiedenen Abstufungen bis hin zur totalen Finsternis sind vorherrschend. Eine bewegliche Zwischendecke mit variablen weißen Neonlichtern, die scharfe Kontraste setzen (Lichtregie: Florian Arnholdt), beherrscht den Bühnenraum, weitet oder verengt die Szene und passt sich den Seelenzuständen der Personen an. Karge, vereinzelte Requisiten wie Fangkörbe, Tische und Stühle oder ein hell strahlendes Kreuz, verdeutlichen Küste, Kneipe oder sakralen Raum. Wenn die Gemeinde sich zum Trinken trifft, sorgt eine einsame bunte Lichterkette vor dunklem Hintergrund für Feierstimmung.

Ab dem 2. Akt bedeckt Wasser den Bühnenboden knöcheltief, so dass sich alle Personen mit Gummistiefeln fortbewegen. Eine perfekte Metapher für die immer weiter zunehmende klaustrophobische Ausweglosigkeit der Situation. Die Dorfbewohner tragen unscheinbare Alltagskleidung (Kostüme: Henrike Bromber), lediglich die Kneipenwirtin Auntie und ihre beiden Nichten stechen aus der Masse hervor mit modischen bunten und aufreizenden Outfits.

Markus Dietz‘ differenzierte Personenführung zeigt das Kollektiv der Gemeinde in seiner bigotten, moralinsauren Kleinbürgerlichkeit als homogene Masse, aus der einzelne scharf gezeichnete Individualisten hervorstechen, die Funktionsträger der Gemeinschaft. Überwältigend, wenn der Chor eine geschlossene Phalanx an der Rampe bildet und seine Wut in den Zuschauerraum schleudert. Mit großer Sensibilität gelingt dem Regisseur die psychologische Feinzeichnung der Beziehung zwischen Balstrode, Ellen und Peter Grimes, die eine Insel der Mitmenschlichkeit in einer feindseligen Welt darstellt.

Die Gerichtsverhandlung zu Beginn wird vor dem „eisernen Vorhang“ abgehalten auf einem schmalen Raum vor dem Orchestergraben unter Einbeziehung der Seitenlogen. Die Gemeinde, das sind die Fischer und ihre Frauen, unterhalten sich laut. Plötzlich sieht man eine Videoeinspielung, die ein Kind zeigt, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Das Bild kommt näher, das Kind wird gedreht, es ist tot. Die Verhandlung beginnt, Peter Grimes steht auf einem Stuhl und verteidigt sich, die Menge urteilt gegen ihn, der Richter plädiert aber auf Freispruch. Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin des Dorfes, einzige Lichtgestalt im strahlend weißen Kleid, erscheint selbst wie die personifizierte Unschuld. Für einen kurzen Moment, in einem ergreifenden a capella Duett zwischen Ellen und Peter Grimes, scheint das Glück für beide greifbar, aber wieder schiebt sich das Bild des toten Kindes dazwischen. Es entfernt sich, und im Wasser treiben nun mehrere tote Kinder. Die Traumatisierung des psychischen Borderliners Peter Grimes wird evident, man ahnt, dass die schrecklichen Bilder ihn nicht mehr Ioslassen werden. Das harte Leben der Fischer, die ihre Fangkörben stapeln um sich vor der Sturmflut zu schützen, wird durch das Agieren auf schmalem Raum beklemmend dargestellt, ebenso die drückende Enge im Dorfpub, in dem die Bewohner dicht an dicht gedrängt sind und Tanz, Gesang und Alkohol die traurige Realität verdrängen sollen. Auch hier kann sich Peter Grimes nicht integrieren, und wird verspottet. Ein weiterer Junge aus dem Waisenhaus wird für ihn gebracht, aber Ellen kann ihn nicht mehr beschützen.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Zu Beginn des 2. Akt sieht man wieder eine riesige Videoeinspielung, diesmal mit fröhlich lachenden Jungen und Mädchen. Im Hintergrund betet die Gemeinde in der Kirche, von der Decke hängt ein großes Kreuz in leuchtendem weiß. Als die Gemeinde auseinandergeht, fallen Vorhänge herab und geben den Blick frei auf ein mit roter Farbe geschriebenes Wort: Murderer! Eine suggestive Szene mit thrillerartiger Schockwirkung. Nun beginnt die Hetzjagd auf den Ausgegrenzten, Fackeln werden an die Meute verteilt, die in der Nacht eine gespenstische Wirkung entfalten.

