Linz, Landestheater Linz, Le Prophète – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Landestheater Linz, Oper


Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Le Prophète  –  Giacomo Meyerbeer

 Die Wiedertäufer – im Wettstreit der Unrechtssysteme

von Marcus Haimerl

Die Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Die erste Premiere der Saison im Landestheater Linz galt Giacomo Meyerbeers selten aufgeführter grand opéra Le Prophète (Der Prophet). Giacomo Meyerbeer und sein Librettist Eugène Scribe unterschrieben bereits 1838 den Werkvertrag über den „Propheten“ und hinterlegten im März 1841 eine provisorische Partitur bei einem Pariser Advokaten; in weiser Voraussicht, dass es mit der Direktion bereits vor der Premiere zu heftigen Auseinandersetzungen kommen könnte. Und so kam es auch: Direktor Léon Pillet weigerte sich, die von Meyerbeer für die zentrale Partie der Fidès vorgesehene, äußerlich weniger attraktive Altistin Pauline Viardot-Garcia zu akzeptieren. In Folge zog der Komponist die Partitur zurück und es kam erst mit dem Amtsnachfolger Edmond Duponchel 1847 zu einer Einigung. Bis zur Premiere im April 1849, hatte Meyerbeer ausreichend Zeit, letzte Hand an die Partitur zu legen und die Proben mit enormem Arbeitsaufwand – allein dreiundzwanzig Orchesterproben – zu leiten. Wie bei seinen Hugenotten musste auf Grund der Überlänge eine Dreiviertelstunde Musik gestrichen werden. Auf das Endergebnis hatte die Kürzung jedoch keinerlei Auswirkung, war doch der Erfolg genauso sensationell wir bei Robert le Diable.

Le Prophete – Giacomo Meyerbeer
youtube Trailer Landestheater Linz
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Beliebtheit der Werke von Giacomo Meyerbeer zeigt sich auch an der Tatsache, dass am Premierentag, dem 16. April 1849, die Deputiertenversammlung im Pariser Parlament nicht beschlussfähig war, da zu viele Abgeordnete in der Opéra saßen.

Eugène Scribes Libretto behandelt eine Episode aus der Geschichte des Täuferreich von Münster, der Wiedertäufer, deren Anführer  Johann von Leyden (in der Oper Jean de Leyde) in den Jahren 1534/35 die Stadt Münster beherrschte, Katholiken sowie Protestanten vertrieb, das Reich Zion wurde ausrief, das Privateigentum abschaffte und Vielweiberei einführte. Das Täuferreich von Münster endete im Juni 1535 in einem Blutbad, als kaiserliche Truppen unter Franz von Waldeck Münster eroberten. Johann van Leyden und andere Anführer wurden auf dem Prinzipalmarkt von Münster öffentlich gefoltert, Zungen mit glühenden Zangen heraus gerissen; nach ihrem Tod wurde van Leyden sichtbar in einem eisernen Korb an der  Lambertikirche  aufgehängt. Die Körbe hängen bis heute dort.

Anders als bei den Hugenotten sperrte Scribe alles Gewalttätige der Szene aus und ließ auch keine Diskussion der messianischen und sozialrevolutionären Aspekte der Wiedertäuferbewegung zu. Stattdessen rahmt, wie auch schon bei den Hugenotten, die historische Handlung eine Privathandlung, die Beziehung Jeans zu seiner Mutter Fidès und seiner Braut Berthe, ein:

Die Waise Berthe ist mit Jean verlobt. Jeans Mutter Fidès kommt zu ihr, um diese zu ihrem Bräutigam zu führen. Die beiden treffen auf Zacharie, Jonas und Mathisen, drei Anhänger der Anabaptistenbewegung, die aus ihren religiösen Ansichten heraus das Volk zum Kampf gegen die Obrigkeit anstachelt. Die Anhänger des Grafen von Oberthals, der über diese Gegend herrscht, können den Aufstand noch einmal verhindern.

Beide Frauen nutzen die Gelegenheit, das Einverständnis Oberthals für die Hochzeit zu erbitten. Doch Oberthal schleppt beide, Fidès und Berthe, die sein Begehren geweckt hat, mit sich fort.

 Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Während Jean auf Braut und Mutter wartet, erkennen die drei Täufer in ihm einen ausstrahlungsstarken Führer. Dieser lehnt jedoch ab. Als Berthe auf der Flucht vor Oberthals Zudringlichkeiten Schutz bei Jean sucht, dieser aber von Oberthal vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Braut herauszugeben oder den Tod seiner Mutter miterleben zu müssen, entscheidet sich Jean für die Mutter. Er ist nun auch bereit, sich den Täufern anzuschließen und – als selbsternannter Prophet die Führung der Täufer zu übernehmen.

Mathisen meldet, dass der Kaiser mit einem Heer im Anmarsch ist, um der Stadt Münster, die von den Täufern belagert wird, zu Hilfe zu eilen. Zacharie befiehlt im Namen des Propheten, ohne sich mit Jean abzusprechen, den Sturm auf die Stadt. Oberthal wird von den Täufern aufgegriffen. Jean fragt nach seiner Braut und erfährt, dass Berthe nach Münster geflohen ist. Es wird gemeldet, dass der Angriff fehlgeschlagen ist. Die Soldaten revoltieren gegen Jean, da sie ihn für den Urheber dieses missglückten Angriffs halten. Mit einer charismatischen Ansprache vermag der Prophet die Soldaten zu besänftigen und bricht nun gemeinsam mit ihnen auf, um die Stadt zu erobern.

Die Täufer haben die Stadt Münster eingenommen, in welche es auch Fidès verschlagen hat. Sie trifft auf Berthe, beide wissen nicht, dass Jean der Prophet ist, vielmehr vermutet Fidès, der Prophet habe Jean getötet. Als sie Berthe davon erzählt, will diese den Propheten töten. Als sich Jean zum König seiner Bewegung krönen lässt, erkennt Fidès in ihm ihren Sohn und ruft entsetzt „Mein Sohn!“. (Meyerbeer beachtet hier geschichtliches: Auch Wiedertäufer Johann von Leyden ließ sich 1535 zum „König“ von Münster krönen)

Daraufhin behauptet Jean, dass Fidès wahnsinnig sei und ihn verwechsle. In einer Rede an das Volk bietet er seinen Tod an, falls er doch der Sohn von Fidès sei, da ansonsten der Einsturz des Propagandagebäudes der Täufer droht. Der Trick gelingt, Fidès revoziert und die Anhänger des Propheten glauben an ein Wunder.

Der Kaiser hat Zacharie, Jonas und Mathisen freies Geleit für die Auslieferung Jeans zugesichert. Diese wollen das Angebot annehmen. Fidès ist bereit Jeans Verhalten zu verzeihen, wenn er sich von den Täufern lossagt. Alle drei wollen ein gemeinsames Leben in der Abgeschiedenheit beginnen. Als ein Getreuer Jeans den Verrat der drei Täufer meldet, erkennt Berthe in Jean den verhassten Propheten, das kann sie nicht ertragen und nimmt sich das Leben. Da Jean nun nichts mehr bleibt, reißt er sich, seine Anhänger und Feinde in den Untergang, als er bei einem Fest ein Pulvermagazin, das sich unter dem Saal befindet, in Brand setzt.

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und die Täufer © Reinhard Winkler

In seiner Arbeit setzt Regisseur Alexander von Pfeil auf Zeitlosigkeit. Das Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra zeigt das Halbrund einer außer Betrieb genommenen, verfallenen Fabrikshalle in einer postapokalyptischen Zeit. In jener Fabrikhalle herrscht der Graf von Oberthal, ehe sich die Machtverhältnisse in diesem Mikrokosmos verschieben und die Täufer eine andere Form von Schreckensherrschaft ausüben. Hier dominieren brennende Kreuze, Hinrichtungen stehen an der Tagesordnung, tote Körper hängen von der Decke und die ehemaligen Begleiterinnen des Grafen von Oberthal werden gezwungen, den Boden zu waschen.  Ku-Klux-Klan und die Behandlung der jüdischen Bevölkerung im dritten Reich sind nur einige Bilder, die dem Zuseher hier in den Sinn kommen.

Alexander von Pfeil verzichtet auf die szenische Umsetzung der für die Grand Opéra typischen Balletteinlage und setzt von Beginn an auf projizierte Bibelstellen und Zitate („Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.“ Matthäus 7,15). Mit diesen düsteren Bildern gelingt es Alexander von Pfeil, den Kern des Werks freizulegen und zu zeigen, wie ein Unrechtssystem durch ein viel Schlimmeres ersetzt wird.

