München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier – Regie Barrie Kosky, IOCO Kritik, 25.03.2021

März 25, 2021 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Rosenkavalier   –  Richard Strauss

– Der kleine Tod –

Musikalische Leitung: VladimirJurowski,  Inszenierung: Barrie Kosky, Video- on-Demand

von Hans-Günter Melchior

 Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Er schleicht immer wieder über die Bühne, ein uralter Cupido auf wackeligen, altersschwachen Beinen und mit zerfurchtem Gesicht, ach ja, die Liebe, und alles hat seine Zeit und die Feldmarschallin (großartig, eindringlich, melancholisch Marlies Petersen) darf sich noch einmal hin-legen und bereit sein für ihren jungen Liebhaber (Octavian Samantha Hankey), bevor der Baron Ochs (Christoph Fischesser) hereinpoltert und von seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Tochter des neureichen Faninal (Johannes Martin Kränzle), dieser kapriziösen und modernen Sophie (Katharina Konradi) schwärmt. Ohne dabei zu vergessen, der attraktiven Kammerzofe Avancen zu machen und der nicht minder attraktiven Feldmarschallin auf dem Sofa immer näher zu rücken, während diese ihm auf dem engen Sitzmöbel auszuweichen sucht. Denn der Kerl ist zweifellos ein Blödmann, der hinter dem Geld her ist und auf dummdreiste Art die neue Zeit dumpf begreift, ohne den Ansehensverlust seiner Klasse akzeptieren zu können.

Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper
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Die neue Zeit und die Melancholie des Alters, der Neureiche und der dünkelhafte, faktisch bereits abgedankte Adel – politisch und vor allem finanziell –, bleibt doch dem Ochs, der den richtigen Namen hat, nichts weiter als der ständige Hinweis auf seine hohe Geburt, die freilich nicht ausreicht, dem Tölpel standesgemäße Manieren beizubringen.

Das alles ist großartig gemacht, Rokoko-Einlagen wechseln fast übergangslos ins Moderne über, die Zeitgrenzen verwischen, während die Musik unter der selbstbewussten Leitung von Vladimir Jurowski alles Süßliche und die allzu verschnörkelte Walzerseligkeit meidet und mit klaren Konturen, die zuweilen dann, wenn sie ins Hochdifferenzierte und nahezu Fahle übergehen, an Wagner erinnern, und die eine eigene und höchst eigenwillige Handlung neben dem Gesang der Akteure auf der Bühne vorantreibt. Und dennoch bringt Jurowski dies alles zusammen, schafft die Einheit in der Vielfalt. So, dass man von dem künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper einiges erwarten darf.

Hochkompliziert ist diese Oper in solcher Auffassung, geradezu hinweisend ausgestellt in ihrer Komplexität, so dass man Richard Strauss den so oft beklagten Rückfall ins Konventionelle und Bürgerlich-Verträgliche nach der aufrüttelnden Elektra, die mit ihren vertrackten Harmonien die Atonalität streift, kaum noch anmerkt.

Der Rosenkavalier – Barrie Kosky und … führen ein
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Über vier Jahrzehnte lange glaubte man in München, außer der Inszenierung von Otto Schenk gebe es gar keine andere Auffassung dieses bissigen Stücks, über das Hugo von Hofmannsthals Text wie Streusel eine Unmenge französischer Floskeln und stehender Ausdrücke schüttet, die die Affektiertheit einer Klasse verdeutlichen, die sich nur noch in Sprüchen erschöpft.

Und immer wieder dieser altersschwache Cupido oder Amor, der mit hämischer Grimasse über die Bühne schleicht und die Uhr zurückdreht oder zum Stehen bringt und endlich darin oder hinter ihr verschwindet, die Zeit, ja, die Zeit ist ein seltsam Ding, ein seidiger, nicht fassbarer Stoff ohne Anfang und Ende und doch eine das Leben langsam vernichtende Macht, da alles nunmal seine Zeit hat.

So vielleicht auch diese Pandemie, die die Anwesenheit eines Publikums ausschloss. Was für ein kaum zu behebender Mangel bei dieser so erfrischend neuen Produktion des Rosenkavalier in der Regie von Barrie Kosky.

Immerhin sendet die

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—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL – IOCO Serie – Teil 3, 27.2.2021

Februar 27, 2021 by  
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Die Erscheinung _ der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

Die Erscheinung _ der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

SALOME – oder die PRINZESSIN VON BABEL

IOCO Serie in sechs Teilen – von Peter M. Peters

Teil 1 – Das Kultbild der Décadence
Teil 2 – SALOMÉ: Jungfrau und Frau

von Peter M. Peters

Teil 3 – Eine Salomé versteckt die Andere …

Stellen wir uns vor, ein Zeitgenosse von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) hatte auch die Idee, den Don Giovanni (1787) von Lorenzo da Ponte (1749-1838) zu vertonen. Unsere Überzeugung würde uns daran hindern, dieses im Vergleich mit ziemlicher Sicherheit überwältigende Werk abzulehnen: Die Musik einer Oper würdigt immer die kulturelle Bedeutung eines Themas, wie bescheiden sie auch sein mag.

Was wir uns für Don Giovanni vorstellen, ist wirklich für Salomé von Wilde passiert: Durch die Auswahl eines Libretto für eine lyrische Tragödie wurde Antoine Mariotte (1875-1944), ein Musiker mit einer sehr diskreten Karriere, ohne Absicht ein Rivale von Richard Strauss. Fassen wir zusammen!

Antoine Mariotte _ Interpret der SALOME von Oscar Wilde © Wikimedia Commons

Antoine Mariotte _ Interpret der SALOME von Oscar Wilde © Wikimedia Commons

Die Rechtsfrage…?

