Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Walküre – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Die Walküre  –   Richard Wagner

– Nothung steckt im Fahrstuhl fest –

von  Julian Führer

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Ein neuer Ring ist eine Herausforderung für jedes Haus, auch eine Visitenkarte. Im Erfolgsfall entstehen legendäre Deutungen, die über lange Zeit im Repertoire bleiben; dies war beispielsweise an der Deutschen Oper Berlin mit Götz Friedrichs Inszenierung von 1984/1985 der Fall, die bis 2017 gezeigt wurde. Gescheiterte Interpretationen belasten wiederum das Repertoire auf Jahre, denn kaum ein Haus hat die Ressourcen, um den Spielplan noch einmal mit vier Wagner-Premieren zu belasten. An der Deutschen Oper Berlin wurde dem Publikum der Abschied vom ‚Zeittunnel‘ aus den achtziger Jahren damit versüßt, dass gleich ein neuer Ring angekündigt und Stefan Herheim als Regisseur benannt wurde, dessen Bayreuther Parsifal von 2008, eine ausgesprochen vielschichtige Interpretation, über weite Strecken auch als ästhetisch ansprechend wahrgenommen wurde.

Stefan Herheims Ansatz in Bayreuth war die Überlagerung verschiedener Ebenen – die von Wagner komponierte Handlung, gleichzeitig aber auch die deutsche Geschichte mit vielen Uniformen und Hakenkreuzen, die Lebensgeschichte Wagners von der Villa Wahnfried bis zur Totenmaske sowie die Geschichte der Werkinterpretation mit dem Nachbau der Gralsszene von 1882 – auch in Berlin sollten sich verschiedene Ebenen überlagern. In dieser Besprechung wird vereinzelt auf diese Bezüge hingewiesen, natürlich sollte eine Deutung sich aber auch unmittelbar erschließen können. Das Rheingold konnte aufgrund der Umstände noch nicht gezeigt werden, so dass bei manchem vielleicht noch eine Erläuterung folgen wird, wenn die anderen Teile der Tetralogie im Zyklus zu sehen sein werden.

Die Walküre an der Deutschen Oper Berlin
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Als der Vorhang sich öffnet, sehen wir Sieglinde (Lise Davidsen) sichtlich verzweifelt allein (bzw. fast allein) zu Haus, umgeben von einer großen Menge Koffern. Auf der Bühne zu sehen ist im Prinzip das aus Koffern nachgebaute Halbrund von Arnold Böcklins Toteninsel. Das Motiv haben Patrice Chéreau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi in ihrer berühmten Bayreuther Inszenierung des Ring des Nibelungen ebenfalls verwendet (allerdings erst in der überarbeiteten Inszenierung, wie sie ab 1977 gezeigt und auch verfilmt wurde), dort im dritten Akt der Walküre sowie in Siegfried und Götterdämmerung – hier also schon zu Beginn. In der Mitte des so begrenzten Raumes ist ein Konzertflügel zu sehen. Es scheint sich um eine Art Grubenhaus aus Koffern zu handeln, da es zur Eingangstür ein paar Stufen nach oben geht (wie beispielsweise auch schon in der Inszenierung von Peter Hall in Bayreuth 1983). Für die Bühne zeichnen Stefan Herheim selbst und Silke Bauer verantwortlich.

Als die Musik etwas später beginnt, sehen wir während des Vorspiels zum ersten Akt erst einen recht wölfisch aussehenden Hund, dann steigt Sieglinde auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt unklar). Sieglinde hat offenbar ein behindertes Kind, das viel mit einem Messer spielt. Siegmund kommt herein wie in einer konventionellen Inszenierung. Der erste Kuss zwischen den beiden Wälsungen findet deutlich früher als von Wagner eigentlich geplant statt, nämlich als Sieglinde dem Fremden Met (hier allerdings nur schlechten Supermarktwhisky) anbietet und Siegmund Schmecktest du mir ihn zu?“ antwortet. In der Musik ist die tiefe Sympathie (und mehr als das) bereits deutlich zu hören, und Sieglinde geht an dieser Stelle über die Linderung der größten Not hinaus, zeigt also mehr Sympathie als nötig und geht mithin aktiv auf Siegmund zu (so war es auch vor einigen Jahren in Freiburg zu sehen). Damit das Kind nicht stört, bekommt es eine Dose Cola, aber es wird die Zweisamkeit des Wälsungenpaars immer wieder torpedieren. So richtig nimmt man Siegmund die existentielle Not allerdings nicht ab; auch als Hunding eintritt, ist das für ihn kein entscheidender Moment – für das Kind hingegen weit mehr, denn der Knabe warnt die beiden vor dem Heimkehrer; für einen jungen Menschen von sehr begrenztem geistigen Horizont ein erstaunlich feiner Sinn für Psychologie…

Die Walküre – hier – Lise Davidsen ist Sieglinde
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Hunding zieht seinen Jagdmantel aus und trägt drunter eine gemütliche Strickjacke. Er wirft einen Holzscheit in den Souffleurkasten, worauf es von dort aufzuglühen scheint und nach mehr Feuer aussieht (Herheim hat diesen Trick bereits für den Gral in seinem Bayreuther Parsifal verwendet, wie überhaupt die Lichtregie von Ulrich Niepel sehr stark an diese Inszenierung, vor allem deren dritten Akt erinnert). Das Kind fasst schnell Vertrauen zu Siegmund, der den ersten Teil seiner Lebensgeschichte eigentlich dem Kind und den zweiten Teil Sieglinde erzählt. Hunding fasst nach Siegmunds „Den Vater fand ich nicht“, als leise Wotans Motiv in E-Dur aus dem Graben ertönt, das Schwert an – er hat also bereits verstanden, mit wem er es tun hat, und er weiß auch, wer das Schwert in den Stamm bzw. in den Flügel gestoßen hat (woher eigentlich?). Beim dritten Teil seiner Erzählung ist klar, dass er sich schon längst um Kopf und Kragen geredet hat. Während Hunding mit dem Kind recht grob umgeht und vor allem Spaß hat, wenn er seinem Kleinen Schnaps einflößt, empfindet der Knabe, der im übrigen sehr wälsungisch aussieht (warum sind Wälsungen eigentlich immer blond?), ungebremste Sympathie mit Siegmund, umarmt ihn mehrfach, und Siegmund ist ihm gegenüber ebenfalls freundlich, wenn auch etwas irritiert ob dessen Verhalten.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Gegen Ende von Siegmunds Monolog, als Hunding ihm gewissermaßen sein Todesurteil eröffnet, zerren Siegmund, Sieglinde und der Junge am Schwert, das im Flügel steckt. Der Rest ist konventionell: Sieglinde würzt Hundings Gutenachtdrink etwas nach. Siegmund findet sich alleine auf der Bühne wieder, steigt auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt abermals unklar, aber wirkt irgendwie dynamisch). Sieglinde kommt im roten Hausmantel zurück, um Siegmund zu berichten, dass da ein Schwert ist – das wissen aber bereits alle, die Handelnden ebenso wie das Publikum. Hier wie auch später zieht Herheim immer wieder Blicke oder Erkenntnisse vor und entwertet damit das von Wagner gesetzte ‚Timing‘ und die enthaltenen Spannungsbögen. Sieglinde stürzt sich Siegmund in die Arme, während Hunding schläft und während ein paar Koffer durch die Gegend purzeln und einen Weg nach draußen freimachen. Auf einer weißen Plane (es sieht wirklich schön aus, als sie entfaltet wird) werden erst eine grüne Naturprojektion im Stile von Herheims Bayreuther Karfreitagszauber und dann der Wonnemond selbst gezeigt.

