Dresden, Semperoper, Premiere Il viaggio a Reims, 28.09.2019

September 16, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Erste Premiere der Spielzeit 2019/20 am 28. September 2019 – Laura Scozzi seziert europäische Befindlichkeiten

Gioachino Rossinis Oper »Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims« eröffnet am Sonnabend, den 28. September 2019, an der Semperoper Dresden den Premierenreigen der Saison 2019/20.
Eigens für die Krönungsfeierlichkeiten Karl X. schuf Rossini als monarchistisches Auftragswerk seine ungewöhnliche und personell aufwendige Komposition um eine Gruppe von europäischen »Individualreisenden«, deren unerwarteter Reisestopp nach einigen Turbulenzen in einem Nationalitäten umarmenden Fest endet. Zum ersten Mal kommt das 1825 uraufgeführte Werk nun in Dresden zur Aufführung, wo sich das Opernpublikum neben den Leistungen der Koloraturinterpreten auf das »Gran pezzo concertato a 14 voci«, das außerordentliche vierzehnstimmige A-capella-Ensemble, freuen darf. Unter der Musikalischen Leitung von Francesco Lanzilotta begleitet die Sächsische Staatskapelle Dresden das hochkarätige Ensemble unter anderem um Elena Gorshunova, Maria Kataeva und Tuuli Takala sowie Maurizio Muraro, Edgardo Rocha und Georg Zeppenfeld. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden verabschiedet sich mit dieser Produktion von seinem langjährigen Chordirektor, Jörn Hinnerk Andresen, der im Oktober dem Ruf einer Professur ans Mozarteum Salzburg folgt.

Bereits 2012 brachte die in Paris lebende italienische Regisseurin Laura Scozzi Rossinis Nationen kolorierendes Dramma giocoso als aberwitziges Euro-Panoptikum auf die Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Für die Dresdner Inszenierung folgt sie der Einladung Peter Theilers, diesen Gedanken mit Bezug auf aktuelle europäische Befindlichkeiten weiterzuentwickeln und die sich jeder konkreten Handlung entziehende Charakterstudie einer multikulturellen Reisegesellschaft den aktuellen politischen Strömungen anzupassen. Mit der Inszenierung für die Semperoper Dresden setzt Peter Theiler zu Beginn seiner zweiten Spielzeit als Intendant den Anspruch an ein sowohl der Tradition wie der Moderne verpflichtetes Musiktheater fort, das auf künstlerisch höchstem Niveau zur Auseinandersetzung mit zeitlos aktuellen Gesellschaftsthemen anregt.

Gioachino Rossini »Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims«

Premiere am Sonnabend, 28. September 2019 um 18 Uhr in der Semperoper Dresden.

Weitere Vorstellungen am 3., 6., 9., 20., 25. Oktober und 4. November 2019.

Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

Karten für die Vorstellungen sind an der Schinkelwache am Theaterplatz (T +49 (0)351 4911 705) und online erhältlich. Weitere Informationen unter semperoper.de

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Spitzenranking – 290.000 Besucher, 92% Auslastung, IOCO Aktuell, 17.08.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden – Spitzenranking in der Theaterwelt

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Intendant Peter Theiler zieht positives Resümee der Saison 2018/19 Dresden. Mit fast 290.000 Besucherinnen und Besuchern in den Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte verzeichnet die erste Saison unter der neuen Intendanz von Peter Theiler eine voraussichtliche Auslastung von 92 Prozent. Damit behauptet die Semperoper Dresden mit einem Kostendeckungsgrad von über 38 Prozent für das Jahr 2018 weiterhin einen Spitzenplatz im Ranking deutschsprachiger wie internationaler Theater.