Mariotte las das Drama von Oscar Wilde im Orient zu einer Zeit, in der er zwischen einer Karriere als Seemann und der eines Komponisten zögerte. 1897 trat er von der Marine zurück, um an der Schola Cantorum zu studieren. Er wurde  Klavierlehrer in Lyon  und beendete dort seine Partitur für Salomé, nachdem er sich mit den Erben von Wilde geeinigt hatte. Gleichzeitig liest Strauss das Stück. Er fragt seinen Verleger Adolf  Fürstner (1833-1908), die Rechte zu erwerben. Nachdem die Nutznießer von Wilde ihre Erbrechte änderten, erhielt Fürstner die Exklusivität des Drama für eine musikalische Vertonung. Nach Verhandlungen erhält Mariotte die Erlaubnis, seine Oper nur für eine begrenzte Anzahl von Aufführungen im Grand Théâtre von Lyon zu spielen. Er ist verpflichtet die Hälfte der Tantiemen jeweils an Strauss und Fürstner zu zahlen und danach die Partitur und das Orchestermaterial zu vernichten. Romain Rolland (1866-1944) interveniert bei Strauss, der sich als „guter Prinz“ zeigt. Mariotte kann endlich am 30. Oktober 1908 seine Salomé dirigieren, Mme de Wailly (?-?) singt die Titelrolle. Der Erfolg ist da! Es bleibt nur noch Paris zu erobern. Sie wurde am 22. April 1910 in der Gaîté-Lyrique aufgeführt. Die große Lucienne Bréval (1869-1935) ist Salomé, die von der Ballerina Natacha Trouhanowa (1885-1956) für den Tanz der sieben Schleier gedoppelt wurde. Jean Périer (1869-1954) ist Hérode. Das exzellente Orchester wird von Auguste Amalou (1859-1918) dirigiert. Ovationen! Der Verleger Carl Enoch (1805-1883) veröffentlicht die Partitur, die dem Sohn Pierre von Edouard Lalo (1823-1892), Musikkritiker bei Le Temps gewidmet ist. Einige Wochen später gab die Salomé von Strauss ihr Debüt in Paris, „geschmückt“ mit der französischen Übersetzung von Joseph de Marliave (1873-1914).

Die beleidigte Kritik schreit nach „geistiger und moralischer Entwertung“. Dass ein französischer Musiker, ein Schüler von Vincent d’Indy (1851-1931), sich solchen „abscheulichen Übermaß an sadistischem Realismus“ hingibt, geht über die Grenzen des Anstandes hinaus. Überhaupt keine Ursache, denn der Erfolg ist da! Die Salomé von Mariotte reist viel. Nancy, Le Havre, Marseille, Genf, Prag loben sie sehr. Sie musste jedoch bis zum 2. Juli 1919 warten, um an der Opéra National de Paris applaudiert zu werden, wo ihr am 1. April La Tragédie de Salomé, op 50 (1907) (Ballett von Florent Schmitt (1870-1958) vorausging. Breval glänzt wieder, umgeben von André Gresse (1868-1937/Hérode), Mathilde Gomès (1868-1955 /Hérodiade), Joachim Cerdan (1877-1921/ Iokanaan). Die musikalische Direktion von François  Ruhlmann (1868-1948) wird als „grossartig“ bewertet. Doch die französische Salomé wird in ein Schattendasein verdammt! Sie wird dort bleiben, bis das Festival de Radio France et Montpellier sie mit Kürzungen als Rarität wieder aufführt. Am 21. Juli 2004 singt Nora Gubisch die schreckliche Prinzessin von Judäa.

Salome – hier von Antoine Mariotte
youtube Trailer WexfordFestivalOpera
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Eine spirituelle Tragödie

Indem Mariotte und Richard Strauss mit der gleichen Partition seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit konkurrieren, war es nicht unter gleichen Bedingungen, obwohl sie sich von dem gleichen Saft ernähren: die lebendige Prosa von Wilde. Wenn er es auch etwas kürzt, Strauss bewahrt die  poetische Essenz von Wilde, die der Text ausmacht und rechtfertigt den launischen und provokatorischen Humor der Musik: Wiederholungen der Worte, die den obsessiven Charakter jeder einzelnen Person hervorheben und  im Blick des Anderen gefangen  hält. Die Anhäufung symbolischer Metapher und die Lebendigkeit der verschiedenen Figuren kann die Sexualität des Kreises noch erhöhen. Mariotte ist restriktiver. Er kürzt die Prosa von Wilde um die Hälfte und formt sie an mehreren Stellen neu; wobei er den Einakter in sieben Szenen unterteilt, die durch lange Ochestrierungen miteinander verbunden sind. Der Text ist zu einer einfachen Leinwand geworden und verliert einen Teil seiner semantischen Mehrdeutigkeit. Die Individualität von Salomé und Hérode fällt zum Nachteil des jüdischen Kontextes fast vollständig aus. Die Auswirkung der Dreyfus-Affäre ist zweifellos für etwas, jedoch noch mehr die ästhetische Tendenz des Augenblickes:

Salome – hier der Schlussgesang – von Antoine Mariotte
youtube Trailer Anna-Maria Thoma
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Die lyrische Tragödie von Mariotte, sowohl von Claude Debussy (1862-1918) als auch vom Orientalismus entfernt, ist Teil einer Strömung, in der Post-Wagnerismus sich mit Spiritualismus verreimt. Das Eingreifen der Stimme von Iokanaan im Danse des Sept voiles und die auffällige Schlussszene mit einem Chor der geschlossenen Münder, das wie das Flüstern von Gebeten erscheint, sollen uns davon überzeugen. Von Thaïs (1894) von Massenet bis Les Dieux sont morts (1924) von Charles Tournemire (1870-1939) feiert die französische Oper immer wieder diese barbarischen Zeiten, in denen Heidentum und Christentum, Sinnlichkeit und Geist mit den Argumenten der Versuchung in Konflikt geraten als dramatische Spannkraft. In dieser Hinsicht ist die Oper von Mariotte repräsentativ für diesen Trend. Aus technischer Sicht ähnelt sein  Vokalschreiben dem von D’Indy in L’Étranger (1903). Die Rolle der Salomé ist insofern originell, als es zu zwei verschiedenen Abfassungen kommt, eine für Sopran, die andere für Mezzosopran, die überlagert in der Partitur wiedergegeben werden und es den Interpretinnen ermöglichen, eine der beiden Stimmlagen zu wählen, um das Stimmprofil des Charakters besser mit ihren Mitteln anzupassen.