Der packendste, aber wohl auch der umstrittenste Moment des ersten Aufzugs war kurz vor Ende zu sehen: Nach Siegmunds „Ich fass‘ es nun“ moduliert die Musik fast in jedem Takt, es ist keine feste Tonart mehr auszumachen, das Liebesentsagungsmotiv ertönt (bei Donald Runnicles mit interessanten Crescendi in den Tuben), musikalisch läuft alles auf den Moment zu, in dem Siegmund das Schwert aus der Esche bzw. dem Konzertflügel ziehen wird. Was macht eigentlich Sieglinde (meist steht oder kniet sie etwas seitlich, um ihrem Partner die Bühne zu lassen)? Sieglinde nimmt bei Stefan Herheim das Messer, hält ihrem Sohn die Augen zu, bringt es aber erst nach mehreren Anläufen fertig, dem eigenen Kind (genau zum C-Dur des ‚schneidenden Stahls‘) die Kehle durchzuschneiden. Sieglinde strahlt Siegmund an, der das Schwert herausgezogen hat und dies alles nicht weiter kommentiert, sondern den toten Jungen mit Sieglindes rotem Hausmantel zudeckt. Wieso erstaunt Siegmund diese blanke Aggression nicht? Und wozu eigentlich das Schwert, wo Sieglinde doch aus Hundings Schlafgemach ein Gewehr mitgebracht und außerdem das Messer des Jungen in Händen hält? Und wenn Sieglinde schon so aggressiv sein kann, warum wird dann nicht Hunding im Schlaf erledigt? Fricka hätte niemanden gehabt, der im zweiten Akt fromm für sie hätte streiten können. Dass Siegmund das Schwert nun aus dem Flügel ziehen kann, ist ebenfalls erstaunlich; es mag sein, dass Wotan hier seine Finger im Spiel hat und Siegmund von sich aus gar nicht dazu in der Lage wäre. Der Schluss des ersten Aktes gerät dann etwas peinlich (nicht zum ersten Mal, Wagner wird hier gar zu deutlich): Siegmund balanciert zu „So blühe denn Wälsungenblut“ hüpfend auf einem Bein, während er versucht, möglichst schnell aus seiner Hose zu kommen, um sich dann auf dem Flügel über Sieglinde herzumachen (Lise Davidsen kennt das bereits von ihrem Bayreuthdebüt als Elisabeth im Tannhäuser 2019).

Die Walküre – hier – Brandon Jovanovich is Siegmund
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In diesem ersten Akt ist die Personenführung recht genau. Das hinzuerfundene behinderte Kind zieht natürlich erhebliche Aufmerksamkeit auf sich, durchaus nicht ohne Ermüdungserscheinungen des Publikums, denn dieses Kind hat kein großes Handlungsrepertoire. Da das Kind nun einmal da ist, muss Herheim zu ihm aber auch eine Geschichte erzählen, und dass diese letztlich auf seine Ermordung durch Sieglinde zuläuft, lässt sich dramaturgisch und musikalisch kaum rechtfertigen. Wir wissen nach diesem ersten Aufzug nicht, was das eigentlich für Leute sind, zu welcher Zeit sie leben, außer dass die Dosencola und Supermarktwhisky im Hause haben und Koffer aus etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts als Hausmauer haben. Das Orchester trägt zunächst auch nicht viel zum Spannungsaufbau bei, zu gedehnt sind die Tempi, die Donald Runnicles anschlägt, und man merkt dem Orchester an, dass es über ein halbes Jahr lang nicht zusammengespielt hat. Ein zunächst durchwachsener Eindruck also, wäre da nicht Lise Davidsens Sieglinde mit einer Stimme wie die junge Astrid Varnay – ungemein durchschlagskräftig, quer durch alle Lagen differenziert und textverständlich und in ihrer schieren Größe dem Haus an der Bismarckstraße vollkommen angemessen. Brandon Jovanovich begann die Partie des Siegmund sehr baritonal und kam im Laufe des Abends zunehmend in Fahrt. Die ‚großen‘ Töne sang er zuverlässig an, die Zwischentöne und kurzen Noten waren oft, aber nicht immer gut zu hören. Andrew Harris zeichnete Hunding direkt mit einer eigentlich sehr kultivierten Führung der Stimme, doch stets auch mit drohendem Unterton. Auf der Bühne wirkt er nicht so mächtig wie einst Matti Salminen, aber Hunding muss auch nicht aussehen wie Bud Spencer, um Siegmund überlegen zu sein.

Der Kofferhalbkreis ist optisch sehr dominant und als Metapher für die im Ring des Nibelungen immer wieder thematisierte Flucht (wie es das Programmheft darlegt) gedacht, vor allem hat er aber das Verdienst, sehr sängerfreundlich zu sein. In der Tat, und das hat Stefan Herheim sehr treffend beobachtet, sind die ersten beiden Teile des Ring voller Fluchtgeschichten und -motive: im Rheingold fliehen, wenn man will, die Rheintöchter vor Alberich und dann Alberich vor den Rheintöchtern, vor allem dann Freia vor den Riesen, die Nibelungen und Mime vor Alberich, in der Walküre dann Siegmund vor den Verfolgern, dann Siegmund und Sieglinde, später Brünnhilde und Sieglinde, dann Sieglinde allein, als sich Brünnhilde Wotans Rache bietet. Es wird spannend sein zu sehen, ob dieses Motiv auch in den verbleibenden beiden Teilen der Tetralogie auf der Bühne eine Rolle spielen wird, denn Siegfried flieht nun einmal nicht, ganz im Gegenteil.

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre - hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre – hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

Auch der zweite Aufzug beginnt zunächst ohne Musik: Im Souffleurkasten rumort es, Wotan steigt heraus (gegen Ende des Rheingolds ist er wohl über den Souffleurkasten in die Unterbühne zu Erda hinabgestiegen, so das Programmheft). Wotan ordnet gut gelaunt seine Hose, er hat auch die Noten zu Die Walküre dabei (inzwischen auch schon oft gesehen zuletzt 2019 im Bayreuther Tannhäuser von Tobias Kratzer), setzt sich an den Flügel und klimpert, während das Orchester einsetzt. Auf dem Flügel liegen noch Siegmund und Sieglinde, der er das Schwert in die Hand drückt. Hunding tritt mit Gefolge auf und beugt sich über seinen toten Sohn. Hunding und sein Gefolge kämpfen jetzt schon (im Einklang mit der Musik) mit Siegmund, allerdings – wozu dann noch der zweite Aufzug?

Brünnhilde sieht aus wie eine Karikatur, eine Klischee-Walküre mit Brustpanzer über weißem Nachthemd und mit Flügelhelm (die Kostüme entwarf Uta Heiseke), dazu Vokuhilaperücke in Wälsungenblond (das war bereits bei Götz Friedrich so). Nina Stemme kommt aus dem Kellergeschoß des Flügels hochgefahren und singt ihren kurzen ersten Auftritt ohne Schwierigkeit. Von links und rechts kommen die anderen Walküren in etwas abgerissener Kleidung hinzu, turnen etwas mit ihren Speeren herum und entsorgen Sieglindes und Hundings totes Kind. Fricka nimmt natürlich auch den Fahrstuhl, wie alle Lichtalben ist auch sie in Weiß, mit ebenfalls weißem Koffer und weißer Widderkappe auf dem Kopf, allerdings mit giftigem Knusperhexengesicht. Weil der Streit eine ernste Angelegenheit ist, verliert Fricka zwischendurch ihren Mantel und trägt darunter das gleiche Nachthemd wie alle Damensoli des Abends. Annika Schlicht bietet einen ganz großen Auftritt, textverständlich, intonationssicher und überaus souverän. Schade nur, dass sie in dieser Inszenierung eine recht eindimensionale Giftspritze mimen muss. John Lundgren agiert als Wotan etwas schmierig (spätestens seit Frank Castorf ist dieser Charakterzug bei Wotan bestens bekannt).