Die Titelpartie des Jean singt der amerikanische Tenor Jeffrey Hartman mit samtenem Tenor, sorgt für schöne Momente und kann im Finale überzeugen. Die heimliche Titelrolle, jener von Jeans Mutter Fidès, wird von der amerikanischen Mezzosopranistin Katherine Lerner mit großer Leidenschaft und höchster Präzision verkörpert, besonders intensiv im Finale des vierten Aktes. Herausragend die Berthe von Brigitte Geller, die mit ihrem großen, leuchtenden Sopran eine überzeugende Wandlung vollzieht. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz wird die Partie der Berthe der ansonsten dominanteren Rolle der Fidès ebenbürtig.

Stimmstark auch das Täufer-Trio Dominik Nekel (Zacharie), Matthäus Schmidlechner (Jonas) und Mathisen (Adam Kim). Als Bösewicht Graf von Oberthal begeistert Martin Achrainer mit seinem schönen, ausdruckstarken Bariton und intensivem Spiel.

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Auch das restliche Ensemble konnte mit soliden Leistungen aufwarten: Markus Schulz (ein Bauer), Csaba Grünfelder (ein Soldat), Marius Mocan (ein Bürger), Tomasz Kovacic (ein Offizier), Jonathan Whiteley und Markus Raab (Wiedertäufer) und Danuta Koskalik und Yoon Mi Kim-Ernst (zwei Bäuerinnen). Größtes Lob auch für die Leistungen des Chors, des Extrachors und des Kinder- und Jugendchors des Landestheater Linz.

Am Pult des Bruckner Orchesters Linz versteht Markus Poschner über knapp vier Stunden die musikalische Spannung zu halten und die teils aufrüttelnde Musik von  Giacomo Meyerbeer detailreich wiederzugeben.

Mit dieser Produktion hat das Landestheater Linz sich nicht nur eines Riesenwerks angenommen, sondern auch bewiesen, dass Giacomo Meyerbeer auch heute noch Aktualität besitzen kann.

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Dresden, Semperoper, Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 02.07.2019

Juli 2, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer

1572 – Bartolomäusnacht – Der Massenmord an Andersgläubigen

von Thomas Thielemann

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Seit der deutschen Erstaufführung der Oper Die Hugenotten 1837 in Leipzig ist das Erfolgswerk von Giacomo Meyerbeer (geboren als Jakob Meyer Beer in Berlin) am 29. Juni 2019 erst zum vierten Mal auf die Bühne der Semperoper gebracht worden. Für die Inszenierung war Peter Konwitschny gewonnen worden, nachdem er im Skandal um seine Inszenierung der Csardasfürstin vom Silvester 1999 die Elbestadt gemieden hatte. Oder hatte sich das Haus nach dem verlorenen Rechtsstreit derart verschreckt?

Konwitschny hatte damals, ob der Parallelität von Weltkrieg und Uraufführung einer Operette im Jahre 1915, Szenen drastisch in einem Schützengraben verortet: er ließ die Titelfigur mit einem kopflosen Soldaten tanzen. Nach Publikumsprotesten waren diese Szenen zunächst aus den Aufführungen entfernt worden. Gegen diese Urheberrechtsverletzung klagte Konwitschny. Dem damaligen Intendanten Albrecht war gerichtlich sogar Haft angedroht worden, wenn er die Urheberrechte Konwitschnys nicht achte und die ursprüngliche Fassung nicht wieder herstellen lasse. Albrecht folgte den Auflagen, setzte die Operette bald vom Spielplan ab.

Eigentlich hatte Peter Konwitschny Le Huguenots 2017 der Pariser Opéra Bastille inszenieren sollen, war aber ausgeladen worden. Er konnte sich mit dem Dirigenten Michele Mariotti nicht über Streichungen einigen. Und für Kompromissunfähigkeit in Fragen der Werkauffassung ist der „Regisseur des Jahres 2018“ nun mal bekannt.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Zurückhaltender hatte ich Peter Konwitschny 1951 kennen gelernt: zu den Obliegenheiten meines Vaters Walter Thielemann, damals Stadtteil-Verwaltungsleiter von Leipzig-Schleußig, gehörte es, dem frischen Nationalpreisträger und damaligen Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny zu gratulieren. Ich begleitete damals meinen Vater und so wurde uns auch Franz Konwitschnys artig im Garten spielender Sohn, das 6-jährige Bürschlein Peter,  vorgestellt.