Nach dem unglücklichen Tod des zweiten Jungen verfällt Peter Grimes dem Wahnsinn, auf einem harten Tisch liegend, fährt er auf der Zwischenebene nach oben, nicht mehr erreichbar für Ellen, die zusammenbricht. Man wird Zeuge einer fast unerträglichen Steigerung menschlichen Elends. Eine Tragödie von antikem Ausmaß. Balstrodes Rat, sich auf dem Meer zu versenken, ist für Peter Grimes die logische Konsequenz. Das Dorf nimmt den Selbstmord ungerührt zur Kenntnis.

Roy Cornelius Smith ist die Inkarnation des Fischers Peter Grimes. Stimme, Darstellung und Gestaltung verschmelzen bei ihm zu einer perfekten Einheit. Mit seiner bis an die Grenzen gehenden Expressivität gelingt ihm ein faszinierendes Psychogramm der gequälten Seele, die er aufs Sensibelste auslotet. Heldentenorale Durchschlagskraft, lyrische Innigkeit und und eine variable dynamische Bandbreite stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine feinsinnig aus dem Wort entwickelte Tongebung.

Astrid Kessler gestaltet die empathische und aufrichtige Ellen Orford mit luzider Ausstrahlung und seelenvoller Hingabe. Mit großer Leuchtkraft und perfekt austarierter Piano Kultur erzeugt sie Spannungen von besonderer Qualität und findet Schattierungen von anrührender Zartheit und sehnsüchtiger Melancholie.

Das moralische Gewissen der Gemeinde, Captain Balstrode, der klug zwischen den Fronten vermittelt, wird von Thomas Berau mit großer Intensität und Charisma verkörpert. Seinen kraftvollen, tragfähigen Bariton setzt er mit Wärme in allen Lagen ein und beeindruckt auch mit vorbildlicher Diktion.

Sung Ha singt den Swallow souverän mit balsamischen Basstiefen, Raphael Wittmer als Bob Boles setzt mit kräftigem Tenor komödiantische Akzente. Ilya Lapich gestaltet den Ned Keene mit baritonalem Wohllaut und Rita Kapfhammer als Auntie strahlt mit leuchtenden Sopranhöhen. Reverend Adams singt Uwe Eikötter mit charaktertenoralem Glanz, Marie-Belle Sandis verleiht der umtriebigen Mrs Sedley schöne Mezzofarben und Lebendigkeit. Hervorzuheben ist Lavinia Dames von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, die als „first Niece“ äußerst kurzfristig eingesprungen war und sich mit Ji Yoon, second Niece, blendend ins Ensemble einfügte. In weiteren stummen Rollen überzeugten Philipp Riehle als Boy John und Intendant Albrecht Puhlmann als Dr. Crabbe.

Der phänomenale Chor des NTM unter der Leitung von Danis Juris bewältigte die immensen Herausforderungen als wuchtigem Gegenspieler von Peter Grimes mühelos. Mit unter die Haut gehender Klanggewalt, rhythmischer Präzision und Textverständlichkeit beeindruckte der Chor auch darstellerisch als heterogenes Kollektiv, das seine Macht genussvoll ausspielt. Eine fantastische Leistung !