Die Walküre – hier – John Lundgren ist Wotan
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Anders als in anderen Inszenierungen erfahren wir aber nichts darüber, wie das persönliche Verhältnis von Fricka zu Wotan und umgekehrt eigentlich ist. Zu „Entzieh‘ ihm den Zauber“ setzt sich Fricka an den Flügel und klimpert dann den Walkürenritt, während Brünnhilde sich von rechts einen Weg durch die Koffer bahnt. Unvergesslich, wie frühere Brünnhilden (damals Namen wie Gwyneth Jones, Janis Martin, Hildegard Behrens, Evelyn Herlitzius) in der Vorgängerinszenierung zu dieser Stelle jauchzend durch den Zeittunnel gestürmt sind… Mit Fricka sind nach und nach ca. 30 Statisten (Männer, Frauen, Kinder, alle Altersstufen) aufgetreten, kostümiert wie in einem Trümmerfilm der Nachkriegszeit oder auch wie im dritten Akt von Herheims eigenem Bayreuther Parsifal, anscheinend auf der Flucht, zumindest unterwegs, jedenfalls nehmen sie sich dann erstaunlich viel Zeit, um Wotan, Fricka und Brünnhilde zuzuhören. Als Wotan seiner Tochter offenbaren will, was ihn antreibt, lässt er die Statisterie etwas auf Abstand gehen. Wotans Monolog verläuft dann eigentlich so wie immer: Wotan sitzt, Brünnhilde kniet.

Zu „Nur eines will ich noch: das Ende“ ging bei Götz Friedrich das Licht auf der Bühne aus, Wotan (damals Sängerpersönlichkeiten wie Simon Estes oder Robert Hale) stand in seiner Verzweiflung völlig alleine auf der 30 Meter tiefen Riesenbühne, reduziert auf einen Lichtkegel, umgeben von Finsternis, im Grauen der Selbsterkenntnis auf sich allein geworfen. Bei Herheim geht zu diesen Worten das Saallicht an – und bleibt dann bis zu Brünnhildes Todverkündigung erst einmal brennen. Das hat Herheim schon bei seinem Bayreuther Parsifal gemacht, was damals Uwe Eric Laufenberg so gut gefallen haben muss, dass er diesen Trick 1:1 kopiert hat (Bayreuth 2016). Dort war es allerdings auch schlüssiger und kürzer. Hier sieht man minutenlang ein aufgrund der bekannten Maßnahmen sehr reduziertes und diszipliniert Maske tragendes Publikum, das sich hoffentlich eben nicht kollektiv das Ende dieser Vorstellung herbeiwünscht.

Siegmund und Sieglinde treten auf; mit Sieglindes letzten Worten („Siegmund, ha!“) sinkt sie zusammen; Brünnhilde war die ganze Zeit auf der Bühne und hat die beiden beobachtet. Wenn Siegmund und Sieglinde sich küssen, wird es Brünnhilde ganz heiß im Unterleib (alles nicht ganz einfach, wenn man Panzer trägt). Sieglinde sieht den Schild der Walküre (erst lachende, dann weinende Maske, gab es das nicht schon bei Willy Decker in Dresden?), erschrickt. Als sie schläft, erblickt Siegmund die Walküre und mustert sie minutenlang, bevor es „Siegmund, sieh auf mich!“ heißt – wieder nimmt Herheim eine Bühnenhandlung vorweg und muss dann mit einem unsinnig gewordenen Text auskommen.

Die tieftraurige Todverkündigung, Auslöser für den Wendepunkt der ganzen Tetralogie, war dennoch der Höhepunkt des Abends. Brünnhilde hat ein Leichentuch dabei, mit dem Siegmund flirtet (seit Patrice Chéreau ein beeindruckender Effekt, auch schon von Götz Friedrich und anderen kopiert), inzwischen werden vier große Kofferberge hochgezogen (die sehen aber eher aus wie große Luftballons, sie erinnern etwas an den Tannhäuser von Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin, der ebenfalls mit der Höhe spielte), ohne dass die Bühne dadurch bedeutend verändert würde. Nina Stemme sang beeindruckend und konnte hier zeigen, dass sie nicht nur die Spitzentöne, sondern auch die tiefe Lage mit großer Sicherheit beherrscht. Das Orchester hatte nun endlich auch zu einem echten Zusammenspiel gefunden mit schönen Harfen, scharfen Dissonanzen der Bläser und dramatischen Einsätzen auf den Punkt.

Der Rest des Aktes geriet dann wieder recht konventionell bis wenig überzeugend – Wotan setzt sich zum Kampf mit den Noten an den Flügel, Sieglinde hat von Siegmund die Augen verbunden bekommen (wie das Kind in Madama Butterfly) und sieht nicht, was geschieht, Hunding erscheint mit Gefolge (das Chéreau und Friedrich auch hatten, aber nur im ersten Akt gezeigt haben), und weil ihm Siegmund einen Koffer zuwirft, verliert Hunding kurz vor dem Kampf sein Gewehr. Dieser wirklich läppische Regieeinfall wird auch dadurch nicht besser, dass Hundings Gefolge durchaus mit Gewehren bewaffnet ist, ihm aber keines zu reichen vermag. Beim Kampf zwischen Hunding und Siegmund qualmt es Bühnendampf wie in alten Zeiten. Brünnhilde kommt mit dem Flügelfahrstuhl aus der Unterbühne, Wotan lässt Siegmunds Schwert tatsächlich zerspringen, Hunding erschlägt Siegmund erst mit einer Art Baseballschläger (wie in Castorfs Götterdämmerung) und erledigt den Rest dann mit Brünnhildes Speer, denn die hat Sieglinde schon per Konzertflügel mit in den Keller genommen. Anrührend ist, wie Siegmund sich im Todeskampf in die Richtung von Sieglindes rotem Hausmantel schleppt, dort aber nicht mehr ankommt. Hunding stirbt, weil Wotan „Geh!“ sagt, und unfreiwillig komisch ist es, wenn Hundings Gefolge dann einer nach dem anderen auf Wotans Wink eine Platzpatrone in die Luft feuert und tot umfällt. Man hat schon effektvollere Statistenentsorgungen gesehen!

Wir wissen nach zwei Aufzügen eigentlich immer noch nicht, was das für Leute sind, in welcher Zeit, welchem Raum und welcher Gedankenwelt sie leben. Ob das nachzuholende Rheingold hier wirklich Klarheit schaffen wird? Soll das alles nur ironisch sein, weil es im Halbfertigen eines Theaters auf dem Theater verharrt? Ist Wotan nun ein Gott oder nur ein etwas öliger Klavierspieler? Wotan schaut recht teilnahmslos zu, wie sein Sohn (und im ersten Akt auch sein bislang einziger Enkel) getötet werden, wie er insgesamt emotionslos erscheint. Betrifft das, was wir erlebt haben, nur die Statisterie und das Publikum der Deutschen Oper, oder geht es um essentielle Weltprobleme? Warum müssen Siegmund und Hunding wirklich sterben? Dass Leute aus dem Klavier gekrochen kommen, sieht man derzeit in Bayreuth bei Barrie Koskys Meistersinger von Nürnberg, wo sie es allerdings nur während weniger Augenblicke im ersten Akt tun – und auch dort ist der Gag schnell verraucht. Nach dem zweiten Aufzug gab es Buhrufe, die wohl der Regie galten, und viele Bravos für das Sängerensemble.

Die Walküre – hier – Nina Stemme ist Brünnhilde
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Zum dritten Aufzug erwartet man wie zuvor ein stummes Vorspiel auf dem Theater und ist dann umso überraschter, als bei eingeschaltetem Saallicht der Vorhang aufgeht. Da stehen die acht Walküren, blättern in den Noten, die auf dem Flügel aufgeschlagen liegen (das Bühnenbild hat sich nicht verändert), vor allem schwatzen sie mit den Kollegen von der Statisterie, die jetzt die toten Helden mimen sollen. Auf einmal setzt die Musik ein (die Walküren schwatzen noch etwas weiter, das irritierte Publikum teilweise auch), dann begeben sich alle rasch auf Position – die Walküren greifen zu Helm und Speer, wie sich das gehört, und die toten Helden stellen sich halt tot. Es wird viel mit den Speeren gefuchtelt, die einzelnen Texte der Walküren sind in dieser Umsetzung natürlich noch sinnloser als sonst, zumal alle bereits vor Ort sind. Die Walküren werfen ausgelassen mit stilisierten Heldenpuppen (das gab es in dieser Art auch schon in Freiburg in der Inszenierung Frank Hilbrichs zu sehen, dort allerdings interpretatorisch zu Ende gedacht). Über dem Bühnengeschehen geht fast verloren, dass dieses Stück im Orchester sehr effektvoll gespeilt und dass vom gesamten Walkürenensemble ganz exquisit gesungen wird.