Der Fließband-Schreiber Eugène Scribe (1791-1861) fertigte 1832 für Meyerbeer ein Libretto mit einer fiktiven Handlung um das Geschehen des Massacrede la  Saint-Bartthélemy, der Bartolomäusnacht vom 23. zum 24. August 1572. Er nutzte dabei die Auseinandersetzungen zwischen den vom spanischen Königshaus unterstützten Katholiken mit den calvinistischen  Hugenotten. Katharina von Medici, die Mutter des schwachen Königs, wollte den fragilen Frieden von 1570 stabilisieren und arrangierte am 18. August  1572 eine Hochzeit ihrer katholischen Tochter Marguerite mit dem protestantischen Heinrich von Navarra, dem späteren Henri IV... Zu den vier Tage dauernden Hochzeitsfeierlichkeiten waren mit etwa 3000 Hugenotten auch deren Führer nach Paris gekommen. Ein missglücktes Attentat auf deren Repräsentant Admiral de Coligny verunsicherte die Hugenotten und sie forderten Rache. Vermutlich sah Katharina von Medici ihre Versöhnungsversuche gescheitert und nutzte die Gelegenheit, als alle Hugenottenführer an einem Ort versammelt waren. In der Nacht zum 24. August 1572 ließ sie alle Hugenottenführer umbringen. In dessen Folge begann in den Morgenstunden ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes pogromartiges Gemetzel an allen Hugenotten, derer man habhaft werden konnte.

Die Hugenotten – Making of …
youtube Trailer Semperoper Dresden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Giacomo Meyerbeer war mit der Arbeit Scribes nicht zufrieden und zog den Schriftsteller Émile Deschampsin (1791-1871) zur Anpassung des Textes an seine Erfordernisse  heran. Auch Verse des Gaetano Rossi (1747-1855) wurden im Libretto verwendet.

Die Librettisten folgten bei der Entwicklung der Handlung den historischen Abläufen, die zur Erkenntnis führen, dass gesellschaftliche Konflikte nur durch gesellschaftliche Entwicklungen und nicht mit individuellen Aktivitäten gelöst werden können. Denn erst nach 26 Jahren harter Verhandlungen vor allen von Heinrich IV. wurde mit dem Edikt von Nantes für 87 Jahre ein relativer Religionsfrieden in Frankreich ermöglicht.

Peter Konwitschny hatte seine Inszenierung von Die Hugenotten in der Zeit belassen und die Geschehnisse um die Bartolomäusnacht recht konsequent, soweit ihm das Libretto Spielraum gab mit brillant inszenierten Massenszenen sichtbar gemacht. Wer mit einigem Wissen  über die historischen Ereignisse ins Haus gekommen war, dem wurde begreiflich gemacht, wie sich eine Situation, hier als religiöser Konflikt dargestellt, aufschaukeln kann und zur Katastrophe führen muss.

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Gelungen war die Verlegung des ersten Teils im des zweiten Aktes in eine Badestube, in dessen Verlauf der calvinistische Edelmann Raoul de Nangis von der Königin von Navarra in einer Badewanne verführt wurde. Als glänzenden Regieeinfall fanden wir, dass das bei Meyerbeer in der Mitte des Gemetzels im fünften Akt angeordnete fragende Bassklarinetten-Solo erst am Ende des Geschehens erklingt; mit dem Tod verklingt auch die Musik.

Die Bühnenbild Gestaltung von Johannes Leiacker half der Regie, indem das gesamte Spiel in einer Halle verortet war. Deren Wand-Täfelung wurde mit hellen Bereichen den Protestanten und mit dunklen Vertäfelungen den Katholiken zugewiesen. Gut organisierte Statisten bauten mit wenigen Räumungen die Szene um. Das war handwerklich gekonnt.

Die Dresdner Malerwerkstatt hatte für die Inszenierung einen wunderbar gelungenen Zwischenvorhang gefertigt, welcher da Vincis Abendmahl zeigt, der zwischen den Akten den Parteien vor Augen führte, was sie einen sollte: die gemeinsame Herkunft  von der Lehre Jesus.