300 Vorstellungen im Opernhaus und in Semper Zwei, darunter neun Opernneuproduktionen und drei Ballettpremieren, 33 Repertoirestücke in allen Sparten sowie zahlreiche Extra-Veranstaltung haben zum Gelingen der Saison 2018/19 als ebenso anspruchsvolles wie vielfältiges Musiktheater-Jahr beigetragen. »Die ausgezeichnete Bilanz mit konstant hohen Auslastungszahlen bestätigt uns darin, die Semperoper sowohl in traditionellen als auch ungewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten zu verorten, gerade um dieser gesellschaftspolitisch unruhigen Zeit als kultureller Exzellenzbetrieb adäquat begegnen zu können. Unsere Gäste haben unser Angebot angenommen und ermutigen uns durch ihren Zu-spruch, in der kommenden Spielzeit 2019/20 den eingeschlagenen Weg künstlerisch konsequent und dialogbereit weiter zu beschreiten«, so Intendant Peter Theiler.

Moses und AronArnold Schönberg
youtube Trailer Semperoper Dresden
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Rückblick auf die Spielzeit 2018/19

Unter dem Motto »Lebendiges Gedächtnis und vitale Gegenwärtigkeit« waren in der zu Ende gehenden Spielzeit aufregende Neuproduktion und große Namen von internationalem Rang zu erleben. Der Anspruch des Premierenzyklus 2018/19, eher ungewohnte künstlerische Positionen und selten gespielte Werke an dem Wagner und Strauss verpflichteten Haus zu präsentieren, fand mit Arnold Schönbergs Moses und Aron seinen Auftakt und schloss mit der gefeierten Premiere von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots / Die Hugenotten ab.

Die viel beachteten, teils provokanten Premierenplakatmotive dazu schuf der Berliner Fotograf Andreas Mühe. Neben bedeutenden Regienamen wie unter anderem Calixto Bieito, Mariame Clément, Rolando Villazón und Peter Konwitschny, der nach längere Abwesenheit der Einladung Peter Theilers nach Dresden folgte, bereicherten hochkarätige Sängerinnen und Sänger wie Venera Gimadieva, Anja Harteros, Saioa Hernández, Placído Domingo und Michael Volle die Spielzeit. Die Sächsische Staatskapelle Dresden bewies sowohl in ihren Symphonie-und Sonderkonzerten als auch als Orchester in Oper und Ballett ihre Brillanz in einem weitgefächerten Repertoire. Nicht nur für Strauss-und Wagner-Liebhaber waren die Premiere von Ariadne auf Naxos und die Wiederaufnahme von Der fliegende Holländer unter der Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann besondere Höhepunkte. Erstmalig als Erster Gastdirigent stand Omer Meir Wellber in dieser Saison am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Das Semperoper Ballett begeisterte neben seinen klassischen Stücken und der Wiederaufnahme des Erfolgsstücks COW das Publikum mit der Premiere der Choreografie Carmen von Johan Inger. Die außergewöhnliche Leistung der Company honorierte die internationale Tanzwelt mit mehreren Erwähnungen in der Dance Europe Critic’s Choice sowie den Nominierungen für den 2018 National Dance Award und den diesjährigen Helpmann Award. In Semper Zwei wurde im Mai die deutsche Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose uraufgeführt. Das Stück nach Sarah Kane in der Übersetzung des Dresdner Dichters Durs Grünbein entwickelte sich seit seiner Premiere zu einem Publikumsmagneten vor ausverkauftem Haus.

Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann im Gespräch
youtube Trailer Semperoper Dresden
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Ausblick auf die Spielzeit 2019/20

Am 31. August 2019 startet die neue Saison der Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gefolgt von Mozarts Die Zauberflöte am 5. September 2019 als erste Opernaufführung der neuen Spielzeit. Zur traditionellen »Auftakt!«-Veranstaltung mit Kostproben aus den Premieren-und Repertoirevorstellungen 2019/20 lädt Intendant Peter Theiler am 8. September 2019 ein. Der Premierenreigen2019/20 startet mit Rossinis Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims in der Inszenierung von Laura Scozzi. Unter den weiteren zahlreichen Premieren-Highlights der kommenden Saison sind unter anderem Wagners Die Meistersinger von Nürnberg unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann, Verdis Don Carlo mit Anna Netrebko in ihrem Debüt als Elisabetta di Valois und einem Prolog von Manfred Trohjan (Uraufführung) zu nennen.