Die toten Helden ihrerseits sind ziemlich untot und machen sich an die Walküren heran. Unter ihnen sind auch der Sohn Hundings und Sieglindes (war bei Sieglindes Mord denn eine Walküre im Spiel?) und, etwas im Hintergrund, der tote Siegmund selbst, der allerdings genauso agiert wie alle anderen Zombies und keine Reaktion zeigt, als Sieglinde auftritt – der Sohn hingegen schon. Der untote Sohn bedroht wie schon im ersten Aufzug seine Mutter mit dem Messer, und wie im ersten Aufzug weicht er auf ihr Zeichen stets zurück, aber was er in dieser Gesellschaft zu suchen hat, bleibt diffus. So sind neun Tote auf der Bühne, dazu neun Walküren und Sieglinde – es geht nicht auf, weder gedanklich noch mathematisch im Zahlenraum bis zehn. Da neun Herren auf der Bühne sind, muss wohl eine der Walküren noch jemand für Brünnhilde mitgenommen haben (wohl Siegmund, denn für den wäre sie zuständig gewesen). Ein kleiner Regieeinfall also mit vielen ungelösten Fragen dahinter, unnötig und inkonsequent.

Brünnhilde und Sieglinde fliehen nicht, das wäre auch nicht sinnvoll, denn Wotan steht schon längst auf der Bühne und schaut grimmig der ganzen Szene zu – auch diese abermalige Vorverlegung eines Auftritts in Einfall von zweifelhaftem Wert. Allenfalls mag Wotans Präsenz unterstreichen, dass Sieglinde ohne Wotans stillschweigende Duldung diesen Aufzug wohl kaum überleben würde. Sieglinde, schwanger von Siegmund und von der Aussicht auf Rettung beflügelt, singt „oh hehrstes Wunder“, von Brünnhilde lustvoll am Klavier begleitet (ans Klavier dürfen wohl nur Lichtalben, und Brünnhilde spielt weniger Klavier als Wotan und Fricka). Wer hier Lise Davidsen gehört hat, mag nur noch an künftige Isolden und Brünnhilden denken und ist glücklich, dass es solche Stimmen gibt. Dass Sieglinde vor sehr kurzer Zeit bei Stefan Herheim noch ein anderes eigenes Kind getötet hat, wäre hier vielleicht zu thematisieren, aber genau hier setzt die Auseinandersetzung mit diesem Regieeinfall aus, der nämlich nach vorne rechts abgeht und verschwunden bleibt. Solange die Walküren auf der Bühne sind, haben mal sie, mal die toten Helden die Speere in der Hand, dabei stets von Wotan per Handzeichen dirigiert, und irgendwann haben die toten Helden dann solche Lust auf ihre Wunschmädchen, dass sie sich gegen deren Wunsch auf sie stürzen, bis diese dann endlich im Nachthemd abgehen dürfen (die Herren der Statisterie räumen derweil liegengebliebene Kostümteile und Requisite zusammen, vielen Dank).

Die Walküre – geniesst hier mit IOCO die Premiere der Walküre
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Der Dialog Wotans und Brünnhildes bleibt dann wieder konventionell: Wotan steht, Brünnhilde kniet oder sitzt. Die Statisten mit den Trümmerfilmgesichtern kommen wieder dazu, um mit viel Geduld den ganz entscheidenden Argumenten zu lauschen, die Nina Stemme in mustergültiger Diktion quer durch alle Lagen textverständlich darlegt, während John Lundgren nun auch zu einer klaren Deklamation gefunden hat und sich in seiner Abschiedsszene noch einmal steigert. Zum ‚Feuerzauber‘ wird ein Tuch geschwenkt, ein bisschen Projektion, das war’s. Die gezackten weißen Laken, auf die das Feuer projiziert wird, nehmen übrigens die Zeichnung von Böcklins Toteninsel noch einmal auf. Wotan fährt auf einer Art Kran einmal nach oben (wie bei La Fura dels Baus 2007 in Valencia) und wieder abwärts, dann noch einmal auf die Höhe des geöffneten Konzertflügeldeckels, und in dem sehen wir zu grandiosen Musik Sieglinde im Kindbett, assistiert von einem Männlein (Mime?) im Wagner-Outfit mit Samtbarett und großer Hakennase. Als das Kindlein da ist, wird die Nabelschnur mit Nothungs Trümmern durchschnitten, dann nimmt der Mann Sieglinde das Kind weg, und erst da stirbt sie (warum und woran eigentlich?). Wotan sieht, was Sieglinde widerfährt, es scheint ihn aber auch nicht hier sonderlich zu berühren. Was er daraus macht – da müssen wir bis zur Premiere des Siegfried Geduld haben. Stefan Herheim scheint eine Neigung zu Livegeburten in Instrumentalpassagen zu haben, in seinem Bayreuther Parsifal sah man im Vorspiel Herzeleide zu As-Dur und c-Moll niederkommen, damals assistiert von Gurnemanz. Plastikbabys oder -föten in der Schlussszene gab es auch schon in der Lohengrindeutung (dem manchmal so genannten „Rattengrin“) von Hans Neuenfels zu sehen (Bayreuth 2010).

Die Antike kannte die literarische Gattung des Cento – ein Gedicht, bestehend aus Versatzstücken anderer Gedichte, ein Neuarrangement von Bekanntem zu Neuem also. Was Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin zeigt, ist ein Amalgam aus guten oder weniger guten Einfällen, die meist anderswo auch schon zu sehen waren. Das noch ausstehende Rheingold wird vielleicht erklären, wozu man Koffer auf der Bühne braucht (und warum diese teilweise in die Luft schweben können). Was diese Walküre nicht zeigt, ist das Verhältnis der Figuren untereinander, die existenziellen Konflikte, die man eigentlich nur Sieglinde im ersten Akt abnimmt, was natürlich auch der phänomenalen Leistung der Lise Davidsen geschuldet ist. Was Wotan damit zu tun hat, warum sich Fricka einmischt, was dieses Walhall genau ist, der Konflikt von Macht und Liebe, die ungeheure Tragik, die am Ende den Tod des Liebespaars Siegmund und Sieglinde, das Ende der innigen Beziehung von Wotan und Brünnhilde und ihr Abschied auf immer, wohl auch das Ende der Kommunikation zwischen Wotan und Fricka und für Wotan das Ende aller Pläne, Träume und Visionen bedeutet – das endet in seichter, billiger Ironie. Dass Wagner das Stück in der Liebestonart E-Dur enden lässt, verpufft auf der Bühne wie vieles andere auch. Ob diese Inszenierung wie ihre Vorgängerin über 30 Jahre hinweg vor stets ausverkauftem Haus zu sehen sein wird, erscheint nach diesem Einstand doch höchst fraglich.

Die Walküre an der Deutsche Oper Berlin; die weiteren Termine 11.10.; 13.11.; 15.11.2020 und mehr

 

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Minden, Stadttheater Minden, Die Walküre – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 17.09.2019

September 17, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

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Die Walküre –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

„Das Wunder von Minden“ –  Es geht weiter

von Patrik Klein

Vier Abende innerhalb von elf Tagen, vier Opern sind eine der größten Herausforderungen im Musiktheater: Das Stadttheater Minden stellt sich in diesem Jahr Richard Wagners gewaltiger Tetralogie Der Ring des Nibelungen in zwei zyklischen Aufführungen. Nachdem vor vier Tagen der erste Vorhang bei „Das Rheingold“ fiel und diese Produktion von den 528 Zuschauern im ausverkauften Haus frenetisch bejubelt wurde, folgt nun der erste Tag in Wagners Tetralogie Die Walküre.

Richard Wagners Werk Die Walküre wurde gegen seinen Willen am 26.6.1870 in München  auf Geheiß des König Ludwig II uraufgeführt, der nicht auf die von Wagner geplante zyklische Aufführung in Bayreuth warten wollte.