Der Engländer Alexander Soddy hat wohl eine besondere Affinität zu Brittens Musik, was an diesem Abend unschwer zu überhören war. Er steuert das Nationaltheater Orchester sicher durch die Klangfluten, mächtig brechen die Tutti-Wogen über den Solisten zusammen, grimmig brausen die Bläser-Stürme. Glitzernde Arpeggien von Harfe, Bratschen und Klarinetten und sehnsüchtige Violinen- Kantilenen lassen die „Dämmerung“, das 1. der „Interludes“, bei Soddy plastisch aufscheinen. Impressionistisch inspirierte Klangflächen, aus dem sich hohe und tiefe Glocken herauslösen, verdichten sich atmosphärisch zur Sonntagstimmung des 2. Interlude. Auch die melodisch und rhythmische Unbewegtheit des Nachtstücks gestaltet Soddy mit feinem Gespür für die kontrastierenden Spannungsabläufe von Brittens Musik.

Viel Beifall und Jubel im ausverkauften Opernhaus nach dieser herausragenden Produktion, die man auf keinen Fall verpassen sollte!

Besuchte Vorstellung: Premiere am 3. November 2019

Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim, die weiteren Vorstellungen:  7.11.; 22.11.; 29.11.; 18.12.2019; 5.01.2020 …

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Halfing, Immling Festival 2019, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 30.07.2019

Juli 30, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Immling-Festival, Kritiken, Oper

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Immling Festival

Immling Festival / Don Giovanni - Anastasia Churakova und Modestas-Sedlevicius © Verena von Kerssenbrock

Immling Festival / Don Giovanni – Anastasia Churakova und Modestas-Sedlevicius © Verena
von Kerssenbrock

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

– ungeliebtes Kind wird zum Mörder und Frauenheld –

von Daniela Zimmermann

Das populäre Immling Festival, auf Gut Immling bei Halfing, im bayerischen Chiemgau von Traunstein und Rosenheim gelegen, bietet Kulturliebhabern vom 22.6. – 18.8.2019 in intimer wie liebevoller ländlicher Atmosphäre ein reiches wie vielseitiges Programm: Liederabende, Musical (Shrek), eine Operngala für „Stars von morgen“, große Opernproduktionen und mehr. IOCO besuchte in Immling die Neuinszenierung von  Mozarts Oper Don Giovanni.

1786 schuf Wolfgang Amadeus Mozart  Don Giovanni, gemeinsam mit Lorenzo Da Ponte, welcher nicht nur als gesuchter Librettist bekannt war. Da Ponte begleitete auch, ein wenig passend zur Oper Don Giovanni, der Ruf eines genusssuchenden Lebemannes. Verena von Kerssenbrock inszenierte Don Giovanni für das Immling Festival; sie gestaltete das Bühnenbild relativ einfach aber doch originell: viele Türen, öffnen und schließen sich beständig. Durch diese Türen kommen und gehen in bunten Facetten  Suchende, Versuchende, Verführer.

Immling Festival / Don Giovanni - Ensemble © Verena von Kerssenbrock

Immling Festival / Don Giovanni – Ensemble © Verena
von Kerssenbrock

Don Giovanni ist heute Sinnbild für einen rücksichtslosen Verführers, Draufgänger, dem in grenzenloser Skrupellosikeit moralische Werte fremd sind. Warum, wie wurde Don Giovanni so rücksichtslos, ohne moralische Werte? Mit Beginn der Immlinger Inszenierung zeigt Regisseurin Verena von Kerssenbrock Verwerfungen auf, welche zu Don Giovannis maskuliner Gewaltbereitschaft, zu dessen Rücksichtslosigkeit  führen:   ein ohne Wärme, ohne Werte, ohne Mutterliebe aufgewachsener Mensch. Zur Ouvertüre von Don Giovanni zeigt die Bühne einen roten Stuhl, auf dem eine schwarz gekleidete Frau, die ihr Kind, Giovanni, mal in den Arm nimmt, dann aber wieder grob wegstößt, unnahbar bleibend. Aus solch traumatischer Kindheit entwickelt sich der Mann, welches zum alles verachtenden, rücksichtslosen Don Giovanni erwächst.