In der Sparte Semperoper Ballett ergänzen die Tanzoper Iphigenie auf Tauris in Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation und dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch sowie der dreiteilige Ballettabend Vier letzte Lieder mit einer Choreografie zum gleichnamigen Liederzyklus von Richard Strauss den Premierenkalender. In der Spielstätte Semper Zwei ist die Dresdner Erstaufführung von Peter Eötvös Der goldene Drache zu erleben. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »30 Jahre Friedliche Revolution« der Sächsischen Staatstheater findet am 11. Oktober 2019 die Festaufführung von Beethovens »Fidelio« in der Inszenierung nach Christine Mielitz statt.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Le Comte Ory – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 28.12.2018

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Le Comte Ory Gioacchino Rossini

Ory:  Frauentrost in froh clownesker Tolpatschigkeit

Von Ingo Hamacher

Gioacchino Rossini Monument in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini Monument in Paris © IOCO

Nicht jeder schreibt 40 Opern; nicht jeder wird an einem 29. Februar geboren; nicht jedem gelingt es, mit seiner Kunst zu sagenhaftem Ruhm und Reichtum zu gelangen und nicht jeder lehnt sich mit 37 Jahren in seinem Sessel zurück und verkündet, zukünftig auf sein künstlerisches Schaffen zu verzichten und sich (die nächsten 40 Jahre) ausschließlich dem Genuss und dem Kochen zuzuwenden. Nicht jeder?

Eigentlich gibt es nur einen, auf den diese Beschreibung passt: Gioacchino Rossini (1792 – 1868).  Die letzten Opern seines Lebens komponierte Rossini in Paris, wo er sich endgültig niedergelassen hatte und schnell zum wahren Beherrscher der Grande Opéra aufstiegt. Und so schrieb er sowohl den Comte Ory wie auch den Guillaume Tell in französischer Sprache.  Das Textbuch zum Graf Ory stammt vom vielvertonten Librettisten Eugéne Scribe und wurde vom französischen Librettisten Delestre-Poirson für Rossini geschickt zurecht gemacht, wobei nach „Pariser Art“ Frivolitäten vorkommen, die in den italienischen Werken jener Jahren nicht zu finden sind.

Le comte Ory  –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer der  Opéra Royal de Wallonie-Liège
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Zur in Reims stattfindenden Krönung Karls X. im Jahre 1825 hatte Rossini Il viaggio a Reims (Die Reise nach Reims) komponiert. Zu dieser – nie stattfindenden – Reise kommen Reisende aus ganz Europa im „Gasthof zur goldenen Lilie“ zusammen, von wo aus sie die gemeinsame Weiterfahrt zum großen Fest antreten wollen. Da aber keine Pferde aufzutreiben sind bleibt nicht anderes übrig, als das Fest an Ort und Stelle im Gasthof zu feiern, wobei jeder musikalische Grüße aus seinem Land überbringt.

Dieses Werk, voll von Charme, Witz und musikalischer Bedeutung, wollte Rossini als Anlassoper nicht völlig aufgeben, sondern rettete die wichtigsten Einzelnummern anlassunabhängig in den Plan, eine leichte komische Oper über einen gefährlichen Verführer zu schreiben; Le Comte Ory mit Namen.

Die Umarbeitung der bestehenden Partien erwies sich für Rossini als aufwendiger, als die Neukomposition des Fehlenden, da Rossini durch die neu gewonnene Meisterschaft im Umgang mit der französischen Rezitativ- und Ensemblebehandlung nicht hinter seinen Fähigkeiten zurückstehen wollte, bis dass er die Komödie zu einem vollgültigen Meisterstück gestaltet hatte.