Die Vorgeschichte oder das, was nach Rheingold passiert: Im Raum steht der von Urmutter Erda angekündigte Untergang der Götter. Der testosteron-gesteuerte Wotan löst das Problem auf seine Weise. Er versucht von Erda den genauen Ablauf der Götterdämmerung zu erfahren und zeugt nebenbei mit ihr neun Töchter, von denen Brünnhilde sich zu seiner Lieblingstochter entwickelt. Sie verbindet Erdas Weisheit mit Wotans Stärke. Da aber von Alberich Gefahr droht, macht sich Wotan als ewiger Wanderer (erkennbar an der aufgemalten Augenklappe) auf den Weg, gründet mit einer Menschenfrau eine neue Familie, die Wälsungen, die er nach der Geburt der Zwillinge Siegmund und Sieglinde verlässt. Schon früh werden die Zwillinge getrennt und wachsen in feindlichen Lagern auf. Sieglinde wird später an Hunding „verschachert“. Siegmund kann aus der Gefangenschaft fliehen.

Stefan Mickisch fasst in einem Vortrag den Inhalt des Werkes humorvoll und treffend zusammen: Siegmund und Sieglinde verlieben sich ineinander. Siegmund zieht das Schwert aus der Esche. Wotan zerstreitet sich mit seiner Frau Fricka und muss Siegmunds Schwert mit seinem Speer zerbrechen und den Widersacher Hunding töten. Brünnhilde rettet Sieglinde. Dafür bestraft Wotan Brünnhilde mit magischem Schlaf“.

Stadttheater Minden / Die Walküre © Dorothea Rapp

Stadttheater Minden / Die Walküre © Dorothea Rapp

Nach über vier Stunden spannendem Musiktheater, als Wotan Loge aufrief, Brünnhilde mit Feuerzauber zu umsäumen, als die wunderbare Schlussmusik erklang, als der Göttervater an der Rampe zum Parkett mit quergehaltenem Speer im blutroten Feuerring steht, der Theaternebel die Szene verklärt, „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ ans Gehör dringt, als die letzten Noten des Werkes im leise verhallen, da löste sich auch die Anspannung des Publikums in einem Sturm von begeistertem Applaus.

Unter der Leitung des Dirigenten Frank Beermann kann das Orchester der Nordwestdeutschen Philharmonie am Abend erneut seine außergewöhnliche Qualität in Sachen Wagnerinterpretation unter Beweis stellen: Mit größter Variabilität und Dynamik unterstreicht Beermann mit seinen 80 Musikern sängerunterstützend, sängertragend das Ensemble, ohne die Kraft und Sogwirkung der Orchestermusik Wagners zu vernachlässigen. Mal peitscht die Musik, nimmt rasantes Tempo auf, hält aber auch plötzlich inne und haucht die Noten kaum hörbar. Dabei agieren die Musiker mit äußerster Präzision, wie bei einem „Schweizer Uhrwerk“, als wenn es nichts Leichteres gäbe. Durch die Positionierung der Musiker auf der Bühne hinter den Sängern stellt sich zudem ein wunderbar luftiger, imposanter Klang ein, für den es sich bereits lohnt, eine weite Anreise nach Minden anzutreten.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : Dirigent Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie © Patri Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : Dirigent Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie © Patri Klein

Nicht oft genug kann man die hohe Kunst und das einnehmende „Preis-Genussverhältnis“  vieler Produktionen der kleinen und mittleren Opernhäuser in Deutschland hervorheben. So spielen, singen auch die Sängerinnen und Sänger in Minden auf beeindruckend hohem Niveau. Stimmschönheit, Textverständlichkeit, Nähe zum Geschehen und Klangfülle sind im Stadttheater Minden ein die Besucher einnehmendes Vergnügen.

Eines der absoluten Highlights: Noch nie habe ich als Zuhörer im dritten Aufzug die acht Walküren so präzise, spielfreudig und gleichzeitig musikalisch harmonisch hören und erleben dürfen: ein Ergebnis intensiver, detaillierter Probenzeit. Yvonne Berg, Tiina Penttinen, Dorothea Winkel, Katharina von Bülow, Julia Bauer, Kathrin Göring, Christine Buffle und Ines Lex  spielen und singen in ihren braun-rot gefärbten Kriegskleidern, bewaffnet mit Schwertern, Pfeil und Bogen variabel aus den Rängen und von der Bühne. Wie aus einem Guss gelingt ihnen diese komplexe Szene.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : die Walküren © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : die Walküren © Patrik Klein

Zu Beginn des ersten Aufzugs wird Siegmund musikalisch zu Sieglinde und Hunding in die „Hütte“ gelenkt. Die Musik wirkt von Sturm gepeitscht und verweist auch auf das Rheingold mit dem Donnermotiv. Das Orchester spielt diese komplementäre Komposition mit dem Drama der Liebe von Sieglinde und Siegmund mit größter Sorgfalt und Empathie für die beteiligten Musiker, Sängerinnen und Sänger. Es führt bereits im Vorspiel mit dem „Liebeslied des Lenzes“, fast italienisch anmutend, die beiden Liebenden zusammen. Die Bühne ist von einem sie ausfüllenden Ring umhüllt. Darauf steht lediglich einen Tisch mit Stühlen zur linken Seite und im Hintergrund der abgebrochene Stamm einer Esche. Sieglinde erscheint mit Fackel und zündet ein wärmendes Feuer für die beiden an.

Die unendlichen Gefühle der Sehnsucht geraten ganz besonders emotional und eindringlich  bei den „Winterstürmen wichen dem Wonnemond“, das sicher und mit viel Kern in der Stimme vom Siegmund des auch an diesem Abend wieder bestens disponierten Thomas Mohr gesungen wird. Nach dem Loge vor ein paar Tagen im Rheingold gelingt es ihm an diesem Abend in die jugendlich kraftvolle Rolle glaubwürdig zu schlüpfen und sie mit seiner superben Stimmführung und Ausdauer imposant und ohne Spur einer Ermüdung auszufüllen.

Die Wendeltreppe zu den Proszeniumslogen wird erneut reichlich genutzt und eröffnet dem Zuschauer ein pulsierendes, sehr bewegliches Spiel. „Ich weiß ein wildes Geschlecht“ erklingt es von der imposanten Erscheinung des langgelockten Hunding des Tijl Faveyts, der noch im Rheingold den Riesen Fasolt gab. Mit prachtvoller, mächtiger und vor allem dieses Mal deutlich abgedunkelter, „schwarzer“ Stimme variiert er seine eher helle Interpretation des Riesen nun glaubwürdig als misstrauischer Hausherr mit klaren Absichten, seine Ehefrau zu verteidigen und den Eindringling zu vernichten.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : Fricka und Hunding © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : Fricka und Hunding © Patrik Klein

Auf die Schwertziehung Nothungs durch Siegmund aus der Esche folgt der Schrei der Sieglinde. Die in Warschau geborene und in Wien lebende Sopranistin Magdalena Anna Hofmann, die wagnergesangerfahren bereits die Kundry und mit überregionalem Erfolg unlängst in Hagen eine Isolde der Extraklasse gab, singt die Sieglinde nicht nur mit fein dosierter lyrisch anmutender Stimme, sondern auch mühelos nach Belieben kraftvoll dramatisch und mit tragender Substanz.

Im großartigen Finale des ersten Aufzugs unterstreicht das Orchester die feinsinnige  erotische Musik, denn hier wird Siegfried von Sieglinde und Siegmund gezeugt. Im Videokreis auf dem Gazevorhang beginnt ein schäumendes Geblubber zum Wasserfall zu mutieren. Das Schwert Nothung wird von den Liebenden in ein schwarzes Tuch gewickelt, bevor sie langsam abgehen. Hunding schleicht ihnen drohend und mit gezogenem Schwert vom Proszenium die Wendeltreppe herab hinterher.