Die starke Einheit von Mariottes Salomé manifestiert sich nicht ohne eine gewisse Monotonie, die sich aus einem nicht sehr hervorstechenden Thema und einem instabilen Tonverlauf ergibt. Ohne Zweifel hatte Jean d’Udine (1870-1938) recht in seiner Kritik (Le Courrier musical, 1-15 avril 1919) , jedoch vielleicht nur ein wenig zu streng, am Tage nach der Premiere in der Pariser Oper: „Weder die Vokallinie, die systematisch frei von Liedern ist und auf eine Deklamation reduziert ist, deren holzige Prosodie außerordentlich weit entfernt ist von den subtilen Rhythmen der spontanen Sprache, noch die Harmonien, die sich in einer Tendenz ständiger Traurigkeit der Wörter entwickelt. Die einheitliche Größe der Instrumentierung, die mehr koloriert als farbig und massiver als schwungvoll wirkt, spiegeln nicht das Leben mit seiner Vielfalt, seinen Überraschungen, seinen Kontrasten von Licht und Schatten wieder.“

Eine vielleicht unbewusste Art, durch die Musik von Mariotte alles das zu wünschen, was die unverschämte Originalität der Musik  von Strauss ausmacht…

Sarah Bernhardt - ehemals auch populäre Salome Darstellerin in Paris © Wikimedia Commons

Sarah Bernhardt – ehemals auch populäre Salome Darstellerin in Paris © Wikimedia Commons

Salomé – die Jüdin

Die Wiener Aufführung von Wildes Salomé im Dezember 1903 im Volkstheater verfolgte mit großer Leidenschaft auch Karl Kraus (1874-1936), der dazu einen Leitartikel in seiner Zeitschrift  Die Fackel (N° 150 / 23. Dezember 1903) schrieb. Es folgte ein Brief von Leopold Weininger (1854-1922),  Vater von Otto Weiniger (1880-1903), der Autor von Geschlecht und Charakter (1903), der sich am 3. Oktober 1903 das Leben genommen hatte. Geschlecht und Charakter, eine Abhandlung über die Metaphysik der Erotik und der Differentialpsychologie der Geschlechter, wurde von Kraus als Nachschlagewerk und als Manifest zur Befreiung des erotischen Lebens angesehen. Der virulente Antifeminismus von Weininger und das antisemitische Kapitel in der Geschichte von August Strindberg (1849-1912), das eine Parallele zwischen dem Juden und der Frau zieht, störten Kraus nicht, der obwohl er ein Anbeter der Weiblichkeit war und dennoch die größte Bewunderung für Strindberg bekundete. Obwohl er selbst die Verkörperung des Wiener jüdischen Intellektuellen war, zeigte er eine gesunde robuste Judäophobie. Es ist wahr, dass Otto Weininger, der antisemitische Antifeminist, selbst ein Jude war und wohlmeinende Menschen verdächtigten ihn sogar der Homosexualität!

Dieser Umweg über Geschlecht und Charakter ermöglichte es, den großen Einsatz von Kraus für seinen Bericht über die Aufführung der Salomé in Wien zu verstehen. Wie üblich greift er zunächst die große Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse an. In dieser Zeitung, die zu dieser Zeit hohes Ansehen genoß, wie heute etwa die Süddeutsche Zeitung oder Le Monde zusammen, hatte ein gewisser Friedrich Schütz (1845-1908) seinen Bericht zu Salomé veröffentlicht: In dem er moralische Überlegungen zum tödlichen Schicksal von Wilde anstellte; diesem brillanten Vertreter der englischen Kultur, der durch seine sexuelle Perversion verloren gegangen war. Kraus wird wütend auf diesen Konformisten: „Das einzige Anliegen von Schütz“, erklärt Krausist es, bekannt zu geben, dass er nicht „einer von denen“ ist„. Kraus seinerseits verkündet dass er die Sache der Homosexuellen unterstützt und dass er ein böswilliges Vergnügen daran findet dass die Allgemeinheit denkt, er wäre einer von „dieser Art“…

Dann wechselt Kraus das Feld, um die Frage des angeblichen Antisemitismus von Wilde anzusprechen. Tatsächlich war Schütz in seinem Bericht  der Ansicht dass Wilde die Juden in einem wenig schmeichelhaften Licht dargestellt hat: Hérode als inzestuöser Vater, Hérodias als verzerrte Mutter, Salomé als große hysterische Erotomanin und die Juden als sexuelle Perverse oder groteske Charaktere. Die Wiener Aufführung, fügte Schütz hinzu, hatte die schauspielerische Linie sehr stark akzentuiert, indem sie die Juden mit dem galizischen Akzent der Ostjuden auf der Bühne sprechen ließ. Dies sind Gesichtspunkte die Kraus zum Wahnsinn brachte: einerseits die puritanische  Gebetslitanei zur Homosexualität, andererseits die Verteidigung des Judentums und der Juden unter dem geringsten Vorwand. Er, Kraus, weigerte sich als ein Jude „dieser Art“ gehalten zu werden!

SALOME mit dem Kopf des hl. Johannes des Täufers _ gemalt von Michelangelo © WIKIMEDIA Commons

SALOME mit dem Kopf des hl. Johannes des Täufers _ gemalt von Michelangelo © WIKIMEDIA Commons

In Wirklichkeit ist diese Kontroverse zwischen Kraus und dem Kolumnisten der Neuen Freien Presse wahrscheinlich nur wegen dem unerwarteten großen Erfolg von Salomé in Deutschland und Österreich. Der Erfolg der meisten Aufführungen  von Salomé in diesen Ländern ging einher mit der Hervorhebung bestimmter jüdischer Stereotypen, die zur Befriedigung von Antisemiten geeignet waren: Der Hof von Hérode erschien als Konzentration aller denkbaren sexuellen Perversionen (Homosexualität, Inzest, Hysterie und Lust). Es kann betont werden, dass sich gerade aus diesem Grund der dramatische Zensor in London geweigert hat, die Aufführung von Wilde’s Stück zu genehmigen und darauf hingewiesen hat, dass diese Art der Inszenierung biblischer Figuren ein inakzeptables Vergehen gegen das religiöse Gefühl der englischen Bevölkerung darstellt. Es ist das gleiche Argument das die österreichische Zensur veranlassen wird, Gustav Mahler (1860-1911) die Aufführung von Salomé an der Wiener Staatsoper zu verbieten.

Bereits Oskar Panizza (1853-1921) in seinem provokativen antisemitischen Himmelsdrama Das Liebes-Koncil, veröffentlicht in den Jahren 1894-95, bezeichnet Salomé als „schöne Jüdin“ und femme fatale, die die Zerstörung in die  westliche Zivilisation bringt. Aus ihrer Ehe mit dem Teufel wurde ein Mädchen geboren, das Syphilis verkörpert. Seit der Pariser Premiere war die Figur von Salomé für alle Zeitgenossen von Wilde und Strauss untrennbar mit der von Sarah Bernhardt (1844-1923), Foto,  verbunden und man sagte dass das Stück für sie geschrieben wurde. Das Gesicht der emanzipierten jüdischen Schauspielerin und das der biblischen Verführerin schienen nun unzertrennbar.