Le Comte Ory , eine „opéra comique“, ist eines der vollendetsten Werke Rossinis mit glänzenden Ensembles, geistvollen Nuancen und wunderschöner Melodien, wobei das Terzett „A la faveur de cette nuit obscure“ (Im Schutz dieser dunklen Nacht) den Höhepunkt der Oper als letzte Nummer vor dem Finale bildet, bei dem der Comte Ory sich in den Armen seiner angebeteten Gräfin glaubt, jedoch von dieser und seinem Pagen Isolier genarrt wird. Aus dieser großartigen Vorlage gestalten die Opéra Royal de Wallonie- Liège, die Opéra Comique, Paris, und der Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles einen großartigen und äußerst witzigen Opernabend.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory - hier : A. Siragusa als Graf Ory  und J. Devos als Adèle  © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : A. Siragusa als Graf Ory  und J. Devos als Adèle  © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die Welt steht Kopf. Es ist Krieg. Heiliger Krieg. Seit 5 Jahren sind die Männer fern der Heimat in Israel, um Jerusalem von den Sarazenen zu befreien. Bilder von Ölgemälden, die Schlachten der Soldaten darstellend, werden zur Ouvertüre auf den Vorhang projiziert. Den daheim gebliebenen, einsamen Frauen, fehlt es an Unterstützung, Zuspruch und weiteren Freuden, die sie mit den Männern erleben könnten. Aber auch die Kirche bietet keinen Halt. Die Priester sind ebenfalls im Feld; die Kirchen sind aufgelöst.

Musikalische Leitung des Abends: Jordi Bernàcer, der den Abend temperamentvoll gestaltet. Der Spanier ist seit 2015 Dirigent an der San Francisco Oper.

ERSTER AKT

Der sich öffnende Vorhang gibt den Blick frei auf eine betongraue, remisenhafte Halle, in der das Inventar einer aufgelassenen Kirche eingelagert ist: Ein Konvolut aus Kanzel, Beichtstuhl, Kreuz und Sakristeischränken; Figuren, Betstühlen und allem erdenklichen Zubehör. Hierhin hat sich Graf Ory, gesungen von Tenor Antonino Siragusa, zurück gezogen, um in Begleitung seines treuen Gefährten Raimbaud (Bass) als Einsiedler verkleidet den Frauen und Mädchen des Dorfes die Beichte abzunehmen, Trost zu spenden und ihnen neue Lebenslust zu vermitteln.

Der international tätige italienische Tenor Antonio Siragusa hat sich mit seinem umfangreichen Repertoire besonders auf die Interpretation von Rossini-Opern spezialisiert, und so singt und plappert er die rossinischen Dialoge mit einer Begeisterung und Perfektion, dass es eine Freude ist. Im Frauentrost ist Ory trotz seiner clownesken Tolpatschigkeit offensichtlich so gut, dass die Dorfbewohnerinnen in Scharen zu ihm strömen, um sich von den verschiedensten Nöten befreien zu lassen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory -  hier :  das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Leicht zerzaust, aber sichtlich glücklich, verlassen nicht weniger als 15 Frauen nacheinander seine Klause. Dabei ist es kaum das gute Aussehen, dass die Damen anlockt: Mit Knubbelnase und Umschnallbauch, die sich Ory als Tarnung zugelegt hat, ist er mit seinen verschiedenfarbigen Handschuhen eher eine eselhafte Erscheinung, als ein attraktiver Herzensbrecher.

Aber über seinen zarten tenoralen Schmelz in der Stimme hinaus scheint er auch noch gewisse weitere Begabungen und Fähigkeiten zu haben, die die Begeisterung der Frauenwelt erklärt… Schließlich hat der Graf Ory einen so furchtbar schlechten Ruf bei anständigen Damen, dass er bei weniger sittsamen Vertreterinnen des schönen Geschlechts großen Anklang findet. Die Aufseherin des nahegelegenen Schlosses Formoutier (Dame Ragonde: Alexise Yerna, belgischer Mezzosopran, in Rüschenkostüm und Hochfrisur unter beeindruckendem Hut) bittet den Eremiten, die junge, schöne, verwitwete Gräfin Adèle wegen eines unbekannten Leidens zu empfangen.

Auch ein junger Mann, Isolier (Hosenrolle, Josè Maria Lo Monaco, vielversprechender französischer Mezzosopran, ebenfalls auf Rossini-Opern spezialisiert), der Page von Graf Ory, sucht den Einsiedler auf, um sich dem Gottesmann (seinen Herrn erkennt er in der Verkleidung nicht) mit seinen Nöten anzuvertrauen. In Liebe zu der jungen Gräfin entbrannt, möchte der Knabe sich als Nonne verkleidet Zutritt zum Schloss verschaffen. Zudem bittet er den Eremiten, der Gräfin als Heilmittel die Liebe zu empfehlen. Ory segnet den Burschen und beschliesst, all dies selbst anzuwenden.