Im zweiten Aufzug bleibt die Bühne wieder weitgehend leer, lediglich drei angedeutete Teilkreise ragen abgebrochen aus dem Bühnenboden. Bereits im Vorspiel dringt viel  Wichtiges ans Gehör. Einprägsame und wuchtige Fluchtmusik erklingt mit dem Schwertmotiv, der Vorahnung der Walküre, die noch gar nicht erschienen ist. Man hört erste Hinweise auf Brünnhildes „Hoiotoho“ und an eine „Leopard 2- Geräuschkulisse“ erinnernde,  kämpfende Brünnhilde. In der Diskussion zwischen Fricka, der Hüterin des Vergangenen mit traditionsbewusster Weltsicht und ihrem Mann Wotan, wird der dramatische Konflikt, in dem die beiden stecken, besonders deutlich. Wotan verliert Siegmund und Fricka verlässt die Situation feierlich und hoch erhobenen Hauptes. Der Zwist endet musikalisch unaufgelöst und lässt bereits jetzt den Untergang in der Götterdämmerung andeuten.

Wotan will alles hinschmeißen, weil er zudem weiß, dass Alberich den Sohn Hagen zeugte. Die Frustration endet mit dem verstärkten, aber kaum erkennbaren Walhallmotiv. Fricka tritt mit langem fellbesetzten Mantel und Stola in Erscheinung und keift ihren Gatten an, gefälligst nach Recht und Ordnung zu handeln. In der Auseinandersetzung der beiden, aus der der Göttervater als Verlierer hervorgeht, sitzen sie abwechselnd um Durchsetzung kämpfend auf dem mittlerweile hereingebrachten Thron. Kathrin Göring knüpft nahtlos und mühelos an die Leistung aus Das Rheingold an. Sie singt ihre Partie mit  dunkel gefärbtem warmen Timbre und strahlend kerniger Höhe. Dass sie auch noch im dritten Teil eine der acht Walküren singt und spielt, unterstreicht einmal mehr den Teamgeist und Umsetzungswillen des Stadttheater Minden.

Bei der Todesverkündung durch Wotan erklingt wunderbar gespielt vom Orchester das Schicksalsmotiv mit feinsten, offenen Akkorden. Im Klang des Wallhallmotives soll Siegmund dorthin gelangen. Brünnhilde zeigt „menschliches“ Herz, da sie sich von Siegmund überzeugen lässt, dass es höhere Werte gibt, als in Walhall zu sitzen.  Siegmund fällt durch Hunding und gibt die Kraft weiter an den ungeborenen Siegfried.

Im dritten Aufzug tauchen die Walküren aus den Seitenbühnen und den Proszeniumsrängen auf. Sie sind bewaffnet mit Pfeil, Bogen und schweren Waffen. Auf dem Gazevorhang werden Videos mit Pferdegetrampel und dunklen Schwarz-Weiß-Szenen sichtbar. Die Musik  nimmt in neun musikalischen Schleifen (eine für Brünnhilde und acht für die übrigen Walküren) im berühmten Ritt musikalisch Fahrt auf. Es klingt dämonisch wie bei Klingsor im Parsifal und drückt die Wildheit und Kraft auf der Bühne aus. Es scheint so, als ob die Hufe der Pferde nur ganz vorsichtig Land betreten. Nur allmählich kommen sie hinunter auf die Erde. Das komponierte Pferdegewieher,  Wotans Verfolgung mit seinem achtfüßigen Pferd Sleibnir, das schwächere Pferd Grane der Brünnhilde hetzend, setzt das Orchester überragend um.

Stadttheater Minden / Die Walküre - hier : vl. Wotan, Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Die Walküre – hier : vl. Wotan, Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde © Patrik Klein

In der Begegnung der Brünnhilde mit Sieglinde hört man bereits das gut erkennbare Siegfriedmotiv, das mit strahlender, unschuldiger Zukunftshoffnung die Handlung weitertreibt.  Das Göttliche in Brünnhilde wehrt sich gegen den Bann des Wotans mit ihrem Klagegesang. „Hier bin ich Vater“  und „War es so schmählich, was ich verbrach?“ erklingt in der klagender Moll-Tonart ohne Erfolg beim Gottvater und deshalb auch nicht ins Dur-Geschehen mündend. Dennoch hat sie es beinahe geschafft, ihren Vater zu überzeugen, um ihm die Liebe ins Herz zu hauchen und so zu handeln, wie er es eigentlich selbst gerne gewollt hätte.

Brünnhilde  wird von Dara Hobbs in allen Belangen mit Bravour, schöner Stimmführung, kraftvollen Ausbrüchen sowie feinen, leisen Passagen höchst emotional gesungen. Die amerikanische Sopranistin  ist mittlerweile freiberuflich tätig und sang bereits an vielen bedeutenden Opernhäusern in Europa.

Wotan nimmt den Wunsch von Brünnhilde auf, denn sie fordert den Schutz und die Wahrung des Göttlichen, indem er den Feuerkreis um sie schließt. In Minden geschieht das mit wirkungsvollen Lichteffekten, die die gesamte Bühne, den sie umschließenden Ring und den projizierten Kreis hinter dem Orchester in rötlich leuchtende und flackernde Farben taucht. Loge entfacht das Feuerzaubermotiv. Der Schmerz über die Trennung lässt die Tragik des Gottes erkennen. In der Liebestonart E-Dur ganz nah an Bruckners siebenter Sinfonie steht Wotan als das größte Opfer dieser Trennung zwischen Vater und Tochter. Das Abschiedsthema erklingt macht- und schmerzvoll zugleich. Wotan schützt seine Tochter Brünnhilde mit dem Feuerkreis und beherrscht noch den Kosmos. Die alte Ordnung soll noch geschützt werden bis Siegfried kommt und das Werk vollendet. Renatus Mészár spielt und singt den Göttervater mit all seiner Kraft in Stimme und Körper mit unermüdlichem Einsatz und großer Variabilität. Besonders die leisen, tiefen und schwarzen Momente, die Gestaltung und die Phrasierung gelingen ihm vorzüglich. Er knüpft auch hier nahtlos an den Göttervater aus Das Rheingold an und weiß seine Kraft einzuteilen und sich noch einmal in Ausdruck und Dramatik zu steigern.

Als der letzte Ton leise verklungen ist, herrscht beim hochkonzentrierten Publikum in Minden wieder einige Sekunden atemlose Stille, bevor sich der Jubel viele minutenlang einstellt. Der frenetische Applaus des Publikums gilt für alle Beteiligten an dieser Produktion, eingeschlossen die wunderbare Interpretation durch das Regieteam um Gerd Heinz, die sich ganz nahe am Komponisten und Dichter orientiert .

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Ludwigsburg, Forum am Schlosspark, Walküre – Foster, Vogt, Kessler, Argiris, IOCO Kritik, 07.03.2019

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark Ludwigsburg

Walküre konzertant – Mit Weltklasse Besetzung

– Catherine Foster, Klaus Florian Vogt, Aris Argiris, Astrid Kessler –

von Peter Schlang

Die Stadt Ludwigsburg und das dort beheimatete Forum am Schlosspark, zugleich und eigentlich das Festspielhaus der weit bekannten Ludwigsburger Festspiele, begannen im vergangenen Jahr einen Zyklus, der wichtige Opern in konzertanter Form in hochkarätiger Besetzung präsentiert. Diese Aufführungsart hat in Ludwigsburg eine lange Tradition, die auch und vor allem bei den im Frühsommer stattfindenden Ludwigsburger Festspielen gepflegt wird.

Wagner‘sche Wohlklänge wecken Wonnegefühle – Im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg

Nach Beethovens Fidelio zum Auftakt wurde diese Reihe am 1. März 2019 mit Richard Wagners Walküre fortgesetzt, dem 2. Teil seiner Tetralogie Ring des Nibelungen. Zugpferde und Stars dieser Aufführung waren die auf allen großen „Wagner-Bühnen“ gefeierten und zur allerersten internationalen Garde der Wagner-Interpreten gehörenden Catherine Foster als Brünnhilde und Klaus Florian Vogt als Siegmund. Dazu kamen die zwar noch nicht ganz so im Rampenlicht stehenden, aber auf der Berühmtheits-Skala ständig nach oben kletternden Astrid Kessler als Sieglinde, Aris Argiris als Wotan, Monika Bohinec als Fricka und Magnus Piontek als Hunding.