Mit der Wahl des Textes von Wilde für seine neue Oper entschied sich Strauss für die Avantgarde, aber auch für eines der berühmtesten und schwülstigsten Stücke am Ende des Jahrhunderts. Nach Salome wird er ein weiteres Avantgarde-Stück wählen,  Elektra (1903) von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929). Später wird der Komponist Librettos  bevorzugen, die speziell von Autoren geschrieben wurden, die akzeptieren „sein“ Lorenzo da Ponte (1749-1838) zu sein. Nach dem Rosenkavalier (1910) wird Hofmannsthal Strauss nicht mehr überzeugen können, bereits geschriebene Stücke zu vertonen. Denn die Experimente von Salome und Elektra haben gezeigt, dass die Auswahl bereits berühmter Stücke viele Vorteile hat, um sie in Opernlibrettos umzuwandeln, aber auch viele Nachteile: Die Schwierigkeiten, die für das gesprochene Theater konzipierten Wörter an die Erfordernisse des Gesangs und des Rezitativs anzupassen. Und auch das Problem, dass durch Szenen aufgeworfen wird, die für die Dramaturgie der Oper ungeeignet sind. Und dann, nach  Salome und Elektra, ist es Strauss überdrüssig von diesen heldenhaften und blutigen  Tragödien. Er wird Hofmannsthal  um eine gute  unterhaltsame Komödie bitten!

Das Beispiel des Pelléas et Mélisande (1902) von  Debussy und  Maeterlinck ist im Geist von Strauss sehr präsent, der der Verarbeitung von Text und Sprache immer viel Aufmerksamkeit schenken wird. Wagner schrieb seine eigenen Librettos und seine Texte sind überraschend gut und erfolgreich, weitaus besser als so viele mythologischen und historischen Tragödien in dieser Zeit. Für seine erste Oper, Guntram (1894), dann wieder etwas später für Intermezzo (1927) , war auch Strauss sein eigener Librettist. Aber dieses Ideal des Komponisten-Librettisten stellt eine gefährliche Anforderung dar, denn mehr als ein Epigone  des Meisters von Bayreuth hat er mit seinem Libretto zu kämpfen. Strauss hat einen Theaterinstinkt und einen Sinn für gute Literatur. Jedoch glaubt er nicht, „dass der Schuhmacher am schlechtesten beschuht ist“ und er weiß wie man die Feder eines Schriftstellers und Librettisten benutzt. Wenn er es für notwendig hält, entweder dass seine Autoren ihre Kopie nur langsam zur Verfügung stellen oder dass das gute Libretto ganz einfach schlecht ist. Er weiß auch wie man die Texte seines Librettos bearbeitet, um sie effektvoller zu machen und sie mit dem Geist seiner Musik in Einklang zu bringen. Mit dieser  geistigen Inanspruchnahme wird er die Texte von Wilde und später von Hofmannsthal sehr geschickt beschneiden und kürzen, wann immer er es für richtig hält, denn es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Theater und der Oper.

Die offensichtlichste Verbindung zwischen Salome und Elektra war das Kleine Theater von Max Reinhardt (1873-1943) in Berlin. Die beiden Stücke wurden von diesem großen Theatermann inszeniert, der zu Beginn des Jahrhunderts eine der wichtigsten Figuren des europäischen Theaters war. Mit Strauss  befreundet, arbeiteten sie beide des Öfteren zusammen! Die beiden Protagonisten, diese fürchterlichen Frauen, die Tochter von Herodias und die Klytemnestra, sind von der Schauspielerin Gertrud Eysoldt (1870-1955) interpretiert, der „deutschen Sarah Bernhardt“. Es ist auch Reinhardt zu verdanken, dass Strauss die beste deutsche Übersetzung von Wilde erhielt, die von Hedwig Lachmann. Wenn er an der Partitur von Salome arbeitet, kann er sich auf einige berühmte biblische Opern beziehen: U.a. Nabucco (1841) von Giuseppe Verdi (1813-1901), Samson et Dalila (1877) von Camille Saint-Saëns (1835-1921), ohne La Juive (1835) von Fromental Halévy (1799-1862) und auch Mosè in Egitto (1818) von Gioachino Rossini (1792-1868) zu vergessen. Stendhal (1783-1842) betont in seinem Vie de Rossini (1824), dass diese Oper „…an alles erinnert, was in Joseph Haydn (1732-1809) am erhabensten ist“. Diese Emotion angesichts der großen Themen des Alten und Neuen Testaments fehlt in Salome völlig. Strauss zieht die Welt der Bibel in Richtung einer orientalisierenden Ästhetik in der Art von Moreau und Huysmans:

« Là, le palais d’Hérode s’élançait, ainsi qu’un Alhambra, sur de légères colonnes irisées de carreaux mauresques, scellées comme par un béton d’argent, comme par un ciment d’or ; des arabesques partaient de losanges en lazuli, filaient tout le long des coupoles où, sur des marquèteries de nacre, rampaient des lueurs d’arc-en-ciel, des feux de prisme. (…) Le chef décapité du saint s’était élevé du plat posé sur les dalles et il regardait, livide, la bouche décolorée, ouverte, le cou cramoisi, dégouttant de larmes. (…) D’un geste d’épouvante, Salomé repousse la terrifiante vision qui la cloue, immobile, sur les pointes. (…) Elle est presque nue ; dans l’ardeur de la danse, les voiles se sont défaits, les brocarts ont croulé ; elle n’est plus vêtue que de matières orfévries et de minéraux lucides ». J.K.Huysmans: À rebours (extrait). 

Bereits mit Heine, der mehrere Strophen aus seinem Atta-Troll-Zyklus (Caput XV) der Evokation von Salomé widmet, trat der biblische Kontext in den Hintergrund: Er sprach von „orientalischer Magie“ und Verzierungen aus Die Geschichten aus Tausendundeine Nacht.