Adèle (Jodie Devos, dreißigjähriger belgischer Sopran, in der Zartheit und Schönheit des Gesangs fraglos die Stimme des Abends) kommt und berichtet dem Eremiten von dem Gelübde, den Rest ihres Lebens in keuscher Witwenschaft zu verbringen. Rasch entbindet sie Ory von diesem Schwur, doch weiter kommt er nicht; sein Erzieher nämlich hat Verdacht geschöpft und entlarvt den falschen Eremiten. Ein Bote meldet die baldige Heimkehr der Kreuzritter.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory -  hier :  Ensemble und Alexise Yerna als Dame Ragonde © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : Ensemble und Alexise Yerna als Dame Ragonde © Opéra Royal de Wallonie-Liège

ZWEITER AKT

Die nur in wenigen Akzenten veränderte schmucklose Halle des ersten Aktes, jedoch vollständig vom Kirchenzubehör geräumt, repräsentiert das Innere des Schlosses, in das sich Frauen zum Schutze ihrer Strohwitwenschaft verschanzt haben. Den berüchtigten Grafen Ory in der Nähe zu wissen, hat allgemeines Entsetzen ausgelöst.

Während eines schweren Gewitters hören sie von außerhalb Hilferufe: Pilgerinnen bitten um Einlass zum Schutz vor dem Wetter und den Nachstellungen des Grafen Ory, dessen Opfer sie angeblich geworden seien. Die Gräfin zögert nicht, die Ordensfrauen einzulassen und bis zum erwarteten Eintreffen ihres Bruders und der weiteren Männer am nächsten Tag zu beschützen.

Natürlich handelt es sich bei den frommen Schwestern um den verkleideten Grafen Ory und seine Mannen, die teilweise mit Vollbärten, hühnenhaften Gestalten und tölpelhaftesten Benehmen unter Beobachtung ihre ewigen Gebete murmeln, unbeobachtet jedoch über den Weinkeller des Schlosses herfallen und Saufgelage veranstalten. Ory nutzt jede Gelegenheit, um sich der Gräfin zu nähern.

Isolier hat sich inzwischen Zutritt zur Gräfin verschafft: er klärt sie auf, um wen es sich bei den Pilgerinnen handelt, und bietet sich an, ihr gegen Orys Nachstellungen Hilfe zu leisten. Dieser zögert nicht, im nächtlichen Dunkel die Gräfin aufzusuchen und sie zu hofieren. In dieser 10. Szene des zweiten Aktes kommt es – wie bereits gesagt – zum Höhepunkt der Oper: Isolier und die Gräfin verstecken sich vor Ory gemeinsam im Bett.

Ory tritt hinzu und antwortet auf die Frage, wer da sei: „Schwester Colette“. Er nimmt die Hand Isoliers, in der Meinung, es sei die Gräfin, presst sie an sein Herz, fällt auf die Knie und erklärt ihr seine Liebe. (Terzett: „A la faveur de cette nuit obscure“ (Für diese dunkle Nacht). Zu spät merkt Ory, dass er die ganze Zeit statt mit der Gräfin mit seinem Pagen gescherzt hat, als Trompeten die Rückkehr des Grafen und seiner Krieger melden. Ory und seine Kumpanen fliehen, Isolier aber bleibt im Schloss.

Langanhaltender, verdienter Applaus für eine großartige musikalische und gesangliche Leistung; großer Jubel für die drei Hauptrollen: Ory, Adèle und Isolier und großes Lob für das Produktionsteam.

Der englische Musikkritiker Henry F. Corley (1808-1872) urteilt: „In Le Comte Ory gibt es keine einzige schlechte Melodie und keinen einzigen anzweifelbaren Takt.“ und so kann man in dieserwunderbaren Inszenierung einen äußerst gelungenen Opernabend genießen, mit viel Witz, Klamauk und wunderschöner Musik. Äußerst lohnend!