Die musikalische Wirkung kam vor allem von den hervorragenden Chorszenen und vom Orchester unter der Leitung des Österreichers mit ungarischen Wurzeln Stefan Soltés. Gesungen wurde recht differenziert: Makellos die Marguerite de Valois der russischen Koloratur-Sopranistin Venera Gimadieva. Jenniver Rowley gab der Valentine den vollen Glanz ihrer Stimme eigentlich erst ab dem vierten Bild in der Szene mit dem Raoul von John Osborn. Von seinem Einsatz hatte man letztlich mehr Glanz erwartet.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Hervorragend war das Kabinett-Stück des Ensemblemitglieds Stepanka Pucalkova  in der Rolle des Pagen. Gute Leistungen, oft an den Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten sind Tilmann Rönnebeck als Graf de St. Bris, John Relyea als Marcel, Christoph  Pohl als Graf de Nevers und Magnus Piontek als Méru. Sabine Brohm durfte sogar direkt in das Auditorium singen.

Die Reaktion des Premierenpublikums blieb differenziert. Die beiden Pausen hatten bereits Lücken in den Sitzreihen verursacht. Ich konnte von meinem Platz um sechs Sitze bis zum Mittelplatz der Reihe sechs rücken. Bei wenigen, offensichtlich unvermeidlichen Buh-Rufen für das Inszenierungs-Kollektiv, gab es herzlichen und auch stehenden Beifall.  Bei einem von Wagner, Mahler, Schostakowitsch und Bruckner verwöhntem Publikum scheint die Musik Meyerbeers vielleicht doch etwas aus der Zeit gefallen ist.

Der gehäufte Szenen-Beifall störte zudem, da er das musikalische Geschehen zusätzlich zerhackte und wenig Fluss aufkommen lies.

Die Hugenotten an der Semperoper; die weiteren Termine 4.7.; 10.7.; 13.7.2019; 15.3.; 18.3.; 21.3.2020

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Würzburg, Mainfranken Theater, Höhepunkte des Spielplans, Januar – Februar 2018

wuerzburg_logo

Mainfrankentheater Würzburg

Mainfranken Theater Würzburg © Nico Manger

Mainfranken Theater Würzburg © Nico Manger

Höhepunkte des Spielplans – Januar und Februar 2018


 Drei Choreografien an einem Abend: Laboratorium Tanz

Das Format Laboratorium Tanz findet auch in der aktuellen Saison seine Fortsetzung. Ab dem 18. Januar werden wieder drei Tanzsequenzen gezeigt, für die Tänzer aus der Ballettcompagnie als Choreografen verantwortlich zeichnen. Cara Hopkins’ Metamorphosis verhandelt das Schicksal eines Menschen, der im falschen Körper gefangen ist. Ihre Choreografie wird durch die live am Klavier gespielte Musik von Paul Child begleitet, der Songs der Kultband Radiohead verarbeitet. Brief, case, eine Arbeit von Alessandro Giovine, betrachtet die menschliche Sehnsucht nach Vollkommenheit und Liebe. Leonam Santos’ Feminae schließlich thematisiert die Rolle der Frau im Wandel der Zeit. Laboratorium Tanz wird nicht nur in der Kammer des Mainfranken Theaters, sondern auch auf der Landesgartenschau Würzburg 2018 zu erleben sein.


Grand Opéra am Mainfranken Theater:  Die Sizilianische Vesper

Mit der Sizilianischen Vesper setzt das Mainfranken Theater die Auseinandersetzung mit der Gattung „Grand Opéra“  fort, die im Oktober 2016 mit Giacomo Meyerbeers Hugenotten begonnen wurde. Im Mainfranken Theater ist Verdis selten zu sehende Historienoper ab dem 20. Januar  in der französischen Originalfassung zu erleben.  Als „Sizilianische Vesper“ wird die Ostern 1282 in Palermo auf Sizilien ausgebrochene Erhebung gegen die französische Herrschaft unter Karl I. bezeichnet.  Für die Würzburger Neuinszenierung zeichnet der in New York geborene US-Amerikaner Matthew Ferraro als Regisseur und Bühnenbildner verantwortlich. Als Herzogin Hélène und Sizilianer Henri kehren Claudia Sorokina und – erstmals überhaupt in einer Verdi-Partie – Uwe Stickert als Gäste ans Mainfranken Theater zurück. Die beiden hatten als Königin Marguerite beziehungsweise Raoul de Nangis das Hugenotten-Ensemble in der vergangenen Saison zu einem Triumph geführt. Als Jean Procida ist erstmals der junge Bass Igor Tsarkov als neues Ensemblemitglied des Mainfranken Theater auf der Bühne des Großen Hauses zu erleben. Einen exklusiven Einblick bereits vor der Premiere bietet am 15. Januar das Format „99 – Die öffentliche Probe“.