Das Operngeschehen in Immling zeigt mit Beginn einen dramatischen Verlauf. Donna Anna entflieht knapp einer Vergewaltigung; ihr herbeieilender Vater, der Komtur wird von Don Giovanni ermordet. Donna Anna und ihr racheschwörender Verlobter Ottavio sind aber nicht allein. Verzweifelt enttäuscht mit ihrem Brautkleid im Arm sucht auch Donna Elvira, Farooz Razavi, ihren treulosen Verlobten, Don Giovanni. Ihr dunkler schöner Sopran passt zu ihrer traurigen und so schändlich unerfüllten Liebe. Don Giovanni, (Modestas Sedlevicius), elegant, großspurig, raffiniert, an der Jacke mit Pelzkragen und an den roten Schuhen zu erkennen, eilt von  Abenteuer zu Abenteuer, während sein Diener Leporello, Ilya Lapich, hilft und dokumentiert per Handy und an Hand von Schuhen die zahlreichen Liebschaften. Ilya Lapich ist ein wunderbarer Komödiant und mit wohltimbriertem Bass ausgestatteter Sänger. So enthüllt Leporello den Hintergrund der Bühne, eine riesige Schuhwand, bestückt mit hunderten  Schuhen in allen Farben und Größen: die Trophäensammlung des Don Giovanni, seines Herrn. Die Ausdruckskraft dieser Schuhwand beschreibt den liebestollen Charakter des Don Giovanni in plastischer Vielfalt.

Immling Festival / Don Giovanni - Modestas Sedlevicius und Forooz-Razavi © Verena von Kerssenbrock

Immling Festival / Don Giovanni –
Modestas Sedlevicius und Forooz-Razavi © Verena
von Kerssenbrock

Lussine Levoni ist Donna Anna mit lyrischem sicherem Sopran; Jenish Ysmanov, als ihr Verlobter Don Ottavio, überzeugt stimmlich mit kräftig  warmem Tenor: die von ihm abverlangten Rachegelüste seiner rachedurstigen  Anna sind aber – herrlich dargestellt – nicht sein Ding: Don Ottavio spielt in blauen Jackett lieber Golf als sich mit einer Pistole an Don Giovanni zu rächen.

Und dann die junge Zerlina, (Anastasia Churakova); ein junges Mädchen aus dem Volk, welches sich durch die Avancen des Don Giovanni verehrt fühlt, und diese (er zaubert ein Brautkleid vom Himmel), von schlechtem Gewissen gegenüber Mazetto geplagt, nur zögerlich erwidert. Zerlinas Bräutigam Mazetto, von Simon Duus mit breitem Bass ausgestattet, durschaut durchaus Don Giovannis falsches Spiel und sinnt ebenfalls nach Rache. Letztlich rettet Elviras energisches Eingreifen Zerlina davor, ein weiteres Opfer Don Giovannis zu werden.  Alle Menschen in dieser Oper besitzen so unterschiedliche Charaktere; doch durch ihre Liebes- und Lebensbeziehungen sind sie alle untereinander verbunden. Lorenzo Da Ponte schuf ein wahrhaftig mitreißendes Libretto für Mozarts Oper.

Der Geist des ermordeten Komtur, von Tuncay Kurtoglu eindrucksvoll mit großem Bass dargestellt, bewirkt das Ende von Don Giovanni: er fordert Don Giovanni auf sich zu ändern und sein Handeln zu bereuen. Doch Don Giovanni fehlt jegliche Einsicht für sein rücksichtsloses Tun; trotz der Todesdrohung weigert sich sich zu ändern, zu bereuen. So wird seine folgende Höllenfahrt, sein Tod, zur gerechten Strafe für selbstsüchtiges, unmoralisches , rücksichtsloses Leben.

Darsteller, Inszenierung und Cornelia von Kerssenbrock mit dem Immlinger Festivalorchester begeisterten das Publikum; dessen Beifall wohl weit hinein ins Chiemgau zu hören war.

Don Giovanni wird auf Gut Immling im Rahmen des Festivals an folgenden Terminen gespielt:  27.7., 2.8.; 9.8.2019

—| IOCO Kritik Immling Festival |—


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