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory - hier : L. Kubla als Le gouverneur © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : L. Kubla als Le gouverneur © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Eine Produktion der:  Opéra Royal de Wallonie-Liège,  Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles

Musikalische Leitung: Jordi Bernàcer, Regie: Denis Podalydès, Bühne: Eric Ruf, Kostüme: Christian Lacroix, Licht: Stéphanie Daniel, Bewegungsmitarbeit: Cécile Bon, Chorleitung: Pierre Iodice, Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège

Besetzung: Le Gouverneur: Laurent Kubla, Dame Ragonde: Alexise Yerna, Alice: Julie Mossay, Komödianten: Laurent Podalydès und Léo Reynaud;  In weiteren Rollen: Stefano de Rosa, Xavier Petithan, Benoît Delvaux, Alexei Gorbatchev, Ludivine Scheers und Réjane Soldano

Le comte Ory an derOpéra Royal de Wallonie-Liège:  weitere Aufführungen in Lüttich:  ; 27.12.; 29.12.; 31.12.2018 und 02.01.2019;  Charleroi:  05.01.2019

Wie immer sind die Übertitel dreisprachig, so daß auch der deutschsprachige Besucher dem Text problemlos folgen kann.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Premiere IL VIAGGIO A REIMS, 15.06.2018

Juni 14, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

IL VIAGGIO A REIMS  – Gioacchino Rossini

Premiere am 15. Juni 2018, weitere Vorstellungen am 22., 24. und 30. Juni sowie 5. Juli 2018

Die Uraufführung von Gioacchino Rossinis letzter italienischer Oper am 19. Juni 1825 in Paris war in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Ereignis: Zum einen stellte sich der Kompositionsstar Italiens endlich mit einem eigens für Paris komponierten Stück in der Seine-Metropole vor. Seit über einem Jahr schon leitete er das Théâtre royal Italien, in dem zahlreiche seiner Opern gespielt worden waren – das anspruchsvolle und überaus kritische Pariser Publikum verlangte aber nach einem neuen Werk der italienischen Schule und fieberte der Uraufführung entgegen. Zum anderen komponierte Rossini …

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

IL VIAGGIO A REIMS für die Krönungsfeierlichkeiten Karl X. Schon 1824 ließ sich der König nach dem Tod seines Bruders Ludwig XVIII. im alten Ritus der vorrevolutionären Monarchen in der Kathedrale zu Reims mit großem Pomp krönen. Im Frühsommer des folgenden Jahres fanden in Paris dann die offiziellen Feierlichkeiten statt, zu denen alle Theater und Opernhäuser Programmpunkte beisteuerten. Rossini und sein Librettist Luigi Balocchi entschieden sich in ihrer Krönungsoper, den Anlass selbst zum Thema zu machen: Aus verschiedenen europäischen Ländern wollen Adelige mit ihren Bediensteten zur Krönung nach Reims fahren, sie stranden aber im Hotel „Zur goldenen Lilie“ und kommen mangels Pferden und Kutschen nicht weiter – kurzerhand entschließen sie sich, nach Paris zu fahren und dort den neuen König zu feiern, nicht ohne zuvor noch ein Festdiner im Hotel selbst zu organisieren. Diese Nicht-Handlung, der äußere Stillstand und das Warten werden garniert mit Flirts, Eifersüchteleien und reichlich nationalen Klischees. Rossini war sich der kurzen Haltbarkeitsdauer der Oper als Anlassstück durchaus bewusst: Einen Großteil der Nummern nutzte er für seine nächste Oper, LE COMTE ORY. Nach wenigen Aufführungen verschwand IL VIAGGIO A REIMS von der Bühne – erst in den 1980er Jahren wurde das Werk wiederentdeckt.