Uraufführung an besonderem Aufführungsort:   Magnolienzeit

Das Rechercheprojekt Magnolienzeit des Mainfranken Theaters in der Regie von Tjark Bernau untersucht die Auswirkungen des 16. März 1945 auf die Identitätsbildung der Stadt Würzburg. Die Produktion folgt den verbliebenen Spuren der Zerstörung und befragt unterschiedliche Geschichten des Neubeginns. In Kooperation mit der Universität Würzburg inszeniert das Mainfranken Theater den Stoff ab dem 8. Februar im Max-Stern-Keller, dem historischen Kellergewölbe der Alten Universität.


Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert

Wolfgang Borchert schrieb sein berühmtes Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür  im Spätherbst 1946 in nur wenigen Tagen. Heute gilt es als eines der bedeutendsten Theaterwerke der Nachkriegs-Trümmer-Literatur und feiert auf der Bühne des Mainfranken Theaters Premiere  am  10. Februar. Die Handlung spielt  in Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Unteroffizier Beckmann, 25 Jahre alt, kehrt 1945 mit einem zerschossenen Knie und von Albträumen geplagt in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Er ist verantwortlich für den Tod seiner Untergebenen. Die Stadt liegt in Trümmern, Beckmanns Frau hat einen anderen Mann, und sein einjähriger Sohn ist Opfer eines Bombenangriffs geworden. Auch Beckmanns Selbstmordversuch scheitert, denn die Elbe will ihn nicht: Sie wirft ihn in Blankenese zurück an den Strand. Während er auf verschiedene Vertreter der Nachkriegsgesellschaft trifft, sucht Beckmann weiter vergeblich nach Antworten.


Lesung mit Robert und Angelika Atzorn:  Arthur & Adele

Ein besonderes Highlight kommt mit der Lesung von Angelika und Robert Atzorn am 19. Januar ins Große Haus des Mainfranken Theaters. Das Paar liest  aus einem Briefwechsel und aus detaillierten Tagebucheintragungen einer unbedingten Liebe, die sich – begierig, sehnsüchtig, launisch, abgründig – zwischen dem österreichischen Dramatiker und Arzt ­Arthur Schnitzler (1862 – 1931) und der seinerzeit gefeierten Schauspielerin Adele Sandrock (1863 – 1937) entsponnen hat.


Highlights aus dem Konzertkalender 


Die beliebten Familienkonzerte gehen in die zweite Runde. Am 27. Januar gerät dabei die Märchenwelt aus den Fugen: Mit Musik von Maurice Ravel und Felix Mendelssohn Bartholdy erzählt Das Froschkomplott eine heitere Verwechslungsgeschichte aus der Welt der Märchen.


 3. Sinfoniekonzert 1. – 2. Februar  –  Mozart, Reger, Mendelssohn Bartholdy

Am 10. Februar verspricht das Rathauskonzert ein außergewöhnliches Musikerlebnis im Würzburger Ratssaal. Dieses Gesprächskonzert ermöglicht nicht nur aufgrund de dramaturgischen Begleitung einen intensiven Einblick in die musikalischen Werke. Insbesondere die Innenarchitektur des Saales bietet die besten Voraussetzungen, um den Orchesterklang hautnah zu erleben. Das Publikum sitzt um das Orchester herum, einige Gäste haben sogar die Möglichkeit, zwischen den Musikern Platz zu nehmen und die Musik so aus ihrem Inneren heraus zu erfahren.

Cineasten und Musikliebhaber kommen beim Filmkonzert zu Fritz Langs epischem Meisterwerk Metropolis voll auf ihre Kosten. Während die futuristische Geschichte eine Zweiklassengesellschaft auf Großleinwand gezeigt wird, erklingt aus dem Orchestergraben die originale Filmmusik, live gespielt vom Philharmonischen Orchester – ein Filmgenuss wie in den guten alten Zeiten.


Zum letzten Mal: Dernièren Così fan tutte und Was ihr wollt

Die letzten Gelegenheiten für „eine grandiose Aufführung, in der viele Sonnenstrahlen des Philharmonischen Orchesters und des prächtig harmonierenden Sängersextetts (…) beste Laune hervorzaubern“ (Mannheimer Morgen), bieten sich im Januar, wenn die bei Publikum und Medien gleichermaßen beliebte Inszenierung von Mozarts Così fan tutte letztmals auf dem Spielplan steht (13. und 17. Januar, Dernière am 27. Januar).
Ebenfalls letztmals hebt sich am 18. Februar der Vorhang für das Schauspiel Was ihr wollt  von Shakespeare – eine „herrlich vergnügliche, temporeiche Inszenierung“ (Bayerische Staatszeitung). Im neuen Jahr außerdem noch am 6., 21. und 31. Januar auf dem Programm.