Auch für das Oktett der Walküren waren mit Daniela Köhler, der kurzfristig für die erkrankte Regine Sturm eingesprungen Caroline Wenborne, Magdalena Hinterdobler, Sylvia Rena Ziegler, Franziska Krötenheerdt, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Sophia Maeno in Ludwigsburg ausschließlich Sängerinnen zu erleben, die nicht nur den aufstrebenden Wagner-Interpretinnen zuzurechnen, sondern an führenden Häusern engagiert oder dort als Gäste zu erleben sind.

Fast die Hälfte der genannten Vokal-Solistinnen und -solisten sind Ensemble-Mitglieder oder „feste Gäste“ an den Theatern Chemnitz, die in einem bisher einmaligen Kraftakt im vergangenen Jahr den gesamten Ring-Zyklus in die Hände von vier Regisseurinnen legten und in viel beachteten Aufführungen auf die Chemnitzer Opernbühne brachten. Deren Orchester, die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, unter ihrem zur Spielzeit 2017/2018 ans Haus gekommenen Generalmusikdirektor Guillermo Garciá Calvo lieferten auch das musikalische Gerüst für diese Ludwigsburger Walküre, so dass es durchaus berechtigt erscheint zu schreiben, dass die Theater Chemnitz am 1. März in Ludwigsburg mit Richard Wagners Walküre ein konzertantes Gastspiel gaben.

Dieses war, dies sei gleich zu Eingang gebeichtet, vom Rezensenten mit recht gemischten Gefühlen erwartet worden, was nichts mit dem Ruf der Chemnitzer Oper, ihres Orchesters und der aufgebotenen Protagonisten zu tun hat, sondern ausschließlich darin begründet liegt, dass für den Betrachter nun einmal zu einer Opernaufführung alle entsprechenden Dimensionen gehören, ein Opernabend also im Prinzip nur als szenisches Live-Erlebnis auf einer Opernbühne vorstellbar ist und ungetrübten Genuss bieten kann.

Im Vorspiel zum ersten Akt der Walküre schienen sich diese Festlegungen, ja Befürchtungen, tatsächlich zu bestätigen, denn vom im Bühnenkasten platzierten Orchester drang zunächst ein eher matter, blasser, ja verschwommener Wagner-Klang an die Ohren des schreibenden Zuhörers, der keinerlei Bemühungen um Phrasierung und Dynamik erkennen konnte. Dies mochte zum einen an der speziellen Ludwigsburger Bühnensituation und an der dafür recht mächtigen Orchester-Besetzung gelegen haben, so dass wichtige Orchesterteile weit hinten an der Bühnenwand zu sitzen kamen. Auf jeden Fall klangen die ersten Takte wie hinter einem stark dämpfenden Vorhang oder aus einer schallgedämmten Kiste.

Vielleicht war dafür aber auch – zweitens – diese für den Verfasser eher ungewohnte, neue Aufführungsart einer großen Oper verantwortlich, an die sich – drittens – auch die Instrumentalisten und ihr mit größter Umsicht und Feinfühligkeit agierender Leiter, der eingangs erwähnte 40jährige spanische Dirigent Guillermo Garciá Calvo, erst gewöhnen mussten. Jedenfalls erwiesen sich weitergehende Befürchtungen im weiteren Verlauf des Abends als unbegründet, und diese Irritationen verschwanden spätestens mit dem Auftritt Sieglindes und Siegmunds. Allerdings blieb auch am Ende dieses fast fünfstimmigen Opernabends die Erkenntnis, dass Wagners Musik von der Konzertbühne herab völlig anders wirkt oder zumindest im Ohr ankommt, als wenn sie wie üblich aus dem Orchestergraben erklingt.

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Dennoch bescherte diese „Ludwigsburger Walküre“ eine große Fülle an schönen und beglückenden Momenten sowie wunderbaren musikalischen wie darstellerischen Eindrücken. Dabei entspringt das letzte Adjektiv keinem Versehen oder der schmerzhaften Erinnerung des Autors an denkwürdige szenische Aufführungen, sondern soll ausdrücken, dass diese Ludwigsburger Version als mindestens „halb-szenische“ bezeichnet werden kann. Der Grund dafür waren nicht nur die passgenauen Auftritte der Solisten in eine Szene, die sie nach ihrem Ausscheiden aus derselben auch umgehend verließen. Erfordern Libretto und Handlung aber ein weiteres, passives Verweilen der Darsteller auf der Bühne, setzten sie sich zuhörend auf die für Konzertsänger üblicherweise vorgehaltenen Stühle. Dieses Zuhören geschah jedoch nicht passiv, sondern in der Form aktiv, dass die Sängerinnen und Sänger deutlich sichtbar und mindestens mimisch auf den Auftritt ihrer Kolleginnen und Kollegen reagierten.

Diese körperliche Präsenz und Reaktion wuchs sich den aktiven Phasen einer Szene fast zum Spiel aus, so dass die inneren Vorgänge der Rollen in zwar kontrollierten und begrenzten, aber deutlich sichtbaren Bewegungen und klarer Gestik und Mimik auch äußerlich wahrnehmbar wurden.  Sehr schöne sinnliche Szenen ergaben sich dadurch in der Interaktion von Siegmund und Sieglinde, drastisch-dramatische zwischen Göttervater Wotan und seiner bisherigen Lieblingstochter Brünnhilde. Diese Personendramaturgie ging allerdings weder ins Kitschige noch zu Lasten des Gesangs und seiner Prägnanz wie Präsenz. Vielmehr zeigte sich hier der große Vorteil einer solchen Dramaturgie bzw. Aufführungsform: Man konzentriert sich als Zuhörer voll und ohne Probleme auf die Musik, sei sie nun rein instrumental oder vokal mit entsprechend orchestraler Begleitung und Untermalung. Und bei den Vokalpartien überzeugte darüber hinaus die hohe Musikalität und Wortverständlich, vor allem wenn solche Sängerinnen und Sänger am Werke sind, wie es in Ludwigsburg der Fall war. So können Wagners Texte ihre ganz Urgewalt entfalten – und den Zuhörer hin und wieder auch an die Grenzen seines textlichen Fassungs- und Begriffsvermögens führen.

Größten Anteil an dieser denkwürdigen und beeindruckenden Walküre hatten, und das nicht nur wegen des beachtlichen Umfangs ihrer Rolle, die eingangs zuerst aufgeführten je zwei Sängerinnen und Sänger, und hier wiederum allen voran die Darstellerin der Brünnhilde, Catherine Foster, und der Sänger des Siegmund, Klaus Florian Vogt. Beide bewiesen in je makelloser Weise ihre internationale Extraklasse und betörten durch ihre dem Charakter ihrer Rolle wie angemessene, absolut schlüssige, ja aufregende Interpretation. Catherine Fosters Brünnhildes bestach durch ihre so menschlichen, in allen emotionalen Lagen berührenden Züge und eine Stimme, die in allen Stimm- und Gefühlslagen mitriss und begeisterte. Ja, wie fabelhaft diese Sängerin ihre vokalen Fähigkeiten einsetzt und auch in Extremlagen traumwandlerisch beherrscht, grenzt wirklich an ein Wunder und zeugt von größter Meisterschaft und intensivstem Rollen- wie Menschen-Studium. Diese Beschreibung gilt ohne jeden Abstrich auch für Klaus Florian Vogt, der mit seinem stets leicht und sauber geführten, so samtigen Tenor dem Duktus der Wagner‘schen Musik und dem seiner Rolle in betörender Weise entsprach. Er gestaltete die liedhaften Passagen mit genauso großer Intensität wie die dramatischen Ausbrüche. Das große Wunder war hier zusätzlich, dass dem Sänger dieser ja unglaublich schweren und kräftezehrenden Rolle auch gegen Schluss keinerlei Schwäche oder Ermüdung anzumerken war und er seine Stimme noch in den letzten Takten sicher, kraftvoll und dennoch samtweich führte: das stimmliche Heldentum stand dem dramatisch vorgegebenen in keiner Weise nach.