IL VIAGGIO A REIMS ist Rossinis letzte italienische Oper und es scheint fast, als fasse er hier alle Variationen der opera buffa und des dramma giocosa noch einmal lustvoll zusammen: Gleich einer Revue reiht er die unterschiedlichsten Arien- und Ensembleformen der Zeit aneinander. Regisseur Jan Bosse kommt diese Nummerndramaturgie sehr entgegen: „Der Ensemblegedanke dieser Oper scheint mir sehr modern. Eine Gruppe von Menschen sitzt fest – und ergeht sich in absurden Aktionen. Es gibt keine dramatische Story für einige wenige Solisten, sondern eine revueartige Abfolge von kontrastierenden, sehr unterhaltsamen ‚Nummern‘. Diese Nummern arbeiten dann mit klischeehaften Grundsituationen der Oper an sich: der unglücklich Liebende, die leidende Diva, das eifersüchtig sich umkreisende Paar, der komische Kauz. Diese große Nummernshow, aber auch das gemeinsame Erzählen eines Ensembles ist für einen Regisseur, der vom Schauspiel kommt, äußerst reizvoll! Der zunächst äußerliche Stillstand der Handlung ist dabei unsere absurde Triebfeder. Wir sehen einen Schlafsaal: Ist es eine Kurklinik? Ein Sterbehospiz? Das Asyl des todmüden Europäers? Allabendlich schwingen sich die Insassen zur großen Reise auf – um endlich die Krönung des neuen Königs zu feiern – und bleiben in abstrusen Ritualen stecken.“

Giacomo Sagripanti übernimmt die musikalische Leitung dieser Neuproduktion. Als veritabler Belcanto- und Rossini-Spezialist gastierte er schon beim Glyndebourne Festival, am Teatro La Fenice, an der Hamburgischen Staatsoper, der Opéra National de Paris und der Bayerischen Staatsoper. Nun studiert er erstmals – nachdem er in der aktuellen Saison schon Verdis IL TROVATORE musikalisch leitete – eine Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin ein.

Das aus Gästen und Ensemblemitgliedern zusammengesetzte junge Sängerensemble wird angeführt von Elena Tsallagova, die in der laufenden Saison u. a. als Berthe in Meyerbeers LE PROPHETE großen Erfolg in Berlin feierte und die Rolle der Corinna schon beim Rossini-Festival in Pesaro interpretierte. Neben ihr sind u. a. Siobhan Stagg, Vasilisa Berzhanskaya, Hulkar Sabirova, Gideon Poppe, David Portillo, Davide Luciano und Mikheil Kiria zu erleben.

Aus dem Hinterhalt: IL VIAGGIO A REIMS
Late-Night-Performance am 7. Juli um 21 Uhr in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin Europa trifft sich auf dem Weg zum gesellschaftlichen Höhepunkt der Saison – und bleibt hängen, weil nichts weitergeht. Das bildet den Rahmen für eine der brillantesten Schöpfungen des Belcanto aus der Feder von dessen Großmeister Gioacchino Rossini. Und es ist zugleich das Material für die beiden Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth – durch ihr Musiktheater-Kollektiv HAUEN UND STECHEN inzwischen einer der Geheimtipps der Berliner Szene – und die Sängerinnen und Sänger des Ensembles für einen verrückten, virtuosen, europäischen Opernabend im Rahmen der Tischlerei-Reihe „Aus dem Hinterhalt“, in der Gastkünstler verschiedenster Sparten mit ihrem Blick „von außen“ auf das jeweilige Werk reagieren und Neues entstehen lassen.

BESETZUNG:  Musikalische Leitung : Giacomo Sagripanti, Inszenierung : Jan Bosse, Bühne : Stéphane Laimé, Kostüme : Kathrin Plath, Licht : Kevin Sock, Video : Meika Dresenkamp, Dramaturgie : Lars Gebhardt

MIT: Corinna : Elena Tsallagova, Marchesa Melibea :Vasilisa Berzhanskaya, Contessa di Folleville : Siobhan Stagg, Madama Cortese :Hulkar Sabirova, Cavaliere Belfiore : Gideon Poppe, Il Conte di Libenskof : David Portillo, Lord Sidney : Mikheil Kiria, Don Profondo : Davide Luciano, Barone di Trombonok : Philipp Jekal, Don Alvaro : Dong-Hwan Lee, Don Prudenzio : Sam Roberts-Smith, Zefirino : Juan de Dios Mateos, Maddalena : Alexandra Ionis, Modestina : Meechot Marrero, Delia : Davia Bouley, Antonio : Byung Gil Kim, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—