Der "verruchte" Charles Baudelaire © IOCO

Der „verruchte“ Charles Baudelaire © IOCO

Der Text von Flaubert, Hérodias, der dritten der drei Geschichten, ist präziser und genauer in seiner Darstellung der Lager dieser entscheidenden Zeit, als Juden und Römer aufeinander stießen, während Jesus eine neue Religion gründete! In Mallarmé hat die Welt von Hérodiade jegliche lokale Farbe verloren. Es ist keine Frage mehr von „der kalten Majestät der sterilen Frau“, wie der Vers von Baudelaire sagt und in welchem ein Echo   sich wiederholt:

Je meurs ! J’aime l’horreur d’être vierge et je peux
Vivre parmi l’effroi que me font mes cheveux
Pour, le soir, retirée en ma couche, reptile
Inviolé sentir en la chair inutile
Le froid scintillement de ta pâle clarté.

Stéphane Mallarmé:    Hérodiade  – aus Œuvres complètes

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SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL – IOCO Essay

– Teil 4  –  Die namenlose Salomé der Bibel

folgt am 6. März 2021

Bemerkung: Eigennamen, wie   Salome/é wurden jeweils in der Original-Schreibweise genannt.     PMP-31/12/20-3/6

—| IOCO Essay |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, COSI FAN TUTTE – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 11.08.2020

August 11, 2020 by  
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Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele

Cosi fan tutte – Wolfgang Amadeus Mozart

100 Jahre Salzburger Festspiele – Mozart als Erfolgsgarantie

von Adelina Yefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Im Jahr 2020 feiern die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum. Dieses Jahr wird als Pandemie-, Krisen- und tragisches Jahr in die Geschichte der Menschheit eingehen. Man sollte sich keine Gedanken darüber machen, warum Covid19 zu einer so ungünstigen Zeit einer wichtigen Würdigung in der Geschichte und Gegenwart der Salzburger Festspiele kam.

Die ganze Welt zieht den Hut und bewundert den Mut Salzburgs. Österreich ist das einzige Land, das Tag für Tag beweist, dass herausragende Festivals und musikalische Traditionen, die mit dem Genie von Wolfgang Amadeus Mozart und den drei herausragenden Gründern der Salzburger Festspiele, Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, verbunden sind, mehr gelten als Angst vor Krankheit und Tod. Das von großen Namen gekrönte Festival geht dieses Risiko ein. Die Salzburger Festspiele haben nicht aufgegeben. Das Festival findet statt. Ein Zwangsurlaub wegen Covid19 kommt nicht in Frage. Die Weltbühne Salzburg lebt, während die meisten Theater der Welt sich in einem Zustand der Lethargie befinden. Der Gefahr in Salzburg ins Auge zu sehen, ist nicht nur Mut, sondern auch eine große Verantwortung für das Leben der Kunst, der Künstler und des Publikums. Es versteht sich von selbst, dass alle Räumlichkeiten in Salzburg mit Desinfektionsmitteln ausgestattet sind.

Cosi fan tutte – eine ergreifende Einführung
youtube Trailer Salzburger Festspiele 2020
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Das Festivalpersonal begrüßt die Gäste freundlich in transparenten Masken und hält vorbildlich die richtige Distanz. Und das Publikum in exklusiven Masken mit dem Logo der Salzburger Festspiele (für 10 Euro kann man im Foyer eine Maske im Ticket-Shop kaufen) dürfen Selfies mit den Stars machen, während sie auf die Vorstellungen der Festspiele warten. Alle Eintrittskarten für die Aufführungen sind jetzt personalisiert. Am Eingang zu den Sälen des Festspielhauses werden die Personalausweise geprüft. Die Forderung eine Maske in den Lobby-Räumen zu tragen, ist eindeutig, aber während der Aufführung – ad libitum. Die Zuschauer haben die Wahl, selbst zu entscheiden, wie sie sich im dicht gefüllten Saal verhalten. Trotz der versetzt angeordneten Lücken zwischen den Sitzen als Schach-Brett-Muster angeordnet, ist die Nähe der Zuschauer zu benachbarten Reihen immer noch bedenklich (da nur ca. 50 cm). Die Stille während der Aufführung ist spürbar. Anscheinend hat jeder einen Instinkt, der fünf Monate lang unter Quarantäne entwickelt wurde – in der Öffentlichkeit nicht zu husten, um den Nachbarn nicht in Panik zu versetzen. Man denkt freilich in etwa so: nicht zufällig spielen herausragende Schauspieler (auch 2020 Tobias Moretti) jedes Jahr die Jedermann -Dialoge (link hier) mit dem Tod auf dem prächtigen Domplatz der Heiligen Rupert und Virgil im Herzen der Stadt Salzburg. Und: In diesem Dom wurde auch W. A. Mozart getauft.

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, und Intendant Markus Hinterhäuser haben alles Mögliche und auch Unmögliche getan, um 100 Jahre Salzburger Festspiele – die österreichische und weltweit wichtigste musik-theatralische, luxuriöse, schöpferfreie Weltbühne zu feiern. Im Ticket-Shop macht die Jubiläumsausgabe des Festivals, Weltbühne – 100 Jahre Salzburger Festspiele,  in den Bücherregalen auf sich aufmerksam. Diese solide Monographie hebt Seite für Seite den Vorhang vor der grandiosen Geschichte dieses unglaublichen Genius-Loci-Phänomens auf, analysiert seine Vergangenheit sowie Gegenwart und bringt die Persönlichkeiten der Salzburger Festspiele aus den Kulissen ans Licht. Diese Weltbühne brachte immer Hoffnung für die Zukunft, insbesondere in Zeiten globaler Kataklysmen.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

In dieser Pandemie-Zeit sind Musiker, Schauspieler und Leiter verschiedener Projekt-Gruppen bereit, den Seelen des Publikums ihren kreativen Impuls, ihre Professionalität und ihre Inspiration einzuhauchen. Es geht nicht um das Ego, nicht um den Wunsch, sich zu etablieren oder berühmt zu werden. In diesem Sommer werden die Teilnehmer der Salzburger Festspiele 2020 der ganzen Welt beweisen, dass der 100. Jahrestag der Salzburger Festspiele das Gesicht des Lebens und die Ewigkeit der Kunst für alle Zeiten einfangen wird, nicht das Gesicht des Todes und der Verwüstung durch den Lockdown.

Die Salzburger Festspiele 2020 wurden mit zwei Opernpremieren eröffnet – Elektra von R. Strauss und Cosi fan tutte von W. A. Mozart. Diese sind die einzigen Opernaufführungen, die dem neuen Kurzprogramm erhalten geblieben sind. Von den früher für 2020 geplanten Aufführungen wurden die Zauberflöte von W. A. Mozart, Tosca von G. Puccini, Boris Godunov von M. Mussorgsky, Don Giovanni in der Version von Romeo Castellucci gestrichen. Auch Raritäten wie Intolleranza von L. Nono und Neither von M. Feldman finden nicht statt.