Gegen diese beiden Ausnahmesänger-Darsteller sollten es normalerweise die übrigen Protagonisten deutlich schwerer haben – nicht so aber an diesem ersten Märzabend in Ludwigsburg. So gab Astrid Kessler mit ihrem strahlend-glänzenden wie kraftvoll-energischen Sopran eine Sieglinde, der man ihre Liebe zum unbekannten Gast genauso abnahm wie ihr Erschrecken über die aus dieser Liebe und den verwandtschaftlichen Beziehungen resultierenden Folgen. Klang ihre Stimme anfangs in den Höhen noch etwas scharf, überzeugte sie alsbald in allen Lagen, und die gemeinsamen Auftritte mit ihrem „geliebten Bruder“ waren unvergleichliche Momente dieses gesanglich ja wirklich sensationellen Wagner-Abends.

Für dessen Erfolg garantierte auch der Wotan des griechischen Bassisten Aris Argiris, dessen Stimme eingangs leicht belegt wirkte, der dann aber einen absolut souveränen, allen musikalischen wie stimmlichen Anforderungen gewachsenen Göttervater gab. Sein tiefgründiger, wirklich „rabenschwarzer“, dennoch von großer Dynamik und Flexibilität geprägter Bass machte das „Göttergewaltige“ und „den Himmel Beherrschende“ genauso erfahrbar wie das Erdbezogene und von großem Verständnis zeugende, ja gütige Auftreten gegenüber seinen Zwillingskindern. An diesem hervorragenden Eindruck änderten auch leichte Trübungen gegen Ende des 3. Aktes kaum etwas und unterstellt, dass Aris Argiris noch an Erfahrung, Ökonomie und Durchhaltevermögen gewinnt, wird man diesen fabelhaften Sänger alsbald in Bayreuth und auf anderen berühmten Bühnen erleben können.

Allenfalls Monika Bohinec als Fricka und Magnus Piontek als Hunding vermochten in ihren Rollen nicht ganz bzw. durchgehend auf dem beschriebenen Niveau zu überzeugen, doch waren die hier vom Rezensenten gehörten farblichen und gestalterischen Schwächen eher punktuell und nicht so schwerwiegend, dass sie den positiven, ja begeisternden Eindruck dieses Abends getrübt hätten. Dies gilt auch für den Chor der acht Walküren, auch wenn man sich diesen insgesamt etwas harmonischer und ausgeglichener gewünscht hätte. So beschlich den Rezensenten das lebhafte Gefühl, dass die eine oder andere der Walküren vom Pferd gestürzt und im Kampfgetümmel etwas die Orientierung verloren hatte…..

Daran mochte auch das ansonsten tadellose Orchester ein wenig Anteil haben, indem es an zwar wenigen Stellen, aber da doch deutlich die Oberhand hatte und so den Sängerinnen und Sängern ein wenig die ansonsten starke  Unterstützung versagte. Allerdings muss man zur Ehrenrettung aller Beteiligten nochmals betonen, dass eine solche „konzertante Aufführung“ sowohl vom Orchester als auch vom singenden Personal Höchstleistungen abverlangt, was Hörvermögen, Konzentration und Koordination betrifft. Ja es bleibt dem naiven Betrachter recht schleierhaft, wie etwa der Dirigent und seine Musiker/innen vom Gesang der vor ihnen agierenden Solistinnen und Solisten so viel mitbekommen, dass sie entsprechend reagieren können. Diese Schwierigkeit mag auch erklären, dass man den Orchesterklang stellenweise als zu wenig „wagnerisch“ und eher italienisch-spanisch geprägt empfand. Dies führte aber auch wieder über weite Strecken zu der schon gerühmten großen Durchhörbarkeit und Transparenz, was sowohl dem Klang einzelner Orchestergruppen und Solo-Instrumente als auch der Hörbarkeit der Gesangssolisten und deren Wortverständlichkeit sehr zu Gute kam.

Wer sich von all dem selbst überzeugen möchte, hat dazu mindestens dreifache Gelegenheit: Die Ludwigsburger Aufführung wurde nämlich vom Deutschlandfunk und vom Südwestrundfunk mitgeschnitten und ist am Samstag, dem 25. Mai ab 19.05 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur zu hören. Und die nächsten zyklischen Aufführungen des Ring des Nibelungen an den Theatern Chemnitz finden vom 18. bis 22. April (Ostern) und am 30. Mai, 1., 8. und 10. Juni 2019 (Pfingsten) statt

—| IOCO Kritik Forum am Schlosspark Ludwigsburg |—

Wien, Staatsoper Wien, Der Ring des Nibelungen – Im Januar 2019, IOCO Aktuell, 11.01.2019

Januar 12, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Im Januar 2019 an der Wiener Staatsoper

Axel Kober © IOCO

Axel Kober © IOCO

Im Jänner 2019 zeigt die Wiener Staatsoper wieder Richard Wagners Ring-Tetralogie, erstmals unter der musikalischen Leitung von Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein, der u.a. vergangenen Sommer bei den Bayreuther Festspielen Der fliegende Holländer dirigierte und an der Wiener Staatsoper soeben Hänsel und Gretel musikalisch leitete.

Den Auftakt zum Ring-Zyklus bildet Das Rheingold am Dienstag, 8. Jänner 2019: KS Sophie Koch gibt als Fricka ihr Staatsopern-Rollendebüt. Tomasz Konieczny ist als Wotan zu erleben, Norbert Ernst als Loge, Jochen Schmeckenbecher als Alberich, KS Herwig Pecoraro als Mime, Jongmin Park (anstelle von Sorin Coliban) als Fasolt, Sorin Coliban (anstelle von Lars Woldt) als Fafner, Clemens Unterreiner als Donner, Jörg Schneider als Froh, Anna Gabler als Freia, Ileana Tonca als Woglinde, Stephanie Houtzeel als Wellgunde, Bongiwe Nakani als Flosshilde und Monika Bohinec als Erda.

Wiener Staatsoper / Der Ring des Nibelungen - hier : Tomasz Konieczny als Wotan © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Poehn

Wiener Staatsoper / Der Ring des Nibelungen – hier : Tomasz Konieczny als Wotan © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Poehn

In Die Walküre am Samstag, 12. Jänner 2019 gibt Tobias Kehrer als Hunding sein Debüt an der Wiener Staatsoper, erstmals verkörpern im Haus am Ring KS Sophie Koch die Fricka und Catherine Naglestad die Sieglinde. Tomasz Konieczny singt den Wotan, Foto,  Iréne Theorin die Brünnhilde und Christopher Ventris den Siegmund.

KS Stephen Gould ist am Mittwoch, 16. Jänner 2019 wieder in der Titelpartie von Siegfried zu erleben. Iréne Theorin singt die Brünnhilde, Tomasz Konieczny den Wanderer, KS Herwig Pecoraro den Mime, Jochen Schmeckenbecher den Alberich, Sorin Coliban (anstelle von Lars Woldt) den Fafner und Monika Bohinec als Erda. Maria Nazarova singt erstmals am Haus die Stimme des Waldvogels.

Wiener Staatsoper / Der Ring des Nibelungen - hier : Jongmin Park als Fasolt, Sorin Coliban als Fafner © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Poehn

Wiener Staatsoper / Der Ring des Nibelungen – hier : Jongmin Park als Fasolt, Sorin Coliban als Fafner © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Poehn

Am „3. Tag des Bühnenfestspiels“, Götterdämmerung am Mittwoch, 20. Jänner 2019
verkörpert KS Stephen Gould den Siegfried, KS Falk Struckmann den Hagen, Iréne Theorin die Brünnhilde, KS Waltraud Meier die Waltraute, Tomasz Konieczny den Gunther, Jochen Schmeckenbecher den Alberich und Anna Gabler die Gutrune. Ihre Staatsopern-Rollendebüts geben Fiona Jopson als 3. Norn und Maria Nazarova als Woglinde.

Der komplette Ring-Zyklus mit Das Rheingold am 8. Jänner 2019, Die Walküre am 12. Jänner, Siegfried am 16. Jänner und Götterdämmerung am 20. Jänner wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit live in HD gestreamt: www.staatsoperlive.com

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

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