Terminüberblick

99 – Die öffentliche Probe: Die Sizilianische Vesper –>15.1., Premiere: Laboratorium Tanz –>18.1., Lesung: Arthur & Adele mit Angelika und Robert Atzorn –>19.1., Premiere: Die Sizilianische Vesper –>20.1., 2. Familienkonzert: Das Froschkomplott –>27.1., Letztmals: Così fan tutte –> 27.1., 3. Sinfoniekonzert –>1.2. & 2.2.
Uraufführung: Magnolienzeit –>8.2.
Premiere: Draußen vor der Tür –> 10.2.
Rathauskonzert –> 10.2.
Filmkonzert: Fritz  Lang – Metropolis –> 15.2. & 16.2
Letztmals: Was ihr wollt –> 18.2.

—| Pressemeldung Mainfrankentheater Würzburg |—

Essen, Philharmonie Essen, Grand Opera: Diana Damrau – Nicolas Teste, 04.06.2017

Mai 29, 2017 by  
Filed under Konzert, Philharmonie Essen, Pressemeldung

logo_philharmonie_essen

Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / DIANA DAMRAU Diana Damrau © Jürgen Frank

Philharmonie Essen / DIANA DAMRAU Diana Damrau © Jürgen Frank

Grand Opéra:  Diana Damrau und Nicolas Testé

Am Sonntag, 04.06.2017 in der Philharmonie Essen

Im vergangenen Jahr sorgte Diana Damrau in der konzertanten Aufführung von Lucia di Lammermoor für Begeisterungsstürme in der Philharmonie Essen. Jetzt kehrt die gefeierte Sopranistin mit einem ebenso bemerkenswerten Programm zurück: Am Sonntag, 4. Juni 2017, um 17 Uhr präsentiert sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Bassbariton Nicolas Testé, unter dem Titel „Grand Opéra – Belcanto Drammatico“ Werke von Giacomo Meyerbeer, Giuseppe Verdi, Jules Massenet, Richard Wagner, Amilcare Ponchielli und Vincenzo Bellini. Begleitet werden sie vom Orchester PKF – Prague Philharmonia unter der Leitung von Emmanuel Villaume.

Erst vor wenigen Tagen ist das neue Album von Diana Damrau mit einer Auswahl von spektakulären Meyerbeer-Arien erschienen. „Ich tauchte ganz und gar in Meyerbeers Welt ein“, so die Sängerin, „war geradezu erregt von den vielfältigen Möglichkeiten des Stimmeinsatzes, den Orchesterfarben, seinem Theaterinstinkt, von seiner Art, Emotionen zum Ausdruck zu bringen und natürlich von seinen herrlichen Melodien.“ In der Philharmonie wird sie Arien aus Meyerbeers Opern Dinorah ou le pardon de Ploërmel, Emma di Resburgo und Ein Feldlager in Schlesien singen, dazu Arien aus Massenets „Manon“, Verdis „Sizilianischer Vesper“ und Bellinis „I Puritani“. Nicolas Testé wird mit Arien aus Meyerbeers „Hugenotten“, Verdis „Don Carlo“, Massenets „Manon“, Wagners „Fliegendem Holländer“ und Ponchiellis „La Gioconda“ glänzen.

Nachdem mit Le Prophète unlängst zum ersten Mal eine Oper von Giacomo Meyerbeer am Aalto-Theater zu sehen war, darf man sich nun auch in der Philharmonie von den außergewöhnlichen Klängen der französischen Grand Opéra verzaubern lassen. Im 19. Jahrhundert war der 1864 in Paris gestorbene Meyerbeer mit seinen hochdramatischen Stoffen um Glaubenskriege und finstere Verschwörungen die Nummer eins der Opernbühnen – Rivale von Rossini und Wagner. Schon als Studentin, als sie in einer Meyerbeer-Kantate mitwirkte, war Diana Damrau fasziniert von diesem Meister zwischen Berlin und Paris.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Nächste Seite »