Mozart Skulptur - auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Mozart Skulptur – auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Die verbleibenden Aufführungen des Programms reichten jedoch aus, damit die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum mit Würde und Freude feiern. Beide Premieren endeten mit überwältigendem Erfolg. Die Freude des Publikums, das nach Live-Streaming einen echten Hunger auf Bühnenaktionen bekommen hat, ist verständlich. Es ist nicht leicht, sich fünf Monate lang nur mit Videosendungen zufrieden zu geben. Aber der Hauptgrund des großen Erfolgs ist vor allem der exzellenten Qualität der Vorstellungen zu verdanken, dem brillanten Casting, den hervorragenden Interpretationen der Dirigentin Joana Mallwitz und dem Dirigenten. Franz Welser-Möst, die die ständigen Begleiter der Salzburger Festspiele – die Wiener Philharmoniker – leiteten.

Die Salzburger Festspiele 2020 haben an Videosendungen nicht gespart. Auf ORF, Arte Concert, 3Sat werden fast täglich alle Festivalveranstaltungen und Konzerte ausgestrahlt, begleitet von interessanten Programmen: von dokumentarischen Rückblicken zum Thema „Salzburg: Geschichte und Gegenwart“ bis zu Talk-Shows.

Als Augen- und Hörzeugin der Opernpremiere Cosi fan tutte am zweiten Tag der Salzburger Festspiele (08.02.2020), sogar wenn es um eine gekürzte Fassung der Dirigentin Joana Mallwitz und des Regisseurs Christoph Loy geht, kann ich behaupten, dass die Sendung nicht einmal einen Bruchteil meiner Eindrücke einer echten Vorstellung erfüllen konnte. Eine Livesendung kann die einzigartige Synergie aus echtem Orchester-Klang und echten Solisten-Stimmen leider nicht wirklich wiedergeben. In der Fernseh-Sendung geht auch die ganzheitliche Wahrnehmung der Bühneninteraktion verloren. Ersatzklänge plus Ersatzperformance erzeugen das Ersatzphänomen des Musiktheaters. Man spürt den nicht behebbaren Verlust dann besonders stark, wenn man die Übertragung gleich am nächsten Tag nach der Aufführung anschaut, während einem das Live-Ereignis immer noch nachklingt.

Salzburger Festspiele 2020 – Cosi fan tutte
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Aufgrund der Fülle an Nahaufnahmen ist es in der Sendung nicht möglich, die gesamte Bühnenaktion abzudecken und das erfindungsreiche Schauspiel zwischen den Sängern genau zu beobachten. Deren Bewegungen und Gesten verlieren manchmal ihre Bedeutung ohne eine ganzheitliche Abdeckung des Bühnenraums. Und die unvollkommenen Grenzen digitaler Geräte werden wahrscheinlich nie die notwendige Balance zwischen Gesang und Orchester einfangen und wiedergeben können. Feinste Dynamik- und Tempo-Nuancen, aufregende Appelle von Solisten, synchronisierte Atmung von Orchestern und Sängern – all dies ging in der Sendung, wenn nicht ganz verloren, so wurde es höchstens gedämpft wahrgenommen, wenn nicht sogar völlig farblos, reduziert und flach. Und wenn die Vokalensembles ihre Schönheit und Harmonie behaupteten, haben doch manchmal die Soli, verstärkt und hervorgehoben durch Mikrofone, teilweise eine gewisse Rauheit in der Intonation gezeigt. Dies machte sich besonders in der für die Sopranistin schwierigsten Partie der Fiordiligi bemerkbar, während in der Live-Wahrnehmung war so etwas nicht zu hören.

Im Gegenteil, die bewundernswerte Solidarität der Sänger, die klare Balance mit dem Orchester ermöglichten es nicht nur, die schönen Klangfarben der jungen Stimmen zu genießen (Elsa Dreisig – Fiordiligi, Marianne Krebassa – Dorabella, Ferrando – Bogdan Volkov, Guglielmo – Andre Schuen, Despina – Lea Desandre, Johann Martin Kränzle – Don Alfonso), sondern auch aufrichtige Bewunderung zu erzeugen. Alles erklang hier: fliegende Virtuosität, die kontemplative Schönheit der lyrischen Momente (Bogdan Volkov führte perfekt Ferrandos Arie Un’aura amorosa), klare Artikulation in den Rezitativen und die Fantasie der szenischen Improvisation. Das Orchester führte und spielte mit, voller Tempowechsel, überraschenden Pausen und vor allem, faszinierender Lebensenergie, der kluge Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund des Klangkörpers in der Interaktion mit jedem der sechs Protagonisten – auch das war ein Plus der minimalistischen Regie von Christophe Loy.

Die Polyphonie der Timbre-Linien in den Ensembles und der Chor hinter den Kulissen klangen ebenfalls wunderschön. Sogar die Kürzungen in der Partitur, die durch die Länge der Aufführung sogar ein Spiel ohne Pause erzwangen, empfand man als natürlich. Der einzige erfahrene Bühnenmeister im jungen Solistenensemble war Johannes Martin Kränzle – ein wunderbarer Sänger und Schauspieler, ein Star nicht nur für Salzburg, sondern auch für Bayreuth. Leider gelang es mir nicht, die Essenz seines Protagonisten in dieser Produktion zu enträtseln, um die Frage zu beantworten, warum er immer mit Tränen in den Augen einen Witz über junge Liebende machte und sie zur Untreue aufrief. Ob diese Antworten dem Interview mit dem Regisseur oder dem Programmheft zu entnehmen sein werden? A. Kränzles Stimme- und Bühnen-Präsenz waren so einzigartig, dass sein Don Alfonso als neue Referenz bei der Interpretation dieser Rolle gelten sollte.

Auf dem Plakat der Vorstellung Cosi fan Tutte verschlüsselt Christophe Loy im Porträt von Berenice AbbottMan Ray – amerikanischer Fotograf, Filmemacher, surrealistischer, dadaistischer Künstler) eine interessante Idee. Abbott ist ebenfalls Amerikanerin und Fotografin, aber die erste Frau, die in diesem männlichen Beruf (nach alter Tradition) Ruhm und Anerkennung erlangte. Anscheinend deutete der Regisseur mit diesem Porträt nicht Mozarts Protagonistinnen an, die ihre verkleideten Geliebten nicht erkennen, sondern auf seine Produktionskollegin Joana Mallwitz – eine junge, energische, höchst talentierte, souveräne und außergewöhnliche Dirigentin, die dieses Jahr erneut für den Preis „Dirigentin des Jahres“ nominiert wurde und ihn ohne Zweifel wieder verdient. Ihre erste Würdigung als „Dirigentin des Jahres 2019“ hat sie mit 33 Jahren erhalten. Darüber hinaus ist Mallwitz die erste Frau, die nach Salzburg eingeladen wurde, um die Hauptproduktion der Salzburger Festspiele Cosi fan tutte zu leiten. Nach dem Vor-Pandemie-Plan A sollte Mallwitz ursprünglich die Wiederaufnahme von Zauberflöte leiten (Produktion des Jahres 2018 von Lydia Steier). Mit Ausbruch der Pandemie wurde ein Plan B aufgesetzt. Mallwitz wurde die verantwortungsvolle Aufgabe zuteil, die Original Mozart-Partitur zu bearbeiten. Diese kann man als Corona-Redaktion bezeichnen, die sie brillant umgesetzt hat. Natürlich erzwang die Pandemie eine Reduzierung des Mozartschen Originals.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Schlussapplaus vl Lea Desandre als Despina, Andrè Schuen als Guglielmo, Elsa Dreisig als Fiordiligi, Bogdan Volkov als Ferrando, Marianne Crebassa als Dorabella, Hans Martin Kraenzle als Don Alfonso  @ Marco Borelli

Die Aufführung dauerte nur 2:15 Stunden, ohne Pause. Chöre und Rezitative wurden teilweise beschnitten, jeweils eine Arie von Despina, Guglielmo und Ferrando. Natürlich waren und sind Musikwissenschaftler Gegner solcher chirurgischen Eingriffe im „lebenden Körper“ der Originalpartitur. Zur Verteidigung einer solchen außergewöhnlichen Maßnahme kann man jedoch ein starkes Argument anführen. Der Name des zweiten Opern-Titanen der Salzburger Festspiele 2020 – Richard Strauss, dessen Elektra die Salzburger Festspiele 2020 eröffnete, wird hier als Fürsprecher erwähnt. Bekanntlich erregte die Partitur von „domeneo Ende der 1920er Jahre die Aufmerksamkeit des Komponisten. 1931 schuf Strauss in Wien, genau 150 Jahre nach der Uraufführung der Originalpartitur, seine eigene Version von Mozarts Meisterwerk: Er änderte das Libretto, die Reihenfolge der Auftritte und die Orchestrierung. So erschien eine neue Partitur Idomeneo– eine der ungewöhnlichsten Beispiele der Operngeschichte. Auf die Kritik seiner Mozart-Redaktion antwortete Strauss etwa so: „Ich kenne Mozart zehnmal besser als sie (die Kritiker), und ich liebe ihn hundertmal mehr.“ Der Komponist benannte Mozarts Elektra willkürlich in Ismene, da er den Namen der Protagonistin seiner eigenen Oper nicht wiederholen wollte. Der Auftrag zur Redaktion Idomeneo stammte nicht von den Salzburger Festspielen, sondern von der Wiener Staatsoper. Während der Premiere wurde Strauss nicht nur als Maestro, sondern auch als Mozart Co-Autor gewürdigt. Auch wenn diese Geschichte nicht die aktuellen Salzburger Festspiele betrifft, ist sie immer noch beachtenswert und lehrreich.

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Und die Geschichte der neuen Salzburger Produktion Cosi fan tutte von W. A. Mozart ist wie folgt. Die neue Interpretation Joana Mallwitz wurde von Kritikern nicht nur einfach gelobt, sondern in ekstatischen Dithyramben gehuldigt. Ihr Dirigat wurde zum Höhepunkt des modernen Verständnisses von Mozarts Stil. Sie selber wurde als „Herz der Aufführung“ und „Sternstunde in Sachen Mozart-Interpretation“ (von Friedemann Leipold an BR-Klassik) wahrgenommen, die mit „geschmeidiger Eleganz und nie nachlassender Energie dem Puls der Musik“  folgte und weit gespannte Bögen im Voraus durchdachte.

Sie ist wirklich phänomenal in ihrer Selbstverständlichkeit, mit der sie Mozarts musikalischen Kosmos interpretiert. Die Wiener Philharmoniker haben zusammen mit Joanna Mallwitz ein einzigartiges Ereignis der Salzburger Festspiele geschaffen. Tatsache ist, dass das 100-jährige Jubiläum eine der besten Interpretationen von Mozart in den letzten Jahren schuf. Dies ist ein sehr gutes Zeichen, das die Hoffnung und das Vertrauen in den erfolgreichen Abschluss und der weiteren Entwicklung des herausragenden Festivals fördert.

Wie der legendäre italienische Regisseur Giorgio Strehler, der auch Cosi fan tutte inszenierte, einmal sagte: „Ich weiß sehr gut, dass das Leben aus Menschen gemacht ist…“

—| IOCO Kritik Salzburger Festspiele |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, JEDERMANN – Terassentalk mit den Darstellern, IOCO Aktuell, 06.08.2020

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Salzburger Festspiele

Salzburg / Domplatz - Jedermann © Tourismus Salzburg

Salzburg / Domplatz – Jedermann © Tourismus Salzburg

Jedermann – Inbegriff der Salzburger Festspiele

Ein Terassentalk der  Beteiligten vor der Festspieleröffnung

Die Salzburger Festspiele finden auch 2020 statt: Vom 5. August – 20. August. Kurz vor der ersten Aufführung des Jedermann, Regie Michael Sturminger, Choreographie Joe Monaghan, trafen sich die Darsteller/nnen zu einem Terassentalk. Bühne und Tribüne sind fertig aufgebaut, die erste Probe auf dem Domplatz war angesetzt. Die Vorbereitungen für Hugo von Hofmannsthals Jedermann sind sehr gut gestartet und scheinbar wie in den Sommern zuvor. Und dennoch ist alles anders in diesem speziellen Jahr 2020:

Jedermann 2020 – Tobias Moretti ist Jedermann

Salzburger Festspiele 2020 – Jedermann – hier die Generalprobe 2020
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Wir haben uns am ersten Tag ein bisschen wie eine Schulklasse gefühlt, weil uns gesagt wurde, was wir alles nicht dürfen“, sagt JedermannDarsteller seit 2017, Tobias Moretti. Es sei plötzlich eine seltsame Distanz da gewesen mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man eigentlich beim Proben intimsten Kontakt hätte. Aber gerade die komplexen Maßnahmen des Corona-Präventionskonzeptes würden ihm nun die Sicherheit geben, dass er auf der Bühne nicht mehr über dieses Thema nachdenken müsse. Dass der Jedermann in diesem Jahr stattfinden könne, sei eine Erbauung für die Kultur und er habe sich nie ausmalen können, dass das Grundthema des Jedermann gerade im 100. Jahr der Festspiele so nahe rücken würde. „Vielleicht bekommt man gerade nach dieser Apathie eine Ahnung, wie sich die Menschen vor hundert Jahren gefühlt haben müssen. Der Krieg war gerade vorbei und die spanische Grippe gegenwärtig. Für die Menschen von damals war das Sterben etwas anderes als die individuelle Abholung des Todes von Jedermann“, sagt Tobias Moretti.

Auch Caroline Peters, die in diesem Jahr zum ersten Mal die Buhlschaft spielt, pflichtet bei, dass die Sätze im Stück in diesem Jahr einen ganz anderen Nachhall bekommen haben. „Dass die Buhlschaft den Tod so vehement ablehnt, wirkt nun umso realer, denn nichts anderes haben wir in den vergangenen Wochen getan: Uns mit der Frage beschäftigt, wie wir mit dem Tod umgehen“, sagt sie. Sie selbst habe noch nie im Leben eine solch lange Pause von ihrem Beruf gemacht und sei nun vor den ersten Proben ziemlich aufgeregt gewesen.

Salzburger Festspiele / JEDERMANN - hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft @ SF Mathias Horn

Salzburger Festspiele / JEDERMANN – hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft @ SF Mathias Horn

„Allein diesen Geruch der Probebühne wieder zu haben, hat sich angefühlt, wie wenn man nach langer Zeit unter Wasser endlich wieder auftauchen und Luftholen konnte“, sagt Pauline Knof, die zum ersten Mal die Rolle Des Schuldknechts Weib übernimmt. Nachdem sie 16 Jahre lang in Wien gelebt und gearbeitet hatte, ist sie genau während der Corona-Zeit umgezogen nach Berlin. „Das war ein wirklich schwieriger Abschied. Ich hatte keine letzte Vorstellung im Theater an der Josefstadt und stand dann allein mit meinen zwei Koffern am Hauptbahnhof und musste mich verabschieden“, sagt sie.

Kaum angekommen in Berlin, kam der Anruf von Schauspielchefin Bettina Hering, ob sie beim Jedermann mitmachen wolle. „Das Land lässt mich nicht los“, sagt sie lächelnd. „Aus Berliner Sicht ist es faszinierend, was in Österreich an Kultur möglich ist, was in Berlin im Moment noch schwierig ist.“  Der Umstieg einiger Kollegen auf den digitalen Vortrag sei zwar schön gewesen, aber sie vermisste schon sehr das Live Erlebnis Kultur. Caroline Peters pflichtet ihr bei. „Es war erschreckend zu sehen, wie wenig die Kultur auf einmal wert zu sein schien.“ Aber gestern Abend bei der Probe, beim gemeinsamen Spielen von all diesen Schauspielpersönlichkeiten mit den Tänzerinnen und Tänzern, Musikerinnen und Musikern, habe sie plötzlich wieder diese Magie gespürt, die eben nur entstehen und existieren kann, wenn man live zusammenkommt.  .

Das Geheimnis des ewigen Jedermanns, das liege, laut Regisseur Michael Sturminger, in der sich immer weiterentwickelnden Inszenierung.

Auch in diesem Jahr 2020 gebe es allein durch die Neubesetzungen einen Zauber. An manchen Stellen werde sich seine Inszenierung deutlich verändern, an anderen Stellen nur im Detail, sagt er. Und nein! – Das Corona-Thema habe er nicht eingebaut. Es sei doch schön, auch mal knappe zwei Stunden nicht daran zu denken. Im Gegenteil, er habe eher die heitere und komödiantische Kraft des Stückes herausgestrichen. Es sei wichtig für die Seele, auch manchmal glücklich zu sein und er wolle dem Publikum die Möglichkeit bieten, auch mal zwei Stunden die schwierige Zeit zu vergessen.

Gustav Peter Wöhler ist ebenfalls neu im Ensemble und wird in diesem Jahr den Dicken Vetter spielen.  Die Jedermann-Bühne aber ist ihm nicht so fremd, denn er hat 1999 bereits den Gesellen von Jedermann Ulrich Tukur (1999–2001) gespielt. „Es ist mir nicht nur eine große Freude nach Salzburg zurückzukehren, ich sehe es auch als Wiedergutmachung!“, sagt er. Denn 1999 habe es viel geregnet… Nun sei er aber in ein fantastisches Team gekommen und die neue Rolle mache ihm riesigen Spaß.

Salzburger Festspiele / JEDERMANN - hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft und Ensemble @ SF Mathias Horn

Salzburger Festspiele / JEDERMANN – hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft und Ensemble @ SF Mathias Horn

Dass nun am 1. August bei der Premiere erstmals nach dem Corona-Lockdown eine größere Gemeinschaft zusammenkommen könne, um an einem künstlerischen Erlebnis teilzuhaben, sieht Michael Sturminger als Zeichen für die Kultur. „Ich ziehe dankbar den Hut vor dem Direktorium, dass sie den Mut hatten, für uns zu kämpfen“, sagt er. „Ich sehe es nicht nur als unsere gesellschaftliche Pflicht, die Schulen und Krankenhäuser wieder zu öffnen, sondern auch die Kunstausübung wieder zu ermöglichen.“ Es sei Bürde und Lust und eine Herausforderung in diesem Jahr zu spielen, sagt Tobias Moretti. Er möchte dieses Jahr auch besonders bewusst wahrnehmen, weil es sein letztes Jahr als Jedermann-Darsteller sein wird, verrät er. Über den Abschied möchte er allerdings noch nicht sprechen, denn im Moment stehe die Euphorie vor der Premiere im Vordergrund.

Und eine letzte Frage noch: Das Kostüm der Buhlschaft… – „Das“, so unterbricht Caroline Peters sofort mit einem breiten Grinsen, „ist bis zur Premiere ein großes Geheimnis.“

—| IOCO Aktuell Salzburger Festspiele |—

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